Unfassbare Nähe - HELGA BREHR - E-Book

Unfassbare Nähe E-Book

Helga Brehr

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Beschreibung

Paris 1970. Rose und Claude verbindet eine leidenschaftliche Liebe. Sie können weder ohne einander noch miteinander leben. Bei heimlichen Treffen und Fahrten durch halb Frankreich entwickelt sich zwischen ihnen eine wahre "Amour fou". Am Ende ist Rose spurlos verschwunden, nachdem sie ihrer besten Freundin ihre Tagebücher überlassen hat.

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Das Buch

PARIS 1970. Rose und Claude – beide verheiratet, aber nicht miteinander – verbindet eine ungewöhnlich leidenschaftliche Liebe. Sie können nicht ohne einander, aber auch nicht mit einander leben. Bei heimlichen Treffen in Paris und Fahrten durch halb Frankreich entwickelt sich zwischen ihnen eine gefährliche Amour fou. Am Ende ist Rose spurlos verschwunden, nachdem sie ihrer besten Freundin Marianne ihre Tagebücher übergeben hat.

Die Autorin

HELGA BREHR studierte Bibliothekswesen sowie Sprach- und Übersetzungswissenschaften. Sie lebte u.a. in Freiburg, Berlin, Athen, Saarbrücken und Odense/Dänemark. Heute arbeitet sie als Sprachlehrerin und Autorin in Schleswig-Holstein.

Bisher erschienen: »Ödipa« 2014, »Mutter, was hast du mir verschwiegen?« 2016, »Opfern am Mittag« 2017, »Begegnung in Eckernförde« 2018, (2.Aufl.: »Dreifach gesichert und doch…« 2022), »Elevtheria - Die Frau und die Freiheit« 2020. »Unfassbare Nähe« 2022.

www.helga-brehr.de

Inhaltsverzeichnis

Vorgriff

Juni 1970

Rose, September 1971

Rose, September 1971

Rose, Juli 1973

Rose, Juli 1973

Rose, Oktober 1973

Rose, Oktober 1973

Rose, Oktober 1973

Rose, Oktober 1973

Rose, November 1973

Rose, November 1973

Rose, November 1973

Rose, November 1973

Rose, November 1973

Rose, Dezember 1973

Rose, Januar 1974

Rose, Januar 1974

Rose, Januar 1974

Rose, Februar 1974

Rose, Februar 1974

Rose, März 1974

Rose, März 1974

Rose, März 1974

Rose, April 1974

Rose, April 1974

Rose, Juli 1974

Rose, August 1974

Danksagung

Vorgriff

Die Augenblicke, für die es sich zu leben lohnt. Glück und Schmerz untrennbar verschmolzen. Etwas, das sich einprägt, einwühlt. Vorher die Angst vor dem Loslassen. Dann das Drängen nach Erfüllung, Verleugnung aller Pflicht und Vernunft. Kann dieses Hinabtauchen in die eigenen Tiefen sich jemals mit dem normalen Leben vereinbaren lassen? Das Leben verlangt das Emporkommen an die Oberfläche. Heißt das Verzicht auf diese tiefe, unendlich reiche Erfahrung? Ein solcher Augenblick des sich Verlierens und des Aufgehobenseins – süß, heiß, schwarz - einmal erlebt lässt er sich nie wieder abschütteln, weckt ein süchtiges Verlangen nach Wiederholung. Unendliche Angst, unendliches Glück spiegeln sich wider in zwei schwarzen Punkten, die sich erweitern und verengen, die Einblick geben in ein tiefes Meer von Gefühlen, vertraut und unheimlich zugleich. Mit ihrem Gegenüber bilden sie die Verschmelzung zweier Pole, deren Verbindung nur kurze Momente dauern darf, weil sie sich sonst zerstören würden, sich und ihr Umfeld – oder aber sich an ihrem eigenen Lodern verzehren und verbrennen würden, nichts als etwas kraftlose graue Asche zurücklassend, grauer als der Alltag.

Juni 1970

Sie stand in seinem Büro an den Schreibtisch gelehnt und sagte: »Ich kannte mal einen Mann, den ich sehr gern mochte, aber ich wagte nie, es ihm offen zu sagen. Unsere Wege trennten sich, ohne dass er je etwas von meinen Gefühlen erfuhr. Ich möchte nicht, dass es mir mit dir genauso geht.«

Rose wusste, es war eine der letzten Gelegenheiten, mit Claude ungestört allein zu sein – und im Grunde auch die erste.

