Afghanistan Krieg 2005 - André Deinhardt - E-Book

Afghanistan Krieg 2005 E-Book

André Deinhardt

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Beschreibung

Am 11.September 2001 zerstörte ein Anschlag das World Trade Center in New York. Die USA und ihre Verbündeten antworteten mit einem „Krieg gegen den Terror“. Die authentischen Feldbriefe berichten über diesen asymmetrischen Krieg in Afghanistan aus Sicht eines deutschen Oberleutnants, der im Rahmen des Bundeswehr-ISAF-Einsatzes 2005 vor Ort war.

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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Januar 2005

Februar 2005

März 2005

April 2005

Mai 2005

Juni 2005

Juli 2005

Epilog

Autor

Prolog

Am 11. September 2001 zerstörte ein Anschlag das World Trade Center in New York. Die USA und ihre Verbündeten antworteten mit einem „Krieg gegen den Terror“, der die Drahtzieher dieser Angriffe zur Rechenschaft ziehen sollte.

Zu dem 9/11 Anschlag bekannte sich Osama bin Laden und das Terrornetzwerk Al Qaida. Die islamistischen Terroristen operierten aus Afghanistan heraus. In diesem Zentralasiatischen Land boten die Taleban, unter der Führung von Mullah Omar, den Terroristen eine sichere Operationsbasis. Der Angriff der US geführten Truppen unter dem Kommando der Operation „Enduring Freedom“ zerschlug den offenen Widerstand der Taleban-Kräfte sehr zügig, mit Unterstützung der afghanischen Nordallianz. Osama bin Laden, Mullah Omar und eine größere Anzahl von Taleban-Kämpfern gelang es, sich in das Paschtunische Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan abzusetzen. Von dort organisierten sie einen Guerilla-Krieg gegen die neue Afghanische Regierung und die Koalitionskräfte, welche sich auf die Absicherung des Wiederaufbaus Afghanistans konzentrieren sollten.

Die folgenden authentischen Feldbriefe berichten über diesen asymmetrischen Krieg aus meiner Sicht, der eines deutschen Oberleutnants, der im Rahmen des Bundeswehr-ISAF-Einsatzes vor Ort war.

Darüber hinaus berichten sie von den verschiedenen Erlebnishorizonten in der Heimat und im Einsatz, über Schnittmengen, aber auch deutliche Unterschiede. Die Briefe eröffnen einen subjektiven Blick in die emotionale Welt eines Soldaten im Einsatz.

Ich durchlief vor diesem Einsatz in Kabul eine umfangreiche Ausbildung in der Bundeswehr. Ich erlernte das Kriegshandwerk als Panzergrenadieroffizier, studierte an der Universität der Bundeswehr in München.

Die Erkundung des Einsatzraumes erfolgte zusammen mit anderen Offizieren des Brandenburger Panzergrenadierbataillons 421 im November 2004.

Im Einsatz verantwortete ich vor allem die Vor- und Nachbereitung von Überwachungsoperationen, Zugriffsoperationen, Absicherungsoperationen, Operationen gegen Waffenverstecke und Evakuierungsoperationen. Darüber hinaus betreute ich in einer Nebenfunktion den Bereich Entwicklungs-Zusammenarbeit. Meine Aufgabe nahm ich im Rahmen eines infanteristischen, multinationalen Einsatzverbandes wahr, der ca. fünfhundert Soldaten umfasste und für ca. sechs Monate in Kabul und südöstlich von Kabul operierte.

Alle Namen wurden geändert zum Schutz der beteiligten Personen und ihrer Familien.

Januar 2005

Werder (Havel), 18. Januar 2005

Liebste Catherina, dies ist der erste „Brief“ den du von mir aus dem „fast“ Einsatz bekommst. Ich schreibe dir noch von zuhause, um dir zu sagen, dass ich mir ganz sicher bin, wir können und werden dieses halbe Jahr zusammen durchhalten. Uns kann keine noch so große Entfernung trennen. Es ist vollkommen egal, dass zwischen uns der fünftausend Meter hohe Hindukusch, Wüsten, Steppe, Berge und Wälder liegen. Es sind nur fünftausend Kilometer. Ich glaube zwar nicht, dass Telefon, Internet oder Briefe unsere Nähe ersetzen können, aber ich weiß, wir werden so viel wie es eben geht in Verbindung bleiben.

