Zepperlapp - Katharina Kröll - E-Book

Zepperlapp E-Book

Katharina Kröll

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Beschreibung

Toni Zepperlapp ist Friseur mit eigenem Salon, den er bald nicht mehr hat, weil er nicht immer devot sein wollte, wie man es von einem Friseur erwartet, sondern einmal in seinem Leben seine Gefühlen freien Lauf lassen will. Was sich als kapitaler Fehler entpuppt. Oder doch nicht? Seine Stütze in dieser schweren Zeit ist ihm die unternehmungslustige Issi, die er bislang nur als seine Putzfrau gesehen hat. Das ändert sich jetzt. Nunmehr wird er gewahr, dass sie eine Frau ist. Eine besondere zudem: fröhlich, selbstbewusst, nonkonformistisch, immer für einen verrückten Einfall gut. Ganz anders als die Frauen, die Zepperlapps Salon sonst frequentieren. Frauen, die zwar wissen, wie man sich benimmt und welche Kleider man trägt und wo man die kauft, die sich aber in ihrem behüteten Leben entsetzlich langweilen, derweil ihre Männer das Geld herbeischaffen. Männer, die ihrer Frauen längst überdrüssig sind und sich ernsthaft überlegen, ob sie sie nicht gegen jüngere Exemplare eintauschen sollen. Die Autorin fährt ein buntes Kaleidoskop an unterschiedlichen Menschen auf, deren Schicksal miteinander verwoben ist, ohne dass sie das wissen, und strickt daraus eine vergnügliche Geschichte, die manche Überraschung bereit hält.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 179

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Katharina Kröll

Zepperlapp

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Hauptpersonen

Issi

Georg

Zepperlapp

Frau Materin

Georg

Zepperlapp

Margit

Herbert

Frau Materin

Brüno

Issi

Edgar

Georg

Frau Materin

Anita

Edgar

Frau Materin

Anita

Edgar

Frau Materin

Issi

Frau Materin

Issi

Frau Materin

Zepperlapp

Georg

Issi

Frau Materin

Herbert

Anita

Brüno

Edgar

Herbert

Georg

Edgar

Elisabeth

Zepperlapp

Edgar

Zepperlapp

Issi

Elisabeth

Herbert

Hagmeier

Die Autorin

Impressum

Impressum neobooks

Die Hauptpersonen

Zepperlapp genannt Zeppi; Friseur, Besitzer eines eigenen Salons; aber bald nicht mehr, denn er hat ... Aber das liest man am besten selbst

Hagmeier Currywurst-Esser

Issi Putzfrau bei Zepperlapp; eigentlich Isabell

Georg Issis Noch-Ehemann, im Hauptberuf Mutter­söhnchen, ansonsten macht er Holz

Margit Georgs Schwester

Elisabeth Pennerin, die unerwartet ein großzügiges Geschenk erhält und nichts damit anzufangen weiß

Edgar böser Onkel (von Georg), nebenbei Geschäftsmann

Evelin seine Frau („Frau Materin”)

Ina Edgars Assistentin und Geliebte

Brüno hat irgendwas mit Frau Materin zu tun

Herbert Firmenleiter

Anita seine Frau und Issis beste neue Freundin

Issi

„Ja, ja, später”, sagte Issi geistesabwesend, denn jetzt fiel ihr wieder die kalte Wohnung ein. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass der Monteur noch am Abend gekommen war. Sie sah auf ihre Armbanduhr. Der Abend war noch zu früh, um ins Bett zu gehen. Und daheim im Kalten zu sitzen machte sie auch nicht an.

Sie sah Hagmeier von der Seite an. Wenn der wieder sauber war, konnte man sich durchaus mit ihm sehen lassen, dachte sie. Und jetzt meldete sich auch ihr noch immer leerer Magen wieder.

„Hagmeier, ich hab’s. Du gehst heim und ziehst dich um. Und das gleiche tue ich. In einer halben Stunde treffen wir uns im Hörnle. Kennst du das? Da ist es warm und gemütlich, und das Essen ist gut. Einverstanden?”

Er nickte erfreut. Er fragte Issi: „Wo wohnst du?”

