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Romantische Weihnachtsgeschichten und ein Wiedersehen mit geliebten Figuren von Bestsellerautorin Paige Toon An Weihnachten kann viel passieren, manchmal sogar ein kleines Wunder: Auf Alice wartet ein ganz besonderes Geschenk, und für Lily geht ein Traum in Erfüllung. Am anderen Ende der Welt gibt es für Rose ein Wiedersehen mit der Liebe, und Daisy kann endlich loslassen, um neu anzufangen. Paige Toon versammelt in »Alles Liebe zu Weihnachten« wunderbar stimmungsvolle Geschichten zur Weihnachtszeit, die das Herz erwärmen und die Liebe hereinlassen. Weitere Titel von Paige Toon: »Lucy in the Sky«, »Du bist mein Stern«, »Einmal rund ums Glück«, »Immer wieder du«, »Diesmal für immer«, »Ohne dich fehlt mir was«, »Sommer für immer«, »Endlich dein«, »Wer, wenn nicht du?« sowie »Nur in dich verliebt«.
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Seitenzahl: 327
Veröffentlichungsjahr: 2019
Paige Toon
An Weihnachten kann viel passieren, manchmal sogar ein kleines Wunder: Auf Alice wartet ein ganz besonderes Geschenk, und für Lily geht ein Traum in Erfüllung. Am anderen Ende der Welt gibt es für Rose ein Wiedersehen mit der Liebe, und Daisy kann endlich loslassen, um neu anzufangen.
Romantische Geschichten zur Weihnachtszeit für alle Fans von Bestsellerautorin Paige Toon, die ein Wiedersehen mit liebgewonnenen Figuren aus ihren Romanen kaum erwarten können …
Weitere Titel von Paige Toon:
»Lucy in the Sky«, »Du bist mein Stern«, »Einmal rund ums Glück«, »Immer wieder du«, »Diesmal für immer«, »Ohne dich fehlt mir was«, »Sommer für immer«, »Endlich dein«, »Wer, wenn nicht du?« sowie »Nur in dich verliebt«.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Als Tochter eines australischen Rennfahrers wuchs Paige Toon in Australien, England und Amerika auf. Nach ihrem Studium arbeitete sie zuerst bei verschiedenen Zeitschriften und anschließend sieben Jahre lang als Redakteurin beim Magazin »Heat«. Paige Toon schreibt inzwischen hauptberuflich und lebt mit ihrer Familie – sie ist verheiratet und hat zwei Kinder – in Cambridgeshire.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Widmung
Einleitung
Ohne dich keine Weihnacht
Johnnys kleines Geheimnis: Eine Johnny-Jefferson-Story
Johnnys kleines Geheimnis. Johnny erzählt
Ein Abschied für einen Neuanfang
Das Glück im Blick
Die Nacht der Nächte
Hoffnung für die Liebe
Fragen an Paige Toon
Für Helen Brookes,
meine hübsche, wunderbare, inspirierende Freundin.
Ich habe dich zum Fressen gern.
Seit ich Ohne dich keine Weihnacht geschrieben habe, werde ich immer wieder gefragt, warum meine Kurzgeschichten bisher nur als E-Book erschienen sind. Das ist ganz einfach: Weil sie viel kürzer sind als meine anderen Romane, hat es sich bisher einfach nicht gelohnt, sie als Taschenbuch zu veröffentlichen. Und obwohl ich immer erkläre, dass man E-Books auch herunterladen kann, wenn man keinen speziellen E-Reader hat, zum Beispiel aufs Handy oder auf den Computer, lesen viele von euch meine Geschichten immer noch am liebsten, wenn sie auf echtes, seidenweiches, himmlisch duftendes Papier gedruckt sind.
2014 habe ich The Hidden Paige gegründet, einen Fan-Club mit regelmäßigem Newsletter, durch den meine Leserinnen und Leser Zugang zu exklusiven, zusätzlichen Geschichten über meine Romanfiguren bekommen. So was wie das Bonusmaterial auf DVDs, nur eben für Bücher. Während der letzten Jahre sind euch Mini-Fortsetzungen, Zusatzszenen, Bonuskapitel und einzelne Kurzgeschichten ins E-Mail-Postfach geflattert.
Jetzt, wo ich schon so viele Geschichten geschrieben habe, freue ich mich sehr, dass ich euch endlich geben kann, was ihr wollt: all meine Fortsetzungsgeschichten, die es bisher nur als E-Book gab, zusammen mit dem Bonusmaterial von The Hidden Paige, in einer einzigen, kompletten Taschenbuchausgabe aus echtem Papier. (Anmerkung: Diese Ausgabe wird auch als E-Book erscheinen. Hallo E-Book-Fans, gleiches Recht für alle!)
Falls ihr vergessen habt, was genau wann passiert ist, oder falls ihr genauer wissen wollt, warum ich beschlossen habe, mich mit manchen Personen noch genauer zu befassen, habe ich für jede Geschichte eine kleine Einleitung geschrieben.
Leserinnen und Leser, die meine Geschichten schon kennen, werden von diesem Buch am meisten haben. Aber ich hoffe, dass auch denjenigen unter euch, die meine Romane noch nicht kennen, dieses Buch gefallen wird.
Wenn ihr noch kein Mitglied von The Hidden Paige seid, könnt ihr euch auf paigetoon.com anmelden. Es ist komplett kostenlos, und es gibt bestimmt schon bald eine neue Geschichte, die euch per E-Mail als Erstes erreicht.
Bis dahin hoffe ich, dass es euch Freude macht, von ein paar bekannten Gesichtern zu lesen und ein paar neue kennenzulernen. Mir ging es jedenfalls so.
Alles Liebe,
Paige x
@PaigeToonAuthor #TheHiddenPaige www.paigetoon.com
Nachdem Ohne dich fehlt mir was im Jahr 2015 erschien, haben mich viele Leserinnen und Leser um eine Fortsetzung gebeten.
Obwohl sich das Ende des Romans zum Zeitpunkt des Schreibprozesses richtig angefühlt hatte, muss ich zugeben, dass es mich, wann immer ich es später gelesen habe, einfach nicht zufriedengestellt hat – und meinen Lesern ging es wohl ähnlich. Daher bin ich sehr froh, dass der Verlag mir die Chance gegeben hat, diese Fortsetzung zu schreiben, weil ich dadurch Alice, Joe und Lukas den Schluss geben konnte, den sie brauchten.
