Cape Coral 3. Center of my Heart - Mimi Heeger - E-Book

Cape Coral 3. Center of my Heart E-Book

Mimi Heeger

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Beschreibung

Das begehrte Sportstipendium ist für Lawrence die Chance, den ärmlichen Verhältnissen in New York zu entkommen und sich in Florida als Footballspieler seinen Traum zu erfüllen. Als er sich schwer verletzt, steht seine Karriere vor dem Aus. Nur die junge Krankenschwester Gwen erhellt seine düsteren Tage auf der Krankenstation. Am Arbeitsplatz gibt sie vor, verlobt zu sein, um nicht mit einem aufdringlichen Stationsarzt ausgehen zu müssen. Doch mit wem soll sie bloß auf die Hochzeit ihrer Kollegin gehen? Nur zu gern hilft Lawrence ihr aus der Patsche und springt als ihr Verlobter ein. Schnell wird aus Spiel Wahrheit, denn zwischen beiden funkt es gehörig. Bis klar wird, dass auch Gwen ein Geheimnis hat …

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch

WHEN A GAME BECOMES REALITY

 

Das begehrte Sportstipendium ist für Lawrence die Chance, den ärmlichen Verhältnissen in New York zu entkommen und sich in Florida als Footballspieler seinen Traum zu erfüllen. Als er sich schwer verletzt, steht seine Karriere vor dem Aus.

Nur die junge Krankenschwester Gwen erhellt seine düsteren Tage auf der Krankenstation. Am Arbeitsplatz gibt sie vor, verlobt zu sein, um nicht mit einem aufdringlichen Assistenzarzt ausgehen zu müssen. Doch mit wem soll sie bloß auf die Hochzeit ihrer Kollegin gehen?

Nur zu gern hilft Lawrence ihr aus der Patsche und springt als ihr Verlobter ein. Schnell wird aus Spiel Wahrheit, denn zwischen beiden funkt es gehörig. Bis klar wird, dass auch Gwen vor einer dunklen Vergangenheit geflohen ist …

 

 

 

Reichtum und Glück sind so vielfältig

wie die Farben, die der Himmel malt.

Geld … Gesundheit … Freiheit,

alles eine Frage der Perspektive.

Genau wie die Farben des Himmels.

 

Für alle, die den Reichtum ihres Lebens kennen,

und für alle, die noch danach suchen …

Prolog

So viele Stunden hatte ich mir vorgestellt, wie es sein würde. Was ich empfinden würde, wenn der Atlantik unter mir auftauchte und endgültig eine dunkle Grenze zwischen mich und meine Heimat zog.

Keine dieser gemalten Gedankengänge entsprach auch nur ansatzweise dem Gefühl von Freiheit, das sich nun leise wie eine sanfte Brise in meinem Bauch ausbreitete und mit jeder weiteren Flugmeile heranwuchs.

Kurz bevor die Maschine in Miami zum Landeanflug ansetzte, hatten sich diese Emotionen zu einem gigantischen Wirbelsturm in meinem Inneren zusammengebraut. Einem Orkan, der alles zerstörte, das zwanzig Jahre lang fest auf seinem Platz verankert war. Ein breites Grinsen wanderte bei dieser Erkenntnis auf meine Lippen. Ich wollte es so. Dieser Sturm sollte alles mit sich nehmen. Niederreißen und unwiderruflich vernichten. Mein altes Leben zerbersten lassen, damit ich nie wieder dorthin zurückkehren konnte. Zu dem Ort, an dem ich alles gewesen war und mich wie ein Niemand gefühlt hatte. Der Ort, der seit meiner Kindheit einem Gefängnis geglichen hatte.

Doch nun war ich ausgebrochen.

Als die Räder schlussendlich quietschend zum Stehen kamen, war es ein ausgewachsenes Lachen, das meiner Kehle entschlüpfte. Ich war für keine einzige Sekunde bereit, es zurückzuhalten. Sollten die Passagiere in meiner Sitzreihe mich doch für übergeschnappt halten. Es war mir egal. Denn ab diesem Moment würde ich endlich die sein, die ich sein wollte, seit ich denken konnte.

Mein neues Leben begann genau jetzt.

Hier. In Florida.

Cape Coral würde mir alles schenken, wonach ich mich seit meiner Jugend verzehrte, und ich würde so viel, wie in meiner Macht stand, zurückgeben.

Kapitel 1

Lawrence

Mein Atem geht langsam.

Kontrolliert.

Ich blende die Jubelschreie des Publikums komplett aus. Genauso wie alles andere um mich herum. Der Moment unmittelbar vor dem Snap ist der, für den ich lebe. Ich existiere nur für die Sekunde, in der ich den Ball in meinen Fingern spüre und damit die Macht in meinen Händen halte.

Kein Spieler bewegt sich. Sie dürfen es nicht. Sie alle warten darauf, dass ich den Anfang mache. Das erste Playoff-Spiel für dieses Jahr. Unser Jahr. Das Jahr, das alles verändern wird. Nur noch drei Monate, dann sind wir mit dem College durch. Drei Monate und ich bekomme für einen Moment wie diesen viele Tausend Dollar.

Noch ein Atemzug.

Durch die Nase ein. Durch die Nase wieder aus.

Ich starre dem Middle Linebacker der Wolves direkt in seine grasgrünen Augen. Ein widerlicher Typ. Brutal. Unfair. Zum Kotzen. Ich werde ihn fertigmachen. So, wie ich ihn im letzten Spiel, in dem wir uns begegnet sind, fertiggemacht habe. Er hat damals ein Dutzend Mal versucht, mich zu kriegen, aber ich war schneller, ich war stärker, ich war der Gewinner. Und ich werde es wieder sein.

Wir werden ihn plattmachen. Ihn und sein gesamtes Team. Bis sie weinend zurück nach Louisville fahren und wünschten, sie hätten es niemals in die Playoffs geschafft. Wir sind unbesiegbar.

Noch ein Atemzug.

Meine Finger krallen sich fester um den Ball.

Ein.

Aus.

Meine Beine spannen sich an. Ich zwinkere dem Mistkerl ein letztes Mal zu. Verhöhne ihn dafür, dass er ernsthaft glaubt, er könne es mit mir aufnehmen. Denn das kann er nicht. Beim letzten Spiel nicht und auch heute nicht.

Als seine Augen sich wütend zusammenziehen, bewege ich mich blitzschnell. Ich starte das zweite Spiel des Jahres mit einem Under Snap, indem ich den Ball zwischen meinen Beinen hindurch an Cam weiterreiche. Unser Quarterback nimmt ihn mit gewohnter Präzision an, und schon im nächsten Augenblick bricht das organisierte Chaos aus.

Der Moment, bevor ich das Spiel starte, mag vielleicht existenziell sein. Doch der Fight, der daraufhin folgt, ist das, wofür ich all die Jahre gekämpft habe. Mit einem animalischen Knurren stelle ich mich der Defensive Line der Wolves in die Quere, die es auf Cam abgesehen hat. Massige Körper prallen überall um mich herum ächzend aneinander. Jedes Team setzt alles daran, diesen Spielzug für sich zu entscheiden.

Die untergehende Sonne malt diesen brutalen Zusammenstoß in trügerisch rotes Licht. Ein Himmel, der wie gemacht ist für eine Schlacht. Für einen Sieg.

Wie erwartet geben die Gegner alles, um an den Ball zu kommen. Aber wir sind nicht ohne Grund der amtierende Champion. Wir sind die Tigers. Und wir gewinnen verflucht noch mal jedes Spiel.

Timber McNeill, der Widerling mit den grünen Augen, der mich schon während des letzten Spiels auf dem Kieker hatte, versucht, mich zu tackeln, damit er freie Bahn auf unseren Quarterback hat, aber ich blocke diesen Mistkerl mit allem, was ich an Kraft aus meinem Körper schöpfen kann.

Viele Menschen halten Football für ein komplexes Spiel. Das ist es zweifelsohne, aber jetzt gerade, in diesem Augenblick ist mein Job so simpel wie menschenmöglich: Ich lasse dieses Arschloch nicht vorbei. Punkt.