Ein Jahr lang hatte sie ihre Zweifel gepflegt, kurz aufblitzende Hoffnungen erstickt, sich selbst und ihm misstraut. Ein Jahr, in dem sie sich als Kollegen gegenseitig charmant umwarben, um sich gleich darauf umso heftiger zu bekämpfen und zu verletzen. Je seltener die wie zufällig herbeigeführten Gespräche in der letzten Zeit wurden, desto schwerer fiel es ihr, Unverbindlichkeit zu bewahren. Nun stand Claudes Umzug nach Avignon bevor. Sie wusste, er würde für immer aus ihrem Gesichtsfeld verschwinden. Die Hartnäckigkeit ihrer Gefühle nahm durch dieses Wissen nur zu. Sie spürte den Schmerz, ihn zu verlieren – was falsch war, denn es war ihr ja gar nicht gelungen, ihn für sich zu gewinnen. In dieser verfahrenen Situation konnte nur die absolute Hoffnungslosigkeit angesichts der Trennung sie zu diesem allzu deutlichen Geständnis verleiten.

Tatsächlich entstammte das Beispiel, mit dem sie ihm umständlich ihre Gefühle erklärte, einer früheren Erfahrung. Und sie hatte sich überlegt, bevor sie kam, um ihn noch einmal zu sehen, wie schwer sie in den nächsten Jahren tragen würde an dieser unausgesprochenen Zuneigung, an dieser Furcht, sich Gewissheit zu verschaffen über seine Gefühle. Stieß sie ins Leere, so sagte sie sich, dann wäre die Abweisung endgültig und das Getrenntsein leichter zu verkraften. Träfe sie auf Sympathie, nun so wäre die Offenbarung für beide ein letztes Geschenk mit auf den Weg. Sollte er, wegen ihres häufig ruppigen Tons, der Meinung gewesen sein, dass sie ihn verabscheue, könnte sie dieses Missverständnis immerhin beseitigen.

Sie machte sich klar, wie oft sie in ihrem Leben ihre Gefühle nicht ausgesprochen hatte, aus Feigheit, aus Angst vor Zurückweisung, aus Anpassung an die Konvention. Und gerade bei ihm hatte sie immer wieder ein ganz besonderes Maß an geistiger und emotionaler Übereinstimmung gewittert, hatte insgeheim seine Nähe gesucht, während sie ihn zum Teufel schickte, hatte mit versunkener Zärtlichkeit seine feingliedrigen Hände betrachtet und sich gewünscht, sie berühren zu dürfen … Trotzdem war kein Fünkchen Hoffnung auf etwas Beginnendes in ihr, als sie nun stockend ihre Worte hervorbrachte. Es war der Wunsch, etwas klar zu stellen, sich zu etwas zu bekennen, was ihr Verhalten stets heftig abgestritten hatte. Der Wunsch, den Menschen, der ihr so viel bedeutete, nicht mit einer Lüge ziehen zu lassen und selbst nicht an dieser unausgesprochenen Liebeserklärung zu ersticken. Aber andererseits kein Risiko einzugehen, denn für den Beginn einer Beziehung war es ja zu spät.

Es war neu für sie, einem Mann als erste ihre Liebe zu gestehen, noch dazu aus einer reichlich nüchternen Situation heraus, ohne dass eine Geste der Vertrautheit vorausgegangen wäre. Da jegliche Intimität zwischen ihnen fehlte – selbst das »Du« war erst vor kurzem eingeführt worden - war die einzige Möglichkeit, sich mitzuteilen, die Sprache.

Schon nach den ersten Worten fühlte sie sich unbehaglich und hätte sich gern zurückgezogen. Dann, weil sie merkte, ihr Mut würde nicht lange ausreichen, sprach sie schneller und begann gleichzeitig zu zittern.

