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Kaum ein Gefühl hat einen so negativen Ruf wie die Wut. Daher haben wir schon als Kind gelernt, die Wut in uns zu unterdrücken – mit dem Ergebnis, dass sie im Verborgenen schwelt, nicht selten Körper und Seele blockiert und uns daran hindert, frei und lebendig zu sein. Tatsächlich ist die Wut eine wichtige Emotion mit großem Heil- und Kraftpotenzial. Wem es gelingt, seine Wut zu seinem Freund zu machen, der hat einen Schlüssel in der Hand zu mehr Lebendigkeit, Wohlbefi nden und Selbstbestimmung.
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Seitenzahl: 97
Veröffentlichungsjahr: 2020
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STEFANIE CARLA SCHÄFER
Das Tor zu deiner Kraft
Stefanie Carla Schäfer ist Sportwissenschaftlerin und ausgebildet in Somatic Experiencing sowie weiteren körpertherapeutischen Methoden. Im Zentrum ihrer Bücher und ihrer Arbeit mit Menschen stehen die Verbindung von Körper, Geist und Seele sowie ein freundlicher und wertschätzender Umgang mit Gefühlen. Ihre drei im Scorpio Verlag erschienenen Bücher Selbstliebe macht stark: So schließen Sie Freundschaft mit sich selbst, NOW! Mit Freude den eigenen Weg gehen und NOW! Im Einklang mit dem Gesetz der Anziehung fanden zahlreiche begeisterte Leserinnen und Leser.Sie lebt in der Nähe von Köln. Mehr Infos unter www.cardea-training.de
Hinweis:
Alle Namen von Patienten/Patientinnen in diesem Buch wurden geändert.
1. eBook-Ausgabe 2020
© 2020 Scorpio Verlag in Europa Verlage GmbH, München
Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie
Werbeagentur, Zürich
Lektorat: Désirée Schoen
Layout und Satz: Veronika Preisler, München
Konvertierung: Bookwire
ePub-ISBN: 978-3-95803-322-1
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Ansprechpartner für ProduktsicherheitEuropa Verlage GmbHMonika RoleffJohannisplatz 1581667 Mü[email protected]+49 89 18 94 [email protected]
Einleitung
1 Wut – ein gesundes Gefühl
Das Feuer in uns
Warum wir Wut verlernt haben
2 Die Botschaft der Wut
Gesunder Ausdruck von Gefühlen
Ausdrucksformen unterdrückter Wut
3 Wut im Körper
Kampf oder Flucht
Die Kraft im Bauch
Körperbewusstsein: Fletsch die Zähne, zeig die Krallen
Wie komme ich an meine Wut?
Therapeutische Ansätze
Körperliche Ventile für Wut im Alltag
Durch Kraft zu mehr Präsenz
4 Achtsamer Umgang mit Wut
Integration statt Ablehnung
Ja zum Schatten: Wut, Angst und Schmerz
Das innere Kind an die Hand nehmen
Die Bedürfnisse hinter der Wut
Wut in Beziehungen
Eigenverantwortlich mit Wut umgehen
5 Das Tor zu unserer Kraft
»Klassische« Wutprobleme und ihre Lösung
Die Wut als Freund erkennen
In Einklang mit dem Leben kommen
Von der Wut zur Liebe
Wut und Spiritualität
Heilen und wachsen
Zum Weiterlesen
Wut gilt im Allgemeinen als unschönes Gefühl, das man möglichst nicht zeigen und am besten ganz vermeiden sollte. Ein wütender Mensch, egal ob jung oder alt, ist unbequem, stellt den schönen Schein infrage und entspricht mit rotem Gesicht und bösem Blick nicht den ästhetischen Maßstäben unserer Zeit.
Ich habe noch nie gehört, dass jemand im Aufwachsen darin bestärkt wurde, wütend zu sein. Haben Sie schon mal Eltern erlebt, die der Wut ihres Kindes mit offenen Armen begegnen? »Brave Mädchen sind nicht wütend«, »Sei ein lieber Junge«, »Wenn du jetzt ruhig bist, bekommst du eine Belohnung« … – diese und ähnliche Sätze haben viele von uns in der Kindheit verinnerlicht, und so bemühen wir uns auch als Erwachsene, uns jederzeit sozialverträglich, liebenswürdig und nett zu verhalten.
Daran ist natürlich auch nichts auszusetzen – ganz im Gegenteil! Allerdings bin ich mir sicher, dass gerade hinter der freundlichen Fassade vieler netter Menschen eine unterdrückte Wut schlummert, die zu spüren und zu äußern sie sich bislang nur nicht getraut haben. Bestimmt kennen auch Sie solche lieben Menschen, die sich oft besonders im sozialen Bereich engagieren, für andere da sind, sich so selbstlos verhalten, dass sie möglicherweise leicht ausgenutzt werden – und für die Wut meistens ein Fremdwort ist.
