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Katharina Kohal

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Beschreibung

Es sollte eine Überraschung werden. Und die wurde es tatsächlich – wenn auch in ganz anderem Sinn, als von Jessica geplant: Denn plötzlich wird sie Ohrenzeugin eines Komplotts. Im letzten Augenblick gelingt es ihr, ungesehen der Situation zu entkommen. Doch der Duft ihres Parfüms hat sie verraten. Von da an befindet sie sich auf der Flucht.
Zur gleichen Zeit wird der Produktentwickler Timo Scheibner tot in seiner Firma aufgefunden. Hauptkommissar Wiesmann und sein Team nehmen die Ermittlungen auf. Außer der Klärung des Mordfalls beschäftigen Wiesmann auch ein paar persönliche Angelegenheiten, unter anderem die gelegentlichen Rangeleien mit der taffen Kommissarin Wolf. Die Aussicht, dass sein ehemaliger Kollege García Hernández bald ins Team hinzukommen wird, hellt seine Stimmung erheblich auf. Dann werden die Karten neu gemischt, so hofft er zumindest. Und er ist gespannt, wie sich die unterschiedlichen Charaktere begegnen.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Delikate Düfte

Ein Kriminalroman

von Katharina Kohal

Das Buch

Es sollte eine Überraschung werden. Und die wurde es tatsächlich – wenn auch in ganz anderem Sinn, als von Jessica geplant: Denn plötzlich wird sie Ohrenzeugin eines Komplotts. Im letzten Augenblick gelingt es ihr, ungesehen der Situation zu entkommen. Doch der Duft ihres Parfüms hat sie verraten. Von da an befindet sie sich auf der Flucht.

Zur gleichen Zeit wird der Produktentwickler Timo Scheibner tot in seiner Firma aufgefunden. Hauptkommissar Wiesmann und sein Team nehmen die Ermittlungen auf. Außer der Klärung des Mordfalls beschäftigen Wiesmann auch ein paar persönliche Angelegenheiten, unter anderem die gelegentlichen Rangeleien mit der taffen Kommissarin Wolf. Die Aussicht, dass sein ehemaliger Kollege García Hernández bald ins Team hinzukommen wird, hellt seine Stimmung erheblich auf. Dann werden die Karten neu gemischt, so hofft er zumindest. Und er ist gespannt, wie sich die unterschiedlichen Charaktere begegnen.

Über die Autorin

Eine Prise Humor, ein Schuss Romantik und mitunter ein Hauch Fernweh sind die Zutaten für ihre Kriminalromane.

Katharina Kohal lebt mit ihrer Familie in Leipzig. Schon immer galt ihr Interesse dem Schreiben, doch beruflich wählte sie einen anderen Weg und arbeitete im kaufmännischen Bereich. Mit dem Eintritt in den Ruhestand öffneten sich ihr neue Freiräume und Möglichkeiten; sie tauschte die Zahlen gegen Worte und entdeckte ihre Lust am Schreiben neu.

Bisher erschienen von ihr:

»Ein fast perfektes Team«,

»Mehr als ein Delikt«,

»Ein perfider Plan – Projekt LoWei Plus«,

»Eine mörderische Tour«,

»Cyber Chess mit tödlicher Rochade«,

»Verstörende Erinnerung«,

»Mosel, Morde und Miseren« und

»Delikate Düfte«.

Inhaltsverzeichnis

Kurz davor
Ein bekanntes Gesicht
Schockierende Erkenntnis
Am späten Abend
Eine Warnung
Köstliche Kreationen
Neue Strategien
Überraschungen
Erste Ansatzpunkte
Der Rückzug
Neue Überlegungen
Gedankenspiele
Ein Hinweis
Der Zeuge
Ein Entschluss
Konkrete Pläne
Ein anregender Sonntag
Gebotene Vorsicht
Ein neuer Aspekt
Ein Lebenszeichen
Adlerholz
Eine Beunruhigung
Delikate Düfte
Betrachtungen
Eigenmächtigkeiten
Der Fremde
Befürchtungen
Im Nebel
Maßnahmen
Konfrontationen
Gedächtnislücken
Die Zeugin
Die Suche
Christian Böhm
Eine unheilvolle Entdeckung
Wider alle Vernunft
Ein entscheidender Fund
Das Manuskript
Auf der Zielgeraden
Unverhoffte Begegnungen
Die ganze Wahrheit
Ein Bauchgefühl
Ein Neubeginn
Zum Schluss
Impressum
Weitere Krimis von Katharina Kohal

Kurz davor

Es war kurz vor siebzehn Uhr und jetzt, Mitte November, bereits dämmrig.

Verborgen hinter einem Zaun beobachtete er den Hauseingang, durch den er gleich in das Firmengebäude gelangen würde. Durch das große Fenster sah er Licht. Er wusste, dass Timo jetzt allein war.

Ein letzter prüfender Blick, dann löste er sich aus seinem Versteck. Doch in dem Moment, als er auf die Eingangstür zugehen wollte, hörte er ein Motorengeräusch. Er hielt inne und trat hinter den Zaun zurück. Gleich darauf sah er, wie ein Auto auf das Gelände fuhr und direkt vor dem Gebäude parkte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als weiter zu warten.

Die Person, die aus dem Auto stieg, trug Hosen und eine dunkle Jacke, der Kragen war hochgeschlagen. Aus seiner Entfernung und in der Dämmerung konnte er das Gesicht nicht erkennen, doch der Figur und dem Gang nach vermutete er, dass es eine Frau war. Sie ging zum Eingang und klingelte. Gleich darauf hörte er den Summer, und die Person trat ein.

Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er sie unvermutet in Timos Räumen angetroffen hätte. Insofern hatte er Glück. Die Zeit, die er jetzt verharren musste, kam ihm unendlich vor. Schon befürchtete er, dass Timo und die Frau das Gebäude gemeinsam verlassen würden. Und damit wäre der Plan hinfällig – für heute zumindest. Doch nach zwanzig Minuten kam sie allein heraus. Sie trug etwas in den Händen, aber auf die Distanz konnte er nicht erkennen, was es war.

Nachdem sie den Gegenstand im Kofferraum abgelegt, ins Auto gestiegen und vom Gelände gefahren war, trat er aus seinem Versteck und ging auf das Gebäude zu.

Ein bekanntes Gesicht

Der Mann kam ihm sofort bekannt vor. In Verbindung brachte er dessen feistes Gesicht mit einem schadenfrohen, herausfordernden Grinsen. Jetzt starrten seine Augen ungläubig ins Leere und der Mund stand offen.

Hauptkommissar Wiesmann überlegte, woher er den Toten kannte.

»Das ist also Timo Scheibner«, kommentierte sein Mitarbeiter, Kommissar Völlner.

