Der arbeitende Nutzer - G. Günter Voß - E-Book

Der arbeitende Nutzer E-Book

G. Günter Voß

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Beschreibung

Am Überwachungskapitalismus sind alle, die einen Computer, ein Smartphone oder andere digitale Geräte nutzen, beteiligt. Sie arbeiten unbewusst Big-Tech-Konzernen bei der Gewinnung, Aufbereitung, Verarbeitung und Lieferung eines neuen Rohstoffs zu, der aus den digitalen Anwendungen von Nutzerinnen und Nutzern in all ihren Lebensbereichen gewonnen wird. Im Rahmen ihrer alltäglichen Lebensführung agieren sie, wie dieses Buch in Auseinandersetzung mit der amerikanischen Ökonomin Shoshana Zuboff zeigt, in vielfältiger Weise als Hilfskräfte der Konzerne und haben dadurch als »arbeitende Nutzer« eine wichtige Funktion im Überwachungskapitalismus – ob sie wollen oder nicht.

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G. Günter Voß

Der arbeitende Nutzer

Über den Rohstoff des Überwachungskapitalismus

Campus Verlag

Frankfurt/New York

Über das Buch

Am Überwachungskapitalismus sind alle, die einen Computer, ein Smartphone oder andere digitale Geräte nutzen, beteiligt. Sie arbeiten unbewusst Big-Tech-Konzernen bei der Gewinnung, Aufbereitung, Verarbeitung und Lieferung eines neuen Rohstoffs zu, der aus den digitalen Anwendungen von Nutzerinnen und Nutzern in all ihren Lebensbereichen gewonnen wird. Im Rahmen ihrer alltäglichen Lebensführung agieren sie, wie dieses Buch in Auseinandersetzung mit der amerikanischen Ökonomin Shoshana Zuboff zeigt, in vielfältiger Weise als Hilfskräfte der Konzerne und haben dadurch als »arbeitende Nutzer« eine wichtige Funktion im Überwachungskapitalismus – ob sie wollen oder nicht.

Vita

G. Günter Voß   ist emeritierter Professor für Industrie- und Techniksoziologie an der TU Chemnitz.

Inhalt

Vorwort

1. Einführung

1.1Die These des »Überwachungskapitalismus«

1.2Zum Aufbau des Textes

1.3Subjektorientierung – Ein Exkurs

2. Neuer Kapitalismus mit neuen Regulierungen, Werkzeugen und Subjektivitäten

2.1Politökonomische oder technische Hintergründe des Wandels

2.2Kapitalistische Charaktermasken oder Helden von Big Tech

2.3Subjektorientierte Blicke auf den Wandel mit Fokus auf neue Figuren von Arbeitskraft

2.3.1Der Arbeitskraftunternehmer

2.3.2Der arbeitende Kunde

2.3.3Der arbeitende Roboter

3.Eine historisch neuartige Grundlage kapitalistischer Reproduktion

3.1Der »neue Rohstoff«

3.2Eine neue »Great Transformation«

3.3Rendition, Datafizierung, Prognose und Verhaltenssteuerung

4.Subjektorientierte Blicke auf den Überwachungskapitalismus

4.1Gewinnung des überwachungskapitalistischen Rohstoffs – Neuartige Arbeit einer neuartigen Arbeitskraft

4.1.1Verhaltensüberschuss: Alltägliche menschliche Lebens-Spuren

4.1.2 Extraktion des Rohstoffs: Ursprüngliche subjektive Leistungen als Grundlage

Entdecken, Heben, Herrichten, Benennen und Bereithalten

Übereignen

Aufbereiten und Verdaten

Zuliefern

4.1.3Entdecken und vieles mehr: Arbeitende Leistungen arbeitender Nutzer

Arbeitende Leistungen

Arbeitende Nutzer

Passive Nutzer

Smartphones usw. – ein Exkurs in die Welt der Social Media und deren Extraktionspraktiken

Freie und unfreie Arbeit mit kapitalistisch genutzten persönlichen Produktionsmitteln

