Zwischen den Zeilen - Verena Arps-Roelle - E-Book

Zwischen den Zeilen E-Book

Verena Arps-Roelle

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Beschreibung

Ein Tag. Zwei Perspektiven. Und die Realität eines Systems, dass wir endlich hinterfragen müssen. Sexismus beginnt nicht erst mit einem Übergriff. Er zeigt sich in Gesprächen, in Blicken, in Witzen, in Kommentaren. In unausgesprochenen Erwartungen, subtilen Abwertungen, unterschiedlichen Rollenbildern, ungleicher Behandlung von Geschlechtern und dem Schweigen, dass oft lauter wirkt als Worte. In diesem Buch begleiten wir Lea und Daniel durch einen Tag, der mehr offenbart, als auf den ersten Blick sichtbar - und der vielleicht auch uns den Spiegel vorhält. Zwischen Büro und Bushaltestelle, Kantine und Konferenzraum wird sichtbar, wie tief patriarchale Strukturen in unserem Alltag verankert sind - und wie sie uns alle beeinflussen. Mit schonungsloser Klarheit, erzählerische Nähe und vielen Aha-Momenten erzählt dieses Buch von Scham und Schuld, von Macht und Ohnmacht, von Wut und Mut, von Rollenbildern, die uns klein halten wollen und von Menschen, die sich stark machen. Ein Buch für alle, die wissen wollen: 1. Warum "War doch nur nett gemeint!" alles andere als harmlos ist. 2. Wie sexistische Strukturen im Alltag funktionieren und warum sie uns häufig so normal erscheinen. 3. Wie wir Sprache, Verhalten und Haltung als Werkzeuge für wirksamen feministischen Wandel nutzen können. Mit einem umfangreichen Glossar zu Begriffen rund um Sexismus, Feminismus, Gleichberechtigung und patriarchale Machtmechanismen. Ein Buch für alle, die nicht wegsehen, sondern Zwischen den Zeilen lesen, verstehen, erkennen und verändern wollen. Für alle, die Feminismus nicht als Angriff sehen, sondern als Versprechen: Auf Respekt, gleiche Chancen und eine gerechtere Zukunft.

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Seitenzahl: 194

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Prolog

Sprache ist mehr als eine Aneinanderreihung von Wörtern. Sprache ist Macht. Sie formt unser Denken, unsere Beziehungen – und unsere Gesellschaft. Sie kann verbinden und befreien, ausgrenzen, verletzen und unsichtbar machen – auch durch die Worte, die wir benutzen.

Besonders bei Sexismus und Feminismus ist jedes Wort politisch: Wer spricht? Wer wird gehört? Wer wird zum Schweigen gebracht?

Vielleicht denkst du, Feminismus ist ein alter Kampfbegriff, der längst ausgedient hat. Oder du hast ihn schon als „Männerfeindlichkeit“ abgestempelt. Falsch gedacht.

Feminismus ist unbequem, weil er fordert, was noch immer nicht selbstverständlich ist: echte Gleichberechtigung. Feminismus stellt sich gegen Sexismus – der Menschen abwertet, einschränkt und systematisch benachteiligt.

Denn auch Sexismus ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern Alltag: in Witzen, in Lohnabrechnungen, in Vorständen, auf der Straße. Sexismus tarnt sich oft als Fürsorge, als Kompliment, als „so war das doch nicht gemeint“.

Feminismus setzt sich dagegen ein. Nicht als Einladung zum Männerbashing, sondern als ein Versprechen: auf Freiheit, Respekt und gleiche Chancen für alle. Das ist unbequem, herausfordernd, manchmal laut – und dringend nötig.

Dieses Buch richtet sich deshalb an alle, die Gleichberechtigung und respektvolle Kulturen aktiv mitgestalten wollen.

Dafür begleiten wir Lea und Daniel durch einen Tag, der beginnt wie jeder andere. Doch hinter scheinbar alltäglichen Situationen lauern Worte, Blicke, Gesten – kleine Nadelstiche, große Mauern. Manche Situationen, Begegnungen Begriffe kennst du, andere werden dich überraschen. Doch alle haben Macht. Wir machen sie sichtbar, erklären sie, stellen sie in den Kontext. Denn Veränderung beginnt dort, wo wir hinschauen, hinterfragen und laut werden.