„Gleich auf der anderen Seite vom Fluss. Fünf Minuten. Und du?”

„Ich habe es ein bisschen weiter. Ich muss mit dem Auto fahren. Aber in einer halben Stunde schaffe ich es locker.”

Issi begleitete ihn noch zum Parkplatz und ging dann mit schnellen Schritten zu ihrer Wohnung, denn jetzt begann sie wieder, die Kälte zu spüren.

Ihre Wohnung war immer noch kalt. Sie beeilte sich mit dem Umziehen, malte sich noch etwas an, schüttelte die Haare und schaute in den Spiegel. Ein bisschen schöner würde es mir besser gefallen, aber so geht’s auch, dachte sie, warf sich den Mantel über und rannte die Treppe hinunter.

Sie nahm den Weg über die breite Brücke, weil sie sich dort so gern übers Geländer beugte und in das Wasser hinunter sah. Diese Unterbrechung legte sie auch heute ein.

Dann sah sie wieder auf die Uhr. Noch genügend Zeit. Sie ging den Berg hinauf und nahm dann den kleinen Fußweg, der über unendlich viele Treppchen führte, und hatte, als sie sich im Hörnle niedergelassen hatte, das Gefühl, jetzt ihr Essen wirklich verdient zu haben. Sie bestellte sich schon mal ein Viertel Rotwein und genoss, während sie zufrieden an ihrem Glas nippte, die Wärme in dem Raum, die gedämpften Stimmen um sie herum und die Aussicht auf ein Essen zu zweit.

Gedankenverloren starrte sie in den Raum. Es war lange her, seit sie ein Abendessen zu zweit mit einem Mann gehabt hatte. Putzfrauen werden nicht so oft zu so etwas eingeladen. Ihr Ehe­mann kam ihr in den Sinn.

Aber Hagmeier kam nicht. Vielleicht, weil er dann seine Mütze hätte abnehmen müssen? Oder hatte er es vergessen? Hatte etwas anderes vor? Wie auch immer: Er kam nicht, und Issi musste alleine essen. Und dabei fiel ihr wieder ihr Ehemann ein ...

Georg

„Wo kommst du denn her? Und wie siehst du aus!” Georgs Stimme klang nicht besonders einladen, sein Gesichtsausdruck nicht minder. Mufflig, fand Issi, unfreundlich. Sie sah an sich herunter. Stimmt, sie ähnelte mehr einem begossenen Pudel als einer ordentlichen Ehefrau.

„Mein Lieber, nach einer Radtour von dreihundertsiebenundvierzig Kilometern bei einem miserablen Wetter würdest du auch nicht viel besser aussehen.” „Eine Radtour? Wieso denn das?”

„Ich bin mit dem Rad hierhergefahren. Ich war drei Tage unterwegs und jetzt tut mir alles weh, was ich habe. Und dann dieser Empfang.”

„Komm erst mal rein. Es muss ja nicht die ganze Nachbarschaft mitkriegen, dass du wieder da bist. Und vor allem in diesem Aufzug.”

Georg ließ sich nun doch herbei, die Haustür zu öffnen, und Issi sah, nachdem sie ihre langen nassen Haare aus dem Gesicht gestrichen hatte, auf einen Blick, dass sich die Umgebung etwas verändert hatte. Die Handschrift der lieben Schwiegermutter, dachte sie.

„Wo ist sie?”, fragte sie.

„Wer?”

„Na, deine Mutter.”

„Sie ist nicht da. Vermutlich in ihrer Wohnung.”

„Da habe ich ja Glück. Wahrscheinlich wird sie mich sofort wieder vor die Tür setzen, wenn sie mich sieht.”

„Du kannst es ihr nicht verdenken. So, wie du dich benommen hast.”

„Das werde ich heute Abend alles wieder gut machen”, kündigte Issi fröhlich an. „Ich werde mich jetzt duschen, die Haare wohl frisiert nach hinten stecken, und dann einkaufen gehen. Was willst du essen heute Abend?”

„Komm, Isabell, nicht in diesem Tempo. Heute Abend kocht meine Mutter, und sie hat bestimmt schon dafür eingekauft.”

