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<p><strong>Durch Trauma wachsen</strong></p> <p>Traumatische Erlebnisse k&ouml;nnen sehr vielf&auml;ltig sein: von schweren kindlichen Verlusterfahrungen bis zu sexualisierter Gewalt. Viele Betroffene leiden lange an den Folgen dieser extrem belastenden seelischen Erfahrungen. Sie wollen sich vor allem wieder geborgen f&uuml;hlen und die qu&auml;lenden Erinnerungen hinter sich lassen. Die gezielten Methoden der modernen Traumatherapie helfen, neues Zutrauen zu sich und anderen zu entwickeln.</p> <ul> <li>Selbstheilung: Aktivieren Sie Ihre erstaunlichen Kr&auml;fte der Regeneration.</li> <li>Resilienz: Mit den speziell entwickelten &Uuml;bungen erh&ouml;hen Sie Ihre Widerstandskraft gegen&uuml;ber den St&uuml;rmen des Lebens.</li> <li>Hilfe: Entdecken Sie Ihre Ressourcen durch K&ouml;rper&uuml;bungen und Gedankenreisen.</li> </ul>
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2020
Luise Reddemann, Cornelis Dehner-Rau
6. Auflage 2020
10 Abbildungen
Mit diesem Buch richten wir uns an Menschen, die wissen oder vermuten, dass sie ein Trauma erlitten haben. Es soll helfen, sich über Trauma, Traumafolgen und die Möglichkeiten, mit Traumata fertig zu werden, zu informieren. Des Weiteren geben wir Informationen zur posttraumatischen Belastungsstörung, zur komplexen posttraumatischen Belastungsstörung und den Krankheitsbildern, die häufig damit auftreten.
Wir möchten auch Angehörigen und Freunden von Menschen mit Traumafolgestörungen Informationen und Hilfe zur Verfügung stellen. Wir wissen, dass etwa ein Drittel der Menschen, die traumatische Erfahrungen machen, damit im Lauf der Zeit fertig werden, ohne krank zu werden. Dies halten wir für wichtig und bedenkenswert. Von diesen Menschen kann man nämlich lernen. Wir möchten Sie anregen, sich Ihre eigenen Selbstheilungskräfte bewusster zu machen und zu prüfen, inwieweit diese – falls nötig neben einer Therapie – genutzt werden können.
Traumatische Erfahrungen zeichnen sich ganz besonders dadurch aus, dass man sich hilflos und ohnmächtig fühlt. Daher möchten wir Sie ermutigen, sich im Fall einer Therapie einen Behandler zu suchen, der Sie partnerschaftlich behandelt. Eine gute Therapie erkennt man daran, dass man Ihnen hilft, Ihre Probleme zu bewältigen. Traumatische Erfahrungen fordern uns heraus, alles einzusetzen, was wir zur Verfügung haben, um zu heilen. Wir werden Ihnen daher verschiedenste Möglichkeiten der Selbsthilfe und der Therapie aufzeigen. Wir raten sehr dazu, sich Zeit zu lassen, das herauszufinden, was wirklich zu einem passt.
Prof. Dr. med. Luise ReddemannDr. med. Cornelia Dehner-Rau
Titelei
Einleitung
Was bedeutet Traumatisierung?
Was sind traumatische Erfahrungen?
Welche Traumata gibt es?
Unsere Wertesysteme spielen eine Rolle
Der soziale Kontext ist wichtig
Welche Ereignisse können traumatisieren?
Wie gehen wir mit einem Trauma um?
Die Rolle unserer Bindungsmuster
Die besondere Bindung an die Eltern
Wir brauchen Schutz und Geborgenheit
Frühgeborene erhielten oft nicht genug Liebe
Wie kann ich meinem Baby Sicherheit geben?
Wann entwickelt sich eine unsichere Bindung?
Wie erkennt man das Bindungsmuster?
Welche Schutz- und Risikofaktoren gibt es?
Wie wirkt sich eine unsichere Bindung aus?
Was sind Bindungsstörungen?
Traumata kommen oft vor
Viele Menschen erholen sich von selbst
Welche Folgen hat ein Trauma?
Was passiert im Körper?
Akuter, chronischer und traumatischer Stress
Was geschieht im Gehirn?
Wie lernen wir?
Angst engt das Denken ein
Heißes Gedächtnis – die emotionale Erinnerung
Bin ich traumatisiert?
Anzeichen für traumatischen Stress
Wie zeigt sich eine Traumafolgestörung?
Verarbeitung eines Traumas
Abwehr der Ohnmacht
Scham- und Schuldgefühle
Nicht bagatellisieren
Wie erklärt man es Kindern?
