7,99 €
„Wir LiEBEN Siegen“ Der neue Werbeslogan der Siegener Stadtbank klingt für Jochen wie Spott und Hohn. In seinen Augen war es die Bank, die vor fünfzehn Jahren sein Leben zerstörte. Zurück im Siegerland, schleicht er sich Stück für Stück in das glückliche Leben seiner ehemaligen Kundenberaterin, um ihr das zu nehmen, was ihm damals genommen wurde: ihre Familie, ihre Freunde, ihren Beruf und … ihr Leben. Ein Fall für Kriminaloberkommissarin Johanna Daub. Unterstützt wird sie von Stadtbank-Mitarbeiter Daniel Treude, der ihr Bild vom Siegerländer Bankangestellten gehörig auf den Kopf stellt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2020
Anmerkung:
Sollten Ähnlichkeiten mit realen Personen, Kreditinstituten oder Institutionenauftreten, sind diese rein zufällig.
Alle Charaktere sind frei erfundenund entspringen meiner Fantasie.
Anette Schäfer
ABGELEHNT
Siegerland-Krimi
Januar 2018
Copyright © by Anette Schäfer
Umschlaggestaltung: Copyright © by Anette Schäfer
Umschlagfoto: Living-Moment Fotografie
Korrektorat: Vorländer GmbH & Co. KG, Siegen
Anette Schäfer
Robert-Schumann-Str. 14
57076 Siegen
www.kroenchenverlag.de
ISBN 978-3-98-197953-5
Für meine Familie
Er sah es in ihren Augen. Sah es daran, wie sie aus der Bürotür ihres Chefs kam und sie langsam hinter sich schloss, als müsse sie etwas Zeit gewinnen. Zeit, um sich genau zu überlegen, wie sie ihm die schlechte Nachricht überbringen sollte. Schweiß tropfte ihm von der Stirn auf den Schreibtisch und hinterließ hässliche Flecken auf den Kreditanträgen. Sie hatte ihn noch nicht einmal ins Beraterzimmer gebeten. Nein, er wurde mitten in der Kassenhalle, an einem Schreibtisch, wo ihn jeder sah, abgefertigt.
Er holte ein Taschentuch aus seiner Bundfaltenhose, die er sonst nur bei feierlichen Anlässen trug, und tupfte sich die Stirn. Noch am Morgen hatte er sich deswegen mit seiner Frau gestritten:
»Du gehst nicht mit deiner abgewetzten Jeans in die Bank. Unsere ganze Zukunft hängt von diesem Gespräch ab, also zieh dir gefälligst die Hose an, die ich dir hingelegt habe!«, hatte sie ihn angeschrien.
Ihr Tonfall ihm gegenüber war in der letzten Zeit ständig lauter geworden und er hatte gelernt, wann es besser tat, auf seine Frau zu hören.
Jetzt saß er an diesem gottverdammten Schreibtisch und sah, wie seine hübsche und eigentlich sehr nette Sachbearbeiterin die Schultern straffte und sich um ein nicht allzu aufgesetztes Lächeln bemühte:
»Mein lieber Herr Petry, es tut mir sehr leid, aber …«
15 Jahre später
Frühling. Fast hätte er vergessen, wie herrlich der Frühling im Siegerland sein konnte. Alle Welt schimpfte über den Regen, für den diese Gegend bekannt war, aber er liebte es, wenn die Erde feucht wurde und ihren ganz besonderen Duft entfaltete. Auch heute lag wieder Regen in der Luft und so schien der ganze Giersberg noch schnell seine Kinder zum Spielen rauszuschicken, bevor der Himmel endgültig seine Schleusen öffnete.
Seit einer Woche hatte er nun Quartier bezogen und konnte sich glücklich schätzen, dass sie mit ihrer Familie in einem kleinen, älteren Einfamilienhaus wohnte, auf dessen gegenüberliegender Seite dieser dicht bewachsene Wald begann, in dem er sich so herrlich verstecken konnte. Aus früheren Zeiten wusste er, dass es für die Siegener ein großer Unterschied war, ob man am Weidenauer oder am Siegener Giersberg wohnte. Er hatte das schon immer albern gefunden. Ein Baugrundstück in Siegen hatte damals mindestens fünfzig Euro pro Quadratmeter mehr gekostet als ein ähnliches, das nur hundert Meter weiter, aber dafür schon in Weidenau lag. Ihr Zuhause lag in einer kleinen Seitenstraße genau in der Mitte zwischen Siegen und Weidenau.
Dass ihr Sohn Leon hieß, circa zwölf Jahre alt war und ziemlich gut Fußball spielte, hatte er schon ausgespäht. Über ihren Mann wusste er bisher nur, dass er morgens pünktlich um Viertel vor acht, im Anzug und mit Aktentasche unter dem Arm, das Haus verließ. Wann er abends zurückkam, war bisher jeden Tag zu unterschiedlichen Zeiten gewesen. An zwei Abenden in der Woche hatte er seinen Sohn dabei, und immer spielte sich das gleiche Prozedere ab: Ihr Ehemann fuhr in seinem schwarzen Sportcoupé knapp vor die Garage. Der Sohn stieg aus, holte seine Sporttasche aus dem Kofferraum, der Vater fuhr hinein und drückte den Schalter, der das Garagentor elektrisch herunterfahren ließ. Dann hakte er sich bei seinem Sohn unter, und die beiden gingen gut gelaunt ins Haus.
Nur über sie hatte er bisher noch nicht viel in Erfahrung bringen können, und das musste er dringend ändern. Es wurde Zeit, seinen Plan endlich in die Tat umzusetzen! Und der sah für Sara Jakobs nicht wirklich gut aus.
Oh nein. Sie wusste es schon, bevor sie den Reißverschluss an ihrem Rock zumachte. Sie hatte tatsächlich zugenommen.
»Das gibt’s doch nicht«, schimpfte sie über sich selbst. »Das blöde Teil muss doch irgendwie zugehen. So ein Mist! Also, Bauch eingezogen und hoch mit dem Ding!«
Niemals würde sie zu ihrem Chef gehen und ihm eingestehen, dass sie ihre Arbeitskleidung doch besser in Größe achtunddreißig und nicht in sechsunddreißig bestellt hätte. Schließlich war sie eh schon die Älteste und mit ihrer Konfektionsgröße die dickste Hostess von allen. Warum ihr Chef immer nur Hungerhaken in die roten Kostüme steckte, wusste sie auch nicht. Waren wir denn bei den Topmodels oder bei der Stadtbank?
Kritisch betrachtete sie sich im Spiegel, und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, gefiel ihr, was sie sah. Für ihre neununddreißig Jahre hatte sie sich erstaunlich gut gehalten. Ihr Teint war zwar noch etwas blass, aber das würde sich jetzt schnell ändern. Vor acht Wochen hatte sie die Joggingsaison eröffnet und freute sich, dass sie endlich wieder ohne schlechtes Gewissen ihre tägliche Tafel Schokolade schnabulieren konnte.
Jetzt noch die Pumps und den Blazer an und ran an den Schminktopf. Der feuerrote Lippenstift passte eigentlich gar nicht zu ihr. Er wirkte an ihr immer etwas billig, und sie hatte ständig das Gefühl, als würde er der Männerwelt verkünden: Küss mich, ich bin noch zu haben.
»Es wird spät heute Abend, also warte nicht auf mich! Und mach keinen Unsinn! Und räum noch die Spülmaschine aus! … ach so, um Mitternacht ist Schluss, ok?«
Sie war froh, dass morgen Samstag war und Leon schulfrei hatte. So naiv zu glauben, dass ihr dreizehnjähriger Sohn tatsächlich auf sie hörte und pünktlich ins Bett ging, war sie nicht. Sara gab ihm zum Abschied noch einen fetten Kuss, erntete dafür einen strafenden Blick ihres Sohnes, zog die Haustür hinter sich zu und machte sich auf den Weg zur Arbeit.
Sie war gespannt, was dieser Abend wohl heute für sie bringen würde.
Glücklich war sie. Weg von zu Hause und eintauchen in die Welt der Schönen und Reichen. Wenn das im Siegerland auch nicht unbedingt mit der New York Fashion Week zu vergleichen war, so schielte sie dennoch mit neidvollem Blick auf die traumhafte Abendrobe der Vorstandsdamen und der anderen zu diesem Event geladenen weiblichen Gäste.
Schon immer hatten ihr die Männer leidgetan, wenn sie sich lediglich zwischen einem dunkelblauen und einem schwarzen Anzug entscheiden durften. Was hatten es die Frauen doch gut. Und an diesem Abend war wirklich alles vertreten. Angefangen von kurzen Cocktailkleidern, über Hosenanzüge bis hin zu glitzernden langen Röcken. Rot war allerdings ein Farbton, der den Hostessen vorbehalten war. Schließlich war rot die Farbe der Stadtbank und die lud an diesem Abend in ihr Kundencenter am Scheinerplatz zur Gala ein.