Das ist alles. Ich verschaffe Cam die Zeit, die er benötigt, um Ash den Ball zu übergeben.

Im Augenwinkel sehe ich, dass unser Runningback sofort losrennt wie der Blitz. Die Wolves mögen eine gute Defense haben, aber Ashton ist besser. Er schafft es ungehindert bis über die Vierzig-Yard-Marke, ehe die Defensive Line des Gegners ihn zu Boden wirft. Wenigstens haben wir dadurch vier weitere Versuche.

Die meisten von uns nutzen die Gelegenheit, kurz durchzuatmen, doch noch bevor ich mein Mundstück ausspucken kann oder die Chance bekomme, die Schultern zu lockern, rempelt McNeill mich an.

»Heute ist Zahltag, McGhee. Du solltest dich auswechseln lassen, solange du noch laufen kannst.«

Er sieht mir nicht in die Augen, wendet das Gesicht seinen Mannschaftskameraden zu. Sie werfen sich ein ekelhaft fieses Grinsen entgegen.

Mir war schon vor dem heutigen Zusammentreffen klar, dass dieser Kerl ein Kotzbrocken ist, aber so, wie er die Zähne bleckt, hat das nichts mehr mit sportlichem Ehrgeiz zu tun. Der Kerl hat eine Rechnung mit mir offen und ist offensichtlich nur allzu bereit, mich für den letzten Gewinn zahlen zu lassen. Es juckt mich nicht, was für ein Mist aus seinem Mund kommt. Der Typ geht mir am Arsch vorbei, genauso wie seine haltlose Warnung.

»Hast du was gesagt, McNeill?« Ashton Sutton, unser Runningback, sieht das allerdings ein bisschen anders. Mein bester Freund hat grundsätzlich das Bedürfnis, mich in Schutz zu nehmen, dabei ist das in den wenigsten Fällen nötig. Nicht zuletzt, weil ich ein gutes Stück größer und fast dreißig Pfund schwerer bin als er.

»Nichts, was dich etwas angehen sollte, Sutton. Also verpiss dich!«, spuckt McNeill ihm vor die Füße.

Laut seufzend suche ich Ashs Blick und schüttle unauffällig den Kopf.

»Wenn irgendein Schwachkopf meint, meinen Teamkameraden zu bedrohen, dann geht mich das mehr an, als du glaubst, denn ich werde der Erste aus unserem Team sein, der dir die Fresse poliert, wenn du weiter so ein unsportliches Verhalten an den Tag legst.«

»Ash«, warnt Cam, der das Gerangel ebenfalls mitbekommen hat. Unser Quarterback legt unserem gemeinsamen Freund eine Hand auf die Brust. »Komm schon. Lass es gut sein.«

Er spricht mir aus dem Herzen. »Außerdem«, sage ich mit einem breiten Grinsen, »wird McNeill sowieso in wenigen Minuten die Klappe halten. Weil ich ihm zeigen werde, wie man Football spielt, und ihn heulend nach Hause schicke.« Ich mache einen Schritt auf Ash zu. »Denn nur dafür sind wir hier, Bro. Vergessen wenigstens wir das nicht.«

Ich scheiße auf Mistkerle wie McNeill. Diese gab es schon vor hundert Jahren, und es wird sie leider auch noch in hundert Jahren geben. Wenn ich jeden von ihnen verprügeln wollte, wäre ich nicht schlauer als diese Arschlöcher. Meine Devise ist eher, Leuten wie McNeill keine Bühne zu bieten.

Ash und ich sehen uns einen Moment an, und ich bitte ihn stumm, es sein zu lassen. Es dauert noch einen Moment, in dem er ganz offensichtlich mit sich hadert, doch dann nickt er mir knapp zu, und ich zögere nicht, diese Geste zu erwidern.

Nachdem alle sich halbwegs beruhigt haben, stellen wir uns an der Vierzig-Yard-Marke auf. Ash hat einen First Down erreicht, was bedeutet, wir bekommen vier neue Versuche. Vier Versuche, die wir nie und nimmer alle brauchen werden, um in die Endzone zu gelangen. Ich bin sicher, Cam schafft es im nächsten Zug ganz allein bis zum Touchdown.

Wir bringen uns in Position, unser Quarterback kündigt schreiend den nächsten Spielzug an. Wie erwartet wird er selbst laufen, wir müssen also dafür sorgen, dass er genug Raum hat.

Wieder halte ich den Ball fest.

Wieder kommt alles auf dem Spielfeld zum Stillstand.

Ich atme ein.

McNeill verzieht seine vollen Lippen zu einem diabolischen Grinsen.

Ich atme aus.

Er sieht seine Teamkameraden an, und sie scheinen sich stumm über etwas auszutauschen.

Es bleibt keine Zeit, mir Gedanken um das ungute Gefühl in meinem Bauch zu machen, denn in der nächsten Sekunde übergebe ich Cam den Ball, und er schlägt sofort einige Haken, um einen Touchdown zu laufen.

Das Publikum kocht.

Die Tiger-Fans eskalieren im Hintergrund und feuern Cam an. Die Guards prallen auf die Defense, ich mache mich bereit, McNeill auszuschalten, sobald er unserem Quarterback zu nahekommt. Doch er bewegt sich nicht. Er wartet, sieht immer wieder zwischen mir und Cam hin und her. Gibt ihm viel mehr Raum als nötig, und spätestens jetzt steht fest, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Alles geht rasend schnell. Ich lauere auf den Defense-Spieler, der sich noch immer zurückhält, obwohl Cam bereits rennt wie der Blitz.

Dreißig Yards. Zwanzig Yards. Zehn.

Genau in dem Moment, in dem unser Quarterback die Endzone erreicht hat, werde ich zu Boden geschleudert.

Das Stadion jubelt, meine Mitspieler sprinten zu Cam, und ich kapiere überhaupt nicht, was hier gerade passiert, weil der Spielzug längst vorbei ist.

Hat dieser Wichser mir gerade wirklich die Füße weggetreten?

Die Aufmerksamkeit des gesamten Tiger Fields liegt in der Endzone und niemand bekommt mit, wie McNeill sich auf mich wirft, ehe ich auch nur darüber nachdenken kann, auf die Beine zu kommen. Alle Luft entweicht bei seinem Aufprall aus meiner Lunge, und mir bleibt kurz der Atem weg.

Keuchend presst er sich auf mich, und sein dreckiges Grinsen ist das Letzte, was ich sehe, ehe er meinen Arm packt und ihn in einem ungesunden Winkel nach hinten reißt. Einer seiner Teamkollegen – der Schmerz verhindert, dass ich mich an seinen Namen erinnern kann – verdeckt die Sicht auf das, was McNeill offensichtlich vorhat. Sein Knie drückt gegen meine Schulter, er blockiert mit seinem massigen Oberkörper meinen Rumpf.

»Tja, wer fährt jetzt heulend nach Hause?«, flüstert der Middle Linebacker, und mir wird schwarz vor Augen, als er meinen Arm mit einem weiteren Ruck nach hinten zieht. Ich kann meine Finger nicht mehr spüren, mich nicht wehren oder auch nur den Mund aufmachen. Regungslos liege ich da und sehe in seine kalten Augen, während er mir den Helm vom Kopf reißt, mir mitten ins Gesicht spuckt und meinen Hinterkopf auf den Boden knallen lässt.

Ich will nach Ash oder Cam rufen. Mich aufrichten, um mich zu vergewissern, dass der Referee alles gesehen hat. Dass jeder im Tiger Field mitbekommen hat, was hier passiert ist. Doch meine Lider sind zu schwer. Dunkelheit packt mich. Sie verschlingt mich und hüllt mich ein.

Der letzte klare Gedanke, den ich aus einem Nebel wirrer Fetzen zu fassen kriege, bevor die Finsternis mich endgültig verschluckt, ist: Das war’s mit der NFL-Karriere.

