Verzicht und Freiheit - Jean-Pierre Wils - E-Book

Verzicht und Freiheit E-Book

Jean-Pierre Wils

0,0
24,90 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein radikaler Freiheits- und Verzichtsbegriff Die Lage unserer Gesellschaft ist prekär. Die ökologischen Erschütterungen sind allgegenwärtig. Die bloße Fortsetzung unserer auf Expansion und Selbstentfaltung fixierten Lebensstile ist schon längst an eine Grenze gestoßen ist. Wie berauscht von uns selbst, verzehren wir gefräßig und haltlos unsere Welt. Dieses Projekt der Moderne hat sich überlebt. Der Verzicht auf Liebgewonnenes ist überfällig, aber mit Berufung auf die Freiheit wird gegen eine Richtungsumkehr angekämpft. Wir benötigen jedoch eine Sprache des Maßhaltens und der Genügsamkeit, die aus den ökologischen und sozialen Sackgassen herausführt und sowohl den Einzelnen als auch die Politik in die Pflicht nimmt. Wir sind keineswegs ohnmächtig und sehr wohl in der Lage, ein Leben zu führen, das Aussichten auf eine humane Zukunft bietet. Unsere Vorstellung von Freiheit benötigt aber dringende Korrekturen. Damit dieses Vorhaben gelingt, brauchen wir Mut zur Realität und die solidarische Bereitschaft, von einem falschen Leben Abschied zu nehmen und dem Bündnis von Verzicht und Freiheit beizutreten. Dann werden wir anders und besser frei sein. Der Philosoph Jean-Pierre Wils denkt Freiheit darum neu: als die Fähigkeit, an einem überschaubaren Ort zu leben, an dem wir bleiben dürfen, in einem Provisorium, das uns auf lange Sicht die Gewähr bietet, auch in Zukunft die Freiheit nicht aufgeben zu müssen. Denn, so Jean-Pierre Wils, es gibt sie noch: die kleine Prise Hoffnung. Und er hat dafür gute Gründe, die mit fünf elementaren Aufgaben verbunden sind.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jean-Pierre Wils

Verzicht und Freiheit

Überlebensräume der Zukunft

»Der Kampf um die Ideen setzt sich bis in die Herstellung von Fakten fort.«

Bruno Latour, Zur Entstehung einer ökologischen Klasse[1]

»Freiheit ist schwer zu ertragen.«

James Baldwin, Nach der Flut das Feuer[2]

»‹Das Spiel ist chronophagisch, das steht fest.‹ Er hört, wie am anderen Ende der Leitung ein kleines Fragezeichen in einer Blase erscheint. ›Ein Zeitfresser‹.«

Richard Powers, Die Wurzeln des Lebens[3]

»Der Begriff ›Zukunft‹ bezeichnet, soviel man inzwischen weiß, immer auch das Ticken einer Zeitbombe.«

Peter Sloterdijk, Zeilen und Tage III[4]

»Unsere unstillbare Sehnsucht nach Dauer, kommt sie nicht von jenem Leben her, das es hier einmal gab und das wir nicht einmal gekannt haben müssen, damit die Sehnsucht danach uns nicht loslässt? Wir spüren sie durch alle Modernität hindurch. Im Grunde wissen wir, es gibt für den permanenten Umsturz, der unser modernes Leben bestimmt, keine Notwendigkeit in der Welt und also auch nicht in unseren Seelen.«

Thomas Hettche, Sinkende Sterne[5]

Vorwort

»Die Zukunft ist klein.«

Stephan Reichmann, Haldern Pop-Festivals

»Aber was ist so toll an großen Gehirnen?«

Greg Woolf, Metropolis[6]

Vergliche man Krisen bildsprachlich mit Dämonen, die uns heimsuchen, wohnten wir in pandämonischen Zeiten. Ein bedrohliches Szenario zeichnet sich ab, in dem die Welt, wie wir sie in den Nachkriegsjahrzehnten kannten, an ihr Ende gelangt ist. Die Gleichzeitigkeit von Erschütterungen und schwerwiegenden Herausforderungen, die allesamt an die Substanz unserer Lebensweise gehen, also längst in die Regionen unseres Alltags vorgerückt sind, kennzeichnet unsere Gegenwart. Mit ›uns‹ sind vor allem jene Bewohner des sogenannten Westens gemeint, die in friedlichen und prosperierenden Verhältnissen aufgewachsen sind. Dieses Zeitalter ist vorbei. Globale Migrationsdynamiken erheblichen Ausmaßes konfrontieren uns mit einer ›Weltbevölkerung in Bewegung‹, mit staatlichen ›Territorien im Driften‹. »Das nomadische Jahrhundert« (Gaia Vince)[7] hat angefangen. ›Heiße‹ kriegerische Auseinandersetzungen haben die schleichende Implosion der Friedensordnung, die nach dem Kalten Krieg ein wichtiges Hoffnungszeichen bildete, beschleunigt.

Gewalttätig hat sich die bereits länger stattfindende Neujustierung der geopolitischen Kräfteverhältnisse offenbart. Nach dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und infolge des barbarischen Überfalls der Hamas auf Israel dreht sich die Gewaltspirale unablässig weiter. Teile Europas und des Mittleren Ostens sind in die Farbe des Blutes getaucht. Und nicht erst seit den Zeiten der Pandemie sind die innerstaatlichen politischen Dissense unaufhörlich im Wachsen. Einstige Opponenten mutierten zu potenziellen oder gar tatsächlichen Feinden. Zivilisierte Diskurse besitzen mittlerweile einen Seltenheitswert. Mancherorts ist der Gesprächsfaden völlig gerissen.

Es zeichnet sich eine beunruhigende Fragmentierung des demokratischen Fundamentalkonsenses ab, dessen Stabilität einer vergangenen Zeit anzugehören scheint. Soziale Spannungen, die ihrerseits von einer populistischen Politik der Emotionen[8] angefeuert werden, führen immer mehr Bürger und Bürgerinnen über das ­Regelgefüge der Demokratie hinaus. Die grassierende Ungleichheit hat eine Schieflage entstehen lassen, die allzu lange ignoriert und kleingeredet worden ist. Als prekär[9] empfinden nämlich immer mehr Menschen ihre Lebensumstände. Sie versuchen auf einem abrutschenden Hang die Balance zu halten – oft vergeblich. Das Gefühl eines andauernden Auseinanderdriftens und einer Zerfaserung des Zusammenhalts prägt die Atmosphäre, in der manche richtungslos umherirren. Die Klüfte werden tiefer, die Unübersichtlichkeit nimmt zu, die Aggressionen steigen.

Zur Bestätigung dieser Befürchtung erreichte uns im späten Herbst 2023 eine Nachricht, die nahelegt, dass wir uns auf bürgerkriegsähnliche Zustände vorbereiten sollten. Sie stammt aus dem Hause von Elon Musk. Seine Firma ›Tesla‹ beabsichtigt in absehbarer Zeit einen Cybertruck auf den Markt zu bringen, der über 845 PS verfügt, in 2,6 Sekunden von Null auf 100 zu beschleunigen vermag und mit dem Design eines flotten Panzers prunkt. Die SUVs der Gegenwart muten in Vergleich zu diesem Fahrzeug wie schmalbrüstige und bescheidene Anfängerversuche an. Wenn man das Modell dieses Trucks anschaut, kann man das künftige Auto nur noch als eine Waffe bezeichnen, die uns die lästigen Gattungsgenossen und Lifestyle-Konkurrenten buchstäblich vom Leibe zu halten verspricht. Es steht also eine »Todesmaschine« für Zahlungskräftige bereit, ein »tödlich explosives Geschoss«, das uns »in einer Welt, die man sich kaum anders als feindlich vorstellen mag«, dabei hilft, manische Selbstermächtigungsfantasien in die Wirklichkeit umzusetzen. Die nahe Zukunft lässt sich offenbar bis in den privaten Konsumbereich hinein nur noch mittels Zuhilfenahme eines kriegsästhetischen Reservoirs bebildern.

