Stille Nacht allerseits - Jörg Maurer - E-Book
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Stille Nacht allerseits E-Book

Jörg Maurer

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Beschreibung

Was Sie garantiert noch nicht über Weihnachten wussten – das unersetzliche Geschenk für Erdlinge und Außerirdische Bestsellerautor Jörg Maurer spürt dem Geheimnis von Weihnachten nach. Er entdeckt Alpenländisches und Globales, kuriose Bräuche und erstaunliche Lieder, Heilige Nächte und profane Fakten, besinnliche Verbrechen und zwielichtige Evangelisten. Ob Weihnachtsbaumweitwerfen, kuriose Krippenfiguren oder die schrägsten Einspielungen von "Stille Nacht" - Weihnachten mit Jörg Maurer ist einfach ein Fest!

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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Leseprobe zu:

Jörg Maurer

Stille Nacht allerseits

Was Sie von Weihnachten nie gedacht hätten

FISCHER E-Books

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Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

© S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Inhalt

Ein BriefEvangelisten im NebelFakten, Fakten, FaktenIm KaufhausDie Wucht der AufzählungDie Macht der WiederholungDer Reiz der RekordeKinder zeichnen WeihnachtskugelnVorlesen an WeihnachtenDie vierte WandDas ewige Lied: Stille NachtLehrerkorrekturenStille Nacht – Hitliste der besten EinspielungenWeihnachtskartengrüßeDigitale WeihnachtsgrüßeDer erste bekannte Fall von StalkingWir warten aufs ChristkindDer WeihnachtsmarktWeihnachtsmärkte abseits vom MainstreamZen in der Kunst des GlühweintrinkensWeihnachtsmuffelWie diesjahr die Schneeflocken fallenWeihnachten ironisch feiernWeihnachtsstressWeihnachtsbeleuchtungWeihnachtsgedudelWeihnachten und ModeDas Christkind rät – glückliche Kinderaugen leicht gemachtWeihnachten und KarnevalDie arme Kristýna aus GřcDer Weihnachtsbaum und der ChristklotzPhilosophen schmücken den WeihnachtsbaumSonderbare Orte, um Weihnachten zu feiernGeschenkeHey, SiriMilitärische Operationen an WeihnachtenComputergenerierte BeiträgeDer grantige HirteDie Hirten aus dem HinterhaltDie KrippeKrippen für verschiedene soziologische SchichtenDer vierte HeiligendreikönigLittle Drummer BoyHüllen aus der HölleWeihnachtliche KinderverseFakten, Fakten, FaktenWeihnachtsbäuche aus aller WeltWeihnachten als deutscher ExportschlagerWas SüßesCarquinyolis-Rezept zum NachbackenWeihnachtsgedichteDas Weihnachtsoratorium von BachR.Weihnachten in der MalereiChristmas CrimesKriminelle HaikusWeihnachten in heißen GegendenDie coole HerbergssucheWeihnachten in der LiteraturFakten, Fakten, FaktenErwachsene backen Weihnachtssterne – ein PsychotestAdventskränzeWeihnachtsfilmeDie TodesfalleEin Brief, unter der Tür durchgeschobenDer Dank

Liebe Außerirdische,

 

ihr wollt etwas über die menschliche Kultur erfahren? Prima. Und ihr fangt gleich mal mit den Weihnachtsmythen, Heiligabendbräuchen und Glühweinzutaten an? Guter Plan! Schön finde ich auch, dass ihr ausgerechnet auf mein bescheidenes Weihnachtsbüchlein gestoßen seid. Liebe fremde Lebensformen, wo ihr auch immer sitzt und wie ihr auch immer ausseht, so viel will ich euch gleich verraten: Es gibt noch einige andere Bücher über Weihnachten. Tausende. Millionen. Fast jeder in unserer menschlichen Zivilisation, der halbwegs schreiben kann, hat sich in einem Buch dazu geäußert. Ein gewisser Markus war der Erste, seine Geschichte wurde der Bestseller der Antike, und dann ging es zweitausend Jahre lang Schlag auf Schlag. Ein Ende ist nicht abzusehen, denn gerade das Internet-Zeitalter hat den X-mas-Hype wieder in Schwung gebracht, nachdem das beschauliche Fest in den Siebzigern und Achtzigern des vorigen Jahrhunderts in schweren Spießerverdacht geraten war.

 

Liebe fremde Lebensformen, hofft bitte nicht darauf, den Mythos Weihnachten durch die Lektüre dieses Büchleins voll und ganz zu verstehen. Weihnachten ist nicht dazu da, um es zu verstehen. Das wäre geradezu das Ende von Weihnachten. Andersrum wird ein plätzchengefüllter Stiefel draus: Das Unerklärliche und Nebulöse ist ihm eigen, wie der Sonnenbrand und das Erdbeereis dem Juni.

 

Viel Spaß beim Erforschen, Verirren und Entdecken!

Evangelisten im Nebel

O Weihnacht! Weihnacht!

Höchste Feier!

Wir fassen ihre Wonne nicht,

sie hüllt in ihre heil’gen Schleier

das seligste Geheimnis dicht.

(Nikolaus Lenau, 1802–1850)

Der Mensch liebt ihn nun mal, den undurchdringlichen Nebel. Im Fall von Christi Geburt gehen die geheimnisvollen Unbestimmtheiten schon mit den ersten Aufzeichnungen los. Das bekannte Weihnachtsevangelium von Lukas beginnt mit den oft rezitierten Worten:

»Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging …«

Aber kann man Lukas’ Aufzeichnungen über den Weg trauen? Er ist der unbelegteste Kandidat in dem ohnehin schon schemenhaften Evangelisten-Quartett. Seine Biographie ist so löchrig wie die Bretterwand des Stalls von Bethlehem. Der Eintrag im Heiligenlexikon lautet dementsprechend:

Lukas (vielleicht auch Lucanus), zweiter (nach anderen Forschungen: dritter) Evangelist, hatte vermutlich griechische Wurzeln, sein Geburtsort soll Antiocha in Syrien (heute Antakya in der Türkei) gewesen sein. Man nimmt an, dass er zwischen 10 v. Chr. und 15 n. Chr. geboren wurde, die Identität mit dem Begleiter von Paulus gleichen Namens ist umstritten. Eine Legende erzählt, dass er um 80 n. Chr. in Theben gestorben ist, er war vermutlich Arzt, einige medizinische Fachausdrücke sprechen dafür. Sein Märtyrertod ist ungesichert, wird jedoch immer wieder gern beschrieben.

