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Im schmutzigen Wasser des Flood-Relief-Channels wird die missbrauchte Leiche der jungen Elle Pearson gefunden. Wer steckt hinter dieser barbarischen Tat? Eine neue Herausforderung für Patrick Souness, der in der erzkonservativen Kleinstadt King’s Lynn nicht nur gegen das Verbrechen kämpft, sondern dazu noch im stellvertretenden Polizeichef Finley McGregor einen erbitterten Feind in der eigenen Polizeiorganisation hat.
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2025
Alfred Hägele
Sündenpool
Ein King's Lynn Krimi
Impressum
© 2025 Alfred Hägele
Coverdesign: Simon Renner
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany
Paperback ISBN 978-3-384-44316-8
e-Book ISBN 978-3-384-44317-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich.
Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter:
Alfred Hägele, Seitsberger Str. 2, 73433 Aalen, Germany
Über das Buch
Klarstellung
Über den Autor
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
Danksagung
Weitere Veröffentlichungen
Patrick Souness ist Schwarz, seine Chefin, die Polizeipräsidentin, eine Frau. Beide haben es in dem konservativen Hansestädtchen King’s Lynn im Südosten Englands nicht einfach, sich zu behaupten. Insbesondere, da sie in Finley McGregor einen Deputy Chief Constable, also einen stellvertretenden Polizeichef, vorfinden, der noch in Denkmustern vergangener Jahrzehnte verhaftet ist.
In Sündenpool, dem zweiten Fall der King’s Lynn Krimis wird in diesem spannungsgeladenen Umfeld an der Frischwasserentnahmestelle der Papierfabrik eine nackte Mädchenleiche gefunden. Entgegen der Hoffnung, das Mädchen könnte durch einen Unfall ums Leben gekommen sein, stellt sich schnell die Diagnose heraus.
Mord!
Damit ist Deputy Chief Constable Finley McGregor, der im King’s Lynn Police Department die Division Children Protection leitet, raus. Die Ermittlungen übernimmt Detective Superintendent Patrick Souness, dem es dank seiner akribischen Arbeit gelingt, sehr zum Missfallen einiger angesehener Männer in der Region, den Fall aufzuklären.
Dieses Buch ist ein Roman und daher Fiktion. Handlungen und Charaktere sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.
Bei den Örtlichkeiten handelt es sich jedoch weitgehend um Originalschauplätze, von denen nur ab und an aus dramaturgischen Gründen abgewichen wurde.
Der Autor wurde 1957 in einer schwäbischen Kleinstadt geboren und arbeitete nach seiner Ausbildung zum Bilanzbuchhalter sowie einem Abendstudium der Betriebswirtschaftslehre bis zu seiner Pensionierung im Beteiligungscontrolling internationaler Unternehmensgruppen. Zuletzt durfte er die europaweite Expansion eines bedeutenden süddeutschen Papierkonzerns begleiten.
Seine Liebe zu King’s Lynn entdeckte er während unzähliger Geschäftsreisen in dieses beschauliche Hanse-Städtchen an der Mündung des Great Ouse in die Nordsee. Kein Wunder, dass in all seinen King’s Lynn Krimis die dort ansässige Papierfabrik immer eine gewichtige Rolle spielt.
Elle Pearson taumelte gegen das offene Fluttor, welches die Stadt bei Hochwasser vor Überflutung schützte. Ein Bordstein brachte sie zu Fall. Fast wäre sie in die braune Brühe des Flusses Great Ouse gestürzt, doch zwei starke Arme ergriffen ihren torkelnden Körper.
In ihrem Kopf tanzten tausend Flammen, trockener Speichel klebte in Mund und Rachen, ihr Magen drehte sich um, doch sie schaffte es nicht, sich zu übergeben. Der Mann lächelte, zog sie an seine breite Brust und trug sie zu seinem Auto. Sanft legte er sie auf eine dicke, mit blauer Folie überzogene Schaumstoffmatte im Laderaum des Transporters. Um ihre Hand- und Fußgelenke wand er Stoffbänder, verknotete diese an den an der seitlichen Bordwand angeschweißten Laschen.
Elle bekam es nicht mehr mit. Ihr Körper schwebte in anderen Sphären des Daseins.
Schlafen. Nur noch schlafen.
Der Fiat Ducato rumpelte über das grobe Kopfsteinpflaster, langsam, gemächlich. Kein Motor heulte auf, keine Bremse quietschte. Bald verloren sich die Lichter im nebligen Nachthimmel.
Weit draußen vor der Stadt hielt der hässlich braune Kastenwagen vor einem schmiedeeisernen Tor an. Der Fahrer stieg aus und drückte eine Zahlenkombination in ein schwach beleuchtetes Tastenfeld. Er fletschte die Zähne. Das Tor schwang geräuschlos zurück und gab den Durchlass in das riesige Grundstück frei. Leise knirschte es, als die Reifen über die mit feinen, weißen Kieselsteinen belegte Einfahrt schrubbten. Hinter einer blickdichten Ligusterhecke hielt das Fahrzeug an, zwei weitere Männer warteten bereits auf die wertvolle Fracht.
Man trug das Mädchen in einen Raum, in dem es angenehm salzig roch, und legte sie auf ein breites, weiches Bett.
Elle rekelte sich. Es tat gut, die Glieder auszustrecken. Sie blinzelte. Über ihr tanzten keine Flammen mehr, sondern engelsgleiche Putten. Sie strahlten mit der Sonne und tausend kleinen Sternen um die Wette. Eine wohlige Wärme durchflutete ihren Körper, sie war im Himmel.
