Elbfeuer - Nicole Wollschlaeger - E-Book
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Elbfeuer E-Book

Nicole Wollschlaeger

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Beschreibung

Circus Puccini schlägt in Kophusen sein Winterquartier auf. Als der Zirkusdirektor Salvatore tot in seinem Wohnwagen aufgefunden wird, deutet zunächst alles auf Selbstmord hin. Allerdings wirft sein Testament Fragen auf. Kurz darauf verschwindet der imposante Python aus seinem Terrarium und ein Esel wird verletzt. Kommissar Philip Goldberg ahnt, dass jemand bereit ist, alles zu tun, um dem Circus Puccini zu schaden. Gemeinsam mit seinen Kollegen Peter Brandt und Hauke Thomsen versucht er, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen und Familie Puccini vor einer drohenden Katastrophe zu schützen.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Über das Buch

Prolog

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Wer spielt mit im zehnten Fall?

Die bisherigen Bände der ELB-Krimiserie im Überblick

Impressum

Über das Buch

Im beschaulichen Kophusen hat Circus Puccini sein Zelt aufgeschlagen. Doch die Vorfreude auf die Vorstellungen währt nur kurz, als Zirkusdirektor Salvatore tot in seinem Wohnwagen aufgefunden wird. Nicht nur sein Selbstmord, auch das bei ihm gefundene Testament lassen Kommissar Philip Goldberg aufhorchen. Zeitgleich sucht eine obdachlose Frau Zuflucht in einem Unterschlupf in nächster Nähe. Goldberg spürt, dass hier mehr im Spiel ist, als es den Anschein hat. Als auch noch eine Würgeschlange aus ihrem Terrarium entkommt und ein Esel verletzt aufgefunden wird, liegt auf der Hand, dass jemand alles daransetzt, dem Circus Puccini Schaden zuzufügen. Während der frischverliebte Kollege Hauke Thomsen mit seiner neuen Freundin Freija beschäftigt ist, versuchen Goldberg und sein Kollege Peter Brandt, hinter das Geheimnis der Familie Puccini zu kommen.

Nicole Wollschlaeger, 1974 in Pinneberg geboren, absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Buchhändlerin. 2004 schloss sie ein Schauspielstudium in Hamburg ab. Bis 2016 lieh sie ihre Stimme der Kinderbuchreihe „Das magische Baumhaus“ und tourte mit den Geschichten von Anne und Philipp aus Pepper Hill durch Deutschland und Österreich. 2013 erschien ihr Debütroman „Schatten über Nargon“ im Carlsen Verlag. Mit ELBSCHULD startete sie 2016 die ELB-Krimiserie um den Kommissar Philip Goldberg bei BoD.

Für Max

»Nach manchem Gespräch mit Menschen hat man den Wunsch, einen Hund zu streicheln, einem Affen zuzulächeln und vor einem Elefanten den Hut zu ziehen.«

Maxim Gorkij

Prolog

Der Applaus berauschte ihn noch immer. In all den Jahren hatte sich nichts daran geändert. Das war der Grund, warum er all die Strapazen auf sich nahm, seine Knieschmerzen mit Tabletten zu betäuben suchte und die finanziellen Sorgen ertrug. Er verbeugte sich tief vor seinem Publikum. Das Adrenalin wanderte durch seine Adern. Er war glücklich. Dieses Mal war es keine Lüge. Ein wärmendes Gefühl fuhr durch seinen Körper. Es war die Magie, die er lange nicht mehr gespürt hatte. Der Funke war übergesprungen, hatte sein Publikum entzündet und ihn verzaubert. Das Glück war flüchtig und berauschend. Ein würdiger Abschluss. Der perfekte Moment.

Ihre Blicke trafen sich. Er schenkte ihr ein Lächeln. Es war das erste Mal, dass er sie lachen sah. Sie saß in der vordersten Reihe. Begeistert schlug sie die Handflächen aneinander. Ihre Gefühle füreinander waren echt, rein und ganz frisch. Er hatte es kaum für möglich gehalten. Doch es war geschehen. Wie durch ein Wunder waren sie sich begegnet. Genau im richtigen Augenblick, am richtigen Ort. Für Salvatore Puccini würde es die letzte Vorstellung sein. Seine Zeit war gekommen.

Sein Enkel Marcello boxte ihm theatralisch in die Seite. Salvatore schrie auf. Mit gespielter Wut jagte er ihn durch die Manege. Eine Ehrenrunde. Die letzte. Unter dem Lachen der Kinder verpasste Marcello ihm einen Tritt in den Hintern und schubste ihn durch den Vorhang. Der stechende Schmerz zog sich vom Knie runter bis zu seinem Fuß. Die Tabletten wirkten schon lange nicht mehr. Er biss sich auf die Lippe und verbarg sein schmerzverzerrtes Gesicht. Das Adrenalin wich aus seinen Adern. Marcellos Lachen erklang. Auch er hatte die Magie gespürt. Sanft streichelte er dem Jungen über den Kopf.

Das Licht ging an. Der Tumult im Zelt war verebbt. Die Kinder strömten lärmend nach draußen. Salvatore warf einen letzten Blick auf seine Sippe, die wie ein Uhrwerk funktionierte. Sie würden noch mindestens eine Stunde mit dem Abbau der Requisiten beschäftigt sein. Er konnte sich ungestört in seinen Wohnwagen zurückziehen. Alle wussten, dass er nach der Vorstellung gerne für sich war. Niemand würde seine Pläne durchkreuzen. Es war augenscheinlich alles wie immer. Er trat durch den Spalt im Vorhang. Sein Blick glitt über die Manege, vorbei an dem leeren Platz, auf dem sie eben noch gesessen hatte. Die Stille nach einer Vorstellung konnte ebenso ohrenbetäubend sein wie der Applaus. Salvatore sog den Duft von Holzspänen und Popcorn ein. Das war sein Leben gewesen. Alles, wovon er immer geträumt hatte.

