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Bist du bereit für Magie? Dann komm mit auf Erkundungstour in die geheimnisvolle Unterwelt von Paris! Erschöpft, aber glücklich kehrt Léa nach bestandenem Abenteuer zurück nach Hause: Sie hat nicht nur mit ihrem neu entdeckten Schimmersinn das magische Feuerpendel gefunden. Sondern Roux, Ari, Alex und Coralie sind ihre Freunde geworden! Kaum zu Hause angekommen, steht Lea schon vor der nächsten Herausforderung. Ihre Mutter weiht sie in einen Plan ein, der sie zwingen würde, ihre neuen Freunde zu verraten. Lea muss sich entscheiden, wem gegenüber sie loyal sein will. Der zweite Band des actionreichen Abenteuers über eine große Freundschaft und die magischen Seite von Paris und ein spannendes Fantasybuch für Kinder ab 10 Jahren.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2025
Kathrin Tordasi
Der verborgene Turm
Band 1
Mit Vignetten von Heiko Hentschel
Bist du bereit für Magie? Dann komm mit auf Erkundungstour in die geheimnisvolle Unterwelt von Paris!
Erschöpft, aber glücklich kehrt Léa nach bestandenem Abenteuer zurück nach Hause: Sie hat nicht nur mit ihrem neu entdeckten Schimmersinn das magische Feuerpendel gefunden. Sondern Roux, Ari, Alex und Coralie sind ihre Freunde geworden! Kaum zu Hause angekommen, steht Lea schon vor der nächsten Herausforderung. Ihre Mutter weiht sie in einen Plan ein, der sie zwingen würde, ihre neuen Freunde zu verraten. Lea muss sich entscheiden, wem gegenüber sie loyal sein will.
Der zweite Band des actionreichen Abenteuers über eine große Freundschaft und die magischen Seite von Paris und ein spannendes Fantasybuch für Kinder ab 10 Jahren.
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Kathrin Tordasi wurde in der Nähe von Stuttgart geboren und wuchs mit den Büchern von Astrid Lindgren, Michael Ende und den Abenteuern der »???« auf. Ihre Heldinnen und Helden sind neugierig, manchmal ängstlich, oft mutig und genauso bunt wie das Leben. Egal, wo sie sich gerade aufhält, gibt sie zu viel Geld in Buchläden aus – zum Beispiel in Paris. Ihre Wahlheimat ist Berlin.
Verlaufen
Émile
Eine böse Überraschung
Léa
Märchen und Wahrheit
Léa
Sonnenaufgang
Alex
Spionage für Anfänger
Alex
Erster Schultag
Léa
Der gläserne Faun
Léa
Der Maskenschneider
Léa
Ärger im Buchladen
Alex
Die graue Tür
Léa
Finstere Pläne
Léa
Ungebetene Gäste
Alex
Getrennte Wege
Alex
Vertrauen
Léa
Der Vogelkäfig
Alex
Ein schlechter Handel
Alex
Bei Nacht und Nebel
Léa
Die erhabene Karte
Léa
Ohne Ausweg
Alex
Graue Gefühle
Alex
Gefangen
Léa
Lichtblick
Alex
Der Wald hinter der Welt
Léa
Katzenklinge
Léa
Das Lied des Fauns
Léa
In Sicherheit
Léa
Leicht
Alex
Rosige Aussichten
Léa
Roux
Die Federsucherbande
Die Gilde der Glanzwerker
Die Vogelfänger
Magische Wesen, Glanzwerke und andere geheime Dinge
Diese Stadt war ein Monster. Ihre Lichter strahlten zu grell, ihre Straßen waren zu breit, die Häuser zu hoch und die Geräuschkulisse zu laut. Es war mitten in der Nacht, und trotzdem war die Luft erfüllt von dem Dröhnen der Autos, die zwischen den Häusern und dem Flussufer entlangbrausten. Menschen drängten sich auf den Gehwegen, und von irgendwoher plärrte ein kreischender, pulsierender Lärm, der wohl so etwas wie Musik sein sollte.
Émile drückte seinen Rücken gegen eine Hauswand. Die Kapuze hatte er sich tief ins Gesicht gezogen, und wenn er gekonnt hätte, wäre er vollständig mit den Schatten verschmolzen. Sein Herz schlug dumpf wie eine Trommel, während sich die Angst immer enger um seine Brust wickelte.
Er hatte sich verlaufen. Seine Schwester würde mit den Augen rollen. Schon wieder, Émile? Sie hatte ihn oft davor gewarnt, dass er eines Tages nicht mehr nach Hause finden würde. Es ist gefährlich, einfach so draufloszuwandern, hatte sie erst vor ein paar Tagen zu ihm gesagt. Vor allem, wenn dir offenbar egal ist, wohin deine Füße dich tragen.
Sie hatte recht. Und vielleicht hatte Émile ihre Warnung nun einmal zu oft ignoriert.
Er fuhr zusammen, als eins der Autos ein plärrendes Hupen ausstieß. Die Menschen auf dem Gehweg pfiffen und beschwerten sich fluchend. Émile wich noch tiefer in die Gasse zurück und drückte seine Flöte an seine Brust.