»Das weiß ich. Aber ich überlege, wo ich den Mann zuvor schon mal gesehen habe.«

»Bestimmt im Fernsehen. Er war Produktentwickler und trat in der Sendung ›Scheibner kocht‹ auf.« Da Wiesmann verdutzt schwieg, ergänzte sein Mitarbeiter: »Dort enthüllte Scheibner die Tricks der Lebensmittelindustrie. Außerdem klärte er die Verbraucher auf, was die auf den Verkaufsverpackungen angegebenen Inhaltsstoffe bedeuten.«

Ja, jetzt fiel es Wiesmann ein. Er konnte sich entsinnen, dass er beim abendlichen Zappen durch das Fernsehprogramm zufällig bei einer der Sendungen hängengeblieben und sie sogar zu Ende gesehen hatte. Wohl weniger wegen des Themas, Ernährungsratschläge interessierten ihn grundsätzlich nicht, sondern weil er die Art unterhaltsam fand, wie Scheibner in rasantem Tempo mit Gerätschaften hantierte, Ingredienzien mixte und mit spöttischem Grinsen seine Kommentare abschoss. Die in der Sendung kreierten Produkte waren den Originalen der Marktführer nachempfunden und glichen ihnen optisch und geschmacklich. So zumindest wurde es dem Zuschauer versichert. Jedenfalls zeigte Scheibner auf diese Weise, mit welch billigen und zum Teil zweifelhaften Zutaten die Lebensmittel produziert wurden und dann zu unangemessenen Preisen auf den Markt kamen. Außerdem, so wussten die Ermittler bereits, hatte der Produktentwickler vor fünf Jahren das Unternehmen ›Köstliche Kreationen‹ gegründet und es seither gemeinsam mit seinem Compagnon Manuel Althoff geführt.

Wiesmann wandte den Blick von dem Toten ab. Da der Rechtsmediziner noch beschäftigt, aber die Spurensicherung schon durch war, nutzten er und Völlner die Zeit, den funktional eingerichteten Raum, in dem Timo Scheibner am Morgen von einem seiner Mitarbeiter gefunden wurde, zu inspizieren. Nach einer Küche im herkömmlichen Sinn sah es hier nicht aus, eher nach einer Werkstatt oder einem Labor. An den Wänden standen Regale mit Kartons, Dosen und diversen Behältern, in denen Ingredienzien aufbewahrt wurden. Wiesmann las Bezeichnungen wie Mono-Natriumglutamat, Triphosphat und Natriumcarboxymethylcellulose, alles Begriffe, die ihm nichts sagten und die er eher der Chemie, aber nicht der Lebensmittelbranche zuordnen würde. In der Mitte des Raumes standen ein langer, blitzblankpolierter Tisch aus Edelstahl, daneben ein zum Mixer umfunktioniertes Fass, ein Destillator, ein Rotationsverdampfer und ein paar Glaskolben. Offenbar hatte Scheibner gestern in den Abendstunden daran gearbeitet, vielleicht an einem neuen Produkt getüftelt, als er von seinem Mörder überrascht wurde. Oder er war gar nicht überrascht, sondern kannte ihn. Kampfspuren wurden am Tatort jedenfalls nicht entdeckt.

Unterdessen war auch der Rechtsmediziner mit der vorläufigen Untersuchung fertig. »Am Hinterkopf ist eine starke Schwellung zu sehen. Noch ist unklar, ob diese etwas mit der Todesursache zu tun hat, also ob das Opfer erschlagen wurde. Der Tod trat gestern zwischen siebzehn und dreiundzwanzig Uhr ein.«

»Geht es etwas präziser?«

Es war die übliche Frage, die Wiesmann nach einer solch knappen Mitteilung stellte, und wie fast immer erhielt er die stereotype Antwort: »Noch nicht. Ich schicke Ihnen den Obduktionsbericht zu.«

Auf den ersten Blick sah es nach einem Unfall mit Todesfolge aus, so als wäre der Produktentwickler gestürzt und mit dem Hinterkopf auf die harte Kante des Edelstahltisches aufgeschlagen. Ob dies die Todesursache war und wie es zu dem Sturz kam, war unklar. Nichts deutete darauf hin, dass Scheibner beim Experimentieren ausgerutscht oder anderweitig gestolpert sein könnte. Wie es bei plötzlichen Todesfällen üblich war und um ein Fremdverschulden auszuschließen, wurde auch in diesem Fall die Polizei hinzugezogen.

Die beiden Mitarbeiter wirkten zutiefst erschüttert. Zudem schob sich die Erkenntnis in ihr Bewusstsein, dass mit Timo Scheibners Tod nun auch die Sendung ›Scheibner kocht‹ eingestellt und es vielleicht sogar das Unternehmen Köstliche Kreationen nicht mehr lange geben würde. Alles hing von Scheibners Persönlichkeit ab. Er war der Hauptakteur, von dessen Charisma, Ideen und Eloquenz das Format der Sendung und die Firma lebten.

Nachdem die Personalien der beiden Mitarbeiter aufgenommen wurden, der Mann hieß Frank Kuhnert und seine Kollegin Carola Saume, wollte Wiesmann den Vizechef des Unternehmens, Herrn Manuel Althoff sprechen.

»Er ist unterwegs, zu einer Lesung«, erklärte Kuhnert, der Scheibner in den Morgenstunden gefunden hatte. Da Wiesmann ihn fragend ansah, ergänzte er: »Manuel schreibt nebenbei Bücher.« In der Äußerung schwang ein ironischer Unterton mit.

»Wann haben Sie Herrn Althoff denn zuletzt gesehen?«

Kuhnert musste nicht lange überlegen. »Gestern, am Dienstag. Da kam er morgens ins Kösti – wir nennen es immer so – und hatte vor, spätestens um sechzehn Uhr zu verschwinden, weil er noch zu der Lesung müsse. Sie fand wohl außerhalb von Leipzig statt.«

»Ist er mit dem Auto gefahren?«

»Nein, Manuel hat gar keins. Er ist zum Bahnhof gegangen.«

»Und wo die Lesung stattfand, hat er nicht gesagt?«

»Nein. Zumindest nicht mir.«

»Auch nicht erwähnt, wann genau der Termin war?«

Kuhnert schüttelte den Kopf. »Über persönliche Angelegenheiten spricht Manuel selten. Erst recht nicht über seine schriftstellerischen Ambitionen, da er weiß, was wir davon halten.«

»Rufen Sie ihn doch bitte an.«

»Das hab ich schon versucht, ihn aber nicht erreicht. Sein Handy ist ausgeschaltet. Aber das ist nichts Ungewöhnliches bei ihm. Und auch daran, dass er sich in der Firma nicht regelmäßig blicken lässt, haben wir uns gewöhnt.«

Wiesmann ließ sich Althoffs Mobilfunknummer geben und versuchte es selbst. Ohne Erfolg. Dann wollte er wissen, wann die beiden Mitarbeiter gestern das Gebäude verlassen hatten.

»Carola und ich sind circa sechzehn Uhr dreißig hier raus.«

»Sind Sie zur gleichen Zeit gegangen?« Kuhnert nickte. »Demnach blieb Ihr Chef allein im Firmengebäude zurück«, schlussfolgerte Wiesmann.

»So ist es.«

Völlner hatte alles notiert. Die Angaben würden überprüft werden, aber es war unwahrscheinlich, dass Kuhnert oder dessen Kollegin als Täter infrage käme.

»Fiel Ihnen in den letzten Tagen irgendetwas auf? Hatte Herr Scheibner gesundheitliche Probleme? Zeigten sich irgendwelche Krankheitssymptome, Schwindelanfälle oder sonstige Anzeichen von Unwohlsein?«, wollte Völlner wissen.