Den pochenden Schmerz im Knie ignorierend, humpelte er durch die Manege. Sein Kopf war leer. Aufgeräumt. Alle Zweifel der letzten Wochen waren verschwunden. Er schlüpfte durch den Seiteneingang. Nach wenigen Metern erreichte er seinen Wohnwagen. Die Stufen waren zu einem fast unüberwindlichen Hindernis geworden. Der Schmerz durchzog sein Bein. Ein Mal noch, dann würde es vorbei sein.

Er schloss die Tür hinter sich. Im Schlafbereich ließ er sich vorsichtig vor dem Spiegel nieder, der schon seinem Großvater gehört hatte. Salvatore knipste das Licht an. Wie oft hatte er hier gesessen und sich im Schein der nackten Glühbirnen geschminkt. Er hatte aufgehört zu zählen. Aus schwarzumrandeten Augen betrachtete er sich. Seit einiger Zeit setzte sich sein Make-up in den Hautfalten ab. Sein fortgeschrittenes Alter war nicht zu verbergen.

Seine Entscheidung stand fest. Seit Wochen hatte er seinen Abgang vorbereitet. Er hatte niemandem etwas von seinen Plänen erzählt. Diese Entscheidung hatte er für sich allein gefällt. Manche würden es egoistisch nennen, doch für ihn war es genau das Gegenteil. Er machte nicht nur Platz für die nächste Generation. Sein Tod würde die Zukunft des Zirkus sichern. Nur seine Schwester Giulia, die seine Post öffnete, wusste, wie es wirklich um ihre Situation bestellt war. Die Banken, das Finanzamt, alle hatten sich gegen sie verschworen. Doch Giulia würde den Mund halten. Das hatte sie ihm versprochen. Sein Tod war der einzige Ausweg, die letzte Chance, das Lebenswerk seiner Familie zu retten. Er hatte keine Kraft mehr. Er war müde, sein Körper ausgebrannt. Alle um ihn herum spürten, dass es so weit war, scharrten mit den Hufen und hofften insgeheim, dass er freiwillig abtreten würde. Und genau das hatte er vor. Noch besaß er einen Funken Würde.

Die Familie würde sich neu aufstellen müssen. Der Streit war vorprogrammiert, das wusste er. Aber sie würden sich einigen. Einigen müssen. Ihm zuliebe und um das Überleben des Zirkus zu sichern. Das war sein ausdrücklicher Wunsch. Sein Erbe, sein Vermächtnis.

Er zog die Schublade auf und nahm die Smith & Wesson heraus. Sie wog schwer. Ebenso wie seine Entscheidung. Er legte sie auf dem Schminktisch neben der Puderquaste ab. Von dem doppelten Boden der Schublade wussten nur seine Söhne Guido und Rocco. Fast feierlich entnahm er dem Fach den weißen Bogen und den altmodischen Füllfederhalter. Er wusste nicht, ob er die richtigen Worte gefunden hatte, aber darauf kam es nicht an. Sie waren direkt aus seinem Herzen gekommen, und allein das zählte. Seine Söhne würden es verstehen. Davon war er überzeugt. Sie waren zugänglicher als er, offener und vor allem nicht so stur wie er selbst. Sie kamen nach ihrer Mutter. Er lächelte. Saskia hatte ihr ganzes Leben an seiner Seite verbracht. Tief in ihrem Inneren würde sie begreifen, dass er es hatte tun müssen. Gemeinsam würden sie zu dritt das Unternehmen in die Zukunft führen. Dafür hatte er gesorgt. Sein Tod würde den Grundstein für einen Neuanfang legen. Ein furioses Comeback.

Im Stillen las er die Zeilen noch einmal. Sein Letzter Wille war klar und eindeutig formuliert. Ein Auftrag an seine Nachkommen, den Zirkus mit neuem Leben zu erfüllen. Das Geld würde ihnen aus der Misere helfen. Entschlossen setzte er den Ort und das Datum darunter. Dann unterschrieb er das neue Testament mit vollem Namen. Er schob die Kappe zurück auf den Füller. Sein Atem ging erstaunlich ruhig. Er hatte erwartet, dass er nervös sein würde, vielleicht sogar zitterte. Aber nichts von all dem geschah. Sein Entschluss fühlte sich richtig an. Nun war alles schriftlich fixiert und der Weg in ein neues Zeitalter geebnet. Er war stolz auf sich. Weder seinem Großvater noch seinem Vater wäre das je in den Sinn gekommen. Die Leitung des Zirkus war ausschließlich Männersache gewesen und hatte immer dem ältesten Sohn zugestanden. Das würde sich nun ändern.

Den Verkauf hatte er testamentarisch ausgeschlossen. Auch wenn das rechtlich anfechtbar war. Salvatore ertrug den Gedanken nicht, dass sein Vermächtnis an diesen Banausen verscherbelt werden würde. All das, wofür er sein Leben lang gearbeitet hatte. Er war in dem Wohnwagen geboren worden, ebenso wie sein Vater und sein Großvater vor ihm. Der Zirkus war nicht nur das Zuhause seiner Familie. Er war auch das Heim seiner Tiere. Die meisten von ihnen hatte er eigenhändig aus dem Leib der Mutter gezogen. Sie hatten ihm vertraut. Und er hat sich ihr Vertrauen verdient. Tag für Tag. Jahr für Jahr.

Am schlimmsten würde es seinen treuesten Weggefährten treffen. Deshalb hatte er genaue Anweisungen zu Papier gebracht, um seine Sicherheit und die der anderen Tiere zu gewährleisten. Auch wenn der Zirkus notwendige Veränderungen durchlaufen musste, um zu überleben, seine Tiere würden einen Ort haben, an dem sie in Würde alt werden und in Ruhe sterben konnten. Damit zollte er ihnen Respekt für ihre Treue. Seite an Seite waren sie mit ihm durch dick und dünn gegangen, manche von ihnen waren ihm sogar buchstäblich durchs Feuer gefolgt. Er lächelte schwach. Am Ende konnte er sich ruhig ein wenig Pathos erlauben. Schließlich setzte er jeden Tag sein Leben aufs Spiel. Für sein Publikum.

