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Die vom Iran hochgerüstete «Partei Gottes» ist im Libanon fast unbemerkt zu einem politischen, sozialen und militärischen Machtfaktor angewachsen, der die Kräfteverhältnisse im Nahen Osten verschiebt und Israel ernsthaft bedroht. Der bekannte Nahost-Experte Joseph Croitoru beschreibt in dieser ersten Gesamtdarstellung der Hisbollah, wie der Iran seit den 1980er Jahren diesen Stützpunkt auf der «Achse des Widerstands» ausgebaut hat und warum der Konflikt mit Israel seit dem 7. Oktober 2023 immer weiter eskaliert.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Joseph Croitoru
Die Hisbollah
Irans Schattenarmee vor den Toren Israels
C.H.Beck
Cover
Inhalt
Textbeginn
Titel
Inhalt
Karte: Die Hisbollah im Libanon
Karte: Machtverhältnisse im Nahen Osten
Vorwort
1. Der Libanon – Land der vielen Religionen
2. Die Schiiten des Libanon – Selbstbewusstsein und panarabische Solidarität
3. Musa Sadr und die AMAL-Bewegung – Das politische Erwachen der libanesischen Schiiten(1960–70er Jahre)
4. Die Islamische AMAL – Eine erste pro-iranische Miliz(1979–1982)
5. Die Entstehung der Hisbollah – Libanesische Khomeini-Anhänger organisieren sich(1982)
6. Das Gründungsmanifest – Eine neue kämpferische Phase beginnt(1985)
7. Märtyrer des Widerstands – Das strategische Kalkül des Selbstmordterrorismus(1980er Jahre)
8. Propagandakampf – Rivalität mit der
AMAL
(1986–1988)
9. Kein Frieden nach dem Ende des libanesischen Bürgerkriegs – Hasan Nasrallah tritt an die Spitze der Miliz(1989–1992)
10. «Staat im Staat» – Politische Partei und Wohlfahrtsorganisation(1990er Jahre)
11. Die Schiiten-Miliz triumphiert – Israels Rückzug aus dem Südlibanon(1996–2000)
12. Wachsende Akzeptanz in der Bevölkerung – Die Hisbollah rüstet militärisch und politisch weiter auf (2000 bis zur Zedernrevolution 2005)
13. Die Hisbollah regiert mit – Provozierter Krieg mit Israel und drohender Staatsstreich (2005–2009)
14. Heilige Verteidigung und Indoktrinierung – Die Hisbollah im syrischen Bürgerkrieg und ihre Schulen in Nabatäa (2010–2023)
15. Auf der «Achse des Widerstands» – Die Hisbollah führt wieder Krieg mit Israel (2021–2024)
Ausblick
Anhang
Anmerkungen
2. Die Schiiten des Libanon
3. Musa Sadr und die
AMAL
-Bewegung
4. Die Islamische
AMAL
5. Die Entstehung der Hisbollah
6. Das Gründungsmanifest
7. Märtyrer des Widerstands
8. Propagandakampf
9. Kein Frieden nach dem Ende des libanesischen Bürgerkriegs
10. «Staat im Staat»
11. Die Schiiten-Miliz triumphiert
12. Wachsende Akzeptanz in der Bevölkerung
13. Die Hisbollah regiert mit
14. Heilige Verteidigung und Indoktrinierung
15. Auf der «Achse des Widerstands»
Ausblick
Personenregister
Aus dem Verlagsprogramm
Zum Buch
Vita
Impressum
Der Gazakrieg, den Israel gegen die Hamas seit ihrem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 führt, hat seine Feinde entlang der pro-iranischen «Achse des Widerstands» im Libanon, Irak und Jemen zu einer Front zusammengeschweißt. Die libanesische Hisbollah begann schon am Tag darauf, israelische Grenzorte und Militärbasen in Nordisrael mit Raketen und Drohnen unter Dauerbeschuss zu nehmen. Israel schlug nicht nur massiv zurück, sondern marschierte ein Jahr später auch in den Libanon ein. Der Schulterschluss der libanesischen Protegés Irans mit den palästinensischen Gleichgesinnten ist keineswegs neu. Der libanesischen Schiitenorganisation war er schon bei ihrer Geburt Anfang der Achtzigerjahre in die Wiege gelegt. Der 1979 in Teheran an die Macht gekommene iranische Revolutionsführer Ayatollah Ruholla Khomeini war ebenso von der Idee einer islamischen Weltrevolution gegen den imperialistischen Westen besessen wie von der Auslöschung des israelischen Staates. Khomeinis Bewunderer unter den libanesischen Schiiten wollten seine Visionen auch im eigenen Land verwirklichen. Von dort aus sollte zügig auch mit der erträumten «Befreiung Palästinas» und Vernichtung des verhassten «zionistischen Wesens» Israel begonnen werden.
