Briefe an einen jungen Dichter - Rainer Maria Rilke - E-Book

Briefe an einen jungen Dichter E-Book

Rainer Maria Rilke

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Beschreibung

Im Jahr 1902 erhält Rainer Maria Rilke Post von einem jungen Mann, Franz Xaver Kappus, einem literarisch begabten, 19-jährigen Offiziersanwärter. Kappus ist sich nicht sicher, welche Richtung er in seinem Leben einschlagen soll, und fragt daher den großen, nur wenige Jahre älteren Dichter um Rat. Rilke antwortet ihm – auf gänzlich unerwartete Weise. In den folgenden Jahren schreibt er Kappus neun weitere Briefe. Sie reden, mit der ihm eigenen bescheidenen Eindringlichkeit, von nichts Geringerem als dem richtigen Leben.
Die von Franz Xaver Kappus 1929 herausgegebene Sammlung der Rilke-Briefe hat Epoche gemacht und ganze Generationen immer wieder inspiriert.

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Seitenzahl: 72

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Rainer Maria Rilke

Briefe an einen jungen Dichter

Mit einem Vorwort von Ulrich Baer

Insel Verlag

Vorwort

»Du mußt dein Leben ändern«, lautet die Schlusszeile von einem der schönsten Gedichte Rilkes, »Archaïscher Torso Apollos«. Du musst dein Leben ändern: nicht aus einem bestimmten Grund oder um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, sondern weil Leben Veränderung ist. Sein Leben ändern bedeutet, mit der größten und einzigen Wahrheit des Lebens im Einklang zu sein. Für Rilke ist diese Wahrheit: die Erfahrung der Liebe und der Tod. Rilke schrieb das Gedicht 1908; im selben Jahr verfasste er auch den letzten seiner zehn Briefe an den jungen Internatsschüler Franz Xaver Kappus. Kappus’ Familie stammte aus einer deutschsprachigen kleinen Enklave namens Banat, im heutigen Rumänien, Serbien und Ungarn gelegen. Er war Schüler in der Militärakademie, in der Rilke selbst nur zehn Jahre zuvor ein ausgesprochen unglückliches Dasein geführt hatte, bevor er vorzeitig von der Kadettenschule abging. In der Zwischenzeit hatte Rilke sechs einigermaßen erfolgreiche Gedichtbände sowie einige weitgehend vergessene Theaterstücke und Prosawerke veröffentlicht. Kappus hatte ihm 1902 einen Brief voll glühender Bewunderung geschickt, in dem er um Rat für seine dem Schreiben beigelegten frühen lyrischen Versuche bat. Rilke beantwortete diesen Brief, ohne Kappus persönlich zu kennen oder je zuvor von ihm gehört zu haben, genau wie er auf andere Briefe antwortete, die sein Interesse weckten, ob sie nun von Gräfinnen, berühmten Persönlichkeiten oder begeisterten Schülern geschrieben waren. Doch anstatt den unerfahrenen und auf Zuspruch hoffenden Dichter mit Nachsicht zu behandeln, tat Rilke dessen Gedichte mit einem recht vernichtenden Urteil ab. Überdies tadelte er den ambitionierten jungen Mann, dass dieser bei ihm, einem schon etablierten Autor, Rat und Kritik einholen wollte. Und anstatt es dann bei seiner Antwort bewenden zu lassen, schob Rilke eine tiefgründige und detaillierte Erklärung nach, warum es so verführerisch und auch so schädlich ist, uns auf die Meinungen und Ratschläge von anderen zu verlassen, wenn wir zu den Menschen werden möchten, die wir eigentlich sind. Die Ansichten von anderen können uns zwar eine Richtung weisen, doch Rilke zufolge lenken sie uns von unserer eigenen, wahren Bestimmung ab. Diese Bestimmung – anfänglich in diesen Briefen als Frage formuliert, ob jemand ein Künstler werden sollte, aber bald alle Lebensentscheidungen einschließend – kann nur durch tiefe und furchtlose Reflexion gefunden werden. Statt einem ehrgeizigen Schüler ein paar richtungsweisende Tipps zu geben, wie man bessere Gedichte schreiben könnte, wurden die Briefe an Franz Xaver Kappus ein Ratgeber fürs Leben.

