Dreifach gesichert - und doch ... - HELGA BREHR - E-Book

Dreifach gesichert - und doch ... E-Book

Helga Brehr

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Beschreibung

In Eckernförde an der Ostseebucht begegnen sich Wiebke, eine junge Journalistin am Wendepunkt ihres Lebenswegs, und Barbara, eine ältere Malerin, die schon ein bewegtes Dasein mit Höhen und Tiefen sowie finanziellen Einbußen hinter sich hat. Mit "Triple-A"-Bewertung war ihr eine gute Geldanlage versprochen worden. Am Ende landet sie in Altersarmut. Ein paar Jahre lang verbindet Barbara und Wiebke eine ungewöhnliche Freundschaft, die abrupt endet.

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Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Das Buch

Die ungewöhnliche Freundschaft zwischen der jungen Journalistin Wiebke und der alternden Malerin Barbara führt zu mehr als nur Zeitvertreib in der Ostseestadt Eckernförde.

Für Wiebke ist es an der Zeit, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben. Beispiele aus dem zum Teil bitteren Erfahrungsschatz der älteren Künstlerin helfen ihr, sich aus Fallen überholter Rollenklischees zu befreien und ihren Weg in die Unabhängigkeit zu finden.

Die Autorin

HELGA BREHR studierte Bibliothekswesen sowie Sprach- und Übersetzungswissenschaften.

Sie lebte u.a. in Freiburg, Berlin, Athen, Saarbrücken und Odense/Dänemark. Heute arbeitet sie als Sprachlehrerin und Autorin in Schleswig-Holstein.

Bisher erschienen: »Ödipa« 2014, »Mutter, was hast du mir verschwiegen?« 2016, »Opfern am Mittag« 2017, »Begegnung in Eckernförde« 2018, (2.Aufl.: »Dreifach gesichert - und doch…« 2022),

»Elevtheria - Die Frau und die Freiheit« 2020.

»Unfassbare Nähe« 2022.

www.helga-brehr.de

Am Ende hieß „Triple A“: Arm, alt und allein

Inhaltsverzeichnis

Wiebke – Juli 2015

Barbara – Juli 2015

Wiebke – Juli 2015

Barbara – September 2015

Wiebke – November 2015

Barbara – November 2015

Barbara - Dezember 2015

Wiebke – Januar 2016

Wiebke – März 2016

Barbara – März 2016

Wiebke – März 2016

Wiebke – April 2016

Barbara – April 2016

Wiebke – Juni 2016

Barbara – Juni 2016

Wiebke – Juni 2016

Barbara – Juli 2016

Barbara – August 2016

Nach einer Woche

Wiebke – August 2016

Barbara – August 2016

Wiebke – August 2016

Barbara – September 2016

Wiebke – Oktober 2016

Barbara - November 2016

Wiebke - November 2016

Barbara – November 2016

Barbara – November 2016

Wiebke – Januar 2017

Barbara – Januar 2017

Barbara – Januar 2017

Wiebke – Februar 2017

Nachmittag

Wiebke – Februar 2017

Barbara – März 2017

Wiebke – März 2017

Wiebke – März 2017

Barbara – April 2017

Wiebke – April 2017

Barbara – April 2017

Wiebke – April 2017

Barbara – April 2017

Barbara – Mai 2017

Wiebke – Mai 2017

Barbara – September 2017

Wiebke – September 2017

Wiebke – September 2017

Barbara – November 2017

Barbara – Januar 2018

Wiebke – Januar 2018

Wiebke – Februar 2018

Barbara – März 2018

Wiebke – Mai 2018

Barbara – Mai 2018

Wiebke – Juni 2018

Wiebke – Juni 2018

Wiebke – Juni 2018

Wiebke – Juli 2018

Wiebke – Juli 2018

Wiebke – Juli 2018

Wiebke – Juli 2018

Wiebke – August 2018

Wiebke – Juli 2015

Gedämpfte Stimmen erfüllten den hellen Raum. Etwa ein Dutzend Menschen gingen bedächtigen Schrittes herum, blieben mit nachdenklichen, fast andächtigen Mienen vor den Gemälden stehen, sprachen leise, deuteten ab und zu vorsichtig mit der Hand auf eines der Exponate.