Und jetzt zu dir, Alice …
Federnden Schrittes mache ich neue Spuren in den frisch gefallenen Schnee. Die Sohlen meiner Stiefel knirschen auf dem frostigen Untergrund. Es ist erst acht Uhr morgens, und ich bin jetzt schon fast zu aufgeregt, um überhaupt atmen zu können. Die Vorfreude und Nervosität in den letzten Wochen – nein Monaten – haben mich fast umgebracht. Wie soll ich heute Nacht nur schlafen? Und wem versuche ich da eigentlich gerade, etwas vorzumachen? Natürlich werde ich überhaupt nicht schlafen.
Als Erstes muss ich allerdings den heutigen Tag überstehen. Das Lächeln, das schon die ganze Zeit auf meinen Lippen spielt, wird noch breiter, bis ich schließlich tatsächlich anfange zu kichern. Laut. Wie eine richtige Verrückte.
»Morgen!«, zwitschere ich einem einsamen Passanten zu.
»Morgen«, antwortet er mit einem misstrauischen Gesichtsausdruck.
Die Straßen sind so gut wie leer zu dieser frühen Stunde an einem klirrend kalten Samstagmorgen im Dezember.
Ich hüpfe nur so über Magdalene Bridge und bedenke die rechts von mir vertäuten Stechkähne dabei mit einem besonders warmen Lächeln. Eine dünne Eisschicht bedeckt den Fluss, die Gebäude und die Straßen sind mit flauschigem, leuchtend weißem Zuckerguss bedeckt, darüber strahlt ein perfekter blauer Winterhimmel. Ich glaube nicht, dass ich Cambridge jemals derart schön gesehen habe.
Heute ist der Tag, an dem zwei meiner absoluten Lieblingsmenschen – Jessie und Emily – endlich heiraten werden. Ich habe Jessie kennengelernt, als ich noch am Angelia Ruskin studierte, hier in Cambridge. Er arbeitete als Stechkahnfahrer auf dem Fluss Cam – er hat mir das Stechkahnfahren beigebracht –, aber das war nicht das Einzige, womit er mir meine Lebensfreude zurückgab. Als ich ihm begegnete, war ich ein Wrack. Aber genug der alten Geschichten.
Emily war unsere Mitbewohnerin in meinem zweiten Studienjahr. Als ich sie kennengelernt habe, war sie nur eine kleine graue Maus, und Jessie und ich bekamen sie so gut wie nie zu Gesicht. Irgendwann legte sie jedoch ihren Panzer ab, und wir wurden gute Freundinnen. Und dann wurde aus ihrer Beziehung zu Jessie irgendwann mehr als nur Freundschaft. Sie sind schon seit neun Jahren zusammen, und jetzt, heute, machen sie das Ganze endlich offiziell.
Als Jessie mir erzählte, dass er Emily einen Heiratsantrag gemacht hatte, hatte ich vermutet, dass sie in Schottland heiraten würden, denn dort kommt Emily her. Umso mehr freute ich mich über ihre Entscheidung für Cambridge. Schließlich ist das der Ort, an dem sie sich kennengelernt hatten. Inzwischen habe ich Jessies Elternhaus fast erreicht.
Jessies Eltern, Judy und Andrew, wohnen in einer der Villen auf Mount Pleasant. Als ich noch studiert habe, verbrachten sie ein paar Monate in Amerika und erlaubten Jessie, zwei der Zimmer an Studierende zu vermieten, nämlich an Emily und mich.
Ich öffne das Gartentor, gehe zu der schweren, mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Haustür und klopfe. Fast sofort wird die Tür aufgerissen, und ich strahle hinauf in Jessies vertrautes Gesicht. Sein rotes Haar sieht noch wilder aus als sonst, und er ist ein wenig blass. Mit wachsender Begeisterung stelle ich fest, dass er fast schon ein bisschen panisch aussieht.
Ich breche in lautes Gelächter aus. »Du hast ja Schiss!«, kreische ich und bin nicht in der Lage, die gute, mitfühlende Freundin zu geben, die in dieser Situation wahrscheinlich eher angebracht gewesen wäre.
»Ja, ja, schon gut, halt doch die Klappe«, sagt er gutgelaunt, während er mich ins Haus zieht und die Tür ins Schloss fallen lässt.
Dann schlinge ich ihm die Arme um den Hals, und er hebt mich hoch, wobei er mir regelrecht die Luft abdrückt. Dann muss auch er lachen. Er stellt mich wieder hin, und ich schaue zu ihm auf.
»Heute ist dein großer Tag, Weasley«, sage ich leise. Ich spreche ihn mit dem Spitznamen an, den ich ihm vor einem ganzen Jahrzehnt gegeben habe, als wir uns kennenlernten. Er erinnerte mich an Rupert Grint, den Schauspieler von Ron Weasley in Harry Potter.
»Das kann man wohl sagen, China«, antwortet er mit einem Grinsen.
Ich heiße Alice, aber er nennt mich China, weil meine Großmutter Chinesin war. Ich habe ihr langes, glattes, tiefschwarzes Haar und eine Andeutung ihrer orientalischen Augen, auch wenn meine grün sind wie die meiner Mutter.
Erst vor ungefähr acht Monaten haben wir angefangen, uns wieder mit unseren alten Spitznamen anzusprechen. Jahrelang waren sie unbenutzt geblieben. Wir hatten uns auseinandergelebt als … Nein. Daran versuche ich heute so wenig wie möglich zu denken.
»Bin ich froh, dich zu sehen!« Jessie holt mich schlagartig in die Gegenwart zurück. »Wie geht’s Emily?«
»Ist die Ruhe selbst«, antworte ich. Ich habe sie in ihrem Hotelzimmer auf der anderen Seite von Cambridge zurückgelassen. Cambridge ist nicht groß, also hat es nicht so lange gedauert, hier herüberzulaufen.
Ich bin eine ihrer drei Brautjungfern, und als ich heute Morgen in ihrem Hotel ankam, ging sie gerade seelenruhig ihren Koffer durch und stellte fest, dass sie ihre Tiara wohl bei Jessie vergessen hatte. Ich habe angeboten, hinüberzugehen und die Tiara zu holen, weil ich Cambridge besser kenne als die Brautjungfern Nummer eins und zwei: Amy kommt aus Schottland und Ruth aus London. Und ich sollte die Stadt auch wirklich kennen wie meine Westentasche, schließlich lebe ich hier jetzt schon seit mehr als zehn Jahren.