Israel war damals nicht nur Nachbarland, sondern seit Juni 1982 als Besatzungsmacht im Südlibanon präsent. Das Gebiet war seit den späten Sechzigerjahren zur Operationsbasis linksorientierter palästinensischer Kampforganisationen geworden, die Israels Norden regelmäßig attackierten. Sie hatten sich die Befreiung Palästinas auf die Fahnen geschrieben, dessen arabische Bewohner im Krieg von 1948 von der israelischen Armee vertrieben worden oder geflohen waren. Seit der israelischen Besetzung der Palästinensergebiete im Jahr 1967 schien das Ziel jedoch in noch weitere Ferne gerückt. Die jahrelange Präsenz der palästinensischen Milizen im Südlibanon machte sie zu einem mächtigen Faktor, den der multikonfessionelle und schwache Zedernstaat nicht kontrollieren konnte. Libanon, dessen moderne Geschichte in diesem Buch miterzählt wird, war seit seiner Gründung bemüht, sich weder von der arabisch-islamischen Welt noch vom Westen vereinnahmen zu lassen. Doch unter dem wachsenden arabischen Druck musste Beirut die palästinensischen Milizionäre relativ frei agieren lassen. Die Solidarität der Libanesen stieß aber immer wieder an Grenzen und schlug während des libanesischen Bürgerkriegs in den späten Siebzigerjahren auch in offene Feindschaft um.
Die Vertreibung der meisten palästinensischen Milizionäre aus dem Libanon durch die israelischen Invasionstruppen im Jahr 1982 hinterließ im Südlibanon, den Israel mit einer christlich dominierten libanesischen Söldnerarmee noch fast zwei Jahrzehnte besetzt halten sollte, ein Machtvakuum. Die dort lebenden Schiiten, die als marginalisierte soziale Gruppe immer wieder zwischen die Fronten geraten waren, nahmen ihr Schicksal nun selbst in die Hand. Ihr politisches Erwachen wurde durch die dramatischen Ereignisse der Islamischen Revolution in Teheran beschleunigt. Die Radikalen unter ihnen, die im libanesischen Baalbek nahe der syrischen Grenze eine erste Basis errichteten, wurden unter der Fahne der Hisbollah zum verlängerten Arm Teherans. Iran unterstützte sie nicht nur finanziell, sondern rüstete die Schiiten-Miliz auch militärisch auf. Der rasante Aufstieg der Hisbollah verdankte sich allerdings auch ihrer Duldung durch Syrien, das als Verbündeter Teherans dessen Gelder und Waffen ungehindert über sein Staatsgebiet in den Libanon passieren ließ. Syrien kontrollierte schon seit dem libanesischen Bürgerkrieg große Teile des Libanon und blieb mit seinen Truppen dort noch bis 2005.