„Nein, heute Abend koche ich. Ich habe nämlich Appetit auf eine schöne Lasagne, und die kann ich besser als deine Mutter.”

Georg zuckte verzweifelt mit den Schultern. Das fing ja schon gut an. Was waren das noch für ruhige Zeiten, als sie weg war, dachte er.

Er beschloss, durch den Garten hinüber in die Werkstatt zu gehen und für heute zu schließen. Er würde sowieso nichts Ver­nünf­ti­ges mehr zustande kriegen. Seine Gedanken waren so abgelenkt, dass er womöglich noch daneben sägte.

Dabei drängte die Arbeit. Bis zur Möbelmesse musste noch einiges geschafft sein. Bei dem Gedanken wurde er wütend. Diese verdammte Isabell! Die brachte ihm wieder alles durcheinander. Wahrscheinlich war es besser, doch noch ein bisschen zu arbeiten, damit er auf andere Gedanken kam.

Da wurde er noch wütender. Kaum war sie da, konnte er schon keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen. Jetzt hoffte er nur noch auf seine Mutter. Die würde wieder Ordnung in das Chaos bringen.

Er stapfte hinüber, um die Werkstatt abzuschließen. Als er den Schlüssel in die Tür steckte, fiel ihm ein, dass er ja überlegt hatte, doch noch zu arbeiten. Also zog er den Schlüssel wieder heraus. Er fiel herunter und lag nun im nassen Gras. Georg bückte sich, um ihn aufzuheben, und stieß, als er sich wieder aufrichtete, mit dem Kopf mit voller Wucht an die Türklinke. Er fluchte. Jetzt langte es ihm. Er ging mit wütenden Schritten zurück zum Haus und suchte nach Issi. Sie war im Bad. Er hörte die Dusche rauschen.

Früher wäre er ohne nachzudenken ins Bad gegangen, wenn er ihr etwas sagen wollte. Jetzt blieb er vor der Tür stehen und überlegte. Einerseits war sie seine Frau, also konnte er zu ihr ins Bad gegen; wann er wollte. Verdammt. Andererseits wäre er sie am liebsten gleich wieder losgeworden. Er wünschte sie dahin, wo sie hergekommen war. Also war sie so gesehen eben nicht mehr seine Ehefrau, mithin konnte er auch nicht einfach zu ihr ins Bad hineingehen, wo er sie sehr wahrscheinlich nackt vorfinden würde.

Ich wusste es doch, schnaufte er voller Zorn, kaum ist sie wieder da, bringt sie mich pausenlos zur Weißglut. Das war schon immer so.

Er klopfte voller Wucht an die Tür. Issi fuhr drinnen erschrocken zusammen und rief: „Was ist denn los?”

„Ich will dir was sagen”, schrie Georg.

„Warum kommst du dazu nicht herein?”

„Weil ich dir sagen will, dass es besser ist, wenn du wieder gehst!”

Schweigen. Georg blieb etwas verdattert vor der Tür stehen. So deutlich hatte er es ja auch wieder nicht sagen wollen. Aber wie sollte er ihr die Lage sonst klarmachen?

Nach ein paar Minuten ging die Tür auf. Issi hatte sich ein großes Badetuch umgewickelt und sah ihn lächelnd an:

„Ich verstehe dich”, sagte sie, „aber den Gefallen kann ich dir leider nicht tun. Ich ziehe mich jetzt an und gehe einkaufen. Kommst du mit? Wir müssen uns beeilen, weil die Läden bald zumachen. Ich werde kochen, wie ich es bereits gesagt habe, und beim Essen können wir alles Weitere besprechen.”

Georg schüttelte den Kopf. Gut, ich komme mit, wollte er schon sagen. Aber sein nächster Gedanke verbot ihm das sofort: Du kannst doch nicht mit ihr Einkaufen gehen, wenn du sie am liebsten so schnell wie möglich wieder loshaben willst!

„Himmeldonnerwetter!”, schrie er, schluckte den Rest aber hinunter, denn er wollte nicht ausfallend werden.

„Verdirb dir den Appetit nicht”, sagte Issi freundlich und verschwand in ihrem Zimmer.