»Nein, nichts in der Art. Timo verhielt sich eigentlich wie immer, er schien bester Laune und voller Elan zu sein.«

»Waren Fremde hier im Gebäude?«

»Nein, ungesehen kommt hier keiner rein. Der Eingang ist immer verschlossen, von außen lässt er sich ohne Schlüssel nicht öffnen.«

Völlner nickte. Den Türknauf hatte er bemerkt. Davon abgesehen lagen die Firmenräume ebenerdig in einem einstöckigen alten Backsteingebäude, das auf einem ehemaligen Bahngelände im Leipziger Norden zwischen stillgelegten Gleisen lag. Die Fenster waren zwar vergittert und das Gelände durch einen Zaun gesichert. Trotzdem, so dachte Völlner, hätte sich ein Fremder auf die eine oder andere Art Zugang verschaffen können. Das Terrain war unüberschaubar und kein ansprechender Ort im herkömmlichen Sinn, hatte aber einen morbiden Charme. Wohl auch, weil die hell angestrichenen Fensterrahmen und die Eingangstür des Gebäudes einen reizvollen Kontrast zu der rotbraunen Backsteinfassade ergaben und auf dem Vorplatz Holztische mit Bänken und Blumenkübeln standen. Zwischen den Pflastersteinen wuchsen Grasbüschel und Löwenzahn, der jetzt im Spätherbst längst verblüht war. Die Nachbargebäude, hauptsächlich Werkstätten und Lager, waren ähnlich wie das Firmengebäude Köstliche Kreationen gestaltet. Nicht weit davon entfernt schloss sich ein Gewerbegebiet an. Das ehemalige Bahngelände mit seinen alten Backsteinhäusern lag also nicht völlig abgeschieden von der Außenwelt. Doch obwohl es umzäunt und die Eingangstüren verschlossen waren, so nahm Völlner an, wären die Räumlichkeiten für Unbefugte leicht zugänglich.

Kuhnerts Stimme riss ihn aus seinen Überlegungen. »Mir fällt gerade ein: Als ich heute früh kam, steckte Timos Schlüssel von außen. In dem Moment hatte ich mir aber nichts weiter dabei gedacht, weil es schon öfters vorkam, dass er die Hände voll hatte, die Eingangstür aufschloss und dann den Schlüssel steckenließ. Ich habe ihn also abgezogen und bin rein. Und dann sah ich Timo dort liegen ...«

»Was haben Sie mit dem Schlüssel gemacht?«

»Ich habe ihn abgezogen und ans Brett neben der Eingangstür gehängt.«

Die Aussage deckte sich mit dem, was die Spurensicherung gefunden hatte. Der Schlüssel und noch andere persönliche Gegenstände wurden eingetütet.

»Woran hat Herr Scheibner zuletzt gearbeitet?«, wollte Wiesmann wissen.

»Er analysierte Fertigprodukte, die unter der Bezeichnung Gourmet-Gerichte laufen. Sie bestehen in der Regel aus billigen Zutaten und werden viel zu teuer verkauft. Timos Interesse galt insbesondere den imitierten Wohlgerüchen, die auch nur durch künstliche Aromen entstehen. Gestern noch hatte er daran experimentiert.«

»Können Sie mir konkrete Firmennamen nennen, die Herr Scheibner im Auge hatte?«

Nein, darüber konnte er keine Auskunft geben.

Nachdem er Frank Kuhnert befragt hatte, wandte Wiesmann sich an dessen Kollegin Carola Saume.

»Mit wem hatte Herr Scheibner in letzter Zeit Kontakt?«

»Da gibt es unzählige Möglichkeiten. Timo war ständig unterwegs, konsultierte andere Köche, Zulieferer oder Labore. Von Letzteren ließ er die entsprechenden Lebensmittel auf deren Inhaltsstoffe analysieren.«

»Ist Ihnen bekannt, ob es in den vergangenen Wochen Auseinandersetzungen gab? Irgendwelche Unstimmigkeiten?«

»Nein. Selbst wenn es welche gäbe, hätten wir wahrscheinlich nichts davon mitbekommen. Timo hielt uns aus Problemen grundsätzlich heraus. Und von Manuel würden wir sowieso nichts erfahren.« Sie schwieg einen Augenblick und meinte dann: »Wobei mir die Stimmung in den letzten Tagen ein wenig angespannt schien. Aber da kann ich mich auch täuschen.« Nach einem kurzen Innehalten fügte sie hinzu: »Ich bezweifle, dass Manuel Köstliche Kreationen ohne Timo weiterführen kann.« Außer dem Entsetzen über Scheibners Tod war deutlich die Sorge herauszuhören, ob und wie es künftig weiterginge.

»Sicher hat sich das Unternehmen mit den Enthüllungen nicht nur beliebt gemacht«, schaltete sich Völlner ein. »Gab es eventuell Drohungen seitens eines in der Sendung attackierten Lebensmittelherstellers?«

Sie sah ihn erschrocken an. »Nein, davon habe ich nie etwas gehört. Ich denke, dass es ein Unfall war, dass Timo das Gleichgewicht verloren hat und gestürzt ist. Die Kritiken an den Produkten können doch kein Motiv für einen Mord sein ...«

Wiesmann ging nicht darauf ein. »Nochmal zurück zu Timo Scheibners Kontakten. Es gab doch sicher Bekannte oder Freunde, mit denen er sich zuletzt getroffen hatte?«

»Ja, vor kurzem war eine ehemalige Kollegin von Timo und Manuel hier. Die drei hatten vor ein paar Jahren mal gemeinsam in einem Restaurant gearbeitet. Ich weiß aber nicht, in welchem.«

»Wissen Sie, wie die Frau heißt?«

»Nein, Timo hat bestimmt ihren Namen genannt, aber ich habe ihn mir nicht gemerkt.« Dann fiel ihr ein: »Ich glaube, sie heißt Jessica.«

»Können Sie sich entsinnen, wann sie hier war?«

»Am letzten Freitag. Sie kam so gegen sechzehn Uhr dreißig, kurz bevor Frank und ich gegangen sind. Auch Manuel war dabei. Die drei wollten wieder gemeinsam kochen und haben dann bestimmt dort drüben gesessen.« Sie wies auf eine Ecke im Raum, wo ein Tisch und vier Stühle standen. »Dort sitzen wir selber manchmal zur Mittagspause.«

Völlner fragte: »Ihr Kollege sagte vorhin, dass Herr Althoff zu einer Lesung sei. Wissen Sie, wo sie stattfindet?«

Sie hob die Schultern. »Irgendwo in einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt. Aber Genaueres weiß ich auch nicht.«

»Ist er öfter zu solchen Veranstaltungen?«

»Nicht sehr oft. Er mag Lesungen nicht besonders.«

»Warum geht er dann hin?«

»Sein Verlag verpflichtet ihn dazu.« Auf Wiesmanns und Völlners verständnislose Blicke hin erklärte sie: »Manuel schreibt Kurzgeschichten und Erzählungen, die er dann bei den Lesungen vorstellen soll.«

Unterdessen hatte Völlner auf dem Smartphone nach dem Namen Manuel Althoff gegoogelt. Dort tauchte er als Vizechef des Unternehmens auf, nicht aber als Autor.

»Schreibt er unter einem Pseudonym?«

»Wahrscheinlich, aber ich kenne es nicht.«

»Wissen Sie, bei welchem Verlag er seine Sachen veröffentlicht?«

»Nein, tut mir leid. Aber in zwei, drei Tagen wird er ja hoffentlich wieder zurück sein.«

»Sollte er sich unterdessen bei Ihnen melden, richten Sie ihm bitte aus, dass er uns umgehend anrufen soll.« Völlner gab der jungen Frau ein Kärtchen mit den Kontaktdaten der Polizeidienststelle.

Da sie an dieser Stelle nicht weiterkamen, beendeten sie die Vernehmung.