Claude stand am Fenster, zog an seiner Zigarette, schaute mit gesenktem Blick vor sich hin und schwieg ein paar bange Augenblicke, nachdem sie geendet hatte. Dann hob er den Kopf, blickte sie an und antwortete mit der Frage: »Bist du glücklich in deiner Ehe?«

Sie schüttelte leicht den Kopf, entgegnete, dass sie nicht unglücklich sei, auch keine übertriebenen Erwartungen habe – aber es schien ihr unpassend, in diesem Zusammenhang davon zu sprechen, es sei denn, er sah den Grund ihrer Zuneigung zu ihm in ihrer Unzufriedenheit mit ihrem Mann – und das traf nicht zu. Sie befürchtete auf einmal, dass sie in dem Bemühen, Missverständnisse zu beseitigen, vielleicht erst recht welche geschaffen hatte. Als es plötzlich an der Tür klopfte und ein Besucher kam, wusste sie noch immer nicht, wie Claude zu ihr stand, hatte inzwischen auch allen Mut zu einem weiteren Gespräch und zur Entgegennahme einer mehr oder weniger verblümten Antipathie-Erklärung verloren und hätte am liebsten die Unterbrechung durch den Besucher zu einem schnellen Abgang genutzt. Doch bevor Claude zur Tür ging, um sie zu öffnen, legte er ihr eine Hand auf den Arm und bat sie sehr eindringlich: »Bitte bleib, bis er gegangen ist!«

Es wurde eine äußerst quälende Wartezeit. Sie saß auf Claudes Schreibtischstuhl und rauchte, konnte sich weder am Gespräch der beiden Männer beteiligen, noch war sie fähig, aufzustehen und nach Hause zu gehen, was sie für richtig gehalten hätte, zumal ihr Mann sie erwartete.

Als sie endlich wieder allein waren, erhob sich Rose abrupt und sagte: »Ich glaube, ich muss jetzt wirklich gehen.«

Claude machte ein paar Schritte auf sie zu. Mit dem Ausdruck von Resignation hob er die Hände und legte sie ganz sacht auf ihre Schultern. So standen sie reglos.

Ein merkwürdiger Widerstreit von Gefühlen spielte sich in ihr ab. Von der ersten Berührung an drängte ihr Körper sofort nach mehr. Im selben Moment vollzog sich diese Spaltung ihres Bewusstseins, der sie in den folgenden Jahren immer wieder begegnen sollte: Ein Teil von ihr ließ sich treiben zwischen dem Genuss des Augenblicks und dem Vorwärtsstreben. Ein anderer Teil stand neben ihr, beobachtete und verurteilte sie, als gehöre er nicht zu ihr. Durch diesen Teil sah sie sich wie in einem Film, gespannt auf die nächste Szene, kritisierend, moralisierend. Dieser Teil sagte ihr auch, dass sie nun die Missverständnisse auf die Spitze getrieben habe, dass sie diesen Menschen gegen seine Überzeugung, allein durch die Erregung von Mitleid in eine Situation gedrängt habe, die so gar nicht zur Beendigung einer Bekanntschaft passte und den Abschied nur erschwerte.

Ihre andere Bewusstseinshälfte und ihr Körper überließen sich seinen Händen mit unaussprechlichem Genuss. Er hielt sie sanft im Arm. Ihre Lippen berührten leicht seinen Hals. Endlich machte sie sich los, um in seine großen braunen Augen zu sehen. Sie fand weder Spott noch Mitleid noch Überlegenheit, sondern den gleichen Ernst, die gleiche Erschrockenheit, die sie auch empfand – und dann küssten sie sich lange und zart, fast scheu. Ihr kritisches Ich verlor an Kraft, das Drängen und Brennen in ihrem Körper wurde zu stark, es zählte nichts mehr neben diesem Mann, den sie aus einer fernen Zeit engster Vertrautheit wiederzuerkennen schien. Er berührte sie mit einer Zärtlichkeit, von der sie schon immer geträumt – und die sie manchmal bei ihm vermutet hatte. Sie war seinen Händen sofort ausgeliefert, viel zu schnell bereit, sich völlig aufzugeben. Als sein Streicheln ihre Brüste erreicht hatte, kurz bevor sie ganz aufgehört hätte zu denken, meldete sich lautstark ihre Vernunftseite. Rose verstand deren Begründungen nicht ganz, aber die Heftigkeit der Einmischung reichte aus, sie in Panik zu versetzen. Mit einem Ruck löste sie sich aus der Umarmung, warf ihre roten Locken zurück und wehrte sich entschieden gegen seine Bitte, noch zu bleiben, lief zur Tür, die er ihr widerstrebend aufschloss, während er traurig und verständnislos sagte: »Ich möchte dich doch nur in den Armen halten.«

Welchen Strom von Gefühlen diese Begegnung auslösen würde, hätte Rose sich nicht vorstellen können, selbst nicht in Zeiten der hoffnungsvollsten Träume. Sie lief wie im Nebel herum, verrichtete mechanisch ihre Pflichten, sprach mit Leuten, während sie durch sie hindurchsah. Nach außen war sie wie erstarrt und hatte doch noch nie solch brodelndes Leben in sich gespürt. Alle Ereignisse verblassten neben diesem einen, überragenden. Nichts war so wichtig, wie diesem Gefühl nachzuspüren, das ihr von der Umarmung blieb.