»Wirklich?« Jessie ist überrascht.
»Yep. Also reißt du dich jetzt auch besser mal zusammen.« Ich entdecke die Tiara auf einem Tischchen im Flur. »Ah, super! Du hast sie gefunden.«
»Klar.«
Überrascht stelle ich fest, dass es gar nicht nach Bacon und Pfannkuchen duftet. Das müsste es nämlich eigentlich an einem Samstagmorgen nach einem Abend im Pickerel Inn, dem Pub, in dem wir uns früher immer getroffen haben. Wegen der guten, alten Zeiten waren wir gestern mit ein paar alten Stechkahnkameraden hingegangen.
»Hast du was gegessen?«, frage ich Jessie mit gerunzelter Stirn.
»Nee. Keinen Hunger.«
Ich starre ihn an. »Was?«
Er zuckt die Schultern. »Ich bin einfach aufgeregt.«
»Du? Zu aufgeregt zum Essen?«, bringe ich heraus. »Nie, niemals hätte ich gedacht, das jemals in meinem Leben aus deinem Mund zu hören. Wo sind deine Eltern?«
»Mum duscht, Dad schläft noch.«
Ich schaue auf die Uhr. Ich habe genug Zeit, Emily wird es nichts ausmachen, wenn ich mir mit dem Rückweg Zeit lasse. »So«, sage ich entschlossen. »Ich mache dir jetzt erst mal Frühstück.«
Widerwillig folgt er mir den Flur entlang in die Küche. Ich rücke ihm einen Stuhl zurecht und mache mich dann daran, die Zutaten für Pfannkuchen aus den Schränken zu holen.
»Wann kommen eigentlich Chris, Jacob und Tom?« Sie sind seine Trauzeugen. Chris ist einer unserer Stechkahnkameraden, und Jacob und Tom sind Jessies Freunde aus London, wo er jetzt mit Emily wohnt. Emily ist Sozialarbeiterin, und Jessie ist der Manager eines Gastro-Pubs.
»So gegen neun.«
Gut. Dann können sie ihn auf andere Gedanken bringen, im Augenblick liegt diese Verantwortung in meinen Händen.
»Wie ist euer Haus?«, fragt Jessie.
Mein Lächeln droht mein Gesicht zu zersprengen. Ich bin erst vor einer Woche eingezogen.
»So schön, hm?« Er lächelt schwach. Wahrscheinlich fühlt er sich auch schwach. »Wann dürfen wir es sehen?«
»Denkst du, ihr hättet vielleicht Montag Zeit, bevor ihr aufbrecht?«, frage ich hoffnungsvoll.
Er runzelt die Stirn. »Musst du da nicht arbeiten?«
»Oh, stimmt.« Typisch, dass ich das vergesse.
Er grinst. »Ich wette, du wärst lieber zu Hause. Wann kommt er denn?«
»Morgen Abend«, sage ich glücklich und kann mir ein Grinsen kaum verkneifen.
»Aufgeregt?«, fragt er belustigt.
Ich nicke schnell und kann meine Füße nicht davon abhalten, über den Küchenfußboden zu hüpfen.
Jessie lacht. »Wie schön, dich so happy zu sehen.«
Ich lächele und schütte Mehl in den Messbecher. »Was ist mit dir, Weasley? Wie fühlst du dich? Das hier sollte der glücklichste Tag deines Lebens sein.«
»Blöderweise geht es mir gerade ziemlich elend.«
Schnelle Schritte auf den Dielen über uns ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich. Seine Mutter ist definitiv fertig mit Duschen. Es klingt, als rase sie wie aufgezogen durch die Gegend, und dann hören wir, wie sie mit Quietschstimme versucht, seinen Dad zu wecken.
»Die klingt ja noch gestresster als du«, kommentiere ich. Jessie ist ein Einzelkind, das hier ist also auch ihr großer Tag.
»Sieht ihr ähnlich.« Er verdreht die Augen und wendet sich wieder dem Geschehen in der Küche zu. »Was machst du denn?«, fährt er mich plötzlich an.
»Ich … löffle … Zucker … in eine Schüssel«, sage ich langsam, als wäre er ein bisschen schwer von Begriff.
»Du hast das Mehl gar nicht gesiebt!« Er klingt total entrüstet. »Geh mal zur Seite«, sagt er mit einem lauten, übertrieben dramatischen Seufzer und steht auf. Er drückt mich auf seinen Stuhl, und ich muss grinsen. Weasley macht Frühstück – die Welt ist in Ordnung. Und, denke ich zufrieden, ich habe es geschafft, ihn abzulenken. Zwei Fliegen mit einer Klappe.
Als seine Trauzeugen eintreffen, sind seine Mum und sein Dad schon unten. Erstere wuselt aufgeregt durch die Wohnung, während Letzterer die Zeitung liest wie an jedem anderen Tag.
Jessie bringt mich zur Tür. »Vergiss nicht, ihr die hier zu geben«, sagt er und hält mir eine Papiertüte hin, die drei in Alufolie eingewickelte Pfannkuchen enthält.
Ich hatte es einfach nicht übers Herz gebracht, ihm zu sagen, dass Emily gerade ein Champagnerfrühstück bestellt hatte, als ich das Hotel verließ.
»Oh, die hier sollte ich vielleicht auch mitnehmen!« Ich schnappe mir die Tiara, die immer noch auf dem Tischchen liegt.
»Sag ihr, ich liebe sie«, sagt er und berührt mich leicht am Arm.
»Mach ich.« Voller Zuneigung lächele ich ihn an. »Viel Glück!«
»Danke.«
»Wir sehen uns, wenn du’s überstanden hast«, füge ich hinzu. Er schnaubt spöttisch durch die Nase und schiebt mich aus dem Haus.
Der Morgen vergeht wie im Fluge. Frisuren, Make-up und wunderschöne Kleider verschwimmen zu einer bunten Mischung, bis wir endlich nach unten gehen. Die Autos, die uns zur St Mary’s Church in der Innenstadt bringen werden, stehen schon bereit. Emily sieht umwerfend aus. Sie trägt ein langes, cremefarbenes Kleid mit einem passenden Mantel, der sie vor dem kalten Winterwetter schützt. Der Schnee kommt dieses Jahr verdammt früh, aber niemand würde auf die Idee kommen, sich darüber zu beschweren – die Stimmung ist einfach magisch. Emilys dunkles Haar ist auf ihrem Kopf unter der glitzernden Tiara aufgetürmt worden. Ein paar Strähnen fallen locker um ihr Gesicht. Ihr Make-up ist hübsch und ziemlich natürlich, sie sieht ganz anders aus als das Emo-Mädchen, das vor vielen Jahren in Jessies Haus einzog. Damals hatte sie ein Nasenpiercing, trug immer nur schwarz und war ständig stark geschminkt. Sie hat damit aufgehört, als ihr der Job in London angeboten wurde.