Kapitel 2

Lawrence

»Alter, man kann doch sogar auf diesen ätzenden Amateurfilmen auf TikTok sehen, dass es volle Absicht war.«

Ich zucke zusammen, als Ash auf die Füße springt und sich die dunkelblonden Locken rauft. Obwohl ich bereits vor drei Tagen operiert wurde, fühle ich mich noch immer total benommen von der Narkose und den vielen Antibiotika, die ich vorsorglich bekomme. Oder wer weiß, vielleicht ist es auch etwas anderes, das mich zu dem schweigsamen, desinteressierten Kerl gemacht hat, der ich seitdem bin. Möglicherweise Angst. Aber wenn ich mir das eingestehe, wird diese ganze Scheiße hier real, also starre ich weiter abwechselnd an die Decke oder auf die ebenso weißen Laken, sperre die Realität aus und benehme mich wie ein Zombie.

»Das war kein gewöhnlicher Penalty. Der Typ muss angeklagt werden.«

Ash richtet seine zornigen grünen Augen auf mich, ich weiche ihnen aus. So, wie ich es seit dem Spiel gegen die Wolves tue.

Die Tigers haben zwar gewonnen, aber ich habe das Tiger Field als Verlierer verlassen. Ich bin kein Spieler der Offense mehr. Alles an mir ist defensiv geworden.

»Du solltest ihn wirklich anzeigen, McGhee. Dieses Arschloch hat dich ganz bewusst plattgemacht. Das ist Körperverletzung. Dieses Schwein gehört bestraft.«

»Ash«, mahnt Imogen und legt ihrem Freund eine Hand auf die Schulter. Obwohl die beiden erst seit einer Woche offiziell zusammen sind, wirken sie wie ein uraltes Ehepaar. Und ich bin ihr dankbar, dass sie meinen überengagierten Freund etwas drosselt.

Imogen tut ihm gut. Die wunderschöne Frau, die wir alle viel zu lange unterschätzt haben, ist die einzige Naturgewalt, die sich diesem Wirbelsturm von einem Kerl entgegenstellen kann. Deswegen schenke ich ihr einen Gesichtsausdruck, der mit viel Fantasie möglicherweise an ein Lächeln erinnert. Aber auch nur möglicherweise und mit verflucht viel Fantasie.

Ich bin müde. Müde und deprimiert. Zweiteres mehr, als ich es bei den Jungs zugeben möchte. Oder mir selbst gegenüber. Seit dem Snap des Playoff-Spiels fühle ich mich um Jahre gealtert. Aber nicht nur das. Es fühlt sich an, als hätte man mir bei der Operation das Herz herausgenommen, anstatt meine Schulter zu reparieren.

»Ganz unrecht hat er nicht«, gibt Cam zu bedenken.

Er wirkt auf dem kleinen Besucherstuhl wie Hulk. Nur dass er nicht grün ist, sondern sonnengebräunt und in seinem engen weißen T-Shirt aussieht wie ein echter Floridian. Payton, seine bessere Hälfte, sitzt neben ihm und hat seine Finger fest umklammert. Ihre langen dunklen Haare liegen wie ein Schleier um ihr Gesicht. Sie spricht so gut wie nie, wenn sie hier sind.

»Aber erst mal ist es am wichtigsten, dass du wieder fit wirst«, meint Cam noch.

»Mann, bin ich der Einzige, der diesem Arsch die Fresse polieren will?«

»Ash«, flüstere ich und meine Augenlider flattern. Seit ich ins Cape Coral Memorial eingeliefert wurde, weiß ich nichts mehr zu sagen. Zum einen, weil ich keine Ahnung habe, worüber ich reden sollte. Zum anderen, weil ein gigantischer Kloß in meinem Hals mir das Reden unmöglich macht. Wahrscheinlich richten sich deshalb schlagartig alle Blicke auf mich. Seit drei Tagen verbringen Cam, Ash und ihre Freundinnen jede freie Minute an meinem Bett, aber es ist das erste Mal, dass sie alle gleichzeitig hier sind.

»Lass es einfach gut sein, ja?« Ich bringe die Worte nur leise hervor, aber den Gesichtern nach zu urteilen, scheint es, als hätte ich sie geschrien.

»Lawrence«, warnt Ash mich.

Mit dem Smartphone in der Hand kommt er auf mich zu. Er nennt mich sonst nie Lawrence. Für ihn war ich vom ersten Tag an McGhee. Wahrscheinlich ist es lächerlich, aber sofort kommt mir der Gedanke, dass ich ab jetzt Lawrence für ihn bin. Weil ich nie wieder als Center in der Offensive Line vor ihm stehen werde. Weil ich nie wieder McGhee sein werde. Der Center der Tigers. Der Spaßvogel. Der Kerl, der für jeden Scheiß zu haben und dem kein Krafttraining der Welt zu viel ist.

»Sieh dir das Video an!« Er hält mir sein Smartphone entgegen. Ich wende den Blick ab. »Es ist einfach so unglaublich offensichtlich.«

»Danke«, bringe ich zähneknirschend hervor. »Ich muss keine Videos sehen. Ich war dabei.«

Die Jungs haben keine Ahnung, wie es mir wirklich geht. Dass ich diesen Moment Hunderte Male durchlebt habe. Immer und immer wieder zeigen mir meine Gedanken die Bilder. Spielen den Film ab, den ich nicht sehen will. Das Ende. Das Ende von McGhee. Mein Ende. Doch das sage ich Ash nicht. Das sage ich niemandem. Weil es keine Rolle spielt. Nichts, was ich sage, macht diesen ganzen Mist ungeschehen.

»Dann verstehe ich erst recht nicht, warum du nicht …«

Er verstummt, als die Tür zu meinem Zimmer aufgeht.

Meine Lieblingskrankenschwester, Gwen, hält kurz inne, ehe sie ihren Blick durch den Raum schweifen lässt und ihre Augen schließlich bei mir landen. Sie war die Erste, die ich gesehen habe, als ich aus der Narkose aufgewacht bin. Keine besonders schöne Erinnerung für uns beide, denn sie war leider auch diejenige, die drei Minuten später meine Kotze wegwischen musste. Aber deswegen ist sie nicht meine Lieblingskrankenschwester. Viel eher, weil sie stets dieses zarte Lächeln auf den Lippen trägt und weil der weiche Klang ihrer Stimme mich irgendwie beruhigt. Sie ist die Einzige, der ich seit meiner Einlieferung ins Gesicht schauen kann. Ich weiß nicht, was sie jetzt gerade in meinem Ausdruck erkennt, jedenfalls wendet sie sich schon nach wenigen Sekunden an meine Freunde.

»Okay, Leute. Ich denke, für heute ist die Besuchszeit vorbei.«

Payton, die mich die ganze Zeit ansieht, als wollte sie losheulen, erhebt sich sofort und packt ihren Kram zusammen. Dabei zieht sie Cam ebenfalls vom Stuhl.

Ash denkt gar nicht daran. Stattdessen verschränkt er die Arme vor der Brust. »Seit wann gibt es feste Besuchszeiten?«

»Ashton Sutton«, meckert Imogen. Ihre hellblauen Augen sprühen beinahe Funken, als sie ihren Freund taxiert. »Wir gehen jetzt. McGhee braucht Ruhe.«

»Ganz genau«, pflichtet Gwen ihr bei und stemmt ihre Hände in die schlanken Hüften.

Ich habe wirklich noch nie eine so dermaßen zierliche Frau gesehen wie sie. Alles an ihr wirkt zart.

»Außerdem.« Sie baut sich vor Ash auf, als ob sie diejenige mit den muskelbepackten tätowierten Armen und er der Winzling wäre. »Wenn ich sage, die Besuchszeit ist vorbei, dann ist sie das wohl auch! Weil wir auf unsere Patienten achten. Und zwar ganz gleich, was der Besuch davon hält.«

»Schon gut, schon gut.« Ergeben hebt mein Kumpel die Hände.