Sie hielt sich am Rand, aufrecht neben einem kleinen Tisch stehend, an den sie sich seitlich etwas anlehnte. Möglichst unauffällig beobachtete ich sie, ihre Statur mittelgroß, weder dick noch dünn, die Falten, die das Leben in ihr Gesicht gestanzt hat, die halblangen, grauen Haare, die wachen Augen, die mal grün, mal türkisfarben schimmern.

Vor zehn Minuten hatte sie die Begrüßungsworte gesprochen, man spürte, wie sie die Aufregung in ihrer Stimme niederkämpfte. Wie sie zusammenzuckte, als ihr das Blitzlicht aus meiner Kamera in die Augen schoss.

Ich wollte ihr noch etwas Ruhe gönnen, bevor ich ihr Fragen stellte, um meinen kleinen Bericht für die Lokalzeitung schreiben zu können. Jeder Künstler ist froh, wenn sich zu seiner Veranstaltung die Presse sehen lässt und wenn am nächsten Tag sein Werk in der Zeitung erwähnt wird. In unserer kleinen Ostsee-Stadt wird relativ viel Kultur angeboten. Gut besucht sind aber nur Veranstaltungen von namhaften Künstlern. Barbara Falsterheim gehört nicht dazu. Dies war ihre erste Vernissage. Und sie hat Glück gehabt, gerade dieses Atelier dafür benutzen zu dürfen, in dem sonst die bekannteren Maler der Stadt und ihrer Umgebung ausstellen.

„Wiebke Schmider“, stellte ich mich vor, nachdem ich langsam zu ihr hinübergeschlendert war, „von der Stadtzeitung. Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“

„Sicher“, sagte sie knapp, zog zwei Stühle heran und setzte sich auf den einen. Ich nahm auf dem anderen ihr gegenüber Platz und sprach leise, damit die Besucher unser Gespräch nicht mithörten.

Spät am Abend tippte ich meinen Artikel und mailte ihn an die Zeitung.

Nun ist es fast Mitternacht, ich sitze mit einem Glas Rotwein am Schreibtisch und hänge meinen persönlichen Eindrücken nach, schreibe meine Gedanken ins Tagebuch.

Barbara – Juli 2015

Gestern hatte ich meine erste eigene Vernissage. Während ich mir selbst zuhörte bei der Begrüßungsrede, meine auswendig gelernten Sätze kritisch hinterfragte, kaum waren sie ausgesprochen, schweiften meine Blicke über die Gesichter der Besucher, gierig nach Interesse, nach gespannter Erwartung suchend. Einige Zuhörer schauten auf den Flyer, den ich am Eingang bereitgelegt hatte. Andere blickten im Raum herum. Viele sahen mir mit verschlossenen Mienen entgegen. Nur wenige zeigten Offenheit oder Konzentration.

Den Raum habe ich von einem erfolgreichen Künstler gemietet, die Bilder sorgfältig ausgesucht, immer wieder neu an den Wänden arrangiert. Meine Küsten- und Meeresbilder. Können sie ausdrücken, wie sehr ich die Landschaften der Nord- und Ostsee liebe und immer wieder aufs Neue versuche, ihre Stimmungen einzufangen? Wird deutlich, was ich gesehen habe, als ich zu allen Jahreszeiten unterwegs war und malte? Auf unendlichen Wanderungen, wo ich meine Skizzenblöcke immer bei mir hatte - von der Kieler Förde über die Eckernförder Bucht bis hinauf zur dänischen Grenze? Das Licht am Morgen, wenn die Sonne über den Horizont stieg, Himmel und Wasser rot-orange färbte. Die Veränderungen in der frühen Nachmittagszeit, helle Wattewölkchen am Himmel und weiße Segel auf dem blauen Wasser. Und am Abend, wenn das Licht an Kraft verlor, die Konturen weicher wurden – das alles versuchte ich, in meinen Bildern festzuhalten.

An der Westküste dagegen faszinierten mich die Brandung in der Nordsee, die wilden Sturmwellen und der oft sehr bewegte Himmel mit Wolken in vielen grau-weiß-Abstufungen. Auf den nordfriesischen und dänischen Inseln eine ähnliche Situation wie zum Beispiel in St.-Peter-Ording. Aber Inseln haben immer ihre ganz eigene Atmosphäre.

Die Bilder in der Vernissage spiegeln von all den Stimmungen etwas wider. Ein paar Landschaftsmotive mit kleinen Reetdachhäusern habe ich darunter gemischt, als rote und grüne Farbklekse zwischen dem vielen Weiß, Grau, Blau und Türkis der Meere.

