Die andere Tochter - Judith Lennox - E-Book

Die andere Tochter E-Book

Judith Lennox

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Beschreibung

Niemand erweckt das alte England so schön zum Leben wie Bestsellerautorin Judith Lennox! London, 1939: Mit 19 Jahren lernt Olivia die reichen Ruthwells kennen. Während die exzentrische Grace Ruthwell sie wie eine Tochter aufnimmt, schlägt ihr von anderen Familienmitgliedern Misstrauen entgegen. Als Olivia eines Tages ohne Nennung eines Grundes Hausverbot erteilt wird und Grace kein Wort mehr mit ihr spricht, ist sie zunächst erschüttert. Doch die junge Frau lässt sich nicht entmutigen: Sie findet ihren eigenen Weg als Lehrerin – und die Liebe. Immer wieder kreuzt sich ihr Weg unfreiwillig mit dem der Ruthwells. Wird Olivia je das Geheimnis lüften, was damals geschah?   Judith Lennox zählt mit einem Gesamtverkauf über 3,7 Millionen Büchern allein in Deutschland zu den meistgelesenen Autorinnen der Gegenwart.  Warmherzig und wunderbar − für Fans von Lucinda Riley und Kate Morton.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Aus dem Englischen von Lina Robertz und Constanze Weise

ISBN: 978-3-492-60787-2

© Judith Lennox, 2025

Titel der englischen Originalausgabe: »A Different World«, Headline Review, London 2025

© Piper Verlag GmbH, München 2025

Redaktion: Christine Neumann

Satz auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

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Für Sheila, und im Andenken an meinen lieben Freund Julian Rizzello

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

TEIL EINS

Eins

1939, London

Zwei

1939, London

Drei

1939, London

TEIL ZWEI

Vier

1943, Wiltshire

Fünf

1943–1944, Wiltshire

Sechs

1949, London und Devon

Sieben

1950, Devon

Acht

1959, Devon

Neun

1959, London

Zehn

1965, Devon und London

Elf

1970, London

Zwölf

1970, London

Dreizehn

1970–1972, Sussex und London

TEIL DREI

Vierzehn

1978, Suffolk

Fünfzehn

1978, Suffolk

Sechzehn

1978, Suffolk, Cambridge und London

Siebzehn

1978, London, Suffolk und Cambridge

Achtzehn

1978, Cambridge und Suffolk

Neunzehn

1978–1979, Suffolk und London

Zwanzig

1979, Suffolk

Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

TEIL EINS

Eins

1939, London

Eines Nachmittags wurde Olivia Goodland von ihrer Chefin losgeschickt, um einer Kundin ihr neues Kleid zu bringen, einer gewissen Mrs Ruthwell. Sie verließ das winzige, stickige Hinterzimmer, in dem sie und drei weitere Mädchen Kleider für den Frühlingssonnenschein nähten, und machte sich auf den Weg zum Hinton Place in Mayfair. Dort blickten die Fenster der großen, prächtigen Häuser hinaus auf einen rechteckigen Park mit Büschen und großen Bäumen.

Als sie das Haus erreicht hatte, blieb sie abrupt stehen. Ein Junge stürzte aus der Eingangstür und sauste die Steintreppen hinunter auf die Straße. Olivia schrie auf, versuchte, ihn zu warnen, ein Fahrradfahrer fluchte lautstark, und ein Lieferwagen hupte. Gerade noch rechtzeitig schaffte sie es, den Jungen am Hemdkragen zu packen und ihn zurück auf den Gehweg zu ziehen.

In dem Moment erschien eine Frau in einem alpenveilchenrosafarbenen Kleid in der Tür. »Frankie! Frankie, du musst vorsichtig sein!« Sie eilte die Stufen hinunter und legte dem Kind die Hände auf die Schultern. »Schatz, bitte! Du hättest dich verletzen können.«

»Das ist ein Hispano-Suiza, Mama!« Der Blick des Jungen war auf ein großes cremefarbenes Automobil geheftet, das auf der anderen Straßenseite parkte.

»Aber du musst doch auf den Verkehr achten, Frankie.« Die Frau wandte sich an den Radfahrer. »Es tut mir furchtbar leid. Ich hoffe, er hat Sie nicht allzu sehr erschreckt.«

Der Radfahrer murmelte etwas Unfreundliches und fuhr weiter.

»Ich kann Ihnen gar nicht genug danken«, sagte Frankies Mutter jetzt zu Olivia. »Ich heiße Grace Ruthwell. Und das ist mein Sohn, Frankie.« Sie fuhr dem Jungen durch die Locken. Mutter und Sohn sahen sich unheimlich ähnlich, beide hatten attraktive, ebenmäßige Züge, saphirblaue Augen und goldenes Haar.

Olivia bemühte sich um Fassung. »Mrs Beaumont schickt mich, um Ihnen Ihr neues Kleid zu bringen, Mrs Ruthwell.« Sie hielt ihr das in braunes Packpapier gewickelte Paket entgegen.

Grace Ruthwell strahlte. »Dann sind Sie das neue Mädchen! Violet hat mir von Ihnen erzählt.«

»Ja, Madam. Ich habe letzten Monat bei Mrs Beaumont angefangen.«

Violet Beaumont und Olivias Mutter waren vor fünfundzwanzig Jahren Schulfreundinnen gewesen. Beide hatten geheiratet und waren zu Witwen geworden. Violet Beaumont war kinderlos geblieben, hatte aber eine erfolgreiche Schneiderei in Knightsbridge etabliert. »Vi wird ein Auge auf dich haben«, hatte ihre Mutter gesagt, als Olivia ihre Sachen für die Reise nach London packte. »Ich wünsche dir viel Spaß, Liebes. Denk dran, immer schön kleine und ordentliche Stiche machen, und versprich mir, dass du nicht in Pubs gehst oder Zigaretten rauchst.« Olivia hatte es versprochen.

Während Frankie weiter von dem Automobil schwärmte, führte Mrs Ruthwell sie ins Haus. Allein die Eingangshalle war so groß wie das Zimmer im Wohnheim, das Olivia sich mit drei weiteren jungen Frauen teilte. Weiße Tulpen neigten ihre Köpfe über den Rand der Glasvasen auf den Beistelltischen, und das Licht, das durch zwei hohe, schmale Fenster fiel, tupfte Sprenkel auf die marmornen Bodenfliesen und brachte die goldglänzenden Bilderrahmen zum Funkeln. An zwei gegenüberliegenden Wänden hingen Spiegel, in denen Mrs Ruthwell, ihr seidiges rosafarbenes Kleid und ihre Kette, die mit glitzernden gelben Steinen besetzt war, sich spiegelten.

Ein hochgewachsener Mann erschien. »Grace, es tut mir leid«, sagte er. »Ich konnte ihn nicht aufhalten.«

»Es ist nichts passiert, aber Rory, du musst wirklich besser auf ihn aufpassen. Du weißt doch, wie stürmisch er ist.«

»Ich werde besser aufpassen, versprochen.« Rory sprach mit melodischem schottischen Akzent.

»Darf ich dir Miss Goodland vorstellen?«, sagte Mrs Ruthwell. »Sie arbeitet für meine Schneiderin Mrs Beaumont. Miss Goodland, das hier ist Frankies Hauslehrer, Rory Madden.«

»Es war nicht Rorys Schuld, Mama«, sagte Frankie. »Ich bin einfach schnell wie der Wind.«

»Ja, mein Schatz. Dann jetzt auch schnell zurück zu deinen Büchern. Wie macht er sich heute, Rory?«

»Wir haben mit einem neuen Lesebuch angefangen.« Der Lehrer warf dem Jungen ein Lächeln zu. »Du bist sehr fleißig, nicht wahr, Frankie?«

Der Mann und der Junge verschwanden in einem Korridor. Olivia wandte sich an Mrs Ruthwell. »Was für ein entzückender Junge. Wie alt ist er?«

»Frankie ist elf Jahre alt. Rory kommt wirklich gut mit ihm zurecht. Nicht alle seine Lehrer waren so geduldig mit ihm …« Mrs Ruthwells Lächeln verblasste.

Olivia war sich nicht sicher, was das Protokoll vorsah. Sollte sie darauf warten, bis Mrs Ruthwell ihr Paket auspackte und das Kleid begutachtete? Oder sollte sie jetzt, da sie es abgeliefert hatte, einfach unauffällig verschwinden?

Mrs Ruthwell löste ihr Dilemma für sie, indem sie sagte: »Wollen wir mal reinschauen? Ein neues Kleid ist doch immer so furchtbar aufregend, nicht wahr? Gehen wir in den Morgensalon. Da wird uns niemand stören.«

Im Morgensalon malte die Sonne Lichtflecken auf die apfelgrünen Wände und den blassrosa Teppich. Eine Glastür stand offen, ließ kühle Luft herein und gewährte Olivia einen Blick auf den Garten, durch den sich schmale Pfade zwischen Weißbirken und Buchsbaumhecken wanden.

»Haben Sie schon immer gern genäht, Miss Goodland?«, fragte Mrs Ruthwell.