Der Fahrer zog ein Messer aus dem Gürtel, durchschnitt Elles pinkfarbenen Lieblingspullover, ihren kurzen schwarzen Lederrock und warf die Textilfetzen achtlos in eine Ecke. Nur noch Slip und BH bedeckten ihre Blöße. Drei Augenpaare gierten sie an.
»Mach schon, Ed…«
»Keine Namen«, zischte der Boss.
»Sie wird sich an nichts mehr erinnern«, sagte der Fahrer.
»Trotzdem.«
Zwei schnelle Schnitte und Elle lag nackt vor den Männern.
»Zufrieden?«
»Wir werden sehen.« Der Boss warf den schwarzen Umhang von seinen Schultern, Lederriemen schnürten die bleiche, wabbelige Haut ein. Brust und Penis quetschten sich wie nutzloses Fleisch durch schmale Schlitze, sie fieberten nach Befriedigung. Er keuchte. Quälte seinen massigen Körper auf die breite Liege, schob Elles Schenkel auseinander, rieb sich im Schritt, doch sein Schwanz versagte.
»Mach du«, rief er. »Die Schlampe ist es nicht wert.«
Der Angesprochene lehnte das Angebot nicht ab. Er zerrte seine Hose vom Leib, machte sich über das wehrlose Mädchen her und drang mit roher Gewalt in sie ein.
»Verdammt«, schrie er, »da war heute schon jemand drin! Kannst du kein Frischfleisch besorgen, so wie es der Boss befohlen hat?«
Der Fahrer starrte auf Elle.
»Woher sollte ich das wissen? Ich habe sie frisch angemacht. Wenn sie aber vorher schon …? Ich bin doch kein Hellseher!«
»Schaff die Nutte fort. Sofort!« Der Boss wandte sich ab und verließ den Raum. Der andere folgte ihm.
»Verdammte Hure«, stöhnte der Fahrer. »Der Alte straft mich dafür. Das wirst du mir büßen.«
Wütend riss er sich selbst die Hose runter, stürzte sich auf Elle und stach sein Fleisch in sie. Wieder und immer wieder, bis er keuchend kam. Dann zerrte er sie von der Liege und warf sie in das Wasser.
»Von mir aus ersauf wie eine räudige Katze!«, rief er ihr nach und setzte sich an den Rand. Mit auf die Schenkel gestützten Ellenbogen schaute er auf die Blasen, die Elles Mund entströmten, bis diese kleiner wurden und endlich versiegten.
»Hast’s verdient, Schlampe«, keuchte er, als er den leblosen Körper aus dem Wasser zog, ihn in den Ducato wuchtete und aus der Einfahrt des Anwesens in die Nacht rauschte.
Kein Stern am Himmel, nicht einmal die blasse Sichel des Mondes erhellte die Dunkelheit, die fortan auch über Elle herrschen würde.
»Verdammt, schon wieder eine Störung!« Guido Mück starrte auf seine Messgeräte.
Die Leitwarte der Kläranlage war an diesem Sonntagmorgen nur spärlich besetzt. Neben Mück versah noch Ebi Yousef, ein irakischer Flüchtling, den Dienst in der hochmodernen Anlage zur Abwasserreinigung der Papierfabrik.
Mück, ein hochgewachsener, schlanker Mann im besten Alter, mit akkurat gestutztem Bart und bis in den Nacken reichenden dunkelblonden Haaren, leistete bereits damals, als die Fabrik aufgebaut wurde, hervorragende Dienste. Daher wurde er mit dem Posten des Leiters der Kläranlage betraut, obwohl er über kein technisches Studium verfügte, sondern nur eine Ausbildung zum Klärmeister absolviert hatte. Doch Mück galt in Fachkreisen als absoluter Spezialist, das komplizierte System zur Reinigung von Abwässern einer Papierfabrik zu lenken. Bis zum Bau der neuen Anlage in England fungierte er als Vorarbeiter in der Kläranlage des Mutterunternehmens, eines im Süden Deutschlands ansässigen Herstellers von Wellpappenrohpapieren. Die dortige Betriebsleitung ließ den Mann zwar nur ungern ziehen, verbaute ihm jedoch auch nicht die einzigartige Karrierechance. Mück dankte es den Bossen, indem er die heikle Aufgabe mit Umsicht und Bravour meisterte.
Ebi Yousef war mit der großen Flüchtlingswelle vor einigen Jahren nach Europa gekommen und hatte sich bis nach England durchgeschlagen. Ebi ruhte sich von Anfang an nicht auf den Almosen des Staates aus. Obwohl ohne Ausbildung, fand er, seiner Beharrlichkeit wegen, einen Job in der Kläranlage der Papierfabrik, denn keine auch noch so schmutzige Arbeit war ihm zuwider, selbst wenn es darum ging, durch stinkende Klärbrühe zu waten. Erst vor Kurzem war ein Schlauch geplatzt. Yousef stürzte sich mit seinem gesamten Körper auf die undichte Stelle, damit kein Schmutzwasser in den Produktionskreislauf geriet. Fast eine Stunde harrte er aus, bis die Kollegen eine Ersatzleitung legen konnten. Dies nötigte ihnen gehörigen Respekt ab. Zudem trug Ebi meist ein Lächeln auf den Lippen. Ja, man glaubte ihm, wenn er versicherte, er liebe seine Arbeit.
