Waldumbau - Bernhard Henning - E-Book

Waldumbau E-Book

Bernhard Henning

0,0
37,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Erkennen Sie die wichtigsten Standorteigenschaften und analysieren Sie, an welcher natürlichen Waldgesellschaft Sie sich für die Baumartenwahl am besten orientieren. Können exotische Baumarten, beispielsweise die Douglasie, ein Teil der Lösung sein? Mit Beschreibungen aller Techniken, die für den Waldumbau in Frage kommen. Da der Waldumbau Jahre bis Jahrzehnte dauern kann, erklärt der Autor die wichtigsten Schadfaktoren und leitet ab, wie man Schäden langfristig vermeiden kann. Bewirtschaften Sie ihren Wald naturnah und erfolgreich!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 303

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Bernhard Henning

Waldumbau

Gesunden Mischwald bewirtschaften

2., aktualisierte und erweiterte Auflage

40 Fotos15 Zeichnungen16 Tabellen

Gewidmet meiner Frau Alexandra

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Danke!

1Der Holzmarkt von morgen

1.1Vom Brotbaum zum Sorgenkind

1.2Klimawandel: Was kommt auf den Waldbesitzer zu?

1.3Die Holzmärkte von übermorgen

1.4Der Mischwald: Silberstreifen am Horizont

1.5Problemfall Fichte

1.6Natürliche Fichtenwälder: Was der Waldbesitzer von ihnen lernen kann

1.7Gründe für die Fichtenwirtschaft

1.8Alle gegen einen: Die Fichte und ihre Schädlinge

1.9Schäden einst: Keine Lehren aus der Vergangenheit

1.10Und was ist mit der Kiefer?

2Grundlagen naturnaher Waldwirtschaft

2.1Was ist Biodiversität eigentlich?

2.2Standortkunde

2.3Waldgesellschaften

3Waldbauliche Analyse: Den Ist-Zustand bestimmen

3.1Baumartenwahl

3.2Von der Monokultur zum naturnahen Mischwald

3.3Herausforderung Waldumbau

3.4Waldbautechniken

3.5Alternativen zur Fichte

4Klimafitte Baumarten

4.1Heimische Baumarten

4.2Nichtheimische Baumarten

5Abwehr von Schäden

5.1Allgemeines zum Forstschutz

5.2Waldschäden

5.3Abwehr von Borkenkäfern

5.4Abwehr von Wildschäden

5.5Waldbrand

5.6Aufarbeitung von Sturmflächen

Service

Weiterführende Literatur

Autor

Bildquellen

Vorwort

„Willst du den Wald vernichten, pflanze nichts als Fichten, Fichten, Fichten.“ Seit Beginn meines Forststudiums wurde ich immer mit diesem Spruch konfrontiert, besonders Botaniker und Bodenkundler wiederholten diesen Schmähruf immer wieder. Die meisten forstlichen Professoren wählten weniger scharfe Formulierungen, aber allgemein war es Konsens, dass der Anbau von Fichtenmonokulturen möglichst vermieden werden sollte.

Theorie und Praxis

Es war verwirrend, während verschiedener Praktika zu sehen, dass genau das, wovor die Wissenschaftler warnten, in der Praxis weit verbreitet ist. Manche meiner Kommilitonen erklärten sich diesen Widerspruch einfach dadurch, „dass die Professoren halt keine Ahnung von der Praxis hätten“. Natürlich sieht der Arbeitsalltag eines Forschers anders aus als der eines Forstmeisters, aber diese Erklärung erschien mir als angehender Akademiker doch sehr simpel. Denn auch aus der sogenannten forstlichen Praxis waren kritische Stimmen gegenüber der ungezügelten Fichtenwirtschaft zu hören. Und manch einer wies auf die diversen Schadereignisse hin, welche die Fichtenbestände regelmäßig erleiden mussten. Für die Verfechter der Fichte waren diese Schäden aber einfach systemimmanent und gehörten schlicht zum Alltag.

Gute Fichte – böse Fichte?

Die Diskussion für und wider der „bösen Fichte“ wurde mehr und mehr zum Glaubenskrieg.

Die Fichte ist aber weder gut noch böse. Sie ist eine Gebirgsbaumart, die in ihrem Ursprungsgebiet relativ stabile Bestände ausbildet, die nicht nur Holz produzieren, sondern an vielen Orten als Schutzwald auch Siedlungen und Infrastruktur schützen. Der Vorwurf, die Fichte würde den Wald vernichten, trifft nicht zu: Zwar kann der Oberboden versauern, da die Nadelstreu für das Bodenleben schwerer abbaubar ist als Laubstreu, aber das komplette Wachstum eines Waldes gefährdet sie nicht. Der Fichtenanbau ist also beispielsweise nicht vergleichbar mit dem Eukalyptusanbau, der den Boden stark austrocknet und für andere Pflanzen unbrauchbar zurücklässt.

Realistisch rechnen

Aus Sicht der Vegetationsökologen sind standortfremde Fichtenmonokulturen sogenannte Ersatzgesellschaften, die trotz des Fehlens der natürlichen Vegetation als Waldökosystem eingestuft werden. Naturschützern beklagen oft die Schadanfälligkeit der Fichtenwirtschaft.

Dabei schafft die Fichte genau durch diese Eigenschaft Freiflächen, die von vielen seltenen Tier- und Pflanzenarten besiedelt werden, für die der geschlossene Wald zu dunkel und zu kühl ist.

Es sind also keine moralischen Wertvorstellungen oder oberflächliche Argumente seitens des Naturschutzes, die Waldbesitzer davon überzeugen sollten, ihre Fichtenmonokulturen in naturnahe Mischbestände umzuwandeln, sondern schlichtweg wirtschaftliche. Aufgrund ihrer Anspruchslosigkeit und ihrer Wüchsigkeit gilt die Fichte als Brotbaumart der Forstwirtschaft. Auch die Abnehmer in der Sägeindustrie haben sich auf die Verarbeitung von Fichtenholz spezialisiert. Eine Brotbaumart sollte aber nicht nur produktiv sein, sie sollte auch einen ungestörten Produktionsprozess ermöglichen. Und genau hier liegt das Problem: Vom Keimling bis zum reifen Altbestand ist die Fichte einer Vielzahl von Risiken ausgesetzt. Bereits die Kulturen werden von Rüsselkäfer und Fichtenblattwespe bedroht, mit zunehmendem Alter gesellen sich Schneebruch, Windwurf, Borkenkäfer, Nonne und Hallimasch dazu. Zwischen 30 und 40 % betragen mittlerweile jährlich die zufälligen Nutzungen in Deutschland und Österreich. Von einer zufälligen Nutzung spricht man in der Forstwirtschaft, wenn Holz aufgrund eines Schadereignisses, sei es Wind, Schnee oder ein Insektenbefall, genutzt werden muss. Für den Waldbesitzer verursachen solche Ereignisse erhebliche finanzielle Einbußen.