4.1.4Persönliche Produktionsverhältnisse: Zur Lebensführung arbeitender Nutzer

Persönliche Produktionsverhältnisse

Persönliche Produktionsverhältnisse als Teil gesellschaftlicher Verhältnisse

4.1.5Der arbeitende Nutzer

4.2Extraktion des überwachungskapitalistischen Rohstoffs – Eine neue Landnahme

4.2.1Die Diskussion zur »Landnahme«

Vorläuferkonzepte und klassische Ansätze

Carl Schmitt – ein Exkurs

Neuere Landnahmekonzepte

4.2.2Neue kapitalistische Landnahme: Eine subjektorientierte Interpretation

Rückblick

Der landnehmende Zugriff auf das Innere im Inneren

5. Neue kapitalistische Figuren und die politische Bedeutung Alltäglicher Lebensführung – Folgerungen und Ausblicke

5.1Der arbeitende Nutzer und seine Begleiter im überwachungskapitalistischen Spiel

Entgrenzung

Was ist ein Subjekt? Ein Exkurs

Subjektivierung, Subjektivität

Gesamtgesellschaftliche Dynamiken

5.2Lebensführung als umkämpftes Terrain und als Plattform für Widerstand

Alltägliche Lebensführung – ein subjektorientiertes Konzept

Umkämpftes Terrain Lebensführung

Kampf um die persönliche Lebensführungshoheit

Defensive Widerständigkeit oder offensiver Kampf um das persönliche Leben?

Lebenswertorientierte Lebensführung

Entunterwerfung im Alltag der Lebensführung

Abbildungen und Tabellen

Quellen

Literatur

Internetquellen, Video- und Filmdokumente, Zeitungsartikel

Vorwort

Der von mir hier vorgelegte Text hat eine Vorgeschichte. Noch vor dem offiziellen Erscheinungstermin drückte man mir in meiner Buchhandlung Anfang 2018 die soeben gelieferte Studie von Shoshana Zuboff zum »Überwachungskapitalismus« in die Hand. Ich hatte das Buch erst einige Tage zuvor bestellt und war erstaunt, es so schnell zu bekommen. Wieder zu Hause setzte ich mich auf mein Lesesofa, um einen ersten Blick in das erschreckend dicke Konvolut zu werfen … und hörte für fast eine Woche nicht mehr auf zu lesen.

Als ich davon auf Twitter berichtete, erhielt ich erstaunte Reaktionen von Kollegen aus den USA, die mit einer englischsprachigen Ausgabe erst Anfang 2019 (und damit ein Jahr später) gerechnet hatten. Über die Gründe für diese interessante Publikationsstrategie kann man nur mutmaßen (ich habe dazu einige Ideen …). Der Bitte, ›schon mal‹ über den Inhalt zu berichten, kam ich gerne nach – in dem Umfang, den Twitter ermöglicht.

Es war sicherlich auch das winterliche Wetter, das davon abhielt, mein Sofa zu verlassen. Aber mehr noch war es meine Faszination. So ein Buch hatte ich schon lange nicht mehr in Händen gehalten. Es dauerte den einen oder anderen Tag, bis ich mich eingelesen hatte und begriff, welchen Reim ich mir auf die Studie machen sollte. Neben den 727 Seiten war es vor allem der weitreichende kapitalismusanalytische Rahmen, mit Bezügen zu vielen großen Geistern, die man als Arbeitssoziologe gerne zitiert, der mich staunen ließ. Erste spärliche Medienreaktionen in Deutschland halfen mir nicht wirklich weiter. Immerhin konnte ich Frau Zuboff in der ARD (titel thesen temperamente) kurz sehen und hören. Ich vernahm dort nun auch Zuboffs selbstbewussten Hinweis, dass man ihr Buch schon ganz gelesen haben müsse, um sie zu verstehen – womit sie völlig Recht hat. Es war dann aber weniger die sympathische Erscheinung der Professorin aus Harvard, die mich trotz aller Lesemühe bei der Stange hielt. Was mich fesselte, war vor allem der sozioökonomische Fokus mit einer ohne Zweifel ›steilen‹ These.

Trotz aller Faszination war ich nach der Lektüre auch irritiert und fast ein wenig deprimiert. Das Buch erinnerte an eigene aktuelle Überlegungen, etwa zu neuen »robotisierten« Technologien. Am meisten irritierte aber, dass da nun jemand höchst umfangreich und kompetent eine Entwicklung beschrieb, über die ich einige Jahre zuvor zusammen mit Kerstin Rieder nachgedacht hatte: Die Integration von Konsumenten in betriebliche Produktionsprozesse. (Vgl. Voß/Rieder 2015) Zuboff hatte diesen Trend nun mit der neuesten technologischen Entwicklung in Verbindung gebracht, was uns damals so noch nicht möglich war.