Manchmal werden wir uns den Kuss des anderen einfach vorstellen müssen. Ich liebe dich und werde an dich denken!! Bis zum ersten Brief aus Kabul, Dein Andre

*

Kabul, 19. Januar 2005

Liebe Catherina, heute möchte ich dir, nun leider doch auf kariertem Papier, meinen ersten Brief aus Afghanistan schreiben. Der Hinflug dauerte diesmal fast zwei komplette Tage. Beim Flug von Hannover nach Termez (Usbekistan) musste ich sechs Stunden eingezwängt zwischen zwei Schweizern sitzen. Du kennst mich. Das war eine Tortur für mich. In Termez übernachteten wir in Zelten. Ich ging sofort ins Bett, mir war nicht nach Reden über Kabul und den Einsatz.

Heute Vormittag (10:20 Uhr Ortszeit in Termez) sind wir bei wunderschönem Sonnenschein und klarer Fernsicht nach Kabul geflogen. Dies war sehr angenehm, da man in dem Transportflugzeug „Transall“ viel Platz zum Sitzen hat. Den Hindukusch konnte ich leider nur ganz kurz durch ein kleines Fenster sehen. In Kabul mussten wir auf dem Flughafen noch eine ganze Weile auf unseren Transport ins Feldlager warten. Hier ist es zurzeit um die Null Grad Celsius und auf den Bergen liegt überall Schnee. Ca. 14:00 Uhr Kabuler Zeit kamen wir im Camp Warehouse an und wurden eingewiesen. Die Informationen waren natürlich viel zu viel und René war ganz aufgescheucht wegen Kleinigkeiten. Ich habe mir gesagt, dass ich es erst einmal ruhig angehen möchte. In der letzten Zeit hat es in unserem Lager mehrere Schlägereien zwischen deutschen Soldaten gegeben, das finde ich ziemlich schlimm. Zumal einer dabei fast zu Tode gekommen sein soll. Ich hoffe, so was passiert in unserem Kontingent nicht.

Untergebracht bin ich diesmal gleich in einem Feldhaus und nicht wie letztes Jahr im Zelt. Das ist Klasse, auch wenn die Vorgänger es sehr dreckig hinterlassen haben. Jetzt habe ich mein Kissen überzogen und schlafe müde ein… Andre

*

Kabul, 20. Januar 2005

Hallo meine Sonne, es war einfach wunderschön, dich heute früh am Telefon zu hören. Das machte diesen ganzen Tag voller Licht und Hoffnung, obwohl es bedeckt und bitterkalt ist. Geschneit hat es auch. Ich möchte mich noch einmal bei dir entschuldigen. Es wird nicht die Regel sein, dass ich dich um 03:30Uhr am Morgen wecke. Mit der E-Mail und dem Wappen hast du mir sehr geholfen. Den Tag füllten heute vor allem die Einweisungen durch meinen Vorgänger aus. Dabei komme ich mir vor, als ob jemand einen Trichter an meinen Kopf setzt und die ganze Zeit über eine Unmenge an Informationen hinein schüttet. Am Nachmittag stellte mir mein Vorgänger alle möglichen Schweden, Türken, Franzosen, Neuseeländer..…im Stab vor. Dabei hat mir unser Englischurlaub richtig den Rücken gestärkt.

Mein Vorgänger heißt übrigens Hauptmann Claus, ein Sachse aus Zwickau, der mir letztes Jahr bei der Erkundung in Kabul fast nichts sagen wollte. Zurzeit verhält er sich ziemlich anständig. Ich hoffe, in einem halben Jahr genauso gut Englisch zu sprechen wie er. Ansonsten versuche ich es, ausgesprochen ruhig angehen zu lassen. Ich sage mir immer, dass ich für alles ein halbes Jahr, sechs lange Monate Zeit habe. Dies steht übrigens im Gegensatz zu dem, wie es andere tun. Besonders René macht unglaublich viel Stress. Unter sechzehn Stunden verlässt er nicht seinen Platz in der Operationszentrale.