Mit großzügiger iranischer Unterstützung, viel Beharrlichkeit und propagandistischem Geschick gelang es der Hisbollah nicht nur, sich in die vorderste Reihe des militärischen Widerstands gegen die israelische Besetzung des Südlibanon zu kämpfen. Im Jahr 2000 zwangen ihre Kämpfer die Besatzer auch zum endgültigen Rückzug. Ebenso konsequent und mit finanzieller Hilfe Irans hat die Schiitenorganisation im Libanon allmählich ihren eigenen «Staat im Staat» errichtet, mit dem die libanesische Gesellschaft eng verwoben ist. Mit sozialen, wirtschaftlichen, medizinischen und pädagogischen Einrichtungen wurde diese Organisation immer weiter ausgebaut. Aber die Hisbollah betrat auch die politische Bühne und wurde zu einer Partei, die den Libanon seit 2005 ununterbrochen und immer selbstbewusster mitregiert. Bei ihrer Integration in das politische System des Landes rückte die Hisbollah allerdings von ihrem ursprünglichen Vorhaben ab, den Libanon in einen islamischen Staat umzuwandeln. Zugleich gewann die Hisbollah militärisch an Einfluss und avancierte zu einer schlagkräftigen Ersatzarmee, die von ihren christlichen und sunnitischen Gegnern beargwöhnt und gefürchtet wird.
Trotz der Kritik von Sunniten und Christen ist es der Schiitenorganisation bislang gelungen, als einzige der libanesischen Fraktionen ihre Miliz beizubehalten. So erfüllt sie weiterhin ihre Rolle als Schattenarmee Irans in dessen Stellvertreterkrieg gegen Israel. Die Hisbollah begründet die Aufrechterhaltung ihres militärischen Arms mit dem nach wie vor notwendigen Widerstand gegen Israel, das in ihren Augen immer noch libanesischen Boden besetzt. Mit ihren Attacken auch gegen zivile Ziele in Israel hat sie den Libanon im Herbst 2024 einmal mehr in einen blutigen und verlustreichen Krieg mit dem übermächtigen israelischen Gegner verwickelt.
Israel hat seit mehr als einem halben Jahrhundert bei seinen massiven Vergeltungsschlägen im Libanon gezeigt, dass es wenig Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt. Das gilt gerade auch für die Angriffe auf die Hisbollah seit Oktober 2024, die Hunderte Zivilisten das Leben gekostet haben. Weil sich die Angriffe häufig auch direkt gegen zivile Einrichtungen der Hisbollah richteten, drängt sich der Verdacht auf, gegen sie soll – ähnlich wie im Fall der Hamas im Gazastreifen – ein «Vernichtungskrieg» geführt werden. Iran hat der fortschreitenden Dezimierung seiner palästinensischen und libanesischen Schützlinge bislang wenig entgegenzusetzen. Seinem ersten direkten Raketen- und Drohnenangriff auf Israel im April 2024, der mit einem heftigen israelischen Gegenschlag beantwortet wurde, folgte, anders als erwartet, kein weiterer. Israel und Libanon, wie auch die Hisbollah, sahen sich angesichts zunehmender Verluste zu einem Waffenstillstand veranlasst, der Ende November in Kraft trat, an den sich aber vor allem die israelische Armee nicht lange hielt. In dieser ohnehin äußerst angespannten Lage traf kaum zwei Wochen später der überraschende Sturz des syrischen Präsidenten Bashar al-Asad durch islamistische Aufständische die Region wie ein Blitz. Er verdankte sich auch der fortwährenden Schwächung der Schiiten-Miliz durch die – trotz der vereinbarten Feuerpause – andauernden israelischen Angriffe. Israel nutzte die Gunst der Stunde und dehnte seine Attacken prompt auch auf die wichtigsten Stützpunkte und Einrichtungen der syrischen Armee aus, die in nur wenigen Tagen vernichtet wurden. Die Zukunft der Hisbollah liegt seit dem Wegfall ihrer langjährigen Stütze Damaskus einmal mehr im Ungewissen. Fest steht jedenfalls: Iran, dessen «Achse des Widerstands» einen Hauptstützpunkt verloren hat, wird seinen schiitischen Protegé im Libanon nicht ohne Weiteres aufgeben.