Am Ende des Buches findest du ein umfangreiches Glossar, das viele Begriffe rund um Sexismus, sexualisierte Gewalt, Stereotype, Feminismus, Patriarchat und Gleichberechtigung erklärt. Dieses Buch ist ein Werkzeug. Für alle, die Sprache nicht länger als Waffe, sondern als Schlüssel für Wandel nutzen wollen.

Wir bitten um Verständnis und Offenheit für unsere Entscheidung, auf das Gendersternchen zugunsten des Leseflusses zu verzichten – nicht aus Ignoranz, sondern aus Pragmatismus. Wenn wir von „Frauen“ sprechen, meinen wir alle, die sich dem weiblichen Geschlecht oder nicht-binären Identitäten zugehörig fühlen. „Männer" umfasst alle, die sich dem männlichen Geschlecht oder nicht-binären Identitäten zugehörig fühlen. Wo sinnvoll, ergänzen wir Hinweise auf trans*, intergeschlechtliche und nicht-binäre Personen.

Wir möchten gemeinsam hinschauen, aufdecken, verändern. Denn Gleichberechtigung ist kein Nice-to-have, sondern längst überfällig.

Inhalt

LEA

#1 - Bauchschmerzen

DANIEL

#1 - Man Up

LEA

#2 - Nicht schon wieder

DANIEL

#2 - (Un)Freundlich

LEA

#3 Teamwork

DANIEL

#3 - Karrierekiller

LEA

#4 - Mutter, Mutter, Kind

DANIEL

#4 - Risse im System

LEA

#5 - Kaffeepause

DANIEL

#5 - Wenn ich groß bin

LEA

#6- Na maste

DANIEL

#6 - Sand im Getriebe

LEA

#7 - Keine Sendepause

DANIEL

#7 - Bestandsaufnahme

LEA

#8 - Feuer frei

DANIEL

#6-Verbündete*r

GLOSSAR

WICHTIGE KONTAKTE

AUTORINNEN

NACHWORT

QUELLEN

Lea

#1 - BAUCHSCHMERZEN

SCHÖNHEITSNORMEN, OBJEKTIFIZIERUNG UND DER TÄGLICHE ÜBERLEBENSKAMPF

Leas erster Griff geht wie jeden Morgen zu ihrem Handy, nachdem sie die Snooze-Funktion ausgeschaltet und sich im Bett aufgerichtet hat.

Ihre Augen sind noch halb geschlossen und ihr Geist noch nicht ganz wach, während sie sich schon durch Instagram scrollt.

Sie sieht makellose Gesichter, perfekt ausgeleuchtete Körper, „What I eat in a day“-Reels und sportliche Morgenroutinen.

Die lnfluencer*innen, denen sie folgt, wirken mühelos schön, organisiert, erfolgreich. So, als hätten sie ihr Leben in jeder Hinsicht im Griff.

Noch im Halbschlaf fragt Lea sich:

Warum sehe ich nicht so aus?

Wieso fühle ich mich immer ein bisschen zu unsportlich, zu uninteressant, zu unorganisiert?

Und warum ist mir das eigentlich mal mehr und mal weniger wichtig?

Verdammt.

Ich hab keine Lust mehr darauf, mir ständig diesen Druck zu machen.

Ich habe schon genug Druck mit meiner Arbeit, mit meinen Beziehungen, mit meinem Leben.

Sie spürt ein Ziehen in ihrem Magen, das ihr längst vertraut ist.

Es ist kein Schmerz.

Es ist dumpfer, irgendwie schwer und stechend.

Lea hört, wie ihre Freundin neben ihr sich bewegt.

Die Decke raschelt leise, als sie sich umdreht und noch im Schlaf behaglich seufzt. Ansonsten ist es still im Zimmer.

Kein Lärm von der Straße dringt in ihre kleine Wohnung im 3. Stock.

Aus dem Nachbarbad ist noch kein Wasserrauschen zu hören.

Die Nachbarn nebenan scheinen noch zu schlafen.

Es ist auch kein Poltern aus der Wohnung über ihr zu hören.

Alles ist ruhig.