Oder, in griffig-nebeliger Kurzform:

Lukas (Lucanus?), zweiter (dritter?) Evangelist von griech. (?), cypr. (??) oder indischer (???) Abstammung. Arzt (?), Begleiter von Paulus (??). Geb. zw. 10 v. Chr. und 15 n. Chr. in Antiocha (?), gest. um 80 n. Chr. im ägypt. Theben (?) als Märtyrer (?).

Man sieht: Wenn ein Mythos dauerhaft sein soll, muss er wohl auf jeden Fall eine unklare Basis haben. Nur zum Vergleich der biographische Lexikoneintrag eines anderen Sinnstifters:

Karl Marx, geboren am 5. Mai 1818 um 2:00 Uhr in Trier, Stadtteil Mitte-Gartenfeld, Brückenstraße 10(heute Karl-Marx-Straße), Querstraßen: Jüdemerstraße und Lorenz-Kellner-Straße, als drittes Kind des Anwaltes Heinrich Heschel …

So funktioniert es eben nicht! Die Ideologie dieses anderen Schwärmers musste ja zum Scheitern verurteilt sein! Denn je widersprüchlicher und unhaltbarer die Grundlagen sind, desto weniger werden sie in Frage gestellt. Gerade Phantastereien und steile Thesen locken das Publikum an. Gewissenhafte historische Forschungen hingegen, die beispielsweise zum Ergebnis kommen, dass Jesus nie in Bethlehem gewesen sein kann und Weihnachten eigentlich im Sommer gefeiert werden müsste, interessieren deshalb kaum jemanden. Die Antworten auf diese Fragen sind so enttäuschend, wie wenn man erfährt, wie ein Zaubertrick funktioniert.

 

Vielleicht musste die vor zweitausend Jahren gültige römische Staatsreligion auch deswegen der christlichen weichen. Zeus, Hera & Co. traten einfach zu erkennbar menschlich auf. Jeder der Götter war für einen klar abgegrenzten Bereich zuständig – wie unmystisch. Sie hatten ihre Schwächen – wie unheroisch. Hätten sich die griechisch-römischen Göttervorstellungen in Mitteleuropa gehalten, würden heutzutage Blitze statt Bergkreuzen auf den Gipfeln blinken. Und statt der Kirchen hätten wir zugige Göttertempel mit Bodenfliesen aus Blutwurstmarmor. Die Weihnachtskrippen allerdings würden vielleicht ähnlich aussehen, denn die Parallelen zu Chr. Geburt sind durchaus auffällig: Zeus’ Mutter Rhea (Ressort: Behaglichkeit, Fruchtbarkeit) bringt das Götterbaby Zeus in einer Höhle zur Welt, da es sein Vater Kronos (Ressort: Zeitmanagement) aufzufressen droht. Rhea gibt Kronos anstatt des Säuglings einen in eine Windel gewickelten Stein, den Kronos verschlingt. – Aber all das ist bekanntlich nicht so gelaufen, wir feiern nun mal unser christliches Weihnachten, diese neblige Mischveranstaltung, basierend auf unklaren Quellenlagen, ungesicherten Eckdaten und kaum zu haltenden Voraussetzungen. Herrlich!

Fakten, Fakten, Fakten

Trotzdem finden sich in all dem Nebel einige knallharte Fakten rund um Weihnachten:

Das Stichwort ›Weihnachten‹ bringt bei Google 94 Millionen Ergebnisse, ›Ostern‹ lediglich 39 Millionen. Dabei ist doch eine Wiederauferstehung viel ungewöhnlicher als eine Geburt!

In Somalia und Tadschikistan ist es aus religiösen Gründen gesetzlich verboten, Weihnachten zu feiern. In Brunei kann es sogar bis zu fünf Jahre Gefängnis für festliche Weihnachtsdekorationen und das Singen von Weihnachtsliedern geben.

Die Geburt Jesu wird von der Forschung fast übereinstimmend zwischen 7 und 4 v. Chr. angesetzt. Wir leben demzufolge also schon über zweitausend Jahre in einem postfaktischen Zeitalter.

In Puccinis Oper La Bohème, deren Handlung größtenteils am Heiligabend spielt, wird kein einziges Weihnachtslied gesungen.

Der Verein Deutsche Sprache (VDS) hat den Begriff »X-mas« 2008 zum »überflüssigsten und nervigsten Wort des Jahres« gewählt. Der Anglizismus stehe »in Deutschland im krassen Gegensatz zu allem, was man mit Weihnachten verbindet: Gemütlichkeit, deutsche Weihnachtstraditionen, Romantik, Christlichkeit«.

»O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter« war ursprünglich ein Liebeslied. Es begann mit den Zeilen »O Mägdelein, o Mägdelein, wie falsch ist dein Gemüte!«

Fußballfans merken sich die 4 Evangelisten folgendermaßen: Lukas Podolski, Johannes B. Kerner, Markus Babbel, Lothar Matthäus.

[...]

Der Reiz der Rekorde

Der dänische »Heissihønd«-Stand provoziert am Weihnachtsmarkt in Zürich: Hier gibts einen Hotdog für schlappe 250 Franken. Er enthält ein 80 g-Kobe-Rindfleisch-Würstchen, weißen Alba Trüffel und persischen Safran, dazu gibt es einen winzigen Schluck Cristal-Roederer-Champagner – alles nur auf Bestellung.

Die schnellste Tannenbaumfällerin der Welt ist Erin Lavoie aus den USA. Sie schaffte 27 Stück in nur zwei Minuten. Seit 2008 hält sie den Weltrekord.

Die Weihnachtstanne mit dem teuersten Baumschmuck im Wert von 11026900 US-Dollar steht in einem Hotelfoyer in Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate. Die Tanne ist behängt mit Brillant-Uhren, echten Perlen und Schmuck aus Gold, Edelsteinen und Diamanten. Überraschenderweise ist das Ganze lediglich mit einer schlichten roten Kordel abgesperrt.