Unrealistische Erwartungen
Was tun bei akuten Traumafolgestörungen?
Wenn ein Trauma krank macht
Posttraumatische Belastungsstörungen
Was macht krank? Was hält gesund?
Die offizielle Definition
Wie kann man die PTBS einordnen?
Symptome der PTBS
PTBS und Folgestörungen
Angst- und Panikstörungen
Depression
Schmerzen
Zwangsstörungen
Essstörungen
Dissoziative Störungen
Was ist Dissoziation?
Wann wird Dissoziation zur Störung?
Bin ich jetzt verrückt?
Diagnose von Traumafolgestörungen
Diagnose der PTBS
Kriterien für eine einfache PTBS
Zusätzliche Kriterien für eine komplexe PTBS
Faktoren bei der Traumaverarbeitung
Risikofaktoren für die Entwicklung einer PTBS
Weitere Störungsbilder
Kriterien für eine Borderline-Störung
Kriterien für eine dissoziative Störung
Unterscheidung der Störungsbilder
Hintergründe der Borderline-Persönlichkeitsstörung
Wie lassen sich dissoziative Symptome verstehen?
Chronisch-komplexe posttraumatische Belastungsstörung
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Welche Behandlung Ihnen hilft
Behandlung von Traumafolgestörungen
Psychotherapie
Die einzelnen Verfahren
Medikamentöse Behandlung
Antidepressiva
Neuroleptika
Benzodiazepine oder Tranquilizer
Phasen der Traumapsychotherapie
1. Schritt: für äußere Sicherheit sorgen
2. Schritt: gut informieren
3. Schritt: traumaspezifische Stabilisierung
4. Schritt: Traumabearbeitung
Wann soll ich therapeutische Hilfe suchen?
Die richtige Therapeutin finden
Traumakonfrontation bei einfacher PTBS
Welche Therapieformen haben sich bisher bewährt?
Kognitiv-behaviorale Therapien
Prolongierte Exposition (nach Edna Foa)
Imaginary Rescripting (nach Mervin Smucker)
Psychodynamische Therapien
EMDR (nach Francine Shapiro)
Vor- und Nachteile der Therapieverfahren
Was Sie zusätzlich tun können
Achten Sie auf schonenden Umgang
Was sollten Sie mitbringen?
Was die Therapeutin mitbringen sollte
Distanzierungstechniken
Innerer Beobachter
Bildschirm
Traumakonfrontation bei komplexer PTBS
Voraussetzungen, die Sie kennen sollten
Der Nutzen wird oft überbewertet
Das BASK-Modell
Sich »inneren Trost« geben
Wann schadet Traumakonfrontation?
Sorgen Sie für Ihre innere Sicherheit
Welche Verfahren eignen sich zur Therapie?
Umgang mit Folgestörungen
Was hilft bei Angst und Panik?
Fühlen Sie sich oft ängstlich und hilflos?
Was Sie bei Angst tun können
Wenn Sie Panik haben
Was Sie bei Panik tun können
Selbstmanagement und Selbstberuhigung
Wenn die Therapie Verdrängtes aufwühlt
Panik als Schutz gegen Dissoziation
Was tun bei Dissoziation?
Woran erkennen Sie Dissoziation?
Selbstbeobachtung bei Dissoziation
Dissoziative Amnesie
Was Sie bei Dissoziation tun können
Machen Ihnen Gefühle Angst?
Was hilft noch?
Was Ihr Körper braucht
Hilfreicher Umgang mit Schmerzen
Wie kann ich mit meiner Sucht umgehen?
Sucht als Selbstheilungsversuch
Was Ihnen hilft, wenn Sie ein Suchtproblem haben
Hilfe bei Selbsttötungsgedanken
Verletzen Sie sich selbst?
Selbstverletzung nimmt vorübergehend den Druck
Behandlungsvertrag schließen
Das kindliche Ich an einen guten Ort bringen
Wie gehe ich mit Gewaltfantasien um?
Tresor
Wutraum
Leiden Sie unter einer Essstörung?
Möglichkeiten der Selbsthilfe bei Essstörungen
Trauma und Partnerschaft
Wenn beide Partner traumatisiert sind
Wenn »nur« ein Partner betroffen ist
Wenn der Partner der Täter ist
Wieder gesund werden
Nutzen Sie Ihre Ressourcen
Was bedeutet Ressourcenorientierung?