Land der vielen Religionen
Der Libanon ist ein Staat in Vorderasien, der 1943 seine Unabhängigkeit von Frankreich erlangte und aus der Erbmasse des zerfallenen Osmanischen Reiches hervorging. Er liegt am östlichen Mittelmeer, hat eine Küstenlänge von 225 Kilometern und ist mit einer Gesamtfläche von 10.452 Quadratkilometern etwa ein Viertel so groß wie die Schweiz. Im Süden grenzt die Libanesische Republik, so die amtliche Bezeichnung, an Israel und im Norden und Osten an Syrien. Sie ist eines der kleinsten Länder in Asien und gehört mit einer Bevölkerungszahl von ca. 5,5 Millionen (2022) zu den am dichtesten besiedelten Ländern der Erde.
Wie auch anderswo in der Region hatten auf dem Territorium des heutigen Libanon die im 7. Jahrhundert einsetzenden muslimischen Eroberungswellen nicht zu einer vollständigen Islamisierung der dortigen Bevölkerung geführt. Auf dem damals unter byzantinischer Herrschaft stehenden Gebiet lebten Christen verschiedener Konfessionen und eine kleine jüdische Gemeinde. Nach Ankunft der Muslime entstanden in den entlegenen Gebirgsgegenden der Region, wo sich Drusen, Schiiten oder Sunniten niedergelassen hatten, meist isolierte Siedlungsgebiete. Die muslimischen Drusen machten lange Zeit den größten und mächtigsten Teil der Gesamtbevölkerung aus. Bereits in der frühen Phase der islamischen Herrschaft wurden die aus dem Gebiet des heutigen Syriens eingewanderten christlichen Maroniten zu einer der bedeutendsten Bevölkerungsgruppen. Die Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft, benannt nach dem 410 in Antiochia verstorbenen Mönch Maron, hatten während der Kreuzzüge auf Seiten der Kreuzritter gegen die Araber gekämpft. Unter der vorübergehenden Herrschaft der Kreuzfahrer über Teile des Libanon wurden sie mit der römisch-katholischen Kirche im Jahr 1182 uniert.
Unter direkter Verwaltung der Osmanen stand hauptsächlich das Küstengebiet; die Herrschaft über das Libanongebirge im Norden, das den territorialen Kern des späteren modernen Libanon bilden sollte, überließen sie den Emiren der Drusen. Da Angehörige der drusischen und später auch sunnitischen Dynastien dieses Fürstentums, das sich Emirat Libanonberg nannte und von 1516 bis 1840 bestand, immer wieder zur maronitischen Religion übertraten, wuchs der Einfluss der Maroniten. Dank ihrer Beziehungen zu Europa und speziell zu Frankreich wurden sie mit der Zeit nicht nur zur einflussreichsten Religionsgemeinschaft in der Region, sondern auch zur demografisch größten. Dem damit einhergehenden wachsenden französischen Einfluss versuchten andere europäische Mächte mit der Unterstützung der übrigen Konfessionen entgegenzuwirken. Der Konflikt eskalierte, als Muhammad Ali, der osmanische Gouverneur Ägyptens, von den Franzosen ermuntert, 1831 gegen das Osmanische Reich in den Krieg zog. Sein Sohn Ibrahim Pascha besetzte neben Palästina auch Teile des Libanon. Unter seiner Herrschaft wuchsen die Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften auch deshalb erheblich, weil sie von den ägyptischen Besatzern gegeneinander ausgespielt wurden. Zwar konnte die osmanische Armee im Oktober 1840 mit britischer Hilfe Ibrahim Pascha besiegen und den mit ihm verbündeten einheimischen Emir ins Exil verbannen. Doch die jetzt in offene Gewalt eskalierenden interkonfessionellen Konflikte, die bisweilen in bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen ausarteten, dauerten noch ganze zwei Jahrzehnte an.