Ganz ruhig, sagte er sich. Nicht die Nerven verlieren. Solange er seine Flöte hatte, würde alles gut werden.
Émile kehrte der Straße und dem Licht den Rücken zu und machte sich auf die Suche nach den dunkleren, schlafenden Winkeln von Paris.
Als die Gassen enger und stiller wurden, atmete Émile erleichtert durch. Er wusste zwar immer noch nicht, wo er war, aber hier wurde er wenigstens nicht mit fremden Gerüchen und Geräuschen bombardiert. Am Fuß einer steilen Treppe, die zwischen zwei Häusern einen Hang hinaufführte, hielt Émile an. Er sah sich um. Kein Licht hinter den Fenstern. Keine Menschen weit und breit. Jetzt oder nie.
Émile setzte die Querflöte an seine Lippen. Ein Ton entwischte in die Nacht, aber er war viel zu zaghaft, viel zu leise. Komm schon, dachte er. Das kannst du besser. Er fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und setzte die Flöte erneut an. Dieses Mal ließ er ein helles, fragendes Trillern durch die Nacht schallen.
Émiles Herz machte einen Satz. Der letzte Ton war kaum verklungen, da schoss etwas Leuchtendes am oberen Ende der Treppe vorbei. Es war gleich wieder verschwunden, hinterließ jedoch eine goldene Spur in der Luft – wie ein Faden Morgennebel, der sich in einem Sonnenstrahl auflöste.
Ein Schimmervogel, dachte Émile und hätte vor Freude beinahe laut aufgelacht. Die Schimmervögel waren seine Freunde. Sie würden ihn nach Hause führen, daran zweifelte er keine Sekunde. Vor lauter Glück schickte er einen zweiten, zwitschernden Flötenlaut in die Nacht, dann rannte er die Treppe hinauf.
Die Spur des Schimmervogels führte Émile immer weiter den Hügel hinauf, bis sie in einen Garten zwischen den Häusern verschwand. Émile zögerte nicht. Er kletterte über den Zaun, der den Garten von der Straße abgrenzte.
Auf der anderen Seite empfing ihn der Duft von frischem Grün und eine Ruhe, die man nur in der Nähe von wild wachsenden Pflanzen finden konnte. Ein Dreiviertelmond schien hinunter auf Sträucher und Blumen mit geschlossenen Blüten. Émile folgte einem schmalen Pfad ins Herz des Gartens, wo ein Baum mit einem knorrigen Stamm und einer ausladenden Krone aufragte.
Émile trat näher, und herabgefallene Eicheln knackten unter seinen Schuhsohlen. Als er eine Hand gegen den Stamm legte, fühlte sich die Rinde dick und schartig an. Émile lächelte. Dieser Baum war alt, das sah und spürte er. Und alte Bäume waren die Lieblingssitzplätze der Schimmervögel.
Wie aufs Stichwort raschelte das Laub über Émiles Kopf. Er hob den Blick. Zwischen den Blättern funkelte ein wunderschönes, goldenes Licht. Es sah so aus, als ob sich ein einzelner Sonnenstrahl in dem Geäst verfangen hätte. Erneut ertönte ein Rascheln, nur dass es dieses Mal nicht nach Laub klang, sondern als ob ein großer Vogel seine Flügel ausschüttelte.
Erleichterung flutete Émiles Körper. »Guten Abend«, grüßte er. »Danke, dass du auf mich gewartet hast. Und es tut mir leid, dass ich dich behellige, aber ich hätte eine Bitte. Könntest du …«
Er brach ab. Was war das für ein Geräusch? Émile spitzte die Ohren. Da. Irgendwo schräg hinter ihm erklang das leise Scharren von Schuhsohlen, die über den mit Kies bestreuten Pfad schlichen. Émile hielt den Atem an. Die feinen Härchen an seinem Nacken richteten sich auf, dann hörte er ein tiefes, raues Schnurren.
Das Licht im Baum erlosch, und Émile fuhr herum. Auf dem Pfad, der zur Eiche führte, stand eine schlanke Gestalt. Sie trug dunkle Kleidung, dunkle Handschuhe und eine Katzenmaske, die im Mondlicht knochenbleich leuchtete.
Für den Bruchteil einer Sekunde stand Émiles Herz still vor Schreck. Ein Vogelfänger. Wie um alles in der Welt hatte er ihn gefunden?
Die Person auf dem Pfad neigte den Kopf zur Seite, und im selben Augenblick knackte und raschelte es im Gebüsch links von Émile. Das riss ihn aus seiner Starre. »Flieg weg!«, rief er hinauf in den Baum, wirbelte herum und rannte nach rechts. Die Panik riss an ihm wie glutheiße Krallen.
Kies knirschte, als der Vogelfänger Émile nachsetzte. Der Schimmervogel flog mit einem Rauschen davon, und ein mehrstimmiges, wütendes Fauchen hob hinter Émiles Rücken an. Wie viele Vogelfänger hatten sich an ihn herangeschlichen? Zwei? Drei? Er rannte auf eine Lücke zwischen den Häusern zu und sah den Zaun, den er überwinden musste.
Nicht nachdenken, trieb er sich an. Raufspringen und rüber.