»Josef, schaust du mal«, Mück neckte seinen Mitarbeiter oft mit dem deutschen Namen, »ob wieder die Pumpe stehen geblieben oder ein verdammtes Rohr verstopft ist? Die Sensoren am Einlauf des Frischwasserkanals zeigen eine verminderte Leistung.«
»Bin schon unterwegs, Chef.« Ebi steckte sein Walkie-Talkie ein und stob die Stufen des Treppenhauses in der Leitwarte hinunter. Vorbei am öffentlichen Kraftwerk spurtete er bis zum Flood-Relief-Channel, an dessen Ende sich die Rückstauklappe für die Frischwasserentnahme befand. Dieses Stauwehr verhinderte bei Flut das Eindringen von Salzwasser in den Kanal. In einer Tiefe von vielleicht zwei Metern ragte der mit einem groben Sieb verschlossene Ansaugstutzen in den Kanal hinein. In letzter Zeit kam es des Öfteren durch angeschwemmtes Gerümpel zu Verstopfungen, weswegen die Techniker an einer Vorrichtung zur Abhilfe tüftelten. Bis man jedoch eine entsprechende Lösung fand, hingen am Geländer des Ufers Stangen unterschiedlicher Längen, mit Sieben, Keschern oder verschieden geformten Haken an der Spitze. Mit diesen war der Müll von den Rohren wegzuziehen und aus dem Kanal zu fischen. Ebi schnappte sich die längste Stange, die mit einer Metallspitze versehen war, und stocherte damit im Wasser. Bald traf er auf Gegenwehr. Ein schwerer, großer Gegenstand, den Ebi durch die trübe Brühe nicht identifizieren konnte, versperrte das Saugrohr. Er zerrte und rüttelte, bis er das wabbelige Ding endlich von dem Sieb bekam und an die Oberfläche zog.
»Fuck!« Das dünne Metallrohr mit dem komischen Etwas daran fiel ihm aus den Händen und Ebi stürzte rücklings in das feuchte Gras.
Der Haken der Stange steckte im Fleisch einer nackten Leiche!
* * *
»Mück, was gibt’s denn so Wichtiges, dass Sie mich am heiligen Sonntag in der Frühe aus dem Bett klingeln? Ist die Fabrik abgefackelt?« Damon Chandler, der Betriebsleiter der Papierfabrik, stellte seine Kaffeetasse ab, noch bevor er den ersten Schluck daraus getrunken hatte.
»Nicht ganz Chef, aber eine Katastrophe ist es schon.« Guido Mück bewahrte in den meisten Fällen Ruhe, allzu viel Hektik brachte nichts, schadete eher. Kein Wunder bei seinem Beruf, denn wenn im Klärbecken die Werte nicht optimal waren, analysierte man erst einmal, was den Mikroben bei ihrer Arbeit zu schaffen machte, bevor man ihnen mit ein paar geheimnisvollen Ingredienzen die Lust am Fressen wieder zurückbrachte. Doch was er im trüben Wasser des Flood-Relief-Channels sah, beunruhigte ihn schon ein wenig. Eine Leiche, eine nackte Frauenleiche, wie es schien, kam auch in Guidos Alltag normalerweise nicht vor.
Ebi Youssef hockte noch immer mit bleichem Gesicht im feuchten Gras, sofern man bei seinem dunklen Teint überhaupt von Blässe sprechen konnte. Seine Meldung über das Funkgerät an Mück hatte dieser zwar nicht so richtig verstanden, doch dass etwas Ungewöhnliches passiert sein musste, war klar.
Die Sicherheitsvorschriften für Stör- oder auch Unglücksfälle sahen eine genau festgelegte Benachrichtigungskette vor. Innerhalb des Betriebsgeländes musste zunächst die Tag und Nacht besetzte Pforte über eine spezielle Nummer verständigt werden. Diese informierte in der Regel den Schichtwerkführer. Gleichzeitig setzte man bei Feuer oder Personenschäden einen Notruf an die Feuerwehr und den Rettungsdienst ab. In außergewöhnlichen Fällen war der COO, der Betriebsleiter für das gesamte Werk, Damon Chandler, direkt zu kontaktieren.
Guido Mück war sicher, eine Leiche am Frischwasser-Ansaugstutzen war ein außergewöhnlicher Fall.
»Ich bin in einer halben Stunde da. Rufen Sie bitte selbst die Polizei. Sie haben doch die Nummer?« Chandler wohnte in dem malerischen Örtchen Gayton, zehn Meilen außerhalb von King’s Lynn. »Aber bitte keine Auskünfte über die Firma. Zu Ihrer Person und dem Hergang des Fundes ja, aber nicht mehr. Das muss alles von mir abgesegnet werden. Neue Order aus Deutschland. Da haben wohl einige vorwitzige Mitarbeiter Betriebsgeheimnisse ausgeplaudert.«
Die erst vor wenigen Jahren auf dem Gelände einer ehemaligen Zuckerrübenfabrik erbaute Papierfabrik befand sich im Eigentum eines europaweit agierenden süddeutschen Papierkonzerns. Die Deutschen legten nicht nur großen Wert auf positive Berichterstattung in den Medien, sondern auch auf korrekte Arbeitsweise. Die entsprechende Anweisung an die Chefs aller Niederlassungen war eine dieser Maßnahmen. Es durfte nicht wieder ein solches Malheur passieren wie vor einem halben Jahr. Damals schlich sich ein Verrückter auf das Dach der Firma und erschoss von dort einen Rennfahrer in der nahen Speedway-Arena. Zwar konnte der Fabrik kein Versäumnis nachgewiesen werden, obwohl ein gutgläubiger Arbeiter dem Schützen den Zugang verschafft hatte. Die besondere Ironie des Schicksals war, dass der Mann damit das Todesurteil seines eigenen Sohnes unterschrieben hatte. Die tragische Geschichte ging damals wochenlang durch alle Medien, nicht nur in England, nein, auch in Deutschland. Als Konsequenz wurden daher alle Sicherheitsmaßnahmen des Werkes verschärft und überall Kameras installiert. Zudem hielt der Sicherheitsbeauftragte außer der Reihe entsprechende Schulungen ab und impfte allen Teilnehmern äußerste Wachsamkeit ein. Während dieser Unterweisung erhielten die leitenden Angestellten auch die Telefonnummern von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst.