Während sie sich die Kleider heraussuchte – das meiste gefiel ihr nicht mehr sonderlich gut – überlegte sie, ob es vielleicht wirklich das Gescheiteste wäre, wenn sie wieder ging. Die Atmosphäre ging ihr noch genauso auf die Nerven wie früher.

Im Städtchen musste sie jede Menge Fragen beantworten. Sie war ja zehn Monate weggewesen. Sie hatte damit gerechnet und war auf den Wissensdurst von Freunden und Bekannten und Verkäuferinnen gut vorbereitet. Jeder kriegte eine Antwort, die ihn zufriedenstellte. Wahr muss es ja nicht sein, fand Issi. Sie fragte sich, wie lange die Leute wohl brauchen würden, bis sie merkten, dass jeder von ihnen eine andere Antwort bekommen hatte.

„Was! Schornsteinfeger in Amerika! Und das geht?” „Im Bahn­hof von Rio die Klos geputzt? Ach ...” „Das ist ja ein Ding! Eine Expedition durch Kamposdistan! Wo ist das überhaupt?” „Mensch! Tabakblätter in Havanna gerollt! Das möchte ich auch mal!” „O Gott, Putzfrau bei einem Friseur, na ja, wenn man es will ...”

Ich weiß, ich bin boshaft, gab Issi sich selbst gegenüber zu. Ich mache mich hier vollends unmöglich.

Gut, ich bin unmöglich. Wahrscheinlich will irgendetwas in mir mit aller Boshaftigkeit, deren ich fähig bin, verhindern, dass ich mich hier wieder in die geordnete, langweilige Mitte einordne, zwischen Ehemann und Schwiegermutter, hier, wo alles seinen festen Platz hat und schon immer gehabt hat, wo auch ich meinen festen Platz habe und immer haben werde. So fest, dass mir nichts passieren kann. Dass ich nicht umfallen kann. Dass ich mich nicht rühren kann. Dass ich nicht atmen kann. Dass ich nicht leben kann.

Bei der Lasagne merkte man, dass sie erstens keine Übung mehr hatte im Kochen. Und dass sie zweitens keine Lust hatte, hier zu kochen. Das Essen verlief ziemlich schweigsam. Vorsichtig gestellten Fragen, ob sie jetzt hierzubleiben gedenke, wich sie aus. Sie wollte es nicht. Da gab es für Issi sehr schnell keinen Zweifel mehr. Aber sie wusste im Augenblick auch nicht, was sonst.

Sie spürte, was ihre Schwiegermutter dachte. Es war nicht üblich, Dinge auch auszusprechen. Dafür gab es ja genaue und reichlich Vorschriften, was man wirklich auszusprechen hatte. Es musste fein, gebildet, anständig, beruhigend, moralisch hochstehend, sauber sein. Das, was Issi getan hatte, fiel derartig aus diesem Rahmen, dass man sich wirklich gar nicht mehr herablassen wollte, es auszusprechen.

Später am Abend kamen Mitglieder der Verwandtschaft, die in der Gegend wohnten vorbei. Man saß bei Wein und Salzgebäck und bemühte sich, das nicht zu sagen, was man sagen wollte, und das zu sagen, was einen eigentlich nicht die Bohne interessierte.

Issi fühlte sich unbehaglich. Sie merkte, wie Georg sie immer wieder anstarrte, abwesend. Sie fühlte sich fast gerührt von den Bemühungen ihrer Schwiegermutter, so zu tun, als sei nichts gewesen, aber Issi gleichzeitig deutlich spüren zu lassen, dass sie sie als Prüfung des Schicksals betrachtete, das sie, die Schwiegermutter, eben hinzunehmen hatte.

Als endlich alle gegangen waren, trat Issi hinaus in den Garten und schaute in den Himmel. Der Regen hatte aufgehört, zwischen den Wolken blitzen ein paar Sterne. Issi atmete die frische Luft ein, die ganz schwach nach Erde und Frühling duftete. Georg war zu ihr getreten.

Leise fragte er: „Wie kommt es, Isabell, dass ich das Gefühl habe, das Chaos bricht aus, wenn du nur zur Tür hereinkommst?”

„Bin das nur ich?”, fragte sie zurück.

