Sündenpool - Alfred Hägele - E-Book

Sündenpool E-Book

Alfred Hägele

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Im schmutzigen Wasser des Flood-Relief-Channels wird die missbrauchte Leiche der jungen Elle Pearson gefunden. Wer steckt hinter dieser barbarischen Tat? Eine neue Herausforderung für Patrick Souness, der in der erzkonservativen Kleinstadt King’s Lynn nicht nur gegen das Verbrechen kämpft, sondern dazu noch im stellvertretenden Polizeichef Finley McGregor einen erbitterten Feind in der eigenen Polizeiorganisation hat.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Alfred Hägele

Sündenpool

Ein King's Lynn Krimi

Impressum

© 2025 Alfred Hägele

Coverdesign: Simon Renner

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany

Paperback ISBN 978-3-384-44316-8

e-Book ISBN 978-3-384-44317-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich.

Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter:

Alfred Hägele, Seitsberger Str. 2, 73433 Aalen, Germany

Inhalt

Über das Buch

Klarstellung

Über den Autor

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

Danksagung

Weitere Veröffentlichungen

Über das Buch

Pat­rick Sou­ness ist Schwarz, sei­ne Che­fin, die Poli­zei­prä­si­den­tin, eine Frau. Bei­de ha­ben es in dem kon­ser­va­ti­ven Han­se­städt­chen King’s Lynn im Süd­os­ten Eng­lands nicht ein­fach, sich zu be­haup­ten. Ins­be­son­de­re, da sie in Fin­ley McGre­gor einen De­pu­ty Chief Con­s­ta­ble, al­so einen stell­ver­tre­ten­den Poli­zei­chef, vor­fin­den, der noch in Denk­mus­tern ver­gan­ge­ner Jahr­zehn­te ver­haf­tet ist.

In Sün­den­pool, dem zwei­ten Fall der King’s Lynn Kri­mis wird in die­sem span­nungs­ge­la­de­nen Um­feld an der Frisch­was­ser­ent­nah­me­stel­le der Papier­fab­rik eine nack­te Mäd­chen­lei­che ge­fun­den. Ent­gegen der Hoff­nung, das Mäd­chen könn­te durch einen Un­fall ums Le­ben ge­kom­men sein, stellt sich schnell die Diag­no­se he­raus.

Mord!

Da­mit ist De­pu­ty Chief Con­s­ta­ble Fin­ley McGre­gor, der im King’s Lynn Poli­ce De­part­ment die Di­vi­sion Chil­dren Pro­tec­tion lei­tet, raus. Die Er­mitt­lun­gen über­nimmt De­tec­ti­ve Super­in­ten­dent Pat­rick Sou­ness, dem es dank sei­ner ak­ri­bi­schen Arbeit ge­lingt, sehr zum Miss­fal­len ei­ni­ger an­ge­se­he­ner Män­ner in der Re­gion, den Fall auf­zu­klä­ren.

Klarstellung

Die­ses Buch ist ein Ro­man und da­her Fik­tion. Hand­lun­gen und Cha­rak­te­re sind frei er­fun­den. Ähn­lich­kei­ten mit le­ben­den oder ver­stor­be­nen Per­so­nen sind nicht be­ab­sich­tigt und rein zu­fäl­lig.

Bei den Ört­lich­kei­ten han­delt es sich je­doch weit­ge­hend um Ori­gi­nal­schau­plät­ze, von denen nur ab und an aus dra­ma­tur­gi­schen Grün­den ab­ge­wi­chen wur­de.

Über den Autor

Der Au­tor wur­de 1957 in einer schwä­bi­schen Klein­stadt ge­bo­ren und arbei­te­te nach sei­ner Aus­bil­dung zum Bi­lanz­buch­hal­ter so­wie einem Abend­stu­dium der Be­triebs­wirt­schafts­leh­re bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung im Be­tei­li­gungs­cont­rol­ling inter­na­tio­na­ler Unter­neh­mens­grup­pen. Zu­letzt durf­te er die euro­pa­wei­te Ex­pan­sion eines be­deu­ten­den süd­deut­schen Papier­kon­zerns be­glei­ten.

Sei­ne Lie­be zu King’s Lynn ent­deck­te er wäh­rend un­zäh­li­ger Ge­schäfts­rei­sen in die­ses be­schau­li­che Han­se-Städt­chen an der Mün­dung des Gre­at Ou­se in die Nord­see. Kein Wun­der, dass in all sei­nen King’s Lynn Kri­mis die dort an­säs­si­ge Papier­fab­rik im­mer eine ge­wich­ti­ge Rol­le spielt.

1. Kapitel

El­le Pear­son tau­mel­te gegen das of­fe­ne Flut­tor, wel­ches die Stadt bei Hoch­was­ser vor Über­flu­tung schütz­te. Ein Bord­stein brach­te sie zu Fall. Fast wä­re sie in die brau­ne Brü­he des Flus­ses Gre­at Ou­se ge­stürzt, doch zwei star­ke Ar­me er­grif­fen ihren tor­keln­den Kör­per.

In ihrem Kopf tanz­ten tau­send Flam­men, tro­cke­ner Spei­chel kleb­te in Mund und Ra­chen, ihr Ma­gen dreh­te sich um, doch sie schaff­te es nicht, sich zu über­ge­ben. Der Mann lä­chel­te, zog sie an sei­ne brei­te Brust und trug sie zu sei­nem Auto. Sanft leg­te er sie auf eine di­cke, mit blau­er Fo­lie über­zo­ge­ne Schaum­stoff­mat­te im La­de­raum des Trans­por­ters. Um ihre Hand- und Fuß­ge­len­ke wand er Stoff­bän­der, ver­kno­te­te die­se an den an der seit­li­chen Bord­wand an­ge­schweiß­ten La­schen.

El­le be­kam es nicht mehr mit. Ihr Kör­per schweb­te in an­de­ren Sphä­ren des Da­seins.

Schla­fen. Nur noch schla­fen.

Der Fi­at Du­ca­to rum­pel­te über das gro­be Kopf­stein­pflas­ter, lang­sam, ge­mäch­lich. Kein Mo­tor heul­te auf, kei­ne Brem­se quietsch­te. Bald ver­lo­ren sich die Lich­ter im neb­li­gen Nacht­him­mel.

Weit draußen vor der Stadt hielt der häss­lich brau­ne Kas­ten­wa­gen vor einem schmie­de­eiser­nen Tor an. Der Fah­rer stieg aus und drück­te eine Zah­len­kom­bi­na­tion in ein schwach be­leuch­te­tes Tas­ten­feld. Er fletsch­te die Zäh­ne. Das Tor schwang ge­räusch­los zu­rück und gab den Durch­lass in das rie­si­ge Grund­stück frei. Lei­se knirsch­te es, als die Rei­fen über die mit fei­nen, wei­ßen Kie­sel­stei­nen be­leg­te Ein­fahrt schrubb­ten. Hin­ter einer blick­dich­ten Li­gus­ter­he­cke hielt das Fahr­zeug an, zwei wei­te­re Män­ner war­te­ten be­reits auf die wert­vol­le Fracht.

Man trug das Mäd­chen in einen Raum, in dem es an­ge­nehm sal­zig roch, und leg­te sie auf ein brei­tes, wei­ches Bett.

El­le re­kel­te sich. Es tat gut, die Glie­der aus­zu­stre­cken. Sie blin­zel­te. Über ihr tanz­ten kei­ne Flam­men mehr, son­dern en­gels­glei­che Put­ten. Sie strahl­ten mit der Son­ne und tau­send klei­nen Ster­nen um die Wet­te. Eine woh­li­ge Wär­me durch­flu­te­te ihren Kör­per, sie war im Him­mel.