Erst 1861 konnte der Libanon durch europäische Intervention befriedet werden. In der neu gebildeten autonomen osmanischen Provinz Klein-Libanon, die nun auch das Küstengebiet ohne die Stadt Beirut umfasste, wurde 1864 in einer Vertreterversammlung allen Religionsgemeinschaften ein weitgehend ihrem Bevölkerungsanteil gemäßes Mitspracherecht gewährt. Dieses Proporzsystem behielt man im Wesentlichen bei, als nach dem Ersten Weltkrieg die französischen Mandatsherren 1920 die Verwaltungseinheit Großlibanon schufen. Mit diesem Akt wurde das Territorium auf die Küstenstädte Beirut und Tripoli, die nördliche Akkar- und die östliche Bekaa-Ebene sowie die südliche Bergregion Dschabal Amil ausgedehnt.
Anders als im Klein-Libanon, wo die Christen 85 Prozent der Gesamtbevölkerung ausgemacht hatten, waren sie jetzt nur noch knapp in der Mehrheit. Dennoch beanspruchten sie mit Rückendeckung der französischen Mandatsmacht die Führung des neuen Staates, die von den Muslimen allerdings von Anfang an in Frage gestellt wurde – besonders von denjenigen, die sich vergeblich für die Aufnahme des Libanon in ein islamisch geprägtes Großsyrien, das auch Palästina umfassen sollte, starkgemacht hatten. Die ablehnende Haltung der Muslime ging so weit, dass sie Wahlen boykottierten. Als sie jedoch erkannten, dass ihre Verweigerungshaltung gegenüber dem Mandatsstaat sich nur nachteilig für sie auswirken würde, kooperierten sie schließlich. Ihre Bereitschaft, 1932 erstmals an einer Volkszählung – bislang die einzige offizielle in der Geschichte des modernen Libanon – teilzunehmen, lieferte denn auch die Bestätigung, dass die Christen nur eine dünne Mehrheit besaßen. Kraft ihrer Beteiligung an der Politik konnten sich die Muslime schon 1934 das Amt des Premierministers dauerhaft sichern.
Zu einer verfassungsrechtlichen Verankerung des Proporzsystems kam es erst, nachdem Frankreich das Land 1943 in die Unabhängigkeit entlassen hatte – die volle Souveränität erlangte es 1946. Der schon 1943 verabschiedete Nationalpakt legte fest, dass das Amt des Präsidenten mit einem Maroniten und das des Premierministers mit einem Sunniten zu besetzen ist. Von da an wurden Letzterer wie auch das Kabinett vom Staatspräsidenten ernannt. Da die im Nationalpakt festgeschriebene paritätische Regelung dem maronitischen Präsidenten umfangreiche Vollmachten verlieh, regte sich bald dagegen von muslimischer Seite Widerstand. In den Fünfzigerjahren wurde deshalb ein Teil der Befugnisse des Staatspräsidenten auf den Premierminister übertragen, was wiederum bei den Maroniten Unmut hervorrief. Um die Macht auf die verschiedenen Religionsgemeinschaften breiter zu verteilen, war schon vom Jahr 1947 an das Amt des Parlamentspräsidenten für einen Schiiten reserviert.
Zwar wurden durch den Nationalpakt die Sitze im Parlament zwischen Christen und Muslimen nach einem Schlüssel von 6 zu 5 zugunsten Ersterer verteilt. Doch dieses Mehrheitsverhältnis hatte eher symbolischen Charakter. Denn aufgrund der Eigenheiten des libanesischen Wahlsystems bestimmte erst die Zusammensetzung von Partei- und Religionszugehörigkeit die eigentlichen Kräfteverhältnisse. Auch erhob der Nationalpakt das Streben nach Kompromiss zur Maxime der politischen Kultur des Libanon. Entsprechend galt die Verpflichtung, die Posten in der Staatsverwaltung und im Kabinett möglichst auf alle Religionsgemeinschaften angemessen aufzuteilen. Vor allem in der Frage der Verwaltungsposten führte dieses Prinzip jedoch langfristig zu Rivalitäten und Spannungen, die auch dann kein Ende fanden, als der Staatspräsident sich veranlasst sah, hochrangige Beamte und Offiziere erst nach breiter Absprache zu ernennen.