Es war ein sonniger Tag gewesen, doch auch im Juni wurde es abends langsam frisch. In der Eile hatte sie ihre passende rote Hostessenjacke zu Hause vergessen und war dankbar, dass sie heute Abend nicht für die Begrüßung draußen vor der Tür eingeteilt war. So standen zwei andere, bildhübsche Hostessen in ihren roten Kostümen vor dem Eingang zum Kundencenter, um die Gäste in Empfang zu nehmen und sie die Treppe ins erste Obergeschoss zu begleiten. Auf der großen Freifläche, von der aus man hinunter in die Kundenhalle sehen konnte, hatte jemand wahre Wunder vollbracht.
Auf dieser sonst so leeren Fläche waren große, runde Tische mit jeweils zehn Stühlen aufgestellt worden. Jeder Stuhl war mit einer weißen Husse überzogen. Auf den Tischen standen Kerzenleuchter, so groß, dass sie bei ihr zu Hause auf dem Küchentisch keinen Platz mehr für die Teller gelassen hätten. Ein Meer an Kerzen hatte sie angezündet und war froh gewesen, noch pünktlich damit fertig geworden zu sein.
Zwei weitere Kolleginnen hatten alle Hände voll zu tun, die wertvollen Mäntel an die Garderobe zu hängen, die die Männer, ganz Gentlemen like, ihren Damen abgenommen hatten.
Ihre Aufgabe bestand heute darin, die Gäste an ihre Plätze zu führen.
Da ist sie ja, dachte er bei sich. Sie hatte sich kaum verändert. Reifer war sie geworden und das stand ihr ausgesprochen gut. Ihr Mund wirkte noch immer sehr verlockend und die High-Heels ließen erahnen, dass sich unter dem engen, feuerroten Rock lange schlanke Beine verbargen. Er konnte kaum abwarten, das Spiel mit ihr zu beginnen.
»Entschuldigen Sie bitte?«, fragte er. »Sie können mir sicher weiterhelfen, Schmitz, Jochen Schmitz, ist mein Name.«
»Ah, der Herr Schmitz«, suchte Sara in ihrer Liste.
»Hier haben wir Sie ja«, sagte sie und setzte gekonnt ein Häkchen hinter seinen Namen.
Mit bewusst unschuldigem und leicht traurig angehauchtem Tonfall erklärte er ihr, dass er es sehr schade fand, diesen schönen Abend ohne Begleitung verbringen zu müssen.
»Herr Schmitz, vertrauen Sie mir. Es wird ein wundervoller Abend werden. Ich kann Ihnen versprechen, dass das Essen mit den dazu korrespondierenden Weinen aus der Gourmetküche hier im Haus sehr dazu beitragen wird, dass Sie sich hier bei uns wohlfühlen werden.«
Sie machte ihre Sache gut – freundlich, sehr zuvorkommend und doch professionell genug, um leicht auf Distanz zum Kunden zu gehen. Sie würde keine leichte Beute für ihn abgeben.
Aber genau das, freute sich Jochen, wird dasSpiel erst richtig interessant machen.
Von dem Restaurant im Hause der Siegener Stadtbank hatte er gehört. Es soll sich sehr gemausert haben. Früher beherbergte es eine gutbürgerliche Küche, daran konnte er sich noch erinnern, doch der Koch blieb nicht lange, übernahm eine andere Lokalität und versuchte dort neu Fuß zu fassen. Da aber das Restaurant im Stadtbank-gebäude gleichzeitig das Mittagessen für die Mitarbeiter der Bank anbot, schaltete sich der Vorstandsvorsitzende höchstpersönlich ein und übergab die Federführung des Restaurants an einen, so hieß es, hervorragenden Koch aus Rheinland-Pfalz. Er soll sogar in der Nationalmannschaft der Köche gebrutzelt haben.
Mal sehen, ob meine kleine hübsche Hostess nicht übertrieben hat.
Seine Reise war anstrengend gewesen! China hatte ihn mal wieder fest im Griff gehabt. Müde war er dort vor zwei Wochen aus dem Flieger gestiegen. Der Mann, der das braune Pappschild mit seinem Namen hochhielt, sah etwas verschlagen aus, aber was blieb ihm anderes übrig. Er ließ sich von ihm ins Hotel fahren, checkte ein, zog sich um, spritzte sich kräftig kaltes Wasser ins Gesicht und fuhr wieder herunter in die Lobby, um sich vom Fahrer direkt zu seinem Geschäftskunden fahren zu lassen.
Er war wirklich müde gewesen, durfte sich das in den anstehenden Verhandlungen aber auf keinen Fall anmerken lassen. Acht chinesische Fachleute saßen ihm in dem eiskalten Besprechungsraum gegenüber. Frisch und munter waren die Chinesen gewesen. Für sie war es acht Uhr am Morgen, aber für ihn nach deutscher Zeit erst zwei Uhr in der Früh. Nach vier Stunden harter Arbeit mit anstrengenden Diskussionen ging die Tür ihres Besprechungszimmers auf und der Austausch begann.
Er kannte das Spielchen schon aus früheren Zeiten. Sobald der Kunde erste Anzeichen von Erschöpfung bei ihm sah, bot er ihm eine kleine Pause an. Bei seiner ersten Reise hatte er noch gedacht, es stecke pure Freundlichkeit dahinter. Nach der Pause allerdings saßen ihm dann plötzlich vier neue und ausgeruhte chinesische Fachkräfte gegenüber, die ihm genau die gleichen Fragen stellten wie die ersten acht. Das war keine Freundlichkeit, nein – reine Zermürbetaktik. Die Zeitumstellung hatte ihm auch nicht gerade in die Karten gespielt, und wäre seine Firma nicht so auf Sparkurs getrimmt, hätte er dort nicht einsam, verlassen und ausgeliefert gesessen. Er wäre mindestens mit drei Kollegen dort gewesen.
In den letzten zwei Jahren waren ihm die vielen Reisen immer schwerer gefallen. Sein gemütliches Zuhause war ihm wertvoller denn je und seine eigene kleine Familie gab ihm alles, wonach er sich sehnte. Seit ein paar Wochen allerdings hatte Sara den Spleen, sich selbstverwirklichen zu müssen und das passte ihm gar nicht. In diesem Punkt bestand eindeutig Redebedarf.
Nun waren zwei Wochen vergangen. Harte Wochen, nach denen er sich auf sein Zuhause freute, auch wenn er ohne Auftrag, dafür aber mit viel Arbeit die Heimreise angetreten hatte.
Er hatte versucht, seine Frau anzurufen, um ihr zu sagen, dass er einen Tag früher als geplant nach Hause kommen würde. Leider war sie nicht an ihr Handy gegangen. Auch Leon hatte ihm keinen begeisterten Empfang bereitet. Er schien sich nicht wirklich gefreut zu haben, als er kurz vor Mitternacht die Haustür aufschloss und seinen dreizehnjährigen Sohn dabei erwischte, wie er sich einen Film reinzog, der eindeutig erst ab achtzehn Jahre freigegeben war. Sie hatten sich gestritten und er hatte ihn zur Strafe sofort ins Bett geschickt. Was für eine Heimkehr ...
Jetzt lag er selbst im Bett und wartete um drei Uhr morgens noch immer darauf, dass seine Frau nach Hause kam.
Es war ein langer Abend geworden, ihre Füße taten weh und sie war dankbar, dass sie sich um vier Uhr morgens endlich zu Hause unter der Dusche abkühlen konnte. Unfassbar, wie schnell der Abend vergangen war. Es war viel getrunken worden und da Sara, nachdem sie jedem Gast seinen Platz zugewiesen hatte, ins Kellner-Team wechseln sollte, hatte sie an diesem Abend sehr gut zu tun gehabt. Die Stimmung war ausgelassen, die Band war der Hammer und hatte einen Hit nach dem anderen gespielt, sodass kaum jemand auf seinem Platz geblieben, sondern auf die Tanzfläche geströmt war.
Bis auf Jochen Schmitz. Etwas verloren wirkte er auf seinem Platz, so ganz ohne Begleitung. Und irgendwie hatte er ihr leidgetan. Sie wusste, dass es ein ungeschriebenes Gesetz war, sich als Hostess nicht allzu sehr um nur einen Kunden zu kümmern. Dennoch hatte sie es sich nicht nehmen lassen, öfter an seinem Tisch vorbei-zusehen, als es wirklich nötig gewesen wäre. Warum, das konnte sie sich selbst nicht erklären. Irgendwie wirkte Herr Schmitz so interessant und geheimnisvoll …
Sara sah, dass Christians Zahnbürste wieder in seinem Zahnputzbecher steckte. Er musste also wieder zu Hause sein. Wie schön! Leise schlich sie sich ins Schlafzimmer und kuschelte sich an ihren Ehemann, doch der war tief und fest eingeschlafen.
Perfekt! Was für ein Abend, das Essen hatte die Vorschusslorbeeren wahrlich verdient. Der Koch hatte sich an diesem Abend für eine klassische französische Küche entschieden und es tatsächlich geschafft, für alle einhundertfünfzig Gäste fast gleichzeitig das Essen auf einem gekonnt angerichteten Teller in warmem Zustand servieren zu lassen. Damit hatte er sich Jochens Respekt verdient. Die Weine, so hieß es, waren mit viel Feingefühl von einem der drei Vorstandsmitglieder ausgesucht worden. Die Krönung des Abends aber war Sara gewesen. Er hatte nicht erwartet, dass sie sich zu einer solch attraktiven, aufmerksamen, reifen Frau entwickelt hätte.