In Telefonaten wurde Kerstin Rieder und mir aber bewusst, dass uns eine andere Perspektive geleitet hatte. Es ging uns – und geht uns weiterhin – mit der These des »arbeitenden Kunden« um die Frage, welche aktive Rolle Betroffene auf ihrer persönlichen Ebene im Rahmen neuartiger kapitalistischer Strategien genau spielen – und dazu war in der Studie von Zuboff nichts zu finden. Kerstin Rieder und mir war klar, dass man da »was machen müsse«. Die Idee eines gemeinsamen Papers scheiterte leider daran, dass Kerstin Rieder in zahlreiche andere Aufgaben eingebunden war und sich daher keine Möglichkeit fand, schnell gemeinsam aktiv zu werden.

Dass auch ich nicht wirklich über üppige Zeitressourcen verfügte, lag unter anderem an der Herausgabe eines neuen Buchs zur Lebensführungsforschung, an dem ich mit Kolleginnen und einem Kollegen arbeitete. Da ich schon vage angekündigt hatte, dazu eventuell einen Beitrag zu verfassen, geriet ich nun in die Versuchung, einen Text zur Studie von Zuboff zu schreiben. Ohne meine Kolleginnen und meinen Kollegen einzuweihen, nahm ich mir vor, Derartiges zu versuchen … und konnte mich lange Zeit nicht aufraffen, auch weil mir klar war, dass das inhaltlich nicht einfach werden würde. Erst als die Mitherausgeber ungeduldig wurden, gab ich mir einen Ruck … und schrieb dann fast ohne Unterbrechung über mehrere Wochen. Nach einiger Zeit musste ich mitteilen, dass ich zwar an einem Text säße, aber das Seitenlimit keinesfalls einhalten könne, was mit deutlicher Reserve aufgenommen wurde. Trotzdem blieb ich mit eher noch zunehmender Motivation aber dabei, und der Text wuchs und wuchs. Als dann die Zeit wirklich drängte, nahm ich mir die inzwischen entstandenen Seiten vor und verfasste eine Art Kondensat.

Erst jetzt wurde deutlich, dass der lange Text und der Auszug durchaus die angezielte Idee transportierten: Der Überwachungskapitalismus mit seiner neuartigen Rohstoffbasis setzt eine arbeitende Beteiligung der Nutzer voraus. Das hat Parallele zur These des arbeitenden Kunden, aber die Mitarbeit der hier Betroffenen nimmt völlig andere Formen an. Hinzu kommt, dass mit Blick auf die Nutzer der ›Stoff‹, um den es Zuboff geht (den sie »Verhaltensüberschuss« nennt), fundamental anders verstanden werden kann und deshalb auch anders bezeichnet werden sollte.

Nun liegt ein umfangreicherer Text vor, der in Form eines Essays versucht, die Studie aus Harvard soziologisch subjektorientiert zu unterfüttern. Kern ist erst einmal eine Darstellung der Zuboffschen Thesen und dann Ergänzungen um Annahmen zu einer alltagsnahen persönlichen Produktionsökonomie, durch die überwachungskapitalistische Konzerne erst zu ihrem neuen »Rohstoff« kommen, der hier als alltägliche menschliche »Lebens-Spuren« verstanden wird. Um dies nachvollziehen zu können, ist zugleich an einigen Stellen eine etwas umfangreichere Vorstellung der Subjektorientierten Soziologie und dort entwickelter Thesen erforderlich.

Beides zusammen könnte nun eine bis auf die Ebene der Subjekte und ihrer Alltäglichen Lebensführung zielende sozioökonomische Analyse des sich abzeichnenden Überwachungskapitalismus ergeben, der so gesehen vielleicht tatsächlich ein ›neuer‹ Kapitalismus ist, dessen erste Anzeichen wir gerade erleben. Da der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts aus subjektorientierter Sicht schon seit einiger Zeit charakteristische neuartige Formen gesellschaftlicher Arbeitskraft und damit auch neuartige Ausprägungen von Subjektivität hervorbringt (Arbeitskraftunternehmer, arbeitende Kunden und aktuell arbeitende Roboter), denen nun mit dem arbeitenden Nutzer eine neue ›Figur‹ hinzugesellt wird, könnte eine breiter angelegte Einschätzung der sich abzeichnenden Verhältnisse möglich werden. Warum das mit einer deutlichen politischen Botschaft verbunden wird, sollte beim Lesen hoffentlich deutlich werden.

