Opfern am Mittag - Helga Brehr - E-Book

Opfern am Mittag E-Book

Helga Brehr

0,0

Beschreibung

Den Erfolg ihrer Kunstausstellung in Kassel hätte Kristina niemals erwartet. Nicht mal ihrer Familie hatte sie Bescheid gesagt, doch der Kontoauszug bestätigt das Gelingen ihres Wagnisses. Als auch noch Tochter Irene ein Vorstellungsgespräch beim Pharmakonzern ARTIS hat, könnte es der Mutter eigentlich nicht bessergehen. Dass der mögliche Vorgesetzte ihrer Tochter deren heimlicher Schwarm ist, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. All das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Spontan entscheidet sie sich, Irene zum Bewerbungsgespräch nach Augsburg zu begleiten, um ihrem Mann, der ebenfalls bei ARTIS arbeitet, einen Überraschungsbesuch abzustatten. Eine Entscheidung, die schicksalhafte Ereignisse mit sich bringt und ein Leben, das sich für immer verändern wird. Helgas Brehrs einfühlsame Novelle basiert auf der Tragödie "Iphigenie in Aulis" und erzählt auf's Neue den Drang der Menschheit sich oder andere zu opfern. Ob man eigene Ziele verfolgt oder für das Wohl seiner Mitmenschen besorgt ist – die Entscheidung, ein Opfer zu bringen, ist stets ein moralisches Dilemma. Erst recht, wenn die Opfer Teil der Pharmaindustrie des 21. Jahrhunderts sind. Und wenn es die eigene Gesundheit betrifft? Wie würden Sie sich entscheiden? Würden Sie auch opfern am Mittag?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 96

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme.Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buch in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2017© Größenwahn Verlag Frankfurt am Main, 2017www.groessenwahn-verlag.deAlle Rechte vorbehalten.ISBN: 978-3-95771-130-4eISBN: 978-3-95771-131-1

Helga Brehr

Opfern am Mittag

Novelle

IMPRESSUM

Opfern am Mittag

Reihe: 21

AutorinHelga Brehr

SeitengestaltungGrößenwahn Verlag Frankfurt am Main

SchriftConstantia

CovergestaltungMarti O´Sigma

CoverbildMarti O´Sigma ›Am Mittag‹

LektoratThomas Pregel

Druck und BindungPrint Group Sp.z.o.o. Szczecin (Stettin)

Größenwahn Verlag Frankfurt am MainMärz 2017

ISBN: 978-3-95771-130-4eISBN: 978-3-95771-131-1

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden.Etwaige Übereinstimmungen mit der Realität wären rein zufällig.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Nachwort:

BIOGRAPHISCHES

Aus dem Verlagsprogramm

Kapitel 1

Kristina Töpfer hält die Kontoauszüge in der Hand, die der Automat gerade ausgespuckt hat. Ein heißes Kribbeln steigt ihr in den Kopf. Zum ersten Mal in ihrem einundfünfzigjährigen Leben hat sie durch eigene Arbeit solche Summen verdient. Sie starrt versunken auf die fünfstelligen Zahlen, hört nichts von dem Geratter der anderen Automaten in der Schalterhalle, von dem leisen Stimmengewirr, bemerkt nicht die Zugluft, die ihren Rücken streift, wenn sich die großen Glastüren öffnen, sie nimmt nicht einmal den Bratwurstgeruch wahr, der durch die Türen dringt und der sie bei Aufenthalten in dieser Bank im Zentrum von Kassel sonst immer so stört.

Es ist Dienstag, der 18. Oktober 2011, kurz nach zehn Uhr, sie ist auf dem Weg vom Einkaufen an der Bank vorbeigekommen und hat der Versuchung nicht widerstehen können, einen Blick auf ihre Kontoauszüge zu werfen. Noch zweifelnd, ob die Überweisungen für den Verkauf ihrer Skulpturen bereits eingetroffen seien, hat sie die Halle mit den Automaten betreten. Die Ausstellung ihrer Werke lief die ganze vergangene Woche. Während dieser Zeit schaute sie staunend zu, wie einer Skulptur nach der anderen ein roter Punkt aufgeklebt wurde. Insgesamt vierzehn Objekte hat sie verkauft, und nun sind schon mehr als die Hälfte davon bezahlt.