»Ja, Madam. Meine Mutter hat es mir beigebracht.«

»Höre ich da ein wenig Südwestengland heraus?«

»Ich komme aus Somerset, aus einem Dorf in der Nähe von Crewkerne.«

»Ich liebe das Land. Wir haben ein Haus in Staffordshire. Erst freue ich mich immer unheimlich darauf, hinzufahren, wo alles so schön ruhig und friedlich ist, aber nach einer Woche oder zwei sehne ich mich dann doch wieder nach der Eile und der Fülle und der unglaublichen Verrücktheit von London zurück. Oh, sehen Sie sich das an. Ist das nicht göttlich?«

Olivia hatte das Paket ausgepackt, das Mrs Beaumont ihr anvertraut hatte. Mrs Ruthwell rieb den mauvefarbenen Devorésamt zwischen Daumen und Zeigefinger und seufzte selig.

Doch mit ihrer Annahme, im Morgensalon ungestört zu bleiben, hatte sie falschgelegen. Während Olivia das Kleid ausschüttelte, erschien die Köchin mit einer Frage zum Abendessen, und dann klingelte das Telefon. Kurz darauf steckte ein schlankes, hübsches Mädchen, etwa in Olivias Alter, den Kopf durch die Tür.

»Mama, Summers hat mein fliederfarbenes Kleid rausgelegt. Das ziehe ich nicht an.«

»Aber Alice, du siehst so hübsch darin aus.«

»Ich hasse dieses Kleid.« Das Mädchen war eine blassere Ausgabe von Mrs Ruthwell und Frankie. Sie hatte schulterlanges silberblondes Haar, und ihre Augen waren von einem sehr hellen Blau, so ungetrübt und durchscheinend wie ein klarer Bach. Ihre Schönheit litt jedoch unter der Schnute, die sie zog.

Wieder zurück in ihrer kleinen Nische des Frauenwohnheims in Earl’s Court, schrieb Olivia den allabendlichen Brief an ihre Mutter. Sie beschrieb das Haus der Ruthwells, die hohen Decken, glänzenden Oberflächen und weichen Schatten auf den rosafarbenen Teppichen. Und dabei dachte sie an Mrs Ruthwells Güte und Charme und an die Schönheit ihrer Tochter. An Frankies einnehmendes Lächeln und an seinen gut aussehenden Hauslehrer.

Am folgenden Nachmittag kehrte sie in das Haus am Hinton Place zurück. »Du scheinst es Mrs Ruthwell angetan zu haben, Olivia«, hatte Mrs Beaumont gesagt. »Sie hat mich gebeten, noch einmal ›dieses reizende Mädchen‹ vorbeizuschicken, um eine Naht an ihrem neuen Kleid auszubessern.« Olivia war geschmeichelt, dass die elegante Mrs Ruthwell sie für reizend hielt. Sie war groß und schlank und hatte schmale Schultern, ihre Augen waren von einem besonders dunklen Braun. Nach einer denkwürdig katastrophalen Dauerwelle hatte sie es aufgegeben, ihr dunkles, glattes Haar in Wellen zu legen, und trug es stattdessen zu einem Knoten hochgesteckt oder hinten im Nacken zu einem Zopf geflochten. Sie verstand sich mit den meisten Leuten gut und strebte danach, stets fröhlich und fleißig zu sein.

Ein Dienstmädchen führte sie die Treppe hinauf zu Grace Ruthwells Schlafzimmer. Der große, luftige Raum ging nach vorne hinaus. Gelbe Blumen erblühten auf der Tapete, und die Vorhänge waren aus hellgrün durchschossener Seide.

Mrs Ruthwell stand neben einem Paravent, der mit roten und goldenen Drachen verziert war. Sie trug das mauvefarbene Kleid aus Devorésamt.

»Olivia! Ich darf doch Olivia zu Ihnen sagen, oder? Wie schön, Sie wiederzusehen. Was meinen Sie?« Sie drehte sich, und der Zipfelsaum schwang mit. Die fließenden Linien des Kleids betonten Grace Ruthwells Größe und statuenhafte Schönheit.

»Es steht Ihnen ausgezeichnet, Madam.«

»Der Ausschnitt sitzt etwas locker. Hier und da brauchen wir noch ein paar Stiche.« Eine schlanke Hand mit glänzend roten Nägeln deutete auf die Schulterpartie. »Könnten Sie das jetzt gleich für mich machen? Ich weiß, ich bin genauso schlimm wie Frankie, hoffnungslos ungeduldig, aber ich will es unbedingt heute Abend tragen.«

Olivia sah sich die Schulternähte an und maß nach. Ihre Fingerspitzen streiften Grace Ruthwells weiche, weiße Haut; sie sog den Duft ihres teuren Parfüms ein. Als alle Nadeln saßen, zog das Dienstmädchen, ein blässliches Mädchen mit hellen Haaren, den Reißverschluss des Kleids auf. Der Stoff raschelte und die Kristallperlen an den Godets, den keilförmigen Stoffteilen im Rock, fingen funkelnd das Licht ein. Darunter trug Mrs Ruthwell cremefarbene Unterwäsche, die den Rücken frei ließ, damit der tiefe Rückenausschnitt des Kleides zur Geltung kam.

Mrs Ruthwell deutete auf einen kleinen runden Tisch, an den Olivia sich zum Nähen setzen konnte. »Summers, bringen Sie Miss Goodland bitte einen Kaffee. Oder hätten Sie lieber eine Limonade?«

»Kaffee wäre wundervoll.«

Das Dienstmädchen, Summers, verließ das Zimmer. Mrs Ruthwell zog sich einen roten Satinkimono über, während Olivia den Faden einfädelte. Samt war nicht leicht zu nähen. Die Stiche mussten winzig und versteckt sein, die Ausbesserung durfte niemandem auffallen.

Mrs Ruthwell sah ihr über die Schulter. »Sie sind so geschickt. Wollten Sie schon immer Schneiderin werden?«

»Ich wäre gerne auf die Kunstakademie gegangen, doch das konnten wir uns nicht leisten. Aber ich nähe auch sehr gern.«

Mrs Ruthwell setzte sich an ihren Frisiertisch. »Wussten Sie, dass es in London Abendschulen gibt, an denen man Kunst studieren kann? Die Tochter einer meiner Freundinnen besucht so eine. Wenn Sie mögen, frage ich sie mal danach.«

»Danke, Mrs Ruthwell.« Olivia spürte, wie sie rot wurde. »Das ist sehr freundlich von Ihnen.«

»Grace. Bitte nennen Sie mich Grace. Natürlich ist die Schneiderei auch eine Kunst. Man muss ein Auge für Farben haben, ein Gespür für den passenden Stoff. Vielleicht sollte ich Sie bitten, mal ein Kleid für meine Tochter Alice anzufertigen. Sie wurde letzte Woche bei Hofe vorgestellt. Ich habe eine Idee für ein schlichtes Kleid in Dunkelrot. An ihrer hellen Haut würde das umwerfend aussehen. Ein junges Mädchen muss schließlich herausstechen.«

Olivia dachte an das hübsche, verdrießlich dreinblickende Mädchen, das sie tags zuvor kurz gesehen hatte. »Es wäre mir eine Freude.«

»Ich frage mich, ob Sie mir einen Gefallen tun könnten, Olivia.«

Olivia verknotete ihre erste Naht und sah auf. »Aber natürlich … Grace.«

»Würden Sie auf dem Rückweg diesen Brief für mich zustellen?« Mrs Ruthwell hielt ihr einen Brief entgegen. »Das Haus ist nur ein paar Straßen weiter, es sollte kein allzu großer Umweg für Sie sein.«

Olivia steckte den Brief in die Stofftasche, in der sie ihre Nähutensilien aufbewahrte. Sie hörte Schritte, die sich dem Zimmer näherten. Mrs Ruthwell senkte die Stimme. »Achten Sie darauf, ihn Mr Ellwood persönlich zu überreichen. Nur ihm, niemandem sonst. Und wenn Sie es bitte niemandem gegenüber erwähnen würden …« Die Tür ging auf, und Summers kam herein, in den Händen ein Tablett mit Kaffee.

Eine halbe Stunde später hatte Olivia ihre Arbeit beendet und wurde die Treppe hinuntergeleitet. In der Ferne hörte sie Stimmen – Frankies, dachte sie, und eine tiefere, vielleicht die des Hauslehrers Rory. Sie stand in der Eingangshalle und knöpfte ihren Regenmantel zu, als ein Mann das Haus betrat. Er musste um die vierzig sein, war groß und gut gebaut, sein sandfarbenes Haar über den Kopf nach hinten gestrichen. Auf den Schultern seines Mackintosh-Regenmantels glitzerten Wasserperlen. Als er einen Blick in ihre Richtung warf, erkannte Olivia, dass er die gleichen eisblauen Augen hatte wie Alice Ruthwell. Er nahm jedoch keinerlei Notiz von ihr; sein blasser Blick glitt vollkommen desinteressiert über sie hinweg, als sei sie ein lebloser Gegenstand, ein Schirmständer vielleicht oder eine der vielen Glasvasen.