Dielängeren, dunkelbraunen Haare stehen ihr gut, dachte Jochen, während er sich nach dem langen Galaabend in seinem Haus am Weidenauer Giersberg, nicht weit entfernt vom Eigenheim der Familie Jakobs, seine Pyjamahose anzog und mit nacktem Oberkörper in sein Bett stieg. Seine Frau hatte es immer gehasst, wenn er oben ohne schlief, aber das hatte sich schließlich vor vielen Jahren von selbst erledigt.
Wie er so dalag, malte er sich aus, wie er Sara eines Tages fest in seinen Armen hielt: vorsichtig würde er ihr Haarband lösen und seine Nase in ihr offenes und kräftiges Haar stecken. Welchen Geruch es wohl hatte? Zitrone, Kokos oder Vanille …? Oh ja, wenn er Glück hatte, roch es nach frisch geriebener Vanille.
Jochen ließ seiner Fantasie freien Lauf: Ob ich einen Strick benutzen soll? Oder doch lieber ein Messer…?
Auf jeden Fall würde er viel Spaß mit ihr haben. Er brauchte nur Geduld …
Jochen hatte schnell herausgefunden, in welchem Verein Leon Fußball spielte, was nicht wirklich schwer war, da es am Giersberg nur zwei Vereine gab. Die Dautenbacher und die Giersberger waren seit Jahren Rivalen und gezwungen, sich dennoch einen Fußballplatz teilen zu müssen. Sie hatten es damals nicht geschafft, sich gemeinsam auf ein Vereinsheim zu einigen, sodass beide Vereine tief in die Tasche gegriffen hatten und jeder für sich ein eigenes Heim bauen ließ. Allerdings hatten die Dautenbacher, was das Vereinsheim anging, eindeutig die Nase vorn!
Mittlerweile aber kamen, aufgrund der langen Schulzeiten und angeblich auch des demografischen Wandels, immer weniger Teens und Jugendliche ins Training, sodass beiden Vereinen nichts anderes übrig blieb, als sich zusammenzuraufen und eine Spielgemeinschaft zu gründen.
Ein paar Recherchen im Internet und Jochen hatte ausfindig gemacht, dass dringend ein Co-Trainer für die gemeinsame D-Jugend gesucht wurde. Er hatte seine Chance genutzt und war tatsächlich eingestellt worden. Seine Trainer-Lizenz war zwar schon lange abgelaufen, aber Thomas, dem Chefcoach, hatte Jochens Zusage ausgereicht, dass er sich so schnell wie möglich zur Auffrischschulung anmelden würde.
Nun war er also Co-Trainer einer D-Jugend-Mannschaft, und was noch besser war: Er war Leon Jakobs Trainer geworden. Leon war wirklich talentiert. Trotz seiner für sein Alter unglaublichen Größe von 1,75 Meter und seiner Schlaksigkeit beherrschte er den Ball wie kein anderer auf dem Feld. Kein Wunder, dass er erneut zum Kapitän der Mannschaft gewählt worden war. Außerdem hatte er eine gute Art mit seinen Kumpels umzugehen, war hilfsbereit, wenn es darum ging, am Trainingsende die Bälle einzusammeln, und sah seiner Mutter mit seinen – für seinen Geschmack zu langen – Haaren verteufelt ähnlich.
Jochen hatte gehofft, dass Leons Vater öfter auf dem Platz auftauchen würde, aber mittlerweile wusste er, dass Christian selten vor 19 Uhr von der Arbeit heimkam. Er gabelte seinen Sohn daher nach dem Training oft nur schnell am Parkplatz auf, um dann noch einen kurzen Stopp an der Theke im Supermarkt um die Ecke einzulegen und dort eine Kleinigkeit zu essen. Es schien für die beiden an den Trainingstagen ein festes Ritual zu sein. Zum Glück für Jochen lag der Supermarkt nicht weit von der Sporthalle entfernt, sodass er den beiden mit seinem Fahrrad auf der kurzen Strecke sehr gut folgen konnte. Der Supermarkt hatte eine große Glasfront, durch die er sie perfekt vom Parkplatz aus beobachten konnte.
Vater und Sohn verstanden sich gut, das konnte für Jochen später nur von Vorteil sein.
Hinter jedem starken Mann steckt auch eine starke Frau. Wenn ich also an Sara ran will, muss ich nur ihren Göttergatten knacken, sinnierte Jochen, während er in seinem Trainingsanzug und mit der Sporttasche über der Schulter durch die Scheibe sah. Es wird mir eine Freude sein …
»Ich glaube es einfach nicht! Wieso willst du jetzt plötzlich noch mehr arbeiten gehen? Reicht dir dein Minijob als Hostess bei der Stadtbank nicht mehr?«, schnaubte Christian.
»Ich arbeite mir die Hände wund, ich verdiene gutes Geld, Leon ist erst dreizehn Jahre alt, du kommst durch deinen tollen Hostessenjob abends wer weiß wie spät nach Hause und …«, giftete er, »… Lust auf einen schönen Abend mit mir hast du auch nicht mehr.«
Sara merkte, wie langsam die Wut in ihr hochkochte. Wie oft hatten sie diese Diskussion in den letzten zwei Monaten schon geführt.
»Christian, du sagst es! Leon ist nicht erst, sondern schon dreizehn Jahre alt! Und was die Lust auf einen schönen Abend mit dir angeht ... natürlich verbringeich liebend gerne einen ruhigen und gemütlichen Abend mit dir, aber für dich muss so ein Abend ja immer zwangsläufig mit Sex enden«, sprudelte es aus ihr heraus.
»Ja und? Ist das denn so schlimm?«, erwiderte er verletzt und wütend. Dann nahm er seine Jacke vom Haken und verkündete: »Weißt du was? Mir reicht’s! Das ist mir hier echt zu blöd!«, schrie er. Ging und knallte die Haustür hinter sich zu. Das ist doch nicht zu fassen! Jetzt beschwert sie sich schon, dass ich noch Bock auf sie habe, dachte Christian beleidigt, während er mit seinem Wagen aus der Garage fuhr. Kurz musste er überlegen, wo er überhaupt hin wollte.
Dankbar war er, dass er sich seit ein paar Wochen so gut mit dem neuen Trainer von Leon verstand. Dessen Frau hatte ihn vor vielen Jahren verlassen und so hatte er immer eine offene Tür, ein offenes Ohr und eine offene Flasche guten Single Malt Scotch Whisky für ihn. Ja, Jochen war ihm wirklich ein guter Freund geworden.
Jochen fand, dass es endlich an der Zeit gewesen war, sich an den Ehemann seiner früheren Kundenberaterin heranzumachen. Das war vor vier Wochen gewesen! Da hatte es hervorragend gepasst, dass der Chefcoach die D-Jugend für den Oranje-Cup in den Niederlanden angemeldet hatte. Jochen wusste, dass Christian alles gab, um bei möglichst vielen Heim- und Auswärtsspielen seines Sohnes dabei zu sein. Leider gelang ihm das aus beruflichen Gründen nicht immer, und Jochen war klar, dass er genau an dieser Stelle – nämlich an Christians Vaterehre – ansetzen musste.
Die Gelegenheit bot sich, als ein Vater, der sich bereit erklärt hatte als Betreuungsperson mitzufahren, kurzfristig krank wurde.
»Hast du nicht Bock mitzukommen? Wir machen uns ein richtig klasse Wochenende. Los, das wird gut!«
»Ich weiß nicht, ich bin doch schon so oft unterwegs. Da kann ich Sara nicht auch noch ein ganzes Wochenende alleine zu Hause lassen«, hatte Christian seine Zweifel geäußert.
»Boah,«, hatte er gestichelt, »die hat dich aber ganz schön im Griff. Ist das dein Ernst?«
Es hatte nicht viel Überzeugungskraft seinerseits bedurft und Christian hatte zugesagt.
Sie hatten sich von der Jungschar des CVJM Weidenau zwei große Zelte ausgeliehen und sich mit einem Reisebus auf den Weg in den Nordosten der Niederlande zur Hansestadt Ommen gemacht. Jochen war Fan von den fünf restaurierten Windmühlen gewesen. Genau das sind die Niederlande: Windmühlen, Käse und eine knackige Frau Antje, hatte er sich gefreut und erinnerte sich daran, wie er vor ewigen Zeiten mit seinem Vater ständig in das gleiche Feriendorf in Holland gefahren war. Er war genervt gewesen. Seine Freunde waren mit ihren Familien oft in die Ferien geflogen, und er hatte sich immer etwas geschämt ihnen einzugestehen, dass es für ihn, den sechzehnjährigen Jochen Schmitz, mal wieder nur an die Nordsee ging. Doch dann kam der eine Sommer, der alle seine Freunde neidisch werden ließ.