Kristina steckt die beiden wertvollen Zettel in ihre Handtasche und geht langsam, mit erhobenem Kopf, hinaus durch die Schiebetür, die sich leicht zischend hinter ihr schließt. Sie dreht sich nach links, von den Wurstbuden weg, und schlendert langsam den Gehweg entlang, vorbei an Schaufenstern mit Schuhen, Taschen und Arzneimitteln. Mit abwesendem Blick schaut sie hinein, ohne wirklich wahrzunehmen, was dort ausgestellt ist.

Dann sieht sie ihr eigenes Spiegelbild in der Scheibe, ihre mittelgroße Statur, die schlanken Beine, den leicht gerundeten Bauch, den vollen Busen. Ihr wird erneut bewusst, wie feminin sie wirkt. »Und das bin ich ja auch«, denkt sie, im Grunde sogar hoffnungslos romantisch. Ihre Lieblingskomponisten sind Brahms, Chopin und Tschaikowski, und sie liest gelegentlich gerne einen melodramatischen Liebesroman.

Trotzdem hat sie auch etwas Energisches an sich, eine zupackende und entschlossene Seite. Wie könnte sie sonst harte Steine bearbeiten? Es braucht Kraft und Klarheit, Überflüssiges wegzuschlagen, Konturen herauszuarbeiten. Konturen, die allerdings überwiegend weiche, fließende Formen haben, wie bei Gerald Moore, ihrem großen Vorbild.

In letzter Zeit jedoch hat sie ihren Skulpturen mehr und mehr etwas Eckiges und Kantiges gegeben. Als sie an diesem Morgen ihr eigenes Gesicht im Badezimmerspiegel betrachtete, kam ihr die Idee, dass es eine Parallele zu dieser Tendenz geben könnte: Ist nicht ihr früher eher volles und rundliches Gesicht etwas markanter geworden? Kommen nicht die kräftigen Wangenknochen stärker hervor? Wirken die vollen Lippen nicht etwas trotziger? Und haben die sanften braunen Augen nicht einen leidenschaftlichen Ausdruck bekommen, seit sie sich wieder mehr mit der Kunst beschäftigt?

In den welligen braunen Haaren hat sie heute die ersten Silberfäden entdeckt und mit Überzeugung beschlossen, sie auf keinen Fall wegfärben zu lassen, ebenso wenig wie sie die langsam tiefer gehenden Falten um Mund und Augen unterspritzen lassen würde.

Während sie noch immer vor dem Schaufenster steht, kreisen ihre Gedanken um das Geld auf ihrem Konto. Und um ihren Durchbruch in der Bildhauerei. Die erste große Anerkennung. Soll sie Anton davon erzählen?

Er, der ihre künstlerische Arbeit immer ein bisschen belächelt hat als Freizeitbeschäftigung, als Bastelei, als nettes Hobby – würde er sich freuen über ihren Erfolg? Oh nein! Erfolg ist seine Sache. Seine Frau soll sich mit hübschen Dingen umgeben und ansonsten für ihn da sein – wenn er denn auftaucht. Nie hat er einen wirklich anerkennenden Blick oder ein positives Wort für ihre Skulpturen. Seit längerer Zeit schon hat sie ihm ihre Werke weder gezeigt noch mit ihm darüber gesprochen. Wenn er nach Hause kommt, will er selbst erzählen und möglichst nicht unterbrochen werden. Kristina spürt auch, dass Anton ihr keineswegs ein eigenes Einkommen gönnt. Er ist der Versorger der Familie, und er verdient genug. Sie hat es nicht nötig, von anderen außer ihm Geld zu bekommen. Kristina hat den Verdacht, sie soll von ihm abhängig sein und dadurch nach seinen Wünschen manipulierbar.

Als Jutta, eine ehemalige Studienkollegin von der Kunstakademie, die in der Kasseler Innenstadt eine Galerie betreibt, sie zum wiederholten Mal aufforderte, ihre Werke bei ihr auszustellen, sagte Kristina diesmal aus einer unerklärlichen Laune heraus ja. Aber sie erzählte weder ihrem Mann noch ihren Töchtern davon. Die Gefahr, dass jemand aus ihrer Familie sich in eine Galerie verirrt, ist sehr gering. Und die kurze Ankündigung im Kulturteil der Zeitung las auch keiner ihrer Lieben.