In seinem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung hat der Journalist Gerhard Matzig auf die Ähnlichkeit des Musk-Produkts mit einem nicht unbekannten faschismuskompatiblen Vorgänger hingewiesen. Anfang des letzten Jahrhunderts hatte Filippo Tommaso Marinetti in seinem Futurismus-Manifest den Rausch der rücksichts­losen und gewalttoleranten Grenzüberschreitung besungen. Mit Blick auf das avantgardistische Vehikel aus der Produktionsstädte von Tesla müsste man schlussfolgern, so Matzig, dass hier ein »euphorisiert durchgeknallter, alles verhöhnender, alles verlachender Erbe des faschistoiden Futurismus« am Werk sei. Das Gefährt könnte aus einem Science-Fiction-Film stammen, aber die perverse Fantasie, die ihm Geburtshilfe geleistet hat, ist allzu real. »Das Auto ist monolithisch stählern dräuend – und wie aus einem Comic, der vom Weltende erzählt. Hoffnung und Zukunft gibt es nur für die, die drin sitzen im Futurismus auf Rädern.«[10] Marinettis einstiges Loblied auf den Zusammenhang von Technik, Maschine, Beschleunigung und Gewalt ist demnach auf einen ebenso ambitionierten wie furchtlosen Erben gestoßen. Der Eskapismus von Elon Musk, der zwischen einer Besiedelung des Planeten Mars und einem Geschwindigkeitsinferno unter irdischen Konditionen changiert, muss als Vorbote künftiger Daseinskämpfe unter überlebensprekären Vorzeichen verstanden werden.

Als dunkles Behältnis, das alle Krisen der Gegenwart überwölbt, verschärft sich in rapidem Tempo die Klimakatastrophe. Diese ist uns buchstäblich auf die Pelle gerückt, denn es gibt keine Möglichkeit mehr, sie zu externalisieren – weder zeitlich noch räumlich. Sie ist geradezu allgegenwärtig. Der von Jorgen Randers herausgegebene Rapport ›2052. Der neue Bericht an den Club of Rome‹ bietet keinerlei Anlass zu Optimismus. Es ist etwas Fundamentales aus dem Ruder gelaufen; und auf ein Abflauen der Schwierigkeiten sollten wir nicht hoffen. Die ökologische Verdüsterung, die sich regional bereits zu Notständen zu verdichten begonnen hat, überlagert als Mega-Krise alle anderen. Das wird auf unabsehbare Zeit auch so bleiben.

Wir benötigen – mehr denn je in den letzten Jahrzehnten – einen illusionslosen Blick auf die Realitäten. Feige Beschönigungen können wir uns nicht länger leisten. Dagegen werden Schulterschlüsse über manche Gräben hinweg nötig sein, damit wir zu kooperativen Praktiken in unseren fundamentalen Überlebensangelegenheiten imstande sind. Fragen des Lebensstils sind nämlich zu Fragen künftiger Über-Lebensstile der Gattung geworden. Üblichkeiten, zu denen auch ein grüngestrichenes ›Weiter so‹ zählt, stehen uns nicht länger zur Verfügung. Allerdings fragmentieren die Diskurse, auf die wir zur Verständigung über die Dringlichkeiten angewiesen sind, zunehmend. In immer kleinteiligeren und verbissener geführten Identitäts- und Kulturdebatten verausgaben wir uns, während ein globales Selbsterhaltungsproblem unsere Welt längst zu erschüttern begonnen hat. Sind wir noch bei Sinnen?

Während diese Zeilen geschrieben wurden, stand die Welt in Flammen. Ganze Landstriche fielen dem Feuer zum Opfer, verheerende Infernos verwüstete Siedlungen und Stadtgebiete, Wälder und Buschland. Im Jahre 1987 sang die australische Band ›Midnight Oil‹ einen aufrüttelnden Song, dessen Refrain-Zeile »How can you sleep while our beds are burning« unvergessen sein dürfte. Angesichts der apokalyptischen Bilder von den seit Wochen anhaltenden Waldbränden in Kanada, vom Flammenfraß auf der Insel Maui oder auf Rhodos verlangt diese Zeile im Grunde keinerlei Kommentar mehr. Anderenorts stehen ganze Regionen – auch in Mitteleuropa – unter Wasser, große Gebiete wurden geflutet, weil von enormem Starkregen heimgesucht. Angesichts dieser Wassermassen ist man geneigt, die Lied- und Leidzeile von ›Midnight Oil‹ umzudichten und die Frage zu stellen, wie man tanzen kann, wenn einem das Wasser bis zum Kinn steht.

In den Hochgebirgen häufen sich zurzeit die Felsstürze, weil der Permafrost – der Klebstoff der Bergmassive – wegschmilzt. Die Gletscher verschwinden rapide, so dass diese mancherorts sogar rituell beerdigt werden. Das Amazonasgebiet wiederum trocknet momentan aus, die Bilder versiegter Wassergebiete und ausgetrockneter Flüsse, auf denen Massen toter Fische und anderen Getiers treiben, hinterlassen einen verheerenden Eindruck. Geahnt und vorweggenommen hatte James Graham Ballard diese Entwicklungen in zwei Romanen, die vor mehr als sechs Jahrzehnten erstmals erschienen sind. Sie trugen die kurzen und heute erst recht vielsagenden Titel ›Die Flut‹ und ›Die Dürre‹. Sie gelten zurecht als der Anfang der Climate-Fiction-Literatur.

Schauen wir kurz zurück. In den Sommermonaten des Jahres 2023, zu Anfang der Ferienzeit, klebten sich Menschen fest auf den Startbahnen verschiedener Flughäfen. Alsbald wurden die Klebeprotestler als »Ökoterroristen« bezeichnet, und es affichierten Zeitungen mit der Überschrift, nun sei »eine rote Linie überschritten«. Aber die Frage sei erlaubt, wer genau hier diese beschworene »rote Linie« überschritten hatte – die Anklebenden oder die Abhebenden, die Erdverbundenen oder die Davonfliegenden? Wenn wir den Unterschied zwischen Störungen und Blockaden auf der einen Seite und ›Terror‹ auf der anderen Seite nivellieren, haben wir jegliches Maß zur Beurteilung der Lage verloren. Gehört unsere Solidarität den – buchstäblich – Erdverbundenen oder den Illusionisten der Lüfte, unser Mitgefühl den Verzweifelten oder den Ignoranten? Von einem »Aufstand der Äste gegen den Baum« sprach C. S. Lewis in seinem Essay ›Die Abschaffung des Menschen‹[11] und zielte mit diesem Bild auf die leichtsinnige und verantwortungslose Zerstörung der Grundlagen einer Kultur durch die von ihr zutiefst Abhängigen.

Es zeichnen sich vielerlei Reaktionsmuster auf diese Situation ab. In nicht wenigen Teilen der Bevölkerung ist ein Bewusstsein vorhanden, dass eine radikale Umsteuerung bisheriger Lebensgewohnheiten erforderlich sei. Das Wissen bleibt jedoch häufig arm an Konsequenzen. Aber auch Angst, Resignation und Verzweiflung sind auf dem Vormarsch wie im Falle der ›Letzten Generation‹ und bei ›Extinction Rebellion‹. Wir sollten uns davor hüten, uns über diese Gefühle und Haltungen hochmütig hinwegzusetzen. Weitverbreitet ist allerdings eine an Verdrängung oder gar Verblendung grenzende Ignoranz. Unlängst wurde das größte Kreuzfahrtschiff der Welt, die ›Icon of the Seas‹, zu Wasser gelassen, die 10.000 Menschen beherbergen kann. Es verfügt über sieben Swimmingpools, einen 17 Meter hohen Wasserfall und vierzig Restaurants neben zahlreichen anderen Attraktionen. Das Schiff ist so umweltfreundlich wie die Titanic unsinkbar, wie es in einem Kommentar hieß. Diese ignorante Vergnügungssucht stellt nur die Kehrseite eines unübersehbaren Aggressionspotentials auf der Seite der Apologeten der alten Ordnung dar. Hier wird eine hochempfindliche Verzichtsaversion kultiviert. Ein Freund-Feind-Schema, gewürzt mit kruden Verschwörungstheorien unterschiedlichster Provenienz, wird bei allen erdenklichen (und erdachten) Gelegenheiten bereitwillig mobilisiert. Der Wille zum Widerstand gegen jegliche Einschränkung gebiert im Einzelfall Tötungsfantasien, wie sie die Galgen symbolisieren, die dem politischen Gegner entgegengestreckt werden.