In allen Einzelheiten hatte er ihnen vom ersten Sex seines Lebens am Strand von Julianadorp erzählt. Natürlich hatte er verschwiegen, dass die circa dreißigjährige Frau, die bei der Strandparty so lasziv an ihrem Strohhalm gesaugt und ihm dabei fest in die Augen gesehen hatte, ziemlich blau gewesen war. Verschämt und irritiert hatte er damals schnell weggesehen. Er hatte auch verschwiegen, wie sehr der Sand ihn gestört hatte, als er seinen jungfräulichen Penis in ihre ganz sicher nicht mehr jungfräuliche Muschi gesteckt hatte. Noch drei Tage später hatte er Schmerzen beim Pinkeln, die er aber mit einem Lächeln ertragen hatte. Er war stolz auf sich gewesen. Nicht zuletzt wegen ihres:
»Gut gemacht, Kleiner!«
Als Co-Trainer war er in diesem Jahr für die Aufteilung der Zelte zuständig. Die Jungs hatte er in zwei Gruppen aufgeteilt und ihnen erklärt, wie man die beiden ausgeliehenen Zelte aufbaut. Das war mit den langen Stangen nicht leicht gewesen und auch die Heringe wollten in dem Boden einfach nicht halten. Aber nach zwei Stunden hatten seine Spieler es tatsächlich geschafft. Für sich selbst hatte er es so arrangiert, dass er sich ein kleines Zwei-Mann-Zelt mit Christian teilen konnte. Den zweiten Vater hatte er zu Coach Thomas gesteckt. Während die Jungs spät abends in ihren Zelten lagen und sich gegenseitig Gruselgeschichten erzählten, hatten sie sich ein paar Bierchen gezischt und Jochen seine Chance genutzt, von seiner missglückten Ehe zu erzählen. Eigentlich war er kein Mann vieler Worte, aber wenn sein Plan funktionieren sollte, musste er das Vertrauen von Christian gewinnen. Und das gelingt am besten, wenn man etwas von sichselbst preisgibt, wusste Jochen.
»Weißt du, ich war acht Jahre mit meiner Claudia verheiratet. Wir waren echt glücklich, hatten Spaß, guten Sex – alles war super. Und dann kam der Tag, an dem sie auf die glorreiche Idee kam, unbedingt wieder arbeiten gehen zu wollen. Und ich? Was hab ich Idiot gemacht? Ich habe sie auch noch darin bestärkt. Wie kann man nur so blöd sein?«, hatte er ziemlich laut durch sein kleines Zelt geschimpft.
Auf der einen Seite schien er Christian tatsächlich leid zu tun, aber auf der anderen Seite machte der sich wohl langsam Sorgen, dass sein Kumpel den ganzen Zeltplatz mit seiner Ehegeschichte unterhielt und meinte:
»Pssst, Jochen, nicht so laut! Komm, wir reden morgen weiter … tut mir wirklich leid mit deiner Claudia.«
Nein, mein Lieber, hatte er sich gedacht. So leicht kommstdumir nicht davon … den Stachel muss ich noch platzieren: »Weißt du, dass sie dann plötzlich keine Zeit mehr für mich und unsere zwei Töchter hatte und sich schon nach ein paar Wochen auf der Arbeit in einen Kollegen verknallt hat? Kannst du dir das vorstellen?«, hatte er gepoltert und Christian davon erzählt, wie er eines Abends von der Arbeit nach Hause gekommen war und einen rosa Briefumschlag auf dem Küchentisch vorgefunden hatte. Auf edlem Büttenpapier hatte Claudia ihm geschrieben, dass sie ihn verlassen und in den nächsten Tagen mit den Kindern zu ihrem neuen Freund ziehen würde.
Befriedigt hatte er in Christians mitfühlendes Gesicht gesehen. Dass die Geschichte etwas anders abgelaufen war, musste er ja nicht wissen.
Als es jetzt an der Haustür klingelte, konnte sich Jochen ein Lächeln kaum verkneifen. Er öffnete die Tür. Christian sah furchtbar aus.
Kaum zu glauben, wie schnell mein perfider Plan Stück für Stück aufgeht, freute sich Jochen.
Seit zwei Wochen waren die Sommerferien vorbei und Sara hatte wirklich das Gefühl, Kräfte getankt zu haben. Sie wollte neue Wege gehen, sich ausprobieren und irgendwie auch wissen, ob sie es noch drauf hatte. Sie verstand nicht, warum Christian sich schon wieder so querstellte.
Sara konnte sich noch bestens an die Diskussion erinnern, die sie vor einem halben Jahr geführt hatten: Sie hatte vorgeschlagen, auf 450-Euro-Basis für die Stadtbank als Hostess arbeiten zu gehen. Ihr Ehemann war davon ganz und gar nicht begeistert gewesen.
»Stellen die jetzt auch schon Nutten ein, oder was? Kommt gar nicht infrage«, hatte er ungehalten geantwortet.
»Unsinn! Eine Hostess ist doch keine Nutte.«
»Pah, da kannst du aber alle meine Arbeitskollegen fragen. Wenn ich denen sage, dass meine Frau als Hostess arbeitet, dann würden die alle deine Telefonnummer haben wollen!«
Damit war die Diskussion für ihn beendet.
Zwei ganze Wochen hatte sie gebraucht, um ihm klarzumachen, dass eine Hostess, die für die Siegener Stadtbank arbeitete, in keinster Weise eine Prostituierte war. Eine Hostess war jemand, der die Kunden bei Veranstaltungen freundlich begrüßte, ihre Jacken und Mäntel aufhängte, sie mit Getränken versorgte, ihnen den Weg zeigte ... einfach jemand, der alles dafür tat, damit sich ein Kunde bei der Stadtbank wohlfühlt. Nach langem Hin und Her hatte er dann endlich zugestimmt.
Heute Morgen, als er um sechs Uhr früh endlich nach Hause kam, hatte sie versucht, ihn zur Rede zu stellen:
»Christian, wo kommst du denn jetzt erst her? Du stinkst nach Whisky!«, hatte sie ihn mit einem Mix aus Ärger und Erleichterung in der Stimme geschimpft.
»Und beeil dich, dass du unter die Dusche kommst! Leon wird gleich wach. Er muss nun wirklich nicht mitbekommen, dass du woanders übernachtet hast.«
»Aye, aye, Sir, Käpt’n Sir«, hatte er in seinem völlig zerknitterten T-Shirt gemurmelt und versucht, die Hacken gegeneinanderzuschlagen und dabei irgendwie den Militär-Gruß hinzubekommen. Allerdings war er schon bei dem Versuch, seine Beine synchron zu bewegen, kläglich gescheitert.
»Wir reden später!«, hatte sie ihn angeblafft, obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, ruhig zu bleiben.
Sie liebte ihren Mann, auch wenn sie hin und wieder unterschiedlicher Meinung waren. Aber sie hatten das immer gemeinsam hinbekommen. Bei diesem Themaaber fühlte sie sich völlig alleingelassen. Das war neu. Und da sie selbst unsicher war, ob es der richtige Zeitpunkt war, wieder ins Berufsleben einzusteigen, war es deshalb vielleicht so besonders schlimm für sie, ihren Mann in diesem Punkt nicht an ihrer Seite zu wissen. Der Job als Hostess machte ihr Spaß, aber eine geregelte Arbeitsstelle, mit festen Arbeitszeiten und etwas mehr Verantwortung, war einfach etwas anderes.
Nachdem sie allein mit Leon am Frühstückstisch gesessen hatte, weil Christian noch immer im Badezimmer verschwunden war, hatte ihr Sohn sie heute Morgen damit überrascht, unbedingt zu Fuß in die Schule laufen zu wollen, statt sich wie sonst von seinem Vater auf dem Weg zu dessen Arbeit mitnehmen zu lassen. Sara vermutete, dass die hübsche Emma aus der 8b dahintersteckte. Sie war leicht ökomäßigangehaucht und fand Jungs blöd, die sich von Mama und Papa zur Schule fahren ließen. An diesem Morgen kam das Sara allerdings sehr gelegen. Also drückte sie Leon die Brotdose, eine Banane und einen Apfel in die Hand, gab ihm einen fetten Schmatzer auf die Stirn und freute sich darüber, dass ihr dreizehnjähriger Sohn das an diesem Morgen ausnahmsweise mal erlaubte.
Unglaublich, was er zurzeit alles verdrückt, dachte Sara liebevoll. Sie kam mit dem Einkaufen kaum noch hinterher. Jetzt stand sie am Fenster und sah zu, wie sich Leon auf den Weg zum Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium in Weidenau machte. Christian hatte dort sein Abitur gemacht und ihm war es wichtig gewesen, dass auch sein Sohn am FJM zur Schule ging, obwohl die Gesamtschule fast vor ihrer Haustür lag und Leon keine acht Minuten zu Fuß bis in den Unterricht benötigt hätte.
Sara machte sich Sorgen, dass das anstehende Gespräch wieder böse enden könnte, aber es half ja nichts. Da musste sie jetzt durch. Sie war gerade dabei, das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine zu räumen, als Christian in die Küche kam. Sie wollte es nicht, aber irgendwie sprudelten die Worte einfach so aus ihr heraus: »Christian, wo kommst du her? Wo zum Henker bist du gewesen? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Wo also warst du?«, fragte sie mit einer etwas zu lauten Stimme.