Der Fah­rer zog ein Mes­ser aus dem Gür­tel, durch­schnitt El­les pink­far­be­nen Lieb­lings­pul­lo­ver, ihren kur­zen schwar­zen Le­der­rock und warf die Tex­til­fet­zen acht­los in eine Ecke. Nur noch Slip und BH be­deck­ten ihre Blö­ße. Drei Au­gen­paa­re gier­ten sie an.

»Mach schon, Ed…«

»Kei­ne Na­men«, zisch­te der Boss.

»Sie wird sich an nichts mehr er­in­nern«, sag­te der Fah­rer.

»Trotz­dem.«

Zwei schnel­le Schnit­te und El­le lag nackt vor den Män­nern.

»Zu­frie­den?«

»Wir wer­den se­hen.« Der Boss warf den schwar­zen Um­hang von sei­nen Schul­tern, Le­der­rie­men schnür­ten die blei­che, wab­be­li­ge Haut ein. Brust und Pe­nis quetsch­ten sich wie nutz­lo­ses Fleisch durch schma­le Schlit­ze, sie fie­ber­ten nach Be­frie­di­gung. Er keuch­te. Quäl­te sei­nen mas­si­gen Kör­per auf die brei­te Lie­ge, schob El­les Schen­kel aus­ei­nan­der, rieb sich im Schritt, doch sein Schwanz ver­sag­te.

»Mach du«, rief er. »Die Schlam­pe ist es nicht wert.«

Der An­ge­spro­che­ne lehn­te das An­ge­bot nicht ab. Er zerr­te sei­ne Ho­se vom Leib, mach­te sich über das wehr­lo­se Mäd­chen her und drang mit ro­her Ge­walt in sie ein.

»Ver­dammt«, schrie er, »da war heu­te schon je­mand drin! Kannst du kein Frisch­fleisch be­sor­gen, so wie es der Boss be­foh­len hat?«

Der Fah­rer starr­te auf El­le.

»Wo­her soll­te ich das wis­sen? Ich ha­be sie frisch an­ge­macht. Wenn sie aber vor­her schon …? Ich bin doch kein Hell­se­her!«

»Schaff die Nut­te fort. So­fort!« Der Boss wand­te sich ab und ver­ließ den Raum. Der an­de­re folg­te ihm.

»Ver­damm­te Hu­re«, stöhn­te der Fah­rer. »Der Al­te straft mich da­für. Das wirst du mir bü­ßen.«

Wü­tend riss er sich selbst die Ho­se runter, stürz­te sich auf El­le und stach sein Fleisch in sie. Wie­der und im­mer wie­der, bis er keu­chend kam. Dann zerr­te er sie von der Lie­ge und warf sie in das Was­ser.

»Von mir aus er­sauf wie eine räu­di­ge Kat­ze!«, rief er ihr nach und setz­te sich an den Rand. Mit auf die Schen­kel ge­stütz­ten El­len­bo­gen schau­te er auf die Bla­sen, die El­les Mund ent­ström­ten, bis die­se klei­ner wur­den und end­lich ver­sieg­ten.

»Hast’s ver­dient, Schlam­pe«, keuch­te er, als er den leb­lo­sen Kör­per aus dem Was­ser zog, ihn in den Du­ca­to wuch­te­te und aus der Ein­fahrt des An­we­sens in die Nacht rausch­te.

Kein Stern am Him­mel, nicht ein­mal die blas­se Si­chel des Mon­des er­hell­te die Dun­kel­heit, die fort­an auch über El­le herr­schen wür­de.

2. Kapitel

»Ver­dammt, schon wie­der eine Stö­rung!« Gui­do Mück starr­te auf sei­ne Mess­ge­rä­te.

Die Leit­war­te der Klär­an­la­ge war an die­sem Sonn­tag­mor­gen nur spär­lich be­setzt. Neben Mück ver­sah noch Ebi You­sef, ein ira­ki­scher Flücht­ling, den Dienst in der hoch­mo­der­nen An­la­ge zur Ab­was­ser­rei­ni­gung der Papier­fab­rik.

Mück, ein hoch­ge­wach­se­ner, schlan­ker Mann im bes­ten Al­ter, mit akku­rat ge­stutz­tem Bart und bis in den Na­cken rei­chen­den dun­kel­blon­den Haa­ren, leis­te­te be­reits da­mals, als die Fab­rik auf­ge­baut wur­de, her­vor­ra­gen­de Diens­te. Da­her wur­de er mit dem Pos­ten des Lei­ters der Klär­an­la­ge be­traut, ob­wohl er über kein tech­ni­sches Stu­dium ver­füg­te, son­dern nur eine Aus­bil­dung zum Klär­meis­ter ab­sol­viert hat­te. Doch Mück galt in Fach­krei­sen als ab­so­lu­ter Spe­zia­list, das kom­pli­zier­te Sys­tem zur Rei­ni­gung von Ab­wäs­sern einer Papier­fab­rik zu len­ken. Bis zum Bau der neu­en An­la­ge in Eng­land fun­gier­te er als Vor­arbei­ter in der Klär­an­la­ge des Mut­ter­unter­neh­mens, eines im Sü­den Deutsch­lands an­säs­si­gen Her­stel­lers von Well­pap­pen­roh­papie­ren. Die dor­ti­ge Be­triebs­lei­tung ließ den Mann zwar nur un­gern zie­hen, ver­bau­te ihm je­doch auch nicht die ein­zig­arti­ge Kar­rie­re­chan­ce. Mück dank­te es den Bos­sen, in­dem er die heik­le Auf­ga­be mit Um­sicht und Bra­vour meis­ter­te.

Ebi You­sef war mit der gro­ßen Flücht­lings­wel­le vor ei­ni­gen Jah­ren nach Euro­pa ge­kom­men und hat­te sich bis nach Eng­land durch­ge­schla­gen. Ebi ruh­te sich von An­fang an nicht auf den Al­mo­sen des Staa­tes aus. Ob­wohl oh­ne Aus­bil­dung, fand er, sei­ner Be­harr­lich­keit we­gen, einen Job in der Klär­an­la­ge der Papier­fab­rik, denn kei­ne auch noch so schmut­zi­ge Arbeit war ihm zu­wi­der, selbst wenn es da­rum ging, durch stin­ken­de Klär­brü­he zu wa­ten. Erst vor Kur­zem war ein Schlauch ge­platzt. You­sef stürz­te sich mit sei­nem ge­sam­ten Kör­per auf die un­dich­te Stel­le, da­mit kein Schmutz­was­ser in den Pro­duk­tions­kreis­lauf ge­riet. Fast eine Stun­de harr­te er aus, bis die Kol­le­gen eine Er­satz­lei­tung le­gen konn­ten. Dies nö­tig­te ih­nen ge­hö­ri­gen Res­pekt ab. Zu­dem trug Ebi meist ein Lä­cheln auf den Lip­pen. Ja, man glaub­te ihm, wenn er ver­si­cher­te, er lie­be sei­ne Arbeit.