Lea dreht sich noch einmal zur Seite, zu ihrer Freundin, und betrachtet sie im Morgenlicht, das durch die Fenster scheint.

Eine Strähne fällt ihr ins Gesicht.

Sie sieht so friedlich aus.

Lea hätte gerne auch die Ruhe, die sie im Schlaf ausstrahlt.

Doch in ihrem Kopf kreist es schon:

Das Meeting mit den Kollegen am Nachmittag.

Der Pitch mit ihrem Kunden.

Der Kollege, der letztens sagte: „Ich find’s supermutig, dass du dich traust, lesbisch zu sein.“

Lea starrt an die Decke.

Mutig?

Das war keine Bestärkung.

Das fühlte sich mehr nach Abwertung an.

Nach Anders-Sein.

Mit einem Ruck legt sie das Handy zur Seite und springt aus dem kuschelig-warmen Bett.

Auf dem Weg ins Bad summt sie leise vor sich hin.

Im Bad nimmt sie ihre Bambus-Zahnbürste aus dem Zahnputzbecher, öffnet die Whitening-Zahnpasta und drückt einen großen Streifen auf die Borsten.

Ihr Blick fällt in den Spiegel.

Sie mustert sich: Ihr Gesicht ohne Make-up, die noch ungekämmten Haare, ihr nackter Bauch.

Ihre Haut ist nicht so glatt und faltenfrei, ihre Haare nicht so lang und ihre Taille nicht so schmal wie die, die sie eben noch auf Instagram gesehen hat.

Und plötzlich ist sie wieder 14.

Damals, als ihre Klassenkameradin Camilla meinte: „Du könntest richtig hübsch sein, wenn du etwas dünner wärst.“

Lea schaut noch angestrengter in den Spiegel.

Heute ist sie 32.

Doch dieser Satz sitzt immer noch tief in ihr, begleitet sie – wie ein Blutegel, der sich festgesaugt hat und immer größer wird.

Sie weiß, dass das nicht so ist.

Sie weiß, dass sie genau richtig ist, so wie sie ist.

Doch in solchen Momenten spürt sie, wie tief dieser Satz und so viele weitere sitzen.

Nicht schlank genug, nicht feminin genug, nicht vorzeigbar genug.

Zu viel, zu laut, zu klar.

Zu stark?

Lea hasst diese Gedankenspiralen.

Sie hasst diese Vergleiche – mit Freund*innen, mit lnfluencer*innen, mit Fremden.

Mit einer gesellschaftlichen Norm, der sie nicht entspricht.

Und der sie nicht entsprechen möchte.

Lea ärgert sich über sich selbst. Sie weiß, dass diese Bilder nicht echt sind, sondern dass über den Gesichtern und Körpern Filter liegen, dass sie ausgeleuchtet sind und bearbeitet werden.

Und trotzdem wünscht sie sich manchmal, genauso auszusehen.

Lea schüttelt den Gedanken ab und versucht, sich bewusst abzulenken, denkt an das, was sie heute zu tun hat und worauf sie sich freut: Die Yoga-Stunde nach der Arbeit, ihre Freundin Mara, die sie dort trifft, ein gemütlicher Abend zu Hause.

Lea springt unter die Dusche, wäscht ihre Haare, trocknet sich ab, cremt sich ein und legt Make-up auf.

Sie zwingt sich zu einem entschlossenen Blick.

Was soll sie heute anziehen?

Professionell, aber nicht zu streng.

Figurbetont, aber nicht zu eng.

Sportlich, aber nicht zu lässig.

Nach einigem Hin und Her entscheidet sich Lea für eine hellblaue Bluse mit V-Ausschnitt, eine locker sitzende Jeans und weiße Sneaker.

Sie bindet sich ihre noch feuchten Haare zu einem Pferdeschwanz und kämmt ihren Pony zur Seite.

Na also, denkt sie. Geht doch.

In der Küche angekommen steht Lea vor der Müslischale.

Frühstück?

Oder lieber nur Kaffee?

Ihr Blick schweift zur Uhr. Noch zehn Minuten, bevor sie losmuss.

Sie zögert.

Eigentlich hat sie gar keinen Appetit.

Lea entscheidet sich für Kaffee – mit Milch, ohne Zucker.

