Weiße Nächte - Fjodor Michailowitsch Dostojewski - E-Book

Weiße Nächte E-Book

Fjodor Michailowitsch Dostojewski

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Beschreibung

»Es war eine wundervolle Nacht, eine solche Nacht, wie sie vielleicht nur vorkommen kann, wenn wir jung sind, lieber Leser.« – In dieser Nacht treffen in Petersburg zwei einsame Gestalten aufeinander: der Erzähler, ein »halbkranker Städter« und zugleich lebensfremder Träumer, und die junge, naive Nastenka, die verzweifelt die Rückkehr ihres Geliebten erwartet. Aus der zufälligen Begegnung entwickelt sich eine freundschaftlich-liebevolle Zuneigung. In vier Nächten nehmen sie Zuflucht zu intensiven Dialogen und spenden sich gegenseitig Trost. Doch ihr Traum kann der Realität nicht standhalten … Dostojewskis Novelle erschien erstmals 1848 und gehört zu den schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur.

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Seitenzahl: 115

Veröffentlichungsjahr: 2014

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»Es war eine wundervolle Nacht, eine solche Nacht, wie sie vielleicht nur vorkommen kann, wenn wir jung sind, lieber Leser.« – In dieser Nacht treffen in Petersburg zwei einsame Gestalten aufeinander: der Erzähler, ein »halbkranker Städter« und zugleich lebensfremder Träumer, und die junge, naive Nastenka, die verzweifelt die Rückkehr ihres Geliebten erwartet. Aus der zufälligen Begegnung entwickelt sich eine freundschaftlich-liebevolle Zuneigung ...

Dostojewskis Novelle erschien erstmals 1848 und gehört zu den schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski wurde am 11. November 1821 in Moskau geboren. Nach dem Tod seiner Mutter 1837 ließ sich Dostojewski in St. Petersburg nieder, wo er von 1838 bis 1843 an der Militärakademie Bauingenieurwesen studierte. 1846 erschienen seine ersten Romane, Arme Leute und Der Doppelgänger, die ihn schlagartig berühmt machten. Zu seinem Hauptwerk zählen unter anderem die Romane Schuld und Sühne (1866), Der Idiot (1868) und Die Brüder Karamasow (1880). Dostojewski gilt neben Lew N. Tolstoj als bedeutendster russischer Schriftsteller. Er starb am 9. Februar 1881 in St. Petersburg.

Fjodor M. Dostojewski

Weiße Nächte

Eine Liebesgeschichte

Aus dem Russischen von Hermann Röhl

Insel Verlag

eBook Insel Verlag Berlin 2014

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage des insel taschenbuchs 4505.

© Insel Verlag 1921

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

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Hinweise zu dieser Ausgabe am Schluß des Bandes

Umschlag: bürosüd, München

Umschlagfoto: akg-images

eISBN 978-3-458-75320-9

www.insel-verlag.de

Vielleicht erschuf ihn die Natur,Damit, ob auch ein Weilchen nur,Er deinem Herzen nahe stände? ...