Stabile Bestände

Eine Windwurffläche, auf der Bäume jahrzehntelang heranwuchsen und nun gebrochen und ineinander verkeilt querliegen, ist wahrlich kein schöner Anblick. So ein Windwurf bedeutet nicht nur einen wirtschaftlichen Verlust, er ist für viele Waldbesitzer auch ein Trauma. Für diese Waldbesitzer, die das Ruder noch rumreißen und ihre Wälder stabiler und naturnäher gestalten wollen, schreibe ich dieses Buch. Es soll sie anleiten, aus einem instabilen, standortfremden Fichtenwald einen produktiven, stabilen und standortgerechten Mischwald zu erwirtschaften.

Gmünd, im Herbst 2024

Bernhard Henning

Danke!

Hiermit möchte ich mich bei allen Personen bedanken, die durch ihre Mithilfe die Erstellung dieses Werkes möglich machten.

Bei Dr. Silvio Schüler und Dr. Heino Konrad möchte ich mich für ihren Beitrag zur Forstgenetik bedanken. Mein Dank richtet sich auch an Dr. Ernst Leitgeb für seine Hilfe zum Thema Bodeneigenschaften. Ebenso möchte ich mich bei Bsc. Tobias Keller und seine Expertise zu den Schädlingen der Douglasie bedanken.

Ao. Univ.-Prof. Dr. Franz Andrae und DI Christof Ladner haben mich mit ihren Kommentaren und Anregungen sehr unterstützt. Cornelia Schwingenschlögl möchte ich meinen Dank für die äußerst gelungenen Illustrationen aussprechen.

Last but not least möchte ich dem gesamten Team des Ulmer Verlags für die ausgezeichnete und professionelle Zusammenarbeit bei der Produktion dieses Buchprojekts danken.

1Der Holzmarkt von morgen

1.1Vom Brotbaum zum Sorgenkind

Im Laufe der Vorbereitungen zu diesem Buchprojekt reiste ich mit dem Zug von Salzburg nach Stuttgart, um mich mit Vertretern des Verlags über verschiedene Details zu beraten. Auf dieser knapp 400 km langen Wegstrecke wurde ich darin bestätigt, dieses Buch zu schreiben. Rechts und links der Eisenbahngleise beobachtete ich viele Fichtenbestände, die beide Kriterien erfüllten, weshalb die Fichte zum Sorgenkind wurde. Die meisten dieser Bestände bestehen überwiegend nur aus Fichten. Zudem wachsen diese Bestände, in denen eine Gebirgsbaumart dominiert, in Tieflagen. Auf meiner Reise konnte ich also viele Wälder sehen, in denen nur eine Baumart vorkommt, die noch dazu standortfremd ist.

Natürlich wäre es jetzt falsch, von einer Zugfahrt auf den gesamten mitteleuropäischen Wald zu schließen. Liest man aber bei den Daten der letzten deutschen und österreichischen Waldinventur nach, so wird der Eindruck der Zugfahrt bestätigt.

Auf ganz Deutschland bezogen sieht die Statistik eigentlich nicht so schlimm aus: Rund 25 % der Wälder sind mit der Fichte bestockt. Sie ist damit aber immer noch der häufigste Baum in Deutschland, dicht gefolgt von der Kiefer, die immerhin 22 % der Waldfläche besiedelt. Insgesamt überwiegen die Nadelwälder mit 54 %, die Buche ist mit 15 % vertreten. Betrachtet man einzelne Bundesländer, so verschärft sich das Bild: In den waldreichen Bundesländern wie Bayern (41 %) und Baden-Württemberg (33,5 %) ist jeder zweite bzw. dritte Baum eine Fichte. Auch die Wälder in Thüringen, Sachsen und Nordrhein-Westfalen sind mit viel Fichte ausgestattet.

Tab. 1

Fichtenanteil im Wirtschaftswald in den österreichischen Bundesländern

Bundesland

Fichte in ha

Anteil in %

Burgenland

19 000

17,8

Kärnten

282 000

62,6

Niederösterreich

262 000

40,0

Oberösterreich

226 000

55,3

Salzburg

136 000

58,9

Steiermark

467 000

59,0

Tirol

160 000

62,0

Vorarlberg

  23 000

48,6

Wien

          0

     0

Von Natur aus wäre Deutschland von der Buche beherrscht, in einigen östlichen Bundesländern würden neben der Buche Eiche und Kiefer (vor allem auf nährstoffarmen Sandböden) vorherrschen. Die Fichte wäre vor allem im Alpengebiet zu finden sowie stellenweise in den Mittelgebirgen wie dem Harz.

In Österreich scheint die Fichte noch besser zu gedeihen als in Deutschland, rund 55 %, also jeder zweite Baum in der Alpenrepublik, ist eine Fichte. Nun könnte man natürlich argumentieren, dass eine Gebirgsbaumart wie die Fichte selbstverständlich im Gebirgsland Österreich reichlich vorhanden ist. Doch Österreich besteht nicht nur aus den Alpen: Sowohl der Osten als auch der Norden des Landes besteht aus Tieflagen mit Seehöhen weit unter 1000 m. Und im Gebirgswald wächst nicht nur die Fichte: Tanne, Lärche, Zirbe, aber auch Laubbäume wie Buche, Bergahorn und sogar die wärmeliebende Esche, dringen in die steilen Lagen vor. Wenn der Mensch, respektive die Forstleute sie denn lassen würden. Hinzu kommt, dass durch den Klimawandel Fichtenbestände unter 800 m Seehöhe aufgrund von Trockenheit zukünftig nicht mehr bewirtschaftet werden können.

Strukturarme Fichtenmonokultur im Stangenholzstadium. Da der Konkurrenzdruck während dieses Bestandsstadiums sehr hoch ist, ist der Wald während dieser Phase besonders anfällig gegenüber Schädlingen.