„Wer denn sonst?”, antwortete er. „Als du weg warst, war es wunderbar friedlich bei uns.”

„Zwischen dir und deiner Mutter.”

„Ja, was ist dabei? Wir verstehen uns eben.”

„Schade, dass ihr euch nicht heiraten könnt ...”

„Jetzt langt’s! Du übertreibst, wie immer. Du bist unhöflich und ausfallend. Du kannst keinen Frieden um dich herum vertragen.”

„Georg, siehst du nicht, dass in eine Ehe die Schwiegermutter nicht hineinpasst?”, fragte Issi verzweifelt. „Es stimmt, diese Situation macht mich unglaublich aggressiv. Ich kann nicht anders, als boshaft sein.”

„Hör bloß auf damit, dass meine Mutter hier stört. Warum denn, sie tut uns doch nichts? Sie hilft uns höchstens. Und vergiss nicht, dass alles, was du hier siehst, ihr gehört, von ihrem Geld gekauft ist. Und es geht uns doch nicht schlecht damit. Du hast doch auch das gute Leben genossen, bis du aus irgendeinem unerfindlichen Grund unbedingt Putzfrau werden musstest. Und das war einfach zu viel. Wir haben es alle gut mit dir gemeint. Aber das war zu viel.”

Nach einer Weile sagte Issi: „Ich verstehe.” Sie wandte sich zum Gehen. „Wo kann ich schlafen heute Nacht?”

„Du kannst in unserem Zimmer schlafen. Ich gehe aufs Sofa.”

„Nein, lass nur, ich werde aufs Sofa gehen.”

Und ehe Georg noch etwas sagen konnte, lief sie ins Haus zurück und machte sich ihr Bett auf dem Sofa.

Wie ein Stein plumpste sie ins Bett und war eingeschlafen, bevor sie noch richtig die Decke heraufgezogen hatte.

Als sie wieder aufwachte, war es erst ein Uhr. Sie wunderte sich, weil sie dachte, dass sie schon viel länger geschlafen haben musste. Auf einmal hörte sie aus der Küche Georgs aufgeregte Stimme. Dann wieder das halblaute Sprechen seiner Mutter. Zuerst dachte sie: Was geht’s mich an?

Aber dann überlegte sie: Vielleicht geht es mich doch was an. Es könnte sich um mich drehen. Es könnte sein, dass sie wegen mir streiten. Sie öffnete vorsichtig ihre Tür, um besser zu hören.

„Du weißt ganz genau, wie Edgar darüber denkt”, sagte gerade ihre Schwiegermutter.

„Zum Teufel mit allen Onkeln”, sagte Georg.

Von einem Onkel Edgar hatte Issi noch nie etwas gehört. Aber er schien eine ziemliche Rolle zu spielen, wenn man bedachte, dass seine Gedanken zu oder über etwas mitten in der Nacht von Bedeutung waren.

„Du weißt, dass ich solche Ausdrücke nicht liebe. Nicht einmal in dieser Situation, Georg.”

„Entschuldige, Mama. Aber es ist zum Aus-der-Haut-fahren. Ja, entschuldige. Es ist einfach unangenehm.”

„Da hast du allerdings Recht.”

Nach einer Pause: „Es ist einfach nötig, dass du für klare Verhältnisse sorgst und die Scheidung einreichst.”

„Wahrscheinlich hast du Recht.”

Klare Verhältnisse. Scheidung. Ganz klar. Issi hatte ja auch schon daran gedacht. Wenn sie nicht mehr hier leben wollte, kommt wohl auch nichts anderes infrage. Aber zuerst musste sie in Ruhe nachdenken. Sie stellte ihren Wecker auf fünf.

Um fünf sprang sie munter aus den Kissen. Schrieb einen Zettel, den sie auf den Esstisch legte, und radelte in Richtung Bahnhof.

Eine ganze Stunde musste sie warten. Dann kam endlich der Zug.

Zepperlapp

„Issi, wo kommst du denn her?” Issi sah Toni Zepperlapp lächelnd an und sagte geduldig: „Ich habe den Abfall hinausgetragen, und jetzt fange ich an, Ordnung zu machen. Wie jeden Abend. Und du fragst fast jeden Abend, wo ich herkomme. Möchtest du das wirklich wissen?”