Trotz verschiedentlicher Kritik bewährte sich das Proporzsystem ebenso wie das im Nationalpakt artikulierte Übereinkommen, dass das Land weder vom Westen noch vom mächtigen Nachbarn Syrien und der arabischen Welt abhängig sein dürfe. Jedoch stieß dieser Konsens in den ersten Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit wiederholt an seine Grenzen. So folgte der Libanon 1948 dem Aufruf der Arabischen Liga, sich am Krieg der arabischen Staaten gegen Israel zu beteiligen. Die libanesische Armee marschierte jedoch nicht in den Norden Israels ein, sondern überließ dies der von syrischen Offizieren geführten, aus arabischen Freiwilligen zusammengesetzten Rettungsarmee, die sie lediglich von der libanesischen Seite aus unterstützte. Auf arabischen Druck ließ sie sich jedoch in direkte Kämpfe mit den israelischen Truppen verwickeln, die über mehrere Wochen um den libanesisch-schiitischen Grenzort Malkiya ausgetragen wurden. Bei diesen und anschließenden Auseinandersetzungen konnten die israelischen Truppen die arabischen Angreifer abwehren und gingen in die Offensive. Sie besetzten eine Reihe von Dörfern im Südlibanon, aus denen sie – außer aus Malkiya – erst 1949 nach der Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens wieder abzogen.
Der Krieg hatte gravierende Folgen für den Libanon. Die – überwiegend schiitische – Bevölkerung in der Grenzregion litt massiv unter den Kriegshandlungen, und die erzwungene Aufnahme von mehr als hunderttausend palästinensischen Vertriebenen und Flüchtlingen belastete den Zedernstaat für lange Zeit. In den ägyptisch-israelischen Konflikt während der Suezkrise 1956 hingegen ließ sich die libanesische Führung nicht verwickeln. Präsident Camille Chamoun weigerte sich als einziger arabischer Staatschef, die diplomatischen Beziehungen zu Frankreich und Großbritannien abzubrechen, die gemeinsam mit Israel Ägypten angriffen. Auf klaren Konfrontationskurs zum panarabischen ägyptischen Amtskollegen Gamal Abdel Nasser ging Chamoun zudem, als er 1957 die amerikanische Eisenhower-Doktrin annahm und sich so eindeutig als pro-westlich positionierte. Daheim stieß sein Kurs auf heftigsten Protest bei den muslimischen Bewunderern Nassers, die Chamoun auch seine Skepsis gegenüber der Vereinigten Arabischen Republik verübelten, die Anfang 1958 von Ägyptens Präsident mit Syrien gegründet wurde und bis 1961 bestand. Im Mai 1958 eskalierte der innerlibanesische Konflikt in einen offenen Bürgerkrieg. Die USA folgten Chamouns Hilferuf und entsandten Truppen in den Libanon. Diese griffen zwar nicht in das Kriegsgeschehen ein, doch wurde der Krieg, der mehrere Tausend Libanesen das Leben kostete, dank amerikanischer Vermittlung beendet.
Eine andere Position gegenüber dem Panarabismus vertrat Charles Helou, der 1964 Präsident des Libanon wurde. Das betraf vor allem den Umgang mit den palästinensischen Kampforganisationen, die, von der Arabischen Liga unterstützt, nach dem israelisch-arabischen Sechstagekrieg 1967 ihre Aktivitäten auf den südlichen Libanon ausdehnten. Ihre von dort aus verübten Anschläge gegen Israel, die zu heftigen israelischen Gegenschlägen führten, wie auch ihre wiederholten bewaffneten Auseinandersetzungen mit der libanesischen Armee lösten im Land eine heftige Debatte aus. Sie spaltete die libanesische Politik und Öffentlichkeit nachhaltig, und Präsident Helou lenkte schließlich zugunsten der Palästinenser ein. Er ließ seinen Generalstabschef Emile Boustany im November 1969 in Kairo ein Abkommen zwischen dem Libanon und der durch ihren Vorsitzenden Jassir Arafat vertretenen Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) unterzeichnen. Dieses gestattete den bewaffneten palästinensischen Milizen, in den palästinensischen Flüchtlingslagern wie auch im Südlibanon – und von dort aus – gegen Israel zu operieren. Der bewaffnete palästinensische Widerstand wurde dadurch nicht nur offiziell legitimiert, sondern auch die libanesische Armee zur Kooperation mit der PLO verpflichtet. Das libanesische Parlament ratifizierte die zunächst geheim gehaltene Übereinkunft, ohne sie näher zu kennen. Als im April 1970 die libanesische Zeitung An-Nahar ihren Inhalt bekannt machte, monierte vor allem die nationalistische maronitische Kataeb-Partei (Falangisten), dass den palästinensischen Milizen zu viele Freiheiten gewährt würden.