Hinter ihm, viel zu dicht hinter ihm, ertönte ein gieriges Zischen, dann sprang ein Vogelfänger vor Émile aus dem Gebüsch und warf ein Netz über ihn. Émile keuchte vor Schreck, stürzte nach hinten und schlug auf dem Rücken auf. Nein! Nein, sie durften ihn nicht erwischen, er musste nach Hause, er wollte nach Hause, seine Familie wartete auf ihn, und er hatte versprochen, dass er sich nicht von den Vogelfängern fangen lassen würde.
Sie werden dich nie gehen lassen, warnte die Stimme seiner Schwester in seinem Kopf. Émile, sie dürfen dich nicht in ihre Krallen bekommen. Du weißt, was sie mit Kindern wie uns machen.
Und da war auch noch eine andere Stimme, die Stimme eines Jungen, der in seiner Erinnerung rief: Lauf weg! Lauf weg, Émile!
Verzweifelt versuchte Émile, sich zu befreien, aber das Netz wog so schwer wie Blei und drückte ihn zu Boden. Er hielt seine Flöte fest, aber auch die würde ihn nicht retten.
»Nein«, krächzte Émile mit erstickter Stimme. »Nein, nein!« Er strampelte mit den Füßen, aber das Netz wickelte sich nur noch enger um ihn. Dann kreisten ihn die Vogelfänger ein.
Einer von ihnen beugte sich über Émile. Der untere Teil der Maske zeigte ein grinsendes Katzenmaul mit scharfen Zähnen, und die Augen des Mannes blitzten silbern.
»Schau an, schau an«, schnurrte er. »Was haben wir denn da?«
Émile unterdrückte ein Schluchzen. Der Vogelfänger ging in die Hocke und brachte sein maskiertes Gesicht noch näher an ihn heran. Dann streckte er einen behandschuhten, viel zu spitzen Finger durch die Maschen des Netzes und tippte gegen Émiles Flöte.
»Monsieur Janvier wird sich sehr freuen«, verkündete der Vogelfänger. »Auf so was wie dich haben wir gewartet.«
Émile umklammerte seine Flöte und sah mit Entsetzen, wie das Netz anfing, bittergrün zu leuchten.
Léa wohnte noch nicht lange in Paris, aber die Wohnung auf der linken Seite der Seine hatte sich schnell vertraut angefühlt. Hier wusste sie, was sie erwartete. Hier war sie zu Hause. Heute Abend jedoch zerbrach dieses Gefühl von Sicherheit in tausend Stücke.
Léa stand in ihrem Wohnzimmer, auf dem flauschigen Teppich, den sie mit ihrer Mutter ausgesucht hatte, und starrte auf den Mann, der auf ihrer Couch saß. Nein, kein Mann. Der hier war ein Raubtier in der Gestalt eines Menschen.
Monsieur Janvier! Léas Herz klopfte wie wild. Neben der Couch stand noch eine fremde Frau, aber Léa beachtete sie kaum. Monsieur Janvier, der Jagdmeister der Vogelfänger, war ein elegant gekleideter weißer Mann mit Bart und dunklen Haaren, die sich an den Schläfen silbergrau verfärbten. Er betrachtete Léa, die wie angewurzelt neben ihrer Mutter stand, und verzog die Mundwinkel zu einem amüsierten, katzenhaften Lächeln. Ein Schauer rann über Léas Rücken. Erst vor ein paar Stunden hatte Monsieur Janvier ihre Freunde bedroht. Er hatte Alex entführt, Roux erpresst, und Männer mit Katzenkrallen auf Ari gehetzt.
Léa konnte ihr Zittern kaum unterdrücken. Sie hatte geglaubt, sie wären Monsieur Janvier entkommen. Aber er hatte sie aufgespürt!
Ihre Mutter legte eine Hand auf Léas Schulter. »Léa«, sagte sie. »Das ist mein Kollege, Reynard Janvier.«
Léa fuhr zu ihr herum. Ihre Mutter klang fröhlich, völlig unbeschwert. Léa verstand überhaupt nichts mehr. Kollege? Was meinte ihre Mutter damit, was –
»Das dort ist Dr. Ève Bernon«, fuhr ihre Mutter fort und nickte zu der fremden Frau neben der Couch. »Ihre Tochter geht auf dieselbe Schule wie du.« Sie drückte Léas Schulter und schob sie sacht nach vorn. »Und das hier ist meine Léa.«
Plötzlich begriff Léa. Das Abendessen! Ihre Mutter hatte ihre neuen Kollegen aus dem Museum, in dem sie arbeitete, zum Abendessen eingeladen. Das hatte sie schon seit Tagen geplant. Léa hatte gehört, wie sie am Telefon mit einem Kollegen gesprochen hatte, einem Mann namens Reynard. Und der war Monsieur Janvier? Was für ein furchtbarer Zufall war das denn?
Monsieur Janvier neigte den Kopf. »Hallo, Léa«, sagte er mit einer Stimme, die wie Sandpapier über ihren Nacken schabte. Instinktiv trat Léa enger an die Seite ihrer Mutter.