Erstellen Sie Ihre persönliche Ressourcenliste
Versuchen Sie, selbstbestimmt zu leben
Finden Sie Ihre eigene »innere Wahrheit«
Achten Sie auch auf Erfreuliches
Zwei Geschichten zum Mut machen
Das Märchen von der glücklosen Königstochter
Die Wandlung vom Huhn zum Adler
Wie Ihre Imagination Ihnen helfen kann
Sich selbst unterstützen
Übung Absorptionstechnik
Nutzen Sie Ihre Vorstellungskraft
Das innere Erleben zum Ausdruck bringen
Stehen Sie zu Ihren Stärken
Die positiven Seiten fördern
Der Flow-Zustand
Wie erreicht man eine positive Einstellung?
Gönnen Sie sich Vergnügungen
Fördern Sie Ihre Achtsamkeit
Ein achtsamer Spaziergang
Der Nutzen von bewusstem Denken
Pessimismus und Optimismus
Für gesündere Einstellungen sorgen
Menschliche Tugenden
Die Opferrolle verlassen
»Pro-aktiv« sein
Von innen nach außen
Schon am Anfang das Ende im Sinn haben
Das Wichtigste zuerst
Ausgewogene Selbsterneuerung
Durch ein Trauma wachsen
Das Märchen von der Palme
Das Trauma als Wende im Leben
Menschen verfügen über erstaunliche Heilungskräfte
Haben Traumata einen Sinn?
Service
Empfehlungen zum Weiterlesen
Wo Sie Hilfe finden
Opferhilfe
Fachgesellschaften
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
Impressum
Verschiedene Ereignisse können Traumata auslösen; bezeichnend sind extreme Angst- und Ohnmachtsgefühle.
Traumatische Erfahrungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie unsere Verarbeitungsfähigkeit weit übersteigen. Wir wollen der Situation entfliehen oder kämpfen und uns in Sicherheit bringen.
Wir sind in der Klemme, weil wir uns nur noch ohnmächtig und hilflos fühlen. Und das ist schwer auszuhalten. Ohnmacht, Todesangst und Hilflosigkeit sind vermutlich die unangenehmsten Erfahrungen, die wir in unserem Leben zu erleiden haben. Dennoch erleiden Menschen wie auch Säugetiere solche Erfahrungen und haben einige Mechanismen entwickelt, damit irgendwie doch fertig zu werden. Wie? Das werden wir weiter unten besprechen.
Stellen Sie sich vor, Sie machen gut gelaunt an einem schönen Sonnentag im Mai eine kleine Spazierfahrt auf einer selten befahrenen Landstraße im Gebirge. Sie freuen sich über das schöne Wetter und den Bergfrühling. Sie fahren langsam und vorsichtig, denn die Straße ist eng. Rechts von Ihnen steigt der Berg auf, links geht es in die Tiefe.
Plötzlich rast ein Auto auf Sie zu. Sie können nicht ausweichen. Der Fahrer des anderen Fahrzeugs bremst gar nicht. Sie denken: »Oh mein Gott, das ist das Ende«. Dann kracht es …
Sie kommen wieder zu sich und bemerken, dass Sie im Wagen eingeklemmt sind. Irgendwie schaffen Sie es, sich aus dem Auto zu befreien. Was Sie sehen, lässt Ihnen das Blut in den Adern gefrieren … (Wir beschreiben das absichtlich nicht genauer.) Irgendwie schaffen Sie es, ins nächste Dorf zu kommen und Hilfe zu holen.
Erst als sich dort jemand um Sie kümmert, bemerken Sie, dass Sie zittern und Sie sich setzen müssen, weil Ihre Knie weich sind. Jemand bringt Ihnen warmen Tee und gibt Ihnen eine Decke. Als Sie diese Zuwendung erfahren, kommen Ihnen die Tränen. Jetzt erst bemerken Sie, dass in Ihnen Todesangst ist, Panik, Entsetzen, Ohnmacht und Hilflosigkeit.
Sie haben soeben eine traumatische Erfahrung erlitten. In jedem Fall sind solche Erfahrungen sehr einschneidend und man steckt sie nicht einfach weg. Die Verarbeitung braucht Zeit und setzt voraus, dass die äußere Gefahr vorüber ist.
Traumata, die Menschen anderen Menschen zufügen, bezeichnet man auch als »Man-made-Traumata«; leider kommen diese häufiger vor als die zweite Kategorie, die uns als Naturkatastrophen oder schwere Schicksalsschläge, wie z. B. schwere Erkrankungen, begegnen. Als dritte Kategorie gibt es kollektive Traumatisierungen, die wir uns als Menschen gegenseitig zufügen, die aber in einem größeren, also nicht individuellen Kontext geschehen, die allen widerfahren, wie z. B. Kriege.