An dem Tag, als Kristina ihre Arbeiten in die Galerie brachte, hätte sie mit einem so durchschlagenden Erfolg niemals gerechnet. Nun steht sie vor dem Dilemma: Weiterhin schweigen und aus ihrer Künstlerkarriere, die nach so vielen Jahren endlich in Gang zu kommen scheint, ein Geheimnis machen? Oder die Karten auf den Tisch legen und Anton sagen: Ich habe Erfolg, und ich mache weiter. Ich lasse mich nicht mehr auf die Rolle als deine Ehefrau reduzieren.

Ist sie sich sicher genug, dass es ihm nicht gelingen würde, sie von ihrem Vorhaben abzubringen?

Grübelnd überquert sie die Straße, übersieht fast, dass ein Bus sich von der Haltestelle aus in Bewegung setzt, springt zurück und führt dann bedächtig ihren Weg fort.

Sie findet zu keiner Entscheidung.

Sie weiß nicht, dass bei ihrer nächsten Begegnung mit Anton weit brisantere Ereignisse im Vordergrund stehen werden und sie sich daher im Moment ganz umsonst den Kopf zerbricht.

Kapitel 2

Kristina Töpfer parkt ihr Auto beim Herkulesdenkmal, einem der Wahrzeichen von Kassel.

»Nun lasst uns noch einen schönen Abendspaziergang machen«, sagt sie zu ihren beiden Töchtern Irene und Erika, nachdem sie ausgestiegen sind. Die beiden Schwestern haben während der Fahrt schweigend im Auto gesessen, jede in ihre Gedanken vertieft. Kristina hat Irene, die fertige Studentin, die neben ihr auf dem Beifahrersitz saß, mit vorsichtigen Blicken gestreift und Erika auf dem Rücksitz im Spiegel beobachtet. Die jüngere Erika mit dem braunen Lockenkopf geht noch zur Schule und soll im nächsten Jahr das Abitur machen. Kristina schaut, während sie beide Töchter unterhakt, lächelnd auf ihr fröhliches, warmherziges Mädchen, das so munter plaudern kann, manchmal etwas vorwitzig ist und häufig zu emotional reagiert, aber offen und natürlich auf jedermann zugeht, einen großen Freundeskreis besitzt und zu Hause ungeniert über ihre Flirts und Eroberungen erzählt. Ganz anders Irene: Größer und schlanker als ihre Schwester, wirkt sie mit ihrem schmalen Gesicht, mit ihren nachdenklichen grau-blauen Augen, den hochgesteckten dunkelblonden Haaren und den dünnen Lippen eher verschlossen und intellektuell. Kristina weiß, dass hinter der kühlen Fassade ihrer älteren Tochter durchaus tiefe Gefühle schlummern, aber vor allem Ernsthaftigkeit und Gerechtigkeitssinn. Im Gegensatz zu der mit sprudelnder Lebendigkeit und lauter Stimme erzählenden Erika spricht Irene leise und wählt ihre Worte mit Bedacht. Selbstsicher tritt sie in rationalen Bereichen auf, aber Kristina macht sich Sorgen, weil Irene in Gefühlsdingen so ungeschickt, fast klotzig wirkt und mit Liebesbeziehungen weit weniger Erfahrung zu haben scheint, als die um sieben Jahre jüngere Erika. Nur wenn sie mit Kristina allein ist, spricht Irene offen über ihre geheimen Gedanken und Gefühle, vertraut der Mutter ihre Unsicherheit an und fragt sie immer wieder um Rat. Kristina genießt einerseits das Vertrauen und die Zuwendung ihrer älteren Tochter, fragt sich jedoch manchmal, ob sie nicht zu egoistisch deren Unselbständigkeit fördert. Irene ist jetzt fünfundzwanzig, sie hat mit Fleiß, Gewissenhaftigkeit und glänzendem Erfolg in Berlin und London Marketing sowie Business and Administration studiert, mit dem Master-Examen abgeschlossen und wartet nun auf Einladungen zu Vorstellungsgesprächen, nachdem sie unzählige Bewerbungen abgeschickt hat. Die heutige Mail ihres Vaters ist wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen – ein in jeder Hinsicht erfreulicher Blitz. Ein Job als Assistentin des Marketingchefs im Bereich Impfstoffe wird ihr in Aussicht gestellt! Von einer so hoch dotierten Stelle kann eine Anfängerin eigentlich nicht einmal träumen! Aber Kristina weiß, fast noch wichtiger ist für Irene der zweite Punkt: Ihr Vorgesetzter, dem sie direkt zuarbeiten soll, wäre Achim Neumann!