Mück wählte die in seinem Smartphone eingespeicherte Nummer. Eine freundliche Dame fragte nach seinem Begehr. Er gab den Sachverhalt durch, worauf die Dame versprach, man würde sich darum kümmern.
Zeitgleich mit Chandler traf Deputy Chief Constable Finley McGregor am Flood-Relief-Channel ein.
McGregor, ein kleiner, untersetzter Endfünfziger, der gut und gerne auch als Endsechziger durchgegangen wäre, stapfte durch das feuchte Gras. Seine orangeroten Haare standen in alle Richtungen, man konnte nicht sagen ob wegen des vom Fluss her ständig wehenden Windes, oder ob der Mann schon seit Tagen keinen Kamm gesehen hatte. Ein Wischmopp wäre stolz auf eine solche Frisur.
»Na, wer erlaubt sich denn am frühen Sonntagmorgen einen Scherz mit der Polizei?«
»Kein Scherz, Constable, schreckliche Wahrheit.« Guido Mück schüttelte den Kopf.
»Deputy Chief Finley McGregor. Ein bisschen Höflichkeit darf schon sein.« McGregor trat auf die am Ufer aufgeschichteten Rasensoden, damit er zu dem Deutschen nicht allzu sehr aufblicken musste.
»Entschuldigung, Sir, ohne Uniform konnte ich Ihren Rang nicht erkennen.« Mück deutete eine leichte Verbeugung an. Die kleine Spitze hatte der Polizist verdient, erschien er doch in einem orangefarbenen Jogginganzug am Fundort einer Leiche. Offenbar hatte man ihn bei seinem Frühsport gestört, den er bitternötig zu haben schien.
»Hier sehen Sie.« Der Klärmeister nahm die Stange und zog den Körper damit an das Ufer.
»Verdammt! Wer hat die Leiche gefunden?«
Mück deutete auf den kleinen Iraker. »Ebi, mein Mitarbeiter.«
Finley schaute den Mann mit grimmiger Mine an. »Was macht der hier um diese Zeit?«
»Die Sensoren am Frischwassereinlauf zeigten eine Störung. Ich habe Yousef losgeschickt, um nachzuschauen, was da los ist.«
»Zieht die Leiche an das Ufer.«
Jetzt mischte sich Chandler in das Gespräch ein. »Meinen Sie nicht, Mr McGregor, wir sollten Mr Souness anrufen?«
McGregor drehte sich in einer Geschwindigkeit zu dem Sprecher hin, die ihm wohl keiner zugetraut hätte.
»Was wollen Sie mit dem?«
»Ist Mr Souness nicht der Chef für Mordermittlungen?«
»Wer sagt Ihnen, dass wir einen Mord hier haben? Vielleicht wollte die Kleine schon im Morgentau schwimmen gehen? Oder joggen und ist ausgerutscht? Oder sie hat sich aus Verzweiflung, weil ihr Lover sie verlassen hat, selbst in die Fluten gestürzt.«
Die Männer der Papierfabrik schauten einander an und schüttelten die Köpfe. Wie konnte ein Polizist nur so respektlos über eine Mädchenleiche reden.
»Mr Chandler, Sie brauchen mich nicht zu benachrichtigen. Ich habe die Nachricht im Polizeifunk selbst mitbekommen.«
Patrick Souness, der Ermittler des neu gegründeten Criminal-Investigation-Departments C.I.D. eilte über den schmalen Flurweg, welcher von der High-Road hin zum Flutkanal führte. Dort hatte er seinen knallroten Flitzer, einen Alfa Spider mit 240 PS, Baujahr 1970, abgestellt. Dem liebevoll gepflegten Oldtimer durfte er den steinigen Weg nicht zumuten. Souness’ kurz geschorene Haare stachen aus der dunklen Kopfhaut hervor wie die Stacheln eines neugeborenen Igels. Souness war schwarz, was in der Polizeiorganisation der konservativen Kleinstadt am nördlichen Zipfel Südostenglands ein großes Hemmnis darstellte. Insbesondere bei Deputy Chief Constable Finley McGregor, dem stellvertretenden Polizeichef. Dieser lehnte Frauen, Schwarze und alle ab, die nicht schon seit mindestens fünf Generationen in England lebten.
In King’s Lynn hatten Außenstehende einen schweren Stand.
»Souness, Sie können gerne wieder nach Hause gehen und mit Ihrer jüngsten Errungenschaft unter die Decke schlüpfen. Ich komme auch ohne Sie klar«, blaffte McGregor.
Patricks Hang, keinem weiblichen Augenaufschlag widerstehen zu können, hatte sich inzwischen nicht nur im Revier, sondern in der ganzen Stadt herumgesprochen. Ebenso der Hass, welchen der Deputy dem neuen Inspector entgegenbrachte.
»Wenn Sie wollen, kann ich Sie auf Ihrer Joggingtour begleiten und wir überlassen die Sache hier einem der Bobbys.« Souness deutete auf die beiden Uniformierten, die eben über das Gelände zum Fundort der Leiche stapften.
»Pff«, zischte McGregor, sagte aber weiter nichts. Er schien genau zu wissen, wie recht der Kommissar hatte.