Der Preis für den Verzicht auf dieses notwendige Gefühl ist allerdings hoch. Zum einen, weil alles, was nicht auf gesunde Weise geäußert wird, im Inneren gärt und dort auf Dauer großen Schaden anrichten kann. Zum anderen, weil Menschen, die sich ihre Wut nicht eingestehen, oft in ihren Grenzen verletzt werden und sich in ihren Beziehungen unnötig klein halten lassen, gemäß dem Motto: »Mit ihr/ihm kann man es ja machen!«
Die Entdeckung der eigenen Wut und ein gesunder und achtsamer Umgang damit hat dagegen viele positive Effekte – und kann sogar zu einer zutiefst heilsamen und transformierenden Erfahrung werden! Ich möchte Sie mit diesem Buch einladen, in dem Gefühl der Wut einen Freund kennenzulernen, jemanden, der stets auf Ihrer Seite ist. Eine kraftvolle Energie, die Ihnen geschenkt wurde, um für sich einzustehen, sich zu behaupten und wenn nötig zu verteidigen. Je besser Sie diesen Freund kennen und zu schätzen wissen, desto mehr werden Sie in ihm das Tor zu Ihrer Kraft entdecken. Und in der eigenen Kraft zu sein ist ein großartiges Gefühl.
Keine Sorge, das bedeutet nicht, dass Sie sich fortan rücksichtslos verhalten oder gar anderen Menschen wehtun müssen. Vermutlich liegt Ihnen ein positives und menschliches Miteinander genauso am Herzen wie mir. Es geht vielmehr darum, dass Sie sich erlauben, etwas zu empfinden, das Sie vielleicht lange verneint haben, und mit dieser neuen Energie umzugehen lernen. So als ob Sie auf einmal ein neues, schnelleres Auto führen.
Möglicherweise werden sich Ihre Beziehungen verändern, wenn Sie auf gesunde Art und Weise mit Ihrer Wut und Kraft verbunden sind, anstatt sie zu unterdrücken. Diese Veränderung wird positiver Natur sein und Sie mit einem Gefühl von Respekt, Selbstwert und Lebendigkeit belohnen.
Die Wissenschaft hat festgestellt, dass auch Symptome von Depression und Ängsten nachweislich zurückgehen, sobald ein Mensch seine oftmals lange unterdrückte Wut entdeckt und lernt, damit auf gesunde Weise umzugehen. Die Integration dieser Kraft wird also auf allen Ebenen maßgeblich zu Ihrer Gesundheit beitragen.
Doch wie kann der Weg dahin gelingen? Wie ist es möglich, das positive Potenzial der Wut zu entdecken, wenn Sie möglicherweise früher negative Erfahrungen damit gemacht haben, sie zu äußern, oder sich meilenweit davon entfernt fühlen, überhaupt einen Wut-Impuls in Ihrem Inneren zu spüren?
Eine große Rolle dabei spielt Ihr Körper, so viel sei schon mal verraten. Denn wir leben heute in einer sehr kopf- und verstandesorientierten Zeit, in der leider viele von uns verlernt haben, ihren Körper und ihre Emotionen wahrzunehmen und zu spüren. Indem es gelingt, uns wieder mit der Weisheit unseres Körpers zu verbinden und seinen Impulsen zu folgen, anstatt sie »wegzudenken«, regulieren wir uns selbst auf gesunde Weise und kommen wieder in unsere natürliche Kraft.
Auch Spiritualität ist eine wunderbare Kraftquelle, die unserem Leben einen höheren Sinn gibt. Allerdings sollte sie nicht dazu benutzt werden, unsere »dunkle Seite« – dazu zähle ich ungeliebte Gefühle wie Wut, Schmerz und Scham – wegzudrängen.
Ich nenne dieses Phänomen gerne die »Licht-und-Liebe-Falle« – alles menschlich Schwierige wird im Lichte falsch verstandener Spiritualität schöngeredet, dadurch aber nur ins Unbewusste verschoben, wo es weiter schwelt und auf Dauer Schaden anrichten kann. Besser ist es, unser spirituelles Bewusstsein dazu zu nutzen, Licht in die dunklen Ecken unserer Psyche zu bringen und unsere Schatten wirklich anzuschauen, als authentischen Teil von uns anzunehmen und zu integrieren. Denn interessanterweise wandelt sich dann oft der abgelehnte Aspekt in einen großen Schatz, der unserem persönlichen Wachstum dient. Dann wird zum Beispiel Wut zum Tor zu unserer Kraft.
In diesem Ratgeber möchte ich Sie ermuntern, sich dem Gefühl der Wut bewusst auf eine neue, achtsame Weise anzunähern und das große Heilungsund Kraftpotenzial zu entdecken, das hier verborgen liegt. Es ist eine Reise, die sich lohnt und die sogar richtig Spaß machen kann. Eines ist sicher: Wut ist nur dann gefährlich, wenn sie im Verborgenen schwelt und unachtsam ausagiert wird; in die richtigen Bahnen gelenkt jedoch, sorgt sie für neue Lebendigkeit und oftmals für positive Veränderungen.
Wir sind umgeben von den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer. Jedes davon verkörpert eine bestimmte Qualität, die wir zum Leben brauchen. Wir brauchen Wasser zum Trinken, Luft zum Atmen, die Erde, auf der wir leben und die uns nährt – und wir brauchen Feuer, um uns zu wärmen.