Es wurde Zeit. Bevor er es sich doch noch anders überlegte und er vor lauter Sentimentalität den Mut verlieren würde. Er stützte sich auf den Tisch und stemmte sich hoch. Mit dem Testament trat er in den Wohnbereich. Die Flasche stand auf der Küchenzeile seines in die Jahre gekommenen Wohnwagens. Vor jeder Vorstellung genehmigte er sich einen Schluck von dem selbst gebrannten Schnaps, um die Nerven zu beruhigen und die Schmerzen zu betäuben. Er nahm sich das Glas, aus dem er vorhin getrunken hatte, und füllte es. In einem Zug leerte er es. Er würde es nicht länger hinauszögern. Salvatore drehte den Verschluss zu, legte das Testament neben die Flasche und stellte das leere Glas darauf ab. Dort würde man es sofort finden und es war vor Blutspritzern geschützt, die es unleserlich machen könnten. Zum Notar hatte er es nicht mehr geschafft. Sein Knie. Außerdem hätten sie Verdacht geschöpft.

Humpelnd kehrte er an den Schminktisch zurück. Im Sitzen oder im Stehen? Darüber hatte er noch gar nicht nachgedacht. Er entschied sich für den Stuhl. Er nahm sein Kopfkissen vom Bett. Sein Oberkörper würde bei Eintritt des Todes sicher nach vorne auf den Tisch fallen. Mit etwas Glück würde das Blut in den Federn versickern und eine Sauerei vermeiden. Außerdem würde es den Anblick seiner Leiche erträglicher machen.

Ein letztes Mal betrachtete er sich im Spiegel. Er war sich der Ironie durchaus bewusst. Doch er wollte als Pepe sterben und nicht als Salvatore. Das war das Leben, in das er hineingeboren war und das er mit Stolz gelebt hatte. Er verbot sich die aufkeimende Wehmut. Zu Lebzeiten hatte er keine Zeit dazu gehabt und würde auch am Ende nicht damit anfangen.

Der Revolver hatte seinem Vater gehört. Er war Sportschütze gewesen und hatte einen Waffenschein besessen. In den Neunzigerjahren hatte er das Ding als Requisit benutzt. Natürlich ohne Munition, die lagerte er immer getrennt. Die letzte Kugel würde Salvatore gehören. Er kontrollierte die Trommel, entsicherte den Lauf und schob sich das kalte Metall in den Mund. Dann presste er sich das Kissen vors Gesicht. Seine Hände zitterten nicht. Im Gegenteil. Er schloss die Augen und drückte ab. Das Letzte, woran er dachte, war sein bester Freund. Giuseppes dunkle Augen schauten ihn an, als würden sie verstehen und, was noch wichtiger war, als würden sie ihm verzeihen.

1

Der Anblick des rot-weiß gestreiften Zirkuszeltes, dessen Spitze in den Himmel ragte, versetzte Goldberg mit einem Schlag in seine Kindheit ins Berlin der Siebzigerjahre zurück. Er hatte den Zirkus geliebt. Die Atmosphäre, die riesige Manege und nicht zuletzt der Duft von Holzspänen hatten ihn begeistert. Bei jedem Besuch hatte er ganz vorne in der ersten Reihe gesessen, um ja nichts zu verpassen. Immer hatte er seine Hand ausstrecken wollen, um eines der Tiere zu berühren, doch er hatte sich nie getraut.

»Wie früher«, sagte sein Kollege Hauke Thomsen, der ebenfalls aus dem Streifenwagen ausgestiegen war. »Circus Puccini, Mann, den gab es schon, als ich noch klein und unschuldig war.«

»Klein glaube ich dir, aber unschuldig?«, erwiderte Goldberg lächelnd.

»Ich gebe es zu, manchmal habe ich versucht, mich von der Seite reinzuschleichen, aber Rosi hat mich jedes Mal gezwungen, auch ja meinen Eintritt zu bezahlen.«

Haukes Schwester hatte offenbar bereits als Kind einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besessen. Sie wusste, was sie wollte. Goldberg konnte sich das lebhaft vorstellen.

»Bist du sicher, dass es der Zirkus von damals ist?«, fragte der Kommissar. »Ohne dir zu nahe treten zu wollen, aber das ist fast fünfzig Jahre her.«

»Den Namen werde ich nie vergessen. Puccini. Mit ›tsch‹. Ich konnte es nicht aussprechen und habe immer Pukkini gesagt. Rosi hat mich jedes Mal in die Seite geboxt und korrigiert: ›Es heißt Putschini! Das ist italienisch.‹« Hauke lachte. »Ich spüre heute noch ihren spitzen Ellenbogen zwischen meinen Rippen.«

»Und so etwas nennt sich großer Bruder.«

»Sie war schon immer stärker als ich. Was sollte ich tun?«

»Ich dachte, du hättest sie beschützt?«

»Das war nicht nötig. Rosi konnte immer schon auf sich selbst aufpassen.«

Goldberg knöpfte sein helles Leinensakko zu. Es war erstaunlich warm für Ende September. Wenn die Wettervorhersage zutraf, würde ihnen ein goldener Oktober bevorstehen.

Hauke folgte ihm über das Feld. Die Hände in den Taschen seiner dunkelblauen Polizeiuniform pfiff sein Kollege gut gelaunt vor sich hin. Love Is in the Air von Paul Young. Seit Wochen begleitete ihn nun schon diese Melodie. So langsam konnte sein Kollege mal eine neue Platte auflegen, dachte Goldberg. Aber er schwieg. Es kam selten genug vor, dass Hauke gute Laune verströmte. Im Normalfall fiel er eher durch seine Übellaunigkeit auf.