Wir Brautjungfern tragen bodenlange, anthrazitfarbene Kleider und hochhackige Schuhe. Aber obwohl wir dazu passende Jäckchen tragen, ist es schwer, nicht mit den Zähnen zu klappern, als wir für die ersten Fotos posieren. Dann geht es los.
Ich bin richtig nervös, als die Tür geöffnet wird – wie Emily sich fühlt, kann ich mir kaum vorstellen. Jessie steht mit seinen Freunden am Altar, wir tauschen ein unsicheres Lächeln. Als Emilys dritte Brautjungfer muss ich die Kirche als Erste betreten. Ruth geht hinter mir, und Amy, die Ehrendame, gleich dahinter, danach kommen Emily und ihr Dad. Die Musik setzt ein, und meine Füße setzen sich automatisch in Bewegung und tragen mich den langen Mittelgang entlang auf den Altar zu. Es erfordert meine volle Konzentration, nicht zu schnell zu gehen. Endlich ist der Altarraum erreicht. Ich stelle mich auf die linke Seite. Erleichtert aufatmend drehe ich mich um und erhasche einen Blick auf Emily. Die Kirche ist ziemlich voll, was mich nicht im Geringsten überrascht – Jessie war schon immer sehr beliebt, und auch Emily ist nicht mehr das schüchterne Mädchen, das sie an der Uni war. Jessie steht ruhig da, während er seiner zukünftigen Frau zuschaut. Aber sein Gesichtsausdruck gibt mir den Rest. Tränen steigen mir in die Augen, und ich sehe das Lächeln, das Emily Jessie schenkt, als sie den Altarraum erreicht, nur verschwommen. Zum Glück drückt mir irgendjemand ein Taschentuch in die Hand. Ich lächele Ruth dankbar an. Als der Priester mit der Predigt beginnt, dürfen wir uns setzen. Ich drehe mich um, um meinen Platz in der ersten Reihe einzunehmen, als mein Blick sich in die linke, hintere Ecke der Kirche verirrt. Mein Herz setzt einen Schlag aus, als seine dunklen Augen in meine schauen. Er hat zwar einen Bart, einen buschigen, schwarzen Vollbart, aber er ist es. Er lächelt mich spöttisch an und nickt mir dann vielsagend zu, er will mir sagen, dass alle anderen schon sitzen. Schnell husche ich an meinen Platz, aber sein Blick brennt geradezu auf meinem Hinterkopf, und mein Herz klopft wild. Dann werde ich von einer Welle der Freude überrollt, und ich kann mich kaum beherrschen. Er ist hier. Er ist hier. Er ist hier.
Es fällt mir schwer, mich auf den Gottesdienst zu konzentrieren. Als wir das nächste Mal aufstehen müssen, schaue ich kurz zu ihm nach hinten, nur um sicherzugehen, dass er es wirklich ist. Er ist es, unverkennbar, sogar mit seiner ungewöhnlichen Gesichtsbehaarung. Joe. Mein Joe.
Natürlich ist er nicht nur mein Joe. Er ist Joseph Strike, A-Promi und Hollywoods heißester Shootingstar, und eine Million Frauen auf dieser Erde glauben ebenfalls, dass ihnen ein Stück von ihm gehört. Aber das tut es nicht. Nicht wirklich. Er gehört mir, nur mir. Mein Herz ist so voller Liebe, dass es sich anfühlt, als würde es jeden Moment platzen.
Wie hat er es geschafft herzukommen, ohne dass ihn jemand erkannt hat? Muss wohl am Bart liegen. Plötzlich habe ich den Drang, laut loszulachen. Ich ziehe ernsthaft in Betracht, mir Ruths Taschentuch in den Mund zu stopfen, damit das nicht passiert, aber zum Glück ist es wieder an der Zeit zu singen, und alle stehen auf. Jetzt grinst Joe mich an – er weiß genau, dass ich nicht mehr lange an mich halten kann. Ich sollte mich wirklich konzentrieren, aber er singt absichtlich mit einer solch übertriebenen Inbrunst, um mich zum Lachen zu bringen, dass es tatsächlich funktioniert. Amy schaut mich böse an, also drehe ich mich schnell wieder um und schaue nach vorne, aber ich werfe dennoch einen Blick zu ihm zurück. »Sorry!«, lese ich von seinen Lippen. Es tut ihm leid, dass ich Ärger von Brautjungfer eins bekommen habe. Ich schürze die Lippen und versuche, so gut ich kann, die Worte aus dem Programmheft zu singen. Was, wenn er geht, weil er gemerkt hat, dass er mich ablenkt? Panisch schaue ich wieder nach hinten, aber er ist noch da, singt weniger übertrieben mit und beobachtet mich. Wieder nickt er mir vielsagend zu. Jetzt zwinge ich mich wirklich, mich auf den Gottesdienst zu konzentrieren.
Er ist wunderschön, und als Jessie seine Braut küssen darf, habe ich endlich eine Ausrede, so wild zu klatschen, dass mir die Hände weh tun. Der Gottesdienst ist außerdem dankenswert kurz, mit zwei knappen Lesungen und Liedern, die fröhlich stimmen und nur ein paar Strophen lang sind.
Die Menge folgt der Hochzeitsgesellschaft aus der Kirche, und ich weiß, dass Joe bis ganz zum Schluss warten wird, bevor er geht. Ich habe also Zeit, meinen Freunden zu gratulieren. Jessie umarmt mich ungestüm, und ich flüstere ihm ins Ohr: »Er ist hier!«
Schockiert stellt mich Jessie wieder auf die Füße. Seine Augen durchsuchen die Menge.
»Drinnen«, sage ich grinsend.
»Was ist los?«, fragt Emily. Sie spürt genau, dass irgendetwas vor sich geht. Wir stecken die Köpfe zusammen.
»Joe ist hier!«, flüstere ich.