Die Leugnung kommt auch höflicher daher, gleichsam im Gewand firmeneigener Aufklärung. Ende des Jahres 2023 verkündete Carsten Spohr, der Präsident der Lufthansa, welche die Blockierer aus den Sommermonaten mit vorweihnachtlichen Schadensersatzklagen überzog, dass »das Thema Flugscham […] sich stark versachlicht und reduziert« habe. Die Zahl der Flugreisen ist in der als post-coronal empfundenen Zeit tatsächlich enorm gestiegen und entsprechend sind es auch die Konzerngewinne. Flugreisen gehören nun einmal, so Spohr, zu unseren »Lebensstandards« und mit Flugverboten ließen sich nun einmal keine Wahlen gewinnen. Die Flugkonsumenten seien nicht länger aufklärungsresistent, denn sie wissen inzwischen, dass der Flugverkehr lediglich drei Prozent der globalen Emissionen verursache, also eine zu vernachlässigende Größenordnung darstelle. Statt Scham ist nunmehr das erleichterte Gewissen im Flugpreis inbegriffen, zumal der Wunsch nach nachhaltigem Fliegen mit einer bösen Überraschung konterkariert werden muss. »Um alle heutigen Lufthansa-Group-Flüge mit nachhaltigem Kraftstoff betanken zu können, bräuchten wir die Hälfte des deutschen Stroms, also ganz grob den gesamten regenerativen Strom Deutschlands.«[12] Weil letzteres niemand wollen kann, erst recht nicht die angeblich ökosensiblen Fluggäste, wird der schlechte ›Status quo‹ als das viel kleinere Übel gefeiert und angepriesen.

Auf die Idee, nicht oder wenigstens erheblich weniger zu fliegen, kommen offenbar die Allerwenigsten. Die Möglichkeit des Verzichts scheint keine solche zu sein, jedenfalls nicht zu unseren Möglichkeiten zu gehören. Frei und beweglich, wie wir sein möchten, hat sich die einstige Freiheit, etwas nicht zu wollen, in einen Zwang, wollen zu müssen, aufgelöst. Gelegentliches und aus Vernunftgründen generiertes Nicht-wollen gehört offenbar nicht länger zum Repertoire unseres Wollens. Unser Wille kann nur noch wollen. »Die Autonomie des Menschen verwandelt sich in die Tyrannei der Möglichkeiten«[13], schriebt bereits vor dreißig Jahren der Soziologe Peter Gross.

Parallel zu den immerfort steigenden Temperaturen bewegen sich auch die Fieberkurven der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Sie indizieren die Aufwärtsbewegung des Stressniveaus, auf dem wir uns mittlerweile befinden. Konsense sind, wie erwähnt, in weiter Ferne. Die Frage, welche Maßnahmen ergriffen werden könnten, sollten und müssten, ist Gegenstand zunehmend heftiger Zerwürfnisse. Angesichts dieser Lage der Dinge wird es darauf ankommen, klaren Blicks auf die hochproblematischen Realitäten zu schauen, in die wir uns verstrickt haben, die wenig verheißungsvollen Horizonte in Augenschein zu nehmen, auf die wir uns bisher weitgehend ungebremst zubewegen. Mut zu Realismus ist erforderlich. Eine Korrektur wird aber nur dann gelingen, wenn wir uns auch begrifflich neu aufstellen. Unsere Sprache entscheidet mit über die Angemessenheit oder Unangemessenheit unserer Weltwahrnehmung, über die aus ihr zu ziehenden Konsequenzen und abzuleitenden Praktiken.

Eine zentrale Position wird in diesem Zusammenhang die Kategorie ›Verzicht‹ einnehmen. Wer ihrer Verwendung einen unnötigen Negativismus vorwirft und sanftere Alternativen vorschlägt, verkennt, dass die genannten Krisen, allen voran die ökologische, eine tief-negative Signatur aufweisen. Es ist gleichsam ausgeschlossen, dass wir den bisherigen Pfad unserer weltverzehrenden Reichweitenvergrößerung und unserer ungebremsten Wohlstandsvermehrung weiter beschreiten dürfen, wenn uns daran gelegen ist, die Bewohnbarkeit des Planeten auch in Zukunft zu gewährleisten. An dieser Stelle sei lediglich an einem einzigen Beispiel illustriert, was Reichweitenvergrößerung konkret bedeutet: In den letzten 50 Jahren haben zwei Generationen so viele neue Siedlungsflächen erschlossen und in Anspruch genommen, also Natur domestiziert, wie zuvor 80 Generationen im Zeitraum von 2000 Jahren.[14] Dieser Vergleich erübrigt im Grunde jeden Kommentar.

Es ist jedoch Vorsicht geboten, wenn wir über ›uns‹ sprechen. Denn wer sind ›wir‹? Wen meinen ›wir’, wenn von ›uns‹ die Rede ist? Wer spricht hier mit welcher Berechtigung über wen? Wir sitzen zwar im gleichen Boot, aber dort nicht am gleichen Platz, am selben Ort. Es befinden sich unzählige Passagiere im stickigen Maschinenraum, wo sie das Blau des Himmels nur aus fernen Erzählungen kennen. Zum ›captains dinner‹ sind längst nicht alle eingeladen. Die Beherbergung in den zahlreichen Zwischendecks verbürgt keinerlei Komfortgleichheit. Klima-Politik ist – nicht zuletzt – Gerechtigkeitspolitik.[15] Allzu viele Wahlmöglichkeiten bleiben uns nicht mehr. Im Grunde existieren nur zwei Optionen. Es bleibt die Möglichkeit, Verzichte und Einschränkungen ungeordnet und durch die Gewalt der Umstände erzwungen zu erleiden, oder diese geordnet, hervorgerufen durch die Vernunft der politischen und persönlichen Entscheidungen, uns selbst aufzuerlegen. Es ergibt keinen Sinn, die Lage der Dinge mit einer rosa Schleife aufzuhübschen, indem man beispielsweise auf grünes Wachstum setzt, das mit der fragwürdigen Verheißung operiert, ein Immer-mehr sei mit dem Prädikat der Nachhaltigkeit versöhnbar. Im Zentrum aller Vorhaben wird demnach die Entsorgung zwanghaften Wachstums stehen – mitsamt seiner »grünen« Varianten.

Aber wieso sind wir so versessen auf Wachstum und so verzichtsresistent? Warum leiden wir an einer Verzichtsallergie? Vermutlich kränkeln wir schon längst an einer falschen Freiheitsidee, an einer armseligen Auffassung darüber, was uns aufgrund eigener Entscheidungen zustehe und demnach in Reichweite bleiben müsse. Diese eigen-willige Freiheitsvorstellung führt zu einer gravierenden Verkennung der ›menschlichen Kondition‹. Sie hat uns mancherlei Abhängigkeiten beschert, in vielerlei Zwänge verstrickt, allerhand Leiden verursacht, zu Gewalt gegen uns selbst animiert. Wir sind zu Opfern von Luxusambitionen geworden, zu Suchtabhängigen von Verhältnissen, die uns nicht länger zwischen Überfluss und Überflüssigem zu unterscheiden erlauben. Entschlackung aus Eigen- und Fremdinteresse ist angesagt, ebenso Abschied von Überflüssigem aus beiderlei Gründen. Es lässt sich jedoch ein besseres und zukunftsträchtigeres Leben vorstellen, wenn wir ›auf Verzichte nicht länger verzichten‹ und die Attraktivität des Weniger entdecken lernen. Unsere ›Überlebensstile‹ müssen dringend verhandelt werden. ›Surviving as a Form of Life‹ hat der niederländische Ethiker Frans Vosman zu Recht die Herausforderung der Zukunft genannt.