Während der Kaffee durch die Maschine läuft, blubbernd, duftend und heiß, schaltet sie das Radio ein – es ertönt eine hitzig klingende Stimme.

Es läuft eine Debatte über das Selbstbestimmungsgesetz.

Ein Politiker spricht von biologischen Fakten – und das in einem Ton, der ihr einen Schauer über den Rücken jagt.

Als ob es nur eine Art zu leben gäbe und alles, was davon abweicht, falsch oder schlecht wäre.

Dann folgt ein Kommentar: „Man darf ja bald gar nichts mehr sagen.“

Lea hält inne. Ihre Stirn zieht sich zusammen.

Doch, denkt sie. Ihr dürft alles sagen. Ihr tut es ja auch. Laut, ungefragt, ohne Rücksicht. Ihr dürft alles sagen – ihr liegt nur nicht immer richtig. Und ihr müsst aushalten, dass auch andere was sagen.

Lea füllt den fertigen Kaffee in ihren To-Go-Becher und dreht den Deckel fest zu.

Als sie zur Tür geht, spürt sie das Gewicht der Diskussion im Radio noch im Rücken – wie eine unsichtbare Wand, gegen die sie läuft. Gleich im Büro auch wieder.

Denn Lea weiß, was heute wieder auf sie wartet: die Frage, ob sie „Kaffee für alle kocht, weil sie das als Frau doch am besten“ kann. Ob sie „das Protokoll im Meeting“ schreibt und rumschickt und ob sie das Abschiedsgeschenk für Bartosz, der in zwei Wochen in den Ruhestand geht, besorgen kann.

Sie ist nicht die Jüngste im Team.

Nicht die Neueste.

Nicht die Unerfahrenste.

Doch sie ist immer noch „die Frau“.

Eine von wenigen Frauen in einer Branche, die fast nur mit Männern besetzt ist.

Und in der sie sich häufig zurückhält mit ihrer Meinung, mit Kritik oder Wünschen – um nicht als kompliziert, empfindlich oder sogar fehl am Platz angesehen zu werden.

Und sie weiß: Wenn sie es doch tut, wird’s unangenehm für sie.

Dann ist sie „zu sensibel", „nicht locker genug“, „hat wohl was gegen Männer“.

Also sagt sie nichts.

Wie ihre Kollegin Indra, die auch lieber schweigt, seit sie nach einem Meeting von einem Kollegen gefragt wurde, ob sie „ihre Tage" hat, oder warum sie „so zickig“ sei.

Oder Yasmin, die neulich auf ein sexistisches Meme in der Teamgruppe kritisch hingewiesen hat – und danach erstmal eine Woche von allen Kollegen gemieden und aus dem Gruppenchat entfernt wurde.

Aber ob Schweigen die Lösung ist?

Lea zuckt unbewusst mit den Schultern.

Sie seufzt, nimmt ihre Tasche mit ihren Schlüsseln und ihrem Portemonnaie vom Garderobenhaken, schnappt sich ihr Handy und den Kaffee und verlässt die Wohnung.

Sie zieht die Tür leise hinter sich zu und vergewissert sich noch einmal, ob sie alles dabei hat. Handy, Schlüssel, Geldbeutel.

Alles da.

Im Hausflur begegnet ihr der Nachbar aus der Wohnung nebenan – anscheinend ist auch er aufgewacht und bereit, in den Tag zu starten.

Lea lächelt ihn an: „Guten Morgen“, sagt sie.

„Hallo Lea – du siehst heute aber wieder besonders hübsch aus - richtig zum Anbeißen!", erwidert er mit einem breiten Lächeln und einem Blick, der nicht in ihren Augen, sondern bei ihren Brüsten endet.

Lea bringt ein leises „Danke“ hervor, begleitet von einem scheuen Lächeln.

Doch etwas in ihr zuckt zusammen.

Warum fühlt sich dieser Satz seltsam an?

Der Nachbar hat ihr doch ein Kompliment gemacht.

Er wollte bestimmt nur nett sein.

Oder?

ODER?!

Schnell schiebt sie sich an ihm vorbei und läuft die Treppen runter, geradewegs auf die Haustür zu und raus.

Sie hört noch, wie er ihr „Schönen Tag noch!“ hinterherruft.