Niemand käme auf die Idee zu behaupten, ein Element sei schlechter als das andere, denn wir brauchen jedes einzelne, um im Gleichgewicht zu sein. In der indischen Lehre des Ayurveda gibt es sogenannte Konstitutionstypen, die in jeweils unterschiedlicher Ausprägung die Elemente verkörpern. Jeder dieser Typen braucht zum persönlichen und energetischen Ausgleich auch die ihm von der Konstitution her fehlenden Teile. Übertragen wir unsere Emotionen auf die Elemente, steht die Wut für das Element Feuer.
Meiner Beobachtung nach müssten viele von uns ihr gesundes, inneres Feuer (neu) entdecken und entfachen. An diese Menschen richtet sich dieses Buch. Ein Feuer wärmt und ist lebendig, und wenn es in uns selbst brennt, bedeutet dies nicht einfach Wut, sondern kraftvolle Lebensenergie.
Idealerweise können wir unser Feuer selbst regulieren, bei Bedarf die Flamme hochdrehen oder auch runter. Wir wissen, dass wir diese kraftvolle Energie in uns haben, die uns mit unserer Kraft verbindet. Brennt das innere Feuer nur auf Sparflamme oder ist es bereits erloschen, ist ein Mensch kaum spürbar. Brennt es dagegen lichterloh und raumgreifend, kann es großen Schaden verursachen. Wir brauchen also ein Bewusstsein, eine Verbindung und einen gesunden Umgang mit diesem Feuer, das sich auf alle Ebenen unseres Seins bezieht:
Auf emotionaler Ebene bedeutet es, sich wehren, abgrenzen und Aggressionen zeigen zu können.
Auf körperlicher Ebene bedeutet es eine gesunde Aktivierung unserer Muskelkraft und unseres Blutdrucks sowie das Potenzial unserer Stimme und Atmung zu nutzen.
Auf energetischer Ebene steht ein Mensch, der sein Feuer kennt und nutzt, in seiner vollen Größe.
Es gibt verschiedene Gründe, warum jemand scheinbar keine Verbindung zu seiner Wut hat, auch wenn diese angebracht wäre. Damit meine ich nicht wahrhaft zufriedene Zeitgenossen, die einfach mit sich und der Welt im Einklang sind und bei denen es keinen Anlass zur Wut gibt. Wenn diese Menschen in ihren Grenzen verletzt werden, können sie nämlich meist auf gesunde Weise für einen Ausgleich der Situation sorgen, bei Bedarf also ihre Kraft hervorholen. Ich meine eher die lieben Seelen, die Konflikte lieber vermeiden und dazu neigen, Probleme in sich hineinzufressen, statt vielleicht den Schritt in die gesunde Aggression zu wagen. Dahinter steht immer eine Geschichte, deren Muster es sich bewusst zu machen gilt.
Wie schon eingangs erwähnt, werden die wenigsten Menschen in ihrer Erziehung darin unterstützt, dass Wut einfach ein gesundes Gefühl ist wie jedes andere auch. Weil Kinder am Vorbild ihrer Eltern oder Bezugspersonen lernen, prägt sich ihnen deren Haltung in der Regel fest ein. War Wut im Elternhaus ein Tabu, übernimmt das Kind oft diese Einstellung.
Aber auch das Gegenteil kommt vor: Ein Kind, das sehr wütend ist, bringt oft die nicht gelebte Wut eines ganzen Familiensystems zum Ausdruck.
Dabei gilt es zu bedenken, dass die Generation unserer Eltern und Großeltern, die im Krieg oder auch danach geboren wurden, oft mit Traumata und existenziellen Sorgen aufwuchs und die Frauen wesentlich abhängiger waren als heute. Sie konnten sich den Luxus der Selbstbestimmung, den Wut mit sich bringen kann, oft gar nicht leisten.
Nicht wenige Menschen sind aber auch mit einem aggressiven Elternteil aufgewachsen und haben daher Wut als sehr bedrohlich erfahren. Dann ist es mehr als verständlich, dass sie sich zu harmoniebedürftigen, vorsichtigen Menschen entwickeln, die jede Form von Wut instinktiv mit großer Gefahr assoziieren.
Einer der Hauptgründe, warum Menschen ihre Wut verdrängen, ist ein tief verwurzeltes Gefühl der Abhängigkeit. Diese rührt meist aus Kindertagen her, denn da waren wir tatsächlich existenziell auf Versorgung und Liebe von außen angewiesen. Nehmen wir als Beispiel eine ungesunde Beziehung, die nur aus Angst vor dem Alleinsein aufrechterhalten wird: Sich die schmerzhafte Wahrheit einzugestehen würde möglicherweise bedeuten, sich eine gesunde Wut zu erlauben und deutliche Veränderungen vornehmen zu müssen. Außerdem wäre man mit dem Alleinsein konfrontiert … Als soziale Wesen mit einem starken Bedürfnis nach Gemeinschaft scheuen dies viele von uns.