Sie bahnten sich einen Weg durch die aus dem Boden ragenden Maisstümpfe. Der Landwirt Finn Carstensen hatte den Zirkusleuten seine Wiese zur Verfügung gestellt. Es war das erste Mal, dass Circus Puccini hier überwintern wollte. Ihr angestammtes Quartier war nicht verfügbar gewesen. Mehr wusste Carstensen nicht. Die Saison neigte sich dem Ende zu. Die letzten Spieltage waren angebrochen. Ein strenger Geruch stieg Goldberg in die Nase. Links hinter einem grünen Wohnwagen kamen zwei Zelte in Sichtweite. Der Kommissar erhaschte einen Blick auf einen prächtigen Ziegenbock, der wie aufs Stichwort ein meckerndes »Mäh« von sich gab.

Die Wohnwagen der Artisten waren im Halbkreis um das Zirkuszelt angeordnet. Auf dem größten prangte das Logo, ein lachender Clown in bunten Farben. Beim Anblick des überdimensionierten Gesichts überfiel Goldberg ein ungutes Gefühl. Er hatte nicht alles am Zirkus geliebt. Statt wie alle anderen Kinder über die Clowns zu lachen, hatten ihm die weiß geschminkten Fratzen mit den roten Nasen Angst eingeflößt. Sobald sie mit ihren riesigen Schuhen die Manege betraten, war der kleine Philip eng an seine Mutter herangerutscht und hatte den Kopf eingezogen. Die waren wirklich gruselig gewesen. Er hatte nie verstanden, was die anderen so lustig an diesen tollpatschigen, bis zur Unkenntlichkeit geschminkten Geschöpfen fanden, die sich gegenseitig wehtaten oder Wasser ins Gesicht spritzten. Auch heute noch überkam ihn ein vages Gefühl der Beklemmung, wenn er einen Clown sah. Nicht umsonst hatte Stephen King diese Urängste für eine seiner berühmtesten Geschichten genutzt. Bis heute hatte er nicht gewagt, sich den Film bis zum Ende anzusehen.

Das lächelnde Clownsgesicht zierte auch die Plakate, auf denen der Zirkus seine letzten Vorstellungen ankündigte. Seit einigen Wochen hingen sie an der Straße und vor der Kirche. Magda, seine Lebensgefährtin und Buchhändlerin in Glückstadt, hatte vorgeschlagen, Karten für die Abschlussvorstellung am Samstagnachmittag zu besorgen. Aber aufgrund des Anrufs, den sie vor gut dreißig Minuten von der Regionalleitstelle erhalten hatten, war Goldberg nicht mehr so sicher, ob die Vorstellung tatsächlich stattfinden würde.

Sie ließen den Haupteingang aufs Gelände links liegen und näherten sich von der Seite. Nichts wies darauf hin, dass hier ein Mensch zu Tode gekommen war. Es war still. Der Platz schien wie ausgestorben. Vor dem ungerührt in der Sonne leuchtenden Zelt blieben sie stehen. Die Plane stand zu beiden Seiten offen. Der Eingang wirkte wie ein dunkel aufragendes Maul, das jeden verschlang, der es wagte, einzutreten. Hauke schien allerdings wenig beeindruckt. Ohne zu zögern, marschierte sein Kollege in das Innere des Zelts und wurde von der Dunkelheit verschluckt. Goldberg folgte ihm und blieb nach wenigen Schritten ehrfürchtig stehen. Das Sonnenlicht ließ das Zirkuszelt schimmern und verbreitete ein diffuses Licht. Sterne glitzerten am dunkelblauen Zirkushimmel. Rechts von ihm, neben dem Eingang, war ein rot-weißer Verkaufsstand, der Goldbergs Begeisterung umgehend ernüchterte. Die Bude erinnerte ihn an den Hamburger Dom, der so gar nicht sein Fall war. Eine riesige Popcorn-Maschine erklärte den süßlichen Duft, der in der Luft klebte. Daneben standen zwei durchsichtige Kühlbehälter mit jeweils einer giftgrünen und einer schlumpfblauen Flüssigkeit. Auf dem Tresen befanden sich lauter bunte Süßigkeiten, die in ihren Gläsern darauf warteten, von den Besuchern verzehrt zu werden. An der Zeltwand leuchtete ein großer Kühlschrank verheißungsvoll, gefüllt mit heillos überzuckerten Kaltgetränken. Mittlerweile reichte die Zirkusmagie offenbar nicht mehr aus, um Kinder zu verzaubern.

Hauke blieb stehen und blickte sich um. »Irgendwie habe ich das größer in Erinnerung«, sagte er. »Oder ich war einfach nur kleiner.«

Eine weise Einsicht, fand Goldberg und nickte zustimmend. Vermutlich hatten sie beide verklärte Erinnerungen an die Zirkuswelt.

Die Holzbänke der letzten Reihen waren bunt angemalt. Vorne an der Manege standen rot gepolsterte Stühle. Links und rechts ragten Scheinwerfersäulen empor. Der Bereich hinter der Manege war von einem blauen Vorhang abgeschirmt.

»Da sind Sie ja«, erklang eine weibliche Stimme hinter ihnen.

Goldberg drehte sich um, als Hauke bereits ein anerkennendes Schnalzen entfuhr, das ihm sofort peinlich zu sein schien. Sein Kollege räusperte sich.

»Guten Tag. Polizeiobermeister Hauke Thomsen, und das ist Kriminalhauptkommissar Philip Goldberg. Wir wurden alarmiert«, sagte er mit betont ernster Stimme und trat auf sie zu.