»Man-made-Traumata« der ersten Kategorie wirken sich am schlimmsten aus. Es ist schrecklich, wenn andere, denen wir vertrauen, uns schaden, uns verraten und verletzen.
Wenn uns die Natur verletzt, z. B. durch ein Erdbeben, ist das natürlich auch entsetzlich, dennoch können wir innerlich damit leichter fertig werden, weil wir doch wissen, dass solche Dinge geschehen können, und weil wir uns nicht persönlich verraten und geschädigt fühlen, selbst wenn uns das Ereignis Schaden zufügt.
Wenn wir kollektive traumatische Erfahrungen machen, wie z. B. einen Krieg erleben, können wir uns zumindest damit »trösten«, dass alle das gleiche Schicksal trifft. Das hilft vielen Menschen, mit Schrecklichem besser fertig zu werden.
Verkehrsunfälle, Feuer u. Ä. werden meist eher wie eine Naturkatastrophe erlebt und weniger als etwas, das uns von einem anderen Menschen angetan wird. Aber hier gibt es Übergänge.
Diese Einteilung ist nur grob, und es gibt immer wieder Situationen, die sich nicht eindeutig einer der drei Kategorien zuordnen lassen. Stellen Sie sich z. B. ein kleines Kind vor, das im Krieg seine Eltern verliert. Oder Menschen, die infolge des Krieges vergewaltigt werden.
Traumatische Erfahrungen übersteigen das Erträgliche.Wir fühlen uns ohnmächtig und hilflos.Danach ist nichts mehr, wie es vorher war.Wir haben Angst, sind panisch oder fühlen uns leer – wie abgetötet.
Auch unser kultureller Hintergrund ist wichtig. Wenn wir z. B. gedemütigt werden, berührt das unsere Wertesysteme, und die sind unterschiedlich. So würde es in Deutschland einen Mann vermutlich weniger demütigen, von einer Frau gezwungen zu werden, sich vor ihr zu entkleiden, als das bei einem arabischen Mann der Fall ist. (Im Zusammenhang mit der Folter irakischer Gefangener durch US-Soldaten konnte man im Fernsehen sehen, dass dieses Entkleiden als Demütigung eingesetzt wurde und dementsprechend bei den betroffenen Volksgruppen einen Impuls nach Blutrache auslöste.)
Unsere Wertesysteme können uns die Verarbeitung von Traumatisierungen erleichtern oder erschweren. Wenn wir z. B. sagen können, »das war Gottes Wille« oder »ich habe für eine gerechte Sache gekämpft«, hilft uns das durchzuhalten und leichter zu genesen.
Traumata, die Menschen anderen Menschen zufügen, geschehen darüber hinaus in einem sozialen Kontext. In der Familie und in der Gesellschaft. Dieser Kontext trägt ebenfalls dazu bei, ob wir Traumata schwerer oder leichter verschmerzen können. Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem totalitären Staat, in dem Sie andauernd damit rechnen müssen, verschleppt und gefoltert zu werden. Oder ein Kind lebt in einer Familie, in der es zur Tagesordnung gehört, dass Misshandlungen, Vernachlässigung und sexuelle Gewalt geschehen.
In beiden Fällen wäre der Mensch, dem solches widerfährt, in Dauerspannung, Angst und Panik. Dies würde seine Abwehrkräfte möglicherweise noch zusätzlich schwächen, in manchen Fällen allerdings auch gerade die Widerstandskräfte besonders fördern, z. B. bei Menschen, die sehr entschlossen gegen ein Unrechtsregime kämpfen.
Wichtig ist, dass wir uns klar machen, dass ein traumatisches Ereignis mit Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühlen extremer Art einhergeht. Gleichzeitig kann es zu Gefühlsüberflutung, Panik und Todesangst führen. Wir beginnen mit der Kindheit, denn für Kinder sind traumatische Erfahrungen am schlimmsten, sie verfügen ja noch nicht über so viele Möglichkeiten des Schutzes und der Verarbeitung wie Erwachsene.