An der Ecke des Hinton Place zog Olivia den Briefumschlag hervor, den Grace ihr gegeben hatte. Er war adressiert an S. Ellwood Esq, South Audley Street. Sie fragte einen Passanten nach der Richtung und machte sich auf den Weg. Feiner Nieselregen benetzte den Gehweg. In der Stunde, die sie im Haus der Ruthwells verbracht hatte, hatte der Himmel sich tintenblau verfärbt. Die Bäume und Büsche in den kleinen, rechteckigen Parks waren zu filigranen schwarzen Scherenschnitten geworden, die sich vor den Reihenhäusern ringsum abhoben. Die Luft war frisch und von Blütenduft geschwängert.

Sechs Stufen führten hinauf zur Tür des Hauses von Mr Ellwood. Hinter den Jalousien tanzten Schatten. Ein Dienstmädchen öffnete die Tür, und plötzlich war Olivia in ein Bad aus lauter Musik und Stimmengewirr getaucht.

»Ja bitte, Miss?«, fragte das rundgesichtige Mädchen mit vorwitziger Stimme.

»Ich habe einen Brief für Mr Ellwood.«

»Den kann ich nehmen.«

»Ich wurde angewiesen, ihn Mr Ellwood persönlich zu überreichen.«

Das Dienstmädchen funkelte sie an. »Warten Sie hier.«

Auf einem schwarzen Marmortisch in der Eingangshalle fletschte ein ausgestopftes Tier – ein Puma vielleicht? – die Zähne. Ein Strauß aus weißen Gardenien quoll aus einer grünen Schale, ihr üppiger Duft vermischte sich mit Zigarettenqualm und einem exotischen, erdigen Parfüm.

Durch eine offene Doppeltür konnte Olivia in den Raum sehen, aus dem Jazzmusik drang. Gäste tummelten sich dort, Cocktails in Händen, einige tanzten. Kellnerinnen in schwarzen Kleidern und weißen Schürzen gingen mit Tabletts mit Häppchen herum. Olivias Fuß tappte automatisch zum Rhythmus der Musik auf den Boden. Wie gern sie tanzte! Vor ein paar Tagen war sie mit ein paar Mädchen aus dem Wohnheim ins Locarno Tanzlokal gegangen. Sie hatten so viel Spaß gehabt!

Weitere Gäste wurden hereingelassen, die Eingangshalle füllte sich. Eine Frau in einem weißen Kleid im Schrägschnitt sprach sie an. »Sie haben nicht zufällig mal Feuer?« Olivia verneinte bedauernd, und die Frau ging weiter.

Ein rothaariger Mann mit einem Vol-au-vent in der einen und einem Cocktailglas in der anderen Hand trat nah an sie heran. »Haben Sie Kit gesehen?« Krümel fielen hinunter auf seine Weste.

»Leider nein.«

Er ließ sich gegen die Wand fallen, sah niedergeschlagen drein. »Aber sie war hier, da bin ich mir sicher. Immer schlüpft sie davon.« Er starrte sie an. »Kenne ich Sie?«

»Nein, ich denke nicht.«

»Später soll noch ein Taschenspieler kommen. Sammy hat eine Schwäche für Zauberer. Soll Unglaubliches mit Schlangen anstellen können, hab ich gehört. Glauben Sie nicht auch manchmal …«, seine schmalen grünbraunen Augen überflogen die Menge, »dass all das hier – Alkohol, Schlangen, Sex – uns nur von dem ablenken soll, was auf uns zukommt?«

Ohne ihre Antwort abzuwarten, kehrte er zurück in den Raum, wo die anderen Gäste tanzten. Olivia nahm an, er hatte darauf anspielen wollen, dass Großbritannien sich schon sehr bald im Krieg befinden könnte. Im März war Hitlers Armee in das einmarschiert, was von der Tschechoslowakei übrig war. Der Premierminister, Mr Chamberlain, hatte seitdem Polen eine Beistandserklärung ausgesprochen, sollte Hitler versuchen, dort als Nächstes einzumarschieren. In diesem schönen Spätfrühling des Jahres 1939 schienen die meisten Menschen den Krieg für unvermeidbar zu halten, doch Olivias Mutter, eine Pazifistin, feuerte noch immer unermüdlich Briefe in Richtung von Zeitungen und ihr bekannten Journalisten, in der Hoffnung, dieser Konflikt sei noch abzuwenden.

Mit einer Freundin aus dem Wohnheim, einem hochgewachsenen, ernsten Mädchen namens Louise, hatte Olivia kürzlich eine politische Veranstaltung besucht. Einige der Männer hatten Uniformen getragen, und viele Frauen hatten davon gesprochen, ihre Kinder aufs Land zu schicken, sollte es Luftangriffe geben. Ehemänner, Brüder und Freunde traten der Royal Air Force bei oder wurden eingezogen.

Ihre Armbanduhr verriet ihr, dass bereits eine Viertelstunde vergangen war, seit sie das Haus betreten hatte. Vielleicht hatte das Dienstmädchen sie vergessen. Sie fragte sich, ob sie einfach in die brodelnde Menschenmenge nebenan hineinplatzen und selbst nach Mr Ellwood suchen sollte. Jetzt lief Anything Goes; ihre Lippen formten stumm den Text.

»Tut mir leid, dass ich Sie habe warten lassen«, sagte eine Stimme. »Jemand hat mich aufgehalten. Ich bin Sammy Ellwood.«

Er war groß und elegant gekleidet, sein Teint war dunkel, die Haare schwarz und dicht gelockt, seine kohlschwarzen Augen funkelten belustigt. Olivia stellte sich vor. »Mrs Ruthwell hat mich gebeten, Ihnen einen Brief vorbeizubringen, Mr Ellwood.«

»Ah, die göttliche Grace.« Er lächelte, riss den Umschlag auf und überflog den Brief. »Danke«, sagte er und steckte das Blatt in seine Tasche. »Wirklich sehr freundlich.« Er holte ein paar Münzen aus der Tasche. »Für Ihre Mühen.«

Überrumpelt entgegnete sie nur schnell: »Nein danke.«

»Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht vor den Kopf stoßen.«

»Das haben Sie auch nicht.«

»Würden Sie dann vielleicht die hier annehmen?« Er pflückte drei weiße Gardenien aus der großen Schale, dann legte er den Kopf schräg und musterte sie. »Oder vielleicht möchten Sie auch gern ein wenig bleiben.«

Sie lachte. »Ich glaube, dafür bin ich nicht richtig angezogen, Mr Ellwood.«

Seine schroffen Züge verzogen sich zu einem breiten Lächeln. »Darüber würde ich mir keine Sorgen machen«, sagte er und lachte laut. »Ein Freund ist einmal in einem Tutu aufgetaucht.«

Olivia ging zu Fuß zurück zum Wohnheim, um das Geld für eine Busfahrkarte zu sparen. Hatte Grace Ruthwell das gemeint, als sie von unglaublicher Verrücktheit sprach, Partys wie die von Sammy Ellwood? Bestimmt wäre es lustig geworden, und ein Teil von ihr bereute es, nicht geblieben zu sein, aber sie trug einen alten Mackintosh über einem handgestrickten kurzärmeligen Pullover und einem Rock, den sie sich selbst aus Stoffverschnitt genäht hatte. Und sie hatte den Verdacht, dass für sie und den Mann im Tutu nicht dieselben Regeln galten.

Vermutlich war Mr Ellwood Grace’ Liebhaber, deshalb war sie so geheimniskrämerisch gewesen, daher fragte Olivia sich gar nicht erst, warum sie nicht ihr Dienstmädchen gebeten hatte, den Brief zu überbringen. Grace und Mr Ellwood würden ein umwerfendes Paar abgeben, sie so hell und er so dunkel, sie so funkelnd und er so verrucht, wachsam wie eine Raubkatze.

Zurück im Wohnheim stellte sie die Gardenien in einem Marmeladenglas auf ihre kleine Kommode. Sie verliehen ihrer winzigen Nische einen Hauch Exotik und Glamour. Sie war zu spät fürs Abendessen und halb verhungert, also aß sie das letzte Stück Früchtebrot, das ihre Mutter ihr geschickt hatte. Dann legte sie sich aufs Bett, schloss die Augen und sah sich selbst vor ihrem inneren Auge, in Sammy Elwoods Haus, wie sie in einem Kleid aus lilafarbenem Devorésamt zu Anything Goes mit Rory Madden tanzte.

Als das Dienstmädchen Olivia eine Woche später erneut die Tür zum Haus der Ruthwells öffnete, rauschte Frankie in die Eingangshalle. »Hallo, Olivia. Willst du mein Schulzimmer sehen?«

»Deine Mutter hat mich hergebeten, Frankie. Ich soll ihr ein paar neue Kleiderentwürfe zeigen.«

Rory erschien in der Tür. »Ich fürchte, Mrs Ruthwell ist ausgegangen, Miss Goodland. Aber Sie können gerne mit uns im Schulzimmer warten, bis sie wieder da ist.«

Lachend ließ Olivia sich von Frankie den Korridor entlangziehen. Das Schulzimmer lag vorne im Haus, war geräumig und in hellen, frischen Farben gehalten. Auf einem runden Tisch lagen Lehrbücher, ein Übungsheft, Stifte und Wachsmalstifte.