»Keiner rührt etwas an, am allerwenigsten das arme Mädchen, bis die Spurensicherung nicht alles untersucht hat.« Souness übernahm mit strengen Worten das Kommando. Er angelte sein Smartphone aus dem zerknitterten Jackett und tippte darauf herum.
»Henry, wir brauchen dich und deine ganze Mannschaft. Ja, ich weiß, es ist Sonntagfrüh, aber das arme Mädchen, welches wir hier nackt im Flutkanal haben, hat sich seinen Todeszeitpunkt bestimmt nicht selbst ausgesucht. Ja, ich rufe Lewis an und auch den Bestatter.« Dann gab er noch den genauen Standort durch und führte das nächste Gespräch.
»Doktor Murphy, ich meine Lewis. Ja es ist ein Notfall, wenn ich dich um diese Uhrzeit anrufe.« Dann wiederholte er das Gespräch, das er eben bereits geführt hatte.
Henry Horglan war der Leiter der kriminaltechnischen Abteilung der Polizei in King’s Lynn. Als solchem oblag ihm die Untersuchung von Tatorten oder Fundorten von Opfern, sollten diese nicht identisch sein. Zusammen mit seinem Team sammelte er Spuren, wertete sie aus, nahm Fingerabdrücke, bestimmte Herkunft und Beschaffenheit eventuell tatrelevanter Materialien oder ermittelte, um welche Tatwaffen es sich handelte.
Doktor Lewis Murphy war Arzt am hiesigen Krankenhaus, dem Queen-Elizabeth-Hospital. Seine Liebe und Fachkompetenz für die Pathologie waren allseits bekannt und geschätzt.
Souness, Horglan und Murphy verband eine tiefe Freundschaft, die sich anfangs auf beruflicher Basis gegründet hatte, und sich danach sukzessiv bis in das Privatleben ausdehnte. Mal trank man nach Feierabend ein Bier zusammen, mal besuchte man gemeinsam ein Konzert oder eine Sportveranstaltung. Ein jeder schätzte den anderen, man konnte sich aufeinander verlassen. Horglan und Murphy hatten den Jüngsten des Trios, Patrick Souness, mit seinen gerade mal fünfunddreißig Jahren von Anfang an aufgenommen, als ob er schon immer dazugehören würde.
Bis zum Eintreffen des Arztes und der Techniker ließ der Inspector die Uniformierten die Gegend um den Fundort der Leiche großräumig mit rot-weißen Flatterbändern absperren und bat Damon Chandler um ein Schutzzelt gegen neugierige Blicke. Zwar war zu dieser Uhrzeit noch niemand unterwegs, doch das würde sich bald ändern. Der Damm, der den breiten Fluss Great Ouse bei Flut vor Überschwemmung des Hinterlandes schützte, war ein beliebter Ort für Spaziergänger und Jogger. Auf seiner Krone hatte man einen asphaltierten Weg aufgebracht, welcher von Sportlern oder Naturliebhabern gerne frequentiert wurde.
Chandler schickte den kleinen Iraker in die Werkstatt der Papierfabrik. Dort bewahrte man Zelte verschiedener Größen auf, unter denen die Männer der Instandsetzungstruppe arbeiten konnten, wenn mal wieder eine Reparatur an einer Rohrleitung im strömenden Regen nötig war. Ebi flitzte und kam bereits wenige Minuten später mit zwei weiteren Kollegen und einem Pavillonzelt wieder. Sie entfalteten es und stellten es auf Anweisung in unmittelbarer Nähe zum Ufer auf.
Finley McGregor bat derweil, sich kurz verabschieden zu dürfen. Bis zum Eintreffen der Untersuchungsbeamten würde man hier wohl auch ohne ihn auskommen. Er fühlte sich scheinbar doch etwas unwohl in seinem orangen Jogginganzug. Patrick gewährte dem Deputy gerne den Wunsch.
Inzwischen füllte sich das Gelände mit Menschen. Souness’ beide engsten Mitarbeiter, Jacob Wolstenholme und Samuel Cook, trafen ebenso ein, wie die Polizeipräsidentin Fiona Grey. Auch war man im Gebäude des in unmittelbarer Nähe gelegenen Kraftwerkes auf das Geschehen aufmerksam geworden, weshalb einige neugierige Köpfe aus den verschmierten Fenstern der Leitwarte schauten. Glücklicherweise störten noch keine Zuschauer oder noch schlimmer, Presseleute, die Ermittlungen.
Endlich trafen auch Horglan und Murphy ein.
Das Brummen Horglans 6-Zylinder-Turbo-Diesels war nicht zu überhören, als die 355 PS den Dodge-Pickup über den schmalen Flurweg von der High-Road zum Kanal beförderten. Dieser Karre konnte auch die schlimmste Schotterpiste nichts anhaben. Henry Horglan, der Mann mit dem 5-Tage-Bart und dem Faible für Wildwest, stülpte seinen Hut auf den Kopf, stieg von seinem Bock und trat zu den Wartenden.
»Vorbildlich, Paddy«, begrüßte er Souness, als er die Absperrmaßnahmen sah, und klopfte ihm auf die Schultern. »Ich hoffe, das Feld hier wurde noch von keiner Horde Büffel zertrampelt. Jungs, sucht schon mal die Gegend ab, bevor wir das arme Kind aus dem Wasser ziehen.«
Seine Männer, die inzwischen ebenfalls angekommen waren, zogen sich ihre weißen Overalls sowie Überziehschuhe über und bewaffneten sich mit Einweghandschuhen, Kameras, Lupen und Greifzangen. Wie eine Kolonie Ameisen schwärmten sie aus und durchleuchteten akribisch jeden Quadratzentimeter. Die Männer waren geübt in solchen Sachen.