Heute habe ich für mich einen Wochen- und einen Tagesplan aufgestellt. So stehe ich gegen 06:30 Uhr auf und gehe zum Frühstücken. Um 07:30 Uhr beginne ich in der Planungszelle meine Arbeit. 08:30 Uhr gehe ich zu einem internationalen Meeting und trage den Verbindungsoffizieren der anderen Einheiten und Verbände unsere Lage der letzten 24 Stunden vor. Zwischen 11:00 Uhr und 12:00 Uhr bewege ich mich im Fitnesszelt, damit ich nicht dick werde. Nach dem Mittagessen beginne ich mit der Ausarbeitung von neuen Operationen oder auch mit der Vorbereitung von Entscheidungen des Kommandeurs. 19:00 Uhr findet dann noch täglich eine Besprechung mit den Kompaniechefs unseres Bataillons statt. Dort werden die Befehle für den nächsten Tag ausgegeben. Am schönsten ist der Sonntag, da beginne ich erst um 13:00 Uhr. Der Vormittag ist Recreation Time (Erholungszeit)…:) Es war schön, dich heute Abend noch am Telefon zu hören. Dein Andre

*

Kabul, 21. Januar 2005

Liebe Catherina, heute habe ich das erste Mal an dem internationalen Meeting teilgenommen. Hurra!! Ich habe alles verstanden. Danach veranstalten wir immer eine „Schokoladen-Runde“, wo man bilateral Aufgaben oder Probleme zwischen den Einheiten besprechen kann. Dort war es schon schwieriger zu folgen. Ab Montag muss ich täglich einen kurzen englischen Lagevortrag halten. Ich hoffe, ich blamiere mich und unseren Verband nicht allzu sehr. René, mein Stubenkamerad arbeitet wie ein Kaputter. Er ist jetzt schon krank und lässt sich auch nicht so richtig runter holen. Ich hoffe, er verausgabt sich nicht vollkommen. Ansonsten hatte ich heute nur zwischenzeitlich ein kleines Tief, als ich dachte, die Aufträge schaffe ich doch nie. Aber irgendwie lief es dann doch recht vernünftig.

Mit Björn will ich am Sonntagvormittag eine kleine Erkundungstour machen. Dabei wollen wir auch ein wenig in die Berge fahren. Wobei wir zu bestimmten Punkten nicht hinauf kommen werden, da es seit zwei Tagen schneit. Es ist überhaupt ein sehr schöner Anblick, wenn diese mächtigen Bergmassive mit ihren weißen Schattierungen vor einem liegen. Niels hat mir heute Abend erzählt, dass du dich am Sonntag mit Karla treffen willst und wahrscheinlich gleich bei ihr übernachtest. Das finde ich gut. Ihr feiert und wir sitzen im Schnee. Ich habe schon zu Björn gesagt, dass man gleich zurückfliegen müsste.

Unser kleines Zimmer ist zurzeit noch ziemlich unwohnlich. Bis der Kamerad von dem alten Kontingent abgereist ist, leben wir noch zu dritt und wollen nichts verändern. Somit habe ich auch meine Sachen noch nicht ausgepackt und lebe aus dem Rucksack. Positiv ist es auf jeden Fall, dass wir bei diesem Wetter nicht in einem Zelt schlafen müssen, wie letzten November bei der Erkundung. Heute Abend habe ich die ersten beiden Briefe zur Feldpost gebracht. Das war ein richtig gutes Gefühl, dir etwas senden zu können. Mittlerweile ist es schon wieder 00:30 Uhr, das heißt, Schlafenszeit und Zeit zum träumen. Dein Andre

*

Kabul, 22. Januar 2005

Hallo meine Sonne, ich komme gerade von unserem Telefonat. Deine Stimme zu hören, ist wie ein helles Licht am Ende des Tunnels. Ich habe gerade einfach mal überschlagen: Es müssten noch einhundert siebzig Tage sein, eine sehr lange Zeit. Mir haben aber schon viele erzählt, dass die Tage fliegend schnell vergehen. Trotzdem ist es natürlich eine viel zu lange Zeit. Das macht mich traurig.

Mein Vorgänger ist heute ausgeflogen, zurück nach Deutschland. Er hat sich noch einmal verabschiedet. Ihm musste ich jedes Wort aus der Nase ziehen. Ich hoffe trotzdem, dass ich die wichtigsten Punkte aufgenommen habe. Die erste Aktion ging allerdings schon einmal richtig daneben. Da rief mich heute ein Kanadier an. Erstens habe ich den kaum verstanden und zweitens wusste ich überhaupt nichts von den Absprachen meines Vorgängers. Da habe ich ganz schön rotiert, um den Schlamassel wieder gerade zu biegen.