In einem späteren Kapitel werde ich noch näher auf die Gründe eingehen, wie es dazu kam, dass die Nadelwälder mittlerweile doppelt so viel Raum einnehmen als sie es noch im Mittelalter taten. Der wichtigste Grund für die meisten Waldbesitzer ist aber zweifellos das Potenzial der Fichte, Holz zu produzieren bzw. ihr Ruf, wüchsig zu sein. Von allen heimischen Baumarten wird die Fichte als die wüchsigste angesehen, was nicht ganz richtig ist, denn auf optimalen Standorten ist ihr die Tanne an Wuchskraft überlegen und produziert mehr Holz als die Fichte. Trotzdem liegt die Fichte aber damit am eindrucksvollen zweiten Platz, was die Wüchsigkeit angeht – wenn man Exoten wie Douglasie und Große Küstentanne aus dem Ranking weglässt. Um es in Zahlen auszudrücken: Die Fichte produziert auf einem ha Wald pro Jahr durchschnittlich 15 fm Holz. Damit ist sie vor allem den Laubhölzern im Wachstum stark überlegen. Die Buche ist mit etwa 10 fm Zuwachs die wüchsigste heimische Laubholzart (auch hier gibt es mit der Roteiche einen Exoten, der ihr den Rang abläuft). Damit ist sie zwar weniger wüchsig als die Fichte, die Buche ist aber weit entfernt, eine geringwüchsige Baumart zu sein.

Andere Laubbaumarten wie die Eiche produzieren etwa 7 fm Holz pro Jahr. Die Menge ist aber nicht alles: Sowohl der Holzpreis der Eiche als auch der anderer – sogenannter Edellaubhölzer – wie Spitzahorn, Kirsche und Esche liegt deutlich über dem der Fichte. Bei Wertholzversteigerungen – den Submissionen – ist die Eiche stets die dominierende Baumart. In Tirol und Vorarlberg werden ebenfalls Submissionen mit besonders schönen Fichten abgehalten, die dortigen Spitzenpreise liegen aber im Vergleich im unteren Segment der Eichenspitzenpreise. Natürlich erzeugt nicht jede Eiche und jeder Kirschbaum absolutes Wertholz, aber auch die Preise für durchschnittliches Holz liegt über dem der Fichte. Man sieht also, Wachstum ist nicht alles. Zudem sei erwähnt, dass das Holz der meisten Laubbaumarten um einiges dichter ist als das der Fichte, und somit ein Festmeter Eichenholz schwerer als ein Festmeter Fichte ist. So wiegt ein Festmeter Eiche (bei einer Restfeuchte von 20 %) etwa 720 kg, die Buche sogar 760 kg und der Ahorn immer noch 670 kg. Fichtenholz wiegt hingegen wie die Tanne nur 510 kg. Produziert eine Buche auf einem Standort 9 fm pro Jahr und eine Fichte auf demselben Standort 14 fm, dann erzeugt die Buche 6840 kg Holz und die Fichte 7140 kg, der Unterschied in der Produktionsmenge beträgt lediglich 4 %. Anders formuliert: Die Fichte produziert auch deshalb mehr Festmeter pro Jahr, weil ihr Holz weniger dicht ist als das der meisten Laubbaumarten.

Tab. 2

Zuwachswerte ausgewählter Baumarten in Festmeter pro Jahr und ha

Baumart

Ertragsklasse I

Ertragsklasse II

Buche

8,6

7,8

Roteiche

8,4

6,9

Schwarzerle

8,2

6,3

Stieleiche

6,8

5,5

Esche

5,3

3,8

Birke

4,9

3,6

Douglasie

17,3

13,5

Tanne

13,5

10,9

Fichte

12,2

9,6

Lärche

7,2

5,6

Kiefer

7,0

5,9

Der durchschnittliche Zuwachs in den Wäldern Schwedens – eines der führenden Holz produzierenden Ländern weltweit – liegt aufgrund des rauen Klimas bei lediglich 5 fm pro Jahr, im forstlich sehr aktiven Österreich bei knapp 10 fm.

Aus wirtschaftlicher Sicht würde es trotzdem Sinn machen, auf die Fichte zu setzen, wenn sie die theoretische Produktionsmenge an Holz tatsächlich erzeugen könnte. Die übliche Umtriebszeit der Fichte, also der Zeitraum zwischen Pflanzung und Fällung, liegt bei etwa 80 Jahren. Bei einem durchschnittlichen Wachstum von 15 fm pro Jahr sollten also am Ende nach Adam Riese 1200 fm Holz auf einem ha Fichtenwald stocken. Wie gesagt, theoretisch. Denn nur die wenigsten Fichtenbestände erreichen auch tatsächlich dieses Alter, ohne einer Kalamität – also einem Schadereignis – zu erliegen. Die möglichen Gefahren für die Fichte sind zahlreich: Vom Schneebruch über Windwurf bis zum Befall von Borkenkäfern reichen die häufigsten Gefahren und sie nehmen jedes Jahr zu. Darin liegt der wahre Nachteil der Fichte gegenüber den Laubbäumen und auch stabiler Nadelbäume wie Tanne und Kiefer, nämlich ihre Schadensanfälligkeit. In einem späteren Kapitel wird das Schadensausmaß und die verschiedenen Schadensfaktoren noch genauer besprochen, doch erinnern wir uns: Wälder, bestehend aus einer Monokultur von einer standortfremder Baumart.

Die Fichte weltweit.

Es scheint wie eine Ironie, dass ausgerechnet die wichtigste Holzart gleichzeitig so instabil ist. Dabei sind die möglichen Risiken des Fichtenanbaus nichts Neues: Bereits im 19. Jahrhundert wusste man über Borkenkäfer, Wind und Schnee und deren verheerenden Auswirkungen auf Fichtenbestände Bescheid. Mit verschiedensten – zum Großteil untauglichen Mitteln – versuchte man, den Kalamitäten Herr zu werden, bis heute größtenteils erfolglos. Für die Bekämpfung der Schäden wurde sogar eine eigene Disziplin – der Forstschutz – entwickelt. Mittlerweile gilt aber das Motto: Der beste Forstschutz ist ein guter Waldbau. Oder anders formuliert: Wenn falsche Baumarten an falschen Standorten gepflanzt werden und auf die Pflege verzichtet wird, kann auch der Forstschutz nicht mehr heilen – ja maximal Symptome bekämpfen.