Auf dem Weg zum Auto meinte Völlner: »Ganz klar, dass Scheibner sich mit seiner TV-Sendung nicht nur Freunde gemacht hat. Wenn Sie mich fragen ...«

Früher hätte Wiesmann darauf geantwortet: Ich frage Sie aber nicht. Doch seit ihrem letzten gemeinsamen Fall, als Völlner in tödliche Gefahr geriet und Wiesmann sich als sein Vorgesetzter nicht ganz schuldlos an der Situation fühlte, hielt er sich mit bissigen Bemerkungen zurück. Zudem war er durch einige persönliche Glücksumstände milder gestimmt. Jetzt wartete er einfach ab, mit welcher Theorie sein Mitarbeiter gleich herausrücken würde.

Völlner fuhr fort: »Wenn Sie mich fragen, kämen als Verdächtige vor allem Lebensmittelhersteller infrage, die Scheibner in einer seiner letzten Sendungen attackiert hat. Es könnte sich hierbei um einen Auftragsmord handeln. Die Aussage bezüglich des Schlüssels halte ich für nebensächlich. Der Täter wird sich nicht auf den Zufall verlassen haben, dass er gerade von außen im Schloss steckte und er dadurch unbemerkt ins Gebäude kommen kann. Nein, Scheibner muss seinen Mörder gekannt haben. Womöglich war er mit ihm verabredet. Nehmen wir einmal an, dass sein Compagnon und die beiden Mitarbeiter als Täter entfallen, dann sollten wir diejenigen Lebensmittelhersteller überprüfen, die in der Sendung ›Scheibner kocht‹ namentlich genannt wurden. Mit Sicherheit entstand bei einigen von ihnen ein gewaltiger Imageschaden.«

»Und Sie denken ernsthaft, dass Scheibner sich mit einem von ihnen in seinen Räumen getroffen hat?«

»Natürlich nicht einfach so, aber womöglich, um einen Deal vorzuschlagen.«

Wiesmann wartete einen Moment, bis Völlner sich in den laufenden Verkehr eingefädelt hatte und erwiderte: »Bisher steht ja noch nicht mal fest, ob er tatsächlich durch Fremdverschulden zu Tode kam. Außerdem wären die Enthüllungen wohl kaum ein Motiv für einen Mord. Das Risiko, dafür jemanden umzubringen, wäre viel zu hoch. Insofern gebe ich der Mitarbeiterin recht. Wenn hier tatsächlich ein Verbrechen vorliegt, muss es andere Gründe dafür geben.«

 

Zurück im Dienstzimmer, das er sich mit Völlner teilte, versuchte Wiesmann sich zu konzentrieren. Durch die Verbindungstür zum Nachbarraum hörte er seine Kollegin Karen Wolf telefonieren. Auch wenn sie inzwischen gut aufeinander eingespielt waren und während der Monate, seit Wiesmann hier im Leipziger Kommissariat arbeitete, sich sogar eine kollegiale Freundschaft entwickelt hatte, nervte ihn doch manchmal ihre burschikose Art – und gerade jetzt ihre laute, raue Stimme. Nicht selten stand die Kommissarin unvermittelt im Raum; manchmal mit einer Kanne Kaffee, dagegen hatten Wiesmann und Völlner natürlich nichts einzuwenden, aber oft genug mit neuen Problemen. Sie war nicht seine Vorgesetzte, zum Glück nicht, dachte Wiesmann. Trotzdem war zumeist sie es, die unliebsame Aufgaben an ihn und Völlner herantrug. Karen Wolf schien in ihrer Abteilung die Anlaufstelle für alle neuen Fälle zu sein. Dieser Umstand wurmte Wiesmann zunehmend. Insgeheim wünschte er sich manchmal moralische Unterstützung. Von seinem Mitarbeiter Völlner konnte er sie nicht erwarten. Im Gegenteil, er und die Kommissarin verstanden sich bestens.

Die Verbindungstür flog auf, und Karen Wolf stand im Raum. Ohne Kaffee. »Schön, dass Sie zurück sind. Es gibt neue Informationen zum Fall Scheibner.«

Mit der größten Selbstverständlichkeit ließ sie sich in einem der Sessel am Besprechungstisch nieder und streckte lässig die Beine aus. Die dunkle Lederjacke mit den Nieten am Revers, die sie im Außendienst für gewöhnlich trug, hatte sie jetzt nicht an, aber sonst war alles wie gehabt: anthrazitfarbene Jeans, olivgrünes Shirt, gepiercte Ohrmuscheln und kurze schwarzgefärbte Haare, die frisch gegelt und kunstvoll verwuschelt waren. Wiesmann fragte sich, wie sie wohl mit einer anderen Frisur und ihrer natürlichen Haarfarbe aussähe. Alles in allem fand er ihr Outfit höchst unpassend für eine Kommissarin im Dienst. Aber außer ihm schien sich niemand daran zu stören. Karen Wolf überzeugte durch ihre Professionalität.

Mit einem schiefen Grinsen erklärte er: »Gerade habe ich überlegt, ob wir hier nicht mal umräumen sollten. Wir könnten zum Beispiel den Aktenschrank von der Wand nehmen und vor die Verbindungstür stellen. Es wäre ein hervorragender Platz.«

»Habe ich Sie etwa gestört?«, fragte sie mit argloser Miene. »Folgendes: Die Geschäftskonten von der Firma Köstliche Kreationen und Scheibners Privatkonto wurden überprüft. Beim Unternehmen wurden keine Auffälligkeiten festgestellt. Anders sieht es beim Chef persönlich aus. Auf seinem Konto gingen in den letzten beiden Jahren in zeitlich unregelmäßigen Abständen Zahlungen ein. Manchmal waren es dreistellige Beträge im höheren Bereich, zuletzt aber auch tausend Euro oder mehr. Woher und von wem das Geld kommt, konnte bisher nicht festgestellt werden. Vom Firmenkonto jedenfalls nicht, das steht fest. Es kann also durchaus sein, dass Scheibner in dubiose Geschäfte verwickelt war. Auch dass es sich hierbei um Schmiergelder handelt oder er jemanden erpresst hat, wäre möglich. Derzeit ermitteln die Kollegen, wer infrage käme. Wir sollten die in der Sendung ›Scheibner kocht‹ attackierten Lebensmittelhersteller im Auge behalten. Haben Sie bei den Vernehmungen erfahren, woran Scheibner zuletzt gearbeitet hatte?«

»Er analysierte Gourmet-Fertiggerichte und deren künstlich erzeugte Düfte. Aber Genaueres konnten die beiden Mitarbeiter nicht dazu sagen.«

»Aber sein Geschäftspartner, Herr Manuel Althoff, müsste es doch wissen.«

»Der ist zurzeit abwesend, auch telefonisch nicht erreichbar.«

Karen Wolf hob die Augenbrauen – ein deutliches Zeichen, dass sie mit dem Ergebnis der Nachforschungen unzufrieden war. Und das wiederum war für Wiesmann Grund genug, nun seinerseits Unmut zu äußern.