Am 19.12.2015 formierten sich in Indien 4030 Teilnehmer zum größten menschlichen Christbaum.

Ebenfalls in Indien, in Kochi, wächst der größte Weihnachtsstern. Im Jahr 2009 war die Pflanze 36,59 Meter hoch und 4200 Kilogramm schwer. Viel Spaß beim Gießen.

Die wertvollste Weihnachtskarte der Welt wurde 2001 für 28000 US-Dollar auf einer Auktion verkauft. Sie ist eine von den ersten gedruckten Weihnachtskarten aus dem Jahre 1843, es gibt noch elf weitere.

Die Weltmeisterschaft im Weihnachtsbaum-Werfen fand 2016 nun schon zum elften Mal im pfälzischen Weidenthal statt. Geworfen wird mit 1,50 Meter hohen Fichten, nach Angaben der Organisatoren traten über 80 Amateursportler an. Es gab drei Disziplinen. Die Teilnehmer mussten die Fichten wie einen Speer werfen, wie einen Hammer schleudern und in der Hochsprunganlage über die Latte bringen. Als offizielles Dopingmittel war Glühwein erlaubt.

Das tiefste »Ho! Ho! Ho!« wurde von dem Briten James Gover gebrummt, die Guinness-Schiedsrichter maßen 62,81 Hertz. Hochachtung.

Kinder zeichnen Weihnachtskugeln

Zur Entspannung nach so vielen Fakten lassen wir Kinder Weihnachtskugeln zeichnen und deuten die frappierenden Ergebnisse. Die spontanen Kritzeleien ergeben tiefe Einblicke in die Seelen der Zwei- bis Vierjährigen. Die meisten zeichnen folgende Kugeln:

Das sind brave, ausgeglichene Kinder. Sind sie etwas lebhafter, können die Zeichnungen natürlich auch wilder ausfallen. Hier die Skizze eines gesunden, nach allen Seiten hin offenen Rabauken:

Unter den vielen gesichteten Zeichnungen fallen jedoch einige besondere auf. Sie sind von Kindern mit kleinen, liebenswerten Macken. Hier die außergewöhnlichsten:

Nachdenkliches Kind

Angeber

Außenseiter

Trotzphase

Kind mit neuer Graphikkarte

Kind mit geringem Selbstwertgefühl

Kubist

Missverständnis des Wortes »Weihnachtskugel«

Vorlesen an Weihnachten

Buchhändler schwärmen gerne von ihren himmelhohen Dezemberumsätzen, die die des ganzen übrigen Jahres mehrfach übersteigen. Weihnachtszeiten und Vorweihnachtszeiten sind jedenfalls Lese- und Vorlesezeiten, wobei das Vorlesen im trauten Kreis der Lieben vermutlich nur noch rudimentär gepflegt wird. Wenn, dann auf vornehmer Ebene, etwa im großbürgerlichen Milieu der Familie Buddenbrook von Thomas Mann. Dort übernimmt das die altehrwürdige Konsulin.

»Sie rückte die Lampe zurecht und zog die große Bibel heran, deren altersbleiche Goldschnittfläche ungeheuerlich breit war. Dann schob sie die Brille auf die Nase, öffnete die beiden ledernen Spangen, mit denen das kolossale Buch geschlossen war, schlug dort auf, wo das Zeichen lag, daß das dicke, rauhe, gelbliche Papier mit übergroßem Druck zum Vorschein kam, nahm einen Schluck Zuckerwasser und begann, das Weihnachtskapitel zu lesen.

Sie las die altvertrauten Worte langsam und mit einfacher, zu Herzen gehender Betonung, mit einer Stimme, die sich klar, bewegt und heiter von der andächtigen Stille abhob.«

Wenn es noch eine Stufe drüber sein darf: Die englische Königsfamilie hält sich zum Beispiel immer noch einen »Royal Reader«. Der Name des aktuellen ist schwer zu ermitteln, der bekannteste historische war jedenfalls ein gewisser Jean André Deluc, ab 1774 Vorleser am englischen Königshaus, bei der damaligen Königin von England, Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz. Aber was liest so ein Royal Reader bei Königs an nasskalten Dezemberwochenenden vor? Schlägt er die handgeschöpfte King James Bible von 1611 auf und zelebriert mit zitternder Stimme die Weihnachtsgeschichte:

»And she brought forth her firstborn son, and wrapped him in swaddling clothes, and laid him in a manger; because there was no room for them in the inn …«

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass der erste Royal Reader niemand anderer war als William Shakespeare, der zwischen 1568 und 1572 Queen Elisabeth I. vorgelesen hat, natürlich selbst verfertigte, für die Tudors maßgeschneiderte Weihnachtsgeschichten:

THE CARPENTER OF GALILEE

Kripp’ oder Herberg’, das ist hier die Frage!

Ist’s edler im Gemüt, noch weiter an die Tür’n  zu klopfen

und hinter ihnen grimme Herbergsleut’ zu schauen,

die, aus dem Schlaf geweckt, nur murmeln,

dass heut’ kein Lager frei; dass man bis Ostern  ausgebucht bis in die kleinste Besenkammer sei!

Oder soll man dort in dieser Krippe nächt’gen,

die unter Tags dem Feldgetiere Nahrung bietet?

Soll man so künft’ge Leser der Geschichte

schaudern machen beim Gedanken,

dass mancher Strohhalm, den der Ochs verschmähte,

das nackte Hinterteil des Jesukindleins piekst?

Da denkt der weise Joseph, ’s wär wohl besser,

wenn Herbergsgäste spät’rer Zeiten auf jeden Fall

im Nachttisch des Hotels die Krippen-Variante läsen.