Wie Kinder scheinen sie an mir zu hängen, wie einer Mutter tut mir das Herz weh, wenn ich eines loslassen muss. Ambivalenz herrscht schließlich zwischen dem Trennungsschmerz und dem stolzen Gedanken: Jemand weiß mein Werk zu schätzen, gibt Geld dafür aus, es zu besitzen, trägt es glücklich nach Hause, findet hoffentlich einen schönen Platz dafür.

Natürlich habe ich Fotos von meinen Bildern gemacht, kann sie immer wieder betrachten. Aber anders als ein Schriftsteller, der mit ungetrübter Freude den Verkauf jedes Buchexemplars beobachten kann, der identischen Druckerzeugnisse, die sich höchstens durch seine Signatur bei einer Lesung unterscheiden, geht mir mit dem Verkauf jedes Originals ein Stück meiner Seele verloren.

Für hochwertige Drucke, die ich statt der Originale verkaufen könnte, fehlt mir das Geld. Einen kleinen Vorrat an Postkarten habe ich herstellen lassen und bot ihn gestern an.

Aber Trennungsschmerz hin, Stolz her – es gibt praktische, existenznotwendige Gründe für diese Ausstellung: Ich brauche das Geld! Ich brauche es zum Leben, aber auch, um die Ausgaben, die ich voller Risikobereitschaft in Raummiete und Werbung investiert habe, zu decken. Was jammere ich da meinen Bildkindern hinterher? Sie müssen mich ernähren, denn andere habe ich nicht.

So kann ich zufrieden sein, dass gestern zwei von ihnen einen Liebhaber gefunden haben. Und dazu viele Postkarten weggingen. Grob überschlagen glaube ich, die Unkosten damit fast gedeckt zu haben. Zwei Wochen werden die Bilder noch hängen. Was immer in dieser Zeit verkauft wird, gibt mir Luft zum Atmen, scheucht mir die niederdrückende Existenzbedrohung für eine Weile von den Schultern.

Wiebke Schmider heißt die junge Journalistin, die von der Tageszeitung gekommen war, um mir Fragen zu stellen. Ein Glück, dass jemand von der Presse da war – ich konnte nicht davon ausgehen. Ein noch größeres Glück, dass mir diese junge Frau sehr sympathisch war. Sonst wäre aus meinem allerersten Interview vielleicht eher eine Blamage geworden, denn ich fühlte mich befangen, und sie nahm mir einen großen Teil dieser Befangenheit. Ich sah ihr offenes Gesicht mit den grauen Augen, der hellen Haut und den schwarzen, langen Locken vor mir. Und hörte sie sagen: „Wenn das meine erste Vernissage wäre, hätte ich ein sehr stolzes Gefühl. Wie geht es Ihnen?“

Ihr freundliches Lächeln musste wohl die Verlegenheit aus meinem Innern verscheucht haben, denn ich erwiderte zu meiner Überraschung: „Ja, stolz bin ich auch – und sehr froh, es bis hierhin geschafft zu haben.“

„Wie lange malen Sie schon?“

Ich musste nicht lange überlegen. „Seit meiner Kindheit“, antwortete ich.

„Und haben Sie früher schon ausgestellt?“

„Nein, außer mal in ein paar Vitrinen in einer Volkshochschule. Das Malen – das war eigentlich immer nur für mich selbst. Um mich auszudrücken, mich abzureagieren, etwas loszuwerden – was weiß ich!“

Erst als ich das gesagt hatte, fiel mir ein, dass es durchaus eine Zeit gegeben hatte, in der ich auf Kunstmärkten meine Bilder verkaufte. Warum hatte ich das verdrängt? Wollte ich mich an diese Zeit nicht gerne erinnern?

Wir saßen uns an einem kleinen Tisch gegenüber. Sie sah mich aufmerksam an, als wollte sie in meinem Gesicht etwas erforschen, was ich ihr womöglich mit Worten nicht sagen würde – oder kam mir das nur so vor? Dann schrieb sie mit schnellen Bewegungen etwas auf ihren Block, bevor sie sich wieder zu mir wandte.