Frankie spähte aus dem Fenster. »Rory, der Bentley ist wieder da«, sagte er. »Guck mal, Olivia, ich habe ihn gezeichnet.« Er holte ein Skizzenbuch hervor und blätterte es für sie durch. Auf jeder Seite prangte ein Automobil.

»Die sind ja großartig«, sagte sie.

»Frankie, komm jetzt wieder zurück zu deinen Büchern«, sagte Rory. »Miss Goodland, Sie müssen uns entschuldigen. Aber setzen Sie sich doch.« Er zog einen Stuhl für sie heran.

Widerwillig setzte Frankie sich. Er und Rory beugten sich über das Lesebuch. Obwohl es eine einfache, farblose Geschichte über ein Kaninchen war, das Kraftfahrzeugfahrer werden will, die sich ganz sicher an ein jüngeres Publikum richtete, kamen sie nur langsam voran, denn der Junge las sehr stockend. Jedes Mal, wenn er stolperte, sprach Rory ihm die Buchstaben vor. Während er las, fingerte Frankie unruhig am Tintenfässchen herum, ließ einen Stift umherwirbeln und rutschte auf dem Stuhl hin und her, sah kurz unter den Tisch oder aus dem Fenster. Betroffen erkannte Olivia, dass Frankie Ruthwell, obwohl er schon elf Jahre alt war und doch sicherlich alle nur erdenklichen Vorzüge im Leben hatte, kaum lesen konnte. Sie fragte sich, was wohl passiert sein mochte, dass er so weit hinterherhinkte.

Und doch driftete ihr Blick immer wieder zu Rory ab, zu seinen starken Schultern, seinem ebenmäßigen Profil und den Wellen seines kastanienbraunen Schopfs. Sie genoss es, ihm einfach nur zuzuhören, während er ein ums andere Mal Frankies Aufmerksamkeit zurück auf das Buch lenkte. Sie hätte stundenlang so dasitzen und im Klang seiner Stimme baden können.

Gerade als Frankie mit viel Herumgezappel, Geseufze und Rorys endlosen Ermunterungen das Ende der Geschichte erreichte, öffnete Grace Ruthwell die Tür zum Schulzimmer, zog sich die Handschuhe aus und begrüßte sie. Sie trug einen aquamarinblauen Feinstrickzweiteiler. Dazu passend einen Hut mit einer Eichelhäherfeder im Band, den sie sich schräg auf die blonden Haare gesetzt hatte.

Rory berichtete, dass Frankie soeben das Lesebuch beendet habe. Grace umarmte ihren Sohn. »Ein ganzes Buch an einem Tag! Wie schlau du bist.«

»Wird Vater zufrieden mit mir sein?«

»Ganz sicher. Rory, warum gehst du nicht mit Frankie in den Garten? Er könnte etwas frische Luft vertragen, und die Sonne scheint noch. Olivia, kommen Sie bitte mit mir.«

Im Morgensalon schloss Grace die Tür hinter ihnen. »Danke, dass Sie letzte Woche meinen Brief überbracht haben. Ich hoffe doch, Sammy hat sich benommen. Manchmal neigt er dazu, andere aufzuziehen.«

»Er hat sich vollkommen angemessen verhalten. Er hat mir ein paar Gardenien geschenkt.«

»Tatsächlich? Er hat mir erzählt, dass er Sie sehr hübsch findet.«

Olivia errötete. Grace nahm ihr die Mappe mit den Kleiderentwürfen ab, dann zog sie ein paar Briefumschläge unter einem Löschpapierbogen auf dem Schreibtisch hervor. »Könnten Sie diese hier auf Ihrem Rückweg einwerfen?«

Olivia steckte die Briefe in ihre Tasche. Grace ging ihr voran zurück in die Eingangshalle, und dort stand der Mann mit den sandfarbenen Haaren, den Olivia bei ihrem vorigen Besuch gesehen hatte. Sein blassblauer Blick blieb an Grace hängen.

»Du denkst doch daran, dass wir heute mit den Lamberts zu Abend essen?«

»Selbstverständlich, Claude. Ich gehe eine halbe Stunde mit Frankie spielen und dann mache ich mich fertig.«

»Komm nicht zu spät.« Seine Stimme klang scharf.

Am Ende der Straße stand ein Briefkasten, in den Olivia die Briefe warf. Sie fühlte sich geehrt, dass Grace sie mit diesen kleinen Aufgaben betraute und ihr so viel Wärme und Freundlichkeit entgegenbrachte. Was sie in den letzten Wochen alles gesehen hatte! Londons großartige Bauten, Sammy Ellwoods wilde Party und die wunderschönen Kleider, die sie bei Mrs Beaumont nähten. Ihre kleine Welt hatte sich geöffnet. Und dort, im Schulzimmer der Ruthwells sitzend, hatte sie fast das Gefühl gehabt, ein Teil der Familie zu sein.

Zwei Wochen später öffnete Summers Olivia abermals die Tür. Olivia folgte ihr die Treppe hinauf. Es war ein heißer Tag, und unter der weißen Haube des Mädchens hatten sich ein paar Haarsträhnen hervorgestohlen und klebten ihr dunkel vom Schweiß an der feuchten Haut im Nacken.

Im Schlafzimmer saß Grace an ihrer Frisierkommode und puderte sich die Nase. Als Olivia eintrat, erhob sie sich und schenkte ihr ein Lächeln. Forsch und geschäftsmäßig inspizierte Grace die Stoffproben, die Olivia mitgebracht hatte, und wählte den blau getupften Tweed statt des grünen sowie die gelbe Seide statt der fuchsiafarbenen für den Wickelrock, den sie über einer kurzen Strandhose aus weißem Baumwollpikee tragen wollte.

Als sie fertig waren, holte Grace eine Handvoll Armbänder aus ihrem Schmuckkästchen und seufzte. »Herrje, ich habe eine furchtbar öde Verabredung zum Lunch mit einem schrecklich öden Mann. Was würde ich nicht dafür geben, eine Stunde mit Frankie im Garten zu verbringen oder an die Küste zu fahren, mich in den Sand zu legen und einfach nur in der Sonne zu baden. Helfen Sie mir, meine Liebe. Welches soll ich tragen?«

»Den hier.« Olivia wählte einen silberfarbenen Armreif mit Cabochons in warmen Rot- und Violetttönen. »Der ist wunderschön.«

»Nicht wahr? Das ist einer meiner Lieblingsarmreifen. Hier, probieren Sie ihn mal an.«

Olivia schob den Armreif auf ihr Handgelenk. Das Metall war kühl auf ihrer Haut, und die Edelsteine schienen das Sonnenlicht einzufangen, das durch das Fenster fiel.

»Steht Ihnen«, sagte Grace. »Sie haben so schmale Hände.«

»Danke.« Olivia reichte Grace den Armreif zurück.

Nachdem sie die Aufträge notiert hatte, bot Olivia an, sich selbst hinauszugeleiten. Auf dem Weg zur Treppe hörte sie ein Geräusch. Jemand weinte; laute, verzweifelte Schluchzer folgten dicht aufeinander. Zuerst dachte sie an Frankie. Sie ging den Korridor entlang und kam an einer leicht offen stehenden Tür vorbei. Sie hielt inne und klopfte zaghaft an, dann öffnete sie die Tür.

Im Raum dahinter hatte sich Alice Ruthwell auf einem Sessel zusammengerollt und ihre Schultern zuckten.

»Ist alles in Ordnung?« Was für eine blödsinnige Frage, dachte sie sofort. Das Gesicht des Mädchens war rot gefleckt, ihre Augen waren geschwollen und ihre Haare zerzaust.

Olivia trat ein paar Schritte auf sie zu. »Soll ich deine Mutter holen?«

»Nein … nein.« Alice schüttelte entschieden den Kopf und setzte sich auf, fuhr sich mit dem Ärmel über die Augen.

Olivia hielt dem Mädchen ihr Taschentuch hin.

»Danke.« Alice presste es sich auf die Augen.

»Ist irgendetwas passiert?«

Alice stieß gequält die Luft aus und sprang aus dem Sessel. »Nichts ist passiert! Und jetzt wird auch niemals etwas passieren! Gott, es ist so schrecklich! Wie ich es hasse! Ich hasse es, dass man mich wie ein … ein Spielzeug behandelt, das man hin und her reichen kann, wie es den anderen passt, als spiele es überhaupt keine Rolle, was ich eigentlich will!« Wieder kamen ihr die Tränen.

Auf einer Anrichte standen silberne Platzteller mit Geschirr darauf und ein silbernes Tablett mit einem Krug und einem halben Dutzend Gläser. Olivia schenkte Wasser in ein Glas, das sie vor Alice abstellte.