Über den Zeitraum von sechs Jahren sandte Rilke insgesamt zehn Briefe an den jungen Kappus. Zur selben Zeit verfasste er einen (seinen einzigen) Roman, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, veröffentlichte weitere schmale Gedichtbände, und schrieb Hunderte von Briefen an andere, berühmtere und zum Teil auch heute noch bekannte Empfänger. Warum sind die Briefe an einen jungen Dichter so etwas Besonderes?

Nachdem er die Rolle des Mentors einigermaßen schroff von sich gewiesen hatte, stellte Rilke einige sehr einfache Fragen: Was soll ich, was kann ich tun? Was ist meine Aufgabe und Stellung in der Welt? Kann ich Schmerz und Enttäuschung vermeiden? Wo kann ich Glück finden? Wie soll ich leben? Warum ist lieben schwierig? Rilke richtete diese Fragen ebenso an sich selbst wie an den Empfänger. Auffällig an den Briefen ist, dass er den Adressaten nicht mit manierierten Formulierungen oder durchkomponierten philosophischen Argumenten und gestelzten Ideen zu beeindrucken suchte. Stattdessen beantwortete Rilke dessen (und schließlich seine eigenen) Fragen geduldig, mit einfachen Worten und im Sinne eines Menschen, der selbst noch auf langer Suche ist. Etwas in diesen Briefen ist ungeprobt, nicht einstudiert und ganz frei von der Befangenheit oder Formalität, die Gedrucktem und Geschriebenem so oft anhaftet. Beim Lesen denkt man über diese einfachen und doch uralten Fragen wie zum ersten Mal nach. Tatsächlich riet Rilke dem Empfänger, dem allzu verständlichen Bedürfnis zu widerstehen, die Fragen, die ihn plagten, ein für alle Mal klären zu wollen. Er ermutigte ihn, die Einsamkeit zu akzeptieren und den Schmerz zu ertragen, anstatt das Alleinsein und unangenehme und traurige Erfahrungen so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Er ermunterte den Kadetten in der Militärakademie, die in den jungen Männern die erzkonservativen Werte des österreichisch-ungarischen Reiches einpflanzen wollte, die Beziehung zwischen den Geschlechtern so zu überdenken, dass es wirkliche Gleichheit in der Liebe geben könnte. Er riet ihm, hinsichtlich der Liebe und Sexualität nicht den sozialen Konventionen zu folgen, wonach die Sexualität lediglich der Befriedigung von körperlichen Bedürfnissen dient und all das, was peinlich und unnatürlich wirkt, zu verdrängen und zu unterdrücken sei.

Rilke versuchte Kappus deutlich zu machen, welch gravierender Unterschied es ist, einen Beruf zur erwählen oder einem inneren Ruf zu folgen. Aus Rilkes Briefen lässt sich schließen (da Kappus’ Briefe nicht überliefert sind), dass der junge Mann unter einem riesigen elterlichen und gesellschaftlichen Karrieredruck gestanden haben muss. (Er fand schließlich einen Mittelweg: Nachdem er als Offizier im Ersten Weltkrieg gedient hatte, wurde Kappus Zeitungsredakteur und verfasste Romane und Filmskripte.) Rilke hatte ihn recht schnell in seinen Ambitionen gebremst, sich hauptberuflich als Künstler zu betätigen. Doch die Frage, ob der junge Dichter in seinen wichtigsten Lebensentscheidungen tatsächlich aus einem inneren Bedürfnis handelte oder ob er etwas tat, um Ruhm, Geld oder Ansehen bei anderen Menschen zu erlangen, wurde für Millionen von Lesern bedeutsam.