Auch diesmal hat der Autor vielen Menschen für ihre Unterstützung zu danken. Dieser Dank gilt hier für hilfreiche Hinweise oder informelle Textelemente zu einzelnen Inhalten vor allem Alma Demszky, Georg Jochum, Christian Papsdorf, Kerstin Rieder, Margit Weihrich und Laura Voß sowie für ihre überaus hilfreiche Lektoratsunterstützung Eva Scheder-Voß mit der Unterstützung von Christa Heinzelmann. Für alle Unzulänglichkeiten des Textes ist allein der Autor verantwortlich und bittet dafür um Nachsicht.*

GGV, München, im September 2019

* Der erwähnte kurze Beitrag erscheint voraussichtlich Anfang 2020 in einem von Jochum/Jurczyk/Voß/Weihrich herausgegebenen Band zu »Transformationen Alltäglicher Lebensführung«.

1. Einführung

Die weitreichenden technologischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die seit geraumer Zeit in Kalifornien stattfinden, haben sich auch in Deutschland herumgesprochen. Während man sich in Europa – noch eher moderat und reichlich uneinig – um entgehende Steuereinnahmen und die konkurrenzgefährdende Marktmacht der neuen Quasi-Monopole, manchmal auch um den Datenschutz und die bedrohte Privatheit Sorgen macht, klingt die Meinung dazu zumindest in der Umgebung von San Francisco teilweise inzwischen schon wieder wesentlich radikaler: Dort schlägt die euphorische Begeisterung über »Big Tech« selbst innerhalb des Kernbereichs der digitalen Industrie, wie es scheint, langsam in eine neuartige Technikkritik um (»Techlash«).1 Auf beiden Seiten des Atlantiks stellen sich sogar einige intellektuelle Zirkel die Frage, ob sich nur die technologischen Randbedingungen der etablierten Ökonomie verändern oder ob nicht vielmehr ein »Neuer Kapitalismus« am Horizont der Geschichte erkennbar wird. Meist wird dabei zunächst an eine Art kapitalistische »Internetökonomie« oder einen »Digitalen Kapitalismus« gedacht. Das passt zu der altmarxistischen These von den »Produktivkräften« als historische Treiber des Kapitalismus. Nur selten jedoch hat jemand wie die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff den Mut zu fragen, ob dieser neue Kapitalismus nicht nur hinsichtlich seiner technologischen Randbedingungen, sondern in seinem ökonomischen Kern »neu« sein könnte, mit entsprechend weitreichenden Folgen. Dieser Haltung wird nicht selten mit dem Hinweis begegnet, dass Kapitalismus eben »Kapitalismus« sei, da könne nichts grundsätzlich neu sein.2

1.1Die These des »Überwachungskapitalismus«

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Studie »Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus« von Zuboff (2018) zumindest in der deutschen Diskussion, und dort vor allem auch in der Soziologie, bislang nur verhalten rezipiert wird. Auch die Reaktionen deutscher Medien sind eher dezent.3 Fast immer gibt dabei der Titel des Buches, also der »Überwachungskapitalismus«, den Ton vor: Es gehe um Digitalisierung und speziell um Datenschutz, und das Thema sei ja hinlänglich bekannt – spätestens seit der etwas verunglückten EU-Datenschutzgrundverordnung und dem eher hilflosen Bemühen der Staatsministerin für Digitalisierung. Diese eingeengte Wahrnehmung ist erstaunlich, da das Buch von Zuboff als ein bedeutender Versuch angesehen werden muss, die derzeitigen Veränderungen in Folge der Durchsetzung datenbasierter Technologien originär sozioökonomisch zu verstehen. Wenn man wissen will, was Big Tech derzeit mit unserem gewohnten Kapitalismus anstellt, dann muss man hier nachlesen.