Ash ist kein Arschloch. Ich weiß, er macht sich nur Sorgen. Sutton war noch nie der Typ, der logisch an Probleme herangeht. Er denkt zu viel mit dem Herzen. Das wird ihm immer wieder zum Verhängnis. Umso erleichterter bin ich, dass Imogen ein Auge auf ihn hat.

Der Moment, in dem er an mein Bett herantritt, ist dennoch der, in dem der Kloß zurück in meinen Hals kehrt, und ich wünschte beinahe, Ash würde wieder anfangen, gegen meine Krankenschwester zu rebellieren. Alles ist mir lieber, als mich dem Mitleid in seinen Augen zu stellen. »Ich komme morgen wieder. Ruf an, wenn du was brauchst, Bro.« Er drückt mir kurz die gesunde Schulter. Dabei zuckt sein Blick nur flüchtig auf die kaputte Seite.

Er sieht es. Er sieht, dass McGhee nicht länger existiert. Da bin ich mir sicher.

Seit drei Tagen gehen meine Freunde hier ein und aus. Sie regen sich über den Middle Linebacker der Wolves auf, sie bemitleiden mich, umsorgen mich. Aber noch niemand hat es gewagt, laut auszusprechen, was uns doch allen mehr als klar ist: Ich bin vollkommen am Arsch. Meine Verletzung hat alles zerstört.

Statt auf das Angebot meines Freundes einzugehen, nicke ich nur schmal und fixiere wieder den altbekannten Punkt auf meiner Bettdecke, um dem Ausdruck in seinem Gesicht zu entkommen.

Payton drückt mir als Nächste mit glasigen Augen einen Kuss auf die Wange. Es fällt ihr schwer, hier zu sein. Alles, was mit Leid und Traurigkeit zu tun hat, triggert sie, seit ihre Eltern letztes Jahr ums Leben gekommen sind. Ich habe ihr schon vor Tagen versichert, dass sie nicht herkommen muss, aber sie lässt sich nicht davon abhalten. Genau wie die anderen.

Imogen und Cam verabschieden sich nur knapp und ersparen mir vielerlei Worte, weil Gwen noch immer mit in die Hüften gestemmten Händen dasteht und wartet. Dabei tippt sie ungeduldig mit dem Fuß auf den orangefarbenen Linoleumboden.

Erst als die Tür hinter meinen Freunden ins Schloss fällt, lasse ich die Luft schwallartig aus meiner Lunge entweichen. Allerdings bereue ich diese undurchdachte Aktion sofort, weil meine Brust schmerzt, als hätte ein Bulldozer mich überrollt.

»Möchten Sie heute Abend Schmerzmittel, Mr. McGhee?«

Ich öffne die Augen – mir war nicht mal klar, dass ich sie geschlossen hatte – und finde mich in dem warmen Braun von Gwens Iriden wieder.

»Sie sollen mich doch nicht so nennen.« Mr. McGhee – das klingt, als wäre ich ein Versicherungsvertreter. Außerdem ist sie aus unerfindlichen Gründen die Einzige, bei der ich nicht das dauerhafte Bedürfnis verspüre, auch weiterhin McGhee zu sein.

»Möchten Sie vielleicht heute Schmerzmittel, Lawrence?«

Sie fragt das mit einem winzigen Schalk im Gesicht. Bei ihr mag ich, wie sie meinen Vornamen betont, und eigentlich darf nur sie ihn momentan ungestraft sagen. Dass sie es tut, ist derzeit das einzige Highlight meines Tages.

»Was ist das für ein Akzent in Ihrer Stimme?«, will ich wissen.

Routiniert fängt sie an, mir die Decke von den Beinen zu ziehen und sie kräftig auszuschütteln. Dabei komme ich mir total bescheuert vor, weswegen ich verlegen auf meine nackten Beine starre, die sich markant von den weißen Laken abheben.

»Meine Mutter stammt ursprünglich aus England.«

»Britin also«, murmle ich vor mich hin. Meine Stimme klingt belegt, weil ich sogar Schmerzen verspüre, wenn ich nur meine Zunge anhebe.

»Sie sollten wirklich was nehmen.« Gwen legt den Kopf schief, was zur Folge hat, dass ein paar Strähnen ihrer Haare in ihr schmales Gesicht fallen. Sie trägt sie heute zu einem Zopf gebunden, aber sie sind eigentlich nicht lang genug dafür, und ihre Frisur hat sich beinahe vollständig aufgelöst. »Warum quälen Sie sich so?«

Auf ihre Worte hin entweicht mir ein seltsam klingendes Schnauben, das den stechenden Schmerz in meiner Brust auf ein ganz neues Level hebt.

»Lawrence.« Seufzend breitet sie die Decke wieder über mir aus, stopft sie an den Seiten fest und überprüft anschließend meine Infusion. »Ihre Operation war kompliziert, von der Gehirnerschütterung und der Rippenprellung mal ganz abgesehen. Sie haben das alles durchgestanden, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu beschweren. Für wen spielen Sie den Helden? Sie müssen schreckliche Schmerzen haben. Schmeißen Sie Ihren Stolz über Bord, und nehmen Sie etwas ein.«

Seit vorgestern lehne ich sämtliche Schmerzmittel ab. Weil ich den Schmerz spüren will. Er ist alles, was mir geblieben ist.

Einen Moment halte ich bei ihren Worten inne. Senke den Blick und will schon wieder die Augen schließen, als ich mich zum ersten Mal seit drei Tagen anders entscheide.

Tapfer begegne ich Gwens warmem Blick.

»Der Schmerz in meinem Arm ist ein Witz gegen den Schmerz hier drin.« Ich lege mir eine Faust auf die Stelle meines Herzens. Es fühlt sich grauenvoll an, die Wahrheit auszusprechen, und ich bin ehrlicherweise kurz davor, in Tränen auszubrechen. »Meine Schulter ist ein Wrack. Mein Wurfarm mit dazu. Wissen Sie, was das bedeutet?«

Gwen presst die zartrosa Lippen zusammen. »Mit einer guten Therapie und etwas Zeit …«

»Ich habe keine Zeit«, unterbreche ich sie – vielleicht eine Spur zu harsch –, aber wenn dem so ist, lässt sie es sich nicht anmerken. Die Maschine, die noch immer meinen Puls in Form von leisen Pieptönen wiedergibt, beschleunigt ihr Tempo.

Die süße Krankenschwester mit den braunen Haaren und den kugelrunden Augen hat keine Ahnung von meinem Leben. Im Grunde hat niemand das. Hier in Cape Coral kennen alle nur McGhee, den Center der Tigers. Ein Kerl stark wie ein Bär, der für sein Team kämpft und nebenbei ein paar Wirtschaftskurse belegt hat. Doch dieser McGhee hat einen Haken. Er existiert nur in Verbindung mit Football.

»Was meinen Sie mit ›keine Zeit‹? Sie sind noch jung. In ein paar Mona…«

»In ein paar Monaten ist der Draft vorbei. Bis dahin hätte ich alles geben müssen, um es in die NFL zu schaffen. Ist dieser Zeitpunkt gelaufen, war es das mit der Karriere, für die ich mir jahrelang den Arsch aufgerissen habe.« Schon wieder habe ich sie unterbrochen, und es tut mir im gleichen Moment leid. »Sorry«, flüstere ich daher mit gesenktem Kopf. »Aber Sie verstehen nicht. Ich habe wirklich keine Zeit mehr.«

»Okay … wow.« Mit langsamen, aber zielstrebigen Bewegungen macht Gwen sich daran, die leere Infusionsflasche von dem Schlauch abzustöpseln, der in meinem Arm steckt. Wie immer wirken ihre Bewegungen routiniert und präzise. »Die NFL also, hm? Dann müssen Sie verdammt gut sein. Mir war nicht klar, dass Sie beruflich Football spielen.«

»Tue ich nicht.« Ich schaffe es immer noch nicht, sie anzusehen. »Ich hatte ein Stipendium für die CCU. Aber nur bis April. Na ja.« Automatisch sehe ich auf die Verbände und die Schiene an meinem Arm. »Es ist Mitte Januar. Also …«

»… haben Sie keine Zeit. Ich verstehe.«

Erst als ich bemerke, dass sie nicht weiter an mir herumdoktert, hebe ich den Kopf.