Alle Fachleute sind sich heute einig, dass Vernachlässigung, sexualisierte Gewalt und emotionale wie körperliche Gewalt traumatisch sind. Ebenso schwere Erkrankungen des Kindes, aber auch kranke, insbesondere ▶ seelisch kranke Eltern. Peter Levine hat darauf hingewiesen, dass Kinder durch Erfahrungen traumatisiert werden können, die Erwachsene nicht für traumatisch halten. Ein Angriff eines Tieres (z. B. eines Hundes), körperliche Verletzungen durch Unfälle und Stürze (z. B. vom Fahrrad oder einer Treppe), hohes Fieber oder auch Erfahrungen von extremen Temperaturen können extreme Ängste auslösen, insbesondere, wenn das Kind dabei alleine ist. Traumatisch auswirken können sich auch plötzliche Verluste (z. B. der Tod des geliebten Haustieres), beinahe Ertrinken oder das Verlorengehen in Kaufhäusern. Die genannten Situationen können traumatische Auswirkungen haben, müssen es aber nicht. Es kommt auch immer darauf an, wie stabil das Kind in der Situation und insgesamt ist.
Medizinische und zahnmedizinische Eingriffe sind auch ein wichtiges Feld. So können z. B. Krankenhausaufenthalte mit Gefühlen von Verlassenheit und Ausgeliefertsein bis hin zu Todesängsten verbunden sein. Früher war es üblich, Eltern außerhalb vorgegebener Besuchszeiten nicht zu ihren Kindern zu lassen; manchmal wurden Kinder auch fixiert.
Wie werden traumatische Ereignisse definiert?
Trauma heißt Verletzung. Diese kann sowohl körperlich als auch seelisch sein. Definitionsgemäß erfüllt ein traumatisches Ereignis folgende Kriterien: Die Person war selbst Opfer oder Zeuge eines Ereignisses, bei dem das eigene Leben oder das Leben anderer Personen bedroht war oder eine ernste Verletzung zur Folge hatte. Die Reaktion des Betroffenen beinhaltete Gefühle von intensiver Angst, Hilflosigkeit oder Entsetzen.
Medizinisch notwendige Eingriffe können als Trauma erlebt und entsprechend fehlverarbeitet werden. Schwere körperliche Erkrankungen können sich ebenfalls traumatisch auswirken. All diese möglichen Erfahrungen können Sie in Betracht ziehen, wenn Sie sich fragen: »Bin ich traumatisiert?«
Insbesondere spielen sexuelle und andere Gewalt eine große Rolle. Es wäre aber falsch, nur an Gewalt und sexuelle Gewalt zu denken, wenn man bei sich beobachtet, dass man Zeichen einer ▶ Traumafolgestörung aufweist. Es könnte auch die Mandeloperation mit vier Jahren gewesen sein, bei der fünf Erwachsene das Kind festgehalten und ihm eine Spritze verpasst haben. Manchmal haben auch »kleine Traumata« große Auswirkungen. So können wiederholte Demütigungen (z. B. Hänseleien oder Mobbing im Kindergarten oder in der Schule) die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls verhindern, wenn nicht gleichzeitig unterstützende Faktoren vorhanden sind.
Auflistung der möglichen Traumata
Naturkatastrophen jeder Art
Krieg
Vertreibung
Folter
Traumata durch medizinische (notwendige) Eingriffe
traumatisches Geburtserleben
Unfälle im Verkehr, am Arbeitsplatz oder an anderen Orten, z. B. beim Bergsteigen
Der Verlust einer nahen Bezugsperson, insbesondere im Kindesalter oder unerwartet. Vor allem der Verlust der Eltern im Kindesalter oder für Eltern der Verlust eines Kindes.
Vernachlässigung in der Kindheit – körperlich, psychisch und emotional
Gewalt
sexualisierte Gewalt
das Miterleben von Gewalt und sexualisierter Gewalt als Zeuge
Das Miterleben anderer traumatischer Ereignisse als Zeuge, z. B. als naher Angehöriger miterleben, wie jemandem Gewalt angetan wird oder auch, ein krebskrankes Kind haben.
Die Konfrontation mit Traumafolgen als Helfer (z. B. Polizisten, Feuerwehrleute, Ärzte) wird auch als sekundäre Traumatisierung bezeichnet.
Das Zusammenleben als Kind mit traumatisierten Eltern (Holocaustopfer, Kriegsopfer, Opfer sexueller Gewalt). Hier wird ebenfalls von sekundärer Traumatisierung gesprochen oder auch vom »Second-Generation-Phänomenen«.
Für den Umgang mit traumatischen Erfahrungen und deren Auswirkungen spielen folgende Faktoren eine wesentliche Rolle:
Ein einmaliges traumatisches Ereignis im Erwachsenenalter kann in der Regel besser verarbeitet werden als wiederholte und über Jahre andauernde Traumata im Kindesalter.
Ein durch äußere Faktoren (z. B. Naturkatastrophen, Unfälle) ausgelöstes Trauma kann normalerweise besser verkraftet werden als ein durch Menschen verursachtes traumatisches Ereignis.