Sie reißt die Augen auf. »Echt jetzt? Kommt er auch zur Feier?«
»Oh, keine Ahnung.« Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. »Wahrscheinlich ist überhaupt kein Platz, oder?«
»Wir haben ein Büfett!«, ruft Jessie. »Klar ist da Platz.«
»Vielleicht will er nicht gesehen werden«, füge ich schnell hinzu.
»Das geht schon.« Jessie versucht, mich zu überzeugen. Ich weiß genau, dass er es kaum erwarten kann, Joe kennenzulernen.
»Auf jeden Fall«, stimmt Emily zu. Sie will ihn auch unbedingt treffen. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass sie sogar so eine Art Groupie ist, auch wenn sie das Jessie gegenüber nie zugeben würde.
»Kommt schon, Leute.« Jessies Mum, Judy, unterbricht uns mit geradezu schneidender Stimme. »Machen wir endlich diese Fotos, wir sind hier nämlich alle am Erfrieren.«
Zum Glück sind die Straßen größtenteils geräumt worden, so dass es selbst für uns Brautjungfern mit unseren hohen Schuhen nicht allzu schwierig ist, durch die schmalen, mittelalterlichen Straßen zur Garret Hostel Bridge zu laufen. Ich wünschte, Joe liefe neben mir, um mich zu wärmen, weiß aber, dass er sich momentan noch außer Sichtweite aufhalten muss. Die Brücke bildet einen relativ hohen Bogen, wurde aber gut gestreut, so dass selbst dieser Anstieg vergleichsweise leicht zu bewältigen ist. Während wir mit aufgesetztem Lächeln der Kälte trotzen, schießt die Fotografin schnell ein paar Bilder von der Hochzeitsgesellschaft.
Als Jessie und Emily in den Stechkahn steigen, der am Ufer auf sie wartet, bricht die Gruppe geschlossen in lauten Jubel aus. Jessies Trauzeugen haben das Boot mit silbernem Glitzerstaub und funkelnden Girlanden dekoriert. Wir lassen einen Schauer aus Rosenblütenblättern auf das Brautpaar niederregnen, als Jessie beginnt, seine lachende Braut Richtung Sektempfang zu staken. Der Rest der Gesellschaft macht sich sofort auf den Weg, aber ich bleibe noch kurz stehen. Mein Blick fällt auf die Trinity Bridge. Ich komme nicht gegen eine leichte Melancholie an, die in mir aufsteigt, als ich daran zurückdenke, wie Lukas vor vielen Sommern mit einem Buch auf dieser Brücke saß. Lukas. Mein großer, blonder, gutaussehender Fast-Exmann. Ich versuche, ihn aus meinen Gedanken zu verbannen, weil ich nicht unglücklich sein will. Nicht heute. Ich zittere ein bisschen, als ich mich abwende, um der Gesellschaft zu folgen. Joe steht mir direkt gegenüber, sein Gesicht nur wenige Zentimeter von meinem entfernt. Ich schlinge ihm die Arme um den Hals, während er mich so fest umarmt, dass mir die Luft wegbleibt. Die Wärme seines Körpers lässt mich die eisige Kälte der Luft sofort vergessen.
»Du bist wirklich hier.« Meine Stimme wird von seiner Jacke gedämpft. Er schiebt mich ein Stück von sich, um mich anzuschauen.
»Ich wollte dich überraschen.«
»Hast du geschafft.«
Sein Lächeln verschwindet, als sein Blick meine Lippen streift, und dann küsst er mich. Die Welt um uns herum sackt in sich zusammen, und Schauer durchzucken meinen ganzen Körper. Ich kann nicht fassen, dass er immer noch diese Wirkung auf mich hat! Er hält mich noch fester, und ich presse meinen Körper an seinen, meine Hände schiebe ich unter sein Jackett, um ihm so nahe wie möglich zu sein. Er fühlt sich noch breiter und muskulöser an als bei unserer letzten Begegnung. Das war vor drei unerträglichen Monaten ohne ihn. Plötzlich habe ich das regelrecht verzweifelte Verlangen, ihm die Kleider vom Leib zu reißen. Dann komme ich wieder halbwegs zu mir und ziehe mich keuchend ein Stück zurück.
Seine dunklen Augen blitzen auf, als er mein Gesicht in die Hände nimmt und zu mir herunterschaut.
»Ich laufe wirklich Gefahr, mich zu vergessen«, sage ich mit Nachdruck und drücke seine Hand. Ich weiß, dass ich jetzt eigentlich beim Sektempfang sein sollte, um Jessie, Emily und den Rest der Gäste willkommen zu heißen.
»Später«, murmelt er leise. Er zieht mich an sich, und wir laufen Arm in Arm über die Brücke.
Ich berühre Joes Bart. »Was ist das hier eigentlich?«
»Den musste ich mir doch für die Rolle wachsen lassen.« Er grinst mich an. Er war gerade am Set irgendwo im brasilianischen Regenwald. Die letzten drei Monate konnten wir uns nur per Satellitentelefon unterhalten, Handynetz gibt es dort keins. »Ich rasiere ihn ab, wenn wir zu Hause sind«, verspricht er.
Zu Hause. Wieder läuft mir ein Schauer den Rücken herunter.
Als ich mich Anfang des Jahres von Lukas getrennt habe, bin ich in eine Haus-WG gezogen. Das war das Einzige, was ich mir von meinem Lehrerinnengehalt leisten konnte. Es war ein schönes, kleines Haus, und meine Mitbewohnerin Lisa war wirklich nett, trotzdem kam es mir irgendwie vor wie eine Rückkehr ins Studentenleben. Joe wollte mir ein Haus kaufen – er fing immer wieder davon an –, aber ich leistete Widerstand. Bis vor ungefähr zwei Monaten, als er mir sagte, dass er im Dezember nach Cambridge kommen würde, um mit mir Weihnachten zu feiern. Unser erstes gemeinsames Weihnachtsfest. Der Kauf wurde letzte Woche abgeschlossen. Für mich ist es sein Haus, und ich kümmere mich darum, wenn er nicht da ist, was traurigerweise ziemlich oft der Fall ist. Aber er besteht darauf, dass das Haus uns beiden gehört.