Ein paar Atemzüge lang sehen wir uns in die Augen. Ich kann erkennen, wie Gwen schluckt. Das optimistische Lächeln, das niedliche Fältchen auf ihre Wangen wirft, ist verschwunden. Ich glaube, so ernst habe ich sie noch nie gesehen, und es macht mir eine Scheißangst.

»Es tut mir sehr leid für Sie, Lawrence. Wirklich.«

Ich presse so fest die Kiefer aufeinander, dass ich schon fürchte, mir die Zähne abzubrechen. »Schon okay.« Ich zwänge die Worte irgendwie aus meinem Mund.

Mir ist klar, dass sie es gut meint. Was soll sie auch sonst sagen? Sie ist Krankenschwester. Ich bin ihr Patient. Wahrscheinlich kümmert sie sich täglich um ganz andere Fälle. Sieht Menschen sterben und muss die entsetzlichsten Krankheiten behandeln. Dagegen ist ein verletzter Footballer recht unspektakulär.

Aber für mich bedeutet diese verdammte Schulterverletzung die Endstation.

Schulterluxation mit Ruptur der Rotatorenmanschetten – so lautet die Diagnose, die meine Zukunftspläne zerstört hat, ganz offiziell.

Ich weiß nicht im Detail, was das bedeutet. Nur dass der Middle Linebacker der Wolves eine Sehne in meiner Schulter zum Reißen gebracht hat, während er das ganze Gelenk ausgekugelt hat. Es waren nur wenige Sekunden. Wenige Sekunden, die alles kaputtgemacht haben, wofür ich in den letzten Jahren gearbeitet habe.

Meine Mom hat immer gesagt, ich solle vorsichtig damit sein, die Leiter des Lebens nach oben klettern zu wollen. »Vergiss nicht, wo du herkommst, Lawrence. Je weiter du aufsteigst, umso tiefer fällst du. Immerhin kommen wir von ganz unten.«

Ich habe diese Worte nie vergessen. Tja, und jetzt kann ich beinahe minütlich dabei zusehen, wie ich Sprosse für Sprosse abrutsche. Und ich bin noch lange nicht unten angekommen.

Kapitel 3

Gwen

»Ich werde das nicht akzeptieren! Also bitte, wer kommt auf die Idee, ein weißes Kleid zu einer Hochzeit zu tragen? Noch dazu auf der des eigenen Sohnes? Das ist ja wohl ein schlechter Scherz!« Amy stopft sich zwei Kekse auf einmal in den Mund. »Bestimmt macht sie das absichtlich, damit ich noch mehr Stress kriege und immer mehr esse. Am Ende passe ich dann selbst nicht mehr in das verdammte Kleid, und sie ist die Einzige, die Weiß trägt.«

Mein Lachen fällt müde aus. Ich arbeite seit drei Spätschichten ohne freien Tag. Es folgen noch zwei weitere heute und morgen, dann habe ich endlich ein paar Tage meine Ruhe.

»Ach Quatsch.« Um sie etwas aufzumuntern, tätschle ich meiner Kollegin die Hand. »Du wirst wunderschön aussehen. Sams Mom wird sich rechtzeitig besinnen und eine andere Farbe wählen, und der Tag wird märchenhaft werden. Da bin ich sicher.«

Ich nicke so euphorisch wie möglich, in der Hoffnung, ihre Sorgen etwas zu lindern. Dabei zuckt mein Blick jedoch für eine Sekunde auf die große Wanduhr im Schwesternzimmer und verrät, dass schon zwanzig Minuten meiner Pause um sind. Eigentlich wollte ich noch auf der Pädiatrie vorbeischauen und sehen, ob ich einem der kleinen Patienten etwas vorlesen kann.

»Ich verstehe nicht, warum du da so ruhig bleibst«, nuschelt sie mit vollem Mund. »Deine Hochzeit ist nur vier Monate nach meiner und du bist noch immer tiefenentspannt.«

Mein Lächeln gefriert, und ich bete innerlich, dass sie nicht sieht, wie ich mich verkrampfe. Gespräche rund um meine Hochzeit gehören nicht gerade zu meiner Lieblingsbeschäftigung. »Na ja, du weißt ja, dass wir nicht so eine große Familie haben wie ihr. Da ist das alles sowieso etwas ruhiger.« Ich klinge wenig überzeugend, deswegen räuspere ich mich und füge noch hinzu: »Keine Schwiegermutter zu haben, die Weiß tragen könnte, ist auch ein Vorteil.«

Amys Schultern heben sich unter einem tiefen Seufzer. »Ach, ich weiß auch nicht. Ich habe das Gefühl, diese Hochzeit raubt uns allen den letzten Nerv. Es geht überhaupt nicht mehr um die Liebe.«

»Wenn du Sam am Altar in die Augen siehst, geht es wieder darum. Hab ein bisschen Vertrauen in euch«, rate ich ihr. Dabei kralle ich die Zehen in meinen Gummilatschen zusammen, weil ich mir so schlecht vorkomme. Ich bin eine miese Heuchlerin. Erzähle was von Liebe und gebe Hochzeitstipps. Der Preis an die schlechteste Freundin der Welt geht dieses Jahr ganz sicher an mich.

Wie auf Kommando erscheint Dr. Alexander Sterling im Türrahmen. Sein Blick schweift über die Keksdose hinweg zu Amys Füßen, die sie ohne Schuhe auf einem Stuhl abgelegt hat. So richtig finster schaut er allerdings erst, als er mich sieht.

»Ich störe ja ungern das Kaffeekränzchen der Damen, aber wir haben eine Neueinlieferung, und es wäre wünschenswert, auf meiner Station wenigstens eine Krankenschwester vorzufinden, wenn ich eine brauche.«

Sein blondes Haar liegt wie immer makellos an den Kopf gegelt, und er hat das hellblaue Hemd in die Hose gesteckt. Alles an Dr. Sterling ist perfekt. Die gebleachten Zähne, die gerade Nase, das markante Kinn, das teure Parfüm. Der Mann könnte geradewegs aus der Fantasie einer Frau geschlüpft sein. Was ihn leider nicht weniger zum Arsch macht. Ich bin, weiß Gott, niemand, der die Menschen schnell verurteilt, aber dieser Kerl ist einer der wenigen Personen auf meiner Hassliste. Nicht zuletzt, weil seine eiskalte Attitüde mich viel zu schmerzlich an ein früheres Leben erinnert.

»Wir haben nur Pause gemacht«, rechtfertigt sich Amy und schlüpft, so schnell es geht, in ihre Sneakers, während ich den Kopf senke, um seinem Blick zu entkommen. Ganz sicher werde ich mich nicht vor ihm rechtfertigen. Stattdessen springe ich auf, um den Patienten in Empfang zu nehmen, doch Alexander macht keine Anstalten, auch nur einen Zentimeter zur Seite zu weichen, um mich vorbeizulassen.

»Vielleicht sollte ich Rita bitten, Sie beide nicht mehr zusammen in eine Schicht zu stecken.«

Noch immer hebe ich nicht den Kopf, um ihn wütend anzufunkeln, und ich verkneife es mir unter größter Anstrengung, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass er machen kann, was er will. Es wird mich nicht treffen. Soll er ruhig weiter versuchen, mich zu verletzen. Mir ist klar, dass das hier nur ein persönlicher Rachefeldzug ist und nichts mit meiner Arbeit zu tun hat, und ich bin immun gegen Männer wie ihn. Sein Ego ist angekratzt, aber damit kann ich offensichtlich besser leben als er. Und dabei bade ich die Konsequenzen der ganzen Misere ebenfalls aus. Jeden Tag. Aber davon ahnt weder er etwas noch meine Kollegin und einzige Person in diesem Krankenhaus, die ich entfernt als Freundin bezeichnen würde.