Vor ihnen stand eine Frau, nicht größer als einen Meter sechzig. Ihr Alter war schwer zu schätzen. Goldberg tippte auf Mitte vierzig. Unter ihrem fleckigen offenen Bademantel trug sie ein orientalisch anmutendes Gewand, das für Goldbergs Dafürhalten nur bedingt jugendfrei war. Der weiße, durchsichtige Stoff ließ ihre weiblichen Rundungen nicht nur erahnen. Auf dem Kopf ragte eine lilafarbene Feder aus dem streng zusammengebundenen Haar hervor. Dieser Anblick allein hätte ausgereicht, um Hauke in Entzücken zu versetzen. Doch das Schnalzen hatte nicht ihr gegolten. Es war das mattglänzende, grüne Etwas, das um ihren Hals hing.

»Kommen Sie«, sagte die Frau. »Er liegt in seinem Wohnwagen.«

Goldberg zögerte. Hauke straffte sich und räusperte sich erneut.

»Kommt das Ding da auf Ihren Schultern auch mit?«, fragte Hauke, bemüht, die Fassung zu bewahren.

Die Frau lächelte. »Verzeihen Sie, das ist Beatrice. Haben Sie Angst vor Schlangen?«

Als hätte Beatrice ihren Namen verstanden, reckte sie ihnen den Kopf entgegen. Die Zunge schnellte zischend aus dem Mund. Die Beamten wichen gleichzeitig einen Schritt zurück.

»Na ja, Beatrice sieht nicht gerade glücklich aus«, sagte Hauke.

»Keine Sorge. Sie ist nicht giftig. Ein weiblicher Grüner Baumpython.« Die Frau streichelte über das grün leuchtende Tier, das sich schier endlos um ihren schlanken Hals zu winden schien. Die weißen Sprenkel unterstrichen den satten Grünton. Die Unterseite war deutlich heller, fast weiß. »Mögen Sie sie mal streicheln? Beatrice liebt das.«

Hauke konnte gerade noch ein empörtes Schnauben unterdrücken. Goldberg kam ihm zu Hilfe.

»Nein, danke. Wir sind aus einem anderen Grund hier. Könnten Sie uns zu dem Toten bringen?«

Sie nickte traurig. »Ja, natürlich. Entschuldigen Sie. Wir sind alle fassungslos über den Verlust Salvatores.« Sie wandte sich zum Gehen. »Er war nicht nur der Direktor, er war die Seele des ganzen Zirkus.«

Die beiden Beamten warfen sich einen kurzen Blick zu. Hauke verzog das Gesicht zu einer angewiderten Miene. »Das kann ja heiter werden«, brummte er leise. »Ich hoffe nur, in dem Wohnwagen laufen keine Vogelspinnen frei herum«, murmelte er.

Bevor sich das Bild in Goldbergs Kopf manifestieren konnte, schob er es rasch beiseite. Sie folgten der Frau nach draußen.

»Wer hat ihn gefunden?«, fragte Goldberg, der in gebotenem Abstand neben ihr ging.

»Mein Mann. Guido, Salvatores ältester Sohn.«

»Und Sie sind?«

»Carla Puccini.«

»Wann hat Ihr Mann seinen Vater gefunden?«, erkundigte sich Hauke.

»Vor einer Dreiviertelstunde. Guido hat sofort die 110 gerufen.«

Vorsichtig trat Goldberg über eines der armdicken Seile, mit denen das Zelt im Boden verankert war. Beatrice schaute neugierig auf. Der Kommissar wandte den Blick ab. Er war kein Fan von Reptilien. Erst recht nicht, wenn sie so beweglich waren. Hauke schien es ähnlich zu gehen. Sein Pfeifen jedenfalls war verstummt.

Carla steuerte auf einen der Wohnwagen zu. Sie nahm die drei Metallstufen nach oben und öffnete die Tür. Beatrice schielte über ihre Schulter und fixierte Goldberg mit ihren silberfarbenen Augen. Der Kommissar wartete, bis die Frau im Innern verschwunden war, bevor er ihr folgte.

Ein Mann mit schwarzen, kurzen Haaren stand an der Küchenzeile. Als sie den Wohnraum betraten, drehte er sich um. Seine Augen waren feucht.

»Guten Tag. Mein Name ist Goldberg. Philip Goldberg.« Er reichte dem Mann die Hand.

»Guido Puccini«, erwiderte er leise und drückte die entgegengebrachte Rechte. Fast hätte Goldberg einen Laut von sich gegeben, doch er verzog keine Miene. Der Mann war muskulös. Sein Händedruck schmerzhaft.

»Ich bin sein Sohn«, sagte er, während er Hauke mit Handschlag begrüßte, dem kurzzeitig die Gesichtszüge entgleisten. »Kommen Sie. Er ist hinten im Schlafbereich.«

Carla setzte sich auf die Eckbank. Sie machte zum Glück keine Anstalten, ihnen in den engen Nebenraum zu folgen. Guido schob die klapprige Schiebetür beiseite und ließ den Beamten den Vortritt. Der winzige Raum war von einem Doppelbett nahezu ausgefüllt. Links stand ein altmodischer Schminktisch mit einem riesigen Spiegel, an dessen Rändern Glühbirnen steckten. Goldberg wich zurück, als er die Perücke auf dem Kopf des Toten erblickte. Er spürte, wie sich die Gänsehaut auf seinen Armen ausbreitete. Hauke schnaubte leise neben ihm. Guido schien ihre Reaktion bemerkt zu haben.

»Er war der Clown. Pepe.«

Das war nicht zu übersehen. Die roten Haare aus Kunstfasern standen dem Toten buchstäblich zu Berge. Das Gesicht war weiß geschminkt. Die knallrote Nase war ihm über die Stirn gerutscht. Goldberg musste sich zusammenreißen. Es schien, als wäre er in einem von Stephen Kings Horrorszenarien gelandet. Der Kommissar zwang sich, den Blick nicht abzuwenden. Der Kopf des Toten lag seitlich auf dem Tisch. Unter ihm ein Kissen, das er sich offenbar vor dem tödlichen Schuss in den Mund vor das Gesicht gehalten hatte. Es war mit Blut durchtränkt und hatte die Schminke verwischt. Ein dünner Faden geronnenen Blutes hatte es über die Tischkante geschafft und war zu Boden getropft. Seine weiß geschminkten Hände lagen neben dem Kopf auf dem Tisch. In der Linken steckte lose der Revolver. Beim Eintritt des Todes war die Kraft aus der Hand des Clowns gewichen. Die Rechte ruhte auf dem Tisch, als müsste sie sich von den Strapazen erholen.