»Léa?«, fragte ihre Mutter überrascht, und fügte dann leiser hinzu: »Willst du nicht anständig hallo sagen?«
Léa zuckte zusammen. Sie hatte noch keine Gelegenheit gehabt, ihrer Mutter von ihrem Abenteuer zu erzählen. Ihre Mutter wusste nicht einmal, dass es Magie wirklich gab. Und sie ahnte nicht, wie gefährlich Janvier war. Léa holte Luft, um alles hinauszuposaunen: Der ist nicht einfach dein Kollege. Der gehört zu einer Bande, die Jagd auf Kinder mit einem besonderen Gespür für Magie macht. Auf Kinder wie mich! Aber was dann? Wenn sie Janvier verriet, was würde er tun? Er würde sie angreifen, oder?
Monsieur Janvier musterte sie mit seinen eisblauen Augen, und Léa schluckte. »Freut mich, Sie kennenzulernen«, quetschte sie hervor.
Monsieur Janvier lächelte breiter. »Ganz meinerseits.«
Léa blinzelte verwirrt. Es fühlte sich an, als würden sie sich tatsächlich gerade das erste Mal begegnen. Was für ein Spiel spielte Monsieur Janvier? Es war nicht lange her, da hatte Léa mit ihren Freunden gegen ihn und seine Handlanger gekämpft, und jetzt ließ er sich nichts davon anmerken? Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Er tat nicht nur so, er erkannte sie wirklich nicht. Konnte es sein, dass Janvier Léa in dem Chaos der ganzen Ereignisse übersehen hatte?
Léa zog die Ärmel ihres Shirts über die Schrammen an ihren Handballen. Sie versuchte immer noch, ihre Fassung wiederzugewinnen, als Effi ins Wohnzimmer kam.
Léas Mutter drehte sich zu ihrer Haushälterin um. »Das Abendessen?«, fragte sie.
»Ist fertig«, antwortete Effi lächelnd und warf dann Léa einen Blick mit erhobener Augenbraue zu. »Wenn alle so weit sind?«
»Es riecht köstlich, Mademoiselle Ophelia«, bemerkte Monsieur Janvier. Er stand auf, und die Gesellschaft begab sich nach nebenan ins Esszimmer.
In Léas Kopf überschlugen sich die Gedanken. Erst gestern hatte sie erfahren, dass sich in Paris eine magische Unterwelt verbarg. Dort drehte sich alles um die Schimmervögel, märchenhafte Wesen, die für die Augen der meisten Menschen unsichtbar waren und eine Magie namens Glanz in die Menschenwelt brachten. Léa hatte eine ihrer leuchtenden Federn in der eigenen Hand gehalten und echten Glanz gesehen, der ihr Auge verzaubert und ihren Blick für Magie geöffnet hatte, für goldene Lichterspuren und eigenartige Schattenranken, die an den unmöglichsten Stellen auftauchten und wieder verschwanden. Aber damit nicht genug: In den letzten vierundzwanzig Stunden war Léa durch finstere Katakomben geirrt und hatte tödliche Fallen überlebt. Sie hatte gedacht, sie wäre endlich in Sicherheit. Und jetzt erwartete ihr Gegner sie in ihrem eigenen Zuhause.
Die Erwachsenen waren guter Dinge. Sie ließen sich Effis Hühnchen in Weißweinsoße schmecken und unterhielten sich über ihre Arbeit im Mittelaltermuseum.
»Ich schätze, bis zur Eröffnung unserer Ausstellung werde ich eine Menge Überstunden machen müssen«, sagte Léas Mutter. »Ich habe Léa versprochen, sie zur Eröffnungsfeier mitzunehmen.«
»Wirklich?«, fragte Dr. Bernon. »Wenn meine Tochter einen Fuß ins Museum setzt, ist sie nach fünf Minuten gelangweilt.«
»Für Léa sind Museen wie ein zweites Zuhause«, behauptete ihre Mutter. »Als sie zehn Jahre alt war, hat sie eine Woche damit verbracht, jeden Saal im Ashmolean Museum in Oxford zu erkunden.«
»Ein Kind mit Sinn für Schätze aus alten Zeiten«, sagte Monsieur Janvier. »Ungewöhnlich. Erfreulich, aber ungewöhnlich.«
Léa schob einen Champignon an den Rand ihres Tellers. Ich bin ganz und gar gewöhnlich, dachte sie und hoffte inständig, dass sich dieser Gedanke auf Monsieur Janvier übertragen würde. Vollkommen gewöhnlich, überhaupt nichts Besonderes an mir.
»Und ob«, sagte Léas Mutter stolz. »Léa war schon immer aufmerksamer als andere Kinder. Deshalb haben wir uns das mit den Findelisten ausgedacht, nicht wahr?«
Monsieur Janvier hob eine Augenbraue. »Findelisten?«
»Ein Spiel«, erklärte Léas Mutter. »Eine Art Schnitzeljagd. Ich stelle eine Liste mit Gegenständen, Ortsmerkmalen, Pflanzen oder Sonstigem zusammen, und Léa streift durch die Gegend, bis sie alles gefunden hat.«
»Und so was macht dir Spaß?«, fragte Dr. Bernon.
»Ja, ich mag Rätsel und Knobelspiele«, antwortete Léa.