„Ihre Motive sind am Meer angesiedelt und an der Küste. Welchen Bezug gibt es da?“

„Na ja, ich bin in Hamburg geboren, habe dort studiert und bin später dorthin zurückgekehrt. Seit meiner Kindheit war ich oft am Meer und hier an der Ostsee lebe ich jetzt schon seit über 20 Jahren.“

„Sie hatten bisher Ihr Hobby nie zum Beruf gemacht?“

„Das Malen nicht wirklich, die Theorie schon. Nachdem ich Kunst studiert hatte, habe ich dreizehn Jahre im Museum gearbeitet. Jetzt gebe ich noch Malkurse an der Volkshochschule.“

Mit meinem Fokus ganz bei dem heutigen Tag, dem großen Erlebnis meiner ersten Vernissage und der ängstlichen Erwartung, wie meine Bilder aufgenommen würden, merkte ich, dass es mir sehr schwer fiel, mich mit meiner Vergangenheit zu beschäftigen.

„Würden Sie mir noch ein paar nähere Erläuterungen zu einigen Bildern geben?“

Mit großer Erleichterung stand ich auf und ging mit ihr zu einer Wand hinüber. Als könnte diese Frau Schmider spüren, dass ich von meiner Biographie auf keinen Fall noch mehr preiszugeben bereit war, zügelte sie ihre professionelle Neugier und ließ mich einfach etwas über meine Motive erzählen. Sie fotografierte einige Bilder – mich hatte sie ja schon während meiner Rede abgelichtet – reichte mir dann freundlich die Hand und verabschiedete sich mit den Worten: „Vielleicht sehen wir uns mal wieder, würde mich freuen.“

Es klang ehrlich, ebenso wie mein schnell angefügtes: „Gleichfalls!“

Nachdem sie gegangen war, stand ich etwas verloren in dem Raum. Die Besucher, teils zu zweit, teils in Grüppchen, unterhielten sich miteinander, ab und zu hörte ich leises Lachen. Ich hielt mich an dem kleinen Tischchen fest und schaute tapfer in die Runde. Ich konnte ja nicht an den Bildern entlang laufen und so tun, als würde ich sie betrachten. Ich stand bereit, um auf eventuelle Fragen zu antworten – und natürlich, um Bilder zu verkaufen. Das Gefühl, mich selbst zu verkaufen, ließ sich trotz aller Anstrengung nicht ganz beiseiteschieben. Es wirkte wie eine Erlösung, als endlich das erste Paar auf mich zu kam und Interesse für ein kleinformatiges Bild bekundete.

Wiebke – Juli 2015

In dem halben Jahr meiner Tätigkeit für die Zeitung habe ich schon viele Interviews durchgeführt. Manche Dialogpartner waren mir sympathisch, manche nicht. Einige blieben im Gedächtnis, andere verschwanden recht schnell wieder in der Vergessenheit. An das bewegte Gesicht von Barbara Falsterheim, in das sich das Leben mit deutlichen Spuren eingegraben hat, werde ich mich sicher noch lange erinnern. Ich wittere eine spannende Geschichte hinter ihrem Erscheinungsbild, das in manchen Augenblicken so offen wirkt und dann wieder undurchdringlich. Instinktiv spürte ich bei der Vernissage, dass ich ihr nicht zu viele Fragen stellen durfte, nicht dort in dem Atelier und nicht beim ersten Interview. Denn dass ich sie wieder sehen will, steht für mich fest. Ihre Persönlichkeit fasziniert mich, ich möchte mehr über sie wissen. Ich ahne, dass sie mir später, nach näherem Kennenlernen vorsichtig Türen öffnen könnte, die sie mir, wäre ich zu ungeduldig vorgeprescht, vielleicht für immer zugeschlagen hätte.

So blieb ich in meinem Artikel bei den knappen biographischen Fakten, die ich hatte (noch nicht einmal ihr Alter kenne ich, schätze sie etwa auf Mitte sechzig) und beschrieb dafür umso ausführlicher ihre Werke und die kurz gehaltene Begrüßungsrede. Ein gelungenes Foto von ihr und drei von ihren Bildern setzte ich in den Text und hoffe, dass der Bericht genauso erscheinen und bei ihr Freude auslösen wird.

Meine Begeisterung für die Bilder war in keiner Weise gespielt. Ich fühlte mich von ihnen stark angezogen und mitgerissen. Meine eigenen Eindrücke von der geliebten Küstenlandschaft spiegelten sich dort wider.

