Ein Russischer Roman - Meir Shalev - E-Book

Ein Russischer Roman E-Book

Meir Shalev

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Beschreibung

Baruch blickt zurück auf seine Kindheit in einer kleinen Siedlung in der Jesreel-Ebene, im heutigen Israel. Humorvoll werden die einzelnen Dorfbewohner charakterisiert: der konspirative Rilow, der am liebsten noch die Geburt seiner Tochter geheimhalten will; Fejge, um die sich die wildesten Gerüchte ranken; Baruch selbst, der Lauscher an der Wand, der von seinem Großvater allein erzogen wird...

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Seitenzahl: 658

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Meir Shalev

Ein Russischer Roman

Aus dem Hebräischen vonRuth Achlama

Titel der 1988 im Am Oved Verlag, Tel Aviv,

erschienenen Originalausgabe:

›Roman russi‹

Copyright © 1988 by Meir Shalev

Die deutsche Erstausgabe erschien 1991

im Diogenes Verlag

Umschlagillustration:

Paul Cézanne, ›Portrait de Louis-Auguste Cézanne‹, 1866

National Gallery of Art, Washington,

Sammlung von Mr.und Mrs.Paul Mellon

Foto: Copyright © Board of Trustees,

National Gallery of Art, Washington

Alle deutschen Rechte vorbehalten

Copyright © 2014

Diogenes Verlag AG Zürich

www.diogenes.ch

ISBN Buchausgabe 978 3 257 22586 0 (8. Auflage)

ISBN E-Book 978 3 257 60604 1

Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.

[5] 1

Eines Nachts im Sommer fuhr der altgediente Lehrer Jakob Pines aus dem Schlaf hoch. »Ich fick Liebersons Enkelin!« hatte jemand draußen gerufen.

Unverschämt, laut und klar stieg der Schrei zwischen den Kronen der Kanarischen Kiefern am Wasserturm empor, schwebte einen Augenblick raubvogelgleich auf der Stelle, ehe die Worte auf den Erdboden des Dorfes niederschossen. Ein schmerzlich wohlbekannter Schauder durchzuckte das Herz des alten Lehrers. Wieder einmal hatte nur er den abscheulichen Schrei gehört.

Lange Jahre war er nun schon emsig bemüht, Ritzen zu verstopfen, Risse zu flicken, beherzt in die Bresche zu springen. »Wie dieser holländische Junge da, den Finger im Schleusenloch«, pflegte er von sich zu sagen, sobald er wieder gegen eine neue Gefahr anstürmte. Fruchtfliegen, Staatslotterie, Rinderzecken, Anophelesmücken, Heuschreckenschwärme und Jazz bäumten sich wie schwarze Wogen um ihn auf, zerstoben an seinem Brustkorb, rannen in trüben Gischtfetzen an ihm herab.

Pines setzte sich im Bett auf und strich sich mit den Fingern übers Brusthaar, voll Wut und Verwunderung, daß das Dorfleben weiter seinen Gang ging, obwohl solche Unverschämtheit ihre häßliche Fratze in aller Öffentlichkeit zeigte.

Der ganze Moschaw schlummerte, wie die Leute der Jesreelebene sagen – Maultiere und Milchkühe in den Kuhställen, Legehennen im Hühnerhaus, die Menschen des Geistes und der körperlichen Arbeit in ihren bescheidenen Betten. Wie eine alte Maschine, deren Teile sich schon aufeinander eingeschliffen haben, war das Dorf nicht aus seiner nächtlichen Routine zu bringen. Euter füllten sich mit Milch, Trauben schwollen vor Saft, auf den Schultern der großen Kälber, die für den Transport [6] ins Schlachthaus bestimmt waren, wuchs erstklassiges Fleisch heran. Fleißige Bakterien, ›unsere einzelligen Freunde‹, wie der dankbare Pines sie im Unterricht nannte, mühten sich, die Wurzeln der Pflanzen mit frischem Stickstoff zu versorgen. Doch der alte Lehrer, ein umgänglicher Mann, der als Pädagoge für seine Geduld bekannt war, erlaubte niemandem, und gewiß nicht sich selber, auf den Lorbeeren des Erreichten auszuruhen. »Ich werde dich schon erwischen, Bürschchen«, murmelte er wütend und sprang schwerfällig aus dem Eisenbett. Mit bebenden Händen knöpfte er die alte Khakihose zu, schlüpfte in die schwarzen Arbeitsstiefel, die seinen Knöcheln Sicherheit verliehen, und zog in den Kampf. Seine Brille konnte er vor lauter Dunkelheit und Schreck nicht finden, aber das Mondlicht drang durch die Türritzen und wies ihm den Weg.

Draußen stolperte er über den Hügel eines Maulwurfs, der seiner subversiven Wühltätigkeit im Garten nachging, stand aber gleich wieder auf, wischte sich den Staub von den Knien, rief »Wer da? Wer da?« und lauschte angestrengt. Seine kurzsichtigen Augen durchbohrten die Dunkelheit vor sich, während sein großer weißhaariger Kopf eulenartig hin- und herschwenkte, als sitze er auf einer Achse.

Der unflätige Schrei kehrte nicht wieder. Wie immer, sagte er sich, er ruft nur einmal und nicht mehr.

Pines machte sich Sorgen. Die derben Worte waren ein klarer Aufruf, vom Weg abzuweichen, sich dem seichten Genuß hinzugeben, das Privatleben über alles zu stellen – kurz, ein eindeutiger Regelverstoß. Der alte Lehrer, der ›all unsere Kinder auf ein Leben des Glaubens und der Arbeit vorbereitet hat‹, mußte unwillkürlich an den großen Schokoladenraub denken, den einige seiner reiferen Schüler im Dorfladen verübt hatten, an Riva Margulis’ Kiste, die einst voll mit überflüssigen Versuchungen, ›allem möglichen Luxuskram‹ aus Rußland eingetroffen war und Genossen nebst Grundsätzen erschüttert hatte, und schließlich [7] an ›das teuflische Lachen der Hyäne, die damals – auch nur auf Hohn und Schaden bedacht – durch unsere Felder streunte‹.

Da ihm die heuchlerische Hyäne ausgerechnet jetzt einfiel, als er die Brille nicht auf der Nase hatte und halbblind umhertappte, verwandelte sich seine Sorge in Grauen. Ja er war beinah gelähmt vor jäher Angst.

Die besagte Hyäne hatte von Zeit zu Zeit die Dörfer heimgesucht – ein zur Verhetzung ausgesandter Bote aus den Welten, die sich jenseits der Weizenfelder und des blauen Gebirges erstreckten. In den vielen Jahren, die seit der Gründung des Dorfes vergangen waren, hatte der Lehrer ihr Hohngeheul mehrmals klar und schneidend aus dem Wadi emporklingen hören und war erschaudert.

Die Hyäne vermochte verheerenden Schaden anzurichten. Manchen der Gebissenen geriet der Arbeitsplan durcheinander; sie säten im Herbst die Hirse aus und beschnitten im Sommer die Reben. Anderen verwirrte sich der Verstand, sie begannen an der Sache zu zweifeln, nahmen nichts mehr ernst, ja gaben die Landarbeit sogar ganz auf – flüchteten in die Stadt, starben, verließen das Land.

Pines wußte vor Sorge nicht mehr ein und aus. Er hatte in seinem Leben schon genug Menschen vom Wege abkommen sehen – die geduckten Gestalten der Auswanderer am Hafen, die dürren Selbstmörder, die in ihren Gräbern ruhten –, war auch Abtrünnigen und Irrenden begegnet: »Diese parasitären Jerusalemer Talmudschüler, die sich von den Almosen der Diasporajuden ernähren, die Endzeitberechner aus Safed und jene kommunistischen Verführer, die Mitschurin und Lenin anhängen und die Arbeitslegion gespalten haben.« Lange Jahre nachdenklicher Prüfung hatten ihn gelehrt, wie leicht jemand aus der Bahn zu werfen war, der keine Widerstandskraft besaß.

»Vor allem wird sie Kinder angreifen, denn deren Weltanschauung ist noch nicht ausreichend gefestigt«, warnte er, wenn [8] man die Spuren des verächtlichen Geschöpfs bei den Bauernhäusern entdeckte. Die Schule müsse sofort unter Bewachung gestellt werden, forderte er. Nachts schloß er sich den bewaffneten Burschen, seinen ehemaligen Schülern, an, die auf die Felder hinauszogen, um den Unruhestifter zur Strecke zu bringen. Aber die Hyäne war schlau und wendig.

»Genau wie die übrigen Verräter, die wir gekannt haben«, sagte Pines auf der nächsten Dorfversammlung.

Als er eines Nachts draußen war, um Spitzmäuse und Laubfrösche für die naturkundliche Ecke in der Schule zu fangen, sah er die Hyäne die eingesäte Fläche jenseits der Mulde überqueren und mit dem leichtfüßig raumgreifenden Gang wilder Tiere auf ihn zukommen. Pines hielt inne, während das Tier seine orange funkelnden Augen auf ihn richtete und einen gurgelnden Lockruf ausstieß. Er sah die gesenkten großen Schultern, die schwellenden Kiefermuskeln, das getigerte Fell, das sich auf der gewölbten Wirbelsäule sträubte.

Die Hyäne beschleunigte ihren Gang, zertrampelte dabei zarte Platterbsensprossen, und bevor sie sich abwandte und von wandhohen Sorghumpflanzen verschluckt wurde, blickte sie den Pädagogen noch einmal verächtlich grinsend an, wobei sie geifernd die Zähne fletschte. Pines begriff ›das verächtliche Grinsen‹ erst jetzt, als er merkte, daß er das Gewehr vergessen hatte.

