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Sie planen einen Städtetrip nach Florenz? Oder lieben Sie die schöne Hauptstadt der Toskana bereits und kennen sie wie Ihre Westentasche? Sie werden überrascht sein, was es in Florenz (noch) alles zu entdecken gibt!
Wie könnte ein perfekter Tag in Florenz aussehen?
Zum Beispiel so: In den Morgenstunden schlendern Sie über die Piazza Santo Spirito. Sie drehen eine Runde über den Obst- und Gemüsemarkt und frühstücken in einem der alteingesessenen Cafés Cappuccino und Cornetto. Nebenan präsentiert Ihnen die Cappella Brancacci stolz die Fresken des Malers Masaccio. Nach einem kleinen Spaziergang durch die Boboli-Gärten, wo Sie die von Cosimo III. De' Medici geliebten Jasmin-Sträucher bewundern, entdecken Sie den romantischen Giardino Bardini, ein verstecktes Juwel der Gartenkunst. Zur Stärkung gönnen Sie sich Lampredotto-Panini vom besten Straßenstand der Stadt – eine himmlische Spezialität der Region. Die Shoppinglust zieht Sie über die Ponte Vecchio auf die andere Seite des Flusses, wo Sie in urigen Geschäften nach regionalem Olivenöl stöbern. Nun lockt das Domviertel: Den Besuch des Museo del Duomo und der Uffizien runden Sie ab mit einem Aperitivo in der Caffetteria Delle Oblate, mit Blick auf die Domkuppel. Bei Abendstimmung flanieren Sie durch die Gassen des Dante-Viertels und lassen sich schließlich im Fishing Lab nieder: Die florentinische Institution zaubert Ihnen den besten Fisch Ihres Lebens auf den Teller.
Unser Reiseführer führt Sie auf Ihrer Städtereise zu Orten, von denen viele bald zu Ihren Lieblingsorten werden und zu denen Sie immer wieder zurückkehren möchten. Erkunden Sie beliebte und außergewöhnliche Sehenswürdigkeiten, genießen Sie die besten Cafés, Restaurants und Bars, flanieren Sie über die schönsten Märkte und entdecken Sie versteckte Plätze und Parks.
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2023
Wie könnte ein perfekter Tag in Florenz aussehen?
Zum Beispiel so: In den Morgenstunden schlendern Sie über die Piazza Santo Spirito. Sie drehen eine Runde über den Obst- und Gemüsemarkt und frühstücken in einem der alteingesessenen Cafés Cappuccino und Cornetto. Nebenan präsentiert Ihnen die Cappella Brancacci stolz die Fresken des Malers Masaccio. Nach einem kleinen Spaziergang durch die Boboli-Gärten, wo Sie die von Cosimo III. De' Medici geliebten Jasmin-Sträucher bewundern, entdecken Sie den romantischen Giardino Bardini, ein verstecktes Juwel der Gartenkunst. Zur Stärkung gönnen Sie sich Lampredotto-Panini vom besten Straßenstand der Stadt – eine himmlische Spezialität der Region. Die Shoppinglust zieht Sie über die Ponte Vecchio auf die andere Seite des Flusses, wo Sie in urigen Geschäften nach regionalem Olivenöl stöbern. Nun lockt das Domviertel: Den Besuch des Museo del Duomo und der Uffizien runden Sie ab mit einem Aperitivo in der Caffetteria Delle Oblate, mit Blick auf die Domkuppel. Bei Abendstimmung flanieren Sie durch die Gassen des Dante-Viertels und lassen sich schließlich im Fishing Lab nieder: Die florentinische Institution zaubert Ihnen den besten Fisch Ihres Lebens auf den Teller.