Iwan Turgenjew

Die erste Nacht

Es war eine wundervolle Nacht, eine solche Nacht, wie sie vielleicht nur vorkommen kann, wenn wir jung sind, lieber Leser. Der Himmel war so voller Sterne und Helligkeit, daß man sich bei seinem Anblicke unwillkürlich fragen mußte: können denn wirklich unter einem solchen Himmel allerlei ärgerliche, launische Menschen leben? Das ist nun ebenfalls eine jugendliche Frage, lieber Leser, eine sehr jugendliche Frage; aber möge Gott sie recht oft Ihrer Seele eingeben! ... Da ich soeben von allerlei launischen, ärgerlichen Menschen sprach, konnte ich nicht umhin, mich auch an das wohlgesittete Benehmen zu erinnern, das ich diesen ganzen Tag über bewiesen habe. Vom frühen Morgen an quälte mich eine eigentümliche Art von Schwermut. Es kam mir auf einmal so vor, als ob alle mich einsam dastehenden Menschen verließen und sich von mir lossagten. Natürlich ist jedermann berechtigt zu fragen: wer sind denn diese alle? Denn es sind schon acht Jahre, daß ich in Petersburg wohne, und doch habe ich es nicht verstanden, auch nur eine einzige Bekanntschaft anzuknüpfen. Aber wozu brauche ich auch Bekanntschaften? Auch ohne das ist mir ganz Petersburg bekannt; und das ist auch der Grund, weswegen es mir so vorkam, als ob mich alle verließen, da ganz Petersburg sich plötzlich aufmachte und in die Sommerfrische fuhr. Es war mir eine schreckliche Empfindung, so allein zurückzubleiben, und ganze drei Tage lang irrte ich in tiefer Schwermut durch die Stadt und begriff absolut nicht, was mit mir vorging. Mag ich auf den Newski-Prospekt oder in den Sommergarten gehen oder auf der Uferstraße hin und her wandern: nirgends auch nur eine einzige von den Personen, die ich das ganze Jahr über an ein und derselben Stelle zu bestimmter Stunde zu treffen gewohnt gewesen bin. Sie kennen mich natürlich nicht; aber ich meinerseits kenne sie. Ich kenne sie genau; ich habe beinahe ihre Physiognomien studiert und blicke sie mit Freuden an, wenn sie vergnügt sind, und werde mißmutig, wenn sie trübe aussehen. Ich habe beinahe Freundschaft geschlossen mit einem alten Manne, dem ich tagtäglich zu bestimmter Stunde an der Fontanka begegne. Er hat ein so würdevolles, nachdenkliches Gesicht; immer flüstert er etwas vor sich hin und gestikuliert mit der linken Hand, während er in der rechten einen langen, knotigen Stock mit goldenem Knopfe hält. Er ist sogar schon auf mich aufmerksam geworden und nimmt an mir inneren Anteil. Wenn es sich so trifft, daß ich zu der bestimmten Stunde nicht an eben derselben Stelle der Fontanka bin, so bin ich überzeugt, daß er mißmutig wird. Aus diesem Grunde grüßen wir einander manchmal beinahe, namentlich wenn wir uns beide in guter Stimmung befinden. Neulich, als wir uns ganze zwei Tage lang nicht gesehen hatten und uns am dritten begegneten, waren wir nahe daran, an die Hüte zu greifen; aber zum Glück besannen wir uns noch rechtzeitig, ließen die Hände wieder sinken und gingen mit lebhaft interessierter Miene aneinander vorüber. Auch die Häuser sind mir bekannt. Wenn ich so einhergehe, kommt gleichsam jedes auf der Straße auf mich zugelaufen, sieht mich mit allen seinen Fenstern wie mit Augen an und sagt ordentlich: »Guten Tag; wie befinden Sie sich? Ich meinerseits bin, Gott sei Dank, gesund, und im Mai bekomme ich noch eine neue Etage aufgesetzt.« Oder: »Wie geht es Ihnen? Mich fängt man morgen an zu reparieren.« Oder: »Ich wäre beinah abgebrannt und habe dabei einen gewaltigen Schreck bekommen« und so weiter. Ich habe unter ihnen meine Lieblinge und nahen Freunde; eines von ihnen beabsichtigt, in diesem Sommer eine Kur bei einem Baumeister durchzumachen. Ich werde absichtlich alle Tage herangehen, damit man mir das Häuschen nicht etwa gar versehentlich zu Tode kuriert; Gott beschütze es! ... Aber nie werde ich die Geschichte vergessen, die mit einem allerliebsten, hellrosa Häuschen passierte. Das war ein so nettes steinernes Häuschen, und es blickte nach mir so freundlich und nach seinen plumpen Nachbarn mit einem solchen Stolze hin, daß mein Herz sich freute, sooft ich daran vorbeikam. Da ging ich in der vorigen Woche auf der Straße vorbei, und als ich meinen Freund ansah, hörte ich den kläglichen Ausruf: »Sie haben mich gelb angestrichen!« Die Bösewichter! Die Barbaren! Nichts hatten sie verschont, weder die Säulen noch die Gesimse, und mein Freund war so gelb geworden wie ein Kanarienvogel. Ich bekam bei diesem Anblick beinah einen Gallenerguß, und noch bis heute habe ich es nicht über mich gewinnen können, mein entstelltes armes Häuschen wieder anzusehen, das man mit der Farbe des Himmlischen Reiches angestrichen hat.

Nun werden Sie also verstehen, verehrter Leser, auf welche Weise ich mit ganz Petersburg bekannt bin.