Und denken: »Hier schläft sich’s besser als im Stall –

trotz Straßenlärms und hoher Zimmerspesen!«

Auch an deutschen Schulen wird durchaus noch aus leibhaftigen Büchern vorgelesen, etwa in der lange herbeigesehnten letzten Schulstunde vor den Weihnachtsferien. Gerade Deutschlehrer entlassen die Wissbegierigen gerne mit etwas heimischer Literatur in die Vakanz. Der Text will allerdings gut ausgewählt sein, sollte er doch mit einer erkennbaren Pointe abschließen und, ganz wichtig, genau eine Dreiviertelstunde dauern. Ein kürzerer Text zwingt Lehrer wie Schüler zu Reflexionen des Vorgelesenen, was wiederum zu einer Art Deutschunterricht führt, und das wollen ja beide Seiten nicht. Kürzt der Lehrer einen längeren Text wiederum auf Schulstundenlänge, fällt das immer mindestens einem Schlaumeier unter den Schülern auf, und die vorweihnachtliche Stimmung ist dahin. Leider gibt es in der ganzen deutschen Literaturgeschichte, von den Merseburger Zaubersprüchen bis zu Judith Herrmanns Prenzlauer Beschwörungen, keine einzige Erzählung, die genau eine Dreiviertelstunde dauert! Dabei ist die Schulstundenlänge eine Universalie. Alles Wichtige auf dieser Welt dauert 45 Minuten. Die entscheidende Halbzeit eines Fußballspiels. Ein Gespräch über das Wesentliche. Die tödliche Wirkdauer des Gifts der australischen Würfelqualle. Zentrale Bibelstellen wiederum sind von frappierender Kürze:

»Und sie gebar ihren ersten Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil nicht Platz für sie war in der Herberge.«

(Lesedauer: 11 Sekunden)

Mehr ist nicht. Diese drei Zeilen im Lukasevangelium sind die Grundlage für sämtliche Krippenspiele, Heilige-Nacht-Gemälde und Weihnachtsoratorien. Manchmal hat man allerdings das Bedürfnis, solche knappen Skizzen etwas genauer auszuschildern. Und das sieht dann so aus:

 

Die vierte Wand

»Was tust du denn da?«, fragte Maria.

»Ich suche einen Nagel«, antwortete Josef.

»Einen Nagel wofür?«

»Na, wofür wohl. Um meine Jacke aufzuhängen!«

»Dann kannst du meinen edlen, blauen Umhang auch gleich mit dazu hängen«, sagte Maria. »Es ist wirklich ein Wunder, dass er den ganzen Weg von Galiläa bis hierher nicht schmutzig geworden ist.«

Josef hatte nicht zugehört.

»Verflucht, kein Nagel«, murrte er. »Nicht einmal ein vorstehender Ast.«

Er suchte die Hinterwand des Stalls ab, und selbst die Tür, durch die sie gekommen waren, wies keinen Haken auf. Die Seitenwand bestand aus glatten, dicht aneinandergefügten Brettern. Doch Josef gab nicht auf.

»Das ist ja komisch«, sagte er schließlich. »Schau mal: Hier vorn ist gar keine Wand, hier gehts einfach ins Freie.«

Das Kind schlief hinten in der Krippe, Maria trat nach vorn zu Josef.

»Tatsächlich. Die Krippe hat nur drei Wände. Darum zieht es hier auch so.«

Sie blickten hinaus in die Nacht. Sterne glitzerten am Himmel, sie hatten die Form eines großen Tannenbaumes.

Und dann der Schock. In einiger Entfernung war ein Tisch aufgebaut, an dem vier Riesen saßen, die sich über eine gigantische gebratene Gans hermachten.

»Frohe Weihnachten!«, rief einer der gutgelaunten Riesen, und seine Stimme ließ den Boden, auf dem Maria und Josef standen, erzittern.

»Wir müssen hier sofort weg«, flüsterte Maria. »Am besten, wir springen da runter.«

Sie sprangen. In den Abgrund. Ins Ungewisse. Sie fielen weich. In ein riesiges Paket, in dem Seidenpapier aufgestapelt war.

»Geschafft«, sagte Josef, nachdem er sich aufgerappelt hatte.

Sie blickten sich an. Und abermals breitete sich Entsetzen in ihren Gesichtern aus.

»Wir haben das Kind vergessen!«, flüsterte Josef.

»Ach was«, winkte Maria ab. »Es ist doch nur aus Holz.«

Auf Josefs Miene erschien ein bitterer Zug.

»Ja, das mag wohl stimmen«, stieß er endlich gepresst hervor. »Aber wie lange ich daran herumgeschnitzt habe!«

[...]

Stille Nacht – Hitliste der besten Einspielungen

Es ist nun einmal das Lied, das einem ständig in den Ohren klingt, sobald das letzte Blatt Herbstlaub gefallen ist. Hätte der Komponist Franz Xaver Gruber das Werk übrigens 1818 regulär bei der GEMA angemeldet, hätte er heute so viele Tantiemen auf dem Konto, dass er ganz Österreich mit einer sieben Zentimeter dicken Goldschicht versiegeln könnte. (Quelle: Tarifrechner Online der GEMA) Am bekanntesten sind hierzulande die Weichspüler-Fassungen von Elvis Presley und den üblichen Knabenchören. Einige besondere Einspielungen, die etwas aus dem Rahmen fallen, seien hier ausgeführt, der Anspruch auf Vollständigkeit ist natürlich in diesem Fall absurd.

 

Die Toten Hosen haben 2001 eine Punk-Version improvisiert, charmant sind die Texthänger am Anfang, dann wird es ziemlich garagig. Das könnte euch gefallen, liebe Aliens. (Ich frage mich, ob ihr eigentlich auch Lieder habt? Musik? Tanz und Gesang? Die Kastelruther Spatzen? Oder eher Punk? Ja? Das würde ich gerne einmal hören.)

 

Als die erste bekannte Einspielung auf Tonträger gilt die Schellack-Aufnahme vom Haydn Quartet aus dem Jahr 1905. Die amerikanische Männergesangsgruppe schmettert »Silent night, hallowed night« (nicht das ordinäre holy night) im Barbershop-Stil, das obligatorische Plattenkratzen beamt einen gut hundert Jahre zurück.