»Pines vergißt immer das Gewehr«, hatten die Bauern gesagt, sobald sie von der nächtlichen Begegnung erfuhren. Viele Jahre zuvor, kurz nach der Dorfgründung, war nämlich seine Frau Lea, mitsamt den zarten Zwillingstöchtern in ihrem Schoß, an Malaria gestorben, worauf Pines vor dem geliebten Leib, der, auch als er schon ruhig und kalt geworden war, noch grünen Schweiß ausschied, entflohen und auf das Akazienwäldchen im Wadi zugerannt war, in dem man sich seinerzeit das Leben nahm. Die ihm zur Rettung nachgeeilten Genossen fanden ihn [9] bitterlich schluchzend in den Golddisteln liegen. »Auch damals hat er das Gewehr vergessen.«

Jetzt, da in seinem bebenden Herzen die Erinnerung an das scheußliche Tier und an die tote Frau aufstieg – und an die bläulichen Embryos, die ›nicht gesündigt hatten‹ –, hörte Pines auf, ›wer da‹ zu rufen, kehrte in sein Zimmer zurück, fand seine Brille und eilte zu meinem Großvater.

Pines wußte, daß mein Großvater kaum je schlief. Er klopfte an die Tür, ohne eine Antwort abzuwarten. Als die Fliegengittertür gegen den Türrahmen schlug, wachte ich auf. Ich blickte zu Großvaters Bett hinüber. Wie immer war es leer, aber der Geruch seiner Zigarette wehte von der Küche herein.

Fünfzehn Jahre war ich damals alt. Die meisten davon hatte ich in Großvaters Baracke zugebracht. Seine Pflanzerhände hatten mich großgezogen. Seine Augen überwachten mein Wachsen und Tun, seine Lippen umwickelten mich mit dem dicken Raphiabast seiner Geschichten. ›Mirkins Waise‹ nannten sie mich im Dorf, doch Großvater, ein gutmütiger, eifriger und rächender Mann, sagte ›mein Kind‹ zu mir.

Alt und bleich war er. Als hätte er in der Kalkpaste gebadet, mit der er im Frühjahr die Stämme der Obstbäume bestrich. Von kleinem Wuchs, mit hervortretenden Adern, Schnurrbart und Glatze. Die Jahre hatten die Augen in ihre Höhlen zurücktreten lassen, bis sie nicht mehr glänzten. Nur zwei graue Nebelseen schimmerten dort.

In Sommernächten saß mein Großvater meist im verwaschenen Arbeitsunterhemd und kurzen blauen Hosen am Küchentisch, verströmte Rauchdunst und die süßen Düfte von Bäumen und Milch, ließ die von der Arbeit gekrümmten Beine baumeln und hing nachdenklich Erinnerungen und Unrecht nach. Stets schrieb er knappe Sätze auf Papierfetzen, die später wie ausschwärmende Kohlweißlinge durchs Zimmer stoben. [10] Unablässig harrte er der Wiederkehr derer, die er verloren hatte. »Daß sie vor meinen Augen zu Fleisch werden«, stand auf einem Zettelchen, das mir geradewegs in die Hände flatterte.

Seit ich nur sprechen konnte, habe ich ihn bis zu seinem Tod immer wieder gefragt: »Worüber denkst du die ganze Zeit nach, Großvater?« Worauf er mir unweigerlich antwortete: »Über mich und über dich, mein Kind.«

Wir wohnten in einer alten Baracke. Die Känguruhbäume ließen Nadelteppiche auf ihr Dach herabregnen; zweimal im Jahr kletterte ich auf Großvaters Anweisung dort hinauf, um die angesammelte Schicht abzutragen. Der Barackenboden war etwas von der Erde abgehoben, damit Feuchtigkeit und Ungeziefer nicht an den Holzdielen nagten. Aus dem niedrigen, dunklen Zwischenraum hörte ich die Kriege der Igel und Schlangen, das weiche Kratzen ihrer Schuppenpanzer. Als einmal ein riesiger Tausendfüßler von dort ins Zimmer hinaufgekrochen war, legte Großvater Backsteine ringsum und versiegelte damit den Zwischenraum. Die Todesseufzer und die flehentlichen Hilferufe, die alsbald von dort heraufschallten, veranlaßten ihn jedoch, die Wand einzureißen, und ein zweites Mal hat er sein Tun nicht wiederholt.

Unsere Baracke war eine der letzten im Dorf. Als die Gründerväter den Boden in Besitz nahmen, investierten sie den ersten Bau-Etat in Betonställe für die Milchkühe, denn die waren Klimaschäden gegenüber empfindlicher, zumal generationenlange Domestizierung und Pflege ihnen jegliches Verlangen nach Rückkehr zur Natur ausgetrieben hatten. Die Pioniere lebten erst in Stoffzelten, dann in Holzbaracken. Jahre vergingen, bis sie in Backsteinhäuser übersiedelten, aber in dem Haus, das auf unserem Grundstück errichtet wurde, wohnten mein Onkel Abraham, seine Frau Rivka und deren Söhne, meine Zwillingsvettern Jossi und Uri. Großvater wollte in der Baracke bleiben. Als Pflanzer mochte er alles, was mit Bäumen zu tun hatte.

[11] »Ein Holzhaus regt und bewegt sich, es schwitzt und atmet. Jeder Mensch, der darin herumläuft, läßt die Dielen anders knarren«, sagte er zu mir und deutete stolz auf den dicken Balken über seinem Bett, der jeden Frühling einen grünen Zweig ansetzte.

Die Baracke hatte zwei Zimmer mit Küche. Im einen Zimmer schlief ich mit meinem Großvater in Eisenbetten auf kratzigen Seegrasmatratzen. Hier stand auch der große einfache Kleiderschrank und daneben die Kommode, deren Schubladen mit einer geborstenen Marmorplatte abgedeckt waren. In der obersten Schublade verwahrte Großvater Bastfäden und Graftexstreifen zum Pfropfen. An einem Nagel hinter der Zimmertür hing sein Ledergürtel, und daran wiederum baumelten die Baumschere mit den roten Griffen, das Pfropfmesser und eine Tube selbst angerührte ›schwarze Creme‹ zum Verarzten der Aststümpfe. Die übrigen Werkzeuge – die Holzsäge, das Arsenal an Arzneien und Giften, die Tiegel, in denen er die ›Bourdoux-Suppe‹ und die Arsen-, Nikotin- und Pyrethrumlösungen mischte, verwahrte er in einem verschlossenen Häuschen am Kuhstall, in dem einst mein Onkel Efraim sich versteckt hatte, bevor er auf und davon gegangen war.

Im zweiten Zimmer standen die Bücher, die sich in jedem Haus des Dorfes befanden. Das Insektenbuch für den Landwirt von Bodenheimer und Klein, die blaugebundenen Hefte der Zeitschriften Das Feld und Der Pflanzer, Eugen Onegin als heller Leinenband, eine schwarze Bibel, die Bücher der Verlage Mizpe und Stybel und sein Lieblingswerk – die beiden grünlichen Bände der Lebensernte von dem Pflanzenzauberer aus Amerika, Luther Burbank. »Klein gewachsen, schlank, leicht gebeugt, Knie und Ellbogen von Jahren schwerer körperlicher Arbeit verkrümmt«, las Großvater mir Burbanks Beschreibung aus dem Buch vor. Aber Burbank hatte ›hellblaue Augen‹, und Großvaters waren grau.

[12] Neben Burbank reihten sich die Lebenserinnerungen, die Großvaters Freunde geschrieben hatten. Einige Titel habe ich noch in Erinnerung: Auf Heimatpfaden, Vom Don zum Jordan, Mein Weg in die Heimat, Meine Erde.

Jene Freunde waren die Helden meiner Kindergeschichten. Alle, so erzählte er mir, waren in einem fernen Land geboren worden, ›schwarz über die Grenzen gegangen‹ und vor vielen Jahren hier eingewandert. Manche in Wagen von ›Muschiken‹, ein Wort, dessen Bedeutung ich nicht kannte, die ›gemächlich zwischen Schneefeldern und Wildapfelbäumen fuhren‹, an Felsküsten und salzigen Wüstenseen entlang, durch kahle Berge und Sandstürme. Andere, auf hellen Wildgänsen reitend, deren Schwingen so breit waren ›wie von der Scheunenecke bis zum Aufzuchthaus‹, schwebten freudeschreiend über weite Felder und ein schwarzes Meer. Wieder andere sprachen Geheimformeln, worauf ein ›starker Wind sie ergriff‹ und sie mit glühenden Gesichtern und geschlossenen Augen hierherwehte. Und dann war da noch Schifris.

»Als wir alle auf dem Bahnhof von Makarow standen und der Schaffner pfiff und wir alle in die Waggons kletterten, erklärte Schifris plötzlich, er werde nicht mitfahren. – Du hast deine Tomate nicht aufgegessen, Baruch.«

Ich sperrte den Mund auf, und Großvater schob mir eine mit grobem Salz bestreute Tomatenscheibe hinein.

»Schifris sagte zu uns: ›Genossen! Nach Erez Israel muß man zu Fuß hinpilgern!‹ Dann verabschiedete er sich von uns allen auf dem Bahnsteig, setzte den Rucksack auf und verschwand winkend in der Dampfwolke. Er ist noch heute unterwegs nach Erez Israel, bahnt sich seinen Weg und wird als letzter Pionier hier ankommen.«

Großvater erzählte mir von Schifris, damit wenigstens ein Mensch ihn erwarten, auf sein Eintreffen vorbereitet sein sollte, und ich sah Schifris auch dann noch entgegen, als alle seine [13] Freunde schon die Hoffnung verloren hatten, einfach aufgaben und wegstarben, ohne abzuwarten, ob er nicht doch käme. Ich wollte das Kind sein, das ihm bei seinem Eintreffen im Dorf entgegenlief. Jeden Punkt auf dem fernen Bergrücken hielt ich für seine nahende Gestalt, glühende Aschenringe, die ich am Feldrand fand, waren Reste seiner Teefeuer, Wollfäden an der rauhen Rinde der Holzapfelbäume stammten aus seinen Wickelgamaschen, fremde Spuren auf den Feldwegen waren seine Fußabdrücke.