Neben dem Forstschutz war und ist eine zweite Methode der Schadensbekämpfung bei vielen Forstleuten üblich: die Verdrängung. Wie meinte einst ein Forstmeister so treffend: „In keiner Branche vergeht die Zeit so schnell wie in der Forstwirtschaft, denn alle 5 Jahre gibt es ein hundertjähriges Ereignis.“ Damit spielte er darauf an, dass jeder Sturm, der einen Fichtenbestand wirft, zum „Jahrhundertsturm“ erklärt wird, um davon abzulenken, dass der standortfremde Fichtenanbau Ursache des Schadens war und nicht etwa eine außergewöhnlich hohe Windgeschwindigkeit. Kommt es dann wirklich zu Jahrhundertstürmen, frohlocken die Verfechter der Fichtenwirtschaft, denn jede geworfene Buche ist dann der Beweis dafür, dass ja sowieso alle Bäume windwurfgefährdet wären. Die Tatsache, dass die Fichte mit ihrem Flachwurzelsystem wesentlich gefährdeter ist als Laubbäume, von denen die meisten Arten über sehr kräftige, tief in den Boden reichende Wurzelsysteme verfügen (auch Tanne, Kiefer und Lärche verfügen über äußerst stabile Wurzeln) ist zwar wissenschaftlich nachgewiesen, wird aber trotzdem gerne ignoriert.

Sie als Leser werden sich jetzt vielleicht die Frage stellen, ob es wirklich sein kann, dass so viele Vertreter einer Zunft falschliegen. Es liegt aber in der Natur des Menschen, sich nicht immer rational zu verhalten, sei es im privaten Bereich oder im Berufsleben. Jeden Tag treffen Menschen Entscheidungen, die für Außenstehende nicht logisch und nachvollziehbar sind. Im Falle der Fichtenwirtschaft ist hinzuzufügen, dass es lange Zeit geltende Lehrmeinung war, jeden Fleck Wald mit Fichten aufzuforsten. Manche Forstwissenschaftler gingen sogar so weit, die Laubbäume als unproduktives Unkraut zu diffamieren und jeden Hektar Wald, der nicht mit Fichten bepflanzt war, als Verschwendung zu betrachten. Der Grund dafür war, dass man im 19. Jahrhundert bestrebt war, das Maximum aus dem Wald zu holen – und dieses Vorhaben ließ sich am leichtesten mit der Fichte umsetzen. Die auch sehr wüchsige Tanne war keine Alternative, da sie höhere Ansprüche an den Standort hat. Zudem ist sie anfällig gegenüber Wildverbiss und Spätfrost und hat insgesamt bei vielen Forstleuten den Ruf, „eine waldbauliche Mimose“ zu sein.

Es ist aber hervorzuheben, dass nicht alle Forstleute von der Fichtenwirtschaft angetan sind. Eine gar nicht kleine Menge von Forstmännern (und -frauen) erkennen das Problem und sind bestrebt, ihre Wälder umzugestalten. Noch in den 1930er-Jahren lag der Nadelwaldanteil in Deutschland bei rund 75 %. Wir erinnern uns, aktuell liegt er bei (nur) noch 54 %. Der Umbruch hat also schon begonnen. Treibend waren dabei vor allem die Erfahrungen der Orkane Vivian und Wiebe, die 1990 Millionen Hektar Wald verwüstet haben. Vor allem die staatlichen Forstbetriebe besannen sich und trachteten danach, ihre Wälder wieder mit standorttauglichen und somit stabilen Baumarten auszustatten.

Mit dem Klimawandel steht die Forstwirtschaft wieder vor einer großen Herausforderung. Noch ist sich die Wissenschaft nicht ganz einig, was auf die Waldbesitzer zukommt, und nicht alle Veränderungen müssen negativ sein: Höhere Temperaturen führen auch zu längeren Vegetationsperioden und damit zu einem größeren Holzwachstum. An manchen Standorten kann es aber während der Sommermonate auch zu enormem Trockenstress kommen. Eines ist aber unbestritten: Zukünftig wird kein Platz mehr für Monokulturen mit standortfremden Baumarten sein.

1.2Klimawandel: Was kommt auf den Waldbesitzer zu?

Neben den Böden und dem Vorkommen von Wasser ist die Atmosphäre eine der wichtigsten Gründe, warum Leben auf unserem Planeten überhaupt möglich ist. Die Atmosphäre hält schädliche kosmische Strahlung zurück, enthält Gase wie Sauerstoff, die für den Großteil der Organismen lebensnotwendig sind, und reguliert die Temperatur. Hauptverantwortlich ist dafür Kohlendioxid, besser bekannt unter seiner chemischen Bezeichnung CO2. CO2 zählt zu den sogenannten Treibhausgasen, ebenso wie Methan oder Fluorkohlenwasserstoffe. Diese besitzen die Eigenschaft, einen Teil der Strahlung zu absorbieren und somit Wärme auf dem blauen Planeten zu speichern. Ohne diesen Effekt läge die globale Temperatur bei etwa minus 18 °C. Auch wenn im Zuge der medialen Aufmerksamkeit CO2 nun überall als schädliches Gas angesehen wird, garantiert es gemeinsam mit den anderen Treibhausgasen vielmehr, dass Leben überhaupt möglich ist. In der Atmosphäre kommt es nur in Spuren vor: Etwa 419 ppm, also 419 Teile pro Million (das entspricht etwa 0,04 %) macht den geringen Anteil von Kohlendioxid in der Atmosphäre aus. Das Problem des Klimawandels entsteht dadurch, dass durch verschiedene menschliche Aktivitäten (vor allem die Verbrennung von fossilen Energieträgern wie Öl, Gas und Kohle) der CO2-Anteil ansteigt und somit die Temperatur und in weiterer Folge sich das Klima verändert. Damit kommen auch Veränderungen auf die Wälder zu bzw. sind teilweise sogar schon zu beobachten: Lange Zeit galten etwa 1000 m Seehöhe als Grenze für Borkenkäferschäden, denn in den Gebirgsregionen war es zu kühl für die Schadinsekten. Seit einigen Jahren gilt diese Grenze aber nicht mehr, und die Borkenkäfer sind auch in bisher für sie unerreichbaren Höhen zu beobachten. Aber was bedeutet der Klimawandel für den einzelnen Waldbesitzer genau?