Jetzt kommt René aufs Zimmer und unser „Abflieger“-Zimmerkamerad gibt eine Flasche Wein aus. Ich stoße auf dich an! HDL Dein Andre

*

Kabul, 23. Januar 2005

Liebste Catherina, heute ist Sonntag und das heißt theoretisch Erholungszeit bis 13:00 Uhr. Davon kann natürlich nicht die Rede sein. Ich bin seit ca. 08:00 Uhr auf den Beinen und mit Björn zum Erkunden gefahren. Dazu begrüßte uns heute herrliches Wetter, Sonnenschein und um uns herum Schnee, Schnee und Schneeberge. Als erstes sind wir in ein Munitionslager gefahren. Die Munitionsbunker verteilen sich über ein riesiges Areal, welches sich zwischen einigen Hügeln ausbreitet. Es bietet einen schönen Ausblick über die Hochebene, auf der Kabul liegt.

Danach fuhren wir durch den Markt von Pole-e-Charkhi, einer Ortschaft am Rand von Kabul. Da wir beide alleine unterwegs waren, konnten wir richtig in diese fremde Welt eintauchen. Allein die Kleidung der Menschen, meist in Erdfarben gehalten, beeindruckt mich. Die Frauen tragen fast ausnahmslos Burka und gehen mindestens fünf Schritte hinter ihren Männern, eigenartig.

Viele Kinder aber auch Erwachsene haben uns freundlich gewunken. Die meisten scheinen es wirklich gut zu finden, dass wir hier sind. Nach dem wir die Randbezirke verlassen hatten, fuhren wir weiter Richtung Berge, Richtung Khak-e-Jabbár nach Süden. Am Ende folgten wir nur noch einer schmalen Wagenspur. Damit war uns allerdings klar, dass dort keine Minen liegen dürften. In einem Hochtal trafen wir auf einen alten Ziegenhirten. Die Szene hatte, uns ausgenommen, etwas Biblisches. Der alte Mann trug einen langen weißen Bart und hatte ein vollkommen durchfurchtes Gesicht. Um ihn herum waren nichts außer seinen Ziegen und die Berge. Als wir eine Zeit weiter Richtung Süden gefahren waren, kamen wir an ein kleines Bergdorf, in dem schon zwei Bundeswehr Geländewagen standen. Die dazugehörigen Soldaten schienen nicht besonders glücklich über unsere Anwesenheit zu sein. Uns war das vollkommen egal.

Am Nachmittag und Abend habe ich an allerlei Papierkram gesessen und nur darauf gewartet, dich endlich am Telefon zu hören. Morgen früh werde ich erstmals deinen herrlichen Landkaffee genießen. HDL Andre

*

Kabul, 24. Januar 2005

Hallo meine Sonne, ich habe mich gerade ins Bett gelegt und genieße nach einem sechzehn Stunden Tag die Ruhe im Zimmer. Mein Tag war heute ein wenig aufregend. Ich habe zum ersten Mal einen Lagevortrag vor den versammelten Brigadestab + Verbindungsoffizieren gehalten. Ich glaube, durch meine Unsicherheit habe ich ziemlich unprofessionell gewirkt.

Glücklicherweise habe ich noch ein halbes Jahr, um es besser zu machen. Die Runde nach dem Lagevortrag war sehr informativ und scheint meist auch recht lustig zu sein. Heute hat mir der englische Verbindungsoffizier einige Geschichten aus dem Irak erzählt. Er kam, nach einer kleinen Zwischenlandung zu Hause, direkt aus Basra (Südirak) nach Kabul. In Basra hat er an einigen Gefechten teilgenommen und überlebt…

Heute Abend fand der große Übergabe-Appell zwischen uns und unseren Vorgängerkontingent satt. Dazu wurden auch einige lokale Autoritäten eingeladen. Die Zeremonie war wirklich beeindruckend, besonders durch die Fackeln, den Schnee und die afghanischen Übersetzer. Das Dari, welches sie sprechen, klingt exotisch fremd. Danach veranstalteten wir noch einen Steh-Empfang im Zelt (Planet Kabul), welches leider ziemlich überfüllt war. An der Wand, an einem sehr zentralen Platz hängten wir das von dir entwickelte Wappen auf. Das Wappen sieht richtig klasse aus! Ich bin stolz auf deine Designer-Fähigkeiten… Danach haben René und ich uns beim Camp-Spanier eine Pizza genehmigt. Wir bestellten uns gleich ein ganzes Blech und dazu leckeren Rotwein.