»Was haben Sie sich denn in der kurzen Zeit erhofft?«, wetterte er. »Von dem Vorfall haben wir vor nicht einmal drei Stunden erfahren. Immerhin wissen wir unterdessen, wann Scheibner zu Tode kam: gestern zwischen siebzehn und dreiundzwanzig Uhr. Auch dass am vergangenen Freitag eine ehemalige Kollegin da war, mit der Scheibner und Althoff gemeinsam gekocht haben.«

Völlner ergänzte: »Außerdem wurde uns gesagt, dass sich der Vizechef nur selten vor Ort blicken lässt. Es scheint also nicht ungewöhnlich zu sein, dass die Mitarbeiter nicht wissen, wo er sich gerade aufhält. Angeblich soll er außer seiner regulären Tätigkeit nebenbei noch Kurzgeschichten und Erzählungen schreiben.«

Letzteres schien die Kommissarin nicht zu interessieren. »Jeder kann in seiner Freizeit machen, was er will. Eine der dringendsten Aufgaben ist jetzt, ihn zu finden. Wir werden zwei Kollegen zu seiner Wohnung schicken. Vielleicht hat jemand aus der Nachbarschaft beobachtet, wann er das Haus verlassen hat oder ob er zwischenzeitlich wieder aufgetaucht ist.« Sie griff zum Hörer und erteilte Anweisungen. Nachdem das erledigt war, erklärte sie: »Die Kollegen fahren hin. Wir müssen bedenken, dass Manuel Althoff möglicherweise selber in Gefahr ist.«

»Sag ich doch«, stimmte Völlner zu. »Wir brauchen eine Zusammenstellung aller infrage kommenden Lebensmittelhersteller, die Scheibner in seiner Sendung aufs Korn genommen hat.«

»Interessant wäre auch, wen er bisher verschont hat«, erwiderte Karen Wolf.

»Sie meinen, dass die Firmen Schmiergeld an ihn gezahlt haben?«

»Zum Beispiel.«

Wiesmann schwieg dazu. Aus Diskussionen dieser Art hielt er sich grundsätzlich heraus. Seiner Ansicht nach brachten sie überhaupt nichts, sie hielten nur unnötig auf und verstellten den Blick. Was sie jetzt brauchten, waren Fakten: die Ergebnisse der Spurensicherung und vom Rechtsmediziner genauere Angaben zum Todeszeitpunkt und der Todesursache. Vor allem aber war Wiesmann verärgert über den bestimmenden Ton seiner Kollegin.

»Ich würde jetzt gerne in Ruhe weiterarbeiten«, äußerte er gereizt.

»Verstanden. Bin schon weg.«

Als Karen Wolf den Raum verließ, zog sie die Verbindungstür geräuschvoll hinter sich zu.

Den Rest des Arbeitstages verbrachte jeder auf seine Weise und für sich.

Völlner vertiefte sich in die Recherche zu Köstliche Kreationen und suchte nach Informationen zu Timo Scheibners Werdegang. Er fand einiges dazu im Internet. Nach Abschluss einer Ausbildung zum Koch arbeitete er in diversen Restaurant- und Hotelküchen, war für einige Zeit Küchenchef in einem 5-Sterne-Hotel, bevor er später freiberuflich als Produktentwickler arbeitete. Vor vier Jahren gründete er das Unternehmen Köstliche Kreationen und führte es seither gemeinsam mit Manuel Althoff. Dessen Name tauchte nur im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit im Unternehmen auf, nirgends war ein Hinweis zu finden, dass Bücher von ihm veröffentlicht wurden.

An dieser Stelle kam Völlner vorerst nicht weiter. Ein Blick zu Wiesmann verriet, dass er ebenfalls unzufrieden war. Mit mürrischer Miene saß er am Schreibtisch, blätterte in den dürftigen Unterlagen, die es bisher zu dem neuen Fall gab und notierte hin und wieder einen flüchtigen Gedanken. Er hoffte auf einen baldigen Anruf des Leiters der SpuSi und genauere Ergebnisse der Obduktion. Solange der Bericht des Rechtsmediziners und die Auswertung der Spurensicherung nicht vorlagen, konnte er nur wenig tun. Zugegebenermaßen fielen die Erkenntnisse, die sie aus den Vernehmungen erlangten, recht mager aus. Insofern musste er seiner Kollegin recht geben. Auch der Hinweis, dass am Freitag vergangener Woche eine Jessica zu Besuch im Köstliche Kreationen war, brachte seiner Meinung nach wenig. Wenn sie doch wenigstens den Nachnamen wüssten, dann käme sie als Zeugin in Betracht. Nach Aussage von Carola Saume war sie eine ehemalige Kollegin von Scheibner und Althoff.

Mittlerweile war es siebzehn Uhr.

»Wenn es momentan nichts Weiteres zu tun gibt, würde ich jetzt Feierabend machen.« Völlner hatte seinen Computer ausgeschaltet.

»Ja, ja, gehen Sie ruhig, ich mach auch bald Schluss.«

Wiesmann war es ganz recht, dass er jetzt alleine war. So konnte er sich in Ruhe, ohne Völlners Anwesenheit, in der Mediathek nochmal eine Folge von ›Scheibner kocht‹ ansehen. Vielleicht käme ihm ja dadurch eine neue Idee.

Gerade, als er sich einem Beitrag über Fertigprodukte widmen wollte – eine Packung mit der Aufschrift »Königsberger Klopse« hielt Timo Scheibner da in der Hand – klopfte jemand vom Flur aus an die Tür.

Hastig schaltete Wiesmann den Ton weg und rief »Herein!«. Und gleich darauf: »Wie witzig.«

In der Tür stand seine Kollegin Karen Wolf. »Ihnen kann man auch gar nichts recht machen«, erwiderte sie mit einem Lächeln. »Eigentlich wollte ich nur fragen, ob Sie mit auf ein Feierabendbier kommen.«

Einen Moment lang gab er sich, als müsse er überlegen, aber er hatte sowieso nichts anderes vor. Dann grinste er zurück. »Okay, warum nicht.«

Schockierende Erkenntnis

Jessica schaute sich prüfend um. Die übrig gebliebenen Speisen waren weggeräumt, das Geschirr abgespült und im Transporter verstaut. Für sie gab es hier nichts mehr zu tun. Die Geburtstagsfeier war zeitiger zu Ende, als ursprünglich vorgesehen. Die Gäste, meist ältere Leute, wollten nicht zu spät nach Hause kommen.

Es war noch nicht einmal einundzwanzig Uhr. Wenn es sehr viel später geworden wäre, hätte Jessica in der Pension übernachtet. Doch so, wie die Dinge standen, konnte sie bequem nach Hause fahren. In einer reichlichen Stunde wäre sie da. Sie verabschiedete sich von ihren Kollegen und stieg ins Auto.

Auf der Strecke nach Leipzig kam ihr eine Idee. Warum sollte sie die Nacht allein in ihrer Wohnung verbringen? Morgen würde sie sowieso zu Hendrik fahren. Sie wusste, dass er seit gestern in Leipzig war. Bei dem Gedanken, dass sie schon heute Abend bei ihm sein könnte, schlug ihr Herz schneller.

Kennengelernt hatten sie sich vor zwei Jahren an einem Frühsommerabend. Da war sie mit Timo und Manuel in einem Leipziger Sternerestaurant. Geplant war das gemeinsame Essen nicht, aber da Jessica unangekündigt bei ihren beiden ehemaligen Kollegen im Köstliche Kreationen vorbeigeschaut hatte, schlug Timo vor, dass sie einfach zu dem Geschäftsessen mitkäme. Er kannte den Inhaber, einen angesehenen Leipziger Sternekoch. Aber der eigentliche Grund für die Wahl der exklusiven Location war wohl, dass er sich dem anderen Gast gegenüber, mit dem sie sich dort treffen würden, großzügig erweisen wollte.