»Jo­sef, schaust du mal«, Mück neck­te sei­nen Mit­arbei­ter oft mit dem deut­schen Na­men, »ob wie­der die Pum­pe ste­hen ge­blie­ben oder ein ver­damm­tes Rohr ver­stopft ist? Die Sen­so­ren am Ein­lauf des Frisch­was­ser­ka­nals zei­gen eine ver­min­der­te Leis­tung.«

»Bin schon unter­wegs, Chef.« Ebi steck­te sein Wal­kie-Tal­kie ein und stob die Stu­fen des Trep­pen­hau­ses in der Leit­war­te hi­nunter. Vor­bei am öf­fent­li­chen Kraft­werk spur­te­te er bis zum Flood-Re­lief-Chan­nel, an des­sen En­de sich die Rück­stau­klap­pe für die Frisch­was­ser­ent­nah­me be­fand. Die­ses Stau­wehr ver­hin­der­te bei Flut das Ein­drin­gen von Salz­was­ser in den Ka­nal. In einer Tie­fe von viel­leicht zwei Me­tern rag­te der mit einem gro­ben Sieb ver­schlos­se­ne An­saug­stut­zen in den Ka­nal hi­nein. In letz­ter Zeit kam es des Öf­te­ren durch an­ge­schwemm­tes Ge­rüm­pel zu Ver­stop­fun­gen, wes­we­gen die Tech­ni­ker an einer Vor­rich­tung zur Ab­hil­fe tüf­tel­ten. Bis man je­doch eine ent­spre­chen­de Lö­sung fand, hin­gen am Ge­län­der des Ufers Stan­gen unter­schied­li­cher Län­gen, mit Sie­ben, Ke­schern oder ver­schie­den ge­form­ten Ha­ken an der Spit­ze. Mit die­sen war der Müll von den Roh­ren weg­zu­zie­hen und aus dem Ka­nal zu fi­schen. Ebi schnapp­te sich die längs­te Stan­ge, die mit einer Me­tall­spit­ze ver­sehen war, und sto­cher­te da­mit im Was­ser. Bald traf er auf Gegen­wehr. Ein schwe­rer, gro­ßer Gegen­stand, den Ebi durch die trü­be Brü­he nicht iden­ti­fi­zie­ren konn­te, ver­sperr­te das Saug­rohr. Er zerr­te und rüt­tel­te, bis er das wab­be­li­ge Ding end­lich von dem Sieb be­kam und an die Ober­flä­che zog.

»Fuck!« Das dün­ne Me­tall­rohr mit dem ko­mi­schen Et­was da­ran fiel ihm aus den Hän­den und Ebi stürz­te rück­lings in das feuch­te Gras.

Der Ha­ken der Stan­ge steck­te im Fleisch einer nack­ten Lei­che!

* * *

»Mück, was gibt’s denn so Wich­ti­ges, dass Sie mich am hei­li­gen Sonn­tag in der Frü­he aus dem Bett klin­geln? Ist die Fab­rik ab­ge­fa­ckelt?« Da­mon Chand­ler, der Be­triebs­lei­ter der Papier­fab­rik, stell­te sei­ne Kaf­fee­tas­se ab, noch be­vor er den ers­ten Schluck da­raus ge­trun­ken hat­te.

»Nicht ganz Chef, aber eine Ka­tast­ro­phe ist es schon.« Gui­do Mück be­wahr­te in den meis­ten Fäl­len Ru­he, all­zu viel Hek­tik brach­te nichts, scha­de­te eher. Kein Wun­der bei sei­nem Be­ruf, denn wenn im Klär­be­cken die Wer­te nicht op­ti­mal wa­ren, ana­ly­sier­te man erst ein­mal, was den Mik­ro­ben bei ihrer Arbeit zu schaf­fen mach­te, be­vor man ih­nen mit ein paar ge­heim­nis­vol­len In­gre­dien­zen die Lust am Fres­sen wie­der zu­rück­brach­te. Doch was er im trü­ben Was­ser des Flood-Re­lief-Chan­nels sah, be­un­ru­hig­te ihn schon ein we­nig. Eine Lei­che, eine nack­te Frau­en­lei­che, wie es schien, kam auch in Gui­dos All­tag nor­ma­ler­wei­se nicht vor.

Ebi Yous­sef hock­te noch im­mer mit blei­chem Ge­sicht im feuch­ten Gras, so­fern man bei sei­nem dunk­len Teint über­haupt von Bläs­se spre­chen konn­te. Sei­ne Mel­dung über das Funk­ge­rät an Mück hat­te die­ser zwar nicht so rich­tig ver­stan­den, doch dass et­was Un­ge­wöhn­li­ches pas­siert sein muss­te, war klar.

Die Si­cher­heits­vor­schrif­ten für Stör- oder auch Un­glücks­fäl­le sa­hen eine ge­nau fest­ge­leg­te Be­nach­rich­ti­gungs­ket­te vor. In­ner­halb des Be­triebs­ge­län­des muss­te zu­nächst die Tag und Nacht be­setz­te Pfor­te über eine spe­ziel­le Num­mer ver­stän­digt wer­den. Die­se in­for­mier­te in der Re­gel den Schicht­werk­füh­rer. Gleich­zei­tig setz­te man bei Feu­er oder Per­so­nen­schä­den einen Not­ruf an die Feuer­wehr und den Ret­tungs­dienst ab. In außer­ge­wöhn­li­chen Fäl­len war der COO, der Be­triebs­lei­ter für das ge­sam­te Werk, Da­mon Chand­ler, di­rekt zu kon­tak­tie­ren.

Gui­do Mück war si­cher, eine Lei­che am Frisch­was­ser-An­saug­stut­zen war ein außer­ge­wöhn­li­cher Fall.

»Ich bin in einer hal­ben Stun­de da. Ru­fen Sie bit­te selbst die Poli­zei. Sie ha­ben doch die Num­mer?« Chand­ler wohn­te in dem ma­le­ri­schen Ört­chen Gay­ton, zehn Mei­len außer­halb von King’s Lynn. »Aber bit­te kei­ne Aus­künf­te über die Fir­ma. Zu Ihrer Per­son und dem Her­gang des Fun­des ja, aber nicht mehr. Das muss al­les von mir ab­ge­seg­net wer­den. Neue Or­der aus Deutsch­land. Da ha­ben wohl ei­ni­ge vor­wit­zi­ge Mit­arbei­ter Be­triebs­ge­heim­nis­se aus­ge­plau­dert.«

Die erst vor we­ni­gen Jah­ren auf dem Ge­län­de einer ehe­ma­li­gen Zu­cker­rü­ben­fab­rik er­bau­te Papier­fab­rik be­fand sich im Eigen­tum eines euro­pa­weit agie­ren­den süd­deut­schen Papier­kon­zerns. Die Deut­schen leg­ten nicht nur gro­ßen Wert auf posi­ti­ve Be­richt­erstat­tung in den Me­dien, son­dern auch auf kor­rek­te Arbeits­wei­se. Die ent­spre­chen­de An­wei­sung an die Chefs al­ler Nie­der­las­sun­gen war eine die­ser Maß­nah­men. Es durf­te nicht wie­der ein sol­ches Mal­heur pas­sie­ren wie vor einem hal­ben Jahr. Da­mals schlich sich ein Ver­rück­ter auf das Dach der Fir­ma und er­schoss von dort einen Renn­fah­rer in der na­hen Speed­way-Are­na. Zwar konn­te der Fab­rik kein Ver­säum­nis nach­ge­wie­sen wer­den, ob­wohl ein gut­gläu­bi­ger Arbei­ter dem Schüt­zen den Zu­gang ver­schafft hat­te. Die be­son­de­re Iro­nie des Schick­sals war, dass der Mann da­mit das To­des­urteil sei­nes eige­nen Soh­nes unter­schrie­ben hat­te. Die tra­gi­sche Ge­schich­te ging da­mals wo­chen­lang durch al­le Me­dien, nicht nur in Eng­land, nein, auch in Deutsch­land. Als Kon­se­quenz wur­den da­her al­le Si­cher­heits­maß­nah­men des Wer­kes ver­schärft und über­all Ka­me­ras ins­tal­liert. Zu­dem hielt der Si­cher­heits­be­auf­trag­te außer der Rei­he ent­spre­chen­de Schu­lun­gen ab und impf­te al­len Teil­neh­mern äu­ßers­te Wach­sam­keit ein. Wäh­rend die­ser Unter­wei­sung er­hiel­ten die lei­ten­den An­ge­stell­ten auch die Tele­fon­num­mern von Poli­zei, Feuer­wehr und Ret­tungs­dienst.