»Sie haben ihn gefunden?«, fragte Goldberg und drehte sich zu dem Mann um, der in der Tür stehen geblieben war.

Guido nickte.

»Wann war das genau?«

»Keine Ahnung, vor einer Dreiviertelstunde vielleicht.«

Goldberg blickte auf das geronnene Blut. »Er muss schon länger hier liegen. Haben Sie den Schuss nicht gehört?«

»Doch, aber hier sind öfter Jäger unterwegs. Wir waren mit dem Abbau nach der Vorstellung beschäftigt und haben uns nichts dabei gedacht.«

»Verstehe.«

»Aber als er zum Essen nicht zu uns ins Vorzelt kam, habe ich nach ihm geschaut.«

»Niemand war bei ihm?«

»Nein, nach der Vorstellung wollte er immer allein sein. Es war eine Marotte von ihm. Keiner durfte ihn stören.«

»Wohnt er allein hier?«

Guido schüttelte den Kopf. »Nein, mit meiner Mutter zusammen. Sie ist bei meinem jüngeren Bruder Rocco und meiner Schwägerin. Sie kümmern sich um sie.«

»War außer Ihnen noch jemand hier in dem Raum?«

»Nein, niemand soll ihn so sehen.«

Goldberg drehte sich wieder zu dem Toten. Hauke war in die Hocke gegangen und starrte auf die riesigen gelben Schuhe an seinen Füßen.

»Woher hatte er den Revolver?«, fragte Hauke.

»Der gehörte meinem Großvater«, erwiderte Guido.

»Warum hatte er eine Waffe?«, setzte Hauke nach.

»Sie gehörte zu seiner Zirkusnummer. Mein Vater hat die Waffe und die Nummer übernommen, aber vor einigen Jahren aufgegeben.«

»Eine Nummer mit einer echten Smith & Wesson?«, sprach Hauke Goldbergs Frage laut aus und erhob sich dabei.

»Sie kam nie zum Einsatz. Sie war bloß ein Requisit der Lassonummer«, erklärte Guido.

»Hatte Ihr Vater einen Waffenschein?«, erkundigte sich Hauke, der das eben Gehörte nicht zu glauben schien.

»Nein, mein Vater nicht, aber mein Großvater. Er war Sportschütze.«

»Woher stammt sie?«, wollte Goldberg wissen.

»Das weiß ich nicht. Ich habe nie gefragt.«

Ein Clown mit einem echten Magnum-Kaliber, ging es Goldberg durch den Kopf. Das entsprach nicht gerade der gängigen Jobbeschreibung. Und warum hatte der Mann sich nicht vorher abgeschminkt? War es eine Kurzschlussreaktion gewesen oder wollte er ein Zeichen setzen?

»War Ihr Vater krank?«, fragte Goldberg.

»Nein. Also jedenfalls nichts Ernstes. Seine Knie machte ihm zu schaffen.«

»Können Sie sich einen Grund vorstellen, warum er das getan hat?«

Guido strich sich mit der Hand über die Augen. »Mein Vater war alt und konnte nicht mehr so, wie er wollte. Vielleicht war es für ihn schwieriger, als wir gedacht haben.« Seine Stimme zitterte. »Er hat einen Abschiedsbrief hinterlassen«, sagte Guido, um Fassung ringend. »Er liegt auf dem Küchentresen.«

Er wich zur Seite, um den Beamten Platz zu machen. Der Wohnwagen schaukelte leicht, als sie zurück in den Wohnraum traten. Guido deutete auf die Flasche, die auf der Arbeitsfläche stand. Unter dem leeren Glas daneben befand sich ein Blatt Papier. Guido setzte sich neben Carla auf die Eckbank. Goldberg sah, wie sie seine Hand ergriff. Beatrice starrte hingegen ungerührt vor sich hin.

»Ich habe nicht gewagt, den Brief anzurühren.« Guido senkte den Blick.

Goldberg nickte. Hauke zog sich neben ihm Einweghandschuhe über, die er seit einiger Zeit immer bei sich trug. Es war nicht die ungewöhnlich hohe Verbrechensrate in Kophusen, die ihn dazu veranlasst hatte. Vielmehr war es das neue Image vom »coolen Polizisten«, das er seit Beginn seiner Beziehung zu Freija pflegte. Hauke hob das Glas an und zog den Bogen zu sich heran, als wäre er Lieutenant Kojak persönlich. Wenn er nicht bald damit aufhörte, würde Goldberg ihm einen Lolly kaufen müssen, um den Look zu vervollständigen. Er trat zu seinem Kollegen, blickte ihm über die Schulter und überflog die Zeilen. Das war kein Abschiedsbrief. Salvatore hatte seinen Letzten Willen hinterlassen.

»Das ist ein Testament«, entfuhr es Hauke.

Goldberg blickte zu dem Ehepaar, das erstaunt die Köpfe hob.

»Das kann nicht sein. Er hat doch längst eines gemacht. Der Zirkus geht an mich. Das ist Tradition.«

»Dann gibt es jetzt ein neues«, sagte Hauke ungerührt.

Goldberg wandte den Blick zurück auf den Bogen. Die Zeilen wirkten, als hätte er sie hektisch zu Papier gebracht. Der Kugelschreiber hatte am Ende fast seinen Geist aufgegeben. Die Unterschrift war gerade noch zu lesen. Es kam ihm merkwürdig vor. War Salvatore in Eile gewesen? War das Testament ein spontaner Einfall gewesen? Es enthielt keinen Hinweis darauf, warum er sich umgebracht hatte. Die meisten schrieben einen Gruß an die Hinterbliebenen und erklärten sich, doch Salvatore hatte nur sein Testament zurückgelassen, ohne ein Wort des Abschieds.