»Da ist nichts zu finden«, sagte einer der Techniker nach einer Weile, »ich fürchte, der Fundort ist nicht der Tatort. Vermutlich hat man das Opfer nicht einmal hier in den Kanal geworfen.«
»Dann bergt die Leiche aus dem Wasser und lasst den Doktor ran.«
Alle Beteiligten gingen wie selbstverständlich von einem Verbrechen aus. Keiner kam auch nur annähernd auf die absurde Idee McGregors, es könnte sich um einen Unfall oder um Selbstmord handeln.
Vorsichtig bugsierten zwei Beamte den Körper mithilfe der Stangen an das Ufer und zogen ihn über die Rasensoden. Die Männer der Papierfabrik stellten das Pavillon-Zelt über die Leiche, unter welches Horglan, Souness, Doktor Murphy und die Polizeichefin schlüpften.
»Mein Gott, das ist ja schrecklich.« Fiona Grey, die Polizeichefin von King’s Lynn, beugte sich über das tote Mädchen. Bisher hatte sie sich zurückgehalten und den Spezialisten den Vortritt gelassen. Mit ihrer Größe von weit über eins achtzig wäre es auch in dem niedrigen Zelt schwierig geworden. Nur Souness überragte seine Chefin um mehr als eine Handbreit.
Wie zu jeder Tages- und wer weiß, vielleicht auch Nachtzeit, war Grey auch an diesem Sonntagmorgen tadellos gekleidet und frisiert. Sie trug einen schmalen weinroten Rock aus grobem Stoff, welcher wenige Fingerbreit über dem Knie endete. Unter dem anthrazitfarbenen Blazer lugten die Spitzen einer weißen Bluse hervor. Über dem Revers baumelte eine Bernsteinkette. Die dünnen Absätze ihrer schwarzen Stiefeletten drückten sich tief in den weichen Grasboden ein.
Trotz des Windes, welcher außerhalb des Zeltes kräftig blies, bewegten sich keine auch noch so feinen Strähnchen ihrer grau melierten halblangen Haare. Hätte ein Fotograf ein Modell einer seriösen Mittfünfzigerin in einer Führungsposition gesucht, wäre Fiona Grey dafür prädestiniert gewesen.
»Das arme Kind. Doktor, können Sie schon etwas über ihr Schicksal sagen?«
Dass es sich bei der Toten um ein junges Mädchen handelte, konnte jedermann unschwer erkennen.
Doktor Lewis Murphy ließ sich von der Frage der Polizeichefin nicht aus dem Konzept bringen. Sorgsam untersuchte er den leblosen Körper, schüttelte den Kopf und zog eine dünne Decke bis zur Halskrause über den Leichnam.
»Tut mir leid, Mrs Grey, zur Todesursache kann ich noch gar nichts sagen. Bis auf diese Fleischwunden«, er hob das Tuch etwas an und deutete mit dem Finger seiner behandschuhten Hand auf zwei tiefe Löcher im seitlichen Hüftbereich der Toten, »kann ich keine äußerlichen Verletzungen feststellen. Doch dürften diese Wunden post mortem durch den Einsatz der Stange mit der Stahlspitze hervorgerufen worden sein, mit welcher man das Mädchen erst vom Ansaugstutzen weg und dann an Land gezogen hat. Bevor Sie nach dem Todeszeitpunkt fragen, hier gleich meine vorsichtige Vermutung: In Anbetracht der noch nicht vollständig ausgeprägten Leichenstarre und der niedrigen Wassertemperaturen dürfte der Tod irgendwann zwischen Mitternacht und dem frühen Morgen eingetreten sein.
Näheres nach der Obduktion. Ich bitte um Ihr Verständnis.«
»Natürlich, Doktor.«
Louis Murphy war kein speziell ausgebildeter Pathologe, vielmehr versah er seinen Dienst am Krankenhaus der Stadt als einer der angesehensten Ärzte. Doch neben seiner chirurgischen Arbeit gehörten auch solche Tätigkeiten zu seinen Aufgaben, für die er prädestiniert zu sein schien. Denn nicht nur Souness, sondern auch viele andere von Murphys Kollegen konsultierten ihn gerne bei unklaren Todesfällen. Der einundfünfzigjährige Mediziner hatte sich im Laufe der Jahre einen gewissen Ruf bei der Feststellung der Todesursache eines Menschen, wie die Autopsie offiziell hieß, erworben. Da die Polizeibehörde der kleinen Hansestadt nicht über eine eigene pathologische Abteilung verfügte, überstellte man die Leichen von Gewaltverbrechen grundsätzlich an das Hospital der Stadt.
Murphy schien fast Gefallen daran zu haben, diese von anderen Ärzten oftmals ungeliebte Tätigkeit vorzunehmen, was letztlich eigentlich nicht stimmte. Nicht die Arbeit an sich bereitete ihm Freude, sondern nur die Aussicht, den Hinterbliebenen Gewissheit zu verschaffen und den Ermittlern, sofern es sich um einen gewaltsamen Tod handelte, bei deren Bemühungen, den oder die Täter zu fassen, behilflich zu sein. In erster Linie profitierte sein Freund Patrick Souness von den traurigen Fähigkeiten des Doktors.
Murphy erhob sich, steckte sein Thermometer ein, mit welchem er die Temperatur der Getöteten gemessen hatte, und wandte sich an Souness. Zwar war diese Methode zur Feststellung des Todeszeitpunktes eine der unsichersten, insbesondere bei Wasserleichen, doch auch sie trug wie ein kleines Mosaiksteinchen zum Gesamtbild bei.