Ich grübelte heute lange, welchen Vorwand ich hätte, Frau Falsterheim wieder zu sprechen. Natürlich könnte ich in den nächsten zwei Wochen immer wieder in die Galerie gehen, in der Hoffnung, sie dort anzutreffen. Aber welchen Grund hätte ich, sie auf ein Gespräch festzunageln, das mir erlauben würde, sie noch mehrmals zu sehen? Nur Smalltalk nach der Art: „Wie läuft der Verkauf, sind Sie zufrieden, ich musste einfach noch mal kommen und die Bilder anschauen …“ - das würde nicht weiterführen. Soll ich vielleicht eines der Gemälde erwerben? Das ziehe ich ohnehin in Betracht – aber auch damit hätte ich keinen Grund, die Künstlerin noch mehrmals zu treffen.

Dann fiel mir ein: Sie hatte erwähnt, dass sie Kurse an der Volkhochschule gibt. Hier könnte ich mit einem echten Interesse ansetzen: Meine Arbeit als freie Journalistin beschäftigt mich ja nur sporadisch. So viele Chancen, einen Artikel unterzubringen, gibt es für mich nicht, dass mich diese Tätigkeit ausfüllen würde. Geschweige denn, meinen persönlichen finanziellen Bedarf deckte, wie ich es anstrebe. Klaus bezahlt von seinem guten und zuverlässig eintreffenden Sold von der Bundesmarine nicht nur die Miete und alle anderen festen Kosten sowie die meisten Ausgaben für unsere beiden Kinder, nein ich muss meinen Mann obendrein immer wieder mal bitten, mir mit Geld für ein Paar Schuhe oder für einen neuen Mantel unter die Arme zu greifen. Das finde ich beschämend für eine gesunde, halbwegs intelligente 34-jährige Frau. Auch wenn Klaus es als Arbeitsteilung ansieht, dass ich überwiegend für Haus und Kinder da bin. Seit Maike zur Schule geht und Thore in den Kindergarten, habe ich vormittags reichlich Zeit, nicht nur Recherchen und Interviews für die Zeitung zu machen, sondern darüber hinaus noch anderes. Schon vor längerem habe ich überlegt, Schreibkurse anzubieten. Warum nicht an der Volkshochschule?

Ich kramte am Nachmittag den VHS-Katalog hervor und suchte zuerst nach den Kursen von Barbara Falsterheim. Sie gibt jeweils zwei Kurse hintereinander am Dienstag und Donnerstag, immer vormittags. Wenn ich versuchen würde, zumindest an einem dieser Vormittage einen Kurs zu platzieren? Vielleicht könnte ich mich darüber hinaus an dem anderen Tag zu einem ihrer Malkurse anmelden? Talent zum Malen fehlt mir ganz gewiss, doch mit Fleiß und Technik käme vielleicht etwas zustande? Selbst wenn nicht, so hätte ich doch mein Ziel erreicht, Barbara Falsterheim regelmäßig zu sehen und nach und nach mehr über sie zu erfahren.

Bei all diesen Gedanken und Plänen kam ich mir plötzlich vor wie ein Stalker, der die Frau, die er liebt, auf raffinierte Weise einwebt in ein Spinnennetz, in dem er sie zu fassen kriegt. Bin ich etwa verliebt in sie? Nein, auf keinen Fall. Lesbische Neigungen sind mir fremd, auch wenn ich sie bei anderen Frauen keinesfalls verurteile. Bin ich zu viel allein, mein Mann zu oft auf hoher See, dass mir eine Abwechslung fehlt, die mir Haushalt, Kinder und einige Freundinnen nicht bieten können? Oder spürt meine journalistische Schnüffelnase tatsächlich eine gute Story, die sich nicht nur in einem Artikel erschöpfen wird?

Eine Stimme in mir drängte auf ungewohnt starke Weise zur Tat, sodass ich zum Hörer griff und die VHS-Verwaltung anrief. Es war eher Zufall, dass ich jemanden antraf. Sommerpause – war das erste Wort, das meine Hoffnungen schnell wieder sinken ließ. Doch dann stellte sich heraus, dass die Zeit günstiger kaum hätte sein können: Im September wird das neue Semester beginnen. Die Planung läuft auf Hochtouren, doch das Programm ist noch nicht im Druck. Schreibkurse werden nachgefragt, zurzeit aber nicht angeboten. Wenn ich morgen zu einem Gespräch vorbeikäme und wir uns einigen könnten, wäre es noch möglich, in der nächsten Konferenz die Aufnahme der Kurse zu beschließen und in den Katalog einzufügen.