Birgit Haustedt ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, lehrte mehrere Jahre an der Universität in Salerno und lebt heute als freie Autorin in Hamburg. Im insel taschenbuch sind zuletzt Venedig – Lieblingsorte (it 4566) und Hamburg – Lieblingsorte (it 4290) erschienen: »Was ein Reiseverführer. Toll!« boersenblatt.net
INHALTSVERZEICHNIS
Eine Terrasse mit Aussicht
RUND UM DEN DOM
La Cupola
Hymne auf die Arbeit: die Reliefs am Campanile
Auf ein Glas Brunello in der Enoteca Alessi
Altes neu in Szene gesetzt: das Museo dell’Opera del Duomo
Auf Dantes Spuren
Traditionelles Fastfood im Da’ Vinattieri
Bibliotheks-Caffetteria mit spektakulärem Blick
Eine magische Kapelle im Palazzo Medici Riccardi
Boccaccio-Bild im Palazzo dell’Arte dei Giudici e Notai
RUND UM DIE PIAZZA DELLA SIGNORIA
Schönheit und Politik auf der Piazza della Signoria
Guelfen und Ghibellinen: die Zinnen des Palazzo Vecchio
Avantgarde-Küche in der Gucci Osteria
Die Geburt der Renaissance: zwei Bronzetafeln im Bargello
Ein lost place mitten in der Stadt: die Piazza Peruzzi
Giottos Fresken in Santa Croce
Vivoli – oder: Wo gibt es das beste Eis in Florenz?
Artemisia Gentileschi in den Uffizien
Das Karussell auf der Piazza della Repubblica
VON SANT’AMBROGIO BIS ZUR PIAZZA SAN MARCO
Auf dem Markt: der Mercato Sant’Ambrogio
Der Erfinder der italienischen Küche: Pellegrino Artusi
Schokolade mit Tradition: Vestri
Kultur im alten Gefängnis: Le Murate
Die Toteninsel mitten im Verkehr
Süße Hausmannskost in der Pasticceria Nencioni
Die Findelkinder vom Ospedale degli Innocenti
Der ideale Renaissanceplatz: Piazza della Santissima Annunziata
Das Kloster San Marco und das Gold der Medici
SANTA TRINITA UND SANTA MARIA NOVELLA
Zwei Hochzeiten und ein Todesfall: die Türme der Buondelmonti
Schuhe! Schuhe! Schuhe! Das Museo Ferragamo
Schönes Marmorpapier bei Riccardo Luci
Eine Liebesgeschichte im Palazzo Davanzati
Lieblingswerke der Moderne in der Collezione Casamonti
Das Leben der oberen Zehntausend auf Ghirlandaios Fresken in Santa Trinita
Brückenkunst: Ponte Santa Trinita
Das Viertel der Rucellai
Fortuna an der Fassade von Santa Maria Novella
Avantgardistische Architektur und Musik: Das Teatro del Maggio Musicale Fiorentino
OLTRARNO: DIE VIERTEL JENSEITS DES ARNO
Neues von der Piazza Santo Spirito
Masaccio revolutioniert die Malerei
Five o’Clock Tea
Hommage an einen Hampelmann
Essen wie früher: Trattoria Sabatino
Die Casa Guidi und eine große englische Dichterin
Das älteste Naturkundemuseum Europas: La Specola
Pontormos Popfarben
Ein Krimispaziergang in San Frediano
Nachbarschaftstreff in der Fiaschetteria Fantappiè
Ein Spielplatz mit Geschichte auf der Piazza Tasso
Burro & Acciughe: Fisch in Florenz?
Kunst im Kreisverkehr: Pistolettos Skulptur DietroFront
Bar d’Angolo und das Leben in Florenz
50 Shades of Blue: der Giardino Bardini
Rilke feiert im Palazzo Serristori
San Miniato al Monte
Ein Rosengarten mit Aussicht
AUSFLÜGE
Machiavellis Exil in St. Andrea in Percussina
Klösterliche Stille und schöne Blicke in Fiesole
Ein römisches Amphitheater in Fiesole
Eine Wanderung von Fiesole nach Settignano
Danksagung
Bildnachweis
Register
BUS C3, C4 PITTI
Eine Terrasse mit Aussicht
PANORAMA RESTAURANT LA SCALETTA
VIA GUICCIARDINI, 13
WWW.PANORAMARESTAURANTLASCALETTA.COM
TIPP
DIE FIRENZE CARD FÜR 85 EURO GILT FÜR FAST ALLE MUSEEN, KIRCHEN, GÄRTEN UND PALAZZI, IST DREI TAGE GÜLTIG UND ERSPART MEIST LANGES ANSTEHEN.