Doch sie antwortet nicht.

Als sie nach draußen tritt, ist es frisch und hell.

Ein neuer Tag in einem alten System.

Zwischen den Zeilen

Leas Tag startet mit makellosen Körperbildern im Feed. Schon beim Aufwachen ist sie im Vergleichsmodus. Hier zeigt sich, wie körperbezogener Leistungsdruck und internalisierte Schönheitsnormen wirken – subtil, zerstörerisch. Was wie Lifestyle wirkt, ist ein System:

Sexismus

und

Normschönheit (→

siehe

Glossar

), verpackt als Selbstoptimierung.

Im Bad ruft ein Satz aus der Kindheit eine schmerzhafte Erinnerung hervor: „Du könntest richtig hübsch sein, wenn du etwas dünner wärst.“ Diese Szene macht sichtbar, wie

Body Shaming (→

siehe

Glossar

) in den Körper eingeschrieben bleiben und Selbstzweifel nähren.

Der Radio-Kommentar „Man darf ja bald gar nichts mehr sagen“ zeigt Stammtischpopulismus (→ siehe Glossar), der vermeintliche Meinungsverbote beklagt – in Wahrheit jedoch häufig genutzt wird, um Menschen herabzuwürdigen und Machtverhältnisse zu sichern.

Im Hausflur kommentiert der Nachbar ihr Aussehen: „Hallo Lea – du siehst heute aber wieder besonders hübsch aus – richtig zum Anbeißen!” Ein Kompliment? Nein - Catcalling und ein Beispiel für die normalisierte Objektifizierung (→ siehe Folgeseite und Glossar), die Frauen körper bewertet und Frauen entmenschlicht.

Im Büro begegnet Lea Alltagssexismus: Ein Kollege kommentiert beiläufig ihre sexuelle Orientierung: „Ich find’s supermutig, dass du dich traust, lesbisch zu sein.“ Sie erlebt Othering (→ siehe Glossar), wird als „anders“ markiert, nicht dazugehörig - durch einen Kommentar, der wohlwollenden Sexismus (→ siehe Glossar) widerspiegelt.

Feministisches Fazit

Dieses Kapitel zeigt keine körperlichen Übergriffe, sondern das, was zwischen den Zeilen passiert – Mikroaggressionen und daraus folgende Verletzungen, die sich summieren. Lea spürt, dass etwas nicht stimmt – und beginnt, das ernst zu nehmen. Sie fühlt den Schmerz – und nimmt ihn an. Das ist auch Selbstermächtigung: kein Drama, sondern ein leiser Bruch mit dem Gewohnten. Und ein Anfang, der zählt.

Glossarbegriffe, passend zu diesem Kapitel:

Biologismus

Body Shaming

Gaslighting

Heteronormativität

Internaliserte Misogynie

Mikroaggression

Normschön

Objektifizierung (siehe auch Folgeseite)

Selbstermächtigung

Sexismus

Stammtischpopulismus

Stereotype

Objektifizierung

Begriffserklärung

Objektifizierung reduziert Menschen auf ihren Körper – durch Blicke, Sprüche, Werbung, Pornos und Social Media. Die Folgen sind ernst: Essstörungen, Depressionen und Angstzustände treten häufiger auf. Das Aussehen zählt mehr als die Leistung, Medien verstärken Schönheitsideale und normieren Körper. Frauen dienen in Filmen oft nur als Kulisse. Das beeinflusst unser Selbstbild und führt zu ständiger Selbstbeobachtung. Doch der Widerstand wächst: Künstlerinnen, Aktivistinnen und Initiativen fordern Vielfalt, Selbstbestimmung und Body Positivity.

Faktencheck)

60% der jungen Frauen und fast jeder 3. junge Mann in Deutschland fühlen sich durch Schönheitsideale in sozialen Medien unter Druck gesetzt.

45% der Frauen in Deutschland geben an, im Alltag regelmäßig wegen ihres Aussehens bewertet oder sexualisiert zu werden.

Auch trans* und nicht-binäre Personen berichten über hohe Belastung durch gesellschaftliche Schönheitsnormen.

Praxistipp

Entfolge Accounts, die dir ein schlechtes Gefühl geben. Suche stattdessen gezielt nach Profilen, die Vielfalt zeigen und dich stärken.