Ich jubelte. Die Bezahlung wird mich nicht reich machen. Aber ein Paar Schuhe und ein T-Shirt dann und wann sind auf jeden Fall abgedeckt. Und ich habe eine Aufgabe. Und ich werde die Künstlerin Barbara Falsterheim wieder sehen. Und … und … Dass es gereicht hätte, mich in ihrem Malkurs anzumelden, mache ich mir jetzt erst klar. Nun ja, so hat der Wunsch nach dem Kontakt mit ihr mir außerdem die Aussicht auf eine zusätzliche Beschäftigung beschert. Obendrein, so sage ich mir, als Kollegin auf gleicher Augenhöhe bin ich immerhin in einer anderen Position als nur eine Schülerin.

Nun kann ich den nächsten Tag kaum abwarten und das Ende des Sommers, das den Anfang der VHS-Kurse mit sich bringen wird. Zurzeit zeigen sich die Tage viel zu kühl und nass für den Monat Juli. Da ich draußen nicht viel anfangen kann, gibt es lange Abende, an denen ich allein auf dem Sofa sitze. Klaus schickt mir Mails und sms, die Kinder liegen im Bett, die Freundinnen gehen mit ihren Männern aus.

Barbara – September 2015

Die Tage fließen ineinander. Wenn ich abends in mein Wohnzimmer gehe, frage ich mich, ob ich nicht eben das Rollo am Fenster heruntergelassen habe – oder war das wirklich gestern gewesen? Ist heute Dienstag oder Mittwoch? Müssen die Mülltonnen rausgestellt werden? Wie viele Tage sind vergangen, ohne dass ich mit einem Menschen gesprochen habe? Wann war ich das letzte Mal beim Einkaufen? Wann hat mich jemand angerufen?

Während ich in der Dachstube meines winzigen Häuschens sitze und male, vergesse ich die Zeit. Werde offenbar auch von ihr vergessen – und von den wenigen Menschen, die mich gelegentlich umgeben.

Kann jemand, der Partner, Geschwister, Kinder und Enkelkinder hat, sich überhaupt vorstellen, wie es ist, Tag für Tag allein zu leben? Für jeden Kontakt aktiv werden zu müssen? Hinaus gehen, anrufen, Mails schreiben. Immer seltener erlebe ich, dass Menschen von sich aus auf mich zugehen, meistens bin ich diejenige, die sich meldet, sich kümmert. Tue ich es nicht, bleibe ich allein. Gerade aus dem Gefühl des Alleinseins heraus fällt es umso schwerer, den ersten Schritt zu tun, sich immer wieder anzubieten, Absagen zu riskieren.

So bleibt mir das Malen, das Versinken in anderen Sphären.

Es ist gut, dass die Kurse wieder begonnen haben. Zwei Tage in der Woche Menschen um mich herum, die von selbst kommen und das offensichtlich gerne. Zweimal pro Woche eine Aufgabe. Von der Notwendigkeit zum Geldverdienen ganz zu schweigen.

Diese Journalistin, die mich zur Vernissage interviewt und einen guten Artikel geschrieben hatte, ist nun in einem meiner Malkurse. Sie ist obendrein seit diesem Semester meine Kollegin, weil sie Schreibkurse gibt. Oft lächelt sie mich sehr freundlich an – und ich habe noch immer nicht die Kurve gekriegt, mich für ihren Bericht zu bedanken. Fürchte, es könnte zu anbiedernd klingen.

Wiebke – November 2015

Gestern wagte ich zum ersten Mal, Barbara Falsterheim ein gemeinsames Kaffeetrinken vorzuschlagen. Ich male seit Wochen jeden Dienstagvormittag in ihrem Kurs, zusammen mit elf weiteren Teilnehmerinnen. Einige ältere Frauen, die seit Jahren dabei sind, produzieren Werke, die mich sofort einschüchterten. Zum Glück gibt es auch blutige Anfängerrinnen wie mich und unsere Kursleiterin stellt sich auf jede ein, gibt uns Aufgaben, die wir gut bewältigen können und die uns kleine Erfolgserlebnisse bescheren.