WWW.FIRENZECARD.IT
Dächer aus terrakottafarbenen Ziegeln, Hinterhöfe, Treppen, Balkone in Ockergelb, bunte Markisen, grüne Einsprengsel der Dachgärten, im Hintergrund das Forte di Belvedere, ganz nah der Giardino di Boboli mit seinen Zypressenalleen, Zedern, Tempelchen und dem riesigen Palazzo Pitti: Die kleine Dachterrasse des Hotels La Scaletta ist ein guter Start für einen Florenzbesuch. Es gibt luxuriösere Orte, spektakulärere Aussichten und all die bedeutenden Sehenswürdigkeiten im Zentrum … Aber hier sind wir über den Dächern und doch noch mittendrin im Häusergewirr der alten Stadt. Ein kleiner klassischer Bartresen, ockergelb gestrichen wie die Wände, dekorativ umrankt von blühenden Pflanzen, über allem ein einfaches Sonnensegel. Die quadratischen Tische sind klein, es gibt Stofftischdecken, die Stühle sind aus altmodischem Draht. Keine Heizpilze, kein Glasgeländer, kein Chrom, dafür ein Ambiente wie im Italien der Fünfzigerjahre.
Florenz besteht nicht nur aus Kirchen, Museen und Kunstwerken, sondern auch aus Orten wie diesem – mit besonderem Flair und manchmal sogar mit Aussicht. Viele solcher Lieblingsorte finden sich übrigens (wie hier) in Oltrarno, dem Gebiet von Florenz »jenseits des Arno«, viele aber auch im Zentrum. Sie sind ganz verschieden – vom Spielplatz mit Geschichte über moderne Kunst im Kreisverkehr bis zur besten Gelateria oder einem zauberhaften Garten, von dem die Florentiner schwärmen. Natürlich gibt es auch viele Lieblingsorte mit alter Kunst, mit Kirchen, Klöstern und anderen Hauptsehenswürdigkeiten, dafür sind wir ja schließlich in Florenz – oft zusammen mit vielen weiteren Touristen, gerade in der Hauptsaison. Das muss man manchmal in Kauf nehmen, ebenso wie die anderen ausländischen Mit-Gäste in vielen Restaurants. Manchmal hilft es aber schon, zu anderen Zeiten hinzugehen – die Piazza della Signoria ist zum Beispiel besonders schön bei Nacht. Manchmal muss man die beliebtesten Highlights auch links liegen lassen – und kann in den Uffizien dafür andere Meisterwerke ganz allein und in aller Ruhe betrachten. Manchmal hilft auch das nichts, wie bei der Besteigung der Kuppel des Doms, für die man immer Schlange stehen muss. Dennoch ist diese Kuppel einer meiner Lieblingsorte, denn nirgendwo sonst wird Geschichte und Architektur so anschaulich – und deshalb steht sie auch am Anfang dieses Buches.
Doch neben den vielbesuchten Anziehungspunkten gibt es auch weniger bekannte Lieblingsorte, die einen Besuch verdienen, weil sie – wie die Dachterrasse des La Scaletta – eine Dolce Vita-Auszeit vom Sightseeing-Programm bieten. Von hier führt eine schmale Treppe noch höher auf eine zweite, ganz kleine Terrasse, die nur Platz für wenige Tische bietet. Von der Terrazza Firenze, wie sie zu Recht heißt, hat man einen wunderschönen Rundumblick auf die ganze Stadt. In der Ferne leuchtet die imposante Kuppel des Doms neben dem schlanken Campanile Giottos, das Ganze vor der Kulisse der sanften Hügellandschaft des Florentiner Umlands. Ein besonders schöner Ort für ein Abendessen (unbedingt reservieren!). Man kann aber auch nur einen Aperitif nehmen und sich in aller Ruhe auf das freuen, was uns in Florenz erwartet …
Rund um den Dom
BUS C1, C2 ROMA DUOMO, C4 PECORI DUOMO
La Cupola
DUOMO SANTA MARIA DEL FIORE
PIAZZA DEL DUOMO, EINGANG PORTA DELLA MANDORLA
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DAS KOMBITICKET FÜR U.A. KUPPEL, BAPTISTERIUM, CAMPANILE, MUSEO DEL DUOMO KOSTET 30 EURO UND IST 72 STUNDEN GÜLTIG.
ACHTUNG: KUPPELBESTEIGUNG NUR NACH VORHERIGER RESERVIERUNG.