»Ich rufe die Kollegen an«, sagte Hauke und zückte sein Telefon aus der Brusttasche seiner Uniform. »Und Sie fassen hier bitte nichts an.«

Guido nickte traurig. Er drückte die Hand seiner Frau, während Carla behutsam über Beatrices glatte Haut strich. Es war ein kurioser Anblick. Ein erschossener Clown, dessen Blut über den Schminktisch lief, und daneben eine orientalisch gekleidete Frau im abgewetzten Frotteebademantel mit einer Pythonschlange um den Hals. Goldberg hatte bei der Berliner Kriminalpolizei vieles erlebt, doch Kophusen war eindeutig Spitzenreiter auf der Liste der skurrilsten Tatorte. Wer hätte das von der norddeutschen Pampa erwartet? Er jedenfalls nicht.

»Welche Kollegen?«, fragte Carla plötzlich, als wäre Haukes Bemerkung erst jetzt zu ihr vorgedrungen.

»Die Kollegen von der Kriminalpolizei werden sich vorsorglich hier umschauen«, erklärte Hauke und sah vom Display auf.

»Kriminalpolizei? Aber es war doch Selbstmord«, mischte sich Guido ein.

»Danach sieht es aus, aber das müssen wir erst noch abklären«, erwiderte Hauke in seinem neuen Polizisten-Tonfall.

Carla und Guido schienen gleichermaßen erstaunt. Sie wechselten einen kurzen Blick. Goldberg prägte sich ihre Reaktion ein. Carla schien nicht sonderlich traurig über den Tod ihres Schwiegervaters zu sein. Sie benahm sich, als würde jede Woche ein toter Clown in einem der Wohnwagen liegen.

Hauke stieg die Treppenstufen hinunter, während er mit den Kollegen aus Itzehoe telefonierte. Niklas Weidenbach würde es sich bestimmt nicht nehmen lassen, persönlich zu erscheinen. Der Kollege hatte inzwischen offiziell die Leitung der Itzehoer Abteilung übernommen. Goldberg war sich sicher, dass er dort nicht lange bleiben würde. Der Mann war ehrgeizig und plante höchstwahrscheinlich bereits seinen nächsten Schritt auf der Karriereleiter.

»Ist Ihnen an Ihrem Vater in letzter Zeit etwas aufgefallen? Hat er sich ungewöhnlich verhalten?«, setzte Goldberg die Befragung fort.

Guido schien kurz zu überlegen, bevor er den Kopf schüttelte.

»Und Ihnen?«, fragte Goldberg an Carla gewandt.

»Salvatore war ein Zirkustier, aber seine Knochen spielten nicht mehr mit.«

»War er also doch krank?«, hakte Goldberg nach.

Carla blickte zu ihrem Mann. Guido nickte ergeben.

»Arthrose. Nichts Ungewöhnliches in seinem Alter.«

»Hat er darunter gelitten?«, erkundigte sich Goldberg.

»Für meinen Vater kam der Zirkus immer an erster Stelle. Aber er konnte in letzter Zeit nicht mehr so, wie er wollte. Er hat versucht, sich nichts anmerken zu lassen, doch er hatte angefangen, einige Nummern an uns abzugeben.«

»Das ist keine Antwort auf meine Frage«, sagte Goldberg freundlich.

»Wenn er darunter litt, dann machte er es mit sich aus. Wie immer. Er war kein großer Freund von Gefühlen. Außer für die Tiere.«

»Verstehe«, erwiderte der Kommissar.

Goldberg meinte, einen Hauch von Verbitterung herausgehört zu haben. Hatte Salvatore seine Tiere mehr geliebt als seine eigenen Kinder? Alles sah nach Selbstmord aus. Wie aus dem Lehrbuch. Bis auf das Kissen. Das war ungewöhnlich. Möglicherweise hatte Salvatore versucht, die Lautstärke des Schusses zu dämpfen, oder hatte er nur sanft fallen wollen? Er spürte ein Kribbeln in seiner Magengegend. Irgendetwas stimmte hier nicht.

»Sie haben gehört, was mein Kollege gesagt hat. Ich muss Sie bitten, draußen zu warten.«

Das Ehepaar tat wie geheißen und stieg die Stufen hinab.

Hauke hatte sein Telefonat inzwischen beendet und kehrte zu Goldberg in den Wohnwagen zurück. Diskret schloss er die Tür hinter sich.

»Madame Schlangenflüsterin ist ja ziemlich gefasst. Wenn ihre grüne Freundin stirbt, ist sie sicher am Boden zerstört.«

Goldberg nickte zustimmend. Er ging zurück in den Schlafraum und besah sich den Toten genauer. »Warum trägt er sein Kostüm?«

»Vielleicht war er ein echter Spaßvogel?«

Goldberg ignorierte die Bemerkung. Er blickte unter den Tisch. Die rote Pumphose war, wie bei Clowns üblich, viel zu groß. Die gelb-grün gestreifte Jacke hatte ein paar Blutspritzer abbekommen.

»Tiefschwarzer Humor? Du weißt doch, wie durchgeknallt Künstler sind. Erinnere dich nur an die verrückte Truppe beim Jedermann«, kommentierte Hauke.

Die tote Frau am Lenkrad des Löschfahrzeugs tauchte vor Goldbergs innerem Auge auf. Eine makabre Inszenierung, die sich in sein Gedächtnis gebrannt hatte. Er schüttelte die Erinnerung ab und konzentrierte sich auf den Toten. Salvatore schien sich in den Mund geschossen zu haben. Ob die Kugel im Kopf stecken geblieben war, konnte er nicht feststellen, ohne die rote Kunsthaarperücke zu verschieben. Danach war sein Oberkörper auf den Tisch gesackt. Das Testament hatte er gut sichtbar auf die Arbeitsplatte der Küchenzeile unter dem Glas platziert.