Reflexion

Wann hast du dich zuletzt mit anderen verglichen? Wie hat sich das für dich angefühlt?

Dazu gehörende Begriffe

Male Gaze

Body Positivity

Sexuelle Belästigung

Catcalling

DANIEL

#1-MAN UP

ZWISCHEN ALPHA-MYTHOS UND EMPATHISCHER MÄNNLICHKEIT

Noch im Halbschlaf hat Daniel schon seine Mails und die News gecheckt und wirft jetzt einen Blick auf LinkedIn.

Ein Kollege hat einen neuen Karriereschritt geteilt, ein anderer war schon um 5:30 Uhr joggen und hat darüber einen Beitrag über Motivation und Ehrgeiz gepostet.

Daniel scrollt weiter.

Irgendwo zwischen Business-Tipps und Erfolgsrezepten bleibt sein Blick an einem Video hängen.

Ein großer Mann mit tiefer Stimme, schickem Anzug und durchtrainiertem Körper spricht in die Kamera:

„Ein echter Alpha hat immer die Kontrolle. Ein echter Alpha jammert nicht. Ein echter Alpha kennt keine Schwäche. Erfolg kommt durch Dominanz. Man up!“

Daniel starrt auf den Bildschirm.

Alpha.

Kontrolle.

Dominanz.

Erfolg.

Die Worte hallen in ihm nach.

Irgendetwas pocht in seinem Inneren.

Bin ich ein Alpha?

Müsste ich ein Alpha sein?

Daniel denkt an die letzte Teambesprechung, in der er sich nicht getraut hatte, seinem Chef zu widersprechen.

An das Wochenende, an dem er sich lieber mit seiner Tochter im Sandkasten vergraben hat, als mit seinen Freunden ins Fitnessstudio zu gehen.

Alpha?

Er ist eher Beta.

Oder sogar Omega?

Oder einfach: Daniel?

Daniel legt sein Handy weg, steht auf und geht ins Bad.

Im Spiegel sieht er ein Gesicht, das noch müde aussieht.

Auf seiner linken Wange ist der Kopfkissenabdruck noch zu sehen.

Er betrachtet seine leichten Augenringe, den Drei-Tage-Bart und den Ansatz von Geheimratsecken.

Ob so ein Alpha aussieht?

Er seufzt unentschlossen.

In dem Moment kommt seine Tochter Mia ins Bad gerannt, umarmt seine Beine und reißt ihn aus seinen Gedanken.

Nachdem er Mia feste gedrückt und wieder zurück zum Frühstück geschickt hat, macht er sich fertig.

Rasieren, duschen, Föhnen und Anziehen.

Daniel macht es sich einfach.

Zur Arbeit trägt er immer eine dunkelblaue Jeans, ein weißes oder hellblaues Hemd und ausgelatschte Sneaker.

Nach einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel im Schlafzimmer geht Daniel in die Küche.

Der Duft von frischem Kaffee liegt in der Luft, und seine Frau ist schon längst auf den Beinen.

Sie hat Mia angezogen, die Brotdose für die Kita vorbereitet und steht jetzt am Küchentisch, während sie einen schnellen Blick auf ihren Kalender wirft.

„Guten Morgen“, sagt sie, ein wenig müde, aber mit einem liebevollen Lächeln. „Ich habe Mias Sachen schon gepackt.

Denkst du daran, sie heute aus der Kita abzuholen? Ich schaffe es nicht rechtzeitig, mein Meeting geht bestimmt wieder länger.“

Daniel nickt und nimmt einen Schluck Kaffee. „Klar, ich hole sie ab. Ich dachte, wir gehen danach noch auf den Spielplatz, vielleicht treffen wir Ben und seine Mutter.“

Seine Frau streicht Mia sanft über den Kopf. „Super. Ich komme wahrscheinlich erst gegen sieben nach Hause.

Vielleicht könntest du mit Mia eine große Pizza holen oder für uns alle bestellen?“

Daniel lächelt. „Klar. Und mach dir keine Sorgen, ich kriege das alles hin. Nach dem Abendessen treffe ich mich noch mit Steven, aber ich bin spätestens um elf wieder da.“

Sie tauschen einen kurzen Blick, in dem viel unausgesprochen bleibt: Dankbarkeit, ein Hauch von Erschöpfung, das Gefühl, gemeinsam alles irgendwie zu schaffen – und doch immer wieder die Frage, ob die Aufteilung wirklich gerecht ist.