1929, drei Jahre nach dem Tod Rilkes, von dem Kappus seit über zwanzig Jahren nichts mehr gehört hatte, schickte dieser die zehn Briefe an Rilkes Tochter Ruth und ihren Mann Carl Sieber. Zusammen mit Rilkes Witwe Clara (Rilke und sie hatten sich zwei Jahre nach der Geburt von Ruth getrennt) veröffentlichten die Erben als erste Ausgabe von Rilkes riesiger Korrespondenz diesen schmalen Band: Briefe an einen jungen Dichter. Rilke hatte schon 1922, vier Jahre vor seinem Tod, testamentarisch verfügt, dass seine Korrespondenz von über 15 000 Briefen als ebenbürtig mit seinen weltberühmten Gedichten und der Prosa zu behandeln sei. Die Briefe an Kappus wurden als einzelner Band aus dieser Korrespondenz aus zwei Gründen veröffentlicht: Diese Briefe gewähren einen außergewöhnlich leicht zugänglichen Einblick in Rilkes unerschütterlichen Glauben, dass wir unseren tatsächlichen Ort und sogar Erfüllung in der modernen Welt finden können, ohne uns an Religionen, Ideologien oder politischen Programmen zu orientieren. Doch Rilkes Erben hofften auch, dass die Briefe an einen jungen Dichter einer Generation besonders deutschsprachiger Leser moralischen Beistand leisten könnten, die im Begriff war, sich von den großen Massenbewegungen des 20. Jahrhunderts verführen und korrumpieren zu lassen. 1929 war der Moment, in dem der Faschismus und der Kommunismus um die Unterstützung der Massen rangen, in Deutschland, in Europa und auf der ganzen Welt. Diese Ideologien versprachen einer Generation Halt, Sicherheit und Verlässlichkeit, die in ihrer Kindheit den Ersten Weltkrieg durchlebt hatte und nun zum Spielball von riesigen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Umwälzungen wurde. Mit den Briefen an einen jungen Dichter, die Rilke zwar an eine einzelne Person gerichtet, doch ganz offensichtlich für ein größeres Publikum geschrieben hatte, wollten seine Erben dieser Generation einen moralischen Kompass geben.

Die Erben wurden in ihren Hoffnungen enttäuscht, dass ein kleines Buch den Gang der Geschichte positiv beeinflussen könnte. Und doch wurden diese Briefe zu Rilkes meistgelesenem Buch. Schon bald entstanden Übersetzungen in viele Sprachen. Unzählige Leser, die keinerlei Ambitionen hegten, Dichter zu werden, fanden hier Zuspruch, Rat und Inspiration. Während der langen Nachkriegsperiode wurde das Nachdenken über sich selbst immer mehr in den Dienst von beruflichem und finanziellem Erfolg und sozialer Anerkennung gestellt. In der heutigen Zeit, in der sich nicht wenige Menschen hingebungsvoll damit beschäftigen, ein vollkommen künstliches und retuschiertes Bild ihrer selbst für andere zu erstellen, während andere wiederum versuchen, authentisch für sich selbst und nach eigenen Maßstäben zu leben, kommt diesen Briefen erneut eine große Bedeutung zu.

Die in einem selbstsicheren und doch anteilnehmenden Ton geschriebenen Briefe regen dazu an, etwas zu tun, was schwierig ist und in der heutigen Gesellschaft nicht sonderlich gutgeheißen wird: ohne Vorgaben und Erwartungen von außen Antworten auf die Frage zu finden, wer man wirklich sein möchte. Doch führen diese Antworten nicht in jenen Egoismus, der sich häufig hinter den wohlmeinenden Ratschlägen, sich selber zu erkunden, verbirgt. In den Briefen zeigt sich Rilke auf geradezu exemplarische Weise als ein Dichter, der jeden einzelnen Moment seines Lebens der Kunst als einer selbstgestellten und nicht auf äußeren Erfolg ausgerichteten Aufgabe widmet. Wer diese Aufgabe ernst nimmt, lernt, andere Menschen als gleichwertig zu behandeln. Denn das Schwerste, schreibt Rilke, ist es, einen anderen Menschen zu lieben: »Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist.«