»Trink einen Schluck. Kann ich vielleicht irgendetwas tun? Manchmal hilft es, darüber zu sprechen.«

Alice runzelte die Stirn. Ihre merkwürdig kalten Augen ruhten auf Olivia. »Sie wollen sicher nur freundlich sein, aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, was Sie hier überhaupt machen. Sie sind die Dienstbotin meiner Mutter, oder nicht? Bitte gehen Sie jetzt. Das geht Sie nichts an.«

Olivia verließ das Zimmer. Sie sind die Dienstbotin meiner Mutter. Eine Weile klangen ihr Alice Ruthwells missbilligende Worte noch in den Ohren, doch als sie wieder draußen auf der Straße stand und sich auf den Weg zurück zu Mrs Beaumont machte, nahmen die herrlich bunten Schaufenster und das laute Getümmel Londons sie schon bald wieder ganz gefangen.

Immer wenn einer von Grace’ Aufträgen fertiggestellt war, lieferte Olivia ihn im Hause Ruthwell ab. Es war stets ein Vergnügen, dem stickigen Arbeitsraum zu entfliehen. Grace selbst schien immer sehr beschäftigt zu sein, und ihre Unterredungen waren nur kurz, doch als Olivia das letzte Teil vorbeibrachte – den gelben Wickelrock aus Seide –, bat Grace sie abermals, Mr Ellwood einen Brief vorbeizubringen.

Dieses Mal war es ruhig im Haus in der South Audley Street. Wie beim ersten Mal wartete Olivia in der Eingangshalle, während das Dienstmädchen Sammy holte. Obwohl es bereits vier Uhr nachmittags war, sah er aus, als sei er gerade erst aufgestanden. Sein Haar war zerzaust, und er trug einen weinroten Seidenmorgenmantel über einer Hose mit Paisleymuster, die aussah wie eine Pyjamahose. Der Ausschnitt des Morgenmantels entblößte ein Dreieck seiner gebräunten, muskulösen Brust.

Er schlitzte den Umschlag auf und überflog Grace’ Brief. Dann, mit einer leicht spöttischen Verbeugung, nahm er eine rosafarbene Rose aus einer Vase und hielt sie Olivia hin. »Danke, Herzchen.«

Olivia verließ das Haus und ging eilig den Gehweg entlang, als sie ihren Namen hörte. Rory Madden kam über die Straße auf sie zu.

»Hallo!« Sein Blick fiel auf die Rose, die Sammy ihr gegeben hatte. »Was ist denn das?«

»Oh, die hat mir jemand geschenkt.« Sie spürte, dass sie rot wurde, und fügte schnell hinzu: »Jemand, bei dem ich etwas abliefern musste.«

»Werden Sie oft in Rosen bezahlt?«

Sie lachte. »Nein, nicht sehr oft. Wo ist denn Frankie?«

»Grace bringt ihn gerade zum Zahnarzt. Ich habe ein paar freie Stunden und dachte, ich nutze die Gelegenheit, um mal etwas rauszukommen. Wohin gehen Sie?«

»Knightsbridge.«

»Darf ich Sie begleiten?«

»Sehr gerne.«

Ihr Weg durch den Hyde Park, den sie sicher schon ein Dutzend Mal zurückgelegt hatte, wurde schlagartig zum Vergnügen. In Rorys Gegenwart hatte sie das Gefühl, Teil dieser großen Stadt zu sein, statt nur am Rand zu stehen; sich im Zentrum der Geschichte zu befinden, statt eine überflüssige Rolle darin zu spielen. Sie genoss die Hitze der Sonne, sie lauschte fröhlich den Gesprächen und dem Gelächter der Grüppchen junger Leute, Büroarbeiter oder Verkäufer, die sich zu zweit oder dritt im Gras niedergelassen hatten.

Schließlich brach sie das Schweigen und fragte Rory, ob er schon lange Frankies Lehrer sei.

»Seit einem halben Jahr. Ich komme aus Ullapool, an der Nordwestküste Schottlands. Letzten Sommer habe ich an der Universität in Edinburgh meinen Abschluss gemacht, dann bin ich eine Weile durch Europa gereist. Als ich wieder zu Hause war, wusste ich nicht so recht, was ich mit mir anfangen sollte. Grace habe ich über einen gemeinsamen Bekannten kennengelernt, und sie hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, Frankie zu unterrichten.«

»Und macht es Ihnen Spaß?«

»Ja, sehr. Es ist keine sehr beschwerliche Arbeit. Frankie ist ein guter Junge.«

»Er scheint wirklich ein lieber Junge zu sein. Will Grace ihn nicht auf eine Schule schicken?«

»Sie findet, er sei noch nicht bereit.« Sie schlängelten sich zwischen drei Kindermädchen hindurch, die schnatternd und Kinderwagen schiebend den Weg in Beschlag genommen hatten. »Sie werden bemerkt haben«, sagte Rory, als sie wieder nebeneinander hergingen, »dass er nicht besonders gut lesen kann. Ein Junge in Frankies Alter würde normalerweise aufs Internat gehen. Wenn er diese Probleme nicht hätte, dann wäre er schon vor Jahren eingeschult worden.«

»Ich habe mich gefragt, ob er mal krank war, ob er deshalb so viel aufholen muss.«

»Er ist etwas angeschlagen – er leidet an Asthma –, aber nein, ich glaube, daran liegt es nicht. Um ehrlich zu sein, verstehe ich es selbst nicht ganz. Er scheint sich einfach nicht daran erinnern zu können, wie man die verschiedenen Buchstaben ausspricht, obwohl ich sie immer wieder mit ihm durchgehe. Mit seinen Augen und Ohren ist alles in Ordnung, das hat Grace überprüfen lassen. Und anders als Mr Ruthwell glaube ich nicht, dass es ihm an Intelligenz fehlt.«

Olivia dachte an den Mann mit den sandfarbenen Haaren, der so unwirsch mit Grace gesprochen hatte. »Mr Ruthwell ist der Meinung«, fuhr Rory fort, »dass Frankie auf einem Internat richtig eingerenkt würde, dass es ihn zurechtstutzen würde. Ihn abhärten, wissen Sie, all das.«

»Und was sagt Mrs Ruthwell dazu?«

»Sie hält das für keine gute Idee.«

»Und Sie, Rory?«

»Die richtige Schule, die seine Stärken erkennt und ihn beim Lesen und Schreiben zusätzlich unterstützt, ich glaube, das könnte funktionieren. Aber ein gewöhnliches englisches Eliteinternat ganz sicher nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frankie an einem solchen Ort aufblüht.« Rory zog die Stirn kraus, während er den Blick schweifen ließ. »Es ist frustrierend, ich dachte, ich hätte ihn in ein oder zwei Monaten auf Zulassungsniveau, aber da sind wir noch lange nicht. Ich habe schon vorgeschlagen, ihn auf eine Tagesschule zu schicken, aber Mr Ruthwell besteht auf ein Internat, und ich vermute, er wird seinen Willen bekommen. Frankie ist sein Sohn und Erbe, ganz gleich, wie ungeeignet er für diese Rolle ist.« Rory blinzelte in die Sonne. »Und wenn die Regierung die Einberufung weiter so vorantreibt, dann bleibt mir auch nicht mehr viel Zeit bei den Ruthwells.«

Dunkle Narben gruben sich durch das grüne Gras, Gräben, die im vergangenen September ausgehoben worden waren, während der Sudetenkrise, als Großbritannien auf der Kippe zum Krieg schwankte. In Olivias Zimmer im Wohnheim hing eine Gasmaske am Fußende ihres Betts. Es gab Gerüchte über Luftschutzübungen.

»Wenn es wirklich Krieg gibt, wird meine Mutter nicht wollen, dass ich in London bleibe«, sagte sie. »Ist es verwerflich, dass ich Hitler vor allem deshalb verabscheue? Ja, oder? Sie müssen mich für furchtbar oberflächlich halten.«

Er lachte. »Vielleicht ein kleines bisschen. Aber ich kann Ihnen deshalb keinen Vorwurf machen.«

»Vielleicht passiert es ja gar nicht. Vielleicht ist Hitler zufrieden mit dem, was er bekommen hat.«

Sie waren im Schatten einer Rosskastanie stehen geblieben. Sonnenlicht stach durch die Blätter und warf ein unruhiges Schattenmuster auf Rorys Züge, als er mit sanfter Stimme sagte: »Ich kann kein anderes Ende sehen, als dass wir uns Hitler entgegenstellen und ihn ehrlich besiegen. Tut mir leid, dass ich das so offen sagen muss, Olivia, aber ich fürchte, so ist es nun mal.«

Im Erdgeschoss des Hauses Ruthwell liefen Dienstboten geschäftig hin und her, trugen Blumenvasen in den Händen oder Stapel mit Tischdecken. Dienstmädchen fuchtelten mit Staubwedeln herum und putzten die Fenster. Olivia kam an einem dunkelgrünen Raum vorbei, in dem Diener Blätter auf einem gigantischen Esstisch verteilten. Zwei weitere Männer hievten gerade einen glitzernden Kristallleuchter an die Decke. Olivia ging weiter den Flur entlang und blickte in einen größeren Raum, in dem die Möbel an die Wände geschoben worden waren. Eine grauhaarige Frau arbeitete sich auf den Knien über den Boden vor und polierte die Dielen.