Mück wähl­te die in sei­nem Smart­phone ein­ge­spei­cher­te Num­mer. Eine freund­li­che Da­me frag­te nach sei­nem Be­gehr. Er gab den Sach­ver­halt durch, wo­rauf die Da­me ver­sprach, man wür­de sich da­rum küm­mern.

Zeit­gleich mit Chand­ler traf De­pu­ty Chief Con­s­ta­ble Fin­ley McGre­gor am Flood-Re­lief-Chan­nel ein.

3. Kapitel

McGre­gor, ein klei­ner, unter­setz­ter End­fünf­zi­ger, der gut und ger­ne auch als End­sech­zi­ger durch­ge­gan­gen wä­re, stapf­te durch das feuch­te Gras. Sei­ne oran­ge­ro­ten Haa­re stan­den in al­le Rich­tun­gen, man konn­te nicht sa­gen ob we­gen des vom Fluss her stän­dig we­hen­den Win­des, oder ob der Mann schon seit Ta­gen kei­nen Kamm ge­se­hen hat­te. Ein Wisch­mopp wä­re stolz auf eine sol­che Fri­sur.

»Na, wer er­laubt sich denn am frü­hen Sonn­tag­mor­gen einen Scherz mit der Poli­zei?«

»Kein Scherz, Con­s­ta­ble, schreck­li­che Wahr­heit.« Gui­do Mück schüt­tel­te den Kopf.

»De­pu­ty Chief Fin­ley McGre­gor. Ein biss­chen Höf­lich­keit darf schon sein.« McGre­gor trat auf die am Ufer auf­ge­schich­te­ten Rasen­so­den, da­mit er zu dem Deut­schen nicht all­zu sehr auf­bli­cken muss­te.

»Ent­schul­di­gung, Sir, oh­ne Uni­form konn­te ich Ihren Rang nicht er­ken­nen.« Mück deu­te­te eine leich­te Ver­beu­gung an. Die klei­ne Spit­ze hat­te der Poli­zist ver­dient, er­schien er doch in einem oran­ge­far­be­nen Jog­ging­an­zug am Fund­ort einer Lei­che. Of­fen­bar hat­te man ihn bei sei­nem Früh­sport ge­stört, den er bit­ter­nö­tig zu ha­ben schien.

»Hier se­hen Sie.« Der Klär­meis­ter nahm die Stan­ge und zog den Kör­per da­mit an das Ufer.

»Ver­dammt! Wer hat die Lei­che ge­fun­den?«

Mück deu­te­te auf den klei­nen Ira­ker. »Ebi, mein Mit­arbei­ter.«

Fin­ley schau­te den Mann mit grim­mi­ger Mi­ne an. »Was macht der hier um die­se Zeit?«

»Die Sen­so­ren am Frisch­was­ser­ein­lauf zeig­ten eine Stö­rung. Ich ha­be You­sef los­ge­schickt, um nach­zu­schau­en, was da los ist.«

»Zieht die Lei­che an das Ufer.«

Jetzt misch­te sich Chand­ler in das Ge­spräch ein. »Mei­nen Sie nicht, Mr McGre­gor, wir soll­ten Mr Sou­ness an­ru­fen?«

McGre­gor dreh­te sich in einer Ge­schwin­dig­keit zu dem Spre­cher hin, die ihm wohl kei­ner zu­ge­traut hät­te.

»Was wol­len Sie mit dem?«

»Ist Mr Sou­ness nicht der Chef für Mord­ermitt­lun­gen?«

»Wer sagt Ih­nen, dass wir einen Mord hier ha­ben? Viel­leicht woll­te die Klei­ne schon im Mor­gen­tau schwim­men ge­hen? Oder jog­gen und ist aus­ge­rutscht? Oder sie hat sich aus Ver­zweif­lung, weil ihr Lo­ver sie ver­las­sen hat, selbst in die Flu­ten ge­stürzt.«

Die Män­ner der Papier­fab­rik schau­ten ei­nan­der an und schüt­tel­ten die Köp­fe. Wie konn­te ein Poli­zist nur so res­pekt­los über eine Mäd­chen­lei­che re­den.

»Mr Chand­ler, Sie brau­chen mich nicht zu be­nach­rich­ti­gen. Ich ha­be die Nach­richt im Poli­zei­funk selbst mit­be­kom­men.«

Pat­rick Sou­ness, der Er­mitt­ler des neu ge­grün­de­ten Cri­mi­nal-In­ves­ti­ga­tion-De­part­ments C.I.D. eil­te über den schma­len Flur­weg, wel­cher von der High-Road hin zum Flut­ka­nal führ­te. Dort hat­te er sei­nen knall­ro­ten Flit­zer, einen Alfa Spi­der mit 240 PS, Bau­jahr 1970, ab­ge­stellt. Dem lie­be­voll ge­pfleg­ten Old­ti­mer durf­te er den stei­ni­gen Weg nicht zu­mu­ten. Sou­ness’ kurz ge­scho­re­ne Haa­re sta­chen aus der dunk­len Kopf­haut her­vor wie die Sta­cheln eines neu­ge­bo­re­nen Igels. Sou­ness war schwarz, was in der Poli­zei­orga­ni­sa­tion der kon­ser­va­ti­ven Klein­stadt am nörd­li­chen Zip­fel Süd­ost­eng­lands ein gro­ßes Hemm­nis dar­stell­te. Ins­be­son­de­re bei De­pu­ty Chief Con­s­ta­ble Fin­ley McGre­gor, dem stell­ver­tre­ten­den Poli­zei­chef. Die­ser lehn­te Frau­en, Schwar­ze und al­le ab, die nicht schon seit min­des­tens fünf Ge­ne­ra­tio­nen in Eng­land leb­ten.

In King’s Lynn hat­ten Außen­ste­hen­de einen schwe­ren Stand.

»Sou­ness, Sie kön­nen ger­ne wie­der nach Hau­se ge­hen und mit Ihrer jüngs­ten Er­run­gen­schaft unter die De­cke schlüp­fen. Ich kom­me auch oh­ne Sie klar«, blaff­te McGre­gor.

Pat­ricks Hang, kei­nem weib­li­chen Au­gen­auf­schlag wi­der­ste­hen zu kön­nen, hat­te sich in­zwi­schen nicht nur im Re­vier, son­dern in der gan­zen Stadt he­rum­ge­spro­chen. Eben­so der Hass, wel­chen der De­pu­ty dem neu­en In­spec­tor ent­gegen­brach­te.

»Wenn Sie wol­len, kann ich Sie auf Ihrer Jog­ging­tour be­glei­ten und wir über­las­sen die Sa­che hier einem der Bob­bys.« Sou­ness deu­te­te auf die bei­den Uni­for­mier­ten, die eben über das Ge­län­de zum Fund­ort der Lei­che stapf­ten.

»Pff«, zisch­te McGre­gor, sag­te aber wei­ter nichts. Er schien ge­nau zu wis­sen, wie recht der Kom­mis­sar hat­te.

»Kei­ner rührt et­was an, am al­ler­we­nigs­ten das ar­me Mäd­chen, bis die Spu­ren­si­che­rung nicht al­les unter­sucht hat.« Sou­ness über­nahm mit stren­gen Wor­ten das Kom­man­do. Er an­gel­te sein Smart­phone aus dem zer­knit­ter­ten Ja­ckett und tipp­te da­rauf he­rum.