Zu meiner Erleichterung schieben die Krankenschwestern aus der Notaufnahme in diesem Moment einen älteren Herrn in den Gang, und Sterling ist gezwungen, seine Aufmerksamkeit auf das Krankenbett zu richten.

»Halleluja«, meckert Amy leise, während sie sich den zweiten Schuh zubindet. Dabei sieht sie immer mal wieder zu unserem Stationsarzt, um sicherzugehen, dass er uns nicht hört. »Er kommt einfach immer noch nicht damit klar, dass du ihn hast abblitzen lassen.« Sie versucht mit aller Kraft, ein Kichern zu unterdrücken, was ihr nur mäßig gelingt. »Vielleicht solltest du deinen Schatz mal mitbringen, damit er ihm ein bisschen Respekt einflößt. Warum checkt der Kerl nicht, dass du inzwischen sogar verlobt bist? Langsam könnte er sich mal wieder einkriegen.«

Dieses Mal ist sie diejenige, die mir aufmunternd über den Arm streichelt. Allerdings fühle ich mich dabei nur noch schlechter. Weil sie keine Ahnung hat, wovon sie redet.

Meine Gedanken werden jäh unterbrochen, weil die Pflicht ruft. Der alte Mann, der regungslos in seinem Bett liegt, sieht wirklich nicht gut aus. Seine Haut ist aschfahl und sein Mund steht leicht offen.

»Patient. Dreiundachtzig Jahre. Sturz aus dem Bett im Pflegeheim«, klärt Sterling uns auf. »Er kommt erst mal in die dreiundzwanzig. Die Röntgenbilder waren nicht eindeutig. Morgen früh machen wir ein CT, und ich will noch heute ein großes Blutbild und die Gerinnungswerte.«

Gemeinsam machen wir uns daran, das sperrige Bett über den Gang zu schieben.

In Zimmer dreiundzwanzig der Unfallchirurgie liegt Mr. McGhee. Lawrence. Fast von allein wandern meine Mundwinkel leicht nach oben, sacken aber abrupt wieder ab, als der Doktor mich anfunkelt.

Zum Glück hat Lawrence gerade keinen Besuch. Seit ich seine Freunde gestern recht grob hinausbefördert habe, war niemand mehr da, was mir den ganzen Tag schon ein schlechtes Gewissen beschert. Aber jetzt gerade bin ich froh darüber, dass unser Grumpy-Doc neben seinem Patienten dort nicht eine Horde aufgebrachter Footballer mit Pizzakartons und Dosenbier vorfindet. Ich kann mir schon vorstellen, wer dafür den Rüffel abbekommen hätte.

Sobald die Tür sich öffnet, findet mein Blick den von Lawrence. Ich kann nicht mal sagen, was genau es ist, was mich an dem verletzten Footballer fasziniert, aber Fakt ist: Ich finde ihn irgendwie gut. Vielleicht liegt es an der Art, wie er mich ansieht. Genau wie jetzt.

Als wäre er fremd und allein auf diesem Planeten gelandet und wüsste nicht, was er machen soll, um zu überleben. So, als hätte ich die Antworten bei mir, nach denen er sucht.

Er trägt riesige silberne Kopfhörer, was in Kombination mit seinen Cornrows absolut sexy aussieht. Seit er eingeliefert wurde, frage ich mich, wie sein Haar wohl aussähe, wenn er es nicht eng am Kopf geflochten tragen würde. Wäre es lang? Kraus?

Ein Krachen löst meinen Blick von Lawrence.

»Schwester Gwen!« Dr. Sterling bläst die Nasenlöcher auf, während er mich wie ein wütender Stier taxiert. »Passen Sie gefälligst auf. Ich bin Ihre ständige Unachtsamkeit leid.«

Ich war so abgelenkt, dass das Bett des alten Mannes leicht gegen den Türrahmen gestoßen ist. Weder fest genug, um eine Macke zu hinterlassen, noch um den Patienten zu wecken, der so viel Schmerzmittel bekommen hat, dass er tief und fest schläft. Also alles nicht wirklich der Rede wert. Aber natürlich lässt Sterling sich keine Gelegenheit nehmen, mich aggressiv anzumachen.

Erinnerungen schießen mir in den Kopf. Die Traurigkeit und die Scham, die ich empfunden habe, wenn meine Fehler auf dem Silbertablett präsentiert wurden. In meinem Magen schwappt die Verzweiflung und bringt mich zum Schlucken. Einen Moment lang erlaube ich es mir, die Augen zu schließen. Ich bin eine erwachsene Frau. Niemand kann mir vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe. Nicht mal Sterling, dieser aufgeblasene Arsch.

Amys Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Ich atme noch ein letztes Mal tief durch, ehe ich die Schultern straffe und mich wieder im Griff habe.

»So, Mr. McGhee. Ab heute ist die Einzelzimmersaison vorbei«, flötet Amy, während wir beide das Bett auf die andere Zimmerseite schieben und mit den Füßen die Bremsen blockieren. Beinahe synchron klappen wir die seitlichen Gitter herunter, um nachzusehen, ob wir den Patienten anders lagern oder Wunden noch verarztet werden müssen.

Im Augenwinkel sehe ich, wie Lawrence sich die Kopfhörer mit einer Hand abnimmt. Er sieht mit undurchdringlicher Miene zwischen mir und Sterling hin und her. Doch der behandelnde Arzt blättert nur desinteressiert durch die Akte des alten Mannes und überprüft seine Vitalwerte. Erst als er vor sich hin knurrend das Zimmer verlässt, atme ich wieder tief ein und aus.

»Ich hole ein flacheres Kissen und alles für die Blutentnahme.« Amy seufzt mindestens genauso tief wie ich.

»Alles klar.« Ich breite die Decke wieder vorsichtig über dem schlafenden Mann aus und achte darauf, sie nur locker auf das verletzte Bein zu legen, das in der Notaufnahme bereits behandelt wurde. Anschließend klappe ich die Gitter wieder nach oben, damit er nicht noch mal aus dem Bett fallen kann.

»Ist er«, Lawrence räuspert sich, »nicht bei Bewusstsein?«

Neugierig versucht er, an mir vorbei zu spähen. Ich trete ein Stück auf ihn zu.

»Vorerst schläft er. Aber ich weiß nicht, wie sein Zustand ist, wenn er wach wird. Laut Akte lebt er in einem Seniorenheim und ist bettlägerig. Er ist aus dem Bett gestürzt. Morgen machen wir noch ein paar Untersuchungen. Wenn er nicht operiert werden muss, verlegen wir ihn sicher schnell auf die Geriatrie.«

»Oh. Okay.« Lawrence beäugt mit skeptischem Blick seinen neuen Zimmernachbarn, und ich frage mich unwillkürlich, wie er wohl aussähe, wenn er lächeln würde. Bisher habe ich ihn nur mit einer tiefen Furche zwischen den Brauen gesehen. Als er sich noch einmal räuspert, nehme ich mir endgültig vor, ihn nicht die ganze Zeit anzustarren. Nicht, dass ich mir das allein heute nicht schon mehrmals selbst gepredigt hätte. Keine Ahnung, was mit mir los ist, aber in der Regel bringt mich ein gut aussehender Typ nicht aus der Fassung. Eigentlich bringt mich überhaupt kein Typ aus der Fassung. Nicht mehr.

Aber bei ihm ist es anders. Dieser Mann an sich ist ein Gegensatz. Der dunkle bedrohliche Blick will überhaupt nicht zu der warmen und weichen Attitüde passen, die er definitiv ausstrahlt. Ich weiß nicht so genau, woher ich die Gewissheit nehme, aber ich bin mir sicher, Lawrence McGhee ist ein guter Mensch. Ein Mann voller Respekt und Anstand. Genauso wirkt er, sobald seine vollen Lippen sich öffnen.

»Ähm, kann ich Sie vielleicht um einen Gefallen bitten?«

Ich gehe noch ein paar Schritte, bis ich beide Hände auf die Stange an seinem Bettende legen kann. Ich weiß nicht, wie er das macht, dass er in diesem Ding schlafen kann, denn der Footballer ist deutlich größer als eine Standardbettlänge.