Eine zentrale Rolle in der Debatte wird also der Begriff der ›Freiheit‹ spielen. Niemand wird bezweifeln, dass in liberalen Gesellschaften die Freiheit des Einzelnen ein wichtiges Gut darstellt. Aber die Kämpfe, die um diese ausgetragen werden und mittlerweile in teils gewalttätigen Aktionen vor Ort kulminieren, entzünden sich an einer Fetischisierung des Freiheitspostulats. In den letzten Jahrzehnten hat sich nämlich eine Auffassung zu etablieren vermocht, die in vielerlei Hinsicht einer halbierten Anthropologie gleicht. In ihr hat sich das Wissen um die vielfachen Endlichkeiten unserer Existenz verflüchtigt und wurden die sozial-kooperativen Bedingungen unserer Freiheit verwahrlost. Was wir unter den künftigen Bedingungen unserer Existenz weiterhin und mit guten Gründen werden Freiheit nennen können, muss demnach dringend neujustiert werden, damit wir die Chance nicht leichtfertig verspielen, die uns die Zeit, die uns bleibt, noch vergönnt.

Unumwunden und auf den Punkt gebracht hat auch der Jurist und Rechtsphilosoph Christoph Möllers davon gesprochen, dass wir werden wählen müssen zwischen geordneten und ungeordneten, also zwischen zivilisierten oder durch die ökologischen Umstände bedingten chaotischen Limitierungen unserer Freiheiten: »Man könnte eine Klimapolitik, die Rechte einschränkt, auch als Entscheidung für eine kontrollierte und gegen eine unkontrollierte Beschränkung von Freiheit verstehen.«[16] Deswegen ist ein aufgeklärter Begriff von Freiheit auch dazu angetan, den Gewinn der Verzichte zu kartieren, den wir durch letztere einstreichen werden. Die Neuordnung unserer Freiheiten hat nämlich nicht zur Folge, dass wir weniger, sondern dass wir anders frei sein werden, vielleicht sogar besser frei, wenn diese Formulierung erlaubt ist. Und es ist ebenso wenig ausgeschlossen, dass wir womöglich sogar glücklicher leben werden.

Was kann die Philosophie zur Auseinandersetzung mit dem sich abzeichnenden ökologischen Notstand beitragen? Kann sie Schritt halten mit den akzelerierenden Entwicklungen, mit der Zeit, die davon zu laufen droht? Ist sie in der Lage, den entfesselten Globus[17] ein wenig anzuhalten, indem sie einige hilfreiche Überlegungen bereitstellt? Oder ist sie gezwungen, ihre Kommentare und ihre Ratschläge immer nur konsekutiv, im Grunde also hinterherhinkend und zuspätkommend, zu adressieren? Und wer ist ihr Publikum? Diese Fragen sind allesamt schwer zu beantworten. Dennoch möchte ich den Versuch unternehmen, eine bescheidene Antwort zu geben. Philosophie ist ihrem Wesen nach nicht auf Schnelligkeit angelegt. Sie lässt sich nicht auf Beschleunigung trimmen, denn solchermaßen endete sie in Kurzatmigkeit. Philosophie als hastige Intervention vollzieht sich oftmals im Modus der Schnappatmung. Ihre Gedanken verdampfen mit der Aktualität, auf die sie reagiert. Eine solche Philosophie beruht auf einem Selbstmissverständnis und ist demnach keine.

Was die Philosophie anbieten kann, sind »mentale Landkarten«[18], wie Philipp Blom diese genannt hat. Sie stellen Versuche dar, die Welt und uns selbst neu und anders zu verstehen als bisher. Sie schlagen uns eine vielleicht ungewohnte Perspektive vor. Es handelt sich in diesem Falle um eine Wahrheit bis auf Weiteres, die es hoffentlich erlaubt, anders zu navigieren als bisher. »Gedankliche Öffnungen sind die Voraussetzung für praktische Durchbrüche.«[19] Dieser Satz stammt von Hermann Scheer, dem großen, viel zu früh verstorbenen Vordenker einer energiepolitischen Wende zu ausschließlich erneuerbaren Energien. Wir stehen nicht nur vor der Aufgabe, das fossile und atomare Zeitalter zu beenden, sondern auch Begriffe und Gedanken zu entsorgen, die uns bisher so fest im Griff hielten. Dann werden sich auch unsere Praktiken ändern lassen und werden wir neue Institutionen kreieren können. Scheer ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass jene Wende zu dezentralen Strukturen der Distribution führen müsste. Die jeweilige Energiequelle ruft jeweils andere technologische, organisatorische, finanzielle und politische Anforderungen an ihre Bereitstellung hervor. Atomstrom setzt globale und transnationale Netzwerke voraus und in dieser Größenordnung operierende Organisationen. Regierungen, so Scheer, seien zu einem »integralen Bestandteil der atomaren/fossilen Energiewirtschaft«[20] geworden. Die Abhängigkeiten, die bestimmte Energiequellen erzeugen, müssen demnach klar erkannt und benannt werden.

Einen wichtigen Bestandteil dieser Abhängigkeiten bilden die Zeithorizonte, die das fossile und das atomare Zeitalter erzeugt haben. Die Folgen der fossilen Energiewirtschaft bekommen wir jetzt und in Zukunft zu spüren. Die Entsorgung der atomaren Energieversorgung spottet in zeitlicher Hinsicht jeder konkreten Vorstellungskraft. Die zeitliche Ausdehnung der Konsequenzen dieser zwei Zeitalter stehen in einer krassen Spannung zu der Zeit, die uns bleibt, das Ruder wirklich herumzureißen. Die »Zeitfrage« (Hermann Scheer) ist also allesentscheidend. In einem bewegenden Nachruf auf Scherer hatte Peter Sloterdijk diese Zeitfrage angemessen zugespitzt. »Alle Politik ist Zeitpolitik: Sie ist nun in erster Linie der Vollzug der Unterscheidung zwischen ›rechtzeitig‹ und ›zu spät‹. Wer zu spät siegt, hat auch verloren. Wer das Richtige zu spät tut, tut doch das Falsche. Es ist die grausame Ironie dieser Übergangszeit, dass es lange weniger schlimm kommt als angekündigt, bis es schlimmer kommt als befürchtet.«[21] Diese Sätze sind zu Beginn des Jahres 2011 geschrieben worden. Seitdem hat sich die Grausamkeit dieser »Ironie der Übergangszeit« erheblich gesteigert, aber ebenso das »Bewusstsein für unsere Verwundbarkeit« (Corine Pelluchon)[22].

Vor diesem Hintergrund sind wir dazu aufgefordert, die Zeit als eine »existentielle Währung« (Carolin Ehmke) zu betrachten. Das Zeitfenster für Korrekturen und Reformen, die tatsächlich nachhaltig sein werden, schließt sich allmählich. Existentiell ist die Währung ›Zeit‹ jedoch nicht nur in Hinblick auf das Leben der Einzelnen, sondern ebenso hinsichtlich des Fortbestands der Gattung unter humanen Bedingungen. Es gibt eine »existentielle Einheit des Menschengeschlechts«[23], die uns zu gravierenden Verpflichtungen, Verzichtsleistungen und Einschränkungen auffordert. Diese Einheit steht nicht zur Wahl – solange wir uns selbst moralisch ernst nehmen.

Die Zeitknappheit, die uns in ökologischer Hinsicht zu schaffen macht, darf uns nicht dazu verführen, philosophische Schnellschüsse zu produzieren. Philosophie, die diesen Namen verdient, ist vielmehr ein reflexives Anhalten ungestümen, besinnungslosen Vorwärtsdrangs, und inmitten sich überstürzender Ereignisse stellt sie den Versuch einer Unterbrechung der Zeitläufte dar. Sie setzt jedenfalls die Bereitschaft zur Verlangsamung voraus. Diese Verlangsamung ist jedoch nicht ihr Ziel, sondern lediglich das Mittel zur Gewinnung einer gewissen Klarheit des Denkens, zur Justierung der Wahrnehmung. Ihr etwas späteres Ankommen bei bestimmten Problemlagen muss ihr nicht unbedingt zum Nachteil reichen. Aus der Distanz heraus kann man manchmal etwas besser sehen. Zur Berichtigung mancher Gewohnheiten ist jedenfalls eine Neueichung unserer allzu bequemen, inzwischen verschlissenen Begriffe erforderlich.