 

Hörenswert ist auch die historische Aufnahme der Austro-Amerikanerin und Kontraaltistin Ernestine Schumann-Heink, die das Lied 1911 auf Deutsch eingesungen hat. Man lache nicht über die Gesangstechnik von damals, auch ein kitschig bremsendes Rubato »Schlaf in himmlischer Ru-huuuuu – – –« ist wohl dem Geschmack der Zeit geschuldet. Am 21.12.1935 hat sie es in gereiftem Alter noch einmal eingesungen, es ist die letzte große Aufnahme vor ihrem Tod 1936.

 

Die gefühlvollste A-capella-Interpretation ist sicherlich die von den Comedian Harmonists, aufgenommen in Berlin am 12. September 1932. Mit Ari Leschnikoff (samtweicher 1. Tenor), Erich Abraham-Collin (stählerner 2. Tenor), Harry Frommermann (Gründer und 3. Tenor), Roman Cycowski (turnhallenfüllender Bariton) und Robert Biberti (vollfetter, rabenschwarzer Bass). Begleitet werden die fünf von einem Tanzorchester, zum Schluss gibts auch noch Kirchenglocken. Wer da nicht weint, hat keine Salzdrüse.

 

Der deutsche Schauspieler Wolfgang Kieling (1924–1985, Vater von Susanne Uhlen) hat das Lied 1938 als vierzehnjähriger Kinderstar gesungen. Die Nazi-Propaganda feierte die »schönste Knabenstimme Europas«. Elf Jahre später, vier Jahre nach Kriegsende, kehrte Kieling als junger Mann aus russischer Gefangenschaft heim.

 

Manche behaupten ja, nur die Gospelsängerin Mahalia Jackson brächte die echte Soul-to-Soul-Christmas-Stimmung ins Haus: Die Interpretation von 1961 ist kathedralisch, ekstatisch, mitreißend. Sie beißt in das Lied wie in eine Hostie, kaut darauf herum und genießt Ton für Ton.

 

Oder wie wäre es mit einem der vielen Techno-Club-Mixes? Stellvertretend sei vielleicht die von Daniel Gaiswinkler erwähnt: »Silent Night Techno / Dubstep by Gaiswinkler-Live.« So stellt man sich Weihnachten bei einer Raverfamilie vor. Bummbumm, utz, utz, whamp, whamp, Vater und Sohn unterhalten sich derweilen über den Unterschied zwischen Detroit House, Goa Trance Style und Industrial Techno. Was wird wohl bei den Technos auf dem Gabentisch liegen? Bunte Smarties? Neue Reglerknöpfe und Drumcomputer? Grüne Schallplatten, Synthesizer und Trillerpfeifen? Jedenfalls viel Bummbumm, utz, utz, whamp, whamp die ganze Stille Nacht.

 

Ein Blick ins Nachbarland: Mireille Mathieu singt »Douce nuit« zusammen mit einem Jungen. Da schnarrt das »dorrrrrrrmire«, es klingt wie »non, je ne regrette rrrrrien« von Édith Piaf.

 

Freddy Quinn kennt man eher mit seinem »Junge, komm bald wieder«. Stille Nacht singt er genauso sehnsuchtsvoll-salzig, wie es sich eben für einen Wahl-Hamburger (das sind die echtesten) gehört. Ein Seemannslied ist jedenfalls nicht weit: »Alles schleuft« bei ihm. Seinen Gesang umrahmt ein Engelschor. Oder sind es Elbnixen?

 

Destiny’s Child (mit der jungen Beyoncé) nimmt Silent Night musikalisch richtig auseinander: Permanente, unverhoffte Tonartwechsel, plötzliche, kalt schauernde Rückungen ins musikalische Niemandsland. Gut zum Anhören, schwer zum Mitsingen.

 

Der Schweizer Komponist Arthur Honegger (1892–1955) hat das Lied neben vielen anderen bekannten Weihnachtsliedern in seine 1953 entstandene »Cantate de Noël« eingeschmuggelt. Der Wohlklang des »ewigen Liedes« scheint sich hier gegen die Misstöne der Welt durchzusetzen. In der Realität klappt das allerdings nicht immer.

 

Der Musikkritiker Daniel Durchholz empfand die Stimme von Tom Waits, »als wäre sie in einem Fass Bourbon getränkt, einige Monate in die Räucherkammer gehängt, dann nach draußen gebracht und mehrmals mit dem Auto überfahren worden«. Tom Waits grummelt, knurrt und zersägt Silent Night in seine Bestandteile. Hierzu passen abgewrackte Nikoläuse, der Weihnachtsbaum vom Vorjahr und eine Weihnachtsbowle mit viel Wermut.

[...]

Der Weihnachtsmarkt

Der eine kauft ein bescheidnes Gewächs

Zu überreichen Geschenken,

Der andre einen gewaltigen Strauch,

Drei Nüssen daran zu henken.

(Gottfried Keller, »Weihnachtsmarkt«)

Die alljährliche Klage über die enge Verbindung von Gefühl und Geschäft ist groß. Dabei ist gerade der Weihnachtsmarkt der älteste Brauch unter all den adventlichen Bräuchen. Man könnte fast sagen: Erst war das Geschäft, dann kamen die leuchtenden Kinderaugen und die innere Einkehr dazu. Die folgende historische Auszugsliste zeigt es:

 

1969: Weihnachtsbriefmarke

1952: Weihnachtsgeld

1931: Weihnachtsmann

1851: Adventskalender

1843: Weihnachtspostkarte

1839: Adventskranz

1834: Glühwein

1830: Christbaumkugeln

1777: Weihnachtsinseln (von Cook entdeckt)

Und auf dem Siegertreppchen steht …

1310: Weihnachtsmarkt (Niklausmarkt in München, erstmals erwähnt)

Also, was soll das ewige Trara um die Kommerzialisierung? Bei Weihnachten ging es von Anfang an um nichts anderes als die klingende Münze. Der eigentliche Weihnachtsmarkt ist aus dem mittelalterlichen Bauernmarkt entstanden, der der ländlichen Bevölkerung Gelegenheit gab, sich für die kalte Jahreszeit mit Lebensmitteln und anderem winterlichen Bedarf einzudecken. Im 14. Jahrhundert wurde Handwerkern, Spielzeugmachern und Korbflechtern erlaubt, Geschenke für Kinder anzubieten. Ab dieser Zeit trat der Weihnachtsmarkt (auch »Glühmarkt« genannt) seinen Siegeszug auf den deutschen Marktplätzen und Fußgängerzonen an.