Ein paar Tage lang waren sie ohne Kontakt. Keiner von ihnen traute sich, den anderen zu Hause anzurufen, noch ihn einfach im jeweiligen Arbeitszimmer zu überraschen. Dann rief sie ihn unter seiner Büronummer an – oder er sie? Jedenfalls hatten sie beide gleichzeitig die Absicht, miteinander zu telefonieren. Sie verabredeten ein Treffen und saßen am nächsten Tag im Jardin des Tuileries bei Kaffee und Eis. Nun begann Claude zu sprechen, dankte ihr für die Worte, zu denen er nicht den Mut gefunden hätte, beschrieb sein Bild von ihr und ihre Anziehungskraft auf ihn.

»Du hast so viele Seiten«, sagte er mit warmem Blick auf sie, »du bist eine Persönlichkeit, du bist eine Intellektuelle, vor allem aber bist du eine großartige Frau«.

Ihr lag viel daran, seine Meinung über sie zu hören, doch dieses Treffen sah sie zunächst noch als eine abschließende Besprechung des Geschehenen an – obwohl auch er von starken Gefühlen für sie sprach -, glaubte noch, sich irgendwie aus der Schlinge ziehen zu können, ihre Ruhe zu retten, ihr Gewissen nicht weiter zu belasten. Es war ja ohnehin zu spät für einen Anfang – es sollte ein Ende sein. Die guten Vorsätze erwiesen sich als unhaltbar. Obwohl der weiße Gartentisch als Schranke zwischen ihnen stand, spürte sie die Nähe seines Körpers auf sich wirken. Es blieb sich gleich, wer schließlich den Vorschlag zum Spazieren gehen machte, sie suchten beide die Abgeschiedenheit mit solcher Zielstrebigkeit, dass ihr über ihre wirklichen Wünsche kein Zweifel mehr blieb. In ihrer Ungeduld schien ihr das unverfängliche Gespräch im Park viel zu lang fortgesetzt und schließlich sagte sie ihm, es sei verdammt schwer, so neben ihm herzugehen. Da legte er wieder mit dem gleichen Zögern wie beim ersten Mal die Arme um sie, zog sie dann fester an sich. Sie drängte sich an seinen Körper mit einer Heftigkeit und Leidenschaft, die er staunend erwiderte mit den Worten: »In dir steckt wirklich unter zwei Zentimetern Schnee ein heißer Vulkan.«

Je mehr sich seine anfängliche Zurückhaltung verlor, je drängender seine Hände sie berührten, desto ängstlicher wich sie aber zurück. So, als müsste immer einer von ihnen noch etwas Vernunft bewahren, als dürfe sie diese Verantwortung nur aufgeben, wenn er sie offensichtlich übernommen hatte. Sie verirrten sich im Park, was ihnen in dieser Situation ganz natürlich erschien. Das schlechte Gewissen wuchs. Keiner von ihnen konnte sich über die Untreue dem zu Hause wartenden Partner gegenüber hinwegsetzen. Sie wussten, auch ohne den letzten Schritt – den Rose immer noch glaubte verhindern zu können – war ihre Begegnung eine große Verfehlung. Obwohl sie es bisher nicht ausgesprochen hatten, schien es beiden selbstverständlich, dass die bestehenden Bindungen unter diesem neuen Erlebnis nicht leiden dürften.