Ich bat Großvater, mir auf der Landkarte Schifris’ Marschroute zu zeigen, die Grenzen, die er heimlich überschritt, die Flüsse, die er durchquerte. Erst als ich vierzehn war, sagte Großvater: »Genug mit Schifris. Er hat tatsächlich verkündet, er werde zu Fuß herpilgern, aber gewiß ist er nach zwei Tagen müde geworden und dortgeblieben, oder es ist ihm unterwegs etwas zugestoßen – er ist krank geworden, hat sich verletzt, ist der Partei beigetreten, hat sich verliebt… Wer weiß, mein Kind, viele Dinge können einen Menschen an einem Ort festnageln.«

Auf einem der Zettelchen, die ich fand, stand in seinen winzigen Buchstaben: »Die Blüte und nicht die Frucht, das Fortschreiten und nicht der Fortschritt.«

Die Bücher lehnten an dem großen Philco-Radio, das die Abonnenten von Das Feld zu bequemen Raten kaufen konnten. Gegenüber standen die Couch und die zwei Sessel, die mein Onkel Abraham und seine Frau Rivka nach Anschaffung der neuen Möbel in Großvaters Baracke verfrachtet hatten. Diesen Raum nannte er das Empfangszimmer, aber seine Gäste empfing er immer in der Küche, an dem großen Tisch.

Pines trat ein. Sofort erkannte ich seine Stimme, dasselbe laute Organ, das mich Naturkunde und Bibel lehrte.

»Mirkin«, sagte er, »er hat wieder geschrien.«

»Welche war diesmal dran?« fragte mein Großvater.

[14] »Ich fick Liebersons Enkelin«, rief Pines in durchdringendem Ton, erschrak aber sofort, schloß das Fenster und fügte hinzu: »Ich meine, der, der gerufen hat.«

»Schön, sehr schön«, sagte Großvater, »ein tatkräftiger Bursche. Soll ich dir Tee machen?«

Ich spitzte die Ohren, um ihr Gespräch mitzukriegen. Schon mehrmals war ich beim Lauschen hinter offenen Fenstern oder zwischen Obstbäumen und Heuhaufen verborgen erwischt worden. Ich hatte mir angewöhnt, dann aufzuspringen, die Hände, die mich packten, mit Gewalt abzuschütteln und aufrechten Gangs breitschultrig und stur wegzugehen, ohne ein Wort zu sagen. Hinterher kamen die Leute sich bei Großvater beschweren, aber der glaubte ihrem Gezeter nicht.

Ich hörte seine alten Füße über den Holzboden schlurfen, hörte das Aufgießen des Wassers, das Geklingel der Teelöffel an dem dünnen Glas und danach das laute Schlürfen. Die Fähigkeit der Alten, glühendheiße Gläser in den Händen zu halten und gemächlich siedendes Wasser zu trinken, verblüffte mich längst nicht mehr.

»Eine bodenlose Frechheit«, sagte Pines, »so zu schreien. Einem die Zunge rauszustrecken, unflätig zwischen den Bäumen rumzubrüllen.«

»Es will sich sicher jemand einen Spaß machen«, sagte Großvater.

»Was soll ich bloß tun?« stöhnte der altgediente Pädagoge, der die Sache als persönliches Versagen wertete, »wie kann ich dem Dorf bloß ins Gesicht sehen?«

Er stand auf und begann unruhig auf und ab zu gehen. Ich hörte ihn vor peinlicher Verzweiflung mit den Fingerknöcheln knacken.

»Jugendlicher Leichtsinn«, sagte mein Großvater, »nicht der Rede wert.«

Das verschmitzte Lächeln, das in seiner Stimme mitschwang, [15] ärgerte Pines, der plötzlich losdonnerte: »Das auszuposaunen?! Mit voller Lautstärke? Müssen’s denn alle hören?«

»Sieh mal, Jakob«, versuchte Großvater ihn zu beruhigen, »wir leben in einem kleinen Ort. Wenn jemand etwas anstellt, ertappen ihn doch letzten Endes die Wächter, und der Dorfrat mischt sich ein, schade um die ganze Aufregung.«

»Ich bin doch der Lehrer«, ereiferte sich Pines, »der Lehrer, Mirkin, der Erzieher! Bei mir werden sie sich beklagen.«

In Meschullam Zirkins Urkundensammlung ist Pines’ berühmte Verkündung auf der Konferenz von 1933 abgeheftet: »Die biologische Fähigkeit, Kinder in die Welt zu setzen, verleiht den Eltern noch nicht die Fähigkeit, sie auch richtig zu erziehen.«

»Kein Mensch wird dir wegen eines heißblütigen Grünschnabels mit Klagen kommen«, sagte mein Großvater barsch, »du hast dem Dorf und der Bewegung eine prächtige Generation herangezogen.«

»Ich sehe sie vor mir, wie sie in die erste Stufe kamen«, sagte Pines zärtlich, »so biegsam wie Flußschilf, wie Blumen, die ich in das Gewebe des Dorfes einflechte.«

Pines sagte niemals ›Klasse‹, er sagte ›Stufe‹. Ich grinste im Dunkeln, denn ich wußte, wie es weitergehen würde. Pines verglich die Erziehung gern mit der Landwirtschaft. Wenn er seine Arbeit beschrieb, benutzte er die Wendungen ›jungfräulicher Boden‹, ›üppiger Weinstock‹, ›Bewässerungspfannen‹. Seine Schüler erschienen ihm wie Setzlinge, die Stufe war ihm ein Beet.

»Mirkin«, fuhr er in höchster Aufregung fort, »auch wenn ich kein Bauer bin, wie ihr es seid, säe und ernte ich doch. Sie sind mein Weinberg, mein Obstgarten, und so einer…« – jetzt erstickte er fast, weil ihm die Verzweiflung in der Kehle hochstieg –»so einer… Warum brachte er nur saure Trauben… Er fickt! Erguß der Hengste und Glieder der Esel.«

[16] Wie die übrigen Schüler war ich an die Bibelverse gewöhnt, die ihm von den Lippen sprudelten, aber solche Ausdrücke hatte ich noch nicht gehört. Unwillkürlich bewegte ich mich im Bett, erstarrte jedoch sofort. Die Bodendielen knarrten unter meinem Gewicht, und die Alten unterbrachen für einen Augenblick ihr Gespräch. Damals, als ich sechzehn war, wog ich schon an die hundertzehn Kilogramm. Ich konnte ein stattliches Kalb an den Hörnern packen und ihm den Kopf zu Boden zwingen. Meine Maße und Körperkräfte erregten Staunen im Dorf, und manche Bauern scherzten, Großvater gäbe mir sicher Kälberkolostrum zu trinken, jene Erstmilch, die das Neugeborene stark und widerstandsfähig macht.

»Sprich nicht zu laut«, sagte Großvater, »sonst wacht das Kind auf.«

So nannte er mich bis zu seinem Tod – das Kind. ›Mein Kind‹. Selbst dann noch, als mir schwarze Haare am ganzen Körper wuchsen, dickes Fleisch meine Schultern überspannte und ich den Stimmbruch hinter mir hatte. Mein Vetter Uri lachte herzhaft, als unsere Stimmen zu brechen begannen, und sagte, ich sei der einzige Junge im Dorf, dessen Stimme von Bariton zu Baß wechsle.

Pines zischelte einige Sätze auf Russisch, der Sprache, zu der alle Gründerväter übergingen, sobald sich die Notwendigkeit zu zornigem Geheimgetuschel ergab, und gleich darauf hörte ich ein metallisches Reißgeräusch. Das war der Deckel der Olivendose, die Großvater mit dem Schraubenzieher geöffnet hatte. Jetzt würde er ein volles Schälchen davon auf den Tisch stellen. Pines, dem eine starke Gier auf alles Scharfe, Saure und Salzige innewohnte, würde mit vollem Mund davon essen, und sein Gemütszustand würde sich augenblicklich bessern.

»Erinnerst du dich, Mirkin, wie wir Milchbärte aus Makarow in Jaffa angekommen sind und im Restaurant Manzanillas [17] gegessen haben, diese schwarzen Oliven, und ein hübsches, blondes Mädchen mit blauem Kopftuch auf der Straße vorbeigegangen ist und uns zugewinkt hat?«

Großvater gab keine Antwort. Wendungen wie ›erinnerst du dich‹ brachten ihn immer zum Schweigen. Außerdem wußte ich, daß er jetzt nicht reden würde, weil er eine Olive im Mund hielt, die er langsam beim Teetrinken lutschte. »Entweder man ißt, oder man erinnert sich«, hatte er mir einmal gesagt. »Man kann nicht zu viel auf einmal verdauen.«

Er hatte die eigenartige Angewohnheit, beim Teetrinken eine zerquetschte Olive im Mund zu halten und dabei bedächtig an einem Zuckerwürfelchen zu knabbern, das in seiner Hand verborgen lag. Er genoß die zarte Mischung von Bitterkeit und Süße: »Tee und Oliven. Rußland und Erez Israel.«

»Gute Oliven«, sagte Pines, der sich etwas beruhigt hatte, »sehr gute. Wie wenige Vergnügungen sind uns denn noch geblieben, Mirkin, wie wenige, und wie wenig Aufregung. Ich bin jetzt achtzig Jahre alt. Kann dein Knecht noch Geschmack finden an dem, was er ißt und trinkt? Höre ich denn noch die Stimme der Sänger und Sängerinnen?«

»Du sahst mir sehr aufgeregt aus, als du reinkamst«, bemerkte Großvater.

»Dieser Unverschämte!« spuckte Pines. Ich hörte den Kern aus seinem Mund fliegen, auf dem Tisch aufschlagen und in den Spülstein springen. Danach schwiegen sie beide. Ich wußte, daß eine neue Olive jetzt langsam zwischen den falschen Zähnen meines Großvaters zerquetscht wurde und unter dem Druck ihren feinen, bitteren Saft abgab.