Gedankenarmut käme uns in der Lage, in der wir uns befinden, jedenfalls teuer zu stehen. Es ist die Aufgabe der Philosophie, die Welt deuten zu helfen, die schwierigen Wirklichkeiten, in denen wir leben, verstehen zu lernen, unser Tun und Lassen gegebenenfalls zu korrigieren. Man kann ihr nicht verbieten, angesichts der Klimakatastrophe zum Aufgeben zu ermutigen, wie es Gregory Fuller bereits Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts getan hat. Fuller verlangte damals »eine abgeklärte Akzeptanz« der Dinge und riet zu einer »heitere(n) Hoffnungslosigkeit«. Es seien »die großen Schlachten […] geschlagen. Alle, alle führten sie zu Pyrrhussiegen. Nun naht die Zeit, wo wir der Hoffnung entsagen, damit unsere Seelen Frieden finden. Die Endzeit bricht an.«[24] Diesem Fazit gilt es aber zu widersprechen.

Nicht aufgeben gehört sich – aus elementar-moralischen Gründen. Wir dürfen uns nicht aus dem Staub machen und den Jüngeren und den Kommenden eine verwüstete Erde hinterlassen. Unsere psychische Verfasstheit angesichts der enormen Aufgabe mag diesem Appell nicht gewachsen zu sein. Man muss tatsächlich ›können können‹ und wer das Können nicht mehr kann, hat recht auf unsere Nachsicht und unser Mitgefühl. Die moralische Pflicht behält trotzdem ihre Gültigkeit. Wir werden lernen müssen, das Hinschauen zu üben, und dies heißt nicht zuletzt, nicht immer auf uns selbst zu schauen. »Der Begriff des Guten«, schrieb Iris Murdoch, »widersetzt sich dem Verfall, der Einverleibung in das selbstsüchtige empirische Bewusstsein.« Und sie fügte den großartigen Satz hinzu: »Güte ist mit dem Versuch verbunden, das Nichtselbst (unself) zu sehen, die wirkliche Welt zu sehen und im Lichte eines tugendhaften Bewusstseins auf sie zu reagieren.«[25] Es ist wichtig, das Gute nicht mit dem Glück zu verwechseln, jedenfalls nicht mit dem »Glücksdiktat«[26], das uns mit mehr oder weniger Zwang dazu auffordert, überall auf ›peak experiences‹ zu lauern. Die Suche nach dem Guten stellt eine Verpflichtung dar. Glücklich-sein gehört nicht zu unseren Pflichten. Die Suche nach ihm ist uns gewiss angeboren. Aber das Glück selbst fällt uns zu, hin und wieder, oftmals in Zufällen, immer als Geschenk.

Die Philosophie, soweit sie praktische Anliegen verfolgt, stützt die Moral des Nicht-Aufgebens. Dennoch steht ihr Demut nicht schlecht zu Gesicht. Die Philosophie löst nicht aufgrund eines besonderen und privilegierten Könnens den gordischen Knoten der gegenwärtigen Verstrickungen, in denen wir uns befinden. Falsche Bescheidenheit ist aber auch keine Tugend. »Man kann nicht von der Philosophie verlangen, auf alle Fragen, die sie stellt, eine Antwort zu geben«, schreibt Susan Neiman. »Wenn sie uns aber nicht einmal eine Kostprobe der Orientierung im Denken vorlegt […], wozu ist sie dann nütze?«[27] Mir gefällt die Formulierung »Kostprobe der Orientierung im Denken« außerordentlich. Es ist der Versuch wert, eine solche Kostprobe bereitzustellen und dabei auf ein geneigtes und kooperierendes Publikum zu stoßen.

Jean-Pierre Wils, Kranenburg/Nijmegen im Sommer 2024

Rückzug in die Nostalgie oder ›radikale Hoffnung‹?

»Wir sind im Ausnahmezustand.«

Bruno Latour[28]

»Aber was erwartet uns, wenn wir die Hoffnung aufgeben? Die Barbarei.«

Kophei Saito[29]

Leiden an der Trostlosigkeit

Seit einiger Zeit kursiert in den Debatten über die Folgen des Klimawandels ein zunächst fremd anmutender Begriff – eine regelrechte Neuschöpfung. ›Solastalgie‹ lautet dieses Wort, das so viel wie ›Leiden an der Trostlosigkeit‹ bedeutet. Es kombiniert das lateinische ›solacium‹ (Trost) mit der griechischen Wurzel ›algia‹ (Schmerz, Leiden). Geprägt wurde dieser Begriff durch den australischen Naturphilosophen Glenn Albrecht[30] und gemeint ist das Leiden an der Trostlosigkeit eines Ortes, an der Unbewohnbarkeit einer Umgebung. Es hat sich das Gefühl eines gravierenden Verlusts eingestellt, weil der vertraute Lebensraum das Opfer schwerwiegender negativer Eingriffe oder gar einer um sich greifenden, anhaltenden Zerstörung wurde.

In seiner begrifflichen Nachbarschaft befindet sich die uns viel bekanntere ›Nostalgie‹, die Sehnsucht oder das Verlangen nach einer Welt oder einer Daseinsweise, die der Vergangenheit angehört und als unwiederbringlich verloren gelten muss. Die ›Nostalgie‹ ist also primär mit einem Zeitindex verbunden, mit einem Zeitpfeil, der in eine rückwärtige Richtung weist. Man sehnt sich nach einer früheren Epoche, aber auch nach Örtlichkeiten oder Landschaften, die nicht länger existieren. Das Früher erscheint jedenfalls attraktiver als die Gegenwart. Die ›Solastalgie‹ ist dagegen mit einem Raumindex verbunden, mit dem Verschwinden der Bewohnbarkeit des heimatlichen und vertrauten Raums, mit dem Schwund seiner wertgeschätzten Eigenschaften, mit der Trauer um die allzu zerstörerischen Verletzungen der Umgebung.

Auch hier ist eventuell ein Verlangen nach Rückkehr zu früheren Zeiten vorhanden, aber die Aufmerksamkeit richtet sich hauptsächlich auf die unmittelbare Gegenwart – auf den Schwund ihrer Bewohnbarkeit, auf die merkliche Eintrübung der Zukunft als Überlebensraum. Dürren und Brände, zerstörerische Überflutungen und Stürme, Erdbeben und Vulkanausbrüche ebenso wie Kriege und Terror gehören zu den klassischen Kausalitäten traumatischer Verlusterfahrungen, die solastalgische Effekte auslösen können. Heutzutage ist es jedoch vor allem die anthropogene Naturvernichtung – der durch Menschen getätigte Terror gegen die Natur –,wodurch das ›Leiden an der Trostlosigkeit‹ um sich greift. Nicht zuletzt sollte die Einebnung herkömmlicher Grenzen im Laufe der forcierten Globalisierung genannt werden. Mit ihr gingen eine Hypertechnisierung und eine forcierte Digitalisierung einher. Auch diese haben solastalgische Befindlichkeiten hervorgerufen, Leiden an der Lebensabkehr der Umgebung.

Die Eingriffstiefe dieser Verlusterfahrung dürfen wir nicht unterschätzen, denn sie trifft Menschen in Mark und Bein. In diesem Zusammenhang könnte man sogar von der Erfahrung »ontologischer Verletzlichkeit« (Jonathan Lear)[31] sprechen. Wer mit dem Zusammenbruch seines vertrauten Raums und mit dem Schwinden der lebensförderlichen Ressourcen seines Ortes konfrontiert wird, beginnt zu ahnen, dass sein ›Sein‹ in Frage gestellt worden ist. Unkenntlich wurde die einstige Heimat. Dessen Bewohner kommen sich als Fremdgewordene vor, denn es beschleicht ihnen das Gefühl, nicht mehr vorgesehen, nicht länger gemeint zu sein. Unbehaustheit kennzeichnet nun ihre Existenz. Aber warum sprechen wir hier eigentlich von ›Trostlosigkeit‹? Die Zerstörung der Umgebung, wodurch die ›Solastalgie‹ – das Leiden an der Trostlosigkeit – hervorgerufen wird, zeigt sich, unabhängig von ihrer jeweils dominierenden Ursache, immer auch als eine Vernichtung von Natur. Wo die natürlichen Grundlagen von Habitaten verletzt worden sind, ist eine wichtige Trostquelle versiegt – eben die Natur. Diese ist verstummt, resonanzuntauglich geworden. Ihr Niedergang ist anthropogenen Ursprungs. Auf eine Insel mit dem Namen ›Kultur‹ werden wir uns nicht retten können. Im Gegenteil – die Unterscheidung ›Natur versus Kultur‹ sollten wir besser aufgeben. Wie Philippe Descola[32] gezeigt hat, ist diese jüngeren Datums und keineswegs universeller Art. Erst seit der Renaissance hat sie unser Weltbild geprägt. Gerade diese Unterscheidung wurde als eine Lizenz zur wissenschaftlich-technologischen Unterwerfung der Natur aufgefasst. Deren Verschwinden werden wir jedoch ›kulturell‹ nicht kompensieren können.