Monsieur Janvier nickte anerkennend. »Eine nützliche Eigenschaft.«
Léa senkte rasch ihren Blick und betete, dass Janviers Aufmerksamkeit sich auf jemand anderen richten würde. Als die Teller schließlich leer waren und Effi den Nachtisch brachte, atmete Léa erleichtert aus. Die Gäste würden sich bald verabschieden. Sie musste nur noch durchhalten, bis Monsieur Janvier die Tür hinter sich schloss. Danach würde sie ihrer Mutter alles erzählen. Mama, das klingt jetzt komisch, aber es gibt Magie. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie überrascht ihre Mutter dreinschauen würde.
»Nun«, sagte Dr. Bernon, »da wir fast am Ende des Abends angekommen sind, ist es an der Zeit, den Vorhang zu lüften, oder?«
Léa, die sich eben einen Löffel Zitroneneis in den Mund geschoben hatte, sah verwirrt auf. Was denn für ein Vorhang?
»Mein Schatz«, sagte Léas Mutter und legte ihre Hand auf die ihrer Tochter. »Es gibt einen besonderen Grund, warum ich Reynard und Ève heute Abend eingeladen habe.«
Léa schluckte. »Okay«, sagte sie vorsichtig.
»Du weißt doch, dass ich eng mit einer Stiftung zusammenarbeite«, erklärte ihre Mutter.
Léa nickte. Die Lumière-Stiftung hatte das Studium ihrer Mutter finanziert, ihre Karriere gefördert und war die Geldgeberin bei vielen ihrer Forschungsprojekte.
»Die Schule, auf die du hier in Paris gehen sollst, gehört ebenfalls zur Lumière-Stiftung«, erklärte ihre Mutter. »Es ist eine besondere Schule, die nur sehr wenige Kinder aufnimmt. Du wirst dort mehr lernen als Mathematik, Französisch und die anderen gewöhnlichen Schulfächer. Die Lehrkräfte dort werden dir beibringen, Talente zu benutzen, von denen du noch gar nicht weißt, dass du sie besitzt. Und sie werden dir Geheimnisse zeigen, von denen andere nur träumen.«
Léa starrte ihre Mutter an. Sie verstand die einzelnen Sätze und begriff doch gar nichts.
Ihre Mutter drückte ihre Hand. »Léa, womit beschäftige ich mich auf der Arbeit am liebsten? Was ist mein Spezialgebiet?«
»Märchen und Fabelwesen«, antwortete Léa automatisch. Ihre Mutter arbeitete als Kuratorin. Das hieß, sie organisierte Ausstellungen in Museen und überwachte den Einkauf von neuen Artefakten. Am meisten interessierte sie sich jedoch für alles, was mit wundersamen Wesen zu tun hatte. Sie liebte Bestiarien, jene alten Bücher, in denen Tiere wie Einhörner dargestellt waren.
Léas Mutter wechselte einen Blick mit Monsieur Janvier. Der zog ein blaues Buch aus seiner Westentasche und reichte es Léas Mutter.
»Ich habe dir viele Geschichten über phantastische Geschöpfe erzählt, nicht wahr?«, fragte sie Léa. »Märchen über die walisischen Adar Rhiannon, über dreibeinige Krähen und Vögel, die mit ihrem Gesang den Menschen das Gedächtnis stehlen. Was, wenn ich dir sage, dass einige dieser Geschichten über Fabeltiere tatsächlich wahr sind?«
Sie schob Léa das Buch hin. Mit wachsender Beunruhigung schlug Léa die erste Seite auf und schnappte nach Luft. Auf der Titelseite stand: Geschichte und Fähigkeiten der Schimmervögel.
Léa klappte der Mund auf. Ihre Mutter strahlte über das ganze Gesicht. Liebevoll strich sie über den Rand des Buches.
»Von diesen Vögeln hast du noch nie gehört«, behauptete sie. »Aber sie sind das wundervollste Geheimnis, das es in unserer Welt gibt. Sie stecken voller Zauberkraft, und sie sind vor allem eins: echt. Sie leben verborgen unter uns, aber diejenigen, die eingeweiht sind, diejenigen, die genau hinsehen, können ihre Spuren entdecken.« Sie legte eine Hand an Léas Wange. »Du glaubst, ich mache nur Spaß, nicht wahr? Aber es stimmt, mein Engel. Es gibt Magie.«
Léa konnte sich nicht rühren, konnte kaum atmen. »Woher weißt du das alles?«, fragte sie mit dünner Stimme.
Das Lächeln ihrer Mutter wurde noch sonniger, sodass die verschmitzten Grübchen in ihren Wangen auftauchten. »Das ist eine lange Geschichte. Ich werde sie dir bald erzählen, keine Sorge. Aber ich kann dir schon einmal verraten: Die Lumière-Stiftung hat noch einen anderen Namen. Den kennen aber nur die Auserwählten. Die Mitglieder des Geheimclubs, sozusagen.« Sie senkte ihre Stimme verschwörerisch. »Reynard, Ève und ich gehören alle dazu. Wir nennen uns Hüter der Schimmervögel.«
Léa brachte kein Wort heraus. Hüter der Schimmervögel. Sie hatte den Verdacht, dass sie diesen Geheimclub unter einem anderen Namen kannte: Vogelfänger.