Christian sah Sara lange an und antwortete dann mit einer Gegenfrage: »Interessiert dich das wirklich? Interessierst du dich überhaupt noch für mein Leben? Bin ich dir noch gut genug?«
Sara war völlig perplex, aber Christian setzte noch einen oben drauf: »Was willst du eigentlich? Ich verdiene doch gutes Geld, wir können uns einiges leisten. Wenn ich nicht auf Reise bin, versuche ich alles, um ein guter Vater und auch dir ein guter Ehemann zu sein, aber irgendwie reicht dir das ja nicht!«
Sara musste sich erst einmal sammeln.»Christian, ich liebe dich von ganzem Herzen und du bist ein guter Vater und Ehemann. Leon vergöttert dich und mich machst du auch glücklich, wirklich!« sagte Sara und kam sich vor, als würde sie gerade den Dialog nachsprechen, der gestern bei ihrer Lieblingsserie ‚Rote Rosen‘ im Fernsehen lief. Aber sie meinte es zutiefst ernst.
Christian legte ein Kaffeepad in die Maschine und drückte auf den Startknopf. Während er zusah, wie der Kaffeelangsam in seine Tasse tropfte, hatte er Zeit, das Gehörte sacken zu lassen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ihm ihre Worte so viel bedeuten würden und hätte sich nicht so von Jochen beeinflussen lassen sollen.
Seine Sara war anders als diese Claudia, die seinen neuen Freund verlassen hatte. Sara suchte eine neue Herausforderung, warum nicht? Wenn er ehrlich zu sich selbst war, konnte er das sogar verstehen.
»Hey!«, sagte Christian versöhnlich, stellte die Kaffeetasse ab und nahm seine Frau liebevoll in den Arm. »Es tut mir leid!« Dann straffte er seine Schultern und flüsterte seiner Frau ins Ohr: »Weißt du was? Versuch es! Du bist eine klasse Frau! Die wären ganz schön blöd, wenn sie dich bei der Stadtbank nicht mit einer halben Stelle einstellen würden«.
Diesen Meinungsumschwung hatte Sara nicht erwartet.
»Danke!«, sagte sie gerührt. Doch dann wurde sie stutzig, löste sich aus der Umarmung und schaute Christian prüfend in die Augen. »Woher weißt du überhaupt von der Halbtagsstelle und dem Gespräch mit meinem Chef?«
Christian lächelte sie an und sagte: »Du musst etwas leiser sprechen, wenn deine Telefonate mit Louisa nicht für die ganze Nachbarschaft bestimmt sind.«
Louisa hatte sich gefreut, als Sara sie anrief. Sie hatten gemeinsam die zweieinhalbjährige Ausbildung bei der Siegener Stadtbank absolviert und waren gute Freundinnen geworden. Sara hatte es nach der Ausbildung in die Filiale nach Dreis-Tiefenbach verschlagen. Ihr dortiger Chef war begeistert von ihr gewesen und hatte dem Personalleiter vorgeschlagen, seinen Schützling frühzeitig zum Kundenberaterlehrgang nach Münster zu schicken. Nachdem sie ein paar Monate als Kundenberaterin tätig war, hatte sie nach einem unglücklichen Vorfall in Dreis-Tiefenbach Reißaus genommen und war in die Geschäftskundenberatung der Niederlassung in Weidenau gewechselt. Ein Jahr später hatte Louisa die Hochzeitsanzeige in ihrem Briefkasten entdeckt und sich gefreut, dass ihre beste Freundin sie an ihrem schönsten Tag im Leben als Trauzeugin an ihrer Seite haben wollte.
Sara war immer einen Tick besser gewesen als sie selbst. Sei es in der Berufsschule, im Internen Unterricht, bei der schriftlichen Abschlussprüfung, und selbst bei der mündlichen Prüfung konnte sie die Prüfer mit ihrer leicht schüchternen, aber gewinnenden Art eher überzeugen, als sie selbst es konnte. Dabei war es nicht Sara gewesen, die damals mehr Zeit mit dem BWL-Klassiker ‚Grill-Perczynski‘verbracht hatte als mit ihrem Freund.
Sara war schon in ihrer Jugend wunderschön gewesen. Groß, schlank, mit – laut den Jungs aus ihrem Ausbildungsjahr – mega Titten. Sie selbst konnte bei Körbchengröße C nicht mithalten, aber wie hieß es so schön: »mehr als eine Handvoll ist Verschwendung«.
Mit ihrer Körpergröße von 1,72 Meter konnte auch sie sich sehen lassen. Ihr hellblondes, schulterlanges Haar gefiel ihr gut und mit achtundfünfzig Kilo Körpergewicht passte sie hervorragend in Konfektionsgröße sechsunddreißig. Einzig ihre helle Haut machte ihr öfter zu schaffen. Sie bekam schnell einen Sonnenbrand, und wenn sie aufgeregt war, breiteten sich unangenehme rote Flecken an ihrem Hals aus. Dennoch war sie nie eifersüchtig auf Sara gewesen.
Sara war der selbstloseste Mensch, den sie kannte, und sich ihrer Wirkung auf Männer kein Stück bewusst. Sie war für jeden da, der Hilfe brauchte! Sie nahm sich die Zeit, um ihre Freundschaften zu pflegen, und diese Zeit hatte sie damals mit ihrer besten Freundin genossen. Aber dann kam Christian ins Spiel.
Sara war verliebt, richtig blind vor Liebe, und als Christian sie mit gerade mal zweiundzwanzig Jahren fragte, ob sie ihn nächsten Sommer heiraten wolle, hatte Sara himmelhochjauchzend ‚Ja‘ gesagt. Christian war ein klasse Kerl, passte mit seinen 192 Zentimetern und seinen schnittigen blonden Haaren perfekt zu Sara, spielte Fußball, hatte viele Freunde, studierte Elektrotechnik am Haardter Berg in Weidenau und schien Sara sehr glücklich zu machen.
Eine Macke allerdings hatte der Typ – er war tierisch eifersüchtig. Louisa erinnerte sich genau, wie Christian ständig bei ihr anrief:
»Ist Sara bei dir?«
»Klar!«, hatte sie geantwortet. »Das hat sie dir doch bestimmt auch gesagt, oder? Also, was willst du?«
»Ich habe Essen vom Italiener geholt. Das wird kalt, wenn sie jetzt nicht sofort nach Hause kommt.«
Also hatte Sara den Abend beendet und war mit ihrem Roller nach Hause gefahren, wo Christian auf sie wartete.
Solche Szenen mit vorgeschobenen Ausreden hatte es nach Louisas Geschmack zu oft gegeben, sodass eines Tages ihre Freundschaft darunter litt. Und als Sara dann mit sechsundzwanzig Jahren schwanger wurde, gerade als Christian seine erste Arbeitsstelle bei einer Walzengießerei in Weidenau antrat, war deren Glück perfekt und sie selbst saß immer öfter abends alleine zu Hause.
Bis Louisa sich entschloss, Karriere bei der Stadtbank zu machen und sich für die Weiterbildung zum Bankbetriebswirt bewarb. Sie hatte beim Assessmentcenter sehr gut abgeschnitten, war für das Studium nach Münster gegangen, hatte viel gelernt und einen klasse Abschluss hingelegt. Allerdings hatte sie dafür auch fast all ihre Freizeit geopfert. Mit dem Ergebnis, dass ihre Abende heute mit Kundengesprächen gefüllt waren und sie gegen 23 Uhr regelmäßig völlig erschöpft ins Bett fiel.
Dann, vor einem halben Jahr, sahen sie sich wieder. Sara sah klasse aus, wie immer. Sie war fast noch hübscher als damals und die Schwangerschaft hatte ihrer Figur nichts angetan.
Louisa war mittlerweile Privatkundenbetreuerin für vermögende Kunden geworden und an jenem Abend mit einigen ihrer Kundinnen zum Oberen Schloss gefahren, um dort eine wunderschöne und gut organisierte Frauenveranstaltung ihres Arbeitgebers zu besuchen. Die ausgestellten Gemälde hatten sie nicht sonderlich interessiert, aber der anschließende Empfang im schön beleuchteten Schlosshof mit den leckeren kleinen Häppchen hatte sie eindeutig dafür entschädigt. Sie fand es nett, wenn die sonst rein berufliche Beziehung zu ihren Kundinnen – oft waren es die Ehefrauen ihrer männlichen Kundschaft – an solchen Abenden etwas privater wurde.
Sekt und Wein flossen an diesem Abend reichlich, und plötzlich hatte ihre frühere Freundin Sara in einem perfekt sitzenden roten Kostüm vor ihr gestanden, sie angelächelt und ihr das leere Sektglas aus der Hand genommen.
Seit jenem Abend trafen sie sich wieder regelmäßig. Christian hatte laut Sara seine erste Arbeitsstelle schon nach drei Monaten in Weidenau wieder gekündigt und war zu einem Unternehmen hinter Freudenberg gewechselt, das Schaumstoffschneidemaschinen herstellte und leider zu zweiundneunzig Prozent Exportgeschäfte tätigte. Was seine Eifersucht anging, war er angeblich viel ruhiger geworden und Sara schien aufrichtig glücklich zu sein. Das machte Christian in Louisas Augen wieder etwas sympathischer.