Der Wald ist ein komplexes Gefüge, das dominiert ist von Bäumen, die über eine lange Lebensdauer verfügen. Dementsprechend unsicher sind die Prognosen für die Folgen des Klimawandels auf den Wald. Einerseits gehen Experten davon aus, dass durch die lange Entwicklungsdauer von Bäumen eine Anpassung auf ein sich verändertes Klima nur schwer erfolgen kann, da die Generationsfolgen bei Bäumen langfristig sind und Bäume im Vergleich zu anderen Arten nur sehr langsam neue passende Lebensräume erobern. Andererseits ist es gerade die Langlebigkeit, die es Bäumen ermöglichen sollte, ein sich verändertes Klima zu tolerieren. Verändert sich das Klima aber über den Toleranzbereich der Bäume hinaus – etwa durch lange Trockenperioden in den Sommermonaten – wird es zu einer Schädigung der Bäume kommen. Stark geschwächte Bäume werden durch Krankheit und Trockenheit absterben. Oder durch Baumarten, die den Klimawandel, oder besser gesagt, die neuen klimatischen Bedingungen vertragen, verdrängt werden. In Mitteleuropa wird daher kaum Waldfläche verloren gehen, sondern es wird zu einem Baumartenwechsel kommen. Als großer Gewinner des Klimawandels wird die Buche gesehen, da sie durch die wärmeren Temperaturen in der Lage sein wird, in den Gebirgslagen höher aufzusteigen als es bisher der Fall war. Aufforstungen könnten durch den Klimawandel gefährdet werden, da durch häufigere Trockenperioden hohe Ausfälle auftreten können.

Windwurf einer standortfremden Fichtenmonokultur. Aufgrund der kurzen Kronen und der schlechten h/d-Verhältnisse ist damit zu rechnen, dass auch der verbleibende Bestand vom Wind geworfen wird.

Entwicklung der Fichtenwuchsgebiete im Alpenraum. (Quelle: Klimamodell MANFRED)

Die höheren Temperaturen werden auch zu längeren Vegetationsperioden führen. Gemeinsam mit dem höheren CO2-Anteil in der Atmosphäre wird der Holzzuwachs steigen – in welcher Höhe, ist aber noch nicht vorhersehbar. Ob die oben beschriebenen potenziellen Zuwachssteigerungen durch eine Klimaänderung in der praktischen Waldbewirtschaftung tatsächlich realisiert werden können, wird zu einem wesentlichen Teil von vielen potenziellen Schadfaktoren abhängen, welche Störungen in Waldökosystemen verursachen können. Ob Wind und Borkenkäfer den zusätzlichen Zuwachs „verbrauchen“, wird vor allem von den Baumarten und ihren Anteilen abhängen. Monokulturen sind kaum flexibel, in solchen Beständen werden daher die Schäden am höchsten sein. Möglicherweise sogar mit der Folge, dass diese Bewirtschaftungsform langfristig, zumindest mit bestimmten Baumarten (Fichte), nicht mehr möglich sein wird.

Der Wald ist auch einer der wichtigsten Kohlenstoffspeicher. Zur Vermeidung des Klimawandels kann die Waldwirtschaft selbst aber wenig beitragen, da waldzerstörende Praktiken, wie der Wanderfeldbau oder großflächige Abholzungen, die lange Zeit unbewachsen bleiben, in Mitteleuropa ohnehin nicht erlaubt und üblich sind. Die Waldwirtschaft kann allerdings den Rohstoff und Kohlenstoffspeicher Holz durch eine nachhaltige Bewirtschaftung bereitstellen. Als Bauholz oder Möbel stellt Holz einen Kohlenstoffspeicher für Jahrzehnte dar.

Als Waldbesitzer kann man mit einigen Bewirtschaftungsmaßnahmen die Auswirkungen des Klimawandels einschränken. Diese sind aber umgehend einzuleiten, da Anpassungen in der Waldwirtschaft viel Zeit benötigen:

– Begründung von Mischwäldern sowie der Umbau von Reinbeständen: Durch die Vielfalt an Baumarten und Ungleichaltrigkeit sind Mischwälder flexibler.

– Reduzierung der Fichte sowie Beimischung von Mischbaumarten in Monokulturen: Die vermehrten Windwürfe sowie die besseren Bedingungen für Schadinsekten machen selbst in Höhenlagen eine Bewirtschaftung von Monokulturen unmöglich.

– Naturverjüngung: Bäume, die durch Naturverjüngung aufkommen, sind an die standörtlichen Bedingungen besser angepasst.

– Verjüngung vermehrt unter dem Schirm des Altbestandes: Da die Verjüngung auf Kahlflächen stärker unter Trockenstress leiden wird, soll die Verjüngung (künstlich und natürlich) durch den Schatten des Altbestands vor Austrocknung geschützt werden.

– Einsatz von trockenresistenten fremdländischen Baumarten wie der Douglasie: Als zuwachskräftige Mischbaumart stellt die Douglasie eine Alternative zur Fichte dar, da diese Trockenheit besser verträgt. Sie sollte aber nicht im Reinbestand angebaut werden.

Gänzlich verhindern werden sich die (möglichen) schädlichen Auswirkungen des Klimawandels nicht lassen. Vor allem die Zunahme von starken Stürmen sowie die Trockenperioden in den Sommermonaten werden einen schädigenden Einfluss auf die Wälder haben. Entscheidend hierbei ist aber, inwiefern die Wälder in der Lage sind, diese Schäden zu tolerieren. Am geeignetsten erscheinen dafür Mischwälder, die aus Baumarten zusammengesetzt sind, die den jeweiligen Waldgesellschaften und Höhenlagen entsprechen. Das Thema Baumartenwahl wird ausführlich in den nächsten Kapiteln besprochen.

Merke: Um auf die Herausforderungen des Klimawandels reagieren zu können, bedarf es stabiler Wälder, die aus mehreren standorttauglichen Bäumen gebildet werden. Die Fichte darf nur noch in Höhenlagen bewirtschaftet werden.

Wie wir bisher gesehen haben, ist die Fichte aufgrund des Anbaus an falschen Standorten sowie der Monokulturwirtschaft und der mangelnden Pflege eine Baumart, die bisher schon immer bekannt dafür war, äußerst instabile Bestände auszubilden. Schon aus früheren Jahren sind schwere Schäden bekannt und immer wieder aufgetreten. Das bedeutet keine generelle Abkehr von der Fichte, aber in Zukunft darf nur noch dort mit ihr Waldwirtschaft betrieben werden, wo sie ursprünglich beheimatet war: nämlich im Gebirge.