Wir fahren in klimatisierten Autos und Zügen durch weite Gegenden und blicken auf vertrocknete oder überflutete Landschaften, auf verödete Felder und in Mitleidenschaft gezogene Äcker, auf schwer erkrankte Wälder, auf verschwindende Gletscher. In Flugzeugen überfliegen wir ganze Gebiete, die dem ökologischen Kollaps nahe sind und träumen uns – die Lage der Dinge ›unter uns‹ kalt ignorierend – in Urlaubsregionen hinein, wo wir uns für eine Weile in Illusionswelten aufhalten, die uns Ablenkung von den Realitäten, in denen wir leben, versprechen. Abstand von ›Natur im Niedergang‹ wird hier herbeigesehnt, Verschonung von den schlechten Nachrichten ohnehin. Dieses Kompensationsunterfangen ist jedoch zum Scheitern verurteilt. Die Illusion hält nicht lange an, denn die Natur war immer eine der wichtigsten Quellen des Trostes. Ihr Trostreservoir schien lange Zeit geradezu unerschöpflich.[33] Wie Menschen die Tröstung durch Natur erfahren und was in ihr zu trösten vermag, lässt sich nicht leicht beantworten. Auf diese Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Dass sie aber eine prominente Trostinstanz ist, lässt sich kaum bezweifeln. Aber nicht jede Natur vermag zu trösten.

Wo sie Schrecken auslöst, wird Natur nicht zu trösten vermögen. Auch die restlos bewirtschaftete und technisch weitestgehend domestizierte Natur ist nicht in der Lage, einer Trostnachfrage nachzukommen. Ein gewisses Maß an Unversehrtheit sollte sie aufweisen. Unter Umständen muss sogar eine Art Korrespondenz zwischen unseren Erwartungen und ihren Erscheinungsformen vorliegen. Zuviel Fremdheit tut uns nicht gut. Dennoch sollte die Natur nicht gänzlich in unsere Reichweite geraten. Sie sollten nicht zum bloßen Manipulations- und Interventionsobjekt geworden sein. Völlig unberührt braucht sie nicht zu sein, aber ein Stück Unabhängigkeit sollte sie sich bewahrt haben. Vor allem jedoch darf sie keine Spuren von Verletzungen aufweisen, die auf unser Konto gehen. Wenn wir Trost suchen, nachdem ein Unglück geschehen ist und Unwiderrufliches, Irreparables sich in unserem Leben ereignet hat, werden wir – als solchermaßen versehrte und verletzte Geschöpfe – keine Zuflucht suchen bei einer ihrerseits versehrten, also durch uns geschädigten und verletzten Natur. Es resonieren nicht zwei verletzte Seiten, wenn Tröstung gelingen sollte.

In zunehmendem Maße und in rapidem Tempo begegnen wir allerdings genau solcher Natur – Natur in einem durch uns bewirkten Niedergang, Natur im Überlebenskampf. Natur im Modus der Zerrüttung spendet keinerlei Trost, im Gegenteil. Sie vertieft unsere Trostbedürftigkeit und ruft eventuell das Gefühl hervor, untröstlich zu sein. ›Angst essen Seele auf‹ lautete der Titel eines Films von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahre 1974. Das Melodram befasste sich mit der Unterdrückung von Gastarbeitern, mit dem Druck, der auf ihnen lastete, in einer ihnen feindlich gesonnenen Umgebung. Übertragen lässt sich dieser Satz auch auf unsere ›solastalgische‹ Verfasstheit. Ängste machen sich breit, wenn die Natur bedrohliche Szenarien bereithält. Statt Trost zu spenden, lastet sie dann schwer auf unseren Seelen. Wenigstens eine Anmutung von Ganzheit, eine Andeutung von Gefügt-Sein darf nicht fehlen, falls die Natur ihr Trost-Potential weiter anbieten soll.

Es sind vor allem ihre Ordnung und ihr Maß, die uns zu beruhigen vermögen. Es sind die Rhythmen, die in den Naturzeiten vorherrschen, die uns als Abbilder verlässlicher Strukturen Halt versprechen. Nicht umsonst waren die Jahreszeiten jahrhundertelang die wichtigste Metapher, auf die Menschen zwecks der Entschlüsselung eines in ihren Lebensphasen vermuteten Sinns zurückgegriffen haben. Da existierte eine von uns unabhängige Ordnung, deren Muster versprach, eine Handreichung für das eigene Leben zu sein. Da wurde uns eingeflüstert, dass ein unwiederbringliches Kommen und Gehen, ein Reifen und ein Rückzug, ein Blühen und ein Verwelken auch unser Leben durchziehen. Wir sind nicht allein. Es existiert Größeres, etwas unvordenklich Älteres und Beständigeres als wir, dessen Bewegungen und Abläufe keinem menschlichen Diktat unterworfen sind. Im Zeitalter des Anthropozäns beginnt diese Gegebenheit zu schwinden. Längst sind wir zu Erdfaktoren ersten und womöglich letzten Ranges geworden. Der Rhythmus der Natur ist durch unsere Interventionen infiziert und aus dem Lot geraten. Ihre souveräne Unabhängigkeit von uns haben wir längst angetastet. Die Natur ist menschenbedingt im Kippen. Als Trostspenderin gehört sie in zunehmendem Maße der Vergangenheit an. Ihr Trostreservoir leidet an einer gewaltigen Erschöpfung.

Vergangenheit als Notbehelf

Da wundert es nicht, dass die Nostalgie ihr Haupt erhebt und sich der Solastalgie entgegenstemmt. Bietet eine forsche Rückwendung keinerlei Hilfe? Warum sollten wir das Experiment einer Rückkehr zu früheren Zeiten nicht in Angriff nehmen? Lassen sich die vielfältigen Fehlentwicklungen und Missgriffe der Moderne nicht rückgängig, die jüngst-vergangenen politischen Zeitenwenden nicht ungeschehen machen, indem wir uns entschieden von der misslichen Gegenwart abwenden und uns mit dem Rücken zur Zukunft auf das bessere Einst konzentrieren? Gewiss – wir Modernen waren jene Subjekte, welche die ›Flucht nach vorne‹ angetreten hatten, zukunftseuphorisch und siegesgewiss. Warum sollten wir also nicht die ›Flucht zurück‹ unternehmen, im Taumel einer schönmalerischen Vergangenheitsverherrlichung? Wenn es stimmt, dass in der Moderne die Zukunft eine »von allen Seiten in Dienst genommene […] Deponie für die Illusionsabfälle der überforderten Gegenwart«[34] gewesen ist, mag es tatsächlich attraktiv erscheinen, eine wohltuende Kontrast-Vergangenheit, ein illusionäres Zeitalter herbei zu fantasieren, in dem die Weltverhältnisse noch stabil, zuverlässig und vertrauenswürdig, die Selbstverhältnisse übersichtlich und all dies das Ergebnis einer Fügung waren.