Es war einmal eine Frau, deren Herz mit Kummer durchtränkt war. Tagein, tagaus wurde ihr schwerer zumute, bis sie des Morgens kaum ihr Bett verlassen konnte. Nichts bereitete ihr Freude, weder die Umarmung ihres geliebten Ehemannes noch die Blumen, die in ihrem Garten blühten, und auch nicht der Klang der Flöten, der die Menschen zum Maientanz lockte. Hatte sie selbst dereinst mit einer Stimme so klar wie ein Bergbächlein gesungen, so schwieg sie nun in stiller Trauer.
Ihr Ehemann und auch die anderen Menschen im Dorf vermochten ihr nicht zu helfen. Doch eines Morgens begegnete ihr ein Mädchen, das eine Maske aus roten Federn trug.
»Komm mit mir«, sprach das Mädchen, »und ich werde dir jemanden zeigen, der dir deinen Frohsinn zurückgibt.«
Die Frau ergriff die Hand des Mädchens und folgte ihr durch den Garten, über die Wiese und in den Wald hinein. Schließlich gelangten sie an einen Eichenbaum, in dessen Geäst ein Vogel mit prachtvoll schimmerndem Gefieder saß.
»Leg dich nieder«, sagte das Mädchen, »und das Geschöpf in den Zweigen wird die Traurigkeit von deinem Herzen heben.«
Die Frau tat, wie ihr geheißen. Daraufhin ließ der Vogel sieben goldene Federn auf sie herabregnen, und die Trauer verschwand, wie das Mädchen versprochen hatte. Fortan war das Herz der Frau erfüllt mit Freude und Zuversicht. Im Dorf hörte man sie wieder singen, noch schöner und heller als je zuvor, und ein jeder, der ihren Liedern lauschte, verspürte gleichsam einen Funken goldener Freude in sich aufleuchten.
Märchen aus der Bretagne, aufgezeichnet und gesammelt von M.C. d’Aulnoy (circa 1696)
Dies ist nur eins der Märchen, das von den Schimmervögeln berichtet, und doch weist es bereits auf ihre wichtigsten Eigenschaften hin. Jene Wesen, deren Ursprung uns nicht bekannt ist, verfügen über die Fähigkeit, die Köpfe und Herzen der Menschen mit Freude und Zuversicht zu füllen. Nun könnte man sich fragen, was daran so besonders ist. Das sind ja nur Gefühle. Was daran ist magisch, was wertvoll?
Als Antwort liste ich hier nur einige der Beispiele auf, die beschreiben, was Menschen mithilfe der verzauberten Zuversicht der Schimmervögel gelang: Wir wissen von Erfindern und Entdeckern, die alle Zweifel abschütteln und so befreit die Menschheit mit phantastischen technischen Errungenschaften, lebensrettender Medizin oder beeindruckenden Kunstwerken bereichern. Kranke schöpfen neue Kraft, Verzweifelte frischen Mut. Jene, die in den Mühlen des Krieges feststecken, schöpfen Hoffnung und finden Wege, einen lang ersehnten Frieden einzuläuten. Und dann sind da auch noch jene, denen die Furcht wie ein dunkler Schatten über dem Herzen liegt. Wer, der so belastet ist, würde sich nicht eine goldene Feder wünschen, die die Dunkelheit aus der eigenen Seele vertreibt?
Léa las die ersten Seiten des blauen Buches, brach ab, und begann von neuem. Die Worte verschwammen vor ihren Augen.
Sie saß auf ihrem Bett, den Rücken an die Wand gepresst, die Knie an die Brust gezogen. Sie war in ihr Zimmer verschwunden, noch während ihre Mutter sich von Monsieur Janvier und Dr. Bernon verabschiedete. Keine Sekunde länger hätte sie es mit den Erwachsenen ausgehalten.
Draußen wehte der Wind, und die Ranken von wildem Wein kratzten an Léas Fenster. Das Geräusch drang immer wieder in ihre Ohren, während ihre Gedanken durcheinanderwirbelten. Dabei wiederholten sich zwei Sätze in Endlosschleife: Mama ist keine Vogelfängerin. Das kann nicht sein.
Irgendwann öffnete sich die Tür, und ihre Mutter kam herein. Sie sah immer noch glücklich aus, zufrieden mit dem Abend und den Neuigkeiten, die sie Léa verkündet hatte. Léa musste sich Mühe geben, nicht auf der Stelle loszuheulen.
Ihre Mutter setzte sich auf die Bettkante und tätschelte Léas Fuß. »Das war ganz schön aufregend, nicht wahr?« Als Léa nicht reagierte, stutzte sie. »Was ist, mein Engel? Du bist ja ganz blass.« Sie lehnte sich näher heran und hielt die Hand an Léas Stirn. »Hat dich das alles so schockiert?«
Léa wollte so viel fragen, brachte jedoch kein Wort hervor. Nur ein Nicken gelang ihr.