Als Sara sie nun gestern anrief, um ihr zu erzählen, dass sie demnächst ein Vorstellungsgespräch mit dem Personalleiter und dem Direktor der Marketingabteilung wegen einer zusätzlichen Halbtagsstelle hätte, hatte Louisa sich von Herzen für ihre Freundin gefreut.
Er mochte Sara – schon immer! Hin und weg war er gewesen, als sie neulich nach Dienstschluss in ihrem stadtbankroten Hostessenkostüm vor dem Ausgang des Verwaltungshochhauses stand.
Etwas verlegen und völlig überrumpelt hatte er Sara angelächelt, ohne zu wissen, was er sagen sollte. Ihr schien es da nicht anders zu gehen.
»Hallo Daniel … ich … was machst du hier? Wie geht’s dir?«, hatte sie ihn gefragt.
»Naja, ich arbeite hier«, war seine wirklich dumme Antwort gewesen.
Dann war plötzlich ein Schwung suchender Lehrer aus dem Nichts aufgetaucht und hatte ihr zaghaftes Gespräch – wenn man es denn so nennen möchte – abrupt beendet. Sara war ihrer Pflicht nachgekommen und hatte sie mit ihrer zuvorkommenden Art rüber zu ihrer Veranstaltung im Nebengebäude geführt.
Da geht sie hin, die Hostess in Rot!
Zwei Wochen später stand Sara oben im Schlafzimmer vor ihrem Kleiderschrank und war sehr dankbar, dass sie sich nicht entscheiden musste, was sie heute Abend anziehen würde. Sie mochte die roten Hostessenkostüme und freute sich darauf, heute Abend bei einem klassischen Konzert im Apollo-Theater für ihren Arbeitgeber die Platzanweiserin zu spielen. Sara entschied sich für die Hose und zog ihre Ballerinas dazu an.
Die anderen Hostessen liebten es, zu ihrer Dienstkleidung Pumps anzuziehen, aber mit ihrer Größe von 178 Zentimetern fühlte sie sich eh schon etwas zu groß, und der Schmerz, als sie nach der letzten Gala ihre High-Heels ausgezogen hatte, war ihr noch sehr präsent.
Während sie ihr Spiegelbild kritisch betrachtete, sah sie aus dem Augenwinkel etwas im Wäldchen hinter ihrem Haus blinken. Irritiert ging sie zum Schlafzimmerfenster. Doch als sie genauer hinschaute, konnte sie nichts Besonderes entdecken.
Als Sara im Badezimmer die Mascara auftrug, dachte sie an das Gespräch mit Christian zurück. Er hatte sie wirklich überrascht. Sie hätten schon viel früher reden sollen. Das, so nahm sie sich vor, wollte sie unbedingt ändern!
Eigentlich war Daniel kein Fan von Klassik, aber die Chance, Sara heute Abend vielleicht beim Konzertwiederzusehen, hatte ihn in einer seiner letzten Mittagspausen rüber an die Theaterkasse des Apollo-Theaters geführt und ihn dort tatsächlich fragen lassen, ob es noch eine Karte für das Klassik-Konzert der Stadtbank geben würde.
Daniel kannte das Theater noch aus der Zeit, als es ein Kino war und er es mit seinen gerade mal sechs Jahren gemeinsam mit seinen Eltern zum ersten Mal betreten hatte, um ‚Ronja Räubertochter‘ zu sehen.
Im Vergleich zu 1984 hatte sich das Filmtheater zu einem richtigen Theater gemausert, das weit über das Siegerland hinaus bekannt war. Der Intendant hatte ein gutes Händchen bewiesen, ebenso wie der Architekt.
Sein Arbeitgeber hatte das Apollo-Theater großzügig gesponsert und tat es, so wusste Daniel, heute noch immer. Auch dadurch war es möglich gewesen, den Innenraum so zu gestalten, dass man sich als Zuschauer, durch die wohlige Atmosphäre bestärkt, genüsslich in den roten Sesseln zurücksinken lassen konnte, um den Abend zu genießen. In der Pause, das hatte er öfter schon erlebt, wenn er sich die hervorragenden A-cappella-Konzerte angehört hatte, bot das großzügige und helle Foyer genug Platz, um sich dort bei einem Glas Prosecco oder Wein die Beine zu vertreten. Er zog es allerdings vor, oben auf der Empore zu stehen und die Menschen zu beobachten, wie sie eine Etage tiefer im Foyer standen und sich angeregt unterhielten.
Jetzt aber war er aufrichtig verdutzt, als ihm die nette Dame mit flottem Kurzhaarschnitt an der Kasse erklärte, dass er Glück hätte und noch ein Platz in Reihe 14 für ihn frei sei.
»Wissen Sie«, hatte sie ihn aufgeklärt, »eigentlich ist das eine geschlossene Veranstaltung der Siegener Stadtbank, aber eben war die Auszubildende der Marketingabteilung hier und hat die Restkarten der Kunden zurückgegeben, die sich kurzfristig abgemeldet haben. Freuen Sie sich! Das sollte wohl gerade so sein.«
Ob das wirklich so sein sollte, dessen war sich Daniel allerdings ganz und gar nicht sicher.
So war er eben nach der Arbeit schnell nach Hause gefahren, hatte sich zügig umgezogen und sich auf den Weg zurück nach Siegen gemacht. Er war froh, dass ihm aufgrund seiner Position als Leiter der Kreditabteilung ein Parkplatz in der Tiefgarage unter dem Stadtbankgebäude zustand. So musste er sich nicht in die lange Schlange von Autos einreihen, deren Fahrer alle ihre Wagen im Parkhaus Morleystraße abstellen wollten. Daniel konnte an ihnen vorbei bis zur Einfahrt in die Tiefgarage vorfahren, wo er nur auf den Funksender drücken musste und ... ‚Sesam öffne dich‘, das Rolltor langsam nach oben fuhr. Er wusste, dass er von einigen Kollegen darum beneidet wurde, aber das war nicht sein Problem.
Er freute sich auf Sara, wollte sie wiedersehen. Und als ihm klar geworden war, dass sie einen Job als Hostess angenommen hatte, hatte er vermutet, dass sie an diesem Abend im Einsatz sein würde. Sicher konnte er sich da aber nicht sein. Gespannt stieg er aus seinem Gelände-wagen, der für ihn allein eigentlich viel zu groß war, ließ seine Jacke im Wagen und ging die paar Meter zu Fuß rüber zum Eingang des Theaters.
Er fühlte sich ein bisschen wie damals im zehnten Schuljahr am FJM-Gymnasium, als er mit der Fußball-Schulmannschaft gegen den Erzrivalen, das Evangelische Gymnasium, gespielt und so sehr gehofft hatte, dieses wunderhübsche Mädchen, das er letzte Woche im Freibad in Geisweid kennengelernt hatte und das in die neunte Klasse am EVAU ging, wiederzusehen.
Daniel Treude … sie war völlig überrumpelt gewesen, als sie ihn letzte Woche, nach so vielen Jahren, wiedergesehen hatte. Sie hatte kaum einen Ton herausbekommen. Er sah so gut aus! Seine dunklen Haare hatten an den Schläfen einen Grauschimmer bekommen, was ihn in ihren Augen noch interessanter machte. Die schlanke Nase stach noch immer ein wenig aus seinem markanten Gesicht hervor, und der leicht italienische Einschlag machte ihn nach wie vor zu einem sehr attraktiven Mann. Er schien noch immer viel Sport zu treiben, denn seine Figur war unglaublich. Er war einen Tick kleiner als Christian, aber wesentlich durchtrainierter und muskulöser. Seine tiefbraunen Augen hatten sie angestrahlt – wie damals.
Sara fand es lustig, dass ihm noch immer italienische Wurzeln angedichtet wurden, obwohl er ein waschechter Sejerlänner Jong war, wie er von sich selbst behauptete.
»Daniel, seit wann magst du denn klassische Konzerte?«, hatte sie ihn verblüfft gefragt, als er ihr an diesem Abend plötzlich vor dem Theater gegenüberstand.
»Och, bei den Konzerten soll sich unsere Stadtbank ja angeblich nicht lumpen lassen und lädt wohl immer sehr gute Solisten dazu ein. Das konnte ich mir heute Abend natürlich nicht entgehen lassen.«
Verschmitzt hatte sie sich zu ihm herübergelehnt und ihm zugeflüstert: »Wie interessant … und? Wie heißt denn die Solistin heute Abend?«
Daniel war dankbar gewesen, dass er letzte Woche in der Warteschlange an der Vorverkaufskasse einen Blick in das Programmheft geworfen hatte: »Sara, du hast dich kein Stück verändert. Der Solist heute Abend ist ein Mann und spielt hervorragend Harfe«, hatte Daniel amüsiert gekontert.
Sara war enttäuscht. Irgendwie schien sie wohl gehofft zu haben, dass er wegen ihr gekommen war.