Diverse Modellierungen aus der Forstwissenschaft prognostizieren schon jetzt, dass die Fichte an Wuchsraum verlieren wird. Dabei handelt es sich aber um natürliche Wuchsgebiete. Die Waldbesitzer müssen sich zukünftig an diesen orientieren, und die Fichtenwirtschaft außerhalb der geeigneten Wuchsgebiete ist als hoch riskant einzustufen. Denn bei den bekannten Fakten,

– dass die Fichte keinen Trockenstress verträgt,

– stark an Vitalität verliert und anfälliger gegenüber ihren Schädlingen wird,

– die Fichte an vielen Standorten nur sehr flache Wurzeln ausbildet, und nicht im Boden wächst, sondern auf ihm steht,

– mit dem Klimawandel sowohl Trockenperioden als auch starke Stürme zunehmen werden und sich für Schädlinge die Entwicklungsbedingungen durch den Temperaturanstieg (Borkenkäfer im Gebirge) verbessern,

lassen nur den Schluss zu, dass auf die Fichte in nichtgeeigneten Gebieten verzichtet werden muss und bereits bestehende Bestände in stabile, mit standortangepassten Baumarten umgebaut werden müssen. Ansonsten drohen Schäden, deren Ausmaß alles bisher Bekannte in den Schatten stellen könnte.

1.3Die Holzmärkte von übermorgen

Eines der wichtigsten Argumente, das Verfechter der Fichtenwirtschaft vorbringen, sind die Absatzmärkte. Die Fichte ist der Brotbaum der mitteleuropäischen Forstwirtschaft, und zahlreiche Sägewerke sind auf den Einschnitt von Nadelholz spezialisiert. Verändern die Waldbesitzer durch einen Waldumbau ihr Produkt und bieten in Zukunft Laubholz statt Nadelholz an, dann würde sich das Holz ungemein schwerer vermarkten lassen, so der Tenor. Überhaupt melden sich in den letzten Jahren vermehrt diverse Vertreter von Interessengemeinschaften der Holzindustrie zu Wort und benutzen teilweise abstruse Argumente, die gegen das Laubholz sprechen und den Erhalt des hohen Nadelholzanteils absichern sollen. Dabei gilt es zu beachten: Wenn diese Vertreter von Nadelholz sprechen, dann meinen sie vornehmlich die Fichte. Tanne, Waldkiefer, Lärche und Douglasie werden von den Botanikern allesamt zu den Nadelhölzern gezählt, nur von der Holzindustrie als solche nicht anerkannt. Denn seltsamerweise scheint nur die Fichte „echtes“ Nadelholz zu produzieren – wobei nachweislich die Holzeigenschaften der anderen Nadelhölzer vergleichbar sind. Am unbeliebtesten bei den Holzverarbeitern ist die Tanne – mit Ausnahme der Schweiz, dem äußersten Westen Österreichs bzw. Südwesten von Deutschland. In vielen Sägewerken ist es üblich, für Tannenholz einen Preisabschlag zu verrechnen – argumentiert wird das u. a. mit der längeren Trocknungszeit der Tanne und der gelblichen Färbung des Holzes. Auch mit der Douglasie konnten die heimischen Sägewerke noch keine echte Freundschaft schließen, auch wenn sie im nordamerikanischen Pazifikraum problemlos für den Holzbau Verwendung findet. Ein Grund für die Spezialisierung der Holzverarbeiter auf die Fichte mag die starke Industrialisierung der Sägewerke sein, da die Verarbeitung lediglich einer Holzart organisatorisch leichter umzusetzen ist.

Die mitteleuropäische Sägeindustrie hat sich auf Nadelholz spezialisiert und steht dadurch mit der skandinavischen Sägeindustrie, die über Standortvorteile verfügt, stark in Konkurrenz.

Ohnehin ist es nicht so, dass es keine Sägewerke bzw. Holz verarbeitenden Betriebe gibt, die sich auf Laubholz spezialisiert haben. Ihre – vergleichsweise – geringe Anzahl lässt sich aber auch dadurch erklären, dass das Angebot von sägefähigem Laubholz in den letzten Jahrzehnten gering war. Zudem hat der Waldumbau schon begonnen, und die staatlichen Forstbetriebe in Deutschland haben es geschafft, den Laubholzanteil zu erhöhen. Sogar manche besonnene Vertreter der Holzindustrie meinen, dass sich die Holzindustrie auf diesen Trend einstellen muss und die Verarbeitungskapazitäten in Richtung Laubholz anpassen.

Die Forderung diverser Lobbyisten der Holzindustrie nach einer Weiterführung der Fichtenwirtschaft zielt aber nicht nur auf eine Sicherung des benötigten Rohstoffes, also von Fichtenholz, ab, sondern auch darauf, dass der Preis sich möglichst nicht verändert. Eine Abnahme des Angebots von Fichtenholz würde zwangsläufig den Holzpreis nach oben treiben, und daran hat die Holzindustrie verständlicherweise kein Interesse. Doch wie in vielen Branchen und auch in der Politik üblich, verbirgt man die wahren Ziele und Absichten – und eine Forderung nach einem günstigen Preis von Fichtenholz ist aus Sicht der Holzindustrie ja durchaus verständlich – hinter diversen Scheinargumenten. Ärgerlich für die Waldbesitzer, unabhängig, ob es sich um einen großen staatlichen Forstbetrieb oder einen kleinen Privatwaldbesitzer handelt, ist aber der Umstand, dass die Holzindustrie die Beibehaltung der Fichtenbewirtschaftung fordert, den Waldbesitzer aber mit seinem Produktionsrisiko gänzlich alleine lässt. Die Schäden der letzten Jahrzehnte haben das immer wieder bewiesen: Nach starken Stürmen, deren Resultat riesige Mengen von Schadholz waren, mussten die Waldbesitzer das Holz rasch aus dem Wald bringen, da die Gefahr einer Massenvermehrung von Schädlingen – insbesondere von Buchdrucker und Kupferstecher – drohte. Die Waldbesitzer waren also bestrebt, das Holz möglichst schnell zu verkaufen, doch seitens der Holzindustrie erhielten sie in den meisten Fällen keinerlei Solidarität. Sobald die Lager- und Verarbeitungskapazitäten der Holzindustrie gefüllt waren, wurde die Abnahme des gelieferten Holzes verweigert, was die Holzpreise stark fallen ließ. Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen also, dass die Waldbesitzer wenig Grund haben, auf die Wünsche und Forderungen der Holzindustrie einzugehen.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum das Argument mit den Holzmärkten ein schwaches ist: nämlich die lange Produktionszeit (Umtriebszeit) in der Waldwirtschaft. Ein Waldbestand, der heute begründet wird, ist frühestens in 80 Jahren reif für die Ernte. Das wäre dann das Jahr 2104. Wer kann ernsthaft vorhersehen, was in diesem Zeitraum noch alles passieren wird? Niemand kann seriös vorhersagen, welche Holzarten am Ende des 21. Jahrhunderts gerade in Mode sind. Selbst bereits erfolgreich begründete Bestände, die sich aktuell im Stangenholzstadium befinden, sind erst in 40 Jahren erntereif. Solche Zeiträume sind für Menschen nicht planbar.