Er bekräftigte diese stillschweigende Abmachung: »Wenn wir jetzt trotz allem an unseren Ehen festhalten, so hoffe ich nur, dass sie nicht eines Tages aus weit weniger wichtigen Gründen zerbrechen.«

Es blieben nur noch wenige Tage bis zu seiner Abreise und Rose, zumindest der eine Teil in ihr, bildete sich immer noch ein, damit sei dann der Schlussstrich gezogen. Bei ihrem nächsten Treffen, im Jardin du Luxembourg, waren sie wieder nicht vor Zuschauern sicher. Aber sie erklärte ihm, auch unter anderen äußeren Umständen würde sie nicht weiter gehen wollen, als sie bisher gegangen waren, »um aus einer guten halben Sache keine schlechte ganze zu machen.«

Ob sie sich vor Gewissenskonflikten fürchtete oder vor zu starker Bindung oder vor einer Enttäuschung und Zerstörung der bis dahin unfassbar schönen Harmonie – bei allen vernünftigen Vorbehalten straften die Reaktionen ihres Herzens und ihres Körpers sie Lügen. Sie zitterte am ganzen Leib, wenn er sie berührte und mit allen Sinnen saugte sie durstig auf, was er ihr bot: Den Klang seiner weichen Stimme, den Glanz seiner großen, dunklen und tiefen Augen, den aufregenden Duft seiner Haut, den sanften Druck seiner vollen Lippen. Alle diese Wahrnehmungen drangen in sie ein wie ein schleichendes Gift. Nach jeder dieser drei Begegnungen spürte sie die Wirkung verheerender werden, nach jedem Abschied stieg das Verlangen nach ihm.

Die vierte Zusammenkunft sollte die letzte werden. Er hatte schon lange zuvor eine kleine Abschiedsfeier mit ein paar Kollegen geplant, zu der Rose auch eingeladen war. Nach tiefem Grübeln zu Hause, und nachdem sie begriffen hatte, dass sie diese überfallartige Sehnsucht nach ihm nicht mehr bezähmen konnte, hatte sie alle Vernunft, allen Widerstand aufgegeben. In einem unbeobachteten Augenblick teilte sie ihm mit: »Ich weiß jetzt, dass ich alles will!«

Die Feier wurde zur Qual für beide. Ihre sonst so geschätzten Kollegen erschienen ihnen wie lauernde Feinde. Sie fürchteten, sich zu verraten, wenn sich ihre Knie unter dem Tisch trafen. So früh wie möglich brachen sie auf, schafften es, alle Begleiter abzuschütteln, überwanden ihre letzten Skrupel und fuhren in ihrem Auto zu ihrer, durch einen schicksalhaften Zufall derzeit sturmfreien Wohnung in der Rue Vaugelas. Sie fieberte nach seinen ersten Zärtlichkeiten, seine Küsse machten sie schwindelig. Und wieder war Rose die Ungeduldigere, kaum hatten sie sich gesetzt, sprang sie auf mit den Worten: »Ich halte das nicht mehr aus!«, löste die Schleife ihres Wickelrocks und begann, sich zu entkleiden, zunächst nur von dem einen, glühenden Verlangen getrieben, ihren Körper seinen Blicken auszuliefern, nackt vor ihm zu stehen und zu sagen: »Sieh mich an.«

Und er sah sie an, ihre kleine, zierliche Gestalt, ihr rundes Gesicht mit der hellen Haut und einzelnen kleinen Sommersprossen auf der Nase, umrahmt von einer Mähne roter Locken. Er studierte die großen, grünen Augen und die schmalen Lippen, sein Blick blieb hängen an ihren kleinen, weichen Brüsten, den geschwungenen Linien ihrer Taille und Hüften, den schlanken Beinen, den kleinen Füßen. Und wieder nach oben wanderten seine Augen, bis sie sich in ihrem grünen Blick verfingen und ihn festhielten.

Sie umarmten sich wild und zärtlich zugleich, bei aller Leidenschaft mit größter Behutsamkeit. Um ihren Genuss, das merkte sie bald, brauchte sie nicht besorgt zu sein. Er ging so achtsam mit ihr um, wie noch nie ein Mann zuvor. Was sie aber am meisten aufwühlte, war seine erstaunlich sanfte Zärtlichkeit. Als seine Finger sachte wie ein Hauch über ihr Gesicht tasteten, spürte sie die angestaute Sehnsucht ihres bisherigen Lebens nach Liebkosung und Angenommensein über sich hereinbrechen. Tränen liefen ihr über die Wangen, sie verbarg ihr Gesicht an seinem Hals, fühlte sich weich wie nie und genoss das Glück, schwach sein zu dürfen ohne die Angst, verachtet zu werden.