»Hen­ry, wir brau­chen dich und dei­ne gan­ze Mann­schaft. Ja, ich weiß, es ist Sonn­tag­früh, aber das ar­me Mäd­chen, wel­ches wir hier nackt im Flut­ka­nal ha­ben, hat sich sei­nen To­des­zeit­punkt be­stimmt nicht selbst aus­ge­sucht. Ja, ich ru­fe Le­wis an und auch den Be­stat­ter.« Dann gab er noch den ge­nau­en Stand­ort durch und führ­te das nächs­te Ge­spräch.

»Dok­tor Mur­phy, ich mei­ne Le­wis. Ja es ist ein Not­fall, wenn ich dich um die­se Uhr­zeit an­ru­fe.« Dann wie­der­hol­te er das Ge­spräch, das er eben be­reits ge­führt hat­te.

Hen­ry Hor­glan war der Lei­ter der kri­mi­nal­tech­ni­schen Ab­tei­lung der Poli­zei in King’s Lynn. Als sol­chem ob­lag ihm die Unter­su­chung von Tat­or­ten oder Fund­or­ten von Op­fern, soll­ten die­se nicht iden­tisch sein. Zu­sam­men mit sei­nem Team sam­mel­te er Spu­ren, wer­te­te sie aus, nahm Fin­ger­ab­drü­cke, be­stimm­te Her­kunft und Be­schaf­fen­heit even­tu­ell ta­tre­le­van­ter Ma­te­ria­lien oder er­mit­tel­te, um wel­che Tat­waf­fen es sich han­del­te.

Dok­tor Le­wis Mur­phy war Arzt am hie­si­gen Kran­ken­haus, dem Queen-Eli­za­beth-Hos­pi­tal. Sei­ne Lie­be und Fach­kom­pe­tenz für die Pa­tho­lo­gie wa­ren all­seits be­kannt und ge­schätzt.

Sou­ness, Hor­glan und Mur­phy ver­band eine tie­fe Freund­schaft, die sich an­fangs auf be­ruf­li­cher Ba­sis ge­grün­det hat­te, und sich da­nach suk­zes­siv bis in das Pri­vat­le­ben aus­dehn­te. Mal trank man nach Fei­er­abend ein Bier zu­sam­men, mal be­such­te man ge­mein­sam ein Kon­zert oder eine Sport­ver­an­stal­tung. Ein je­der schätz­te den an­de­ren, man konn­te sich auf­ei­nan­der ver­las­sen. Hor­glan und Mur­phy hat­ten den Jüngs­ten des Trios, Pat­rick Sou­ness, mit sei­nen ge­ra­de mal fünf­und­drei­ßig Jah­ren von An­fang an auf­ge­nom­men, als ob er schon im­mer da­zu­ge­hö­ren wür­de.

Bis zum Ein­tref­fen des Arz­tes und der Tech­ni­ker ließ der In­spec­tor die Uni­for­mier­ten die Ge­gend um den Fund­ort der Lei­che groß­räu­mig mit rot-wei­ßen Flat­ter­bän­dern ab­sper­ren und bat Da­mon Chand­ler um ein Schutz­zelt gegen neu­gie­ri­ge Bli­cke. Zwar war zu die­ser Uhr­zeit noch nie­mand unter­wegs, doch das wür­de sich bald än­dern. Der Damm, der den brei­ten Fluss Gre­at Ou­se bei Flut vor Über­schwem­mung des Hin­ter­lan­des schütz­te, war ein be­lieb­ter Ort für Spa­zier­gän­ger und Jog­ger. Auf sei­ner Kro­ne hat­te man einen as­phal­tier­ten Weg auf­ge­bracht, wel­cher von Sport­lern oder Na­tur­lieb­ha­bern ger­ne fre­quen­tiert wur­de.

Chand­ler schick­te den klei­nen Ira­ker in die Werk­statt der Papier­fab­rik. Dort be­wahr­te man Zel­te ver­schie­de­ner Grö­ßen auf, unter denen die Män­ner der In­stand­set­zungs­trup­pe arbei­ten konn­ten, wenn mal wie­der eine Re­pa­ra­tur an einer Rohr­lei­tung im strö­men­den Re­gen nö­tig war. Ebi flitz­te und kam be­reits we­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter mit zwei wei­te­ren Kol­le­gen und einem Pa­vil­lon­zelt wie­der. Sie ent­fal­te­ten es und stell­ten es auf An­wei­sung in un­mit­tel­ba­rer Nä­he zum Ufer auf.

Fin­ley McGre­gor bat der­weil, sich kurz ver­ab­schie­den zu dür­fen. Bis zum Ein­tref­fen der Unter­su­chungs­be­am­ten wür­de man hier wohl auch oh­ne ihn aus­kom­men. Er fühl­te sich schein­bar doch et­was un­wohl in sei­nem oran­gen Jog­ging­an­zug. Pat­rick ge­währ­te dem De­pu­ty ger­ne den Wunsch.

In­zwi­schen füll­te sich das Ge­län­de mit Men­schen. Sou­ness’ bei­de engs­ten Mit­arbei­ter, Ja­cob Wol­sten­hol­me und Sa­muel Cook, tra­fen eben­so ein, wie die Poli­zei­prä­si­den­tin Fio­na Grey. Auch war man im Ge­bäu­de des in un­mit­tel­ba­rer Nä­he ge­le­ge­nen Kraft­wer­kes auf das Ge­sche­hen auf­merk­sam ge­wor­den, wes­halb ei­ni­ge neu­gie­ri­ge Köp­fe aus den ver­schmier­ten Fens­tern der Leit­war­te schau­ten. Glück­li­cher­wei­se stör­ten noch kei­ne Zu­schau­er oder noch schlim­mer, Pres­se­leu­te, die Er­mitt­lun­gen.

End­lich tra­fen auch Hor­glan und Mur­phy ein.

Das Brum­men Hor­glans 6-Zy­lin­der-Tur­bo-Die­sels war nicht zu über­hö­ren, als die 355 PS den Dod­ge-Pick­up über den schma­len Flur­weg von der High-Road zum Ka­nal be­för­der­ten. Die­ser Kar­re konn­te auch die schlimms­te Schot­ter­pis­te nichts an­ha­ben. Hen­ry Hor­glan, der Mann mit dem 5-Ta­ge-Bart und dem Fai­ble für Wild­west, stülp­te sei­nen Hut auf den Kopf, stieg von sei­nem Bock und trat zu den War­ten­den.

»Vor­bild­lich, Pad­dy«, be­grüß­te er Sou­ness, als er die Ab­sperr­maß­nah­men sah, und klopf­te ihm auf die Schul­tern. »Ich hof­fe, das Feld hier wur­de noch von kei­ner Hor­de Büf­fel zer­tram­pelt. Jungs, sucht schon mal die Ge­gend ab, be­vor wir das ar­me Kind aus dem Was­ser zie­hen.«

Sei­ne Män­ner, die in­zwi­schen eben­falls an­ge­kom­men wa­ren, zo­gen sich ihre wei­ßen Ove­ralls so­wie Über­zieh­schu­he über und be­waff­ne­ten sich mit Ein­weg­hand­schu­hen, Ka­me­ras, Lu­pen und Greif­zan­gen. Wie eine Ko­lo­nie Amei­sen schwärm­ten sie aus und durch­leuch­te­ten ak­ri­bisch je­den Quad­rat­zen­ti­me­ter. Die Män­ner wa­ren ge­übt in sol­chen Sa­chen.