Das Kairo-Abkommen hatte für die Entwicklung des Libanon und den Konflikt mit Israel weitreichende Folgen. Das lag auch daran, dass der unter Präsident Fuad Schihab (1958–1964) aufgebaute und immer mächtiger gewordene Inlandsgeheimdienst Deuxième Bureau, der auch die Aktivitäten der Palästinenser überwachte, unter seinem Amtsnachfolger Helou zerschlagen wurde. Dieser Schritt ebnete den Weg für eine rasche Militarisierung der politischen Parteien und Fraktionen im Land, an der die palästinensischen Kampforganisationen einen erheblichen Anteil hatten. Ihre dichten Beziehungsnetze erlaubten ihnen, örtliche Gruppierungen, die vom Deuxième Bureau und von lokalen Clanführern unterhalten worden waren, unter ihre Kontrolle zu bringen. Die sich als Fedayin (Selbstaufopferer) bezeichnenden palästinensischen Milizen gingen zudem Bündnisse mit einer Reihe von libanesischen Organisationen ein – vor allem linken, aber auch schiitischen –, die von ihnen mit Waffen versorgt wurden. Als 1970/71 die palästinensischen Freischärler, deren Hauptbasis für Guerilla- und Terroroperationen gegen Israel sich bis dahin in Jordanien befand, in dem als «Schwarzer September» bekannten blutigen Konflikt aus dem Land gejagt wurden, verlegten die PLO-Milizen ihre Aktivitäten in den Libanon, wo ihre Präsenz und Macht vor allem im Südlibanon um ein Vielfaches wuchsen.
Die zahlenmäßig stark angewachsenen Fedayin erlaubten sich nun, die ihnen durch das Kairo-Abkommen gewährten Freiheiten nach Belieben auszulegen, und dehnten ihre Aktivitäten auch auf dafür nicht vorgesehene Gebiete wie etwa Westbeirut aus. De facto bildeten sie mit der Kontrolle über die Flüchtlingslager und eigenen Basen jetzt eine Art Staat im Staat. Die palästinensischen Milizionäre scheuten auch nicht die direkte Konfrontation mit der schwachen libanesischen Armee, als diese – vergeblich – versuchte, ihre Aktivitäten an der israelischen Grenze einzuschränken oder ihre Versorgung mit Waffen aus Syrien zu kappen.
Obgleich in der libanesischen Gesellschaft große Sympathien für den Freiheitskampf der Palästinenser bestanden, verschärfte sich zu Beginn der Siebzigerjahre die innerlibanesische Debatte über den Umgang mit den Fedayin. Präsident Suleiman Frangieh (1970–1976) unterstützte zwar die palästinensische Sache offen, wollte aber das Land, das inzwischen zur wichtigsten Operationsbasis der PLO-Milizen geworden war, nicht in einen Krieg mit Israel verwickeln. Sein mächtiger Kontrahent, Innenminister und Drusenführer Kamal Dschumblat, der sich auch schon für Nassers Panarabismus begeistert hatte, gerierte sich jetzt als leidenschaftlicher Befürworter des palästinensischen Widerstands, für den er die volle Solidarität und Unterstützung der Libanesen forderte. Einmal mehr schien der im Nationalpakt artikulierte Konsens über die für den Zedernstaat angestrebte Mittelposition zwischen Ost und West gefährdet. Tatsächlich eskalierte der Streit über die Palästina-Frage so weit, dass Dschumblat die Abschaffung des Nationalpakts von 1943 verlangte.