Vor ihr stand Alice Ruthwell kerzengerade in einem Türdurchgang. »Daddy, Mrs Mortimer hat angerufen und mich zum Lunch eingeladen, aber ich weiß nicht, ob …« Die Tür schloss sich und schnitt den Rest ihrer Worte ab.

Im Morgensalon war das Chaos ausgebrochen, Grace’ kleiner Schreibtisch war übersät von Papierbögen, einige waren schon auf den Boden gefallen. Grace stand an einem Beistelltisch mit einem überquellenden Aschenbecher sowie einem Tablett mit Kaffeegeschirr.

»Olivia, wie schön, dass Sie gekommen sind. Es ist mir immer eine Freude.« Grace wrang die Hände und runzelte die Stirn. »Ich habe mich gefragt, ob ich Sie bitten darf … Aber jetzt, da Sie hier sind … Ich möchte wirklich nicht, dass Sie denken, ich würde unsere Freundschaft ausnutzen.«

Bei dem Wort »Freundschaft« wurde Olivia ganz warm ums Herz. »Wie käme ich dazu?«

Der Schatten eines Lächelns huschte über Grace’ Gesicht und verschwand sofort wieder. »Es ist etwas vorgefallen«, sagte sie. »Einer meiner Briefe ist verschwunden. Er sollte hier auf dem Schreibtisch liegen, aber er ist weg.«

Als Grace auf den Schreibtisch deutete, blieb sie mit dem Ballonärmel ihrer Bluse am Tablett hängen, die Kaffeetassen und das Milchkännchen fielen zu Boden. Sie stöhnte leise auf. Schnell bückte Olivia sich, um alles wieder aufzuheben.

Sie hielt eine winzige rosa- und goldfarbene Tasse in Händen. »Oje, der Henkel ist abgebrochen.«

»Oh, wie ärgerlich!«

Olivia tupfte den verschütteten Kaffee vom Boden, während Grace nach dem Dienstmädchen klingelte. Summers erschien, und Grace hielt ihr die zerbrochene Tasse hin.

»Irgendjemand muss das reparieren.«

»Mrs Clarke sagt, ich soll mich im Tanzsaal um den Boden kümmern. Elsie geht es nicht gut, aber das gehört sich nicht, Madam, ich bin Ihr Dienstmädchen, keine Putzfrau.« Das Mädchen klang empört.

»Ich fürchte, für die Dinnerparty heute Abend müssen wir alle kräftig zupacken.« Grace’ Stimme nahm einen schmeichelnden Ton an. »Ich sorge dafür, dass Sie einen zusätzlichen freien Nachmittag bekommen, Summers.«

Das Mädchen schnaubte leise. »Sneddon kann Porzellan reparieren, Ma’am.«

»Sehr gut, schick ihn zu mir. Und der Teppich muss gereinigt werden.«

»Niemand hat Zeit, Madam. Wir hängen jetzt schon alle hinterher wie ein Kuhschwanz.« Summers verließ das Zimmer.

»Das Service war ein Hochzeitsgeschenk«, sagte Grace leise zu Olivia. »Obwohl … warum mich das noch scheren sollte …« Sie presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf.

»Der Brief, von dem Sie eben sprachen …«, sagte Olivia vorsichtig.

»Das war ein sehr persönlicher Brief.« Grace wandte den Blick ab. »Ich fürchte, darin war von gewissen Details die Rede …« Sie brach ab, dann seufzte sie. »Aber die Vorstellung eines Lebens ohne Liebe, ohne Leidenschaft ist mir einfach unerträglich!«

Olivia erinnerte sich an den Rausch, den sie verspürt hatte, als sie mit Rory durch den Park gegangen war. »Das verstehe ich«, murmelte sie.

Grace fasste ihre Hand. »Das wusste ich. Ohne Gefühle, ohne Liebe könnte man doch genauso gut tot sein! Ich hatte den Brief wohl offen auf dem Schreibtisch liegen lassen, weil ich schnell das Zimmer verlassen musste – Frankie hatte geweint –, und als ich wiederkam, war der Brief weg!«

Es klopfte. Grace ließ Olivias Hand los und sagte laut: »Herein.«

Der Mann, der den Raum betrat, war jung, hatte dunkles Haar und sah gut aus, obwohl er ein rötliches, fleischiges Gesicht hatte. Sein Blick glitt von Grace zu Olivia. »Man hat mich geschickt, um etwas zu reparieren, Madam.«

»Ganz recht, Sneddon.« Grace reichte ihm die Tasse und den Henkel. »Er ist sauber abgebrochen. Bekommen Sie das hin?«

»Das wird wieder wie neu, Madam.« Seine Oberlippe verzog sich zu einem spöttischen Grinsen. »Ist das alles?«

»Danke, ja. Bitten Sie Mrs Clarke, noch ein Tablett mit Kaffee hochzuschicken. Mit zwei Tassen.«

Sobald die Tür sich hinter Sneddon geschlossen hatte, senkte Grace die Stimme. »Er ist Claudes Kammerdiener und durch und durch böse. Die Vorstellung, dass irgendjemand meine private Korrespondenz stiehlt, ist schrecklich, aber Sneddon wäre mehr als fähig dazu. Und auch Summers würde ich das zutrauen, dem verschlagenen kleinen Ding.«

»Aber warum sollten sie so etwas tun?«

»Für Claude.« Grace sah Olivia an. »Immerhin bezahlt er sie alle.«

»Sie glauben also, Ihr Ehemann hat Ihren Brief gestohlen?«

»Da bin ich mir sicher.«

Olivia erkannte jetzt, dass der Haushalt Ruthwell längst nicht so geordnet und beneidenswert war, wie es nach außen hin schien. Unter der Oberfläche brodelten dunkle Unterströmungen.

Grace ließ sich auf dem Sofa nieder. Sie tätschelte den Platz neben sich, und Olivia setzte sich. »Ich sehe doch, wie Claude mich ansieht«, sagte Grace gedämpft. »Ich sehe die Genugtuung in seinem Blick. Er will sich von mir scheiden lassen, wissen Sie, und meine Briefe geben ihm genau die Munition, die er braucht. Ich hätte nichts dagegen, einen Schlussstrich zu ziehen. Wenn es nach mir ginge, muss ich ihn nie wieder sehen.« Grace stieß ein kurzes, freudloses Lachen aus. »Aber ich habe Angst um Frankie. Claude verabscheut ihn.«

»Aber Frankie ist sein Sohn!«

Grace drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus. »Frankie ist nicht der Sohn, den Claude sich gewünscht hat. Er ist nicht der Sohn, den Claude für würdig erachtet, ein Ruthwell zu sein und das Familienerbe zu empfangen – oder was davon übrig ist. Er nennt ihn zurückgeblieben … Idiot … geschädigt. Und ich habe noch viel Schlimmeres aus seinem Mund gehört, Olivia. Ich fürchte, er will sich von mir scheiden lassen, damit er noch einmal heiraten und einen neuen Erben zeugen kann.« Verzweiflung grub sich in Grace Ruthwells schöne Züge. »Und jetzt, weil ich so dämlich und unvorsichtig war, steht dem nichts mehr im Wege.«

Olivias Gedanken überschlugen sich. Sie dachte an Frankies einnehmende Lebhaftigkeit, an seine überschäumende Begeisterung. Und wie er sich mit elf Jahren noch immer mühsam durch ein Lesebuch für Sechsjährige stammelte.

Grace’ Augen hatten denselben harten Blauton wie der Saphirstein an ihrem Hals. »Wenn Claude sich wegen Ehebruchs von mir scheiden lässt, dann wird er mir keine Gnade zeigen. Er wird mich vor Gericht zerren, wo er mein Privatleben der Öffentlichkeit preisgeben wird. Er wird dafür sorgen, dass ich im denkbar schlechtesten Licht dastehe. Sie müssen mir glauben, Olivia, wenn der Inhalt meines Briefs bekannt wird, dann bin ich das Gespött ganz Londons, jeder wird mich verachten.« Sie senkte die Stimme. »Ich hätte kein weiteres Mitspracherecht bei Frankies Erziehung. Ich könnte ihn nicht mehr schützen. Claude würde ihn auf ein Internat schicken, und Frankie … Er ist so zart besaitet. Ich habe Angst, dass er das nicht überlebt.«

Glitzernde Tränen rannen Grace über die Wangen. Draußen im Garten stellten einige Diener jetzt gusseiserne Tische und Stühle in den Schatten der Birken.

»Was werden Sie tun?«, fragte Olivia.