Unter expliziter Bezugnahme auf Karl Marx, Karl Polanyi, Max Weber, Hannah Arendt und andere, nicht nur in der Soziologie gut bekannte Theoretiker behauptet die Studie nicht weniger als die sukzessive Herausbildung einer neuen Logik kapitalistischer Wertschöpfung. Es geht ihr um die Frage, wie in einem digital geprägten Umfeld kontrastierend zu bisherigen Formen von Kapitalismus ökonomische Werte generiert werden. Im Zentrum steht die These, dass sich gegenwärtig erneut eine ökonomische »Transformation« (im Sinne der frühen Annahmen von Polanyi für die Herausbildung des modernen Kapitalismus 1995 [1944]) vollzieht. Dabei entstehen, indem wirtschaftlich bis dahin nahezu unbekannte basale Ressourcen gezielt ausgebeutet und in Warenform überführt werden, neuartige Profitmöglichkeiten. Bei Polanyi hießen die durch Kommodifizierung erstmalig neu genutzten Ressourcen Arbeitskraft, Boden und Geld. Neuartige Ressourcen für den Kapitalismus des 21. Jahrhunderts sind nach Zuboff die vielfältigen persönlichen Hervorbringungen von Menschen bei ihren tagtäglichen Handlungen und deren digitalisierte Erfassung – ein von ihr »Verhaltensüberschuss« genanntes schier unendliches, aber bis vor Kurzem ökonomisch nicht systematisch beachtetes Potenzial von Informationen, das sich abgreifen, datentechnisch aufbereiten und nach und nach als »neuer Rohstoff« erweiterten ökonomischen Verwertungen zuführen lässt. Pioniere einer solchen neuen kapitalistischen Ökonomie seien die inzwischen hinlänglich bekannten Konzerne des »Big Tech« – allem voran Google (mit Alphabet als Mutterkonzern), gefolgt von Amazon, Facebook (mit WhatsApp und Instagram), Apple und auch (wieder) Microsoft. Andere Großunternehmen ziehen weltweit mit (auch in China, v. a. Alibaba und Tencent), um sich noch substantielle Stücke von diesem neuen kapitalistischen ›Kuchen‹ abzuschneiden, zumindest um sich Claims für eine zukünftige Nutzung und Verwertung zu sichern.

Die folgenden Überlegungen möchten nun mit einem subjektorientierten soziologischen Blick vor allem zeigen, dass dieser neue Rohstoff dem kapitalistischen Prozess der Nutzung und Verwertung nicht ›einfach so‹ zufällt. Lieferanten sind vielmehr die betroffenen Menschen selbst, die diese Rohstoffe im Rahmen ihrer Lebensführung generieren – oft ungewollt und unbewusst, zumindest hinsichtlich einer möglichen wirtschaftlichen Ausbeutung. Mehr noch: Es sind die Alltagshandelnden, die diese Quellen neuen kapitalistischen Reichtums in ersten praktischen Schritten gewinnen, aufbereiten, rechtlich übertragen, mit mehr oder weniger digitalen Mitteln für eine fremde Verwertung herrichten und schließlich den danach gierenden Unternehmen übergeben. All das ist, so hier die zentrale These, eine bisher nicht beachtete Form wirtschaftlich genutzter produktiver Arbeit unter Verwendung alltäglich gegenwärtiger Arbeitsmittel, die Zuboff als solche außer Acht lässt. Aber ohne diese überwachungskapitalistische Mit-Arbeit der Betroffenen gäbe es den neuartigen »Rohstoff« nicht!

Leser könnten sich hierbei an die These des »arbeitenden Kunden« erinnert fühlen, die auf den ersten Blick gesehen Ähnliches postuliert. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass die Produzenten dieses neuen kapitalistischen Rohstoffs nicht unbedingt »Kunden« sind. Mehrheitlich handelt es sich um unterschiedliche Formen von »Nutzern« digitaler Technologien (in der Sprache des WWW: »User«), die zu wenig verstehen, was sie da faktisch tun, wenn sie etwa im öffentlichen Raum, bei der Benutzung von Verkehrsmitteln, am Arbeitsplatz, in der Privatsphäre oder über am Körper getragene Devices Technikkonzernen wertvolle Ressourcen generieren und liefern.4 Spätestens mit diesem Fokus muss man mit Zuboff betonen, dass es nicht primär um Technik geht, sondern um das, was alltagspraktisch und darüber vermittelt ökonomisch auf neue Weise passiert. Es geht um eine neuartige kapitalistische Profitlogik, bei der letztlich ›wir alle‹ eine unerwartete Rolle von großer ökonomischer Relevanz spielen – und unsere unterschwelligen Tätigkeiten eine wirtschaftliche Funktion erhalten, die in ihrer Bedeutung bisher so nicht thematisiert wurde.