Den Herrn, der kurz nach ihnen das Restaurant betrat, hatte Jessica noch nie gesehen. Er stellte sich ihr mit seinem Vornamen Hendrik vor. Als er ihr die Hand gab und ihr mit einem Lächeln in die Augen sah, war es sofort um sie geschehen. Ihr Puls schoss in die Höhe, und sie bekam weiche Knie. Für sie war es Liebe auf den ersten Blick. Noch immer glaubte sie trotz großer Enttäuschungen fest daran, dass es sie wirklich gab.

Seit jenem Abend traf sie Hendrik, wenn er in Leipzig war, und dann meist in seinem Apartment, das ihm als Zweitwohnung diente. Sie wusste, es war unvernünftig, sich so bald schon wieder zu binden, nachdem sie sich gerade schmerzvoll aus einer problematischen Beziehung gelöst hatte. Aber Hendrik war genau der Typ Mann, der sie faszinierte – und auf den sie scheinbar immer wieder flog: groß, gutaussehend, charismatisch und äußerst charmant. Sie genoss einfach die gemeinsame Zeit mit ihm, wenn er geschäftlich in Leipzig zu tun hatte. Und das war recht häufig der Fall. Abends gingen sie dann meistens aus, in ein feines Restaurant, danach ins Gewandhaus oder die Oper und anschließend in eine Bar. Die Nächte verbrachten sie fast immer bei ihm. In ihrer eigenen Wohnung waren sie nur zweimal gewesen.

Kirsten, ihre Freundin aus Kindertagen, hatte ihn kennengelernt, als sie zu einem Kurzbesuch in Leipzig war. Stolz hatte Jessica ihn vorgestellt. Aber es war klar, dass sich beide nicht sonderlich mochten, sie merkte es an Hendriks kühler Höflichkeit und Kirstens reserviertem Verhalten. Das Gespräch blieb verkrampft, zumal es keinerlei Gemeinsamkeiten gab. Hendrik war ein erfolgreicher Geschäftsmann und liebte die Annehmlichkeiten, die lebendige Städte wie Leipzig boten. Genau aus diesen Gründen war Kirsten vor Jahren weggezogen. Alles war ihr zu laut und hektisch geworden. Sie lebte seitdem in einem kleinen Ort im Boitzenburger Land im Landkreis Uckermark und fühlte sich nach eigenem Bekunden dort wohl. Das betonte sie in dem Gespräch, es klang fast trotzig. Nur noch gelegentlich käme sie nach Leipzig, zu Geburtstagen ihrer Eltern zum Beispiel.

Nachdem Hendrik sich verabschiedet hatte und sie allein waren, warnte Kirsten ihre Freundin, doch nicht gleich wieder in eine neue Affäre zu schlittern. Sie warf ihr Naivität vor. Jessica wiederum unterstellte ihr eine gehörige Portion Neid, weil sie abgeschieden in einem Kaff lebte, wie sie es nannte, und ihr Erlebnisse dieser Art versagt blieben.

Seit diesem Wortwechsel herrschte Funkstille zwischen den beiden Freundinnen. Aber Jessica war sich sicher, diesmal Glück und mit Hendrik den Richtigen gefunden zu haben. Und die Tatsache, dass ihre Beziehung schon über zwei Jahre währte, schien ihr recht zu geben.

Der Umstand, dass sie Hendrik ausgerechnet durch ihre beiden ehemaligen Kollegen kennengelernt hatte, kam ihr im Nachhinein merkwürdig vor. Weder Timo in seiner hemdsärmeligen, derben Art noch der schmächtige, introvertierte Manuel schien mit dem gutaussehenden, eleganten Hendrik irgendetwas gemein zu haben. Rein äußerlich und auch in ihrem Wesen waren sie grundverschieden.

Für einen Augenblick dachte sie an die gemeinsame Zeit mit Timo und Manuel in dem Restaurant. Sie verstanden sich gut, und Jessica hatte es sehr bedauert, als Timo kündigte, um ein eigenes Unternehmen zu gründen. Manuel war ihm sofort gefolgt. Das Angebot, mit bei ihnen einzusteigen, schlug sie aus und bewarb sich stattdessen bei einem Cateringdienst, für den sie auch jetzt noch arbeitete.

Die TV-Sendung ›Scheibner kocht‹ gefiel ihr, auch wenn sie die provokante Art, wie Timo dort auftrat, etwas übertrieben fand. Scheinbar hatte er eine große Fangemeinde, die Kommentare auf seinem Youtube-Kanal sprachen dafür. Aber es gab auch Anfeindungen, meist anonym. »Wie gehst du damit um?«, hatte Jessica ihn neulich gefragt. Aber Timo hatte nur gelacht und gleichgültig mit den Schultern gezuckt. »Du zeigst in der Öffentlichkeit dein Gesicht und gibst deinen Namen her. So machst du dich zur Zielscheibe für deine Gegner«, beharrte sie. Aber das schien ihn nicht zu kümmern. Ganz anders verhielt sich Manuel. Im Gegensatz zu seinem Compagnon wirkte er vorsichtig und hielt sich im Hintergrund. Jessica bezweifelte, dass Manuel Erfüllung in seinem Job fand. Doch vielleicht wohnten ja, wie ein altes Sprichwort sagt, zwei Seelen in seiner Brust – der stille Melancholiker und der berechnende Geschäftsmann? In der Öffentlichkeit trat Manuel nie auf, Timo war das Gesicht der Sendung. Mit ihm und seinem frechen Grinsen verband der Zuschauer die Enthüllungen der Tricks der Lebensmittelindustrie.

Beinahe hätte sie die Ausfahrt nach Gohlis verpasst. In diesem Stadtteil im Norden von Leipzig lag Hendriks Apartment in einem ruhigen Randgebiet. Ein wenig war sie jetzt aufgeregt, er rechnete erst morgen Nachmittag mit ihr, sie würde ihn also überraschen.

Nach einigem Suchen fand sie eine Parklücke in der Nähe des Neubaus, in dem sich Hendriks luxuriöses Apartment befand. Er selber hatte für seinen BMW einen Platz in der Tiefgarage. Jessica nahm ihren Overnight-Koffer, schloss das Auto ab und lief zum Gebäude. Auf den Klingelschildern und an den Türen standen keine Namen, nur die Apartment-Nummern. Seines war die 305, es lag in der dritten Etage. Einen Moment zögerte sie zu klingeln, sie wollte ihn ja überraschen. Also gab sie den PIN-Code ein, um gleich darauf durch die entriegelte Eingangstür den gepflegten, eleganten Hausflur zu betreten. Immer wenn Jessica bei Hendrik war, genoss sie das luxuriöse Ambiente. Anders als in dem Mietshaus, in dem sie selber wohnte, hatte der Fahrstuhl Seitenwände aus Glas und befand sich in der Mitte des Treppenhauses. Die Stufen waren aus hellem Granit, die Wände cremefarben, die dezente Beleuchtung tauchte das Foyer in ein warmes Licht und gab ein Gefühl des Willkommens. Das alles nahm Jessica mit Wohlgefallen wahr.

Sie betrat den gläsernen Fahrstuhl, der sie in die dritte Etage brachte, in der Hendriks Apartment lag. Fast lautlos glitt er nach oben, in das letzte Stockwerk.

Sie freute sich schon auf sein überraschtes Gesicht.