Sein Drehplan war in diesem Jahr gerammelt voll, und das nächste Jahr sieht auch nicht viel besser aus. Seine Basis ist nach wie vor in L.A., wo ich ihn in den Sommerferien besucht habe. Es kam mir ziemlich unwirklich vor. Ich glaube, so wirklich gefallen tut es mir dort nicht. Danach hat Joe mir geschworen, mehr Zeit in England zu verbringen. Es erstaunt mich immer noch, dass es uns bisher gelungen ist, unsere Beziehung geheim zu halten. Ich bin so froh, dass ich ein ganz normales Leben führen kann, mit einem ganz normalen Job, sogar wenn ich dabei manchmal mit anhören muss, wie sich meine Kollegin Roxy ununterbrochen über Joseph Strike auslässt. Ohne Witz, sie ist geradezu besessen! Jede Klatschgeschichte über ihn landet auf direktem Wege bei mir. Das ist etwas, mit dem ich nur schwer zurechtkomme.
»Es ist so schön hier«, sagt Joe und lässt seinen Blick bewundernd über die historischen College-Gebäude gleiten, während wir die schmalen Straßen entlanglaufen. Die Weihnachtsbeleuchtung glitzert und funkelt über unseren Köpfen. Ich entdecke Amy und Ruth vor uns, also sind wir nicht mehr allzu weit von der Gesellschaft entfernt.
»Mit dem Schnee ist es sogar noch schöner als sonst«, erkläre ich. »Ich gebe dir auf jeden Fall irgendwann eine Stadtführung.«
»Vergiss dein Versprechen nicht: Du hast gesagt, du nimmst mich in deinem Kahn mit.«
Ich lache. Typisch, dass er sich daran noch erinnert! »Ich bin eine halbe Ewigkeit nicht Stechkahn gefahren.«
»Ich wette, du bist ganz schnell wieder drin.«
»Dann musst du’s aber auch mal versuchen«, gebe ich zurück.
»Die perfekte Methode, Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen«, sagt er schmunzelnd.
»Du kannst das sowieso sofort, genau wie alles andere Sportliche auch.«
Er lacht und drückt mich an sich. Wieder überrollt mich eine Welle von Glück.
Wir erreichen die Magdalene Bridge gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Jessie und Emily an der Stechkahnstation anlegen.
Alle jubeln und klatschen, während Jessie Emily aus dem Boot hilft. Dann gehen die beiden voraus Richtung Sektempfang.
»Du kommst doch zur Feier, oder?«, frage ich Joe besorgt. Wir laufen ein paar Meter hinter der Hochzeitsgesellschaft.
Er wirft einen Blick nach vorne. »Ich weiß nicht, bin ich denn eingeladen?«
»Natürlich bist du eingeladen. Aber … machst du dir keine Gedanken, dass man dich erkennen könnte?«
»Ach, wird schon schiefgehen, oder?«, fragt er.
»Hoffentlich nicht«, sage ich zögernd. »Auf jeden Fall geht es heute schließlich nur um Jessie und Emily, oder?«
»Genau.«
»Sie wollen dich unbedingt kennenlernen!«
Die letzten hundert Meter gehen wir Hand in Hand, schweigend. Wir wissen beide, dass wir ein Risiko eingehen. Wenn unsere Beziehung irgendwann öffentlich wird, wird sich alles verändern. Ich werde meinen Job wahrscheinlich nicht mehr machen können. Ich liebe meine Arbeit. Natürlich ist es manchmal stressig, eine Horde von Sechs- und Siebenjährigen zu unterrichten, aber es macht auch sehr viel Spaß und ist oft bereichernd. Und das Wichtigste: Es ist normal. Ich weiß, woran ich bin. Die Vorstellung, die ganze Zeit belästigt und ausgequetscht zu werden – und sogar gejagt – von Schnüfflern und besessenen Mädels, getrieben von Eifersucht und Hass … das alles jagt mir einen Schauer über den Rücken, diesmal aber keinen angenehmen.
»Wir müssen das hier nicht machen«, sagt Joe leise, als er bemerkt, wie besorgt ich bin.
»Nein, schon okay.« Ich halte seine Hand noch fester, denn eigentlich ist mir ein bisschen schlecht vor Angst. Er legt tröstend den Arm um mich und drückt mich kurz an sich. Dann sind wir da. Wir sind die Letzten, aber Jessie und Emily haben auf uns gewartet. Ihre Augen glänzen vor Aufregung. Sie wissen alles über Joseph Strike. Es ist schwer, nicht alles über ihn zu wissen. Aber sie haben auch alle seine Filme gesehen. Ich weiß, dass sie richtige Fans von ihm sind. Das reicht, damit meine Nerven kurzzeitig komplett verrücktspielen.
»Hallo«, quietsche ich.
»Hallo!«, bringt Emily heraus. Sie hat nur Augen für Joe.
»Hey«, sagt Joe herzlich, als er Jessie die Hand schüttelt. »Glückwunsch!«
»Danke«, sagt Jessie. Sein Gesicht hat ungefähr die Farbe von Roter Bete.
»Du siehst toll aus«, sagt Joe zu Emily und küsst sie auf die Wange. Auch sie läuft rot an und stammelt ein Dankeschön, aber jetzt bemerke ich auch, dass sie Joe nicht in die Augen sehen kann.
»Danke, dass ich kommen durfte«, sagt Joe ernst.
»Aber klar.« Jessie tritt von einem Fuß auf den anderen.
»Kein Problem«, fügt Emily hinzu. Sie haben beide Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden, aber Joe scheint sich von ihrer Reaktion nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Wahrscheinlich ist er an solche Situationen gewöhnt.
»Hier«, sagt Jessie und reicht uns zwei Gläser Champagner vom Tablett einer vorbeihuschenden Kellnerin.
»Und ihr?«, fragt Joe, als er ihre leeren Gläser bemerkt.
»Ach ja.« Jessie nimmt zwei weitere vom Tablett.
»Cheers!«, rufe ich. Wir stoßen an. Jessie stürzt die Hälfte seines Champagners in einem Zug hinunter.
»Der Gottesdienst war so schön.« Ich versuche, das Eis zu brechen.
»Ja, wirklich.« Joe stimmt mir zu. »Wo macht ihr Flitterwochen?«
»Österreich«, antwortet Jessie. »Ich bring Emily das Snowboardfahren bei.«
Emily verdreht die Augen. »Na dann viel Erfolg.«
Er lacht leise und küsst ihre Schläfe. Sie wird wieder rot.
»Ich wünschte, ich könnte snowboarden«, sinniert Joe.
»Hast du das noch nie gemacht?«, fragt Jessie überrascht.
»Hatte noch nie die Gelegenheit.«
»Ihr solltet irgendwann mal mitkommen!«, ruft Jessie.