»Und Efraim?« fragte Pines unvermittelt, »hast du vielleicht was von Efraim gehört?«

»Kein Wort«, antwortete Großvater mit erwarteter Kühle, »absolut nichts.«

»Nur du und Baruch, was?«

[18] »Ich und das Kind.«

Nur ich und Großvater.

Wir beide. Von dem Tag, an dem er mich auf den Armen aus dem Haus meiner Eltern getragen hatte, bis zu dem Tag, an dem ich ihn auf den Armen trug und in der Obstpflanzung beerdigte.

Nur er und ich.

[19] 2

Die sehnsüchtigen Gedanken an Großvater hatten mir die Augen vernebelt. Ich erhob mich aus dem großen Ledersessel und begann in den Räumen des Hauses umherzuirren. Es war das große Haus, das ich mir gekauft hatte, als ich erwachsen geworden war, meinen Großvater und seine Freunde in der Obstpflanzung begraben und das Dorf als reicher Mann verlassen hatte. Dieser Satz von Pines, ›nur du und das Kind‹, durchwogte meine Sinne und wollte absolut nicht wieder in seiner Schublade verschwinden. Draußen dröhnte die Brandung, ich trat auf den kurzen Rasen hinaus und streckte mich zum Ausruhen darauf hin, den Blick zum Meer gerichtet.

Das Haus mit sämtlichem Inventar habe ich einem Bankier abgekauft, der das Land fluchtartig verlassen wollte. Ich weiß nicht, warum er abgehauen ist. Weder bin ich sonst mit solchen Leuten zusammengekommen, noch habe ich je eine Bank betreten. Das Geld, das mir die Angehörigen der Verstorbenen bezahlten, hatte ich in alten Düngemittelsäcken im Kuhstall verstaut, neben dem Lager des alten Seizer, für den das Zusammenleben mit den Kühen eine Frage des Prinzips war.

»Auch in Sedschera habe ich beim Vieh gewohnt«, erklärte er immer.

Seizers große Ohren lugten auf beiden Seiten unter der alten Schirmmütze hervor. Er konnte mit ihnen wackeln, und manchmal, wenn er guter Laune war, gab er dem Betteln der Kinder nach und tat es. Seizer besaß feste Grundsätze und ein ›Programm‹, das die Wirklichkeit wie einen Kleestengel zurechtbog. »Seizer«, schrieb Großvater, »ist eine Arbeiterpartei, die sich nie spalten wird, da sie nur ein einziges Mitglied hat.«

Buskila, der Direktor meines Friedhofs, dem ›Ewigen Haus [20] der Pioniere‹, hat mich mit demselben Lieferwagen in mein neues Haus gefahren, mit dem wir früher die Särge vom Flughafen und aus den Altersheimen und die Grabsteine von den alten Steinmetzen Galiläas abholten.

Es war ein weißes, geräumiges Haus, umgeben von einer duftenden Klebsamenhecke. Buskila betrachtete sie mit Befriedigung, ehe er den Kopf der elektrischen Toranlage drückte. Als ich ihm mitgeteilt hatte, daß die Pioniere allesamt gestorben waren, das Grundstück sich gänzlich mit Grabsteinen gefüllt hatte und ich daher den Betrieb schließen und das Dorf verlassen wolle, hatte er mir eine neue Unterkunft besorgt. Er kümmerte sich um den Ankauf, verhandelte mit den Maklern und zermürbte die Rechtsanwälte mit seiner giftigen Zuvorkommenheit.

Als ich mit Buskila vor dem großen Tor stand, sagte ich mir, daß ich noch nie in einem richtigen Haus gewohnt hätte. Bis dahin hatte ich ja in Großvaters Baracke gelebt, jener alten Holzhütte, derentgleichen in den meisten Siedlungen längst zum Lagerschuppen umfunktioniert oder in Flammen aufgegangen waren.

Ich war in meiner blauen Arbeitskluft gekommen. Buskila, im hellen Leinenanzug, schleppte den Sack. Der Bankier eilte uns entgegen, dicklich und flink. Weiche Muskeln ließen ihn förmlich über die polierten Fliesen rollen.

»Ah«, rief er, »die Totengräber sind da.«

Buskila reagierte nicht. Jahrelange Prinzipienstreitereien mit den Gremien des Dorfes und der Bewegung hatten ihn gelehrt, daß mein Friedhof bei allen, außer den dort Begrabenen, Mißgunst und Neid hervorrief. Er öffnete den Sack und schüttete die verstaubten Geldscheine auf den Teppich; eine erstickende Ammoniumsulfatwolke stieg von dem Haufen auf. Dann trat er zu dem hustenden Bankier, klopfte ihm mit der einen Hand kräftig auf den Rücken und streckte ihm die andere hin: »Buskila, [21] Mordechai, Direktor«, sagte er, »alles in Dollar, wie vereinbart, bitte zählen Sie nach.«

Buskila ist meine rechte Hand, eine Generation älter als ich, aber trotzdem mein guter Freund. Klein und gewieft ist er, mit dünnem Haar und dünner Gestalt und stets von einem angenehmen Duft nach grüner Seife umgeben.

Während der Bankier die Geldscheine aufklaubte, führte Buskila mich durchs Haus, geleitete mich sicher über die Fallen der dicken Teppiche, vorbei an teurem Kristall und einer Silberkelchsammlung. Skizzen und Porträts schauten mich mit erzürnter Verwunderung von den Wänden herab an. Buskila lugte in den begehbaren Schrank, in dem Dutzende Anzüge hingen, und befühlte den Stoff mit bewunderndem Kennergriff.

»Was willst du mit all dem machen?« fragte er, »du bist zu groß für seine Kleidung.« Ich sagte Buskila, er solle sich nach Herzenslust von den Anzügen bedienen. Er legte eine Platte auf; die laut kreischende Stimme einer Opernsängerin zerriß den weißen Raum. Der Bankier eilte wütend auf uns zu.

»Vielleicht verschieben Sie die Party, bis ich abgefahren bin?« forderte er.

»Schnell gezählt ist bald gefahren«, grinste Buskila ihn an, »es ist besser für Sie.« Er legte dem Bankier eine Hand auf die üppige Hüfte, drehte ihn in einem Tanzschritt und stupste ihn sanft auf den Geldstapel zu.

Ein Weilchen später trafen die Anwälte mit den zu unterzeichnenden Schriftstücken ein. Der Bankier nahm seine Koffer und machte, daß er fortkam, während Buskila, in dessen Hand schon ein Glas funkelte, auf die Veranda hinausging und ihm gute Reisewünsche nachrief. Als er ins Zimmer zurückkehrte, sah er meine bedrückte Miene.

»Vielleicht sollte ich lieber abfahren?«

»Bleib hier«, sagte ich zu ihm, »übernachte bei mir, laß uns morgen gemeinsam frühstücken, und fahr dann erst.«

[22] Das große Bett des Bankiers war das erste Bett, aus dem meine Füße nicht herausragten. Mein Körper war nicht an die nachgiebige Matratze gewöhnt, nicht an das schwarze Gefühl der mit Parfüm und Dekadenz getränkten Seide oder das Flair eleganter Frauen, die der Lust in den Laken freien Lauf gelassen hatten. Aber die Mauern, die Pines und Großvater in mir errichtet hatten, hielten stand. Die harte Haut meiner Fußsohlen riß Fasern aus dem Stoff, und weder die Gerüche nach Leder und Holz noch das Funkeln von Kristall und Chrom hafteten an meinem Fleisch.

Erst eine Viertelstunde vor Sonnenaufgang schlief ich für wenige Minuten ein. Der Tagesablauf meines Großvaters war mir noch wie eine innere Uhr eingraviert. Stets war er vor mir aufgewacht, hatte mir das Frühstück auf den Tisch gestellt, mir ein kurzes, scharfes Rütteln geschenkt und war an seine Arbeit in der Obstpflanzung gegangen. »Gut, wenn man die Birnen schnappt, bevor sie hellwach geworden sind«, hatte er mir erklärt.

Buskila schlief noch. Ich schob die große Glastür auf und trat ins Freie. Der Garten des Bankiers war zu wohlduftend für meinen Geschmack, voll gestutzter Ziergewächse, die ich noch nie gesehen hatte. Pines hatte uns alle nur zu Experten für Wildblumen und Nutzpflanzen erzogen.

»Dahlien und Freesien sind was für die Bourgeoisie. Unsere Zierblumen sind Kassia und Narzisse, unsere Kulturpflanzen der Klee und die Rebe«, verkündete er.

»Dein Burbank«, stichelte er gegen Großvater, »hat sich auch mit Chrysanthemen befaßt.«

Als ich mich umschaute, sah ich zum erstenmal im Leben das Meer. Immer hatte es sich hinter dem Gebirge versteckt, und doch kannte ich es ebenfalls aus den Geschichten. Es war das Meer, auf dessen Wogen mein Großvater und mein Vater ins Land gekommen waren, das Meer, das Gischtspritzer in das schöne Gesicht meines verlorenen Onkels Efraim gesprüht [23] hatte, als er zu den Schlachtfeldern unterwegs war. Eine halbe Stunde später erschien Buskila im Morgenrock auf dem Rasen, in den Händen ein Tablett mit Toastscheiben und hohen Saftgläsern.

Wir setzten uns an den Rand des Gartens, wo meine über die Büsche schweifenden Augen sofort das Netz einer Trichterspinne entdeckten, dessen Fäden zu dieser Stunde noch vom Tau glitzerten. Ein Grinsen verbreitete sich über Buskilas Gesicht, als ich dorthin kroch, um die Spinne selber zu suchen. Sie saß unter einem winzigen Zelt aus trockenen, mit Spinnenfäden vernähten Laubstückchen, dem Auge verborgen, und lauerte auf ihre Beute. Meine erste Trichterspinne hatte Pines mir in Großvaters Pflanzung gezeigt. Zu Sommeranfang holte er mich häufig in ›die Schule der Natur‹, um Insekten und Spinnen zu suchen. Seine alte Hand regte sich mit überraschender Geschwindigkeit, fing eine Fliege ein, die auf einem Blatt stand, warf sie ins Netz.