Ich hoffe, dass es in den nächsten Wochen etwas ruhiger wird. Im Mai würde ich gern zehn Tage Auszeit mit dir verbringen. Wir könnten meinen Geburtstag gemeinsam feiern. Bis bald, Dein Andre

*

Kabul, 26. Januar 2005

Liebe Catherina, gestern habe ich es leider nicht geschafft, dir einen Brief zu schreiben. Durch Björn´s Geburtstag war ich sehr lange unterwegs. Ich glaube, er hat sich sehr über die Thermosflasche von mir gefreut und auch über die anderen Geschenke. Ansonsten merkt man den ganzen Tag über, dass ich noch sehr neu im Einsatz bin. Mit meinem Englisch habe ich immer wieder Hoch- und Tiefpunkte. Aber auch bei den Arbeitsund Kommunikationsabläufen ist alles noch neu und ungewohnt. Dadurch kosten teilweise ganz einfache Aufgaben viel zu viel Zeit. Gott sei Dank, ist bis jetzt noch nichts wirklich schief gegangen.

Heute und Gestern habe ich es endlich geschafft, aus unserem Schweinestall eine einigermaßen annehmbare Bude zu gestalten. Ich musste, sage und schreibe zwei riesige blaue Müllsäcke mit diversem Unrat raus schaffen, um erst mal eine Grundordnung in der Stube zu haben. Das ist echt abenteuerlich! Heute habe ich es auch geschafft, meine Sachen auszupacken. Die Dynamo-Dresden-Fahne hängt jetzt an der Wand…:)

Vor drei Stunden hat uns die Nachricht erreicht, dass in unseren Verantwortungsraum, gegen mit uns zusammenarbeitende Afghanen, ein Hinterhalt verübt wurde. Bei dem darauf folgenden Feuergefecht konnten sich die Angreifer absetzen. Es scheint, als hätten sie jedoch Verwundete. Wir wissen nicht genau, wer die Angreifer waren, zurzeit aber geht für uns davon keine Gefahr aus.

Mein Kommandeur Linz besuchte heute ein, von einem deutschen Ehepaar in Kabul betriebenes, Kinderkrankenhaus. Linz war von den beiden und ihren Projekt dermaßen begeistert, dass er sie in jedem Fall bei dem Ausbau unterstützen möchte. Ich werde mir das Kinderkrankenhaus nächste Woche einmal anschauen. Es wäre gut, wenn wir auf diesem Weg auch bei dem zivilen Wiederaufbau einen kleinen Beitrag leisten könnten. Mal sehen, was daraus wird.

Dass du, mit Anna ins Kino gegangen bist und bei uns warst, finde ich klasse. Ich denke, du bist für sie ein Vorbild…

René, mein Zimmergenosse, kommt irgendwie nicht zur Ruhe. Er denkt, ohne ihn geht gar nichts. Ich hoffe, er macht sich nicht zu sehr kaputt. Er muss aufpassen, dass er nicht in ein schwarzes Loch fällt und sich vollkommen verausgabt. Vor allem würde er in einer wirklichen Stresssituation schmerzlich fehlen. René ist wirklich in Ordnung. Die Verbindung nach Deutschland hält er per SMS, das scheint auch nicht sehr teuer zu sein.