In seinem Roman ›Zeit Zuflucht‹ erzählt Georgi Gospodinov die Geschichte einer sich pandemisch ausbreitenden Vergangenheitssehnsucht in Europa. Die »Obsession für die Vergangenheit«[35] manifestiert sich hier als eine geradezu ansteckende Krankheit. Eine rätselhafte Figur namens Gaustín, der Gesprächspartner der Erzählerfigur oder eventuell dessen ›Alter ego‹, erinnert sich sehr genau, wie er am 1. September 1939, dem Datum des Überfalls Nazi-Deutschlands auf Polen, der den Zweiten Weltkrieg einläutete, durch das morgendliche Wien gegangen sei. Damals »kam das Ende der menschlichen Zeit« und seitdem pilgert Gaustín wie ein »Obdachloser in der Zeit«[36]. Die Erinnerung wurde sein Lebensthema. Und offenbar war die Attraktivität der Vergangenheit, wie er konstatiert, seit langem bereits im Wachsen gewesen. Die Vergangenheitsgewandtheit nimmt unablässig zu.

Zunächst sind es Menschen, die an Gedächtnisschwund leiden, die im Zentrum einer neuartigen Vergangenheitsbearbeitung stehen. Sie suchen Halt in den Schutzzonen einer noch erinnerten Vergangenheit. Für sie sind die früheren Zeiten ihres Lebens nicht bloß willkommene Gefilde für ihre entspannten Erinnerungsausflüge, für gesellige Erzählungen in fröhlicher Runde. Und jene vergangenen Zeiten eignen sich auch nicht für eine biografische Berichterstattung in therapeutischer Absicht. Es ist nicht die Vergangenheit, die geheilt werden muss, denn sie selbst stellt das Heilmittel dar, das den orientierungslos in der Gegenwart Herumirrenden verabreicht werden soll. Da werden keine Gründe für spätere Unzulänglichkeiten gesucht, keine Hinweise, wie die Gegenwart erträglicher werden könnte und wie sich künftig vergangenheitsentlasteter leben ließe. Eine Zukunft, die eine solche medico-psychologische Investition plausibilisieren würde, existiert nämlich nicht mehr. Die Vergangenheit ist vielmehr zum Rettungsanker inmitten einer Gegenwart geworden, die für die Dementierenden zunehmend zerfällt und zu einem radikal-fremden Gehäuse geworden ist. Am längsten verharrt bekanntlich die am weitest zurückliegende Vergangenheit in den Restbeständen des Gedächtnisses, weshalb gerade diese rekonstruiert werden muss und zwar buchstäblich, also räumlich wiedergeschaffen.

Gaustín zufolge »ist die Vergangenheit vergangen, und selbst wenn wir uns dorthin begeben, wissen wir, dass die Tür in die andere Richtung offensteht, wir können problemlos zurückkehren. Für die vom Gedächtnis Verlassenen ist diese Tür für immer zugefallen. Für sie ist nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart ein fremdes Land, die Vergangenheit ist ihre Heimat. Das einzige, was wir in so einem Fall tun können, ist, einen Raum synchron zu ihrer inneren Zeit zu erschaffen. […] Inwieweit das heilsam ist, ob es Neuronen wiederherstellt, wer weiß. Aber diese Menschen erhalten ein Recht auf Glück, auf die Erinnerung an Glück, wenn wir genau sein wollen. Wir nehmen an, dass die Erinnerung an Glück eine glückliche Erinnerung ist.«[37]

Die Vergangenheit fungiert hier als eine willkommene Ersatzwelt, als dankbarer Notbehilf inmitten einer fragmentierenden Gegenwart und einer bereits abhandengekommenen Zukunft. Der Raum der Gegenwart kann nicht länger bewohnt werden, denn das fragile Gedächtnis – die »innere Zeit« – findet keinen Halt mehr an den Materien der Jetztzeit. Es haftet nicht mehr an der Welt der Dinge und der Menschen. Die Hinwendung zur Vergangenheit geschieht alles andere als freiwillig. Es ist die Gegenwart, die unter den Füßen der Gedächtnisversehrten schwindet und diese gleichsam nötigt, in die Vergangenheit zu emigrieren.

Gaustín berichtet von den neuen Räumen, die passend zu der Vergangenheit der jeweiligen Person, also im Einklang mit deren Vorlieben und Präferenzen eingerichtet werden. Im Detail und mit äußerster Akribie werden diese Räume vergangenheitsgetreu ausgestattet, so dass eine retro-vitale Illusion entsteht, in die eine unter Gedächtnisschwund leidende Person Unterschlupf finden kann. Diese wird heimisch in einer vergangenen Gegenwart, die bis zum Tode währen sollte. Allerdings beschleicht Gaustín alsbald der Verdacht, dass die wachsende Zahl der Hilfe Suchenden kein Zufall sein könne. Es sind ihrer zu viele. Immer zahlreichere und zunehmend größere Räume müssen vergangenheitskompatibel entworfen, gebaut und eingerichtet werden. Die Gegenwartsamnesie droht zu einer Vergangenheitsmanie zu werden. Ganze Illusionswelten werden geschaffen, in denen es sich gegenwartsabgewandt und zukunftsvergessen leben lässt. Weit über den Horizont der Einzelnen wird dieser Rückzug in die Vergangenheit nun auch politisch attraktiv.

»Überall wird es Häuser aus anderen Jahren geben, kleine Viertel, eines Tages werden wir auch Städtchen haben, vielleicht auch einen ganzen Staat der Vergangenheit. Für Patienten mit schwindendem Gedächtnis, Alzheimer, Formen von Demenz, was du willst. Für all jene, die bereits einzig in der Gegenwart ihrer eigenen Vergangenheit leben. Und für uns, sagte er am Ende nach einer kleinen Pause, wobei er einen langen Rauchfaden ausblies. Dieser Strom von Menschen ohne Gedächtnis heute ist alles andere als Zufall … Sie sind hier, um uns etwas zu sagen. Und glaub mir, eines Tages, in naher Zukunft, werden viele beginnen, allein in die Vergangenheit hinabzusteigen, aus freiem Willen ihr Gedächtnis zu ›verlieren‹. Es kommt eine Zeit, in der immer mehr von ihnen sich in ihrer Höhle verstecken wollen, zurückkehren werden wollen. Und nicht, weil es ihnen so gut geht, übrigens. Wir müssen bereit sein mit den Luftschutzräumen der Vergangenheit. Nenn sie, wenn du willst, Zeitschutzräume.«[38]

Die massive, entschieden vorangetriebene Rückkehr zur Vergangenheit enthält Motive, die weit über das Schicksal vieler Einzelner, die ihr Erinnerungsvermögen einbüßen, hinausgehen. Es wird zunehmend nach Schutz vor einer Gegenwart gefahndet, die als Überforderung, als Bedrohung, als Überbelastung, als Attentat auf das verdiente Wohlgefühl empfunden wird. Als möchten wir unser Gedächtnis freiwillig abtreten, wahlweise an die ›Cloud‹ oder mittels Opiate der fröhlichen Bewusstseinstrübung. So entstehen neue Kollektive gezielten Vergessens. Gospodinov spricht völlig zurecht von »Zeitschutzräume(n)«, die im Entstehen begriffen sind. Wenn der Raum der Gegenwart zu verdunkeln beginnt, bietet sich die Schaffung von Vergangenheitsräumen geradezu als Patentlösung an. Wieso sind wir nicht schon früher auf die Idee gekommen, Kompensationszeiträume zu schaffen, die angesichts der gegenwärtigen, erst recht der künftigen Raumnotstände Vergangenheitsleben anbieten? Die Vergangenheit sollte nämlich als letzte kapitulieren. Und die Illusionen sind nun einmal resistenter als die Realitäten. Warum nicht in Zeitflucht(t)räume investieren?

Solchermaßen ist ein Bündnis zwischen Nostalgie und Solastalgie entstanden, das aufwendig und ökonomisch keineswegs ertraglos zur Inszenierung drängt: Dem Leiden an der Trostlosigkeit der Gegenwartsräume kann abgeholfen werden, indem trostbereite Vergangenheitsbesiedelungen angeboten werden. In Gospodinovs Roman verfolgen wir auf Dauer sogar die Entstehung neuer Staatsvergangenheiten: Die einzelnen Staaten Europas wählen oder erkämpfen sich dort ihre Lieblingsvergangenheiten. Der überall sprießende neue Nationalismus greift zu buchstäblichen Imitationen, zu gewaltigen bis gewalttätigen Neu-Inszenierungen des Alten. Aus der Zukunftsobsession der Moderne wird eine Aversion, aus ihrer Vergangenheitsaversion eine Obsession.