Entweder war sie paranoid oder sie wurde wirklich verfolgt. Sie wusste, dass sie manchmal etwas überreagierte, wenn Christian auf Dienstreise war und sie Leon zur Übernachtung zu ihrer Mutter gebracht hatte, weil sie abends lang arbeiten musste. So ganz allein zu Hause … das war nichts für sie.
Sie war nach Beginn des Konzertes rüber ins Kundencenter gegangen, um dort auf der großen Freifläche im ersten Obergeschoss alles für den Empfang vorzubereiten. Um kurz nach 22 Uhr waren auch die Kunden nach dem Konzert aus dem Apollo-Theater zu ihnen rübergeströmt und hatten sich an dem köstlichen Fingerfood-Buffet bedient. Es musste ein klasse Konzert gewesen sein.
»Maistre ist wirklich ein Weltstar an der Harfe«, hatte sie jemanden sagen hören und innerlich lächeln müssen.
Daniel war leider nicht geladen und durfte daher auch nicht am Buffet teilnehmen. Und das ist sicher auch besser so, redete sie sich ein. Schließlich hatte sie sich damals für Christian entschieden!
Als sie gegen ein Uhr morgens aus dem Parkhaus fuhr, bemerkte sie einen dunklen Geländewagen, in dem ein Mann mit schwarzer Wollmütze in der Einfahrt zwischen den beiden Verwaltungsgebäuden der Stadtbank auf jemanden zu warten schien.
Aus dem Parkhaus raus, bog sie an der Kreuzung nach links Richtung Kochs Ecke ab. Unfassbar, dass nachts die Ampeln hier geschaltet sind – was das kostet, hatte sie gedacht und brav darauf gewartet, dass die Ampel auf Grün schaltete. Sie fuhr geradeaus über die Kreuzung und bog nach dem Löhrtor-Gymnasium links ab, um dann die steile Löhrstraße hochzufahren.
Was hatte ihr diese Straße damals in der Fahrschule Angst gemacht. Sara erinnerte sich genau daran, wie der Fahrlehrer zu ihr gesagt hatte: »Schätzchen, wenn du mit jedem Knüppel, den du mal in die Hand nehmen wirst, so umgehst, dann aber hallo. Da kann sich die Männerwelt ja auf was gefasst machen!«
Prompt hatte sie zu wenig Gas gegeben, dazu die Kupplung zu wenig kommen lassen und den Motor an der steilsten Stelle am Berg abgewürgt. Der Kommentar des Fahrlehrers war nur gewesen: »… und das mit dem ‚langsam kommen lassen‘ üben wir auch nochmal!«
Der Typ war richtig schmierig gewesen, soll später eine Fahrschülerin geschwängert haben, die angeblich erst siebzehn Jahre alt gewesen war und hatte daraufhin seine Lizenz abgeben müssen. Richtig so!
Seltsam, dachte Sara, warum muss ich gerade jetzt darandenken?Ich bin nun wirklich schon oft genug dieLöhrstraße hochgefahren. Aber irgendetwas machte ihr an diesem Abend Angst.
Im Rückspiegel konnte Sara sehen, dass sich ihrem Wagen ein großes Auto näherte. Die Ampel sprang auf Grün und so fuhr sie die Marburger Straße entlang, um dann später halb rechts auf die Giersbergstraße zu gelangen – der fremde Wagen direkt hinter ihr.
Was soll das denn? Wieso fährt der Typ denn so dicht auf? Oder bilde ich mir das nur ein? Nein, auf keinen Fall fuhr sie jetzt zu sich nach Hause. Sie war sicher, sie wurde verfolgt. Heute Nacht war sie allein zu Hause und deshalb würde sie diesen Mann ganz bestimmt nicht zu ihrem Haus führen.
Also bog sie an der Einmündung zur Giersbergschule links ab, gespannt, ob ihr das fremde Auto folgen würde. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Lange hatte sie nicht mehr solche Angst gehabt. Puh, Glück gehabt! Sara, du Angsthase … reg dich wieder ab!, beruhigte sie sichselbst.
Doch gerade als sie nach fünfzig Metern an der Verkehrsinsel wenden wollte, um den direkten Weg nach Hause zu nehmen, erschien der SUV hinter ihr. Das konnte kein Zufall sein. Sara gab Gas, bog mit quietschenden Reifen rechts in die Sodingenstraße ab, ohne dabei den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Der Geländewagen war direkt hinter ihr. Irgendwann ging die Sodingenstraße in die Schultestraße über. Schweißgebadet heizte sie weiter durch diese endlos lange Straße mit den vielen parkenden Autos am Straßenrand. Oh nein, was mache ich bloß?, schrie sie verzweifelt, riss plötzlich blitzartig das Lenkrad links rum und rutschte in die Kurve, um anschließend die Talstraße weiter hinabzubrettern. Der Fahrer des Geländewagens war wohl von ihrem Manöver dermaßen überrascht worden, dass er sich entschied, weiter auf der Schultestraße zu bleiben und das Risiko einer Kollision mit einem parkenden PKW zu vermeiden.
Auf Umwegen und mit ständigen Blicken nach links, rechts und in den Rückspiegel, fuhr Sara völlig aufgelöst nach Hause. Schon als sie mit ihrem feuerroten Kleinwagen in den Silberwald einbog, drückte sie ständig auf ihren Garagenöffner, aber sie war noch zu weit weg. Panisch fuhr sie weiter und sah erleichtert, wie sich das Tor langsam öffnete. Fast hätte sie es beim Reinfahren noch erwischt, weil sie nicht abwarten wollte, bis es ganz hochgefahren war.
Hätte sie sich damals doch nur durchgesetzt, als sie versucht hatte, Christian davon zu überzeugen, die Garage nicht freistehend, sondern direkt ans Haus mit einer Verbindungstür zu bauen. So sprang sie aus dem Auto, rannte durch den Vorgarten zur Haustür, schloss mit zitternden Händen die Tür auf, schlug sie hinter sich zu, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn so oft um, bis es nicht mehr ging.
Sara blickte auf ihre Uhr. Es war mittlerweile fast zwei Uhr geworden. Christian! Bei ihm war es jetzt fast acht. Wenn sie Glück hatte, saß er noch beim Frühstück im Hotel, bevor er den ganzen Tag in Besprechungen verschwunden war.
Nach einer viertel Stunde und fünf vergeblichen Versuchen wählte sie die Nummer, von der sie gehofft hatte, sie nie wieder in ihrem Leben wählen zu müssen. Sara wählte die 110!
»Johanna, nun komm endlich!«, rief Holger ihr zu. »Die Leitstelle hat gefunkt.«
»Was ist mit dem Streifenwagen?«, fragte Johanna verschlafen zurück.
»Die sind alle mit einer Schlägerei vor dem Hauptbahnhof beschäftigt. Also los, wach werden und ufftata!«
Johanna hasste dieses ‚ufftata‘, aber Holger war ein wahrer Goldschatz und da konnte sie ihm nicht böse sein, wenn er sie mitten in der Nacht so scheuchte. Überhaupt fühlte sie sich auf der Wache in Weidenau pudelwohl.
Von ihren Kolleginnen aus der Zeit ihrer Ausbildung in Düsseldorf hatte sie gehört, dass sie echte Probleme mit ihren männlichen Kollegen hatten, aber ihr war das zum Glück erspart geblieben. Zwar hatte sie gehofft, nach ihrer Ausbildung zur Polizeikommissarin in der Landeshauptstadt auch dort eingesetzt zu werden, aber in Siegen herrschte wohl noch größere Not.
Ihr damaliger Personalleiter hatte zu ihr gesagt:
»Frau Daub, Sie sind genau die Richtige für Siegen. Mit Ihrem Nachnamen passen Sie perfekt dorthin und außerdem sind die dort genauso stur und dickköpfig wie Sie.« Idiot, hatte sie sich gedacht. Johanna kannte die Anzeigen in der Mitarbeiterzeitschrift für Polizeibeamte unter der Rubrik Tauschbörse: ‚Tausche Siegen gegen alles!‘, hatte sie des Öfteren schmunzelnd gelesen, nicht wissend, dass sie selbst eines Tages einmal davon betroffen sein könnte. Als Rheinländerin ins verregnete, fromme Siegerland zu ziehen … Warum ausgerechnet ich?
»Ich habe mit dem dortigen Leiter gesprochen und für Sie ausgehandelt, dass Sie im ersten Jahr in verschiedene Abteilungen schnuppern dürfen. Danach entscheiden Sie beide gemeinsam, wie und wo es im Siegerland für Sie weitergeht«, fuhr er damals fort.
Mittlerweile arbeitete sie nun schon seit elf Jahren im KK3, war zur Kriminaloberkommissarin befördert worden und das Siegerland war ihr zu einer neuen Heimat geworden. Der Siegerländer war gar nicht so ein Sturkopf, wie alle behaupteten, und das so besonders gerollte ‚R‘ fand sie mittlerweile ganz charmant. Auch äußerlich hatte sie sich verändert. Ihr Körper war gut durchtrainiert und ihr flotter Kurzhaarschnitt war zu einer langen lockigen Mähne gewachsen, die sie meistens zu einem Pferdeschwanz zusammenband.