 

Und das Geschäft läuft bis heute sehr gut. Die Berliner Zeitung schreibt: »Die Wachstumsraten von Weihnachtsmärkten muten schier chinesisch an. Nach einer Studie der IFT Freizeit- und Tourismusberatung wurden 2012 auf Deutschlands Weihnachtsmärkten 85 Millionen Besucher gezählt. Das sind 70 Prozent mehr als im Jahr 2000.« Nach und nach werden auch andere locations für Weihnachtsmärkte genutzt: Bergwerke, große Weinkeller, Glockengießereien, Innenhöfe von Burgen, Schlössern und Freilichtmuseen. Auf den Markt drängen auch – ei, der Daus! – Mittelaltermärkte und – God help us – Victorian Christmas Markets.

 

Liebe Außerirdische, gibt es bei euch schon Exkursionen und Pauschalangebote für terrestrische Weihnachtsmärkte? Das ist die Marktlücke! Hier eine Auswahl unserer ausgefuchstesten Rummelplätze der Gemütlichkeit.

Weihnachtsmärkte abseits vom Mainstream

Santa-Pauli-Markt, Hamburgs »geilster Weihnachtsmarkt«, mit Strip-Zelt und Verkauf von Sexspielzeug. Hier stimmt endlich das Wortspiel (be)sinnliche Weihnachten.

Pink Christmas, schwul-lesbischer Weihnachtsmarkt im Münchner Glockenbachviertel, standesgemäß sind dort alle Buden pinkfarben. Umrahmt von Bühnenshows, Travestie und Gesang. Ein besonderes Highlight sind immer die Eröffnungen: 2016 zum Beispiel mit dem Münchner Oberbürgermeister, der schrillen Entertainerin Gloria Gray und Uschi Glas – gute Zusammenstellung.

Deutschlands höchster Weihnachtsmarkt ist der Christkindlmarkt auf der Zugspitze. Vermutlich ist es auch der kleinste Markt (4 Buden), dafür ist das Panorama recht ordentlich – an klaren Tagen reicht der Blick 250 Kilometer weit.

Veganer Markt in Hannover am Steintorplatz, der erste seiner Art.

Unterirdischer Weihnachtsmarkt in Traben-Trarbach. Unter der Weinstadt an der Mosel gibt es 22 Kilometer Gewölbekeller, die in der Adventszeit für den »Wein-Nachts-Keller« umgerüstet werden.

Der märchenhafte Waldweihnachtsmarkt in Velen. Mitten im Gehölz beleuchten ihn eine Million Lämpchen.

Das finnische Weihnachtsdorf in Hannover lockt mit echten Lappenzelten (»Kota«). Hier kann man am Lagerfeuer gemütlich zusammensitzen und finnische Spezialitäten genießen: Flammlachse, Rentierwürstchen und Glögi. Einer der abwechslungsreichsten Märkte.

Weihnachtsmarkt in der Ravennaschlucht (Hochschwarzwald). Kleiner, wildromantischer Markt, eingerahmt von steilen, bewaldeten Hügeln, vom 40 Meter hohen Höllentalbahn-Viadukt überwölbt.

Weihnachtsmarkt in der Fluweelengrotte, in der Nähe von Maastricht, Holland. Ein einstiger Steinbruch, mit Wandmalereien und einer unterirdischen Kapelle aus dem 18. Jahrhundert. Stimmungsvoll.

»Weihnachtsmarkt der Wünsche« auf der Leuchtenburg in der Nähe des Porzellan-Städtchens Kahla, Thüringen. Ein Polterabend zur Weihnachtszeit: Man kann Wünsche auf Porzellanteller schreiben, die dann in die Tiefe geworfen werden.

Biedermeier-Weihnachtsmarkt in Werben, Sachsen-Anhalt. Eine Zeitreise ohne Strom, nur mit Kerzen und Petroleumlampen. Besucher kommen gern in Biedermeierkleidung.

Mit viel Strom: Vor dem bunt beleuchteten Schloss Salder bei Salzgitter steigt das Rock ’n’ Roll Christmas Concert. Mit Spielzeugbörse.

Anti-Weihnachtsmarkt: »Holy Shit Shopping«. Ein Tourneemarkt, der in Berlin, Hamburg, Köln und Stuttgart ungewöhnliche Locations in »Pop-up-Kreativhäuser« verwandelt. Verrückte Produkte zu fetzigem Beat.

[...]

Die Krippe

Gegen keines der zehn mosaischen Gebote wird so sorglos und oft verstoßen wie gegen das zweite, das da lautet:

»Du sollst dir kein Bild machen von unserem Herrn und Gott.«

Was wären aber die großen Künstler des Mittelalters, der Renaissance und des Barock ohne ihre prächtigen Darstellungen Gottes, des Schöpfers, des alten Mannes im weißen Bart? Michelangelo hat gegen das zweite Gebot hundertmal verstoßen, man denke nur an die »Erschaffung Adams« oder an die »Pietà«, aber auch alle anderen Deckenfreskenmaler, Bildhauer und Herrgottschnitzer hatten wohl eine ziemlich klare Vorstellung, wie Gott aussieht, wo er wohnt und welche Kleidung er trägt.

 

Dabei gibt es mehrere Bibelstellen, die sich mit dem Bilderverbot beschäftigen, und sie sind gar nicht so ungenau:

»Macht euch kein Gottesbildnis, das irgendetwas darstellt, keine Statue, kein Abbild eines männlichen oder weiblichen Wesens, kein Abbild irgendeines Tiers, das auf der Erde lebt, kein Abbild irgendeines gefiederten Vogels, der am Himmel fliegt, kein Abbild irgendeines Tiers, das am Boden kriecht, und kein Abbild irgendeines Meerestieres im Wasser unter der Erde.«

(5. Moses, 4.15)

Die Stellung des Christentums zum Abbildungsverbot war ambivalent. In dem ersten großen Bilderstreit von 726 bis 842 siegten die Abbildungsbefürworter, und die christliche Kunst nahm einen enormen Aufschwung. Die Reformation brachte den zweiten großen Bilderstreit, von 1522 bis 1566 wurden in weiten Teilen Europas Bilder, Reliefs und Statuen aus den Kirchen entfernt, oft auch gewaltsam. Im 19. Jahrhundert war das Verbot jedoch so aufgeweicht, dass es eigentlich keiner mehr ernst nahm. Nur sehr strenge Puristen wetterten zum Beispiel dagegen, Weihnachtskrippen aufzubauen, um dort heilige und göttliche Pappmachéfiguren hineinzustellen.