Gospodinov spricht im Grunde von unserer Gegenwart. Es bewahrheitet sich bei ihm, was der österreichische Autor und Essayist Michael Scharang über wichtige Literatur angemerkt hat, dass diese nämlich immer auch »Forschungsarbeit«[39] sei, also eine investigative Kartierung der Realitäten mit den Mitteln der Kunst. In der Tat breitet sich in den stressbefallenen Milieus der Gegenwart eine retrograde Politik aus. Mäßige Korrekturen an unseren Lebensgewohnheiten werden bereits als Beweggrund für eine vehemente Protesthaltung empfunden, als Zumutungen, die man sich nicht gefallen lässt. Man begibt sich auf die Suche nach Restbezirken der Gegenwartverleugnung, nach Refugien temporären Vergessens, die als Ferienparadiese angepriesen werden, bis deren Bewirtschaftung auch diese zerstört haben. Die Ablenkung, die wir dort suchen, hält, solange sich die schlechte Illusion aufrechterhalten lässt, eine bessere Welt sei käuflich. Gospodinov führt in seiner Beschreibung der kleinen bis sehr großen Vergangenheitspolitiken das ganze Spektrum dieser Fluchtbewegung vor Augen. Was als zeitweiliges Demenz-Pflaster anfing, endet als ein Politikum, das die Massen zu bewegen vermag in die Richtung eines verklärten Gewesenen. Das Vergessen der Gegenwart wird zur Signatur eines Zeitalters, das der Korrektur der zukunftsfeindlichen Gepflogenheiten mit allen Mitteln umgehen will.

Es existieren zusätzliche Auswege aus der privaten Malaise, auch wenn diese sich als Auszug aus dem eigenen Leben entpuppen werden. Wir haben gesehen, wie die dementielle Verflüchtigung der Gegenwart in den »Zeitschutzräumen« aufgefangen werden konnte. Aber auch diese Kompensationsmöglichkeiten stoßen an eine Grenze. Dann hilft nur noch die allerletzte Kompensation, die buchstäblich ultimative – die der Selbstauslöschung. »Das Gehirn hat kapituliert, die Provinzen des Körpers rebellieren. […] Nie zuvor hätten wir vermutet, dass der Verlust des Gedächtnisses tödlich sein kann. Oder zumindest habe ich nichts vermutet. Ich habe es immer eher als Metapher aufgefasst. Plötzlich wird einem bewusst, wie viel Gedächtnis man in seinem Körper mit sich herumträgt, freiwillig und unfreiwillig, auf allen Ebenen. Die Art und Weise, auf die sich die Zellen reproduzieren, ist ebenfalls Gedächtnis. Ein körperliches, zelluläres, gewebliches Gedächtnis.«[40]

Die Details der Gedächtnisimplosion sind bekannt und werden von Gospodinov im Zeitraffer resümiert. Wir ahnen bereits, auf welche Lösung hier zugesteuert wird, aber zunächst will das Drama der wachsenden und zuletzt alles umfassenden Amnesie nachvollzogen werden. Hier geschieht unfreiwillig, was auf der politico-retro­graden Weltbühne des Vergessens geradezu intendiert wird: Die Gegenwart beginnt zu erlöschen, ihre Wahrnehmung verschwindet. »Was passiert, wenn das Gedächtnis beginnt, sich zurückzuziehen? Zuerst vergisst du einzelne Wörter, dann Gesichter, Zimmer, du suchst in deinem eigenen Haus nach der Toilette. […] Am Ende wird der Verstand vergessen, wie man spricht, der Mund wird vergessen, wie man kaut, der Rachen wird vergessen, wie man schluckt. Die Beine werden vergessen – wie war das noch gleich, zum Teufel …«[41] Es hat der Körper die Regie für den Geist und seine Gesellen – die Sprache und das Gedächtnis – übernommen. Tätigkeiten sind nicht länger vorgesehen. »Er bringt sich stückweise selbst um, Organ für Organ, Zelle für Zelle. Auch Körper haben die Nase voll, werden müde, wollen Ruhe.«[42]

Der assistierte Suizid rückt näher, denn auch für den letzten Akt ist die Zeit bereits vergangen. Die kalte Verzweiflung spricht aus den folgenden Zeilen, die um sich greifende Panik, dass jegliches Tun, also die Zeit des Handelns, endgültig vorbei sein könnte. Für die Selbsttötung ist es nämlich zu spät. »Kurzum, in Selbstbedienung bekommst du es gratis. Aber was ist, wenn du keine Kraft mehr hast, um dich selbst umzubringen, und nicht nur nicht die Kraft, sondern wenn du dich auch nicht mehr erinnern kannst, wie man es macht. Wie verlässt man dieses Leben, zum Teufel, wo habt ihr die Tür versteckt? Du hast keine Erfahrungen aus erster Hand oder höchstens ein, zwei, aber immer ohne Erfolg. (Eigentlich ist der erfolglose Selbstmordversuch die wahre Tragödie, der erfolgreiche ist nur eine Prozedur.) Wie, zum Teufel, brachte man sich doch gleich noch einmal um, fragt sich das verlöschende Gehirn, wie war es in den Büchern. Da war etwas mit dem Hals, irgendetwas passierte mit dem Hals, die Luft, die Luft bleibt weg, oder das Wasser dringt ein und füllt dich wie eine Flasche … oder die Klinge schneidet, es gab wohl auch ein Seil, aber was soll ich mit diesem Seil anfangen.«[43] Nun ist der Ruf nach Assistenz nicht mehr fern und die Hilfe eilt herbei. Wer möchte schon in einer trostabgewandten Wirklichkeit leben?

Der Zweifel an der Zukunftsfähigkeit unserer Gattung nimmt stetig zu. Unter jungen Menschen hört man immer wieder die Bekundung, es sei unverantwortlich, weiterhin Kinder in diese Welt zu setzen. Der durch einen ökologischen Notstand motivierte Suizid wird gewiss eine Ausnahme bleiben, aber die Grenze zwischen Zweifel und Verzweiflung dürfte poröser werden, sobald die Aussichten auf nachhaltige Veränderungen sich zunehmend eintrüben. Eine solche Zukunftsdämmerung ist keineswegs das traurige Privileg unserer Gegenwart. In zahlreichen Epochen standen Kollektive an einem Abgrund, der ihre Weiterexistenz, jedenfalls auf die Art und Weise, wie sie bisher gelebt hatten, unwahrscheinlich machte.

Inhalt

Vorwort

Rückzug in die Nostalgie oder ›radikale Hoffnung‹?

Leiden an der Trostlosigkeit

Vergangenheit als Notbehelf

Hoffnung und Widerstand

Mut zu Realismus. Über den Umgang mit schlechten Aussichten

Erschrecken können

Auslagerungsgesellschaft

Sich ehrlich machen

Immer nur vorwärts?

Kontrollverluste

Verteidigung des Verzichts – ein Privatissimum und ein Politikum

Begriffsprüfungen als Lebensprüfungen

Rückholungen aus dem Vergessen

Ohne Tabus

Rehabilitationen

Übergewichtiges Leben – Luxus im Zwielicht

Anhalten, aber wie?

Historie und Gehalt

Befreiung und Emanzipation

Flucht und Narkotikum

Gerechtigkeitsvergessen

Angesichts der Katastrophe

Rettung und Genuss – gegen den Verzehr der Welt

Magersüchtige Freiheit – eine Abschaffung

Temperaturanstiege

Überforderung und Abstraktion

Drei Fehldeutungen

Unersättlichkeit oder Kooperation

Die Rückkehr der öffentlichen Güter und die Allmende

Eine einzige Alternative?

Lob der Kollektivgüter

Grundgesetzliches

Die Kunst des Provisorischen und die Schaffung von Überlebensräumen

Wesen des Übergangs

Einfache Nachhaltigkeit

Das Leben danach

Fünf Aufgaben

Zum Schluss – eine Prise Hoffnung

Literaturverzeichnis

Anmerkungen