Toni nahm die Füße von der Ablage vor dem Spiegel und drehte seine Friseurstuhl in Issis Richtung.

„Ja”, sagte er nachdenklich, „heute möchte ich es mal wissen. Denn wer weiß, ob ich in Zukunft noch einmal die Möglichkeit dazu habe.”

Issi seufzte: „Ja, ja, ich weiß. Ab morgen sind wir frei. Stell dir das mal vor: frei! Was machst du denn mit deiner Freiheit?”

„Ausschlafen.”

„Wie langweilig.”

„Unhöflich sein.”

Issi lachte. „War es denn so schlimm, höflich zu sein?”

„Ich weiß es nicht”, antwortete Toni. „Schau, ich war noch nie unhöflich, also kann ich auch nicht sagen, ob es mir mehr Spaß macht als höflich zu sein.”

„Halt”, warf Issi ein. „Einmal zumindest warst du unhöflich. Als du dem gewissen Herbert das Glatzenloch geschnitten hast! Wie war das denn?”

Toni begann zu grinsen. Dann fuhr er sich mit der rechten Hand über die Stirn. Issi hatte festgestellt, dass er diese Geste verwendete, wenn er verlegen war. Also, wenn er verlegen war, weil er dachte, dass von ihm erwartet wurde, dass er sich ein bisschen schämte, aber im Grunde seines Herzens keine Lust dazu hatte, sondern die Situation eigentlich lieber genießen wollte, aber glaubte, dass er das nicht zeigen durfte.

Toni hatte sich wieder in der Gewalt. Sein Gesicht wurde wieder ernst. Aber dann begann er plötzlich zu lachen.

„Ich sag dir, Issi, es war genussvoll, das Glatzenloch­-Schnei­den.”

Issi schüttelte den Kopf.

„Was mir nicht so gefällt”, meinte sie, „dass du das so von hinten gemacht hast.”

„Vorne hat er keine Haare, tut mir leid”, unterbrach sie Toni.

„Ja”, gab Issi zu. „Aber nächstes Mal lass dir was von vorne einfallen.”

„Ich kann ihm ja nicht gut die Nase abschneiden.”

„Nö. Besser nicht.” Issi dachte nach. „Küss ihn. Sag ihm: Herbert! Ich liebe dich und deine erfrischende Art.”

Toni sah sie überrascht an: „Das würde ich nie wagen. Soweit könnte ich nicht gehen.”

„Ja, leichter ist es, ein Glatzenloch zu schneiden oder ihm sogar die Nase abzuschneiden.”

„Das ist wirklich leichter. Du brauchst bloß eine ordentliche Portion angestaute Wut, und die ist so leicht und schnell beschafft, ich denke, die hat jedermann zur ständigen Verfügung. Kein Problem. Und mit deiner Portion Wut bist du ja auch immer irgendwie im Recht. Das versteht jeder.”

Issi zuckte mit den Schultern und begann, einen Spiegel zu polieren.

„Lass das, Issi, ab morgen ist sowieso zu. Komm, gehen wir ein Stück am Fluss spazieren. Saubermachen können wir immer noch, wenn die ganze Sache entschieden ist.”

Es war der erste warme Frühlingsabend. Es war sogar noch relativ hell, da die Uhren vor kurzem auf Sommerzeit umgestellt worden waren. Issi und Toni liefen durch die weichen, noch braunen Wiesen. Die Erde duftete so, als würde bald etwas passieren. Die Vögel waren lautstark in Aktion.

Issi breitete die Arme aus und seufzte genussvoll: „Die ganze Welt gehört uns, Zeppi. Ist das nicht wundervoll?”

Toni war nicht ganz so enthusiastisch.

„Mein Salon jedenfalls gehört bald nicht mehr in diese Welt”, meinte er.

Issi stellte sich vor ihn hin und legte leicht ihre Arme um seine Taille: „Das hast du dir eingebrockt, und das löffelst du jetzt einfach wieder aus. Wirst sehen, es macht wahrscheinlich sogar Spaß. Das Auslöffeln, meine ich.”