Sanft strich ihre Mutter Léas Haare zurück, dann nahm sie ihr das Buch ab. »Ich wollte es dir früher erzählen.« Sie seufzte und setzte sich neben Léa an die Wand. »Du ahnst gar nicht, wie oft ich kurz davor war. Aber unsere Regeln sehen es vor, dass wir Kinder nicht zu früh in die Geheimnisse der Hüter einweihen. Leute wie Ève sind der Meinung, dass kleine Kinder die Existenz von Magie nicht gut verarbeiten und vor allem nicht für sich behalten können.« Sie tippte mit ihrer Schulter gegen Léa. »Unter uns: Ich glaube, du hättest die Wahrheit schon viel früher verkraftet. Und ganz bestimmt hättest du das Geheimnis nicht ausgeplaudert. Meine Léa, die mit fünf Jahren ganze Bücher gelesen hat und mit zwölf allein die Stadt erkundet.«
Léa starrte auf das Buch. Sie konnte ihrer Mutter nicht ins Gesicht sehen, nicht jetzt. »Die Hüter der Schimmervögel«, sagte sie. »Ist das eine Geheimgesellschaft?«
»O ja«, gab ihre Mutter ohne Umschweife zu. »Und zwar eine, die es schon sehr lange gibt!«
Léa verschränkte ihre Hände ineinander, damit ihre Mutter ihr Zittern nicht bemerkte. »Und du gehörst dazu? Zu Monsieur Janvier?«
»Ja, das kann man so sagen. Ich arbeite auf jeden Fall mit ihm zusammen«, antwortete ihre Mutter. »Aber ehrlich gesagt bin ich nur ein kleines Licht. Ich forsche für die Hüter in alten Manuskripten und anderen Quellen nach Hinweisen zu den Schimmervögeln. Wo sie überall auftauchten, was sie so angestellt haben, und was verschiedene Menschen über sie dachten. Ève und Reynard haben viel wichtigere Aufgaben. Reynard ist auch so etwas wie ein Kurator, allerdings sucht er nach verzauberten Gegenständen. Kannst du dir das vorstellen?«
Ja, das konnte sich Léa leider nur zu gut vorstellen. Sie riskierte einen raschen Blick aus dem Augenwinkel. Wusste ihre Mutter, dass Monsieur Janvier Kinder entführte? Das konnte Léa einfach nicht glauben.
»Wie sucht er denn danach?«, fragte sie vorsichtig.
»Na ja«, antwortete ihre Mutter, »das läuft vermutlich gar nicht so anders ab als meine Arbeit.« Sie neigte den Kopf zur Seite. »Willst du das wirklich wissen? Ich hätte damit gerechnet, dass du dich mehr für die magischen Vögel interessierst.«
»Ja, schon«, begann Léa, hatte dann jedoch keine Ahnung, was sie weiter sagen sollte. Schließlich murmelte sie: »Das ist alles ganz schön viel.«
»Ich weiß«, lachte ihre Mutter. »Ich erinnere mich noch gut daran, wie’s mir ging, als ich das erste Mal von den Schimmervögeln gehört habe. Es hat lange gedauert, bis ich das alles wirklich glauben konnte.« Sie griff nach Léas Händen. »Aber es ist wahr, mein Engel. Es ist alles wahr. Ich glaube, ein Teil von dir begreift das schon. Und sobald der erste Schock verflogen ist, wirst du es spüren. Du wirst es immer stärker spüren, je mehr du über diese wunderbaren Vögel erfährst.«
»Soll ich deshalb auf diese Schule gehen?«, fragte Léa.
»Ja!« Ihre Mutter drückte ihre Hände. »Das wird nicht einfach. Du wirst jede Menge lernen müssen. Aber vor allem wirst du daran arbeiten, deinen eigenen Sinnen zu vertrauen und sie für das zu öffnen, was du jetzt noch nicht wahrnehmen kannst. Denn weißt du, die Schimmervögel sind unsichtbar. Nur Kinder mit sehr feinen Sinnen – Kinder, die sehr aufmerksam sind – können ihre Spuren finden. Du wirst lernen, wie das geht, und bald wirst du auf die Suche nach den verzauberten Federn gehen, die die Schimmervögel in den verborgenen Winkeln von Paris hinterlassen. Du wirst dich schnell zurechtfinden, da bin ich mir sicher. Wenn jemand weiß, wie man nach seltsamen und außergewöhnlichen Kleinigkeiten Ausschau hält, dann du.«
Und wieder schob sich ein Puzzleteil an die richtige Stelle. »Deshalb hast du mir die Listen gegeben?«, fragte Léa. »Damit ich mich auf den Unterricht im Magiesuchen vorbereiten kann?«
»Ganz genau«, antwortete ihre Mutter strahlend. »Ist das nicht aufregend?«
Nein, wollte Léa rufen. Das ist furchtbar! Aber es war, als wäre ihre Zunge festgebunden. Noch nie im Leben hatte sie sich so zerrissen gefühlt. Der Drang, ihrer Mutter die Wahrheit zu sagen, brannte in ihr wie ein Buschfeuer. Sie musste ihr doch erzählen, dass sie mit ihren Freunden gegen Monsieur Janvier gekämpft hatte. Dass sie beinahe gestorben wären, weil dieser Reynard und seine Handlanger sie in ein unterirdisches Labyrinth voller Fallen getrieben hatten.
Die Hüter der Schimmervögel. Das war doch ein Witz. Der Reynard, mit dem Léa aneinandergerasselt war, behütete gar nichts.