»Paß auf, Baruch«, sagte er zu mir.

Die Spinne sauste einen Schrägfaden ihres Fangnetzes hinauf, umwickelte die Fliege mit einem weißen Leichenhemd, wobei sie die kleine Mumie zwischen ihren haarigen Beinen wiegte und drehte, drückte ihr einen winzigen Giftkuß auf und trug sie flink in ihr Versteck. Ich erhob mich aus meiner knienden Stellung und kehrte zu Buskila zurück.

»Bist du nun zufrieden?« fragte er belustigt, »ist das Haus in Ordnung? Ich habe dafür gesorgt, daß du auch Ungeziefer im Garten hast.«

Als ich fünf war, hatten Großvater und Pines mich einmal in Elieser Liebersons Mandelhain mitgenommen. Dort trat Großvater an einen Baum, grub ein bißchen in Wurzelnähe und zeigte mir Bohr- und Knabberspuren, die bis unter die Rinde reichten. Er strich mit den Fingern über den Wurzelansatz, drückte ihn vorsichtig ab, bis er das Gesuchte gefunden hatte, zückte dann sein Pfropfmesser und schälte ein exaktes Quadrat von der Rinde [24] ab. Die freigelegte Larve war groß, an die zehn Zentimeter lang, blaßgelb mit dunklem Kopf, der breit und hart aussah. Als die Sonnenstrahlen auf ihn trafen, begann sie sich wie verrückt zu drehen und zu winden.

»Capnodis«, sagte Großvater, »der Feind der Mandel, der Aprikose, der Pflaume, jeder Frucht, die einen harten Kern hat.«

»Die ihr Tun im Finstern treiben«, fügte Pines hinzu.

Mit der Klingenspitze holte Großvater die Larve aus ihrer Höhle und warf sie auf die Erde. Ich spürte Ekel und Wut in mir aufsteigen.

»Wir haben dich hierhergeführt«, sagte Pines, »weil du in der Pflanzung deines Großvaters die Capnodisraupen nicht finden wirst. Mutter Capnodis wird keinen starken, gepflegten Baum befallen. Da sucht sie sich lieber das schwächste Schaf der Herde aus, um ihre Eier darin abzulegen. Sieht sie einen kräftigen, gesunden Stamm, dessen Säfte stürmen und rauschen, wendet sie sich lieber einem dürren, elenden und verzweifelten Baum zu. Dort nistet sie ihre zweifelhafte Brut ein, die schon bald die zappelnde Seele zersetzt.«

Großvater wandte das Gesicht ab, damit ich sein Lächeln nicht sehen sollte, während Pines mich davon abhielt, die Larve plattzutreten.

»Laß nur«, sagte er, »die Eichelhäher werden sie von ihren Leiden erlösen. Wird ein Dieb beim Einbruch ertappt und so geschlagen, daß er stirbt, so entsteht dadurch keine Blutschuld.«

Wir kehrten heim. Meine eine Hand lag in Großvaters, die andere in der des Lehrers. Beide hießen sie Jakob. Jakob Mirkin und Jakob Pines.

Bei einem anderen Rundgang zeigte mir Pines den Capnodiskäfer selbst, der auf den Zweigen spazierenlief. »Er tarnt sich als schwarzgewordene Mandel«, flüsterte er.

Als ich die Hand nach dem Käfer ausstreckte, zog er die Beine ein und stürzte wie ein Stein zu Boden. Der Lehrer bückte sich [25] und legte ihn in ein Chloroformschälchen. »Er ist derart hart«, erklärte er, »daß man nur mit einem Hämmerchen die Stecknadel in ihn reinkriegt.«

Die beiden Alten tranken ein Dutzend Gläser Tee, aßen ein halbes Kilo Oliven dazu, bis Pines um drei Uhr morgens verkündete, er werde jetzt nach Hause gehen, und falls er den Übeltäter schnappen sollte, werde die Sache ›ein bitteres Ende nehmen‹.

Er öffnete die Tür, stand einen Augenblick vor der Dunkelheit, drehte sich um und sagte zu Großvater, er hätte furchtbare Angst, wenn er an die Hyäne dächte.

»Die Hyäne ist längst tot, Jakob«, antwortete Großvater, »wer weiß denn besser als du, daß sie tot ist. Da kannst du ganz ruhig sein.«

»Jede Generation bringt neue Feinde hervor«, sagte Pines trübsinnig und ging hinaus.

Durch das Dunkel der warmen Sommernacht, hinweg über ›die dünne Kruste, auf die wir unser Leben gebaut haben‹, bahnte er sich seinen Heimweg und sann dabei, soviel wußte ich, über die zerstörerischen und bedrohlichen Geschöpfe nach, die unaufhörlich ausschlüpften, ihn umwimmelten und wie Blasen einer trüben, wüsten Vergangenheit in seinen Alpträumen platzten. Er spürte die Reglosigkeit des geduckten Mungos, sah das verzerrte Gesicht der Wildkatze, die auf ihren Samtpfoten zum Mord- und Raubzug vorschnellte. Auf den Getreidefeldern fraßen Wühlmäuse den mühsamen Ertrag des Bauern, und unter dem Karoteppich der Furchen, Pflanzungen und Stoppelfelder grollte die größte Sagengestalt von allen: Der Sumpf, den die Gründerväter beseitigt hatten, wartete auf das erste Anzeichen von Zweifel. Hob er das Gesicht gen Westen, sah er den orangenen Lichterglanz der großen Stadt hinter den Bergen, das verführerische Glitzern von Ausbeutung und Korruption, das schnelle Geld, Sinnesfreuden und Augenzwinkern.

[26] Einige Minuten noch räumte Großvater das Geschirr ab, dann löschte er das Licht und kam ins Schlafzimmer. Bevor er sich hinlegte, trat er zu mir, doch ich machte schnell die Augen zu, als schliefe ich.

»Mein Kindchen«, wisperte er, wobei mir sein Schnurrbart über Wangen und Mund strich.

Fünfzehn war ich, einhundertzehn Kilogramm derbe Muskeln und schwarzes Stoppelhaar. Doch Großvater deckte mich jede Nacht sorgfältig zu. So hatte er es in jener Nacht getan, in der er mich in sein Haus brachte, und so tat er es auch jetzt. Danach ging er zu seinem Bett hinüber und zog den Schlafanzug aus dem Bettkasten. Ich beobachtete ihn beim Ausziehen. Die Jahre hatten sein Fleisch weder schlaff noch fleckig gemacht. Auch als ich ihn nachts im Dunkeln in unserer Pflanzung begrub und ihm den neuen Pyjama auszog, den er sich kurz vor dem Tod gewünscht hatte, funkelte sein Leib immer noch in jenem geheimnisvollen weißen Glanz, der ihn sein ganzes Leben umgeben hatte. Alle seine Freunde waren sonnengebräunt, die Haut rissig und versengt von den vielen Jahren im scharfen Licht bei schwerer Arbeit. Aber Großvater ging stets mit einem breiten Strohhut und langen Ärmeln in seine Pflanzungen. Seine Züge trugen nicht die Striemen der Sonnenstrahlen, sondern waren bleich wie ein Leintuch geblieben.

Er öffnete das Fenster und ging seufzend ins Bett.

[27] 3

Meschullam Zirkin schüttelte am Ende eines jeden Satzes den Kopf, wobei seine hübsche graue Mähne in prächtige Wallungen geriet und die verbitterten Falten um seine Wangen sich verzogen. Von Kind an habe ich diesen Nichtstuer nicht gemocht, der am anderen Ende des Dorfs wohnte, mir dauernd auf die Schulter klopfte und dazu unweigerlich fragte: »Warum bloß so wenig Verstand und so viel Fleisch?« Dann folgte ein dünnes Lachen.

Meschullam ist der Sohn von Zirkin Mandolina, der einst mit Großvater, Großmutter Fejge und Elieser Lieberson die »Fejge-Arbeitsgruppe« gründete. Mandolina war ein fleißiger Bauer, ein wunderbarer Musiker und liegt heute bei mir begraben.

Pessja Zirkin, Meschullams Mutter, war eine wichtige Funktionärin, die wenig zu Hause saß. Meschullam futterte sich bei mitleidigen Nachbarinnen durch und wusch die Wäsche für sich und seinen Vater, bewunderte aber seine Mutter sehr und war stolz auf ihre Verdienste um den ökonomischen Aufbau der Bewegung. Allerdings bekam er sie nur ein- bis zweimal im Monat zu Gesicht, wenn sie mit ihrem üppigen Busen und den wichtigen Gästen eintraf. Das waren ›die Genossen von der Zentrale‹. Auch wir Kinder ergatterten einen Blick von ihnen. Mein Vetter Uri erspähte immer als erster den grauen ›Kaiser‹, der vor Zirkins Grundstück parkte, und verkündete: »Sie sind wieder da, um Mist zu schnuppern und sich mit Kälbern und Radieschen photographieren zu lassen.«

In einer Welt, in der Mutter nur eine vorübergehende Erscheinung war, suchte Meschullam nach leidlichen Schlupfwinkeln. Er verirrte sich nicht in das Dickicht der Phantasie, dem andere Kinder gern anheimfallen, und da er mit einem scharfen Gedächtnis und großer Wißbegier begnadet war und die Pioniere [28] ihn mit einem anderen Netz umgarnten, als man es um mich ausbreitete, widmete er sich dem Forschen, Sammeln und Dokumentieren. Er studierte alte Satzungen, entzifferte Briefe, blätterte in Papieren, die so alt waren, daß sie ihm unter den Fingern zerbröselten, und fand darin Trost.