Je enger die Beziehung zur verursachenden Person ist, desto schwerer sind im Allgemeinen die Folgen.
Je mehr unterstützende Faktoren vorhanden sind, desto besser gelingt der Umgang mit schweren Belastungen. Unterstützend wirken können vertrauenswürdige, verlässliche Menschen, aber auch persönliche Fähigkeiten (z. B. sich Hilfe holen können, sich besser schützen können).
Im Erwachsenenleben gibt es viele Ereignisse, die uns herausfordern. Jede länger anhaltende psychosoziale Belastung, z. B. Arbeitslosigkeit oder Mobbing, erfordert auf der anderen Seite sichere Bindungen und Unterstützung, ansonsten können sie traumatische Folgen haben.
Es gibt also eine Vielzahl von traumatischen Ereignissen. Einige werden Sie kennen, bei einigen werden Sie sich vielleicht wundern, dass diese Ereignisse als Traumata angesehen werden. So wissen z. B. auch manche Fachleute nicht, dass Vernachlässigung im Kindesalter eine schwere Traumatisierung darstellt.
Wir unterscheiden heute den Faktor, der durch das Ereignis gegeben ist und den subjektiven Faktor, der sich aus den Widerstandskräften des Individuums ergibt, dem das Trauma widerfährt.
Entscheidend ist also, auf welchen Boden traumatische Erfahrungen fallen, welche Vorerfahrungen Betroffene gemacht haben. Wer bereits Vertrauen und Sicherheit erfahren hat, weiß, dass es so etwas wie soziale Unterstützung gibt. Das hält die Hoffnung aufrecht, dass es besser oder gut werden kann.
Wie wir auf ein traumatisches Ereignis reagieren, hängt auch davon ab, welche Bindung wir als Kind zu unseren nahen Bezugspersonen – also meist unseren Eltern – hatten.
Es ist nachgewiesen, dass traumatische Erfahrungen und sogenannte Bindungsstörungen sich wechselseitig beeinflussen, das heißt, traumatische Erfahrungen können zu Bindungsstörungen führen, andererseits sind bindungsgestörte Kinder/Erwachsene auch verletzlicher. Diesen Zusammenhang wollen wir im Folgenden näher beleuchten.
Karl Heinz Brisch führt in seinem Buch »Bindungsstörungen« viele seelische Störungen von Kindern und Erwachsenen auf einen Mangel an Sicherheit, Schutz und Geborgenheit in den ersten Lebensjahren zurück. Dabei bezieht er sich auf die sogenannte »Bindungstheorie«, die der englische Psychoanalytiker John Bowlby in den 1950er-Jahren entwickelte. Diese besagt, dass der Mensch, wie auch viele andere Lebewesen, ein biologisch angelegtes »Bindungssystem« besitzt. Sobald eine Gefahr auftaucht, wird es aktiviert. Ein kleines Kind wendet sich in einer solchen Situation an die ihm vertraute Person (z. B. an seine Mutter oder seinen Vater), zu der es eine ganz besondere »Bindung« aufbaut. Die Art der Gefühle, Erwartungen und Verhaltensweisen in dieser Bindungsbeziehung hängt von den Erfahrungen mit den wichtigsten Bezugspersonen ab. Vertrauen kann sich entwickeln, wenn die Bedürfnisse befriedigt werden.
Das sogenannte Bindungsmuster, das sich bereits während des ersten Lebensjahres ausprägt, bleibt in seinen Grundstrukturen relativ konstant. Für das unselbstständige menschliche Neugeborene und Kleinkind ist die Bindung an die Person, die Schutz und Fürsorge gewährt, von lebenserhaltender Bedeutung. Das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit durch eine zuverlässige Bindungsperson, die in Gefahrensituationen Schutz und Hilfe gewährt, bleibt lebenslang bestehen. Auch bei Erwachsenen wird in einer bedrohlichen Situation das in der frühen Kindheit ausgeprägte Bindungssystem aktiviert und löst schutzsuchendes Bindungsverhalten aus. Schwierig wird es, wenn das Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz nicht befriedigt wird und die Angst bleibt.
Trennungs- und Verlusterlebnisse spielen bei der Entstehung vieler Erkrankungen eine wesentliche Rolle. Durch den medizinischen Fortschritt überleben heute auch extrem kleine Frühgeborene. Eltern von Frühgeborenen sind auf den frühen Verlust der Schwangerschaft oft nicht vorbereitet und können Schwierigkeiten haben, zu den sehr kleinen Frühgeborenen eine emotionale Bindung aufzubauen. Der Beginn des neuen Lebens verläuft somit anders als erwartet, das Frühgeborene muss oft wochenlang im Krankenhaus gepflegt werden. Man weiß heute, wie wichtig Körperkontakt und Ansprache auch für ganz kleine Frühgeborene sind und versucht entsprechend, die Eltern miteinzubeziehen. Dabei ist es wichtig, dass sich die Eltern mit ihren Ängsten nicht alleingelassen fühlen und sich bei Bedarf auch Unterstützung holen.