Léa musste darüber reden. Wenn ihre Mutter die Wahrheit erfuhr, würde sie Monsieur Janvier genauso abscheulich finden wie Léa. Sie würde den Vogelfängern den Rücken kehren und Léa niemals auf eine Schule schicken, die von ihnen geleitet wurde.
Worte brannten in Léas Kehle, und doch sie sprach sie nicht aus. Sie konnte nicht. Sie durfte nicht. Denn die Geheimnisse, die sie ihrer Mutter anvertrauen würde, gehörten nicht nur ihr. Sie gehörten Alex, Ari, Roux und Coralie.
Léa schlang die Arme um ihre Knie. Sie brauchte Hilfe. Jemand, der ihr sagte, wie sie mit all dem umgehen sollte.
Sie erhaschte einen Blick auf die wogenden, nachtdunklen Weinranken vor ihrem Fenster. Léa stockte. War das Laub da draußen schon immer so dicht gewesen? Der Gedanke blitzte kaum auf, da fiel Léa ein, dass an ihrer Hauswand überhaupt keine Pflanzen wuchsen. Sie blinzelte und erstarrte. Die Ranken wogten nicht im Wind, sie bewegten sich von alleine. Sie entfalteten neue Blätter und quollen durch die Fensterscheibe, als bestünden sie aus nichts als grauem Rauch.
Léas Hände verkrampften um ihre Beine. Ihr Blick flog zu ihrer Mutter, aber obwohl das Fenster direkt in ihrer Sichtlinie lag, schien sie nichts Ungewöhnliches zu bemerken. Sie sieht sie nicht, dachte Léa. »Mama«, setzte sie an, aber ihre Mutter unterbrach sie.
»Léa, meine Léa«, sagte sie, immer noch mit diesem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht. Sie drückte Léa einen Kuss auf den Lockenschopf. »Ich verspreche dir, du stehst am Anfang einer wunderbaren Reise.«
Der Himmel über den Dächern war leberblümchenblau. Bald würde die Sonne aufgehen, aber noch lag ein nächtlicher Dunst über Paris.
Alex sprintete über die Dächer, unbeobachtet und nahezu lautlos. Sie liebte die Bewegung, das rasante Turnen über Schornsteine und Abgründe hinweg. Ihr Kapuzenpullover klebte schweißnass an ihrem Rücken, aber das war ihr egal. Weiter, nur weiter. Im Hocksprung setzte sie über eine Mauer, dann rannte sie einen Dachfirst entlang, schneller und schneller. Sie konnte das Ende des Dachs sehen, und die Lücke dahinter. Wie weit war der Abstand zum nächsten Haus? Unmöglich zu sagen von hier aus.
Alex legte noch einen Zahn zu, atmete tief ein und sprang. Sie schoss durch die Luft wie ein Pfeil, wie ein Stein aus einer Schleuder, landete auf dem Nachbargebäude und rollte sich über die Schulter ab. Geduckt und schwer atmend blieb sie dort hocken, warf einen Blick zurück auf den Abgrund hinter ihr und grinste. Gar nicht mal schlecht. Sie richtete sich auf, kletterte an einer Leiter auf das nächste, höhere Haus, und plötzlich sah sie in der Ferne den Eiffelturm aufragen.
Alex glitt auf einer Schräge hinunter bis zum Dachrand. Hier nahm sie Platz. Sie lehnte sich zurück und genoss die Aussicht.
Die Dächer vor ihr breiteten sich aus wie ein Ozean, dessen Wellen zu Zink und Ziegeln versteinert waren. Blau sah die Stadt aus, dunkelblau und weich. Erst in der Ferne strahlte der Eiffelturm, hell wie Elfenbein mit seiner Beleuchtung.
Alex legte den Kopf in den Nacken. Der kühle Wind tat gut auf ihren warmen Wangen. »Besser«, murmelte sie. »Viel besser.«
Kaum drei Stunden hatte sie heute Nacht geschlafen. Sie hatte sich unruhig herumgewälzt, war ständig aus wirren Träumen aufgeschreckt, bis sie es nicht mehr aushielt. Dann war sie aus dem Versteck geschlichen, das sie sich mit Ari, Roux und Coralie teilte. Ihr Nest, wie sie es nannten, war ein umgebautes, vergessenes Gewächshaus, das auf dem Dach eines vierstöckigen Gebäudes stand. Von dort war es ein Leichtes jene Dächerwelt von Paris zu erkunden, die sonst nur die Tauben zu Gesicht bekamen.
Alex rutschte weiter nach vorn und ließ ihre Beine baumeln. Oh, es fühlte sich so gut an, hier draußen zu sein. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie durch die Nacht gesprintet war. Sie wusste nur, dass ihre Leichtfüßigkeit den Schrecken aus ihrem Kopf weggeblasen hatte. Wenn sie rannte, sprang und sich im Sprung überschlug, war kein Platz für Angst, oder für irgendwelche anderen Gedanken. Dann zählte nur der flow, der Fluss der Bewegung. Dann war sie ganz in ihrem Körper und nirgends sonst. Sie brauchte diese Momente. Mehr als je zuvor.