»Klar. Solange ich nichts schmuggeln muss oder es mir auf andere Weise mit der Geschäftsführung verscherze, stehe ich zur vollen Verfügung.«

»Es …« Mit der gesunden Hand streicht er sich über seine Stirn, und ich komme nicht umhin, zu beobachten, was für Pranken dieser Mann hat. Seine Hände sind riesig. Muskulös und mit dicken Sehnen überzogen.

»Es?«, frage ich, weil er auch nach mehreren Anläufen keine Anstalten macht weiterzusprechen. Dabei habe ich wirklich Mühe, mein Kichern zu unterdrücken.

»Es ist mir etwas peinlich.«

Zum ersten Mal sehe ich überhaupt irgendeine Gefühlsregung außer Verbitterung in seinem Gesicht, was mich neugierig macht. Weil ich spüre, dass hinter der harten Schale noch viel mehr steckt. Ich fühle es einfach, auch wenn es mich im Grunde nicht interessieren sollte. »Glauben Sie mir, was es auch ist, ich habe alles schon gehört oder gesehen. Also, raus damit!«

Dieses Mal lacht er leise und reibt sich dabei über die mit Sicherheit schmerzenden Rippen. Der harte Gesichtsausdruck allerdings bleibt von dieser Geste unberührt.

»So schlimm ist es auch wieder nicht. Ich fürchte nur, die Bändchen dieses bescheuerten Nachthemds haben sich in der Steuerung des Bettes verfangen.«

Ich lege den Kopf schief, nicht sicher, ob er das ernst meint.

»Jedes Mal, wenn ich das Kopfteil mit der Fernbedienung nach oben fahren will, zerrt etwas an diesen blöden Bändern. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich bislang keine Nachthemden getragen habe und es auch zukünftig nicht noch einmal vorhabe.«

Ich presse die Lippen fest zusammen, um nicht laut loszulachen.

»Sie dürfen ruhig lachen«, meint Lawrence und streicht sich über den Mund. Dabei entsteht ein kratziges Geräusch, weil er sich nicht rasiert hat, seit er hier ist.

»Entschuldigung.« Ich lasse der Belustigung freien Lauf. »Aber das habe ich doch tatsächlich noch nie gehört.« Ich gehe zögerlicher als gewöhnlich an seine Seite und schnappe mir die Fernbedienung, um das Kopfteil vollständig hinabzulassen. »Warum tragen Sie überhaupt noch das OP-Hemd? Sie dürfen ruhig eigene Sachen anziehen.« Sollte es ein Lächeln gewesen sein, das seine Lippen gerade noch verziert hat, ist es soeben vollständig wieder verschwunden. »Entschuldigung«, wiederhole ich und werde ebenfalls ernst. »Das geht mich nichts an. Ich wollte nur … Ich dachte … Also, wenn Ihre Freunde Ihnen …«

»Er hat mir nur Trikots gebracht.« Er spuckt die Worte aus, beinahe so, als könnte er sich daran vergiften. »Ash. Also mein Kumpel. Ich habe ihm gesagt, er soll mir was zum Anziehen bringen, und dieser Trottel hat nur Trikots gebracht.« Er wiederholt den Satz, beinahe so, als wäre mir nicht auch ohne die Verdeutlichung klar, was das für ihn bedeutet. Wenn Football sein Leben ist, hat diese Verletzung nicht nur physische Wunden hinterlassen. Und sein Freund hat quasi mit seiner Kleiderwahl das Messer noch tiefer in die Wunde gebohrt.

»Ich will wirklich nicht über Ihren Freund herziehen«, sage ich, während ich nebenbei versuche herauszufinden, wo genau sich die Bändchen in dem Mechanismus verfangen haben.

»Er ist ein guter Kerl. Nur manchmal etwas …«

»Unsensibel?«, frage ich und beuge mich an seinem Kopf vorbei, um das Kopfende sehen zu können. »Okay. Da.«

»Ja genau«, brummt Lawrence. »Unsensibel. Haben Sie es?«

»Ich habe die Stelle. Das hat sich total verhakt.« Das Nachthemd hängt viel zu hoch und das Ende eines Bändchens, das eigentlich auf dem Rücken gebunden wird, hat sich zwischen die Hebetechnik geklemmt. »Alles klar. Ich muss …« Ich beuge mich etwas zurück, um ihm in die Augen zu sehen. »Ist es okay, wenn ich kurz etwas über Sie klettere, sonst komme ich da nie und nimmer dran. Ich könnte auch eine Schere holen.«

»Kein Ding. Tun Sie sich keinen Zwang an.« Er sieht aus, als wollte er mit den Schultern zucken, lässt es aber sofort wieder.

Anstatt aufmunternde Worte zu finden, krabble ich mit den Knien vorsichtig aufs Bett und lehne mich über seine gesunde Seite so weit nach oben, dass meine Brüste mit Sicherheit genau vor seinem Gesicht sind. Aber darauf kann ich gerade keine Rücksicht nehmen, weil ich das Ding einfach nicht loskriege.

»Verflixt noch mal«, schimpfe ich vor mich hin und zerre so fest an dem Stoff, dass mir der Schweiß ausbricht. Immer und immer wieder.

Ich kann Lawrence’ Atem an meinem Hals spüren, was die Sache nicht besser macht. Voller Konzentration schließe ich die Augen, atme noch einmal tief ein und ziehe ruckartig mit aller Kraft. Dieses Mal gibt der Stoff nach, allerdings habe ich so fest gezogen, dass ich schlagartig nach hinten katapultiert werde.

Während ich vor Schock quietsche, schlingt Lawrence seinen gesunden Arm um mich und fängt mich an seiner Seite auf.

Genau in dem Augenblick, in dem ich mit meinem Gesicht gegen seine Brust gedrückt werde, mich an seiner Taille festkralle und er einen Arm um mich geschlungen hat, geht die Tür auf.

Kapitel 4

Lawrence

Als Footballspieler bin ich es durchaus gewohnt, dass mehrere Dinge gleichzeitig passieren. Aber das, was sich gerade um mich herum abspielt, überfordert selbst mich.

Zeitgleich mit dem stechenden Schmerz, der von meiner Brust in meine Schulter schießt und sich von da so ziemlich durch meinen ganzen Körper ausbreitet, erfüllt mich eine Hitze, die mich paradoxerweise schaudern lässt. Genau in dem Moment, in dem Gwen in meinem Arm gelandet ist, öffnet sich die Tür, und wir werden mit weit aufgerissenen Augen angestarrt.

»Ach, du liebes bisschen!« Schwester Amy quietscht und lässt vor Schreck alles fallen, was sie in den Händen hielt.

»Amy!« Gwen löst sich aus meiner rettenden Umarmung und klettert von mir herunter und vor allem aus meinem Bett. Ihre Wangen haben die Farbe überreifer Tomaten. Flecken breiten sich bis hinunter auf ihren Hals aus.

»Er ist es?« Mit offenem Mund starrt Schwester Amy zwischen mir und Gwen hin und her.

Ich starre mindestens genauso verdutzt zwischen ihr und Gwen hin und her.

»Warum hast du das denn nicht direkt gesagt? Ich kann es nicht fassen! Er!«

Irgendwie scheine ich noch Probleme mit dem Denken zu haben, denn ich verstehe beim besten Willen nicht, worauf die Krankenschwester mit dem hohen Pferdeschwanz und der schrillen Stimme hinauswill. Gwen, die inzwischen wieder neben mir steht und sich den Kittel zurechtzupft, sieht mich an. Ich kann erkennen, wie sie schluckt. Ihre Lippen öffnen sich, doch noch bevor sie etwas sagen kann, plappert Amy weiter drauflos. Dabei geht sie allerdings auf die Knie und sammelt neben dem Kopfkissen für meinen neuen Zimmernachbarn auch diverses Medizinzeug ein, von dem ich keine Ahnung habe.