Grace atmete tief ein und richtete sich auf. »Ich muss den Brief wiederbeschaffen. Ich vermute, dass er in Claudes Arbeitszimmer ist. Die Tür hält er immer verschlossen, und nur er hat den Schlüssel. Dieser Halunke Sneddon schnüffelt immer um mich herum und spioniert mich aus. Sie haben ja gerade selbst gesehen, wie er mich ansieht.«

»Tut mir leid«, sagte Olivia und wusste doch, wie wenig diese Worte halfen.

»Ich lasse ihn nicht gewinnen.« Grace erhob sich. »Dieses Spiel beherrsche ich genauso gut wie er. Auch Claude hat Geheimnisse. Ich weiß so einiges über ihn, beschämende Dinge. Und ich spreche nicht einmal von seiner armseligen kleinen Geliebten. Claude hat gewisse Ansichten … eine Weltanschauung … die er in Zeiten wie diesen lieber nicht an die große Glocke hängen sollte.«

Die Tür öffnete sich, und ein Dienstmädchen trat ein, in den Händen ein Tablett mit Kaffeegeschirr. Olivia wurde plötzlich klar, dass Grace in diesem großen, luxuriösen Haus kaum Privatsphäre hatte. Selbst das intimste Gespräch konnte jederzeit von einem der Angestellten unterbrochen werden, denen Grace ohnehin schon misstraute.

Die Männer waren wieder aus dem Garten verschwunden, deshalb schlug Grace vor, den Kaffee mit nach draußen zu nehmen. Sie setzten sich in den Schatten eines Apfelbaums. Die Zweige und Blätter über ihren Köpfen legten ein grünliches Geflecht vor den vergissmeinnichtblauen Himmel.

Grace reichte Olivia eine Tasse Kaffee. »In den Zwanzigern war Claude ein Verehrer Mussolinis und hat sich in ein, zwei englischen faschistischen Gruppierungen engagiert. Damals hielt ich die nur für alberne kleine Geheimbünde, in denen sich unzufriedene Landbesitzer, Exzentriker und Außenseiter etwas besser fühlen konnten. Eine Weile unterstützte er Oswald Mosley, bis auch der in Misskredit geriet. Claude hält Mosley für verweichlicht.«

Grace sprach leise, als könnten unsichtbare Zuhörer hinter den offenen Fenstern in den oberen Stockwerken lauern.

»Ich habe Claude auch schon bewundernd von Hitler sprechen hören. Natürlich nicht offen in letzter Zeit, nicht, nachdem der Mann aller Welt gezeigt hat, wie verdorben er wirklich ist, aber ich bin mir sicher, dass Claudes Ansichten sich keinen Deut verändert haben. Er ist Mitglied der Anglo-German-Fellowship. Haben Sie davon schon gehört, Olivia?«

»Ja.« Die Anglo-German-Fellowship war bei der politischen Veranstaltung, die Olivia mit Louise besucht hatte, thematisiert worden. Obwohl ihre Mitglieder sie als Gesellschaft beschrieben, die geschäftliche Verbindungen zwischen Großbritannien und Deutschland fördern sollte, hatten einige auf der Veranstaltung auch die Meinung vertreten, es sei eine Zweckgesellschaft zwischen der Nazipartei und britischen Sympathisanten.

Grace rührte Zucker in ihren Kaffee. »Einige wichtige Männer teilen seine Abscheu gegenüber der Regierung und auch seine Bewunderung für Hitler. Er diniert regelmäßig mit geistlosen Gestalten wie Hugh Grosvenor und Lord Brocket. Sammy hat ihn auch schon in Gesellschaft von George Pitt-Rivers und Barry Domvile gesehen.« Grace verzog angewidert die Oberlippe. »Wenn ich Claude überlisten will, dann muss ich herausfinden, was er vorhat. Das ist meine einzige Chance, Frankie zu schützen. Verstehen Sie, Olivia? Claude wird nicht wollen, dass seine Verbindung zu Faschisten öffentlich gemacht wird, nicht jetzt, da wir jeden Tag Deutschland den Krieg erklären könnten. Er weiß, wie gefährlich es für ihn wäre, sollte seine Treue zu seinem Land infrage gestellt werden.«

Olivia begriff die Tragweite ihrer Worte. »Glauben Sie, Mr Ruthwell könnte sein eigenes Land verraten?«

»Verrat ist ein großes Wort. Aber ja, ich halte es für möglich.«

Das Sonnenlicht, das durch das Blätterdach des Baumes fiel, warf flackernde Schatten auf Grace’ Gesicht, und dann hörte Olivia sich sagen: »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

Zwei

1939, London

Sie sind die Dienstbotin meiner Mutter. Diesen Worten aus Alice Ruthwells Mund konnte man nur schwer widersprechen. Schließlich lieferte Olivia immer wieder Päckchen ab – in flüsterndes Seidenpapier eingeschlagene Märchenkleider – und überbrachte Grace Ruthwells Billetdoux an ihren Liebhaber.

Und doch hatten sich ihre Botengänge ein wenig verändert. Schon wenige Tage nachdem Grace sich ihr anvertraut hatte, fand Olivia sich im Schatten der Bäume wieder, die im kleinen Park des Hinton Place wuchsen, und wartete, bis Mr Ruthwell aus dem Haus trat. Ihr Herz flatterte gespannt, während sie ihm nachsah, wie er über den Gehsteig davonschritt. Sie folgte ihm, blieb aber immer außer Sicht, bis er ein nobles Etablissement auf der Piccadilly in St James’s betrat. Dann machte sie sich auf den Weg nach Hause, denn es dämmerte bereits.

Erst als sie früh am nächsten Morgen aufstand, machte sie sich Gedanken über ihr eigenes Verhalten. Sie hatte sich von dem unumstößlichen Gebot ihrer Kindheit entfernt, das ihre Mutter ihr eingetrichtert hatte: Sag immer die Wahrheit, tu niemals etwas, das du später bereuen könntest. Grace wollte ihren Ehemann erpressen, und Olivia hatte ihre Hilfe angeboten. Sie unterstützte also ein Vorhaben, das man – objektiv betrachtet – als verwerflich bezeichnen konnte. Und indem sie sich einen Geliebten genommen hatte, hatte sich auch Grace schuldig gemacht.

Doch als sie in den Sonnenschein hinaustrat, um zur Arbeit zu gehen, fielen diese Skrupel von ihr ab. Sollte Mr Ruthwell tatsächlich ein Nazi sein, war es dann nicht ihre Pflicht, ihn zu enttarnen?

Eines Nachmittags, als Olivia wieder einmal Stoffproben zum Hinton Place brachte, reichte Grace ihr ein Päckchen. »Ich habe mich gefragt, ob Sie das hier vielleicht haben möchten, meine Liebe. Ich wollte mich bei Ihnen bedanken, für alles, was Sie für mich tun. Meine alberne Tochter will es nicht tragen, und ich glaube, Sie haben in etwa die gleiche Größe.«

Sobald sie außer Sicht des Hauses Ruthwell war, spähte Olivia unter das Packpapier und erhaschte einen Blick auf seidig glänzenden fliederfarbenen Satin. Zurück im Wohnheim breitete sie das Kleid auf ihrem Bett aus. Es war wunderschön und in makellosem Zustand, von einem kleinen Riss im Saum abgesehen, aber der ließ sich leicht ausbessern.

Sie fasste ihr Haar zusammen und steckte es hinten im Nacken zu einem Knoten fest. In Alice Ruthwells fliederfarbenem Satinkleid sah sie älter aus, gar nicht mehr wie ein Mädchen aus der Nähstube, sondern wie eine Frau; eine Frau, die alles tun und genau die werden konnte, die sie sein wollte.

 

Am Donnerstagabend, als Olivia wieder einmal ihren Posten vor dem Haus eingenommen hatte, winkte Mr Ruthwell ein Taxi heran. Unter der Kapuze ihres Mackintoshs und einem Regenschirm verborgen und von ihrem eigenen Wagemut angetrieben, ging Olivia über die Straße und ganz nah an ihm vorbei, als er dem Taxifahrer die Adresse nannte.

»Paper Buildings, Inner Temple.« Seine herrische Stimme durchschnitt den Nieselregen.

So bald wie möglich würde sie Grace diese Information zukommen lassen.

 

Ein paar Wochen später, Olivia saß gerade in der Nähstube und applizierte einen Spitzenbesatz auf eine ärmellose Bluse, sah sie Grace Ruthwell in den Ankleideraum gehen. Ihre kultivierte, vertraute warme Stimme schwebte durch die offene Tür, aber sie kam nicht zu ihr.

Als Olivia schließlich die Schneiderei verließ, fiel ihr ein schwarzes Auto auf, das vor dem Gebäude am Straßenrand stand. Grace saß hinter dem Steuer. Sie ließ das Fenster herunter.

»Hallo, Olivia! Soll ich Sie nach Hause bringen?«

Olivia bedankte sich und ließ sich in den Beifahrersitz aus herrlich weichem, karamellfarbenem Leder sinken, während Grace den Wagen auf die Straße lenkte.