Ich habe schon gesagt, daß mich ganze drei Tage lang eine Unruhe quälte, bis ich endlich die Ursache derselben erriet. Auf der Straße war mir nicht wohl (dieser war nicht da, und jener war nicht da; wo mochte der und der geblieben sein?), und auch zu Hause fühlte ich mich unbehaglich. Zwei Abende quälte ich mich ab mit der Frage: Was fehlt mir in meinem Kämmerchen? Warum ist mir der Aufenthalt in ihm so unangenehm? Und mit verständnisloser Verwunderung betrachtete ich meine grünen, verräucherten Wände und die mit Spinnweben behangene Decke (diese Spinnweben hat Matrjona mit großem Erfolge kultiviert); ich musterte mein ganzes Meublement und besah jeden Stuhl in dem Gedanken, ob da vielleicht der Schaden stecke (denn sowie bei mir auch nur ein Stuhl nicht so steht, wie er gestern gestanden hat, fühle ich mich unbehaglich); ich blickte nach dem Fenster – aber alles war vergebens; es wurde mir nicht leichter zumute! Ich ließ mir sogar beikommen, Matrjona zu rufen und ihr in väterlichem Tone Vorhaltungen zu machen wegen der Spinnweben und überhaupt wegen der Unordnung; aber sie sah mich nur erstaunt an und ging, ohne ein Wort zu antworten, hinaus, so daß die Spinnweben noch heute wohlbehalten an ihrem Platze hängen. Endlich, erst heute morgen, bin ich auf den wahren Grund meiner Mißstimmung verfallen: sie reißen mir alle aus nach ihren Landhäusern! Der Leser verzeihe den vulgären Ausdruck; aber es ist mir nicht danach zumute, Wendungen des höheren Stils zu suchen. Denn alles, was nur in Petersburg war, war entweder schon aufs Land gefahren oder war im Begriff, es zu tun; und jeder respektable Herr von solidem Äußern, der sich eine Droschke nahm, verwandelte sich in meinen Augen sogleich in einen achtbaren Familienvater, der nach Erledigung seiner täglichen dienstlichen Obliegenheiten sich ohne Gepäck in den Schoß seiner Familie auf das Land begibt; und jeder Passant machte jetzt schon eine ganz besondere Miene, die jedem Begegnenden zu sagen schien: »Ich bin nur noch ein kleines Weilchen hier, meine Herren; in zwei Stunden fahre ich aufs Land.« Wenn sich ein Fenster öffnete, an welchem vorher feine Fingerchen, weiß wie Zucker, herumgetrommelt hatten, und ein hübsches Mädchen ihr Köpfchen herausstreckte und einen Hausierer mit Topfblumen anrief, dann bildete sich bei mir sofort die Vorstellung, diese Blumen würden nicht gekauft, damit man ihre blühende Frühlingspracht in der stickigen Stadtwohnung genösse, sondern die ganze betreffende Familie werde baldigst nach einem Landhause übersiedeln und die Blumen mit hinausnehmen. Ja, ich hatte schon solche Fortschritte in meiner neuen Spezialität von Entdeckungen gemacht, daß ich bereits irrtumslos nach dem bloßen Ansehen bestimmen konnte, in was für einer Sommerfrische ein jeder wohne. Die Bewohner der Kamenny-Insel und der Aptekarski-Insel oder der Orta am Wege nach Peterhof zeichneten sich durch studierte, elegante Manieren, durch stutzerhafte Sommeranzüge und durch die schönen Equipagen aus, in denen sie nach der Stadt fuhren. Die Bewohner Pargolowos und der dort weiterhin gelegenen Ortschaften imponierten gleich auf den ersten Blick durch ihr verständiges, gesetztes Wesen; die Bewohner der Krestowski-Insel zeichneten sich durch ihre ruhige, heitere Miene aus. Manchmal begegnete ich einer langen Prozession von Fuhrleuten, die mit den Zügeln in der Hand lässig neben ihren Wagen dahingingen; diese waren mit ganzen Bergen von allerlei Möbeln, Tischen, Stühlen, türkischen und nicht-türkischen Sofas und sonstigen Sachen beladen, und ganz oben, auf dem Gipfel der Ladung, saß oft eine kränkliche Köchin, die die Habe ihrer Herrschaft wie ihren Augapfel hütete; oder ich betrachtete auch die schwer mit Hausrat beladenen Kähne, die auf der Newa oder der Fontanka nach dem Schwarzen Flüßchen oder den Inseln hinabglitten: dann verzehnfachten und verhundertfachten sich die Fuhren und Kähne in meinen Augen; es schien mir, als hätte sich die ganze Bevölkerung aufgemacht und wäre in ganzen Karawanen auf der Wanderung nach den Landhäusern; es schien mir, als drohe ganz Petersburg sich in eine Einöde zu verwandeln, so daß mich schließlich ein Gefühl der Scham, der Kränkung und der Trauer überkam; denn ich hatte schlechterdings keine Möglichkeit, irgendwohin in die Sommerfrische zu fahren. Ich wäre ohne weiteres bereit gewesen, mit jeder Fuhre mitzufahren, oder auch mit jedem Herrn von respektablem Äußern, der sich eine Droschke nahm; aber keiner, kein einziger lud mich ein; es war, als hätten mich alle vergessen, als wäre ich ihnen tatsächlich ein Fremder!