 

Im Bayrischen Nationalmuseum in München wird eine der weltweit größten und wertvollsten Krippensammlungen gezeigt. Da wird es besonders deutlich: Beim Krippenbau und in der Krippenkunst sind Dramatik und theatralischer Pathos gefragt. Zu den berühmtesten Krippen zählen bis heute neben den alpenländischen die neapolitanischen Krippen, die ausdrucksstarken Gesichter dort erinnern an die Masken der italienischen Commedia dell’arte. Ein Beispiel ist Max Schmederers Krippe »Straße in Neapel mit Marktszenen«, ein dreidimensionales Wimmelbild mit lebensecht geformten Verkäufern und Kunden, herumstreunenden Tieren und üppigem Warenangebot. Ein anderes Beispiel ist die Krippe »Anbetung der Könige in einem Marmorpalast« (verschiedene Meister), in der im Tross der Heiligen Drei Könige eine ganze Blaskapelle mit vierzig Musikanten aufmarschiert. Die Szene der Geburt Christi wird also oft in äußerst prächtige und detailreiche Straßen- und Marktszenen eingebettet, so dass die Darstellung der Geburt oft nur noch Nebensache scheint. Im Barock wurden auch in Österreich und Süddeutschland viele Krippen nach neapolitanischem Vorbild geschaffen.

 

Doch ab und zu machte man sich doch wieder Gedanken wegen des zweiten Gebots. Unter Kaiserin Maria Theresia und Joseph II. wurden Weihnachtskrippen durch mehrere Verbote aus den öffentlichen Gebäuden, also vor allem aus den Kirchen, verbannt. Ein ähnliches Verbot erließ Erzbischof Hieronymus Franz Josef von Colloredo-Mannsfeld am 22. November 1784 für das Fürstbistum Salzburg. Gerade dadurch erhielten die Weihnachtskrippen aber triumphalen Einzug in den privaten Bereich. Dies blieb so, auch nachdem die Verbote aufgehoben wurden.

 

Zum üblichen Personal kommen reichlich Nebenfiguren, zum Beispiel der Verkündigungsengel, das Gefolge der Heiligen Drei Könige oder die Familien der Hirten. Doch daneben tauchen auch manchmal recht eigenartige Figuren auf. Da ist etwa der »Nickneger«, der bis vor zwanzig Jahren noch in den Kirchenkrippen aufgestellt wurde. Es war eine Sarotti-Mohr-ähnliche Figur mit Turban und übergroßen Augen. Warf man eine Münze in das Kästchen vor dem NN, dann beugte er mehrmals dankend den Kopf. Das ist natürlich inzwischen nicht mehr akzeptabel, deswegen vergammeln jetzt die ausgedienten NN’s auf den Speichern der Pfarrhäuser, und nur einmal im Jahr, wenn der Mesner hinaufsteigt und die anderen Figuren auspackt und mit hinunter nimmt, nickt der zurückbleibende ehemalige Spendeneintreiber traurig, weil er weiß, dass es jetzt ein ganzes Jahr wieder nichts zu nicken gibt.

 

Eine nicht weniger anstößige Krippenfigur kommt wiederum aus Katalonien. Es ist der »Caganer« – was »cagar« im Katalanischen bedeutet, wissen wir ja schon. Das »Scheißerle« ist eine bäuerliche Figur, die mit heruntergelassener Hose am Rande von Christi Geburt seine Notdurft verrichtet. Den Caganer aufzustellen ist ein uralter Brauch, gegen den auch die katholische Kirche nichts einzuwenden hat, die doch auf der iberischen Halbinsel traditionell ultrakonservativ und säuerlich bissig ist. Es gibt mehrere Theorien über den tieferen (und mehr als bloß provokanten) Sinn dieser Figur. Die einen sagen, das Scheißerle sei Symbol für den ausgewogenen und vollständigen Kreislauf der Natur, das ewige Geben und Nehmen, das Essen und Düngen. Andere weisen darauf hin, dass gerade das Allerheiligste eine allerprofanste Entsprechung brauche. Oder war man in vergangenen Zeiten einfach weniger verklemmt? Wenn man schließlich Sigmund Freud glauben will, gibt es einen frühkindlichen Zusammenhang zwischen Fäkalien und Geschenk zu nennen. Der Bauer kann, psychoanalytisch gedeutet, dem Christkind nichts anderes schenken als das, was er sich anschickt zu produzieren.

 

Doch nun genug mit anstößigen Krippenfiguren. Man könnte einen Schritt in die andere Richtung gehen und die Krippe als solche insgesamt zeitgeistig erneuern und an die jeweiligen gebürsteten und gekämmten Zielgruppen anpassen:

 

Krippen für verschiedene soziologische Schichten

Die grüne Krippe

Vollständig recycelbar, aus heimischen, nachhaltig geschlagenen Hölzern. Die Figuren handgetöpfert und mit lösungsmittelfreier Farbe bemalt. Die Hirten wärmen sich an einem Feuer, das rückstandsfreie Holzpellets verbrennt. Die Hütte ist ausgestattet mit Dämmstoffen aus Flachs und Hanf. Das Christkind lacht, denn der CO2-Fußabdruck geht gegen null …

 

Die Krippe für Fußballfans

Statt der Krippe ein kleines, halbüberdachtes Fußballstadion, im Strafraum die heilige Familie, alle tragen den blauen Hoffenheimschal (abnehmbar und durch den eines anderen Vereins ersetzbar). Auf den Rängen 30000 kleine Figuren, ebenfalls mit abnehmbaren Schals. Ein Spruchband: »Anstoß zur Christenheit« …

 

Die Krippe für Wintersportliebhaber

Die Krippe selbst liegt in einem Talkessel. Drumherum verschneite Berge. Die Heiligen Drei Könige im Dreierbob, die Hirten auf Langlaufskiern. Der Engel der Verkündigung als Abfahrtsläufer, mit wehendem Schal. Hinter der Krippe ein zugefrorener Teich, auf dem Maria und Josef eiskunstlaufend die Todesspirale zeigen. Statt des Sterns von Bethlehem: eine Schneekanone.