Sie lernte ihn in der Firma ihres Vaters auf einem dieser Betriebsfeste kennen, zu dem die Belegschaft ihre Familienangehörigen mitbrachte. Er ist zehn Jahre älter als Irene, aber ungebunden und äußerst charmant. Sie redeten miteinander, tanzten, flirteten. Irene verliebte sich Hals über Kopf. Die Familie konnte es ihr deutlich ansehen. Nur Achim Neumann schien nichts von Irenes Gefühlen zu merken, blieb locker und unverbindlich. Das liegt nun schon über ein Jahr zurück. Irene hat in London hart für ihr Studium gearbeitet, aber Achim Neumann nie vergessen. Seit sie wieder zu Hause in Kassel ist, hat sie, wie sie ihrer Mutter erzählte, umso mehr an ihn gedacht und bereits geplant, ihren Vater einmal in der Firma in Augsburg zu besuchen, wo sich hoffentlich eine Gelegenheit ergeben würde, Achim Neumann wiederzusehen.

Und dann kommt diese Mail!

»Offenbar erfüllt dir dein Vater alle deine Wünsche«, meint Kristina lächelnd und schaut Irene von der Seite an. »Soweit ich weiß, magst du Achim Neumann ganz gern.«

»Mögen?«, ruft Erika. »Sie ist heimlich in ihn verknallt!«

»Liebe kleine Schwester, könntest du dich mit deinen Bemerkungen ein bisschen zurückhalten? Es geht hier um meinen zukünftigen Job, nicht um meinen zukünftigen Ehemann!«

»Die Mail lässt aber durchblicken, dass Herr Neumann ausdrücklich dich als Assistentin möchte«, wirft Kristina ein, obwohl sie weiß, dass Irene im Beisein ihrer Schwester nicht über ihre Hoffnungen sprechen wird.

»Eben!«, ruft Erika wieder aufgeregt. »Er will dich! Sonst würdest du niemals eine solche Stelle angeboten bekommen!«

»Du siehst zu viele Liebesfilme, Schwesterchen. So gut kennen Achim Neumann und ich uns gar nicht. Wir haben uns nur einmal gesehen.«

Die drei Frauen haben begonnen, die unendlich vielen Stufen unter dem Herkulesdenkmal herabzusteigen. Neben ihnen plätschert Wasser bergab, unten liegt das Schloss Wilhelmshöhe und davor der Park mit prächtigen Bäumen und Büschen.

Als sie auf der Rasenfläche vor dem Schloss angelangt sind, zupft Irene ein Blatt von einem der großen Ginkgobäume und sagt: »Ich möcht’ morgen sehr früh losfahren und mich heute Abend noch auf das Vorstellungsgespräch vorbereiten. Deshalb würd’ ich jetzt lieber wieder umkehren.«

»Du glaubst doch wohl nicht, dass ich dich in einer so wichtigen Stunde deines Lebens allein lasse?«, wirft Kristina Töpfer ein. »Ich hätte Angst, dass du vor lauter Aufregung morgen auf der Autobahn einen Unfall baust. Ich fahr’ mit dir, dann komm’ ich auch mal wieder nach Augsburg.«

Die Besorgtheit um die Tochter ist nur ein Grund, weshalb Kristina ihre Begleitung anbietet, ja sogar aufdrängt. Bisher hat sie ihren Mann nie unangemeldet in seiner Firma besucht. Nun bietet sich eine Gelegenheit, ihn zu überraschen. Sie weiß selbst nicht genau, warum sie das will. Ihre vage Vermutung, dass er Geheimnisse vor ihr hat, besteht schon länger. Hängt es mit ihrem künstlerischen Erfolg zusammen, dass sie nun plötzlich den Mut in sich spürt, diesen ungewissen Ahnungen auf den Grund gehen zu wollen?