Das Szenario, dass die Waldbesitzer nach erfolgreichem Umbau von Fichtenmonokulturen dann auf dem Holz ihrer Mischwälder sitzen bleiben, scheint eher ein Schreckgespenst zu sein als ein ernst zu nehmendes Problem. Zweifellos wird es notwendig sein, die Wälder konsequent zu pflegen, denn Laubholz mit guter Qualität lässt sich leicht absetzen und erzielt bessere Preise.

Ich persönlich gehe davon aus, dass Waldbesitzer ab etwa 2050 an ihrem Holz sehr gut verdienen werden, unabhängig von der Qualität. Bereits 1970 hat der Club of Rome verkündet, das die Ölvorräte etwa um das Jahr 2000 erschöpft sein werden. Für diese falsche Prognose werden die Vertreter des Club of Rome häufig in diversen Medien lächerlich gemacht, und die neuen Prognosen nicht mehr ernstgenommen. er genaue Zeitpunkt wann Öl tatsächlich knapp wird ist wohl nur schwer vorherzusagen, auch deshalb weil viele wichtige ölfördernden Nationen keine Auskunft über ihre Reservebestände geben wollen. Unbestritten ist aber das Öl ein nicht nachwachsender Rohstoff ist. Durch den verschwenderischen Umganges des Menschen mit diesem für die Wirtschaft so zentralen Rohstoff wird es noch im Laufe dieses Jahrhunderts mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer massiven Verknappung der Ölförderung kommen. Alternative Energieträgern werden dann noch viel mehr als bisher an Bedeutung gewinnen, und Holz wird dazu gehören. Denn Holz hat einige ganz wesentlichen Vorteile im Gegensatz zu anderen, auch erneuerbaren, Energieträgern:

– Im Gegensatz zu Kohle und Gas ist Holz erneuerbar.

– Im Gegensatz zur Windenergie, die mehr oder weniger den Launen des Wetters ausgesetzt ist, ist die Holzproduktion sehr genau planbar. Die Waldbesitzer können aufgrund von Ertragstafeln vorausberechnen, wie viel Holz zu welchem Zeitpunkt verfügbar ist – stabile Wälder, die diversen Schäden trotzen, vorausgesetzt.

– Holz ist nicht nur Energieträger, sondern auch Energieproduzent: Holz wächst am Holze zu, sagt ein alter Försterspruch. Im Gegensatz zu Wind- und Solarenergie muss das Holz nicht mehr umgewandelt werden und ist auch einfach zu transportieren: Selbst Kinder können einzelne Holzscheite tragen.

– Die Sonnenenergie, die im Holz gespeichert wird, lässt sich auf sehr simple Art nutzen: Das Holz muss nur zum Brennen gebracht werden.

– Holz ist ein wichtiger CO2-Speicher. Wird es als Bauholz oder als Möbelstück verarbeitet, bleibt diese Speicherfunktion aufrechterhalten.

1.4Der Mischwald: Silberstreifen am Horizont

Die Bewirtschaftung von Fichtenmonokulturen stellt ein großes Risiko dar und macht den Waldumbau notwendig. In den kommenden Kapiteln werden mögliche Ersatzbaumarten für die Fichte sowie die Grundlagen einer naturnahen Waldwirtschaft, die Bedeutung von Waldgesellschaften und die waldbaulichen Verfahren behandelt, mit denen ein naturnaher Mischwald geschaffen werden kann. Vorab möchte ich aber noch ein wenig auf den Begriff des Mischwaldes eingehen. Mischwälder sind per definitionem Bestände, die mindestens aus zwei Baumarten gebildet werden. Vielfalt bedeutet in der Ökologie meist auch ein Mehr an Stabilität. Man stelle sich kurz vor, man sei ein Borkenkäfer: Ein Reinbestand ist da ein Paradies. Ein Mischbestand mit zwei Baumarten ist schon weit weniger attraktiv, denn nur noch jeder zweite Baum bietet Nahrung (die meisten Borkenkäferarten sind sehr wirtspezifisch und an eine bestimmte Baumart angepasst).

Ein Mischwald, der aus vier oder fünf Baumarten besteht, ist als Futterquelle für Schädlinge richtig unattraktiv.

Aber nicht nur gegenüber Schadinsekten zeigen sich Mischbestände stabiler, sondern auch gegenüber abiotischen Schäden wie Wind, Schnee und Frost. Soweit jedenfalls in der Theorie.

In der forstlichen Praxis ist aber der Mischwald nur dann stabil, wenn er auch von standortgerechten Baumarten gebildet wird. Bringt man in norddeutsche Kiefernbestände, die auf trockenen Buntsandsteinen stocken, die Fichte sowie die Esche ein, die viel Feuchtigkeit benötigt, wird der Bestand kaum stabiler.

Die Baumartenwahl ist eine der wichtigsten Entscheidungen des Waldbesitzers. Obwohl es eine Reihe von praxistauglichen Ratgebern gibt, werden diese Hilfestellungen aber nur allzu oft ignoriert und es wird zur Fichte gegriffen, alibimäßig „mischt“ man zu dieser dann eine Laubbaumart, von der man erwartet, dass sie wertvolles Holz wie die Vogelkirsche oder die Walnuss ausbildet. Blickt man in diverse Internetforen, bekommt man das Gefühl, dass die Baumartenwahl dem Kuchenbacken ähnelt, und der Waldbesitzer diverse Leckereien pflanzen kann. Da wird als Grundlage natürlich etwas Fichte genommen, vermischt mit Kirschen und Eschen, auch vom Speierling hat man nur das Beste gehört, und die Lärche erzielt auch immer gute Preise: Fertig ist die Baumartenwahl.

Ganz wichtig ist auch, das richtige Rezept zusammenzustellen, also die Frage, wie viel Zehntelanteile die jeweilige Baumart bekommen soll. Selbst auf forstlichen Fakultäten wurde lange Zeit gelehrt, dass die ideale Mischung darin läge „so viele ökonomische Baumarten wie möglich und so viele ökologische Baumarten wie nötig“ in den Bestand zu bringen. Doch was ist eine ökonomische Baumart? Die Fichte zweifellos, aber warum sollen Birke, Hainbuche oder Linde keine ökonomische Baumart sein – auch sie produzieren Holz, das verkauft werden kann – oder den Eigenbedarf an Energie decken können? Und wenn es ökologische Baumarten gibt, was bitte sind dann unökologische? Sind das etwa Baumarten, die einen so negativen Einfluss auf den Standort haben, dass die Standortgüte darunter leidet?