»Patrick, kannst das arme Kind abtransportieren lassen. Ich beginne dann sofort mit der Obduktion. Sobald ich etwas weiß, rufe ich dich an.«
Bei diesen Worten trat Finley McGregor wieder unter das Zeltdach.
»Wer hat das alles angeordnet?«, prustete er.
»Regen Sie sich ab, Finley. Der Fall ist bei Mr Souness in besten Händen.« Fiona Grey bedeutete dem Deputy Chief mit einer Handbewegung, Ruhe zu bewahren.
»Bei der Toten handelt es sich um ein junges Mädchen, das ist Sache der Child Protection, und die leite ich. Mein Gott, das ist ja die kleine Pearson!« Erst jetzt erkannte McGregor die Tote. »Was hat die bloß wieder angestellt?«
Finley McGregor hatte inzwischen den knallorangen Sportanzug gegen seine Polizeiuniform getauscht, die ihm jedoch seit einigen Jahren schon etwas knapp auf den Rippen saß.
»Sie kennen die junge Frau?«
»Pearson. Den Vornamen weiß ich jetzt gerade nicht. Wohnt, – wohnte draußen auf einer Farm in der Nähe von Setchey. An der Mill Road, glaube ich.«
»Woher kennen Sie das Mädchen?«
»Ist, – war ein wenig eine Wilde. Hatte das ein oder andere Mal mit ihr zu tun. Ich sagte ja, Child Protection. Ist mein Fall, Mrs Grey.«
»Es bleibt dabei! Solange die Todesursache nicht feststeht, ist Souness zuständig. Stellt sich dann heraus, dass es ein Unfall war oder gar Selbsttötung, dürfen Sie ran, McGregor. Basta!« Wieder einmal hatte sich die Polizeichefin gegen ihren renitenten Stellvertreter durchzusetzen. Der Mann war unverbesserlich.
Noch während Fiona Grey ihren Deputy zurechtwies, trat ein Mann in den Pavillon. Nicht besonders groß, untersetzt, in teuren Markenjeans sowie einem Sweatshirt einer Nobelmarke gekleidet. Seine Haut war am Hals und an den Armen mit Quaddeln übersät, die ihm ein unvorteilhaftes Aussehen verliehen.
»Fiona«, begrüßte er die Polizeichefin, um sich dann mit einem jovialen Kopfnicken auch den übrigen Anwesenden zuzuwenden, »darf man fragen, was hier los ist?«
Bevor Souness den Mann zur Rede stellen und ihn vom Tatort verweisen konnte, wandte sich Fiona Grey zu dem Mann.
»Hallo Will, lange nicht mehr gesehen.«
»Ist das nun gut oder schlecht für mich?« Der Angesprochene lachte, wobei dies recht gekünstelt klang.
»Das musst du selber wissen«, konterte die Polizistin. »Darf ich vorstellen: Will Solester, einer der Manager des Kraftwerks hinter uns.« Sie deutete mit dem Arm auf den mit Rohren, Leitungen, Trafos und sonstigen Aggregaten übersäten Industriekomplex hinter sich. »Finley McGregor kennst du ja, und das ist Patrick Souness, der neue Leiter unserer Kriminalpolizei. Will, ich meine, Solester und ich sind zusammen zur Schule gegangen.« Die Bemerkung klang nicht gerade danach, dass die beiden dicke Schulfreunde gewesen waren. »Danach haben sich unsere Wege getrennt. Will kam erst vor ein paar Jahren wieder hierher zurück und übernahm die Leitung eines Bereiches dieses Werkes, nachdem er längere Zeit im Kernkraftwerk Oldbury gearbeitet hatte, bevor man diese Rostlauben vom Netz genommen und abgeschaltet hatte. Will, was führt dich zu solch früher Stunde und zudem noch an einem Sonntag hierher?«
»Fiona, du weißt doch, Chefs haben immer Bereitschaft, auch sonntags. Wird bei dir nicht anders sein. Meine Leute, die heute Dienst haben, haben mich angerufen, und voilà, hier bin ich. Also, was gibt es? «
Grey presste die Zähne zusammen, rang sich dann aber doch zu einer Antwort durch. »Wir haben hier ein junges Mädchen aus dem Kanal gefischt. Tot. Mehr kann ich nicht dazu sagen. Tut mir leid. Und nun bitte ich dich, den Tatort oder Fundort oder was auch immer das hier ist, zu verlassen. Ich möchte nicht, dass du die Gegend mit deinen Spuren kontaminierst.«
Solester hob abwehrend die Hände. »Oh, schon gut, ich gehe. Und lass mich wissen, wenn ich euch behilflich sein kann.« Damit wandte er sich ab, nicht ohne zuvor noch einen neugierigen Blick auf das tote Mädchen geworfen zu haben.
»Wird sich wahrscheinlich nicht vermeiden lassen. Sobald wir mehr wissen, insbesondere den Zeitpunkt des Todes der jungen Dame, werden wir auf dich zukommen. Wir sollten wissen, wer zu dem fraglichen Zeitpunkt hier Dienst hatte und vielleicht etwas gesehen oder bemerkt haben könnte. Und nun, bitte lass uns unsere Arbeit machen.«
Wer mehr über die Zurechtweisung erbost war, Finley McGregor oder Will Solester, ließ sich schlecht sagen, da beide das kleine Zelt schmollend verlassen hatten. Souness schüttelte den Kopf, sagte aber nichts, sondern bat die beiden Herren des Bestattungsunternehmens herein, die inzwischen angekommen waren. In ihrem schwarzen Frack mit den langen Schößen sahen sie aus wie Witzfiguren einer längst untergegangenen Kultur. Mit geübten Griffen legten sie die Leiche in einen Zinksarg, falteten die obligatorische Plastikfolie darüber, verschlossen das kalte Zwischengrab und verfrachteten es in den Leichenwagen. Gerade noch rechtzeitig, denn inzwischen hatten sich doch einige sonntägliche Spaziergänger und zwei Radfahrer auf dem Hochwasserdamm eingefunden. Neugierig schielten sie zu der Unglücksstelle, einer hielt sogar in dreister Haltung sein Smartphone in die entsprechende Richtung. Offensichtlich versuchte er, mithilfe der Zoomfunktion ein paar sensationelle Schnappschüsse zu erhaschen. Patrick würde sich nicht wundern, wenn man die Aufnahmen schon Minuten später in den sozialen Medien vorfinden würde.