Ein Säugling sucht besonders die Nähe zu seiner engsten Bezugsperson, wenn er Angst erlebt. Wenn sich Ihr Baby von Ihnen getrennt fühlt, unbekannte Situationen oder die Anwesenheit fremder Menschen als bedrohlich erlebt oder wenn es Schmerzen hat, erhofft es sich von Ihrer Nähe Sicherheit, Schutz und Geborgenheit. Es sucht Ihre Nähe durch Blickkontakt oder körperlichen Kontakt. Ihr Kind gibt dabei ganz aktiv Signale. »Feinfühliges Verhalten« besteht darin, die Signale des Kindes (z. B. Weinen) wahrzunehmen, richtig einzuordnen und seine Bedürfnisse angemessen und sofort zu befriedigen. Sucht Ihr Kind Nähe und Körperkontakt? Hat es Hunger oder Durst? Friert es oder ist ihm zu warm? Hat es Schmerzen? Erkennen und befriedigen Sie »feinfühlig« seine Bedürfnisse, kann der Säugling eine sichere Bindung entwickeln. Diese Feinfühligkeit setzt bei den Bezugspersonen Einfühlungsvermögen voraus.
Wird auf die Bedürfnisse gar nicht, nicht genügend oder unberechenbar (z. B. Wechsel zwischen Verwöhnung und Vernachlässigung) eingegangen, entwickelt sich häufiger eine unsichere Bindung.
Ist die wichtigste Bezugsperson bei drohender Gefahr nicht anwesend oder wird das Kind von ihr getrennt, reagiert es mit Weinen oder Wut und sucht aktiv nach seiner Bezugsperson. Dabei entwickelt der Säugling im ersten Lebensjahr eine bestimmte Rangfolge verschiedener Bezugspersonen. Je größer der Schmerz oder die Angst (z. B. bei einer Verletzung oder Erkrankung), desto intensiver wird das Kind die wichtigste Bezugsperson einfordern und sich nicht durch weniger wichtige Bezugspersonen trösten lassen. Bleibt der Trost aus, bestehen Schmerz oder Angst weiter.
Wenn Ihr Kind emotionale Sicherheit erlebt, kann es seiner Neugier nachgeben und sich mehr oder weniger weit von Ihnen entfernen, ohne emotional in Stress zu geraten. Die Selbststeuerung in Bezug auf Nähe und Distanz wird von einer feinfühligen Bezugsperson akzeptiert. Wenn die Bezugsperson das Kind übermäßig bindet, stellt sie zwar eine nahe Bindung her, gleichzeitig gewährt sie aber keinen ausreichenden Spielraum für dessen Bedürfnisse nach Exploration und frustriert auf diese Weise das Kind.
Sicher gebundene Kinder zeigen deutliches Bindungsverhalten bei Trennung von der Bezugsperson. Sie rufen nach ihr, folgen ihr nach und suchen sie auch längere Zeit. Schließlich weinen sie und sind deutlich gestresst. Auf die Wiederkehr der Bezugsperson reagieren sie mit Freude, suchen Körperkontakt, wollen getröstet werden, können sich aber nach kurzer Zeit wieder beruhigen.
Unsicher-vermeidend gebundene Kinder reagieren auf Trennung mit wenig Protest und zeigen kein deutliches Bindungsverhalten. Auf die Rückkehr der Bezugsperson reagieren sie eher mit Ablehnung und wollen nicht auf den Arm genommen und getröstet werden. In der Regel kommt es auch zu keinem intensiven Körperkontakt.
Unsicher-ambivalent gebundene Kinder zeigen nach Trennungen den größten Stress und weinen heftig. Nach der Rückkehr der Bezugsperson können sie von dieser kaum beruhigt werden. Wenn sie von ihrer Bezugsperson auf den Arm genommen werden, drücken sie einerseits den Wunsch nach Körperkontakt und Nähe aus, andererseits verhalten sie sich aggressiv (Strampeln mit den Beinen, Schlagen oder Sich-abwenden).