Nach dem ersten Klingeln rührte sich nichts. Sie klingelte ein zweites Mal, auch da vernahm sie kein Geräusch hinter der Wohnungstür. Sollte sie sich getäuscht haben, und er wollte erst morgen anreisen? Aber nein, er hatte ja bedauert, dass Jessica erst am Donnerstag käme und er die Nacht allein verbringen müsste. Kurz überlegte sie, ob sie ihn anrufen sollte, entschied sich aber dagegen.

Unschlüssig stand sie einen Moment lang da und schaute auf die Uhr: Es war erst kurz vor um zehn. Um diese Zeit ging er nie zu Bett. Sie kannte zwar den Zugangscode, hatte ihn aber noch nie benutzt. Nach kurzem Zögern tippte sie die Zahlen ein, es waren die gleichen wie an der Eingangstür unten – eine Kombination aus dem Datum ihres Kennenlernens und Hendriks Geburtstag. Gleich darauf vernahm sie das leise Klacken der Entriegelung, und gleich darauf ging die Beleuchtung im Flur an. Jessica erschrak, obwohl sie wusste, dass der Bewegungsmelder automatisch das Licht zuschaltete. Ein Blick in den Wohnraum verriet, dass Hendrik heute schon dagewesen war. Wahrscheinlich saß er jetzt gerade mit einem Geschäftspartner irgendwo in einem Restaurant.

Jessica legte ihre Jacke ab. So ganz wohl fühlte sie sich nicht dabei, ohne sein Wissen einfach hier hineingekommen zu sein. Wie ein Eindringling kam sie sich vor. Doch dann schob sie alle Bedenken beiseite.

Das Apartment war, als Hendrik es bezogen hatte, bereits möbliert und ähnlich luxuriös aber etwas unpersönlich ausgestattet wie alles andere in dem modernen Wohnkomplex. Es bestand im Grunde genommen nur aus dem kleinen Flur, von dem eine Tür ins Bad ging, und einem einzigen, dafür aber großen Raum mit einem durch einen Paravent abgetrennten Schlafbereich. Hinter einer Glastür lag ein schmaler Balkon, den Hendrik nur gelegentlich nutzte, zum Beispiel, wenn er seine abendliche Zigarette rauchte. Manchmal stand Jessica dann neben ihm und blickte auf den Park mit dem alten Baumbestand. Aber jetzt war es draußen dunkel und kühl. Wie lange mochte Hendrik wohl noch wegbleiben? Sie spürte Ungeduld aufsteigen. Doch was sollte sie ihm vorwerfen? Er wusste ja nicht, dass sie heute schon hier sein würde und auf ihn wartete. Kurzentschlossen zog sie sich aus und ging ins Bad unter die Dusche. Während das warme Wasser über ihren Körper rann, kam ihr eine Idee: Wenn sie schon einmal unangekündigt hier war, könnte sie ihn auch komplett überraschen. Sie stieg aus der Duschkabine, frottierte sich ab, packte ihren Overnight-Koffer samt Jeans, Shirt und Jacke in den Wandschrank, sodass auf den ersten Blick nichts auf ihre Anwesenheit hindeutete. Dann trug sie einen Hauch von dem sündhaft teuren Parfüm auf, das er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, ging hinter den Paravent und legte sich, nur bekleidet mit einem schwarzen Slip, in sein Bett.

Sie lag noch nicht lange da, als sie plötzlich das leise klickende Geräusch beim Öffnen der Wohnungstür hörte und gleich darauf die Flurbeleuchtung anging. Hendrik kam – endlich! Doch er war nicht allein, Jessica vernahm eine zweite, ihr unbekannte Männerstimme. Wie sollte sie sich jetzt verhalten? Eine Möglichkeit wäre, sich bemerkbar zu machen. Aber sie war fast nackt, nur mit dem Slip bekleidet, und ihre Kleidungstücke lagen für sie unerreichbar im Schrank. Auch wusste sie nicht, wie Hendrik in dieser Situation reagieren würde, wahrscheinlich wäre er ungehalten.

Die Situation war peinlich und grotesk, also beschloss Jessica, sich einfach ruhig zu verhalten und darauf zu hoffen, dass der andere bald wieder ging. Was auch immer sie zu besprechen hatten: Ewig würde es ja wohl nicht dauern. Dann wurden die Stimmen leiser. Sie hörte, wie Hendrik den Barschrank öffnete. Kein gutes Zeichen.

»Na dann, zum Wohl. Den können wir jetzt gebrauchen.«

Stille. Offensichtlich tranken sie den ersten Schluck, und vermutlich war es kein Wein, sondern der teure Cognac, den Hendrik für besondere Anlässe bereithielt.

»Es war übrigens ein Fehler, dass wir uns nochmal – ohne Scheibner – in der Bar vom Work and Art getroffen haben«, hörte Jessica den Fremden sagen. »Er war dort Stammgast. Dem Chefkellner fiel jedenfalls auf, dass er fehlte. Sonst hätte er sich nicht nach ihm erkundigt.«

»Das ist nicht mehr zu ändern. Deshalb treffen wir uns ja jetzt hier«, entgegnete Hendrik. »Trotzdem. Die ganze Sache gefällt mir nicht.«

»Wir waren uns doch einig. Und vor allem haben wir keine andere Wahl.«

»Das ist mir bewusst.«

Jessica hatte keine Ahnung, worum es ging. Doch sie spürte das Unheil fast körperlich. Spätestens jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen, sich bemerkbar zu machen, schoss es ihr durch den Kopf.

»Und was wird jetzt mit Manuel?«, hörte sie gleich darauf wieder Hendrik fragen. »Wenn sie ihn vernehmen, wird er aussagen.«

»Dazu wird es nicht kommen.«

»Was genau hast du vor, Ingo?«

Das Gespräch wurde jetzt so leise geführt, dass die Worte kaum zu verstehen waren.

»Es wird einen tragischen Unfall geben – oder einen Suizid. Für die Kripo wird es sich so darstellen, dass Althoff nach dem plötzlichen Tod seines Compagnons keinen Ausweg sieht. Allein wäre er unfähig, das Unternehmen weiterzuführen. Aus Verzweiflung nimmt er sich das Leben.«

Ob der Ungeheuerlichkeit des eben Gehörten stockte Jessica der Atem. Mit rasendem Puls versuchte sie die Worte einzuordnen. Timo war tot ... Sollte Manuel jetzt umgebracht werden?

Das darauffolgende Schweigen lastete schwer, es schien Jessica unerträglich. Augenblicklich erkannte sie die Gefahr, in der sie selber steckte: Sie war Ohrenzeugin eines bereits verübten und eines geplanten Verbrechens geworden – und Hendrik steckte mittendrin. Ihre Gedanken überschlugen sich, es war endgültig zu spät, um sich bemerkbar zu machen. Wie käme sie jetzt aus dieser fatalen Situation heraus? Panisch sah sie sich um. Sich zu verstecken hatte keinen Sinn. Es gab einfach nichts, wo sie hinkönnte. Das Schweigen dauerte an, und sie befürchtete schon, dass sie sich durch ein Geräusch verraten hätte.

Dann äußerte der Fremde, den Hendrik mit Ingo angesprochen hatte: »Aber außer Manuel gibt es noch ein weiteres Risiko, das wir bedenken müssen.«

»Und das wäre?«

»Es ist nicht gut, dass du dich mit ihr triffst.«

Dann hörte Jessica ihren Namen ... Woher kannte sie der Fremde?!

»Das ist allein meine Angelegenheit«, hörte sie Hendrik sagen.