Asoziale Medien, nannte er die Hyänen von Facebook, Instagram, Twitter und Co. Erst recht, wenn diese in seine Ermittlungsarbeit funkten oder die Opfer oder deren Angehörige in ihrer Trauer verhöhnten. Manchmal erwog er, diese Unmenschen zu verklagen. Doch meistens beließ er es bei dem Wunsch. Die Aussicht auf Erfolg rechtfertigte den Aufwand meist nicht. So war das nun mal, man musste damit leben.
»Fiona, wollen Sie den Angehörigen die traurige Nachricht überbringen, oder soll Jacob es machen. Er könnte dann bereits die ersten Befragungen in der Familie vornehmen. Jacob, Sie wissen, wo die Farm der Pearsons liegt?«
Jacob Wolstenholme war ein eigentümlicher Kauz. Näherte sich bald der Sechzig und hatte sich dennoch dem Criminal-Investigation-Department C.I.D. unter der Leitung von Patrick Souness angeschlossen, als dieser die Ausschreibung für die Stellen platziert hatte. Nicht weil er sich einen Karrieresprung dadurch erhoffte, sondern weil er die misslaunige Art seines bisherigen Vorgesetzten McGregor nicht mehr ertragen konnte. Der Deputy sah in seinen Mitarbeitern nur die niederen Arbeitstiere, die zu funktionieren hatten. Privates ließ er nicht zu. So wusste Finley McGregor, der, wie allseits bekannt war, dem Petro-Dollar-Fußballklub aus Manchester huldigte, nicht einmal, dass Wolstenholme den Gentlemansport Cricket betrieb. Im Gegenteil, als er davon erfuhr, verhöhnte er seinen ehemaligen Mitarbeiter.
»Ich kenne zwar die Pearsons nicht, aber ich weiß, wo die Farm liegt. Chief, darf ich Sie begleiten?«
»Gehen Sie ruhig alleine, Jacob. Sie machen das auf Ihre besonnene Art bestimmt großartig. Außerdem muss ich mich mit dem Reverend des King’s Lynn Minsters zum Lunch treffen. Er will Finleys Children Protection Projekt mithilfe seiner Gläubigen unterstützen. Bin mal gespannt, was der für Ideen hat. Na ja, zum Schutz unserer Jugend in der heutigen Zeit kann man sicher auch göttlichen Beistand gebrauchen.«
»Danke, Ma’am für Ihr Vertrauen.« Ein solches hatte man ihm wohl in den vergangenen zwanzig Jahren unter McGregor nicht entgegengebracht. Mit einer angedeuteten Verbeugung verließ er den traurigen Schauplatz.
»Uncle Sam, du gehst bitte in das C.I.C. und hältst die Stellung dort. Ich bin überzeugt, wir werden schon bald deine Hilfe in Sachen Bürokratie und Computer brauchen.«
»Aye, geht klar, Chef.« Samuel Cook, bei dem sich seiner amerikanischen Abstammung wegen sein Spitzname Uncle Sam eingebürgert hatte, hatte die Dreißig noch nicht erreicht, war ein stets umtriebiger, ideenreicher junger Kriminalist, der sich der Bürokratie und den Computern verschrieben hatte. Wann immer es etwas zu recherchieren gab, Cook fand, was man suchte. Dazu beherrschte er die modernen Techniken aus dem Effeff, war trotz der tristen Schreibtischarbeit stets gut gelaunt und lenkte Souness oft auf unkonventionelle Gedankengänge. Sam würde es einmal weit bringen, da war sich der Inspector sicher.
Das C.I.C., das Criminal-Investigation-Center, welches die neu gegründete Kriminalpolizei beheimatete, lag nur unweit des Fundortes der Leiche direkt an der High-Road. Dort hatten die Kollegen des Departments seit geraumer Zeit ihre Zelte aufgeschlagen, bis der Neubau endlich abgeschlossen sein würde. Doch bei den heutigen Hindernissen für solche Bauten würden bestimmt noch Jahre vergehen.
»Soll ich das Team zusammentrommeln?«, fragte Cook, bevor er den Leichenfundort verließ.
»Nein, lass mal, solange wir nicht sicher wissen, ob es sich um ein Verbrechen handelt und wir somit zuständig sind. Gönne den Kollegen ihren Sonntag.«
Das Team, wie es Cook bezeichnete, bestand neben ihm selbst, Jacob Wolstenholme und dem Chef Souness noch aus drei weiteren Personen.
Zunächst Ann-Marie Thorn, die einzige Frau im Kernteam. Ann-Marie war erst kurz zuvor von der Polizeiakademie gekommen und hospitierte sozusagen bei der Kripo. Sie hatte wie einst ihre Chefin, Fiona Grey, alle Prüfungen mit Bestnoten absolviert. Für die Polizeichefin war klar, diese junge Polizistin durfte nicht an irgendeiner Straßenkreuzung als Hüterin der Verkehrsregeln versauern.