Hat man sich dann schließlich als Waldbesitzer entschlossen, welchen ökologischen und ökonomischen Baumarten man sein Vertrauen schenkt, geht es anschließend um die Verteilung. Die ökonomischen bekommen natürlich den größten Anteil. Die klassischste dieser Formeln lautet beim Fichten-Tannen-Buchenwald 50 % Fichte, 25 % Tanne und 25 % Buche. Die Fichte ist da – wie soll es auch sonst sein – die Brotbaumart, die ökonomischste überhaupt, da sie leicht vermarktbar ist. Die Tanne wiederum ist ein Mittelding zwischen ökologischer und ökonomischer Baumart: Einerseits ist sie wüchsiger als die Fichte, gleichzeitig ist ihr Holz aber weniger wert. Außerdem sorgt sie auch für Stabilität mit ihrem kräftigen Wurzelwerk. Die Buche schließlich ist als ökologische Baumart geduldet: Mit ihrer Laubstreu soll sie den Bodenzustand verbessern. Wie wir schon gehört haben, sind Nadeln für das Bodenleben schwerer zersetzbar als Blätter. Dummerweise ist die Wahl der Buche für diesen Zweck aber äußerst unglücklich, denn von allen Laubbaumarten hat die Buche mit ihren ledrigen Blättern eine relativ unattraktive Streu. Vielleicht sollte man die 30 % Buche doch lieber mit 15 % Esche und 15 % Bergahorn ersetzen!

Paradebeispiel für einen Mischbestand: In allen Schichten kommen mehrere Baumarten vor, der Bestand ist ungleichaltrig. Die vorherrschenden Bäume verfügen über ausgezeichnet ausgereifte Baumkronen. Aufgrund der Strukturvielfalt ist dieser Bestand äußerst stabil.

Wie der Leser vielleicht schon an meinem sarkastischen Ton erkannt hat, halte ich gar nichts von diesen zwangsweisen Baumartenmischungen. Wer immer sich solche Rezepte für die Bestandsbegründung ausgedacht hat, hat wohl nicht überlegt, wie sich ein Bestand entwickelt – und dass in 100 Jahren Umtriebszeit viel passieren kann. Denn eine Mischung von 50:25:25, wie im oben genannten Beispiel genannt, ist gar nicht so leicht zu erhalten. Bis zum Stangenholzstadium sterben über 80 % der Jungbäume durch die natürliche Konkurrenz ab – wer kann wissen, ob dann wirklich noch 40 % Fichten und 30 % Buchen vorhanden sind. Und was passiert, wenn die Buchen so schlechte Qualitäten aufweisen, dass bei den Durchforstungen die meisten von ihnen ausscheiden? – Soll man dann Fichten und Tannen ebenfalls reduzieren, damit die Mischung wieder stimmt? Oder man stelle sich vor, die Tannen erweisen sich wesentlich wüchsiger als die Fichte und haben deshalb eine viel höhere Stammzahl: Opfert man dann wüchsige Tannen für schlecht wachsende Fichten?

Daher: Baumartenvielfalt ja, fixe Bestandsanteile für verschiedene Baumarten, die sowieso nur in der Theorie zu erreichen sind, nein. Der Mischwald orientiert sich am Naturwald. Doch die Natur hat kein Rezept, wie viele Baumarten in welcher Anzahl wachsen. Vielmehr herrscht der Zufall: Eine Lücke, die durch einen umgefallenen Baum entsteht, wird von Keimlingen des Bergahorn besiedelt und zwar deshalb, weil im letzten Jahr der Bergahorn besonders viele Samen ausgebildet hat. Die Lücke im Buchenwald wird überraschenderweise von Tannenkeimlingen erobert, denn im letzten Herbst gab es eine starke Population von Waldmäusen, die den Großteil der Bucheckern verzehrt haben, und was die Mäuse übrig ließen, haben sich die Wildschweine geholt. (Das Ökosystem Wald mit all seinen Lebensformen und Prozessen ist viel zu komplex, um es mit einer Formel von Baumarten zu simplifizieren).

Auch bei der Wahl der Baumarten muss sich der Waldbesitzer an der Natur orientieren und die natürlichen Waldgesellschaften als Leitbild heranziehen. Natürlich sind die Grenzen zwischen verschiedenen Waldgesellschaften nicht immer ganz scharf zu ziehen: Im Übergangsbereich von Eichenwäldern zu buchendominierten Gesellschaften wird es immer Standorte geben, in denen die Eichen mehr dominieren, da es sich um einen warmen Südhang handelt, ebenso wie auf dunklen Nordhängen, auf denen die weniger lichtbedürftigen Buchen die Oberhand haben. Der Waldbesitzer muss auch nicht zum Vegetationskundler werden, aber die gewählten Baumarten sollen Bestandteil der natürlichen Waldgesellschaft sein.

Bei den Baumartenanteilen kann der Waldbesitzer durchaus auch ein wenig experimentieren: Wer in den Tieflagen der Vogelkirsche sein Vertrauen schenken will, der soll diese pflanzen, säen oder die Naturverjüngung nutzen und mit Eiche, Hainbuche und Linde mischen. Bei der weiteren Bestandsentwicklung heißt es aber, aufmerksam zu bleiben und zu beobachten: Bleibt die Kirsche stark im Wachstum hinter Eiche und Linde zurück, dann dürfte der Standort nicht ideal sein. Natürlich kann man jetzt die Kirschen freistellen und die bedrängenden Eichen und Linden entfernen: Aber macht es Sinn, eine Baumart zu fördern, die weniger wüchsig ist als die anderen?

Die Bewirtschaftung von Mischwäldern bedeutet auch den Stopp von der Anwendung von Schemata. Nicht auf Bestandsebene wird entschieden, sondern auf Baumebene: Jeder Baum wird während der Umtriebszeit immer wieder auf seine Stellung im Bestand, auf seine Holzqualität sowie auf seine Vitalität angesprochen und geprüft, sprich auf die alles entscheidende Frage: Verbleibt dieser Baum im Bestand oder wird er bei der nächsten Durchforstung entnommen?