»Da ist nichts zu fin­den«, sag­te einer der Tech­ni­ker nach einer Wei­le, »ich fürch­te, der Fund­ort ist nicht der Tat­ort. Ver­mut­lich hat man das Op­fer nicht ein­mal hier in den Ka­nal ge­wor­fen.«

»Dann bergt die Lei­che aus dem Was­ser und lasst den Dok­tor ran.«

Al­le Be­tei­lig­ten gin­gen wie selbst­ver­ständ­lich von einem Ver­bre­chen aus. Kei­ner kam auch nur an­nä­hernd auf die ab­sur­de Idee McGre­gors, es könn­te sich um einen Un­fall oder um Selbst­mord han­deln.

Vor­sich­tig bug­sier­ten zwei Beam­te den Kör­per mit­hil­fe der Stan­gen an das Ufer und zo­gen ihn über die Rasen­so­den. Die Män­ner der Papier­fab­rik stell­ten das Pa­vil­lon-Zelt über die Lei­che, unter wel­ches Hor­glan, Sou­ness, Dok­tor Mur­phy und die Poli­zei­che­fin schlüpf­ten.

»Mein Gott, das ist ja schreck­lich.« Fio­na Grey, die Poli­zei­che­fin von King’s Lynn, beug­te sich über das to­te Mäd­chen. Bis­her hat­te sie sich zu­rück­ge­hal­ten und den Spe­zia­lis­ten den Vor­tritt ge­las­sen. Mit ihrer Grö­ße von weit über eins acht­zig wä­re es auch in dem nied­ri­gen Zelt schwie­rig ge­wor­den. Nur Sou­ness über­rag­te sei­ne Che­fin um mehr als eine Hand­breit.

Wie zu je­der Ta­ges- und wer weiß, viel­leicht auch Nacht­zeit, war Grey auch an die­sem Sonn­tag­mor­gen ta­del­los ge­klei­det und fri­siert. Sie trug einen schma­len wein­ro­ten Rock aus gro­bem Stoff, wel­cher we­ni­ge Fin­ger­breit über dem Knie en­de­te. Unter dem an­th­ra­zit­far­be­nen Bla­zer lug­ten die Spit­zen einer wei­ßen Blu­se her­vor. Über dem Re­vers bau­mel­te eine Bern­stein­ket­te. Die dün­nen Ab­sät­ze ihrer schwar­zen Stie­fe­let­ten drück­ten sich tief in den wei­chen Gras­bo­den ein.

Trotz des Win­des, wel­cher außer­halb des Zel­tes kräf­tig blies, be­weg­ten sich kei­ne auch noch so fei­nen Strähn­chen ihrer grau me­lier­ten halb­lan­gen Haa­re. Hät­te ein Foto­graf ein Mo­dell einer se­riö­sen Mitt­fünf­zi­ge­rin in einer Füh­rungs­posi­tion ge­sucht, wä­re Fio­na Grey da­für prä­des­ti­niert ge­we­sen.

»Das ar­me Kind. Dok­tor, kön­nen Sie schon et­was über ihr Schick­sal sa­gen?«

Dass es sich bei der To­ten um ein jun­ges Mäd­chen han­del­te, konn­te je­der­mann un­schwer er­ken­nen.

Dok­tor Le­wis Mur­phy ließ sich von der Fra­ge der Poli­zei­che­fin nicht aus dem Kon­zept brin­gen. Sorg­sam unter­such­te er den leb­lo­sen Kör­per, schüt­tel­te den Kopf und zog eine dün­ne De­cke bis zur Hals­krau­se über den Leich­nam.

»Tut mir leid, Mrs Grey, zur To­des­ur­sa­che kann ich noch gar nichts sa­gen. Bis auf die­se Fleisch­wun­den«, er hob das Tuch et­was an und deu­te­te mit dem Fin­ger sei­ner be­hand­schuh­ten Hand auf zwei tie­fe Lö­cher im seit­li­chen Hüft­be­reich der To­ten, »kann ich kei­ne äu­ßer­li­chen Ver­let­zun­gen fest­stel­len. Doch dürf­ten die­se Wun­den post mor­tem durch den Ein­satz der Stan­ge mit der Stahl­spit­ze her­vor­ge­ru­fen wor­den sein, mit wel­cher man das Mäd­chen erst vom An­saug­stut­zen weg und dann an Land ge­zo­gen hat. Be­vor Sie nach dem To­des­zeit­punkt fra­gen, hier gleich mei­ne vor­sich­ti­ge Ver­mu­tung: In An­be­tracht der noch nicht voll­stän­dig aus­ge­präg­ten Lei­chen­star­re und der nied­ri­gen Was­ser­tem­pe­ra­tu­ren dürf­te der Tod ir­gend­wann zwi­schen Mit­ter­nacht und dem frü­hen Mor­gen ein­ge­tre­ten sein.

Nä­he­res nach der Ob­duk­tion. Ich bit­te um Ihr Ver­ständ­nis.«

»Na­tür­lich, Dok­tor.«

Louis Mur­phy war kein spe­ziell aus­ge­bil­de­ter Pa­tho­lo­ge, viel­mehr ver­sah er sei­nen Dienst am Kran­ken­haus der Stadt als einer der an­ge­se­hens­ten Ärz­te. Doch neben sei­ner chi­rur­gi­schen Arbeit ge­hör­ten auch sol­che Tä­tig­kei­ten zu sei­nen Auf­ga­ben, für die er prä­des­ti­niert zu sein schien. Denn nicht nur Sou­ness, son­dern auch vie­le an­de­re von Mur­phys Kol­le­gen kon­sul­tier­ten ihn ger­ne bei un­kla­ren To­des­fäl­len. Der ein­und­fünf­zig­jäh­ri­ge Me­di­zi­ner hat­te sich im Lau­fe der Jah­re einen ge­wis­sen Ruf bei der Fest­stel­lung der To­des­ur­sa­che eines Men­schen, wie die Au­top­sie of­fi­ziell hieß, er­wor­ben. Da die Poli­zei­be­hör­de der klei­nen Han­se­stadt nicht über eine eige­ne pa­tho­lo­gi­sche Ab­tei­lung ver­füg­te, über­stell­te man die Lei­chen von Ge­walt­ver­bre­chen grund­sätz­lich an das Hos­pi­tal der Stadt.

Mur­phy schien fast Ge­fal­len da­ran zu ha­ben, die­se von an­de­ren Ärz­ten oft­mals un­ge­lieb­te Tä­tig­keit vor­zu­neh­men, was letzt­lich eigent­lich nicht stimm­te. Nicht die Arbeit an sich be­rei­te­te ihm Freu­de, son­dern nur die Aus­sicht, den Hin­ter­blie­be­nen Ge­wiss­heit zu ver­schaf­fen und den Er­mitt­lern, so­fern es sich um einen ge­walt­sa­men Tod han­del­te, bei de­ren Be­mü­hun­gen, den oder die Tä­ter zu fas­sen, be­hilf­lich zu sein. In ers­ter Li­nie pro­fi­tier­te sein Freund Pat­rick Sou­ness von den trau­ri­gen Fä­hig­kei­ten des Dok­tors.

Mur­phy er­hob sich, steck­te sein Ther­mo­me­ter ein, mit wel­chem er die Tem­pe­ra­tur der Ge­tö­te­ten ge­mes­sen hat­te, und wand­te sich an Sou­ness. Zwar war die­se Me­tho­de zur Fest­stel­lung des To­des­zeit­punk­tes eine der un­si­chers­ten, ins­be­son­de­re bei Was­ser­lei­chen, doch auch sie trug wie ein klei­nes Mo­saik­stein­chen zum Ge­samt­bild bei.