1.2Zum Aufbau des Textes

In einem ersten Schritt wird vor dem Hintergrund einiger Anmerkungen zur aktuellen Diskussion über Digitalen Kapitalismus und Digitale Arbeit noch einmal auf die Perspektive der Subjektorientierten Soziologie Bezug genommen. Die in diesem Zusammenhang entstandenen zeitdiagnostischen Thesen des Arbeitskraftunternehmers, des arbeitenden Kunden sowie aktuell des arbeitenden Roboters ergeben in Verbindung mit dem Konzept Alltägliche Lebensführung einen Argumentationsrahmen für die weiteren Überlegungen (Kap. 2).

Es folgt eine intensive Rekonstruktion zentraler Thesen der Studie von Zuboff, ergänzt um weiterführende eigene Einschätzungen (Kap. 3).

Den Hauptteil des Textes bilden subjektorientierte Erweiterungen der Zuboffschen Analyse. Im Mittelpunkt steht dabei die Annahme, dass der von Zuboff »Verhaltensüberschuss« genannte Rohstoff aus alltäglichen menschlichen »Lebens-Spuren« entsteht. Vor diesem Hintergrund wird gezeigt, dass ohne arbeitende Leistungen der Nutzer digitaler Technik die Erschließung dieses spezifischen neuen Rohstoffs nicht realisiert werden kann. Das wird um eine ausführliche Rekonstruktion der sozialwissenschaftlichen Diskussion zur »kapitalistischen Landnahme« ergänzt, die auch in der Studie von Zuboff anklingt. Hier wird argumentiert, dass sich im Moment eine neue Art kapitalistischer Landnahme vollzieht, die zwar auch, wie neuere Landnahmekonzepte ausführen, eine »Innere Landnahme« darstellt, aber wesentlich tiefer greift und eine Landnahme des »Inneren im Inneren« von Gesellschaft und sogar des »Inneren« von Menschen bedeutet (Kap. 4).

Der Schluss enthält Überlegungen zum sozioökonomischen Zusammenwirken der subjektorientiert postulierten neuen Figuren von Arbeitskraft, mit besonderem Blick auf den hier im Fokus stehenden arbeitenden Nutzer. Dies führt zu politischen Folgerungen in Hinsicht auf die Alltägliche Lebensführung als Objekt überwachungskapitalistischer Begierden wie auch als Rahmen potenzieller Gegenwehr (Kap. 5).

Der Text bewegt sich auf drei Ebenen:

Zum einen und vorrangig geht es um den überwachungskapitalistischen Rohstoff und die subjektorientierten Erweiterungen, mit Fokus auf den arbeitenden Nutzer.

Zum anderen wird mehrfach auf das Konzept der Subjektorientierung und damit verbundene Kategorien als Hintergrund der Argumentation Bezug genommen, die dann zusammengeführt werden.5

Drittens schließlich wird die These einer »Landnahme« aufgegriffen, illustriert durch Verweise auf zwei berühmte historische Beispiele: Die »Entdeckung« des amerikanischen Kontinents im 15.–16. Jahrhundert mit der darauf folgenden Ausbeutung der Regionen und dann die beiden Gold Rushes an der Westküste der USA im 19. Jahrhundert.6

1.3Subjektorientierung – Ein Exkurs

Da die hier zu entwickelnde Argumentation einer spezifischen soziologischen Perspektive – der Subjektorientierten Soziologie – folgt, durch die die Zuboffschen Thesen zum Überwachungskapitalismus in einem anderen Licht erscheinen, soll vorab kurz erläutert werden, was es mit dieser Untersuchungsrichtung im Verständnis des vorliegenden Textes auf sich hat.7

Erste Ideen zu einer Subjektorientierten Soziologie hat vor mehr als dreißig Jahren Karl Martin Bolte (1925–2011) in einer programmatischen Skizze formuliert: Es gehe darum »[…] das wechselseitige Konstitutionsverhältnis von Mensch und Gesellschaft ins Blickfeld« zu rücken (Bolte 1983). Damit sei eine im Prinzip alte, aber mehr denn je zentrale, Frage der Soziologie aufgegriffen, die traditionell unter dem Stichwort »Individuum und Gesellschaft« und später als »Handlung und Struktur« diskutiert wurde. Typisch für diese Perspektive sind aus heutiger Sicht folgende Aspekte:

Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Eine Subjektorientierte Soziologie will gesellschaftliche Strukturen oder Strukturelemente daraufhin analysieren …

»(1) in welcher Weise sie menschliches Denken und Handeln prägen, (2) wie Menschen bestimmter soziohistorisch geformter Individualität innerhalb dieses strukturellen Rahmens agieren und so unter anderem zu dessen Verfestigung oder Veränderung beitragen und (3) wie die betrachteten Strukturen selbst einmal aus menschlichen Interessen, Denkweisen und Verhaltensweisen hervorgegangen sind.« (Bolte 1983: 15 f.).