Ich wanderte viel und lange umher, so daß ich meiner Gewohnheit nach schon vergessen hatte, wo ich war, als ich mich auf einmal bei einem Schlagbaum wiederfand. Plötzlich wurde mir fröhlich zumute; ich passierte den Schlagbaum, ging zwischen besäten Feldern und Wiesen dahin, verspürte keine Müdigkeit, sondern hatte nur in meinem ganzen Wesen die Empfindung, daß mir gleichsam eine Last von der Seele fiel. Alle Vorüberfahrenden sahen mich so freundlich an, beinah als ob sie mich grüßen wollten; alle waren über irgend etwas erfreut; alle ohne Ausnahme rauchten Zigarren. Und ich war so froh, wie ich es noch in meinem ganzen Leben nicht gewesen war. Gerade wie wenn ich plötzlich nach Italien versetzt wäre, so stark wirkte die Natur auf mich, den halbkranken Städter, der in den Mauern der Stadt beinah erstickt war.

Es liegt etwas unaussprechlich Rührendes in unserer Petersburger Natur, wenn sie beim Herannahen des Frühlings auf einmal ihre ganze Macht, alle ihr vom Himmel gegebenen Kräfte an den Tag legt, sich belaubt und sich mit bunten Blumen schmückt ... Sie erinnert mich unwillkürlich an ein sieches, kränkliches Mädchen, das man manchmal voller Mitleid, manchmal mit einer Art von bedauernder Liebe ansieht, manchmal auch einfach nicht beachtet, das aber plötzlich, in einem Augenblick, ganz unerwarteterweise unaussprechlich, wundervoll schön wird, so daß man sich, überrascht und entzückt, unwillkürlich fragt: Welche Macht hat diese traurigen, melancholischen Augen dazu gebracht, mit solchem Feuer zu leuchten? Was hat das Blut in diese blassen, hageren Wangen getrieben? Was hat diese zarten Gesichtszüge mit dem Ausdrucke der Leidenschaft übergossen? Wovon hebt sich diese Brust so? Woher kommt es, daß das Gesicht des armen Mädchens sich auf einmal mit Kraft und Leben und Schönheit erfüllt hat und von einem solchen Lächeln strahlt und von einem so prächtigen, funkensprühenden Lachen belebt ist? Man schaut sich ringsum und sucht den Zauberer und stellt Vermutungen auf ... Aber der Augenblick geht vorüber, und vielleicht begegnet man schon morgen wieder demselben melancholischen, zerstreuten Blicke wie früher, demselben blassen Gesichte, derselben Ergebung und Schüchternheit in den Bewegungen; ja, man entdeckt in diesem Gesichte sogar einen Ausdruck von Reue, die Spuren eines tödlichen Grames und Verdrusses über die kurzwährende Schwärmerei ... Und man bedauert, daß die momentane Schönheit so schnell, so unwiederbringlich dahingewelkt ist und ihren Glanz vergebens entfaltet hat; man bedauert es schon deswegen, weil man nicht einmal Zeit gehabt hat, sie liebzugewinnen ... Und doch war meine Nacht noch besser als der Tag! Das ging folgendermaßen zu:

Ich kehrte erst sehr spät in die Stadt zurück, und es schlug bereits zehn, als ich mich meiner Wohnung näherte. Mein Weg führte mich am Kai des Kanals entlang, wo man um diese Stunde keiner Menschenseele begegnet. Es ist wahr, ich wohne in einem weit abgelegenen Stadtteile. Ich ging und sang; denn wenn ich glücklich bin, summe ich unbedingt etwas vor mich hin, wie das jeder glückliche Mensch tut, der keine Freunde und keine guten Bekannten besitzt und in Augenblicken der Freude niemanden hat, mit dem er seine Freude teilen könnte. Auf einmal stieß mir ein ganz unerwartetes Abenteuer zu.