Hauke drehte sich um und ging zurück in den Wohnraum. Goldberg erhob sich mühsam. Seine Knie knackten. Er folgte Hauke und deutete auf die Flasche.

»Was ist das?«, fragte Goldberg seinen Kollegen, der gerade die Flasche öffnete, um daran zu riechen.

»Auf jeden Fall hochprozentig.«

Die Flasche hatte kein Etikett. »Selbst gebrannt?«

»So wie das riecht, ja. Vielleicht hat er sich vorher noch ein wenig Mut antrinken müssen?«, schlug Hauke vor.

»Sieht ganz danach aus.«

Sie ließen den Blick schweifen. Die Einrichtung war renovierungsbedürftig. An mehreren Stellen des Tisches blätterte das Eichenfurnier ab. Der Stoff der altmodischen Eckbank war zerschlissen und fleckig.

»Kannst du dir vorstellen, dein ganzes Leben in so einem rollenden Kabuff zu hausen?«, fragte Hauke.

Goldberg schüttelte den Kopf.

»Vielleicht mal für einen Urlaub, aber doch nicht für immer.« Hauke blickte angewidert auf die Küchenzeile. »Ganz schön heruntergekommen.«

Sein Kollege war ein regelrechter Putzteufel, weshalb der Anblick ihn schaudern ließ. Goldberg hingegen erinnerte das Dunkelbraun an den alten Eichenschrank seiner Großmutter, der ihr gesamtes Wohnzimmer dominiert hatte.

»Mit Zirkusromantik hat das jedenfalls wenig zu tun«, kommentierte der Kommissar.

»Gar nichts, wenn du mich fragst. Allein dieser penetrante Tiergestank. Da hast du ja nie Feierabend.«

»Das dürfte jetzt ihr geringstes Problem sein. Ich hoffe, die Staatsanwaltschaft fordert eine Obduktion an. Bruno wird uns mehr sagen können.«

Der Rechtsmediziner aus Kiel war ein alter Freund Goldbergs, der sie mit den nötigen Informationen versorgte, auch wenn sie nicht die ermittelnden Beamten waren. Über die Jahre hatten sie sich als gutes Team erwiesen. Um einen gewaltsamen Tod auszuschließen, würde man Salvatore hoffentlich zu ihm bringen. Goldberg spürte Haukes alarmierten Blick.

»Bezweifelst du etwa, dass es Selbstmord war?«, fragte er. Goldberg machte eine vage Geste.

»Du hast doch gehört, der war krank«, wandte Hauke ein. »Und bevor er zu gar nichts mehr in der Lage ist, befördert er sich eben lieber selbst ins Jenseits. Das ist doch total logisch. Schnaps, Testament – und PENG. Was gibt es daran schon wieder auszusetzen?«

Bevor Goldberg etwas erwidern konnte, erfüllte die metallisch klingende Melodie von Love Is in the Air den engen Raum. Mit einem breiten Grinsen fischte Hauke hastig sein privates Mobiltelefon aus der Hosentasche.

»Hallo, Schmuckstück«, hauchte sein liebestoller Kollege ins Telefon, und verdrückte sich, um Privatsphäre bemüht, zu dem Toten ins Schlafzimmer. Er zog an der Schiebetür. Allerdings kam er nur bis zur Hälfte, bevor er es aufgab. Goldberg schüttelte den Kopf. So übellaunig Hauke sein konnte, so übertrieben kitschig verhielt er sich, wenn er bis über beide Ohren verknallt war.

Freija Nørgaard war Reiseleiterin. Hauke und sie hatten sich letztes Jahr kennengelernt. Ihr Reisebus hatte eine Panne gehabt und sie musste mit ihrer Reisegruppe unfreiwillig einige Tage in Kophusen ausharren. Bei den beiden hatte es auf Anhieb gefunkt. Hauke hatte mit seiner damaligen Freundin Olivia Schluss gemacht und war Freija anschließend sogar nach Sylt hinterhergereist, obwohl er die Insel hasste. Oder vielmehr die Snobs, die dort seiner Meinung nach ausschließlich Urlaub machten.

»Du bist fantastisch!«

Durch den Türspalt sah Goldberg, dass Hauke es sich ungeniert auf Salvatores Bett bequem gemacht hatte. Der tote Clown, der blutüberströmt über dem Schminktisch hing, schien seiner Euphorie nichts anhaben zu können.

»Ich freue mich auf dich! Aber jetzt muss ich Schluss machen, wir haben eine Leiche. Selbstmord.«

Goldberg wartete geduldig, bis Hauke sämtliche Polizei­-Interna ausgeplaudert und sich schweren Herzens von seiner Freundin verabschiedet hatte. Als Hauke die Schiebetür summend aufschob, warf Goldberg ihm einen strafenden Blick zu. Allerdings konnte der Kommissar ihm nicht wirklich böse sein. Hauke war nach außen hin zwar ein ungehobelter Klotz, doch sobald er es mit einer Frau ernst meinte, verwandelte er sich in einen charmanten, aufmerksamen und vor allem erwachsenen Mann. Dass er es wie immer heillos übertrieb, war irgendwie süß.

»Sie kommt wie geplant am Donnerstag!«, rief er freudig erregt und unterbrach seine Liebeshymne.

»Wie schön für dich.«

Nun war klar, warum Hauke den Selbstmord nicht in Zweifel ziehen wollte, als Goldberg Brunos Expertise erwähnt hatte. Alles andere würde unter Umständen eine drohende Ermittlung bedeuten, die Hauke während des Besuchs seiner neuen Flamme nicht gebrauchen konnte. Breit lächelnd verstaute sein Kollege das private Smartphone sorgsam in der Hosentasche, als würde Freija höchstpersönlich in dem Mobiltelefon wohnen und nicht im westfälischen Münster. Die Fernbeziehung befeuerte ihre Leidenschaft offenbar nur.