»O Mann, es freut mich ja so, dich endlich kennenzulernen. Seit Monaten sage ich Gwen, dass wir uns mal treffen sollten.« Ihr entweicht ein Lachen, das irgendwo zwischen Hysterie und Freude liegt. »Ich meine, sie hat gesagt, dass du groß und stark bist, aber ich hatte ja keine Ahnung.«

»Amy«, wiederholt Gwen. Sie sieht aus, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen.

Und so langsam glaube ich, die Situation kapiert zu haben. Gwens Kollegin hält mich für ihren Freund. Zu ihrer Verteidigung muss man sagen, dass der Moment, in dem sie ins Zimmer geplatzt ist, mit Sicherheit wie eine schnelle Kuschelnummer wirkte. Das schien, objektiv betrachtet, ganz bestimmt wahrscheinlicher, als die Tatsache, dass sich der ungeschickte Footballer mit dem dämlichen Nachthemd in der Technik verhakt hat.

Erst nachdem Amy alle Sachen wacklig auf ihren Armen aufgetürmt hat, richtet sie ihren Blick wieder auf uns. Und zwar mit dem breitesten Grinsen der Menschheitsgeschichte.

Ich sehe zwischen den Frauen hin und her. Die eine erwartungsvoll, aufgeregt und freudig. Die andere sieht aus, als würde sie jeden Augenblick zur Schlachtbank geführt.

Ihre Augen glänzen bedrohlich, und ich weiß nicht, ob es daran liegt oder ob es schlichtweg eine Kurzschlussreaktion ist. Jedenfalls ist es keine bewusste Entscheidung, als ich den Mund öffne und die Worte wie von selbst über meine Lippen kommen.

»Freut mich auch, dass ich dich endlich persönlich kennenlerne. Also so richtig.« Ich ignoriere das winzige keuchende Geräusch zu meiner Rechten und strahle stattdessen Amy an. Auch wenn es gespielt ist, fühlt es sich schräg an zu grinsen. »Wir wollten es nicht an die große Glocke hängen.«

»Patient – Schwester. Verstehe.« Ihr verständnisvolles Nicken gefriert, als sie sich an Gwen richtet. »Aber wenigstens mir hättest du es sagen können. Ich bin doch auch irgendwie deine Freundin. Du weißt, ich würde das niemals verpfeifen.«

»Was verpfeifen?«

Genau im passenden Augenblick taucht dieser ätzende Lackaffe von einem Chirurgen im Zimmer auf. Super! Das hier wird ja immer besser!

»Gwen und ich wollten eigentlich vermeiden, dass die Station Bescheid weiß, aber nun, da die Bombe geplatzt ist.« Ich greife nach Gwens Hand, und wir verschränken unsere Finger miteinander. Ihre weiße Haut auf meiner schwarzen. Der Anblick fasziniert mich, sodass ich möglicherweise einen Augenblick zu lange draufstarre. »Ich denke, es sollte keine Probleme geben, immerhin wurde ich ohne meine vorherige Zustimmung hier eingeliefert, und ich habe nicht vor, allzu lange zu bleiben.«

Was zur Hölle mache ich hier?

Gwen und Amy weiten gleichzeitig die Augen, während ich das perfekt performte Lachen an den Tag lege. Aber wenn ich hier schon den Freund gebe, dann soll dieser Typ auch davon wissen. Ich mag es nicht, wie er mit meiner Fake-Freundin umgeht. Sie versucht, es zu vertuschen, aber wer ein bisschen Empathie im Leib trägt, bemerkt auf den ersten Blick, dass sie sich von ihm eingeschüchtert fühlt. Etwas, das mich möglicherweise nichts angeht, ich aber nun mal überhaupt nicht leiden kann.

Warum sollte sich eine Frau von einem Mann eingeschüchtert fühlen? Weil sie kleiner ist als er? Weil er in diesem Fall der Arzt ist und sie nur die Krankenschwester? Bullshit! Mister Super-Frisur hier sollte erst mal leisten, was die Schwestern hier Tag und Nacht gebacken kriegen.

Aber das alles spielt im Grunde jetzt gerade keine Rolle, denn viel wichtiger ist, dass ich noch immer die Hand meiner Krankenschwester halte. Und dass ich es genieße. Und dass sie noch vor drei Minuten an meine Seite gepresst lag und ich kurz dachte, ich sei bereits im Himmel. Und dass dieser Arzt mich obendrein ansieht, als wollte er mir im nächsten Moment die Arme amputieren. Das alles geschieht gleichzeitig, und ich kann schon den Kopfschmerz fühlen, der sich in meinen Schläfen anbahnt.

Dr. Sterling holt aus, um etwas zu sagen, schließt den Mund aber unverrichteter Dinge wieder. Das Ganze wiederholt er einige Male, ehe seine Stirn sich runzelt. Tatsächlich die erste Gefühlsregung, die ich in seinem Gesicht sehe.

»Schwester Gwen. Dürfte ich Sie einen Augenblick sprechen?«

Alle Augen richten sich auf die zierliche Krankenschwester, deren Haut noch immer übersät ist mit hektischen Flecken.

Es dauert für meinen Geschmack etwas zu lang, bis sie antwortet, deswegen drücke ich auffordernd ihre Hand.

»Ja. Ja klar. Bin da«, antwortet sie schließlich eine Spur zu schrill und legt beinahe einen Sprint hin, um aus dem Zimmer zu kommen.

Dr. Sterling schließt die Tür hinter ihr, und dann sind der alte Mann, Amy und ich allein.

»Wird … sie Ärger bekommen?«

Ich habe nicht wirklich darüber nachgedacht, ob es möglicherweise nicht so eine prickelnde Idee ist, mich vor dem leitenden Stationsarzt als ihr Freund zu outen. Keine Sekunde. Da war nur die Angst in ihren Augen und dieser aufgeblasene Arsch, und schon habe ich aufgehört, rational zu denken.

»Ach, ich denke, der will sich nur aufspielen. Du kennst ja die ganze Geschichte.« Amy verdreht die Augen, ehe sie hinübergeht zu dem anderen Bett und das Nachtschränkchen mit dem Zeug befüllt, das sie noch immer ungelenk auf ihren Armen ausbalanciert.

»Ja«, lüge ich, und ein eigenartiger Laut schlüpft mir über die Lippen. »Klar kenne ich die.«

Amy stößt ein heiseres Lachen aus und meint: »Ich kann es immer noch nicht fassen, dass du es bist. Dabei habe ich schon viel von dir gehört, aber ich konnte mir irgendwie nie so richtig ein Bild machen. Von ihrem Schatz.«

Wieder lacht sie, und ich zucke doch prompt zusammen.

Das hier erinnert ganz übel an eine schlechte Komödie. Nur dass ich derzeit eigentlich schon die Hauptbesetzung für ein Drama bin. »Ich habe mich ein Dutzend Mal darüber lustig gemacht. Also komm schon, Lawrence. Wer nennt seinen Partner bitteschön heutzutage noch Schatz? Das klingt, als wären wir in den Achtzigern.«

Ohne es zu wollen, muss ich ebenfalls lachen. Es fühlt sich komisch an, weil es eine ganze Weile her ist, aber Amy merkt in ihrem Eifer gar nicht, dass ich stocke.

»Ich weiß, ich weiß.« Sie wirft mir einen verstohlenen Blick zu. »Du magst es, wenn sie dich so nennt. Irgendwie finde ich das ja auch süß.«

Der alte Mann macht keinen Mucks, während sie anfängt, an seinem Zugang rumzufummeln, und ihm eine neue Infusion anlegt. »O mein Gott, jetzt, da wir uns kennen, müssen wir zu viert ausgehen. Sam kann es auch kaum erwarten, dich kennenzulernen.«

Ich nehme mal an, Sam ist ihr Freund, sage aber nichts.

»Er freut sich sicher über einen Leidensgenossen.«

Bei dieser Aussage ziehe ich die Stirn kraus, was Amy nicht entgeht. Ich habe offensichtlich schon wieder den Faden der Unterhaltung verloren.