Schon in seiner Jugend konnte er einige Exponate Zusammentragen, die er jeweils mit einem handgeschriebenen Zettel versah: ›Liebersons Hacke‹, ›Milchkrug aus dem Jahre 1924‹, ›der erste Pflug – aus der Schmiede der Gebrüder Goldmann‹ und natürlich – ›Vaters erste Mandoline‹. Als er größer wurde, räumte er die rostigen Scharen des Kultivators und die alten Sprühgeräte seines Vaters aus der alten Baracke, reparierte das Dach und füllte die beiden kleinen Zimmer mit löchrigem Küchengerät und wackligen Möbeln. Das war die ›Baracke der Ersten‹. Er wühlte in den Höfen und Häusern, sammelte angefressene Mehlsiebe, Waschbretter, mit Grünspan überzogene Kupfertöpfe, ja sogar einen Schlammschlitten fand er.

»Die sollen einmal wissen, was hier gewesen ist«, sagte er, »damit sie begreifen, daß die Wagen hier im Winter eingesackt sind, bevor man die Straße gebaut hat, und daß die Genossen die Milch auf Schlitten in die Molkerei transportieren mußten.«

Besonders stolz war er auf die ausgestopfte Riesengestalt von Chagit, Elieser Liebersons Holländisch-Beiruter Kuh, die zu ihrer Zeit den Landessieg in Milchertrag und Fettanteil davongetragen hatte. Als Chagit alt geworden war und Daniel, Liebersons Sohn, sie an die Knochenmehlfabrik verkaufen wollte, erhob Meschullam entschiedenen Widerspruch, forderte die dringende Einberufung des Dorfrats und erklärte, man dürfe ›eine solch fleißige Genossin‹ nun nicht einfach zu Würsten und Gelatine verarbeiten. »Chagit ist mehr als ein landwirtschaftliches Phänomen, sie hat den Leitern des Jischuw bewiesen, daß reinrassige Holsteiner den Bedingungen des Landes nicht gewachsen sind«, verkündete er.

[29] Der Rat entschädigte Lieberson für die Übergabe der alten Milchkuh an Meschullam, ja wollte sich sogar an den Kosten für ihren Unterhalt beteiligen. Meschullam brachte die fleißige Genossin jedoch noch am selben Tag mit einer Extradosis Rattengift um die Ecke und stopfte dann mit Hilfe des Tierarztes den mächtigen Kadaver aus.

Chagit, ein Büschel Luzernestengel im Maul, ansonsten aber voll stinkiger Balsamierungsmittel, stand jahrelang auf dem Vorderbalkon des Zirkinschen Hauses, die berühmten Euter vor Formalin tropfend. Meschullam striegelte von Zeit zu Zeit ihr Fell, dem das Rattengift seinen Stempel in Form von großen Kahlstellen aufgedrückt hatte, putzte ihre viehischen Glasaugen und vernähte die Risse in ihrer Haut, da sich die Spatzen dort gern Strohhalme und Wattebäusche für ihren Nestbau herauszupften.

Das ausgestopfte Tier erschütterte das ganze Dorf, vor allem aber den alten Seizer, der Chagit sehr verbunden gewesen war und in ihrem Milchreichtum ›eine Art Symbol der nationalen Wiedergeburt‹ gesehen hatte. Manchmal stahl er sich von unserem Hof her näher heran, um sie zu sehen. Ein Gemisch von ›Grauen und Wehmut‹ überkam ihn, so berichtete er, wann immer er vor ihr stand.

»Arme Kuh«, murmelte er bei sich. »Meschullam Zirkin hat sie mit mehr Stroh vollgestopft als Lieberson ihr in ihrem ganzen Leben verfüttert hat.«

Mein Vetter Uri, der sich durch nichts beeindrucken ließ und das gesamte Dorf aus der Vogelperspektive des Spottes betrachtete, behauptete hingegen, die ausgestopfte Kuh hätte absolut nichts mit Meschullams Sammler- und Forscherleidenschaft zu tun.

»Chagits Zitzen haben ihn an seine Mutter erinnert und weiter gar nichts«, sagte er. Und ich schaute ihn an, wie ich es bis auf den heutigen Tag tue – voll Neid und Zuneigung.

[30] Viele Besucher kommen in unser Dorf. Autobusse mit Touristen oder Schulkindern, die allesamt das blühende Werk der Gründer sehen möchten. Gerührt fahren sie langsam durch die Dorfstraßen, bestaunen jede Birne und jedes Huhn, atmen den Duft von Erde und Milch. Die Rundfahrt endet stets auf Mirkins Hof, meinem Friedhof.

Meschullam forderte, keinen Touristenbus ins Dorf und in das ›Ewige Haus der Pioniere‹ einzulassen, dessen Insassen sich nicht von vornherein verpflichteten, auch die ›Baracke der Ersten‹ zu besuchen – samt Chagit mit der Medaille, die der britische Generalgouverneur ihr verliehen hatte und die nun ihren konservierten Hals schmückte.

Das ›Ewige Haus der Pioniere‹ war dem Dorf und seinen Instanzen ein Dorn im Auge, aber besonderen Haß brachte ihm Meschullam Zirkin entgegen. Die Busse, die in den Mirkinschen Hof einschwenkten, die mit aufgerissenen Augen ankommenden Kinder, die staunenden Touristen, die fasziniert zwischen sauber gewaschenen Grabsteinen und Rosensträuchern umhergingen, im Flüsterton die legendären Namen von den Kupferlettern ablasen und kalten Saft tranken, den Buskilas kleiner Bruder ihnen am Tor verkaufte – sie alle erregten seinen unbändigen Zorn.

Meschullam Zirkin haßte meinen Friedhof, weil ich mich weigerte, seine Mutter, die verdiente Funktionärin Pessja Zirkin, neben seinem Vater beizusetzen. Ich begrub dort nur Großvaters Genossen, die Leute der Zweiten Alija. Pessja Zirkin war erst nach dem Ersten Weltkrieg mit der dritten Einwanderungswelle gekommen.

»Tut mir leid«, sagte ich zu Meschullam, der mir mit dem Jahrbuch der Histadrut vor der Nase herumfuchtelte, in dem die Verdienste seiner Mutter um den Aufbau des wechselseitigen Kredits im Genossenschaftswesen aufgelistet waren, »aber deine Mutter gehört nicht zur Zweiten Alija.«

[31] »Die Verstorbene erfüllt nicht die Aufnahmebedingungen«, erklärte ihm Buskila.

Meschullam drohte, den Instanzenweg einzuschlagen. Ich erinnerte ihn daran, daß er schon einmal ein ähnliches Gesuch eingereicht hatte, als der alte Lieberson das Album der Pioniere zusammenstellte. Er war nicht bereit gewesen, Pessjas Bild darin aufzunehmen, und zwar aus genau dem gleichen Grund.

»Und außerdem«, sagte Buskila zu ihm, »hat dein Vater sie auch zu Lebzeiten nicht neben sich haben wollen.«

Doch am allermeisten ärgerten Meschullam die Bleisärge, die ich vom Flugplatz abholte. Er wußte, daß jeder dieser Särge aus Amerika Zehntausende Dollar in meine alten Säcke brachte.

»Mit welchem Recht begräbst du diese Abtrünnigen und nicht meine Mutter?« schrie er.

»Jeder, der mit der Zweiten Alija hergekommen ist, kann sich hier ein Grab kaufen«, antwortete ich ihm.

»Jeder Vagabund, der aus Rußland angelaufen kam, nach zwei Wochen die Hacke geschmissen hat und nach Amerika abgehauen ist, wird hier als Pionier begraben? Schau dir doch das hier an!« schrie Meschullam und deutete auf einen Grabstein. »Rosa Munkin mit all ihren Sünden.« Rosa Munkin, die Großvater noch aus Makarow gekannt hatte, war mein erster Geschäftscoup gewesen. »Ich werd dir was von Rosa Munkin erzählen«, sagte Meschullam verächtlich nach dem Aufruhr, der der Enthüllung ihres rosa Steins neben Großvaters Grab gefolgt war. »Rosa Munkin ist aus der Ukraine eingewandert, hat eine Woche im Mandelhain von Rechovot gearbeitet und dabei festgestellt, daß das der feinen Haut ihrer Hände nicht bekam. Also überschüttete sie die ganze Welt mit Briefen, man möge sie bloß aus diesem Land erretten. Nun hatte sie einen Bruder, ein wahres Juwel, der nach Amerika emigriert war und dort zu den Pionieren der jüdischen Gangster von Brooklyn zählte. Der hat ihr das Ticket geschickt.«

[32] Meschullam deutete in herrisch abfälliger Pose mit dem Fuß auf die rosa Marmorplatte. »Im Ersten Weltkrieg, als deine Großeltern, mein Vater und Elieser Lieberson beinah verhungert sind und Seizer gegen seinen Willen ins türkische Heer eingezogen wurde, kaufte Rosa Munkin gerade ihren vierten Miederladen in der Bronx. Als die Arbeitsgruppe Fejge die Böden des Dorfes in Besitz nahm, wurde Rosa fromm, heiratete den Rabbi Schneur von Baltimore und veröffentlichte auf ihre Kosten antizionistische Anzeigen. Im Zweiten Weltkrieg, als dein armer Onkel Efraim im britischen Kommando verwundet wurde, verwitwete Rosa Munkin, mietete sich eine Suite in Miami und leitete von dort aus die Kasinos ihres Bruders. In den Akten des FBI firmiert sie bis heute als die ›Red Queen‹.«

»Und jetzt«, brüllte er, »jetzt liegt sie bei dir begraben. In der Erde unserer Jesreelebene, unseres Emeks. Als Pionierin. Als Gründermutter.«

»Gelobt sei der gerechte Richter«, sagte Buskila. Er trat an den Grabstein, schob höflich Meschullams Fuß beiseite, zog ein Läppchen aus der Tasche und polierte den letzten Buchstaben in Rosas Vornamen, das hebräische Hej.

»Sei du bloß still, Buskila!« Meschullam wurde ganz weiß im Gesicht. »Ihr Dreckskerle solltet überhaupt Haltung annehmen, wenn man von den Gründern spricht.«

»Die Verstorbene hat hunderttausend Dollar bezahlt«, sagte Buskila, dem derartige Anwürfe schnuppe waren.