»Das wäre toll«, sagt Joe ernsthaft. »Du bist doch Snowboardlehrer, oder?«
»War ich mal.« Jessie nickt. Ich bin überrascht, dass Joe sich daran erinnert.
»Vielleicht könntest du es mir beibringen.«
»Auf jeden Fall«, antwortet Jessie geschmeichelt. »Ich frische meine Lehrkünste aber besser noch mal mit meiner Frau auf.«
Emily knufft ihn in die Seite und lacht. »Mal sehen, ob ich eine gute Schülerin abgebe.«
»Ihr seid VERHEIRATET!«, quietsche ich plötzlich. Sie lachen beide. Sie sind sichtlich entspannter, zum Glück.
»Freust du dich auf euer neues Haus?«, fragt Jessie Joe.
»Kann es kaum erwarten. Ist es okay?«
»Keine Ahnung. Sie hat niemandem erlaubt, es sich anzuschauen, bevor du es gesehen hast.« Er schaut mich mit gespieltem Ärger an.
»Oh, wirklich?« Joe schaut mich an, seine Augen funkeln.
»Aber jetzt, wo du da bist …«, sage ich und werfe Joe einen Blick zu. Er nickt, und ich wende mich wieder Emily zu. »Ihr könntet morgen vorbeikommen, wenn ihr wollt?«
»Das wäre toll!«, platzt Emily heraus.
»Ja, super«, stimmt Jessie zu.
»Jessie! Emily!« Judy wedelt wie wild mit den Armen. Sie hat mich entdeckt und kommt schnellen Schrittes herüber. »Hätte ich wissen müssen, dass ihr drei wieder mal zusammensteckt.« Sie wirft einen Blick auf Joe.
»Mum, das ist Joe.« Jessie macht die beiden miteinander bekannt.
»Hallo!« Sie lächelt freundlich, aber ihr Blick spiegelt kein Wiedererkennen.
Eine geschafft, jetzt nur noch die circa neunzig anderen Gäste.
»Könntet ihr, du und Emily, rüberkommen und mit deinem Großonkel Gerard sprechen, Schatz? Ich weiß nicht, wie lange er noch durchhält, bevor er einschläft.«
»Klar, Mum«, sagt Jessie resigniert. »Bis später«, sagt er zu uns und nimmt Emilys Hand.
Joe lächelt mich an.
»Sollen wir uns eine ruhige Ecke suchen?«
Er schaut mich mit hochgezogener Augenbraue an. Gott, ist er sexy.
»Hey!«, flüstere ich. »Lass das.«
Er schaut sich um und entdeckt einen leeren Tisch am anderen Ende des Raumes. »Da drüben.«
Er geht vor. Jeder der Blicke, die sich auf uns richten, ist mir nur allzu bewusst, aber niemand schaut ein zweites Mal hin. Der Bart ist eine super Tarnung, und wer würde schon erwarten, dass Joseph Strike hier aufkreuzt?
Wir setzen uns an den abgeschirmten Tisch. Unsere Oberschenkel sind unter dem Tisch aneinandergepresst. Plötzlich ist die Luft zwischen uns elektrisch geladen. Ich drehe mich zu ihm um, und wir sehen uns tief in die Augen, bevor er zärtlich meine Lippen küsst. Der Kuss ist viel zu schnell vorbei. Das hier ist weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt, das wissen wir beide nur zu gut.
»Du hast mir gefehlt.«
Die Worte kommen genau gleichzeitig aus unseren Mündern, wir müssen beide lachen. Er berührt sanft meine Wange.
»Du bist wunderschön.«
Ich lächele zurück. »Du siehst auch verdammt sexy aus.«
»Sogar mit diesem Bart?«
»Sogar mit Bart«, bestätige ich. Ich lege ihm eine Hand auf die Brust, die sich definitiv noch muskulöser anfühlt als vorher. »Musstest du viel trainieren für die Rolle?«, frage ich neugierig.
Sieht aus, als ob er sich ein bisschen dafür schämt. »Ja, war ziemlich heftig.«
»Seltsame makrobiotische Ernährungsvorschriften?«, frage ich belustigt. Darüber habe ich mich schon mal lustig gemacht.
»Leider ja.« Er verdreht die Augen. »Aber jetzt nicht mehr.«
The Darkest Side, der Actionthriller, an dem er gearbeitet hat, ist gerade abgedreht. Jetzt muss er nur noch in seinem Studio in L.A. ein bisschen Voice-over-Zeug aufnehmen. Aber erst im Januar.
»Fertig mit den oberkörperfreien Drehs?«, frage ich neckisch.
»Yep. Der einzige Ort, an dem man mich in nächster Zeit oberkörperfrei sieht, ist dein Schlafzimmer«, antwortet er mit erhobener Augenbraue.
»Nur im Schlafzimmer?« Ich gebe mich enttäuscht. »Wir haben doch so einen schönen Teppich vor dem Kamin.«
Er lächelt und küsst mich wieder. »Du hast ›wir‹ gesagt.«
Ich kichere. »Den Teppich habe ich aus meiner alten Wohnung mitgebracht, genau genommen, gehört er also mir, aber ich kann ihn gerne mit dir teilen.«
»Solange du ihn nicht noch mit jemand anderem teilst«, sagt er warnend.
Plötzlich runzelt er die Stirn und schaut weg. Die Stimmung ist komplett umgeschlagen.
»Was ist los?«, frage ich verwirrt.
»Gar nichts. Beachte mich gar nicht.« Er nimmt einen Schluck aus seinem Glas, schaut mir aber nicht in die Augen.
»Aber ich kann dich nicht nicht beachten. Sag’s mir einfach.«
Er zögert. »Haben Lukas und du …«
»Nein!«, rufe ich erschrocken. Der Gedanke, mit Joe auf demselben Teppich Sex zu haben wie mit meinem Mann … »Nein, der Teppich ist neu, ich hab ihn gekauft, als ich in die Haus-WG gezogen bin.«
»Oh.« Er atmet hörbar auf. »Okay.«
»Hey.« Ich nehme seine Hand und drücke sie. Ich versuche, das Thema zu wechseln, bin aber nicht schnell genug.