Johanna schaute aus dem Fenster und sah ihren Partner, Kriminalhauptkommissar Holger Stein, am Parkplatz mit zwei Bechern Kaffee in der Hand wild nach ihr gestikulieren.
Wie hatte er das denn schon wieder geschafft?, fragte sie sich. Er war wirklich ein Goldschatz.
Johanna schaute sich im Wohnzimmer um und blickte dabei direkt in Saras verweinte Augen. Die Frau tat ihr leid!
»Frau Jakobs, jetzt nochmal zusammengefasst: Sie sind nach der Abendveranstaltung im Apollo-Theater von einem dunklen Geländewagen verfolgt worden? Ist das richtig?«, fragte Johanna.
Holger mischte sich ungeduldig ein: »Wurden Sie von dem Wagen bedrängt? Hat Sie der Fahrer genötigt an die Seite zu fahren? Hat er Lichthupe gemacht? Ist er zu dicht aufgefahren?«
»Äh, nein, eigentlich nicht«, musste Sara zugeben und kam sich irgendwie dumm vor.
Johanna warf ihrem Partner aus ihren grün funkelnden Augen einen bösen Blick zu, den dieser allerdings völlig ignorierte.
»Frau Jakobs, warum haben Sie sich dann bedroht gefühlt?«, fragte Holger. »Wenn ich das richtig sehe, hatte der Fahrer oder die Fahrerin, …
»Es war ein Mann!« fiel Sara ihm ins Wort. »Das habe ich Ihnen doch eben schon gesagt. Ein Mann hat schon vor dem Apollo-Parkhaus auf mich gewartet«, wiederholte Sara ihre Aussage.
»Ok, dann hatte halt der Mann vorhin vielleicht den gleichen Heimweg wie Sie!« Holger drehte sich zu Johanna um und rollte mit den Augen. Wenn er auch sonst ein echt netter Kerl war, aber Einfühlungsvermögen hatte er ganz sicher nicht mit der Muttermilch aufgesogen.
»Sara«, fragte Johanna »Sie sind allein im Haus? Haben Sie jemanden, bei dem Sie diese Nacht bleiben können? Ich denke, es wäre besser für Sie, jetzt nicht allein zu sein.«
In der Polizeischule hatte sie gelernt, dass es wichtig war, den Betroffenen das Gefühl zu geben, ernst genommen zu werden. Und wenn sie ehrlich war, konnte sie Frau Jakobs gut verstehen. Spät abends im Dunkeln in ein Parkhaus gehen zu müssen, das Gefühl, verfolgt zu werden und dann in ein dunkles und einsames Haus zu kommen – das war sicher kein Spaß. Dennoch waren ihnen die Hände gebunden.
Bisher hatten sie nun mal keinen Beweis, sondern einfach nur ein Gefühl. Und das, so wusste Johanna zur Genüge, reichte nicht, um offiziell tätig zu werden.
»Ich könnte zu meiner Mutter nach Wilden fahren, aber dann würde sich mein Sohn nur wundern, wenn ich mitten in der Nacht dort auftauche«, überlegte Sara.
Johanna sah zu, wie Frau Jakobs fieberhaft nach einer Lösung suchte und keine fand.
Dann atmete Sara tief ein und versuchte mehr schlecht als recht zu schauspielern: »Wissen Sie was? Mir geht es schon viel besser. Danke, dass Sie extra mitten in der Nacht vorbeigekommen sind. Ich bin Ihnen wirklich zu Dank verpflichtet. Ich werde einfach eine Schlaftablette nehmen und morgen in Ruhe ausschlafen. Ich glaube, das wird mir guttun und Leon wird eh morgen früh von meiner Mutter in die Schule gebracht.«
Sie waren schon zur Haustür raus und standen im Vorgarten, als Johanna doch noch einmal zurück zu Frau Jakobs ging und sagte: »Sie sind eine tapfere Frau! Und wenn irgendetwas ist, scheuen Sie sich nicht uns anzurufen ... das ist schließlich unser Job!«
Jochen verfluchte den Herbst. Er machte es für ihn immer schwieriger, das Haus zu beobachten. Den Sommer über hatte er viel über die Familie erfahren können, doch mittlerweile hatten sich immer mehr Blätter von den Bäumen verabschiedet und es für ihn fast unmöglich gemacht, sich tagsüber unentdeckt im Wäldchen gegenüber des Einfamilienhauses der Familie Jakobs aufzuhalten. Jetzt blieb ihm nur noch die Dunkelheit, und allmählich wurde es abends ganz schön frisch. Es war so praktisch für ihn gewesen, dass es direkt hinter Saras Haus bergauf ging, sodass er von seinem Beobachtungsposten genau auf Augenhöhe mit dem Elternschlafzimmer der Jakobs gewesen war. Sein alter Feldstecher aus seiner Zeit bei den Pfadfindern hatte ihm noch immer gute Dienste erwiesen.
Wie hatte er es genossen zuzusehen, wie sie morgens, wenn ihre Familie das Haus verlassen hatte, aus der Dusche kam und sich vor ihrem Kleiderschrank Zeit ließ, um zu entscheiden, welches Outfit für diesen Tag wohl das Richtige war. Durch seine Beobachtungen wusste Jochen, dass sie ihre BHs nicht im Kleiderschrank, sondern in einer extra Kommode aufbewahrte, und schon oft genug hatte er ihre prallen Brüste aus der Ferne bewundern dürfen.
Zutiefst erregt hatte er sich ausgemalt, wie sie in ihrer Spitzenunterwäsche hilflos vor ihm liegen und was er alles mit ihr anstellen würde. Aber das würde er sich für später aufheben müssen. Dann hatte er seine Hose geöffnet und im Wäldchen hinter ihrem Haus das getan, von dem sein Vater damals zu ihm gesagt hatte, als er ihn mit vierzehn Jahren dabei erwischt hatte:
»Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss!«
Christian saß, ein paar Hundert Meter von seinem Zuhause entfernt, bei Jochen auf dem Sofa. Das Wohnzimmer war zwar gemütlich, aber uralt. Selbst Saras Mutter war moderner eingerichtet. Die Möbel schienen aus einer anderen Zeit zu stammen, aber Jochen störte das anscheinend nicht. Er hatte das Haus von seinem Vater geerbt und bisher nichts an der Einrichtung geändert.
»Bescheidenheit ist eine Zier«, hatte er ihn aufgeklärt.
Jochen reichte ihm gerade sein fünftes Kellerbier für diesen Abend und er nahm es dankend an.
»Wenn ich abends von der Arbeit komme, Sara den ganzen Tag zu Hause war, ich geduscht im Bett auf meine Frau warte«, hatte er sich bei Jochen ausgekotzt, »... und sie dann in ihrem hässlichen Flanellnachthemd vor mir steht … oh Mann, dann muss sie sich nicht wundern, wenn ich mich mal nach anderen Weibern umgucke.«
Er merkte selbst, dass er zu viel getrunken hatte.
»Weißt du, wie oft ich ihr schon richtig heiße Strapse und andere geile Wäsche mitgebracht habe? Sie hat eine ganze Schublade voll davon … aber nein … Madame zieht sowas ja nur zu besonderen Anlässen an!«, schimpfte er. »Ich liebe meine Frau, ehrlich! Aber irgendwie ist im Moment die Luft raus. Was habe ich ihr nicht alles zu Füßen gelegt! Ein Haus, Leon, ein geregeltes Leben … und was ist der Dank? Ein gedeckter Frühstückstisch und hin und wieder mal ein bisschen Sex«, hatte er gelallt.
Jochen war ihm wirklich ein guter Zuhörer und Ratgeber geworden. Er war froh, einen Freund zu haben, der zu jeder Tages- und Nachtzeit für ihn da war.
In nüchternem Zustand hatte er sich schon oft gefragt, womit Jochen eigentlich sein Geld verdient und in welchem Job man so viel Freizeit hatte, dass man ständig auf Abruf zur Stelle sein konnte. Jedes Mal hatte er eine ausweichende Antwort bekommen. Schließlich hatte er genug Anstand besessen, seinen neuen Freund nicht zu sehr zu bedrängen und nicht weiter nachgehakt.
Einmal hatte er Jochen sogar gefragt, ob er Leon nach dem Training mit zu ihm nach Hause nehmen könnte. Er hatte Sara versprochen, ihren Sohn pünktlich vom Fußballplatz abzuholen, dann aber kurzfristig einen Geschäftstermin reinbekommen.
Sara war zu einer Sitzung zur Jahresplanung der Hostessen im Schulungszentrum der Stadtbank gefahren und so schien das eine gute Lösung zu sein. Leon war Fan von der Idee und hatte ihm später vorgeschwärmt, wie cool der Abend mit Jochen gewesen sei.
Ja, Jochen war wirklich ein guter Freund und es wurde wohl allmählich Zeit, dass Sara ihn kennenlernte. Aber erst wollte er diesen Abend in Ruhe genießen und Jochen von seiner neuen Kollegin Alex erzählen, deren Sohn frisch in die D-Jugend am Giersberg gewechselt hatte …
»Das wird schon, reg dich nicht auf! Die kennen dich doch! Der Schleifenbaum steht eh auf dich.