»Mafiageld«, warf Meschullam verächtlich hin.

»Was willst du denn, Meschullam, sie ist mit der Zweiten Alija gekommen«, sagte ich.

»Und Schulamit?« schrie Meschullam, »gehört die auch zur Zweiten Alija?«

»Werd nicht frech«, ereiferte ich mich, »Schulamit ist Privatsache der Familie.«

[33] Als Rosa Munkins Brief aus Amerika eintraf, waren mein Großvater und Schulamit – seine Altersliebe, die ein Jubeljahr nach ihm aus Rußland eingewandert war, alias »die krimtatarische Hure« nach Fanja Liebersons Ausdrucksweise – die einzigen, die bei mir im Obsthain begraben lagen. Buskila, der damals noch als Dorfbriefträger fungierte, kam auf Süß, dem Postesel, angaloppiert und schrie schon von weitem: »Ein Ärogramm, ein Ärogramm, ein Brief aus Amerika!«

Ich goß gerade die ganzjährig blühenden Burbank-Rosen, die ich um die Gräber von Großvater und Schulamit angepflanzt hatte.

Auch Luther Burbank hatte aus enttäuschter Liebe sein Haus verlassen. Großvater erzählte mir immer von seinen Obstbäumen, den stachellosen Kakteenfrüchten und den hellen Kartoffeln, aber den Abschnitt über Burbanks Liebe las er nun eben Uri und Jossi, den Zwillingen meines Onkels Abraham, vor, was mich mit so fürchterlichem Neid erfüllte, daß ich beinah in Tränen ausgebrochen wäre.

Ich schlug kräftig gegen die Barackentür, stürmte hinaus und hörte durchs Fenster Großvater, der meine Leiden zu ignorieren schien, ungerührt weiterlesen: »Seinerzeit verliebte ich mich mit der ganzen Leidenschaft meiner Jugend in eine schöne junge Frau, die weniger begeistert war als ich selber. Ein kleiner Streit zwischen zwei Starrköpfen, aufgebauscht durch unbedacht ausgesprochene Worte, genügte mir zum Beweis, daß mir das Herz im Innersten gebrochen war. Ich habe diese Liebesgeschichte wohl vielen als Beweggrund für meine Übersiedlung in den Westen erzählt.«

»Schrei nicht«, fuhr ich Buskila an, »hier wird nicht geschrien.«

Er übergab mir den Umschlag und blieb neben mir stehen.

[34] Buskila war Anfang der fünfziger Jahre ins Dorf gekommen, als Großvater noch lebte und ich noch sein Kind war. Er kam in den Dorfkonsum und stellte sich neben die Kasse, an der Schlomo Lewin saß. Buskila, in Halbschuhen, ein lächerliches blaues Barett auf dem Kopf, blinzelte auf die Rechnungen, während er mit hörbarem Genuß eine Flasche Grapefruitsaft trank. Lewin notierte die Einkäufe der an der Kasse stehenden Kundin auf einen Zettel und begann murmelnd zu addieren.

»Zwei Pfund vierundfünfzig«, sagte Buskila über seine Schulter hinweg, ehe Schlomo Lewin mit dem Bleistift auch nur die erste Zahlenreihe abgehakt hatte.

Lewins private Geschichte im Lande hatte ihn Belehrungen gegenüber sehr empfindlich gemacht. Ganz besonders störte es ihn, wenn man ihn bei der Arbeit beobachtete. Er drehte sich um, warf dem ungebetenen Gast einen wütenden Blick zu und begriff sofort, daß der Mann aus dem Übergangslager kam, das auf den Hügeln hinter dem Eukalyptuswald eingerichtet worden war und nun im Dorf verächtliche und mitleidige Gefühle auslöste. Die Dorfbewohner fanden sich zwar bereit, die Neueinwanderer anzuleiten, brachten ihnen auch Ertragsüberschüsse und halfen mit Arbeitsgeräten aus, aber wenn sie nach Hause zurückkehrten, erzählten sie, die kleinwüchsigen Menschen mit den blauen Baretts würden den ganzen Tag saufen, würfeln und Karten spielen. »Sie sehnen sich bloß nach ihren Höhlen und wischen sich den Hintern mit Steinen ab.«

Lewin blieb allein wegen dieser Frechheit der Mund offenstehen, aber er sagte nichts, sondern wandte sich der nächsten Kundin zu.

»Ein Pfund siebzehn«, sagte Buskila in dem Augenblick, in dem Lewin die Preise der Waren notiert, aber noch nicht einmal den waagrechten Strich darunter gezogen hatte. Schlomo Lewin, der den Konsum schon Jahrzehnte leitete, stand auf, nahm die Mütze ab und wollte wissen, wer der Mann sei.

[35] »Buskila, Mordechai«, sagte der verblüffende Fremde, sog geräuschvoll den letzten Saft ein und fügte hinzu: »Neueinwanderer aus Marokko. Suche Arbeit.«

»Das sehe ich selbst«, sagte Schlomo Lewin, »braucht man mir nicht erst zu erklären.«

In Meknes war Buskila Rechenlehrer gewesen und hatte Briefe in drei Sprachen an Gerichte und Behörden aufgesetzt. Jetzt suchte er Arbeit in der Buchhaltung, an der Schule oder bei der Brutmaschine.

»Ich habe schon immer Küken, Geld und Kinder gemocht«, sagte er.

Lewin war entsetzt, erzählte jedoch Lieberson, unserem damaligen Schatzmeister, von dem Neueinwanderer. »Er ist frech, aber rechnen kann er«, meinte er.

Buskilas Gesuch wurde höchst wohlwollend erwogen, obwohl die Sache mit der Liebe zum Geld den meisten Genossen bedenklich erschien. »Von dem Barett erst gar nicht zu reden«, meinte Uri, »nur Menschen ohne Wertvorstellungen tragen Mützen ohne Schirm.«

»Wir haben den Fall in prinzipieller Hinsicht erörtert, unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der neuen Einwanderung im allgemeinen und der Fähigkeiten Buskilas im besonderen«, berichtete mir Elieser Lieberson, »und sind dann übereingekommen, ihn probeweise zum Zwiebelsammeln einzustellen.«

Nach Ablauf von zwei Jahren, in denen Buskila sich der Scholle mit den unbeliebtesten Arbeiten – Schädlingsbekämpfung, Ausdünnen, Einsammeln und Pflücken – verbunden hatte, hörte unser Postbote die Hyäne auf den Feldern heulen und wurde verrückt. Er kaufte schwarze Tusche und begann die vom Dorf abgesandten Briefe zu zensieren. Der Rat warf ihn hinaus, Buskila erbte seine Stelle nebst Esel. Er pflanzte Wermutsträucher ums Postamt, kochte einen Tee, dessen aromatischer Duft jedem Vorbeikommenden die Sinne verwirrte, und erwarb sich [36] die Zuneigung der Einwohner, indem er rausgehende Briefe an der Haustür in Empfang nahm, was die Absender der Mühe enthob, sich zur Post zu begeben.

Ich riß den Umschlag auf. Seit Schulamit aus Rußland eingewandert war, hatten wir keinen Brief aus dem Ausland mehr erhalten.

»Was steht drin, Baruch«, fragte Buskila sanft.

»Das ist privat«, erwiderte ich ihm.

Buskila wich einige Schritte zurück, lehnte sich an Schulamits Grabstein und wartete auf meine Bitte, mir den Brief zu übersetzen.

»Es ist von einer alten Frau aus Amerika«, sagte er mir nach kurzer Lektüre. »Ihr Name ist Rosa Munkin. Sie stammt aus derselben Stadt wie dein Großvater, war vor vielen Jahren hier, hat in Rischon Lezion und in Rechovot mit ihm gearbeitet und für ihn geschwärmt. Man hat ihr von hier geschrieben, daß du ihn zu Hause bestattet hast, und sie möchte nun, daß du sie, wenn sie einmal stirbt, hier neben ihm beerdigst.« Er streckte mir den Umschlag hin. »Es ist noch was drin«, sagte er.

Drinnen lag ein Scheck auf meinen Namen. Über den Betrag von zehntausend Dollar.

»Das ist ein Vorschuß«, sagte Buskila, »diese Frau ist sehr krank und wird bald sterben, dann bringt ein Rechtsanwalt sie mit dem restlichen Geld.«

»Was mach ich denn damit«, fragte ich verwirrt, »das ist doch gar kein Geld.«

»Du wirst Hilfe brauchen, Baruch«, sagte Buskila geduldig, »hier geht’s um großes Geld, um Leute aus dem Ausland und damit um Englisch und Gerichtsverfahren und euren Dorfrat und die Einkommensteuer. Allein findest du da nicht durch.«

Mit zehntausend Dollar, dachte ich, kann man wunderbare Bäume auf Großvaters Grab pflanzen: Judasbäume, Poincianen, [37] weißen Oleander. Ich kann einen roten Kiespfad von Großvater zu Schulamit an legen. Kann meinen verlorenen Onkel Efraim suchen, den alten Seizer von seiner Darmkrankheit heilen lassen.

»Erzähl keinem ein Wort davon, Baruch«, sagte Buskila, »keinem einzigen. Auch nicht deinem Cousin Uri.«

Am Abend schleppte Buskila seine schwarze Schreibmaschine in die Baracke und schrieb einen englischen Brief für mich. Rosa Munkin schickte eine Antwort, und rund drei Monate später traf sie zu nächtlicher Stunde auch selber ein, im funkelnden Sarg, begleitet von einem Anwalt mit üppigem Kopfhaar, der einen glänzenden Anzug trug und Rasierwasserdüfte verbreitete, wie unser Dorf sie noch nie geschnuppert hatte. Elegant und abstoßend stand er dabei, als ich die Grube aushob.

»Sieh dir den an«, flüsterte Buskila, »die Sorte kenn ich. Der begräbt nicht zum erstenmal jemanden mitten in der Nacht.«

Der Anwalt saß im Dunkeln auf Großvaters Grabstein, scharrte mit den blanken Schuhen im Staub, zerknabberte Strohhalme und schnüffelte angewidert die Dorfgerüche, die aus den Kuhställen und Hühnerhäusern in die warme Nachtluft sickerten.