 

Die afrikanische Krippe

Keine Krippe, sondern ein Nomadenzelt. Statt Ochs und Esel Löwen und Elefanten. Sandstürme. Skorpione. Die drei heiligen Scheichs reiten auf Kamelen. Vorn die Figur eines Europäers in Buschhemd und Tropenhelm, der nickt, wenn man eine Münze einwirft.

 

Die Krippe für Filmliebhaber

Am Dachfirst ein großes Schild mit der Inschrift Bates’ Motel, im Hintergrund ein viktorianisches Haus, in dessen Fenster eine alte, unbewegliche Frau sitzt. Im Inneren der Krippe seilt sich Tom Cruise langsam und vorsichtig über dem Jesuskind ab. Seitlich ein Bett, in dem Bill Murray liegt – der Wecker auf seinem Nachtkästchen ist auf 6:00 Uhr gestellt, der Kalender zeigt den 2. Februar. Dazu ein Murmeltier. Oben auf dem Dach landet Mary Poppins mit aufgespanntem Regenschirm. Auf dem Dachgiebel stehen Josef und Maria, er hält sie von hinten fest, sie hat die Arme ausgebreitet und die Augen geschlossen. Jack Nicolson dringt mit einer Axt in die Hütte ein. Auf seinem Gesicht ein irres Lachen. Eine Sprechblase: Here’s Johnny!

 

Die Krippe für Spieler von »Dungeons & Dragons« dem ultimativen Pen-&-Paper-Rollenspiel für aufregende Dezemberabende

Im Heu ist das Zimtplätzchen der Macht versteckt, auf dem Dach wimmelt es von Zombies, Trollen, Elfen, Rentieren und Nikoläusen. Neben der Hütte ein Teich mit Wassernixen, der von siebenschwänzigen Feuerdämonen, mehrköpfigen Schafen und Zauberhirten bewacht wird. In der Krippe ein Schlangennest mit hyperintelligenten Kreuzottern, die hochkonzentrierte Salpetersäure spucken. An der Wand ein Regal mit Zaubertränken. Ziel des Spieles ist es, das Jesuskind aus den Klauen von Maria und Josef zu befreien und seinen wahren Eltern zurückzugeben.

 

Die moderne Krippe

Bestehend aus zwei nebeneinanderstehenden, identischen Krippen. In der einen befindet sich Maria, in der anderen Josef. Gemeinsames Sorgerecht: Das Jesuskind wechselt täglich zwischen beiden.

Und auf dem Siegertreppchen steht …

Die Krimi-Krippe

Prächtig ärmlich ausgestattet, mit Kinderwiege, Heuhaufen und zerrissenem Dach, mit allem eben, das man so kennt – nur ohne Figuren. Die Krippe ist geeignet für Spurensucher und Leser von Kriminalromanen, die Freude daran finden, darüber nachzugrübeln, welches Verbrechen hier geschehen sein könnte. Gibt es Spuren von Josef und Maria? Was bedeutet die umgestürzte Wiege? Fehlt Heu? Sind Fußabdrücke erkennbar? Warum brennt die Stalllaterne immer noch? Fragen über Fragen. Die leere Krippe wird geliefert mit Lupe, DNA-Test-Set und (widersprüchlichen) Zeugenaussagen von 12 Hirten.

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Über Jörg Maurer

Nr.-1-Spiegel-Bestsellerautor Jörg Maurer stammt aus Garmisch-Partenkirchen. Er studierte Germanistik, Anglistik, Theaterwissenschaften und Philosophie und wurde als Autor und Kabarettist mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Kabarettpreis der Stadt München, dem Agatha-Christie-Krimi-Preis, dem Ernst-Hoferichter-Preis, dem Publikumskrimipreis Mimi und dem Radio-Bremen-Krimipreis.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Über dieses Buch

Bestsellerautor Jörg Maurer erklärt uns Weihnachten. Nein, nicht uns, sondern den Außerirdischen, denn die wollen zentrale Erkenntnisse über die menschliche Kultur erhalten. Was könnte da passender sein als Fakten zum Fest? Also spürt Jörg Maurer Weihnachtsmythen, Heiligabendbräuche und Glühweinzutaten nach, entdeckt Erstaunliches über Weihnachten und Karneval oder Kriminelles an der Krippe, beschreibt schräge Bräuche, gläserne Weihnachtsgurken und fragwürdige Festmode. Er erzählt uns bisher unbekannte Varianten der Weihnachtsgeschichte und konstatiert, dass das frohe Fest wohl eine höchst neblige Mischveranstaltung ist, basierend auf unklaren Quellenlagen, ungesicherten Eckdaten und kaum zu haltenden Annahmen. Mit seinem Humor und Witz macht Jörg Maurer in jedem Falle den Mythos zum Geschenk.

 

Weitere Titel von Jörg Maurer:

›Föhnlage‹, ›Hochsaison‹, ›Niedertracht‹, ›Oberwasser‹, ›Unterholz‹, ›Felsenfest‹, ›Der Tod greift nicht daneben‹, ›Schwindelfrei ist nur der Tod‹, ›Im Grab schaust du nach oben‹ sowie ›Bayern für die Hosentasche: Was Reiseführer verschweigen‹

Die Webseite des Autors: www.joergmaurer.de

Impressum

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Der Abdruck des Gedichts »ernst jandls weihnachtslied« erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand Verlags.

Ernst Jandl, Werke in 6 Bänden (Neuausgabe), hrsg. von Klaus Siblewski © 2016 Luchterhand Literaturverlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

 

Lorbeerkranz: Designed by Vectortwins/Freepik

 

Covergestaltung: bürosüd°, München

Coverabbildung: Greser & Lenz

 

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ISBN 978-3-10-490460-3