Den militanten pro-palästinensischen Kurs hatte sich auch die Libanesische Nationalbewegung auf die Fahnen geschrieben, die von ihm schon 1969 ins Leben gerufen worden war, aber unter dieser Bezeichnung erst 1973 offiziell als Block auftrat. Dieser versammelte neben Dschumblats drusisch geprägter Progressiv-Sozialistischer Partei eine Reihe linker und nasseristischer Gruppierungen und schloss auch besonders militante palästinensische Kampforganisationen wie die «Demokratische Front» und die «Volksfront zur Befreiung Palästinas» (PFLP) ein. Diese waren zur PLO-Führung in Opposition gegangen, weil sie einen zunehmend gemäßigten Kurs eingeschlagen hatte.
Auf libanesischer Seite regte sich in maronitischen Kreisen, wo man das Verhalten der palästinensischen Milizionäre als selbstherrlich und als eine wachsende Gefahr für die eigene Sicherheit empfand, schon 1970 bewaffneter Widerstand gegen die Freischärler. An mehreren Orten im Land kam es zwischen Milizionären der Falangisten und den Fedayin zu heftigen Schießereien. In den Folgejahren wurde der Libanon aufgrund der immer zahlreicher werdenden Attacken der palästinensischen Kampforganisationen gegen Israel und der massiven israelischen Vergeltungsschläge zum Ersatzschlachtfeld des Nahostkonflikts. Nun waren es die Falangisten und ihre politischen Verbündeten, die eine strengere staatliche Kontrolle über die Fedayin forderten. Dazu war aber der libanesische Staat wegen seiner inneren Schwäche und auch wegen des ständigen Drucks seitens der arabischen Länder nicht in der Lage.
So war es letztlich nur eine Frage der Zeit, bis der christlich-palästinensische Konflikt im Libanon eskalieren würde. Im April 1975 waren es dann wieder jene beiden verfeindeten Lager, die in dem überwiegend christlichen Vorort Ain al-Roummaneh im Osten Beiruts aufeinander schossen. Dies war der Beginn des fünfzehn Jahre dauernden blutigen libanesischen Bürgerkriegs (1975–1990). Den einheimischen Konflikt mit den palästinensischen Milizen beendete er aber auch nicht – erst die israelische Invasion 1982 mit der Belagerung Beiruts zwang sie ins Exil nach Tunesien. Der Einmarsch der Israelis und die anschließende Besetzung von Teilen des Südlibanon riefen jedoch langfristig noch gefährlichere Gegner auf den Plan: die libanesischen Schiiten, aus deren Reihen sich schon bald die pro-iranische Hisbollah rekrutieren sollte.
Selbstbewusstsein und panarabische Solidarität
Die Schiiten bilden nach den Sunniten, wenn auch nur mit rund 10 Prozent, die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft im Islam. Ihr Ursprung wurzelt im Streit um die Nachfolge des Propheten Muhammad. Obwohl sein Vetter und Schwiegersohn Ali als die rechte Hand des islamischen Religionsstifters galt, wurde nach dessen Tod nicht Ali zum Kalifen (arabisch: Nachfolger) ernannt, sondern ein anderer Vertrauter des Propheten, sein Schwiegervater Abu Bakr. Anders als Ali, der zu Muhammads ersten Anhängern gehörte, stammte Abu Bakr aus dem mekkanischen Umayya-Clan, der den Islam ursprünglich abgelehnt hatte. Als er starb, folgte auf ihn Umar, den Abu Bakr als Nachfolger bestimmt haben soll. Nach dem Ableben Umars kam es in der islamischen Gemeinde zur Spaltung, als die von Ali repräsentierten Muslime der ersten Stunde sich weigerten, die Wahl des ebenfalls dem Umayya-Clan angehörenden Uthman zum neuen Kalifen anzuerkennen.