Wir ließen Rosa Munkin in die Erde des Emek hinab. Der Amerikaner zog ein Stück Papier und ein Käppchen aus der Tasche und sprach ein kurzes Gebet in unverständlichem Hebräisch. Dann wies er mich an, ein Betongeviert für die Grabplatte zu gießen, und holte schließlich aus der rückwärtigen Tür seines riesigen Kombiwagens einen schwarzen Aktenkoffer. Buskila zählte die Scheine mit feuchtem, flinkem Finger und unterschrieb die Quittung.

Einige Tage später kehrte der Anwalt mit einem verschnörkelten Grabstein aus poliertem rosa Marmor zurück. Bis heute nimmt sich Rosa Munkins Grab zwischen dem Weiß und Grau der sämtlich aus heimischem Stein gemeißelten Platten wie eine Pralinenschachtel aus.

[38] Die Geldnoten versteckte ich im Kuhstall. Seizer schlief ruhig unter seiner alten Militärdecke, die seit dem Ersten Weltkrieg in seinem Besitz geblieben war, und merkte nichts von mir und meinen Taten. Dann ging ich mit Buskila in die Baracke, wir setzten uns an Großvaters Eßtisch, tranken Tee und aßen Brot mit Oliven.

»Du möchtest sicher mit Onkel Abraham und Lehrer Pines sprechen. Tu’s jetzt noch nicht, wart ein bißchen ab und red dann mit ihnen«, riet er mir.

Am nächsten Morgen verließ Buskila seine Poststelle und meldete sich bei mir. »Ich leite dir den Betrieb, und du zahlst mir nach Gutdünken«, sagte er.

So begann Großvaters Rache am Dorf. Sie lief wie am Schnürchen, getragen von jener Vorausschau und Genauigkeit, die jeder guten Pflanzerin eigen ist, sie füllte meine Säcke mit Geld und traf alle empfindlichen Nervenknoten des Dorfes.

»Sie haben meinen Sohn vertrieben, den Efraim«, hatte Großvater vor seinem Tod mir und Pines immer wieder erklärt, »und ich werde sie an ihrem wundesten Punkt, am Erdboden, treffen.« Aber damals wußten wir noch nicht, was er meinte.

Der Dorfrat erwog mehrere Anwärter auf Buskilas Poststelle, entschied sich letzten Endes aber für Süß allein. Der Esel kannte ja sowieso schon alle Anschriften, und solchermaßen von seinem Reiter befreit, konnte er auch Pakete zustellen. Süß war der Enkel von Katschke, der mit den Gründervätern zur Landnahme gekommen war und Wasser vom Brunnen geholt hatte, bis er einem Schlangenbiß zum Opfer fiel.

Nach zwei Jahren wurde Süß aus dem Dienst entlassen. »Die Alten haben entdeckt, daß er die Briefmarken von den Umschlägen klaut«, sagte mein spöttischer Cousin Uri.

Der Rat ersuchte Buskila, zur Post zurückzukehren, aber da hatte Buskila sich schon Visitenkarten drucken lassen, in denen auf Hebräisch und Englisch zu lesen stand: ›Ewiges Haus der [39] Pioniere – Direktor‹. Er hütete seine ›Herde der hundert Toten‹, wie der alte Lieberson abfällig zu sagen pflegte, bis Fanja, seine Frau, seine Liebste und Einzige, verstarb und die hundertunderste Tote wurde.

[40] 4

Der Mirkinsche Hof war einer der erfolgreichsten im Dorf. So hieß es freudig erregt, als Großvaters Obstbäume sich in ein wahres Blütenmeer verwandelten, so hieß es, als Onkel Abrahams Kühe Ströme von Milch abgaben, und so hieß es angst- und neidvoll, als eben dieser Kuhstall sich mit verstaubten Insektenpanzern und aufgeblähten Geldsäcken füllte, während der Obsthain abgeholzt und mit Knochen und Gräbern besät wurde.

Grabsteine in langen Reihen, dazwischen rote und weiße Kieswege, schattige Plätze zur stillen Trauer, grüne Sitzbänke, Bäume und Blumen und im Mittelpunkt – Großvaters weißes Grab. Alle Welt schüttelte den Kopf über das Los dieser Erde, die dazu ausersehen war, Viehfutter und Früchte zu tragen, sich aber in ein furchtbares Rachefeld verwandelt hatte.

»Die Geschichte ist doch ganz einfach«, sagte ich mir, während ich in den großen Zimmern meines Hauses umherirrte. »Warum also stocherst du immer weiter darin herum, lauschst allenthalben und suchst nach Lösungen?«

Dazu hat Großvater mich doch aufgezogen, hat mich groß und stark wie ein Bulle gemacht, treu und gewalttätig wie ein Hirtenhund, unempfindlich und dickfellig. Jetzt liegt er in seinem Grab, umgeben von seinen toten Genossen und schmilzt vor Wonne über das Entsetzen im Dorf.

»Laßt ihn. Dieses Kind ist nichts als ein Sack voller Geschichten und Phantasien«, meinte Pines, nachdem ich ihm mitgeteilt hatte, daß ich nicht zu der eigens einberufenen Ratssitzung erscheinen werde. Ich war schon kein Kind mehr, sondern ein reicher Bursche in Übergröße, beladen mit Mammon und Fleisch, aber Pines verlängerte die Kindheit all seiner Schüler weit über das übliche Maß hinaus und streichelte ihre Köpfe noch dann, als [41] sie schon grau und kahl geworden waren. »Wie viele Erinnerungen sind in diesen großen Körper eingegangen, bis er zum Überlaufen voll war, aufplatzte und seine Bitternis zur Erde verschüttete«, sagte er über mich. Wäre Großvater noch am Leben gewesen, hätte er das mit der Bemerkung abgetan, Pines habe ja immer schöne Parabeln, ›bloß vergißt er manchmal den Sinn dahinter‹.

Ich selber sagte jedem, der mich aufforderte, mein Grabgewerbe aufzugeben: »Großvater hat es so gewollt.« Zur Ratssitzung schickte ich Buskila und den vom ihm engagierten Anwalt. Das sind Auswärtige, deren Haut zart und deren Herz grob ist. Das Herbstlaub der Erzählungen hat sich nicht auf ihren Schultern aufgetürmt, ihre Schuhsohlen trennen sie vom feinen Staub der Wege im Emek. Im Geist hörte ich die einfachen Stühle im Ratszimmer knarren, sah die Finger mit den abgebrochenen Nägeln wie Hufe auf dem Tisch trappeln. Sollten die beiden in die beherzten Augen starren, auf die harten Finger, die in die Höhe fahren würden. Ich war ja nur sein Kindchen, das seinen Willen erfüllte, ich hatte das meine schon gesagt.

In Odessa war Großvater mit seinem Bruder Josef an Bord der Ephratos gegangen. Es war ein dreckiges kleines Schiff ›voll böser Menschen‹, das zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer verkehrte. Wie die zwei Seiten einer Medaille betrachteten Jakob und Josef Mirkin zwei verschiedene Hälften der Welt. »Mein Bruder war begeistert, stürmisch, lief auf dem Bug des Schiffes umher und schaute vorwärts.«

Josef träumte von Bauerngütern in Gilead, weißen Eseln und jüdischer Macht. Großvater dachte an Schulamit, die dortgeblieben war, nachdem sie sein Fleisch mit Eisenzinken der Täuschung und Eifersucht malträtiert hatte, und an Palästina, das ihm nur eine Zufluchtsstätte für fahrlässig Liebende war, ein jeder Erinnerung fernes Land, ein Ort der Heilung, an dem die Wunden verschorfen konnten.

[42] Er saß auf dem Hinterdeck, blickte aufs Wasser und entwand seinem bloßen Herzen Fasern, die ihm in die Gischt nachwehten. »Sieh unser heißes Herz, zerrieben und zerfasert wie ein Faden«, schrieb er viele Jahre später auf einen Zettel.

Während der gesamten Überfahrt aßen Jakob und Josef Mirkin nur Brot und getrocknete Feigen und hörten nicht auf zu kotzen.

»Wir kamen im Lande an und gingen nach Galiläa, und im Sommer saß ich mit meinem Bruder Josef schon am Ufer des Kinneret.« Seine Hand ging hin und her, stopfte mir einen Mischmasch aus hausgemachtem Weißkäse und salzigen Röstzwiebeln in den Mund. »Die ganze Nacht über bewachten wir die Felder, und im Morgengrauen setzten wir uns hin, um die Sonne Erez Israels aufgehen zu sehen. Die Sonne schien um halb fünf. Um Viertel nach fünf wollte sie uns schon umbringen. Josef senkte den Kopf und fing an zu weinen. So hatte er sich die Erlösung nicht vorgestellt.«

Jetzt schaufelten seine Hände gemischten Salat. »Wir waren drei Freunde. Zirkin Mandolina, Elieser Lieberson und ich. Mein Bruder Josef wurde krank, gab auf und verschwand auf Nimmerwiedersehen nach Amerika.«

Großvaters Körper war heiß, erregt und schwach, hin- und hergerissen zwischen Malariaanfällen, Wutkrämpfen und Sehnsucht.

Josef machte sein Glück in Kalifornien. »Als wir uns im Winter Säcke über den Kopf stülpten, Zeitungspapier in die Strümpfe stopften und im Schlamm rumpatschten, verkaufte er schon Anzüge an amerikanische Bourgeois.« Noch zu Lebzeiten von Großmutter Fejge, ein paar Monate vor ihrem Tod, wurde das Dorf ans Stromnetz angeschlossen. Josef schickte ihr aus Amerika Geld für einen Kühlschrank, aber Großvater warf den Brief in die Kotrinne des Kuhstalls und sagte Großmutter, er werde das ›Geld des kapitalistischen Verräters‹ niemals anrühren. [43]