Das mit dieser Formulierung angesprochene Grundproblem der Vermittlung von Handlung und Struktur steht schon seit einiger Zeit ganz oben auf der Agenda allgemeinsoziologischer Konzeptionen, und manches liest sich auf den ersten Blick wie eine Übersetzung von Boltes Plädoyer. Bei genauerem Hinsehen erkennt man aber bedeutsame Unterschiede.

Mehrebenendenken. Vieles von dem, was die Subjektorientierung ins Zentrum stellt, findet sich in Versuchen, Soziologie auf mehreren »Ebenen« zu verorten. Deutlich wird dies schon in der Gegenüberstellung von mikrosoziologischer »Handlung« und makrosoziologischer »Struktur« oder von »Agency and Structure«. Mehrfach wurde über »Organisation« als dritte Ebene nachgedacht, die sich theoretisch (und auch historisch) ›dazwischenschiebt‹. (Vgl. z. B. Luhmann 1975, der »Interaktion«, »Organisation« und »Gesellschaft« unterscheidet) In der Subjektorientierten Soziologie wird darüber hinaus gelegentlich vorgeschlagen, die Handlungsebene noch einmal von einer eigensinnigen Ebene des »Subjekts« zu trennen. Diese verlässt dann genau genommen das »Soziale« und steht damit (als vierte »Ebene«) den gesellschaftlichen Ebenen im engeren Sinne gegenüber, wechselwirkt aber trotzdem (als externe Größe) mit den sozialen Erscheinungen. Luhmann hat für diese Beziehung zwischen »Gesellschaft« und der externen Größe Subjekt (bei ihm »Individuum« oder »psychisches System«) von Parsons den Begriff »Interpenetration« übernommen. (Vgl. etwa Luhmann 1978 und später 1984, S. 286 ff.)8 Ein Denken in derartigen »Ebenen« kann vielfältig gehandhabt werden. Ein wichtiges Kriterium ist, wo man mit der Analyse anfängt: bei der Struktur, bei der Ebene der Handlung oder sogar beim Subjekt. Es hat sich oft gezeigt, dass der Startpunkt und dann die Richtung des Forschens erhebliche Auswirkungen auf die Ergebnisse haben. Vereinfacht kann man sagen, dass man am Startpunkt ein sehr viel deutlicheres Verständnis des Gegenstands hat als dann im Durchgang durch die weiteren Ebenen. Die Präzision verliert sich auf der Reise, bis hin zu dem, dass die Thematisierung von »Subjekt« am dem einen Ende oder von »Gesellschaft« am anderen fast schon wieder ›hinten herunterfällt‹.

Die besondere Rolle von Vermittlungsinstanzen. Die Frage nach »Verbindungsstellen« von Mensch und Gesellschaft (Bolte 1983, S. 33) – und darauf kommt es an, wenn man Wechselwirkungen von Handeln bzw. Subjekt und Strukturen erfassen will – spielt in der Subjektorientierten Soziologie eine wichtige Rolle. Sie grenzt sich damit explizit von Untersuchungen ab, »in denen die Menschen, die als handelnde, interessengeleitete Subjekte diese Strukturen hervorbringen, gar nicht vorkommen« oder »in denen viel über menschliches Verhalten ausgesagt wird, ohne dass überhaupt gesellschaftliche Strukturen erwähnt werden, die dieses Verhalten beeinflussen.« (Bolte 1997, S. 35). Folgerichtig sucht die Subjektorientierte Soziologie intensiv nach eben solchen »Vermittlungsinstanzen«. Sie betreibt dies allerdings mit einer spezifischen ›hidden agenda‹: Wie schaffen es Subjekte, innerhalb konkreter Zwänge und Vorgaben Handlungsspielräume zu finden und autonom zu agieren? Oder anders ausgedrückt: Es geht eher nicht um soziale Determinanten und Zwänge für menschliches Handeln als darum, wo und wie unter gegebenen Verhältnissen »Potentiale des Agierens, des Wehrens und Gestaltens liegen, durch die soziale Strukturen lebendig und entwicklungsoffen werden«. (Voß/Pongratz 2007b, S. 16) Damit ist Subjektorientierte Soziologie zwangsläufig eine empirische Soziologie. Basis von Strukturen sind ja immer konkrete historische Situationen und konkrete lebendige Subjekte, und die Mechanismen, nach denen gesucht wird, sind konkrete gesellschaftliche Vermittlungsinstanzen, wie etwa »Beruf« oder »Alltägliche Lebensführung« (Voß 1997). Diese empirische wie theoretische Herausarbeitung von Verbindungsstellen ist vielleicht der wichtigste Beitrag der Subjektorientierten Soziologie zur Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft.