»Hast du ihn in letzter Zeit gesehen?«
»Vor ungefähr einem Monat«, sage ich leise. »Er ist zurückgekommen, um ein paar Sachen zu klären.«
Anfangs hatte ich Lukas nicht überreden können, unser Haus zu verkaufen, also hatten wir es für sechs Monate vermietet. Die Mieter sind Anfang November ausgezogen, und Lukas hat endlich dem Verkauf zugestimmt. Schon am ersten Wochenende kamen vier Angebote. Newham ist eine sehr beliebte Gegend in Cambridge, dort werden nicht oft Häuser zum Verkauf angeboten. Der ganze Verkauf soll in den nächsten zwei Wochen abgewickelt werden, die neuen Besitzer wollen noch vor Weihnachten einziehen.
Joes Kiefer hat sich verkrampft, das sehe ich sogar trotz des neuen Barts. »Warum hast du nichts davon gesagt?«
»Dass ich ihn treffen musste?«, vergewissere ich mich.
»Ja.«
»Ich konnte sowieso schon so wenig mit dir reden, als du in Brasilien warst. Ich hätte wohl kaum ein Gespräch ruiniert, indem ich von Lukas anfange.«
Er lässt meine Hand los und nimmt noch einen Schluck. Er versucht, unbeteiligt auszusehen. »Macht Sinn.« Aber ich weiß genau, wie es in ihm aussieht.
Ich kann einfach nicht glauben, dass Joe wirklich gesagt hat, er würde mich auch noch wollen, wenn Lukas mich zurücknehmen würde. Die Vorstellung, mich heimlich von meinem Mann davonzuschleichen, zu leidenschaftlichen Treffen mit Joe, wenn er mal ausnahmsweise nicht dreht … Selbst falls Lukas auf wundersame Weise keine Ahnung hätte, was los ist, ist Joe viel zu eifersüchtig. Ich glaube, ich kann mit Gewissheit sagen, dass es niemals funktioniert hätte, mit Lukas verheiratet zu bleiben, selbst wenn ich es gewollt hätte. Was nicht so war. Ich hätte das nie tun können.
Aber ich hätte gekonnt, wenn ich gewollt hätte.
Irgendwer hämmert unten an die Tür. Ich bin schon oben und mache mich gerade bettfertig, und Lisa, meine Mitbewohnerin, ist mit ihrem neuen Freund im Kino. Draußen schüttet es wie verrückt – ich kann hören, wie die Tropfen vom Wind gegen die Fenster gepeitscht werden. Wer kommt denn bitte jetzt vorbei? Zuerst möchte ich es einfach ignorieren, aber dann wird es noch lauter. Ich schlüpfe in meinen Morgenmantel und stolpere die Treppe hinunter. »Wer ist da?«, rufe ich.
»Mach auf!«
Lukas! Ich reiße die Tür auf, und da steht er. Regen läuft aus seinem dunkelblonden Haar und an seinem zu perfekten Gesicht herab, das sogar jetzt, Anfang Mai, leicht gebräunt ist. Verzweiflung liegt in seinen blauen Augen, als er mich unglücklich anschaut.
»Kann ich reinkommen?«
Wenigstens ist er dieses Mal so anständig zu fragen.
Eine Welle von Schuldgefühlen schlägt über mir zusammen. Immer, wenn Lukas da ist, sind sie meine unliebsamen Begleiter. »Klar.« Ich trete einen Schritt zur Seite, als er reinkommt. »Warte, ich hol dir ein Handtuch.«
Er steht immer noch im Flur, als ich zurückkomme.
»Du bist ja völlig durchnässt!« Ich erkenne die Jacke, eine hellgraue Hugo Boss, meine Lieblingsjacke, die jetzt durch den Regen eher anthrazitfarben ist. Er versucht, sie abzuschütteln, hat aber Schwierigkeiten, weil sein Hemd so nass ist. Ich helfe ihm heraus.
»Oh, Lukas«, murmele ich traurig. »Bist du zu Fuß hergekommen?«
»Ja.«
Ich schaue ihn an, aber er schaut die ganze Zeit nur zu Boden.
»Nimm meinen Morgenmantel.« Ich ziehe ihn aus und reiche ihn ihm. Ich trage nur meinen Schlafanzug darunter.
Er sagt nichts, hängt den Morgenmantel aufs Treppengeländer und fängt an, sein Hemd aufzuknöpfen.
»Ich mach dir einen Kaffee.«
Rasch verlasse ich den Raum und schalte schnell die Heizung wieder an. Ich frage mich, was er hier macht.
Als ich mit dem Kaffee zurückkomme, ist Lukas im Wohnzimmer. Er sieht so fremd aus. Obwohl er meinen flauschigen, weißen Morgenmantel anhat.
»Wo sind deine Sachen?«
Er zeigt mit dem Kopf in Richtung Esstisch. Ich nehme die Kleider und hänge sie auf die Heizung. »Setz dich doch.« Er lässt sich aufs Sofa fallen. Ich reiche ihm die Kaffeetasse und setze mich ihm gegenüber in einen Sessel. Er schweigt eine ganze Weile lang, also muss ich wohl anfangen.
»Was machst du hier?«
Seine blauen Augen schauen plötzlich direkt in meine. Der Schmerz, den ich darin sehe, ist schwer auszuhalten. »Du fehlst mir.«
»Lukas …«
Er fällt mir ins Wort. »Alice, warum tust du das?«
»Du weißt doch, warum, Lukas.« Meine Stimme klingt resigniert. Das hatten wir alles schon. Viele, viele Male.
»Hast du ihn schon wiedergesehen?«, fragt er. Ein Funken Hoffnung liegt in seiner Stimme.
Ich schlucke. »Ja.«
Er sackt sichtlich in sich zusammen. »Ich war mir nicht sicher. Du hast nichts erzählt.« Ich weiß, dass er am meisten Angst davor hat, etwas über Joe und mich in der Zeitung zu lesen. »Warst du in Australien?«
»Ja.«
Joe war dort zum Drehen. Während des Schuljahres konnte ich ihn nicht sehen, und die Entfernung war kaum auszuhalten, also war ich in den Osterferien dort. Ich hatte ihn seit Silvester nicht gesehen, als wir uns am Bahnhof von Wareham in Dorset voneinander verabschiedet haben. Er musste zurück nach L.A. fliegen und von dort nach Down Under, und ich musste zurück nach Cambridge, um mein Leben, dass völlig aus dem Gleichgewicht geraten war, neu zu sortieren.
»Wann bist du zurückgekommen?«, fragt er.
»Am Wochenende.«
»Wie war’s?« Lukas’ Stimme klingt gequält.