Beim Frühstück sitzt Mia neben ihm und kichert über einen Witz aus ihrem Lieblingsbuch.

Daniel lacht mit.

Er liebt diese Morgen mit seiner Familie, wenn sie gemeinsam Marmeladenbrötchen oder Müsli essen und sich auf den Tag vorbereiten.

Daniel fühlt sich genau jetzt und hier angekommen.

In diesem Moment fühlt er sich stark – nicht, weil er etwas dominiert, sondern weil er da ist.

Seine Frau bringt ihm noch einen Kaffee und küsst ihn flüchtig auf die Wange.

„Ich wünsche dir Erfolg heute bei deinem Gespräch“, sagt sie.

„Danke“, murmelt er, lächelt sie an und steht auf.

Im Flur greift er nach seiner Tasche und dreht sich noch einmal um.

Er winkt seiner Tochter zu.

Mia winkt mit klebrigen Marmeladenbrötchen-Fingern zurück:

„Tschüss, Papa!“

„Tschüss, Rakete“, sagt er und geht zur Tür hinaus.

Draußen ist die Luft noch frisch.

Der Himmel zeigt erste Spuren von Blau.

Er steigt in sein Auto und startet den Motor.

Ob Alphas wohl auch so eine Familienkutsche fahren?

Mit Kindersitz, Kekskrümeln, defektem Handschuhfach und schmutzigen Scheiben?

Er fühlt sich nicht nach Alpha.

Und er stellt sich dieses Alpha-Leben auch ziemlich anstrengend vor.

Kurz schließt er die Augen.

Ein guter Tag, um nicht der Typ zu sein, den er früher vielleicht auch einmal für stark hielt.

Trotzdem bleibt der Satz aus dem Video in seinem Hinterkopf, während er aus der Haustür zu seinem Auto läuft.

Als Daniel die Autotür öffnet und sich hinter das Steuer setzt, schleichen sich die Zweifel zurück.

Sollte er nicht ehrgeiziger sein?

Sollte er nicht mehr „Macher“ sein, mehr „Durchsetzer“, weniger „Kümmerer“?

Er erinnert sich an die Sprüche seines Vaters:

„Ein Mann zeigt keine Schwäche.“

„Reiß dich zusammen!“

„Gefühle? Die bringen dich nicht weiter.“

Daniel weiß, dass er anders sein will.

Er will für seine Tochter da sein, will zuhören, will auch mal Schwäche zeigen dürfen – ohne sich dafür schämen zu müssen.

Er merkt, wie schwer es ist, gegen diese alten Bilder anzukommen und wie sehr sie ihn geprägt haben.

Wie oft er sich selbst verurteilt, weil er nicht dem Bild des „starken Mannes“ entspricht.

Doch wer bestimmt eigentlich, was ein Mann ist?

Und warum fühlen sich so viele Männer schlecht, wenn sie nicht in dieses enge Raster passen?

Daniel beschließt, heute bewusst auf die kleinen Momente zu achten und seine Rolle darin.

Und er nimmt sich vor, seiner Tochter heute Abend zu sagen, dass er sie liebt.

Und sich selbst daran zu erinnern, dass Fürsorge, Empathie und Verletzlichkeit ebenso Ausdruck von Männlichkeit sein können wie Stärke, Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen.

Zwischen den Zeilen

Daniel startet den Tag im Sog toxischer Männlichkeitsbilder:

„Man up“, „Alpha

sein“ (→ siehe

Glossar

) – Forderungen nach Kontrolle, Stärke und Dominanz, die ihn innerlich zerreißen. Diese Begriffe spiegeln den Druck von

toxischer Männlichkeit (→

siehe

Glossar

) wider, die Gefühle als Schwäche brandmarkt und Männer in rigide Rollen zwängt.