»Violet macht mir ein wunderschönes neues Kleid! Aber, herrje, die vielen Anproben ermüden mich langsam.« Während Grace an der Kreuzung zur Cromwell Road bremste, wandte sie den Kopf und lächelte Olivia an. »Unglaublich, dass Sie das mit den Paper Buildings herausgefunden haben, Darling. Sammy hat mit einem der Portiers gesprochen. Ein Mann namens Wyndham Cotter hat dort eine Wohnung gemietet. Sammy sagt, er gibt dort jeden Donnerstagabend eine Party, eine private Veranstaltung, zu der nur geladene Gäste Zutritt haben.« Sie lachte heiser. »Ich vermute mal, Kanapees gefolgt von einem schönen patriotischen Beef Wellington. Drinks und Trinksprüche, zwischendurch ein Nazigruß. Wie gerne würde ich bei so einer Party mal als Fliege an der Wand sitzen! Ich habe schon überlegt, ob ich mich nicht als Kellnerin verkleiden und reinschmuggeln soll, damit ich lauschen kann. Sammy will es mir ausreden. Er sagt, Claude würde mich sofort erkennen.«

»Ich fürchte, damit hat er recht.«

»Ja, wahrscheinlich. Spielverderber.«

Die Menschen strömten aus den Büros auf die Gehsteige. Zwei junge Frauen in zueinanderpassenden rosafarbenen und marineblauen Outfits schlenderten Arm in Arm fröhlich schnatternd dahin. Ein Schwarzer Mann in Matrosenuniform trug einen Käfig in der Hand, in dem ein Papagei saß. Olivia liebte London, den Trubel, die Vielfalt der Einwohner, die Verheißung ungeahnter Möglichkeiten.

Das Auto bog geschmeidig auf die Earls Court Road ab. »Hier ist das Wohnheim«, sagte sie.

Grace warf einen Blick auf das rußgeschwärzte Backsteingebäude auf der anderen Seite. »Da wohnen Sie? Das sieht ja düster aus.«

Olivia wünschte, sie hätte Grace gebeten, sie an der Straßenecke aussteigen zu lassen. Ihre Behausung durch Grace’ Augen zu sehen, war ernüchternd; es erinnerte sie daran, wie weit ihrer beider Leben auseinanderklafften.

»Es ist ganz gemütlich«, sagte sie schnell. »Und die anderen Mädchen sind sehr freundlich.«

»Freundschaft … Das ist das Wichtigste.«

Olivia kam eine Idee. »Mich würde Mr Ruthwell nicht erkennen. Ich könnte mich doch als Kellnerin ausgeben.«

Grace zog die Stirn in Falten. »Nein, das kann ich nicht zulassen.«

»Bitte, Grace, lassen Sie mich helfen.«

»Das ist furchtbar lieb von Ihnen, aber ich weiß nicht, ob Sie wirklich verstehen …«

»Früher habe ich samstags in einem Hotel in Crewkerne gearbeitet, kellnern kann ich also.« Je länger Olivia darüber nachdachte, desto besser gefiel ihr der Plan. »Ein Mädchen aus dem Wohnheim arbeitet abends für eine Cateringagentur, um sich etwas Geld dazuzuverdienen. Und sie sagt, es werden immer Leute gesucht.«

»Nein.« Grace schüttelte entschieden den Kopf. »Nein, das ist zu riskant.«

»Mr Ruthwell hat nie mit mir gesprochen. Und ich glaube kaum, dass irgendjemand anderes auf der Party mich erkennt.«

»Aber die Schneiderei … Violets Kundinnen. Es gibt schließlich auch Faschistinnen, Olivia.«

»Mit Mrs Beaumonts Kundinnen habe ich nicht viel zu tun. Normalerweise helfen die erfahrenen Assistentinnen im Ankleideraum. Außerdem würde ich natürlich anders aussehen. Ich wickle mir Locken und besorge mir eine Brille. Und dann trage ich ja die Dienstmädchenuniform. Mit so etwas ist man praktisch unsichtbar.«

Grace’ behandschuhte Hand trommelte auf dem Lenkrad herum. »Aber warum wollen Sie das für mich tun?«

»Ich will Ihnen und Frankie helfen, wenn ich kann. Sie waren so freundlich zu mir, Grace.«

»Oh, meine Liebe …« Grace presste die Lippen aufeinander und wandte den Blick ab. Plötzlich wieder lebhaft sagte sie: »Ich muss los. Wir nehmen heute Abend den Nachtzug nach Schottland. Was bin ich erleichtert, wenn Alice’ Verlobung mit Ivo Mortimer endlich bekannt gegeben wird und uns diese grässlichen Hauspartys erspart bleiben.« Sie seufzte. »Ich weiß nicht. Ehrlich gesagt macht mich das furchtbar nervös. Ich wünschte, ich wüsste einen anderen Weg.«

»Lassen Sie es mich versuchen, Grace.« Olivia stieg aus dem Auto. »Lassen Sie mich Ihnen helfen – bitte.«

 

»Name?« Vor der Wohnungstür in den Paper Buildings stand ein großer, zur Glatze neigender Mann in der Dienstkleidung eines Butlers – gestärktes Hemd und Frack – und spähte auf sie hinunter.

»Nellie Jones.« Olivia versuchte sich an einem Cockney-Akzent.

Der Butler zog eine Liste zurate. »Jones …« Er machte ein Häkchen neben dem Namen. »Na, dann machen Sie mal ein bisschen schnell.«

»Wo soll ich meine Sachen lassen?«

Er gestikulierte ungeduldig. »Da unten. Dienstbotenbereich.« Er bellte ihr die Wegbeschreibung hinterher.

Es war überraschend einfach gewesen. Mr Ellwood hatte herausgefunden, welche Agentur die Servierkräfte für Mr Cotters Partys stellte, und ein glühendes Empfehlungsschreiben für das Dienstmädchen Nellie Jones geschrieben, in dem er ihr Pflichtbewusstsein, eine gute Arbeitsmoral, Ehrlichkeit und Sauberkeit bescheinigte. Grace hatte ihr die Uniform eines Zimmermädchens besorgt: ein schwarzes Kleid, weiße Schürze und eine Haube, die einfach nicht sitzen wollte. Eine Freundin, die einer Theatergruppe angehörte, lieh ihr eine ungeschliffene Hornbrille, und ihre Zimmergenossin Louise hatte ihr Locken gewickelt und ihren Pony mit einem Onduliereisen bearbeitet. Hin und wieder war Olivia ein Hauch versengten Haars in die Nase gestiegen. Als sie in den Spiegel geschaut hatte, ehe sie am Abend das Wohnheim verließ, hatte eine fremde Frau zurückgeblickt.

Ein kleiner, stämmiger Gentleman stand nahe der Tür zum Salon und schüttelte einem eben eingetroffenen Gast die Hand. Sein dunkles Haar war mit reichlich Pomade nach hinten über den Kopf gekämmt, was ihm, wie Olivia fand, das Aussehen eines wichtigtuerischen Seehundes verlieh.

Olivia entdeckte eine Kellnerin, in den Händen ein Tablett mit leeren Gläsern, die eben durch eine grüne Tür verschwand, und folgte ihr. Sie betrat einen Raum mit niedriger Decke, in dem Barmänner Cocktails mixten und viele weitere Mädchen sich drängelten, um die leeren Gläser auf ihren Tabletts gegen frische auszutauschen.

»Bist du Nellie?« Ein Mädchen mit Sommersprossen und prominentem Kinn sprach sie an.

»Ja.«

»Na, endlich. Ich bin Dora.« Ein Tablett mit Cocktails wurde ihr in die Hände gedrückt. »Sobald du fertig bist, kommst du zurück und holst dir die nächste Ladung ab. Vergiss nicht, die leeren Gläser wieder mitzunehmen, damit sie gespült werden können, sonst haben wir bald keine mehr.« Leicht hervorquellende, austerfarbene Augen musterten sie. »Und rück deine Haube zurecht, sonst kannst du dir was von Finchie anhören.«

Im Korridor stützte Olivia ihr Tablett auf einem Bücherregal ab und versuchte, ihre gestärkte weiße Haube gerade zu rücken. Ein schmales, dunkelhaariges Mädchen, ebenfalls in Uniform, kam ihr aus Richtung der Party entgegen und lächelte.

»Moment, soll ich helfen?« Sie zupfte an den Zipfeln von Olivias Haube. »So, das ist schon besser. Bist du auch neu? Ich habe noch nie gekellnert, und leider habe ich zwei linke Hände. Ich bin Rebecca.« Sie hatte einen leichten Akzent.

»Nellie. Danke. Schön, dich kennenzulernen. Servieren wir heute auch das Abendessen?«

Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Später gibt es ein privates Abendessen für Mr Cotter und einige ausgewählte Gäste. Aber das machen Mr Finch und einer der Barmänner. Wir Mädchen servieren nur die Drinks und Kanapees.«

»Mr Finch ist der Butler?«

»Genau. Eine der anderen Kellnerinnen sagte, er fährt schnell aus der Haut.«

»Dann gehe ich ihm lieber aus dem Weg.«