»Pat­rick, kannst das ar­me Kind ab­trans­por­tie­ren las­sen. Ich be­gin­ne dann so­fort mit der Ob­duk­tion. So­bald ich et­was weiß, ru­fe ich dich an.«

Bei die­sen Wor­ten trat Fin­ley McGre­gor wie­der unter das Zelt­dach.

»Wer hat das al­les an­ge­ord­net?«, prus­te­te er.

»Re­gen Sie sich ab, Fin­ley. Der Fall ist bei Mr Sou­ness in bes­ten Hän­den.« Fio­na Grey be­deu­te­te dem De­pu­ty Chief mit einer Hand­be­we­gung, Ru­he zu be­wah­ren.

»Bei der To­ten han­delt es sich um ein jun­ges Mäd­chen, das ist Sa­che der Child Pro­tec­tion, und die lei­te ich. Mein Gott, das ist ja die klei­ne Pear­son!« Erst jetzt er­kann­te McGre­gor die To­te. »Was hat die bloß wie­der an­ge­stellt?«

Fin­ley McGre­gor hat­te in­zwi­schen den knall­oran­gen Sport­an­zug gegen sei­ne Poli­zei­uni­form ge­tauscht, die ihm je­doch seit ei­ni­gen Jah­ren schon et­was knapp auf den Rip­pen saß.

»Sie ken­nen die jun­ge Frau?«

»Pear­son. Den Vor­na­men weiß ich jetzt ge­ra­de nicht. Wohnt, – wohn­te draußen auf einer Farm in der Nä­he von Set­chey. An der Mill Road, glau­be ich.«

»Wo­her ken­nen Sie das Mäd­chen?«

»Ist, – war ein we­nig eine Wil­de. Hat­te das ein oder an­de­re Mal mit ihr zu tun. Ich sag­te ja, Child Pro­tec­tion. Ist mein Fall, Mrs Grey.«

»Es bleibt da­bei! So­lan­ge die To­des­ur­sa­che nicht fest­steht, ist Sou­ness zu­stän­dig. Stellt sich dann he­raus, dass es ein Un­fall war oder gar Selbst­tö­tung, dür­fen Sie ran, McGre­gor. Bas­ta!« Wie­der ein­mal hat­te sich die Poli­zei­che­fin gegen ihren re­ni­ten­ten Stell­ver­tre­ter durch­zu­set­zen. Der Mann war un­ver­bes­ser­lich.

Noch wäh­rend Fio­na Grey ihren De­pu­ty zu­recht­wies, trat ein Mann in den Pa­vil­lon. Nicht be­son­ders groß, unter­setzt, in teu­ren Mar­ken­jeans so­wie einem Sweat­shirt einer No­bel­mar­ke ge­klei­det. Sei­ne Haut war am Hals und an den Ar­men mit Quad­deln über­sät, die ihm ein un­vor­teil­haf­tes Aus­se­hen ver­lie­hen.

»Fio­na«, be­grüß­te er die Poli­zei­che­fin, um sich dann mit einem jo­via­len Kopf­ni­cken auch den üb­ri­gen An­we­sen­den zu­zu­wen­den, »darf man fra­gen, was hier los ist?«

Be­vor Sou­ness den Mann zur Re­de stel­len und ihn vom Tat­ort ver­wei­sen konn­te, wand­te sich Fio­na Grey zu dem Mann.

»Hal­lo Will, lan­ge nicht mehr ge­se­hen.«

»Ist das nun gut oder schlecht für mich?« Der An­ge­spro­che­ne lach­te, wo­bei dies recht ge­küns­telt klang.

»Das musst du sel­ber wis­sen«, kon­ter­te die Poli­zis­tin. »Darf ich vor­stel­len: Will So­les­ter, einer der Ma­na­ger des Kraft­werks hin­ter uns.« Sie deu­te­te mit dem Arm auf den mit Roh­ren, Lei­tun­gen, Tra­fos und sons­ti­gen Ag­gre­ga­ten über­sä­ten In­dust­rie­kom­plex hin­ter sich. »Fin­ley McGre­gor kennst du ja, und das ist Pat­rick Sou­ness, der neue Lei­ter unse­rer Kri­mi­nal­poli­zei. Will, ich mei­ne, So­les­ter und ich sind zu­sam­men zur Schu­le ge­gan­gen.« Die Be­mer­kung klang nicht ge­ra­de da­nach, dass die bei­den di­cke Schul­freun­de ge­we­sen wa­ren. »Da­nach ha­ben sich unse­re We­ge ge­trennt. Will kam erst vor ein paar Jah­ren wie­der hier­her zu­rück und über­nahm die Lei­tung eines Be­rei­ches die­ses Wer­kes, nach­dem er län­ge­re Zeit im Kern­kraft­werk Old­bu­ry ge­arbei­tet hat­te, be­vor man die­se Rost­lau­ben vom Netz ge­nom­men und ab­ge­schal­tet hat­te. Will, was führt dich zu solch frü­her Stun­de und zu­dem noch an einem Sonn­tag hier­her?«

»Fio­na, du weißt doch, Chefs ha­ben im­mer Be­reit­schaft, auch sonn­tags. Wird bei dir nicht an­ders sein. Mei­ne Leu­te, die heu­te Dienst ha­ben, ha­ben mich an­ge­ru­fen, und vo­ilà, hier bin ich. Al­so, was gibt es? «

Grey press­te die Zäh­ne zu­sam­men, rang sich dann aber doch zu einer Ant­wort durch. »Wir ha­ben hier ein jun­ges Mäd­chen aus dem Ka­nal ge­fischt. Tot. Mehr kann ich nicht da­zu sa­gen. Tut mir leid. Und nun bit­te ich dich, den Tat­ort oder Fund­ort oder was auch im­mer das hier ist, zu ver­las­sen. Ich möch­te nicht, dass du die Ge­gend mit dei­nen Spu­ren kon­ta­mi­nierst.«

So­les­ter hob ab­weh­rend die Hän­de. »Oh, schon gut, ich ge­he. Und lass mich wis­sen, wenn ich euch be­hilf­lich sein kann.« Da­mit wand­te er sich ab, nicht oh­ne zu­vor noch einen neu­gie­ri­gen Blick auf das to­te Mäd­chen ge­wor­fen zu ha­ben.

»Wird sich wahr­schein­lich nicht ver­mei­den las­sen. So­bald wir mehr wis­sen, ins­be­son­de­re den Zeit­punkt des To­des der jun­gen Da­me, wer­den wir auf dich zu­kom­men. Wir soll­ten wis­sen, wer zu dem frag­li­chen Zeit­punkt hier Dienst hat­te und viel­leicht et­was ge­se­hen oder be­merkt ha­ben könn­te. Und nun, bit­te lass uns unse­re Arbeit ma­chen.«

4. Kapitel

Wer mehr über die Zu­recht­wei­sung er­bost war, Fin­ley McGre­gor oder Will So­les­ter, ließ sich schlecht sa­gen, da bei­de das klei­ne Zelt schmol­lend ver­las­sen hat­ten. Sou­ness schüt­tel­te den Kopf, sag­te aber nichts, son­dern bat die bei­den Her­ren des Be­stat­tungs­unter­neh­mens he­rein, die in­zwi­schen an­ge­kom­men wa­ren. In ihrem schwar­zen Frack mit den lan­gen Schö­ßen sa­hen sie aus wie Witz­fi­gu­ren einer längst unter­ge­gan­ge­nen Kul­tur. Mit ge­üb­ten Grif­fen leg­ten sie die Lei­che in einen Zink­sarg, fal­te­ten die ob­li­ga­to­ri­sche Plas­tik­fo­lie da­rü­ber, ver­schlos­sen das kal­te Zwi­schen­grab und ver­frach­te­ten es in den Lei­chen­wa­gen. Ge­ra­de noch recht­zei­tig, denn in­zwi­schen hat­ten sich doch ei­ni­ge sonn­täg­li­che Spa­zier­gän­ger und zwei Rad­fah­rer auf dem Hoch­was­ser­damm ein­ge­fun­den. Neu­gie­rig schiel­ten sie zu der Un­glücks­stel­le, einer hielt so­gar in dreis­ter Hal­tung sein Smart­phone in die ent­spre­chen­de Rich­tung. Of­fen­sicht­lich ver­such­te er, mit­hil­fe der Zoom­funk­tion ein paar sen­sa­tio­nel­le Schnapp­schüs­se zu er­ha­schen. Pat­rick wür­de sich nicht wun­dern, wenn man die Auf­nah­men schon Mi­nu­ten spä­ter in den so­zia­len Me­dien vor­fin­den wür­de.