Im Alltag zeigt sich Daniels individuelle Männlichkeit anders: als liebevoller Vater, verlässlicher Partner, der

Care-Work (→

siehe

Glossar

) übernimmt und Verletzlichkeit zulässt. Hier tritt die Maskulinitätsvielfalt hervor, die jenseits von

Stereotypen (→

siehe

Glossar

) Stärke durch Fürsorge und Echtheit definiert.

Der innere Konflikt zwischen Erwartungen und gelebtem Sein zeigt, wie sehr

Ceschlechterrollen

auch Männer prägen und gleichzeitig erdrücken. Die

patriarchale Sozialisation,

etwa der Vater-Spruche „Gefühle? Die bringen dich nicht weiter“, illustrieren die emotionale Unterdrückung, mit der viele Männer kämpfen.

Daniel entscheidet sich bewusst gegen das starre Alpha-Ideal: Er will authentisch sein, Fürsorge zeigen und damit das alte Männerbild aufbrechen. Dieses bewusste Infragestellen und Umdenken ist ein Akt der

Selbstermächtigung

und ein Schlüssel, um

Feminismus

im Alltag lebendig werden zu lassen – denn echte

Gleichstellung (→

siehe

Glossar

) fordert auch die Freiheit für Männer, sie selbst zu sein.

Feministisches Fazit

Das Kapitel zeigt, wie toxische Männlichkeitsnormen Männer in ein enges Rollenbild pressen und echte Gefühle unterdrücken.

Daniels Geschichte macht deutlich: Wahre Stärke liegt nicht in Dominanz oder Kontrolle, sondern in Authentizität, Fürsorge und dem Mut, Verletzlichkeit zu zeigen. Nur wenn Männer diese alten Muster hinterfragen, kann Feminismus im Alltag wirklich lebendig werden – als Befreiung für alle Geschlechter.

Glossarbegriffe, passend zu diesem Kapitel:

Alpha Male (siehe auch Folgeseite)

Emotionale Unterdrückung

Feminismus

Genderrollen / Geschlechterrollen

Patriarchale Sozialisation

Männlichkeitsnormen

Männergesundheit

Maskulinitätsdruck

Schuldumkehr

Stereotype

Toxische Männlichkeit

Vulnerabilität

Alpha Male

Begriffserklärung

Der Begriff „Alpha-Male“ wurde aus der Wolfsforschung entnommen. „Alpha“ meinte dort ursprünglich das Eltern-Tier, nicht einen dominanten Einzelgänger. Trotzdem wurde daraus das Klischee vom überlegenen Mann: durchsetzungsstark, emotionslos, unantastbar. Dieses Bild prägen heute noch Dating-Coaches und Maskulinitätsgurus- und es stützt toxische Männlichkeitsnormen. Wichtig: Nicht Männer sind toxisch, sondern die Erwartungen an sie. Wer sich diesem Ideal unterordnet, spricht seltener über Gefühle, vermeidet Hilfe – und gefährdet damit seine psychische Gesundheit. Dabei zeigen Studien: Empathie und Kooperation wirken langfristig stärkend.

Faktencheck)

60% der Männer in Deutschland fühlen sich durch Erwartungen an Stärke und Erfolg unter Druck gesetzt.

Alpha-Males zeigen häufiger aggressives oder gewalttätiges Verhalten – gegenüber anderen als auch gegen sich selbst.

Die Suizidrate bei Männern ist etwa dreimal so hoch wie bei Frauen, auch weil Männer seltener über Gefühle sprechen und Hilfe suchen.

Praxistipp

Sprich offen über deine Gefühle und Zweifel und setze eigene Maßstäbe für Erfolg und Männlichkeit, statt äußere Erwartungen zu erfüllen - das entlastet und bestärkt dich.

Reflexion

Wie gehst du damit um, wenn jemand Schwäche oder Unsicherheit zeigt? Oder wenn du dich unsicher fühlst?

Dazu gehörende Begriffe

Pick-me Girl

Mom Shame

Slutshaming

Victim Blaiming

Lea

#2 - NICHT SCHON WIEDER

DAS RINGEN UM RAUM UND RESPEKT

Lea fröstelt und macht sich auf den Weg zur Bushaltestelle. Ihre Gedanken kreisen um den Kommentar des Nachbarn. An der Haltestelle wartet bereits eine Gruppe Menschen. Plötzlich hört sie neben sich ein Pfeifen.