»Nicht ganz. Sie kennt – kannte die beiden persönlich. Wenn sie als Zeugin vernommen wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Kripo eine Verbindung zu dir sieht.«

Hendrik stieß hörbar die Luft aus und fragte: »Was schlägst du vor?«

Nach einem kurzen unguten Schweigen entschied der andere: »Ich kümmere mich darum.«

Reglos lag Jessica da. Ihr erster Impuls war, unter der Bettdecke komplett zu verschwinden. Aber sie musste hier weg. Doch wie? In dem Apartment gäbe es kein Versteck für sie, wo sie ausharren konnte, bis Hendrik ins Bad ginge. Doch genau das könnte eine Lösung sein! Meist hielt er sich dort lange auf. In der Zwischenzeit würde sie ihre Sachen schnappen und verschwinden.

Jetzt hörte sie, wie sich die Männer verabschiedeten.

»Ich melde mich, sobald es Neuigkeiten gibt«, versprach Ingo.

Hendrik begleitete ihn zur Tür, Augenblicke später war er zurück im Wohnraum. Jessica hörte ihn hantieren, er packte irgendetwas weg. Sie befürchtete schon, dass er den Schrank öffnen würde, wo sie ihren Minikoffer und die Kleidung abgelegt hatte. Was für ein fataler Entschluss, heimlich zu ihm ins Apartment zu gehen, um ihn zu überraschen! Jetzt saß sie in der Falle. Timo wurde umgebracht, und Hendrik hatte es gewusst. Selbst wenn er nicht unmittelbar daran beteiligt war, so hatte er den Mord zumindest gebilligt. Das nächste Opfer sollte Manuel werden, das hatte der ihr unbekannte Mann namens Ingo unmissverständlich geäußert. Und dann war ihr eigener Name gefallen. »Ich kümmere mich darum«, hatte Ingo gesagt. Warum hatte Hendrik dazu geschwiegen? Nein, und nochmals nein! Nie im Leben würde er ihr etwas antun oder zulassen, dass ein anderer es tat. Er liebte sie doch! Aber genau diesem Irrtum erlag sie schon einmal, und das war gerade zwei Jahre her.

Jetzt saß Hendrik im Sessel, nur einen halben Meter von ihr entfernt auf der anderen Seite des Paravents, der den Wohn- vom Schlafbereich trennte. Sie hörte ihn atmen und in einem Schriftstück blättern. Plötzlich stand er auf.

Es war der Moment, in dem sie sich endgültig ausgeliefert fühlte. Doch entgegen ihren schlimmsten Befürchtungen ging er nicht hinter die Trennwand zum Bett, sondern in Richtung Balkon. Gleich darauf sah sie, wie die Deckenbeleuchtung ausging und der gesamte Wohnraum nur noch in gedimmtem Licht lag. Dann öffnete er die Glastür, trat hinaus und schob sie hinter sich zu. Natürlich, es war sein abendliches Ritual, um ungestört noch eine Zigarette zu rauchen.

Jessica fasste einen Entschluss: Blitzartig verließ sie das Bett, lief in geduckter Haltung zum Schrank, den Blick auf die Glastür gerichtet. Dahinter stand Hendrik mit dem Rücken zum Zimmer und rauchte. Vermutlich schaute er in das Dunkel des Parkes und dachte nach.

Immer darauf bedacht, kein Geräusch von sich zu geben, öffnete Jessica den Schrank, nahm Koffer und Kleidung heraus und schlich zur Flurtür. Verdammt, sie hatte nicht bedacht, dass der Bewegungsmelder automatisch die Beleuchtung einschalten würde. Es fiel ihr gerade noch rechtzeitig ein. Also öffnete sie die Tür nur einen Spaltbreit, quetschte sich hindurch und schloss sie sofort wieder hinter sich. Augenblicklich ging die gedimmte Beleuchtung an. Hastig stieg Jessica in ihre Jeans, warf die Jacke über, nahm den Koffer und verließ geräuschlos das Apartment.

Den Fahrstuhl nahm sie nicht, es könnte zu lange dauern, bis er in der dritten Etage angekommen wäre. Stattdessen lief sie die Treppe hinunter.

 

Hendrik drückte den Rest der Zigarette im Aschenbecher aus und trat zurück in den Wohnraum. Die ganze Zeit, während er mit Ingo hier saß, hatte ihn unbewusst etwas gestört. Er kam nicht darauf, was es sein könnte. Sein Unbehagen hatte er auf die prekäre Situation geschoben, in der sie sich befanden. Doch plötzlich erkannte er den eigentlichen Grund. Es war seine Nase, die ihn auf die richtige Spur lenkte. Sie hatte einen Hauch wahrgenommen, den leichten Duft eines Parfüms, den er eigentlich liebte, der aber momentan nicht hierher passte.

Hendrik ging hinter die Trennwand. Natürlich, jetzt roch er es deutlicher: Die Basisnote, ein Hauch von Vanille und Oud, einem Duftöl, das aus dem Harz des exotischen Adlerholzbaumes gewonnen wird, hing noch in der Luft. Er trat näher ans Bett und nahm Reste der Herznote von Jessicas Parfüm wahr: ein blumiges Aroma mit den Komponenten Rose und Lavendel. Die leichte Kopfnote, eine Komposition aus Jasmin und Orangenblüten war schon verflogen.

Alles Weitere geschah in Sekundenschnelle: Er riss die Tür zum Bad auf, kurz darauf öffnete er auch die Kleiderschranktür, im nächsten Moment griff er nach seiner Jacke, stürmte aus dem Apartment und lauschte ins Treppenhaus. Für einen Augenblick glaubte er, Schritte zu hören. Kurzentschlossen ging er zum Fahrstuhl und drückte den Knopf.

 

Während Jessica fast die erste Etage erreicht hatte, hörte sie ein leises surrendes Geräusch. Im nächsten Moment sah sie, wie der gläserne Fahrstuhl von unten kommend an ihr vorbeiglitt: Er war leer. Also musste ihn jemand aus dem zweiten oder dritten Stockwerk angefordert haben. Hendrik!, schoss es ihr durch den Kopf. Wenn er wider Erwarten etwas bemerkt hätte, so würde er ihr mit Sicherheit folgen. Panisch sah sie sich um: Das helle, übersichtliche Treppenhaus, das sie immer als angenehm empfunden hatte, könnte ihr jetzt zum Verhängnis werden. Eine Möglichkeit, sich zu verbergen, gab es nicht. Unterdessen hörte sie wieder das leise Surren des Getriebes. Wer auch immer oben den Knopf gedrückt hatte, würde im nächsten Augenblick an ihr vorbeikommen und sie sehen.

Am späten Abend

Wie so oft, wenn Manuel Althoff vom Lektor des Verlages Bücher-Freund auf eine Lesetour geschickt wurde, fühlte er sich unwohl. Er scheute die Öffentlichkeit und hasste Lesungen, seine Stimme wurde während des Vortragens der eigenen Texte brüchig oder setzte ganz aus.

Gestern Abend war er angereist, verbrachte die Nacht in einem Hotel, dem einzigen in dem kleinen anhaltinischen Ort, schlenderte vormittags ziellos durch den historischen Stadtkern und aß zu Mittag im Ratskeller. Am späten Nachmittag bereitete er sich mental auf seine Lesung vor. Er hatte die Begabung, alles Störende eine Zeitlang auszuschalten, um sich ausschließlich auf anstehende Aufgaben zu konzentrieren.

---ENDE DER LESEPROBE---