Aso­zia­le Me­dien, nann­te er die Hy­ä­nen von Face­book, Ins­ta­gram, Twit­ter und Co. Erst recht, wenn die­se in sei­ne Er­mitt­lungs­arbeit funk­ten oder die Op­fer oder de­ren An­ge­hö­ri­ge in ihrer Trauer ver­höhn­ten. Manch­mal er­wog er, die­se Un­men­schen zu ver­kla­gen. Doch meis­tens be­ließ er es bei dem Wunsch. Die Aus­sicht auf Er­folg recht­fer­tig­te den Auf­wand meist nicht. So war das nun mal, man muss­te da­mit le­ben.

»Fio­na, wol­len Sie den An­ge­hö­ri­gen die trau­ri­ge Nach­richt über­brin­gen, oder soll Ja­cob es ma­chen. Er könn­te dann be­reits die ers­ten Be­fra­gun­gen in der Fa­mi­lie vor­neh­men. Ja­cob, Sie wis­sen, wo die Farm der Pear­sons liegt?«

Ja­cob Wol­sten­hol­me war ein eigen­tüm­li­cher Kauz. Nä­her­te sich bald der Sech­zig und hat­te sich den­noch dem Cri­mi­nal-In­ves­ti­ga­tion-De­part­ment C.I.D. unter der Lei­tung von Pat­rick Sou­ness an­ge­schlos­sen, als die­ser die Aus­schrei­bung für die Stel­len plat­ziert hat­te. Nicht weil er sich einen Kar­rie­re­sprung da­durch er­hoff­te, son­dern weil er die miss­lau­ni­ge Art sei­nes bis­he­ri­gen Vor­ge­setz­ten McGre­gor nicht mehr er­tra­gen konn­te. Der De­pu­ty sah in sei­nen Mit­arbei­tern nur die nie­de­ren Arbeits­tie­re, die zu funk­tio­nie­ren hat­ten. Pri­va­tes ließ er nicht zu. So wuss­te Fin­ley McGre­gor, der, wie all­seits be­kannt war, dem Pe­tro-Dol­lar-Fuß­ball­klub aus Man­ches­ter hul­dig­te, nicht ein­mal, dass Wol­sten­hol­me den Gent­le­man­sport Cri­cket be­trieb. Im Gegen­teil, als er da­von er­fuhr, ver­höhn­te er sei­nen ehe­ma­li­gen Mit­arbei­ter.

»Ich ken­ne zwar die Pear­sons nicht, aber ich weiß, wo die Farm liegt. Chief, darf ich Sie be­glei­ten?«

»Ge­hen Sie ru­hig al­lei­ne, Ja­cob. Sie ma­chen das auf Ihre be­son­ne­ne Art be­stimmt groß­artig. Außer­dem muss ich mich mit dem Re­ve­rend des King’s Lynn Mins­ters zum Lunch tref­fen. Er will Fin­le­ys Chil­dren Pro­tec­tion Pro­jekt mit­hil­fe sei­ner Gläu­bi­gen unter­stüt­zen. Bin mal ge­spannt, was der für Ideen hat. Na ja, zum Schutz unse­rer Ju­gend in der heu­ti­gen Zeit kann man si­cher auch gött­li­chen Bei­stand ge­brau­chen.«

»Dan­ke, Ma’am für Ihr Ver­trau­en.« Ein sol­ches hat­te man ihm wohl in den ver­gan­ge­nen zwan­zig Jah­ren unter McGre­gor nicht ent­gegen­ge­bracht. Mit einer an­ge­deu­te­ten Ver­beu­gung ver­ließ er den trau­ri­gen Schau­platz.

»Un­cle Sam, du gehst bit­te in das C.I.C. und hältst die Stel­lung dort. Ich bin über­zeugt, wir wer­den schon bald dei­ne Hil­fe in Sa­chen Bü­ro­kra­tie und Com­pu­ter brau­chen.«

»Aye, geht klar, Chef.« Sa­muel Cook, bei dem sich sei­ner ame­ri­ka­ni­schen Ab­stam­mung we­gen sein Spitz­na­me Un­cle Sam ein­ge­bür­gert hat­te, hat­te die Drei­ßig noch nicht er­reicht, war ein stets um­trie­bi­ger, ideen­rei­cher jun­ger Kri­mi­na­list, der sich der Bü­ro­kra­tie und den Com­pu­tern ver­schrie­ben hat­te. Wann im­mer es et­was zu re­cher­chie­ren gab, Cook fand, was man such­te. Da­zu be­herrsch­te er die mo­der­nen Tech­ni­ken aus dem Eff­eff, war trotz der tri­sten Schreib­tisch­arbeit stets gut ge­launt und lenk­te Sou­ness oft auf un­kon­ven­tio­nel­le Ge­dan­ken­gän­ge. Sam wür­de es ein­mal weit brin­gen, da war sich der In­spec­tor si­cher.

Das C.I.C., das Cri­mi­nal-In­ves­ti­ga­tion-Cen­ter, wel­ches die neu ge­grün­de­te Kri­mi­nal­poli­zei be­hei­ma­te­te, lag nur un­weit des Fund­or­tes der Lei­che di­rekt an der High-Road. Dort hat­ten die Kol­le­gen des De­part­ments seit ge­rau­mer Zeit ihre Zel­te auf­ge­schla­gen, bis der Neu­bau end­lich ab­ge­schlos­sen sein wür­de. Doch bei den heu­ti­gen Hin­der­nis­sen für sol­che Bau­ten wür­den be­stimmt noch Jah­re ver­ge­hen.

»Soll ich das Team zu­sam­men­trom­meln?«, frag­te Cook, be­vor er den Lei­chen­fund­ort ver­ließ.

»Nein, lass mal, so­lan­ge wir nicht si­cher wis­sen, ob es sich um ein Ver­bre­chen han­delt und wir so­mit zu­stän­dig sind. Gön­ne den Kol­le­gen ihren Sonn­tag.«

Das Team, wie es Cook be­zeich­ne­te, be­stand neben ihm selbst, Ja­cob Wol­sten­hol­me und dem Chef Sou­ness noch aus drei wei­te­ren Per­so­nen.

Zu­nächst Ann-Ma­rie Thorn, die ein­zi­ge Frau im Kern­team. Ann-Ma­rie war erst kurz zu­vor von der Poli­zei­aka­de­mie ge­kom­men und hos­pi­tier­te so­zu­sa­gen bei der Kri­po. Sie hat­te wie einst ihre Che­fin, Fio­na Grey, al­le Prü­fun­gen mit Best­no­ten ab­sol­viert. Für die Poli­zei­che­fin war klar, die­se jun­ge Poli­zis­tin durf­te nicht an ir­gend­ei­ner Stra­ßen­kreu­zung als Hü­te­rin der Ver­kehrs­re­geln ver­sau­ern.