Für heute ist nun genug erzählt. HDL Dein Andre

*

Kabul, 28. Januar 2005

Hallo meine Sonne, leider habe ich dich heute Abend nicht mehr am Telefon erreicht. Dafür habe ich mit meinen Eltern gesprochen. Sie haben mir von deinem Geschäftstermin in Roßwein erzählt. Ich finde es auch immer nervig, wenn ich mit jemanden einen Termin vereinbare und dann dort nichts vorbereitet ist. Ich hoffe, du bekommst deinen Aufwand vergütet. Gestern war für mich ein sehr langer Tag. Ich bin erst morgens um 03:00 Uhr ins Bett gegangen. Wir hatten auf der Verbindungsstraße zwischen Kabul und Jalalabad (in Richtung Pakistan) so starke Schneefälle, dass normale Fahrzeuge nicht mehr weiter kamen. Die Straße ist ein ca. fünfzig Kilometer langes Nadelöhr, welches durch tiefe Schluchten führt. Wir bekamen die Information, dass auf der Straße circa dreihundert Menschen in Bussen festsitzen. Da es zurzeit bis zu minus fünfzehn Grad kalt ist, drohen die Menschen zu erfrieren. Also schickten wir unsere Soldaten mit mehreren deutschen und norwegischen Krankentransportern los. Als unsere Patrouille nach ca. zwei Stunden in dem besagten Tal ankam, war die Situation schon durch die Afghanen selbst geklärt. Außer Spesen nix gewesen! Für uns war es eine gute Übung zum falschen Zeitpunkt, da wir alle vollkommen übermüdet sind. Das von unseren Verband zu überwachende Gebiet ist im Verhältnis zu unseren Kräften einfach zu groß. Heute besuchte uns ein General aus dem Einsatzführungskommando in Potsdam. Wir haben ihm alle unsere Wünsche vorgetragen und hoffen jetzt auf mehr Soldaten und bessere Ausrüstung.

Meine Erkältung lässt ein wenig nach. Was mich zurzeit wirklich nervt ist, dass ich deine Briefe immer noch nicht herhalten habe. Das Wetter ist derzeit so schlecht, dass keine Flugzeuge in Kabul landen können. Das heißt, es liegt sehr viel Schnee und ist bitter kalt. Dafür haben wir gegenwärtig keinen Staub und Sandsturm, wie letzten November. Das Bergpanorama beeindruckt mich immer noch, fast wie in den Alpen. Heute Abend bin ich etwas früher aus der OPZ (Operationszentrale) „nach Hause“ gegangen. Als ob hier mein zu Hause wäre… Ich freue mich auf dich, unsere Wohnung, das Wasser und Werder. Große Liebe, Andre

PS: Auf der beigelegten Feldpostkarte siehst du unseren Hubschrauber CH 53 beim Flug nach Kabul.

*

Kabul, 29. Januar 2005

Liebste Catherina, heute habe ich nach langem Warten, deinen ersten Brief erhalten. Du weißt gar nicht, wie wichtig so ein Brief sein kann. Ich hatte gerade ein kleines Tief, da ich selbst der Überzeugung war, meine Sache nicht richtig zu machen. Eigentlich hätte ich heute Nachmittag an einem Meeting teilnehmen müssen. Ich wollte aber unbedingt mit raus nach Bagram zu der US Base und den Hindukusch sehen. Somit habe ich René gefragt, ob er mir die Besprechung abnimmt. Er half mir wieder. René ist ein echt guter Kamerad. Ich konnte mitfahren. Zur Abendlage kamen wir durch einige Umwege auf der Strecke ganze zwei Stunden zu spät. Niemand regte sich auf. Ich machte mir trotzdem Vorwürfe, wie das so ist. Dann erhielt ich deinen Brief und ich war gleich wieder total zufrieden. Wenig später, nachdem wir telefoniert hatten, wurde mir auch noch dein zweiter Brief mit dem Taschentuch ausgehändigt. Der Text klang wie aus einem lyrischen Buch, einfach nur schön. Das Taschentuch kann ich zurzeit sehr gut gebrauchen, denn ich habe noch ein wenig Schnupfen. Bei vierundzwanzig Grad minus ist das aber kaum verwunderlich.

Die Patrouille nach Bagram führte uns wieder über einige Dörfer, wobei die Menschen und vor allem die Kinder außergewöhnlich freundlich sind. Meist lachen, winken und laufen sie hinter uns her. Die alten Männer, mit ihren langen Bärten nicken uns meist nur wohlwollend zu. Für uns ist dies ein sehr gutes Zeichen. Die Frauen reagieren ganz anders. Wenn sie uns entdecken, ziehen sie schleunigst ihre Burka übers Gesicht. Die Fahrt selbst war eisig kalt aber landschaftlich außergewöhnlich beeindruckend. Am schönsten war der Blick vom Pass südlich von Bagram in das Tal, wo die Stadt mit dem amerikanischen Feldlager liegt. Direkt hinter der Stadt steigt der Hindukusch auf bis zu fünftausend Meter an. Es sieht wie eine unüberwindbare Wand aus Felsen und Eis aus. Über der Landschaft liegt dort nur noch eine dünne Schicht Schnee.