Sein Aufbruch war hektisch und brachte ihr brutal den bevorstehenden Abschied ins Bewusstsein. Sie fuhr ihn noch nach Hause – zumindest in die Nähe seiner Wohnung in der Rue Liancourt, setzte ihn aber in der Avenue du Maine ab – sie sprachen nicht viel, beide hilflos vor diesem Ansturm von Glück und Verzweiflung zugleich. Unter Zeitdruck fiel der Abschied sehr knapp aus, sie schaute ihm nach, seiner großen, kräftigen Gestalt, seinem gesenkten Kopf mit den kurzen, blonden Haaren, bis er um die Straßenecke gebogen war und fuhr langsam nach Hause zurück, vorbei am Tour Montparnasse, über den Boulevard du Vaugirard. Seit Tagen herrschte trockenes, warmes Wetter, auf den Straßen und Plätzen flanierten zu dieser frühen Abendstunde viele Paare, Familien und Gruppen von jungen Leuten. Rose nahm sie nicht wahr, lenkte das Auto mechanisch durch die Straßen, landete schließlich wieder in der Rue Vaugelas, in der ihr vorheriger Parkplatz wie durch ein Wunder noch leer stand.

Warum sie dann über drei Wochen nichts mehr voneinander hörten? Gut, sie war in der Zeit mit ihrem Mann Gilbert im Urlaub in der Provence, aber gab es keine Möglichkeit, Claude anzurufen? Kannte sie die Nummer an seinem neuen Arbeitsplatz noch nicht? Oder brauchte sie eine Denkpause, um zu entscheiden, ob und auf welche Art sie die Beziehung fortsetzen könnte?

Während des Urlaubs unternahm sie immer wieder anstrengende Versuche, allein zu sein und ihren Gedanken und Erinnerungen nachzuhängen. Es gelang ihr selten, Gilbert wollte möglichst viel Zeit mit ihr verbringen. In den wenigen Ruhestunden jedoch musste sie feststellen, dass sie dem Kampf in ihrem Innern kaum gewachsen war. Das Verlangen nach Claude war ständig da, unaufhörlich spürte sie das Drängen in ihrem Körper, fühlte sich wunderbar reich durch das neue Gefühl, zu lieben und geliebt zu werden und dass es einen Menschen in ihrem Leben gab, dem sie sich zu öffnen wagte, dem sie von ihren geheimsten Gedanken erzählen wollte, dem sie vertraute. Seine sanften Finger auf ihrem Gesicht, die sie immer noch spürte, schienen wie ein Versprechen: Ich werde dir nie wehtun.

Die Gründe der Vernunft ließen sich ebenso wenig überhören: Die Gewissheit der zu erwartenden Konflikte in ihrem Umfeld, die Belastung, ein Unrecht zu tun.

Erstaunlicherweise schien ihre Ehe von all dem kaum gestört zu werden. Ihr schlechtes Gewissen trieb sie zu besonderer Aufmerksamkeit ihrem Mann gegenüber und sie achtete sorgfältig darauf, dass er nicht zu kurz kam. Es kostete sie aber keine große Mühe, diese beiden, für sie völlig unterschiedlichen Welten voneinander getrennt zu halten. Seit jeher gewohnt, sich nach außen zu verschließen, gab sie offenbar auch ihrem Mann keinen Anlass zu Zweifeln. Er schien die grundlegende Veränderung in ihr nicht wahrzunehmen. Sie hatten für ihren Urlaub in der Nord-Provence die Stadt Montélimar im Rhônetal als Standort gewählt. Von dort machten sie Ausflüge zum Renaissanceschloss Grignan, nach Nyons und Bollène, auch bis nach Orange. Aber Rose wehrte vehement Gilberts Vorschlag ab, Avignon zu besuchen. Sie habe keine Lust auf Touristen und altes Gemäuer, gab sie vor, und drängte Gilbert zu Wanderungen im Grünen und zu Autotouren in kleine Städtchen.

An einem ihrer ersten Arbeitstage erhielt Rose in ihrem Büro einen Anruf von Claude. Sie war gerade nicht allein im Raum, konnte also nicht so sprechen, wie sie wollte, machte sich große Sorgen, ob er die äußeren Umstände erahnen konnte oder ihren Ton als verletzend empfand. Er gab ihr seine dienstliche Telefonnummer durch und sobald es ihr möglich war, verließ sie das Bürogebäude und rief ihn von einer Telefon