Kinder mit desorganisiertem Verhaltensmuster lassen sich keiner der oben genannten Kategorien zuordnen. Sie wirken in ihrem Verhalten unsicher und desorientiert. Sie laufen z. B. zur Bezugsperson hin, bleiben auf der Hälfte des Weges stehen, drehen sich um, laufen wieder weg und vergrößern den Abstand. Ihre Bewegungen können mitten im Bewegungsablauf erstarren und scheinbar »einfrieren«. Außerdem beobachtet man stereotype Verhaltens- und Bewegungsmuster. Das Bindungssystem dieser Kinder ist zwar aktiviert, äußert sich aber nicht in konstanten und eindeutigen Verhaltensweisen. Das Desorganisationsmuster wurde überzufällig häufig bei Kindern aus klinischen Risikogruppen wie auch bei Kindern von Eltern gefunden, die ihrerseits traumatische Erfahrungen mit in die Beziehung zum Kind einbrachten.
Man geht davon aus, dass Temperament oder genetisch bedingte Verhaltensweisen des Kindes ebenfalls eine wesentliche Rolle in der Beziehung des Kindes zur Bezugsperson spielen. Ein unruhiger Säugling (z. B. mit Schreien oder ausgeprägten Schlafproblemen) kann eine feinfühlige Bezugsperson herausfordern.
Vom ersten Lebensjahr bis zur Jugendzeit finden sich Parallelen wie auch Veränderungen in der Entwicklung der Bindung. Im ersten Lebensjahr ist nicht nur die Bindung für die weitere Entwicklung entscheidend. Vielmehr spielen die jeweiligen Schutz- und Risikofaktoren eine große Rolle.
Schützend wirken Feinfühligkeit, ein gewohnter Rhythmus, Gegenseitigkeit und Vorhersehbarkeit. Kind und Bezugsperson sind ein eingespieltes Team, stellen sich aber auch immer wieder auf die neue Situation ein. So kennt das Kind den Ablauf des Wickelns bei der Mutter und ist mit ihr im Kontakt. Genauso vertraut kann der ganz anders ablaufende Wickelvorgang durch den Vater sein. Das Kind kennt die jeweiligen Verhaltensweisen und ordnet sie verschiedenen vertrauten Personen zu. Risikofaktoren können wichtige Lebensereignisse sein wie Scheidung, Umzug, Krankheit oder Tod eines Elternteils. So kann aus einer anfangs sicheren Bindung eine unsichere werden.
Studien zur emotionalen Stabilität und Belastbarkeit von Kindern kommen eindeutig zu dem Ergebnis, dass das Vorhandensein zumindest einer verlässlichen Bezugsperson einen Schutzfaktor darstellt. Ist dieser Schutzfaktor vorhanden, kann das Kind trotz Belastung seelisch relativ gesund bleiben.
In Studien findet man Zusammenhänge zwischen einer unsicheren Bindung und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern.
Besonders die desorganisierte Bindung wurde wesentlich häufiger bei misshandelten Kindern gefunden.
Kinder von Eltern, die an einer Depression oder einer Schizophrenie erkrankt waren, sind tendenziell häufiger unsicher gebunden.
Zusammenhänge mit einer unsicheren Bindung fand man auch bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Depression, Schizophrenie und Traumatisierungen in der Kindheit.
Ein desorganisiertes Bindungsmuster findet man insbesondere bei dissoziativen Störungen.
Belastende Umweltbedingungen können den Aufbau einer sicheren Bindungsbeziehung ebenso beeinträchtigen wie ein lang dauernder Heim- oder Krankenhausaufenthalt und ständig wechselnde Pflegepersonen.
Bei unsicher gebundenen Kindern können auch im Erwachsenenalter Beziehungen von Misstrauen oder Schwierigkeiten in der Nähe-Distanz-Regulation geprägt sein.
Die Diagnose einer Bindungsstörung setzt voraus, dass ein Kind ganz erhebliche Veränderungen im Verhalten mit den verschiedensten Bezugspersonen zeigt, die über einen längeren Zeitraum (über sechs Monate) zu beobachten sind. Bindungsstörungen können sich ganz unterschiedlich äußern.
Kein Bindungsverhalten. So können Kinder überhaupt kein Bindungsverhalten zeigen. Sie reagieren in Trennungssituationen nicht mit Protest oder bevorzugen keine Bezugsperson. Dieses Verhaltensmuster sieht man teilweise bei Heimkindern oder bei Kindern, die schon im Säuglingsalter vielfältige Beziehungsabbrüche und -wechsel durchlebt haben. Betroffene Kinder vermeiden Bindung aus Angst vor erneuten Trennungen.
Unfall-Risiko-Typ. Eine andere Form von Bindungsstörung wird als Unfall-Risiko-Typ