„Ich finde keinen Löffel”, murmelte Toni.

Dann lachte er und legte seine Arme um Issi.

„Möchtest du mit mir schlafen?”, fragte er.

„Wie bitte? Warum denn?”

Toni grinste: „Es war nur ein Versuch, unhöflich zu sein.”

Issi schüttelte den Kopf: „Erstens macht man damit keine Witze. Zweitens war das nicht unhöflich, sondern ungeschickt. Du musst mehr üben. Aber auf einem anderen Terrain, wenn ich bitten darf.”

Toni sah sie an. Ist wohl besser so, dachte er, mit seiner Putzfrau schläft man nicht. Das gibt nur unnötige Komplikationen.

„Und im Übrigen: Mit seiner Putzfrau schläft man nicht. Das ist nun einmal so.”

Issi sah ihn streng an.

Sie gingen schweigend weiter. Plötzlich entdeckte Issi auf einer Bank am Ufer die Pennerin sitzen, die sie abends oft auf der Brücke sah, und der sie vor einigen Wochen das Veilchensträußchen geschenkt hat.

„Ich habe eine Idee”, sagte sie leise zu Toni. „Was meinst du, Zeppi, wenn du ihr die Haare schneidest?”

„Wem?”, fragte Toni verblüfft. Er sah niemanden.

„Na, der Pennerin dort vorne auf der Bank!”

„Ach ja, jetzt sehe ich sie auch. Du bist verrückt, Issi.”

„Nein, ich meine das im Ernst. Frag sie doch mal. Vielleicht freut sie sich.”

„Ich könnte ihre Haare nicht einmal anfassen.” Sagte Toni leise.

„Ach komm, Zeppi, tu doch mal ein gutes Werk. Komm, ich frag sie.”

Toni wollte sie am Arm zurückhalten. Aber dafür war er nicht schnell genug. Issi stand schon vor der Frau und sprach mit ihr.

„Mein Freund ist Friseur. Er hat gerade nichts zu tun. Möchtest du, dass er dir die Haare mal ein bisschen schneidet? Kostenlos natürlich.”

Jetzt war Toni auch herbei gekommen. Aber sicherheitshalber blieb er in einem gewissen Abstand zu dem ganzen Theater, wie er es nannte, stehen.

Die Frau sah Issi jetzt mit amüsierten Augen an.

„Die Haare schneiden ...“, wiederholte sie. Sie kicherte. „Na ja, er kann’s ja mal versuchen.” Sie sah vorsichtig zu Zeppi hin.

Zeppi schüttelte sich. Nein, er konnte sich nicht überwinden. Das war ganz und gar aussichtslos. Nicht einmal Issi zuliebe.

Seine Gedanken schweiften ab. Das mit dem Mit­einander­schla­fen war ja eigentlich keine Unhöflichkeitsübung gewesen. Er hatte nur Angst gehabt, es anders zu sagen. Und Issis Reaktion hatte ihn nicht gerade entmutigt.

„Also, was ist, Zeppi?”, holte ihn Issis Stimme wieder in die unappetitliche Gegenwart zurück.

,,Nein, kommt nicht in Frage”, hörte er sich fest und bestimmt sagen. Alles was Recht ist. Ihm reichte es. Putzfrau, Pennerin. Er sah die beiden Frauen an.

„Issi, komm jetzt.” Sagte er. Er wandte sich an die Frau auf der Bank: „Tut mir leid, ich kann Ihnen nicht die Haare schneiden. Entschuldigen Sie bitte.” Dann nahm er Issi am Arm und zog sie davon.

Issi sah ihn spöttisch von der Seite an: „Keinen Mumm?”, fragte sie.

Toni brauste auf: „Was heißt hier keinen Mumm! Für was muss man denn alles Mumm haben, damit es dir gefällt? Gehört da zwingend dazu, einer Pennerin die Haare zu schneiden?”

Sie waren sehr schnell weitergegangen. Weiter unten gab es eine alte Holzbrücke, die steuerte Toni an, damit er nicht noch einmal an der Frau auf der Bank vorbeigehen musste. Erst auf der Brücke machten sie Halt und schauten hinunter ins Wasser.