Theoretische Offenheit. In Zusammenhang damit steht noch eine weitere Eigenart der Subjektorientierten Soziologie, die entscheidend zu ihrem Erfolg beigetragen hat: ihre theoretische Offenheit und ihr Plädoyer für paradigmatische Pluralität. Die subjektorientierte Soziologie verstand sich schon immer als ein spezifisches »In-den-Blick-Nehmen« (Bolte 1983, S. 16) von soziologisch relevanten Sachverhalten, innerhalb dessen die heranzuziehenden Theorien erst gefunden und angewendet werden müssen. Damit war die Subjektorientierte Soziologie von Anfang an ein weiches, aufgeschlossenes und entwicklungsoffenes Programm, in dem kein verbindlicher Kanon herrschte, sondern ganz im Gegenteil eine Abneigung gegen »dogmatisch zementierte politische wie theoretische Positionen« (Voß/Pongratz 1997, S. 18). Gleichwohl ist für die Subjektorientierung ein Menschenbild leitend, das sich (inzwischen mit einem erweiterten Begriff von »Subjekt«; vgl. Kap. 5.2.) an der humanistischen Vorstellung eines nicht nur geistigen, sondern auch körperlichen und emotionalen lebendigen Wesens orientiert. Genau dies unterscheidet die Perspektive grundlegend etwa von einem individualistischen, auf das Axiom des Rationalen Akteurs ausgerichteten Ansatz. Es ist diese offene humanistische »Perspektive«, die die Gruppe von Forscherinnen und Forschern auszeichnet, die sich seit Boltes Plädoyer entwickelt hat. Die Subjektorientierte Soziologie, die in den Münchener Sonderforschungsbereichen 101 (»Theoretische Grundlagen sozialwissenschaftlicher Berufs- und Arbeitskräfteforschung«) und 333 (»Entwicklungsperspektiven von Arbeit«) entstand, ist aber schon lange keine rein Münchener Perspektive mehr, obschon der lokale Zusammenhang eine entscheidende Rahmenbedingung für ihre Entwicklung war und ist.

2. Neuer Kapitalismus mit neuen Regulierungen, Werkzeugen und Subjektivitäten

Wenn hier als Ausgangsannahme für die Frage nach dem Überwachungskapitalismus mit seinen spezifischen Erscheinungen auf einen bis in das letzte Drittel des vergangenen Jahrhunderts zurückreichenden gesellschaftlichen Strukturwandel verwiesen wird, der vor allem ökonomische Ursachen hat, dann ist das nicht nur in der Soziologie weithin Konsens. Uneinig ist man sich jedoch darüber, ob es sich dabei lediglich um einen beschleunigten Wandel handelt oder schon um einen Strukturbruch der langfristigen Dynamik kapitalistischer Gesellschaften. Kontrovers ist auch, wenn man rückblickend die Diskussion betrachtet, ob eher gesamtökonomische Veränderungen in Verbindung mit einer Neuausrichtung politischer Rahmenbedingungen Ursache des Wandels sind oder Veränderungen der soziotechnischen Grundlagen von Gesellschaft.

2.1Politökonomische oder technische Hintergründe des Wandels

Schon frühe Analysen der Veränderungen, die sich in kapitalistischen Gesellschaften während der 1970 und 80er Jahre vollziehen, beschreiben diese als primär sozioökonomische Umbrüche mit begleitenden politischen Strukturveränderungen.