463 STUFEN SIND ZU BEWÄLTIGEN!
TIPP
UNTERHALTSAMES UND INFORMATIVES BUCH ÜBER DIE BAUGESCHICHTE DER KUPPEL: ROSS KING, DAS WUNDER VON FLORENZ (GIBT ES U.A. IN DER BUCHHANDLUNG DES DOMMUSEUMS AUF DEUTSCH)
Volles Risiko ging die Wollweberzunft ein, als sie 1418 den Auftrag für die Domkuppel an Filippo Brunelleschi vergab. Vorzuweisen hatte der 41-jährige Junggeselle wenig, anders als renommierte Mitbewerber wie Lorenzo Ghiberti besaß er nicht einmal eine eigene Werkstatt. Und seine Idee una cupola senza armadura, eine Kuppel ohne Gerüst, klang ebenso großartig wie unrealistisch: Eine zweite innere Kuppelschale sollte die Außenschale schon beim Bau stützen, sodass man auf ein Gerüst verzichten konnte. Überzeugt habe Brunelleschi die Kommission – so die Legende – mit einem später durch Kolumbus berühmt gewordenen Coup: Ein Ei zum Stehen zu bringen wollte keinem gelingen, bis schließlich Brunelleschi das (gekochte) Ei nahm und einfach auf dem Tisch aufschlug: eine unkonventionelle Lösung für eine scheinbar unlösbare Aufgabe. Ob Brunelleschi schon damals wusste, wie der Bau gelingen könnte, ist unbekannt. Seine Pläne ließ er niemanden sehen, auch nicht die anderen drei Dombaumeister, die ihm die Kommission sicherheitshalber zur Seite stellte – darunter Konkurrent Ghiberti.
Wie die doppelschalige Kuppel konstruiert ist, sieht man am besten, wenn man selbst hinaufsteigt. Nach 150 Stufen ein erster Stopp auf der inneren Galerie, um Vasaris Jüngstes Gericht zu betrachten. In dieser luftigen Höhe saßen damals die Arbeiter auf einem Hängegerüst, auch das Brunelleschis Idee, eine Art schwebende Plattform mit Garküchen und Toiletten. Acht Mannschaften zu je neun Maurern arbeiteten jeweils gleichzeitig an den Mauern der Außen- und der Innenkuppel. Erst wenn der Mörtel des gesamten Rings fest war, begannen sie mit dem nächsten. Je höher sie kamen, je steiler der Neigungswinkel der Kuppel, desto gefährlicher wurde es, denn unter ihnen gähnte der Abgrund. Dennoch stürzten in der gesamten Bauzeit nur drei Arbeiter ab – erstaunlich auch angesichts der Arbeitszeiten: sechs Tage pro Woche von Sonnenauf- bis -untergang, im Sommer also bis zu 14 Stunden, streng kontrolliert von einer Art Stechuhrsystem (auch das Brunelleschis Idee).
Weiter zur Aussichtsplattform geht es viele Stufen hoch auf demselben Weg, den einst die Bauarbeiter gingen, durch ein Labyrinth niedriger Türen und schmaler Treppen zwischen Außenschale und Innenwänden der Kuppel. Gut sichtbar die Technik, mit der die Kuppel sich selbst stützt: durch Querbalken aus Sandstein, Holz und im Fischgrätmuster vermauerten Ziegeln. Die senkrechten Ziegellagen stützen die waagerechten Schichten wie Buchstützen und wirken so der Tendenz der Kuppel nach innen und unten entgegen. Jedes noch so kleine Detail hat eine Funktion – so auch die 72 kleinen Rundfenster, die zur Belüftung dienten und die Kuppel windsicherer machten.
Schon nach 16 Jahren Bauzeit konnte Papst Eugen IV. 1436 die Kuppel segnen, bis heute die größte gemauerte Kuppel der Welt. Als einzigen ihrer Bürger ehrten die Florentiner Brunelleschi mit einem Grab im Dom als »Genie«. Doch ist die Kuppel keineswegs nur Werk eines Einzelnen: Zu realisieren war sie nur mit Unterstützung der gesamten Bürgerschaft. Ohne deren Finanzkraft, ohne die Risikofreude der Zunftherren und ohne den Fleiß der Arbeiter wäre sie nie errichtet worden.
BUS C1, C2 ROMA DUOMO, C4 PECORI DUOMO
Hymne auf die Arbeit: die Reliefs am Campanile
CAMPANILE DI GIOTTO
PIAZZA DEL DUOMO
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TGL. VON 8.15–19 UHR
EINTRITT IM KOMBITICKET DES MUSEUMS ENTHALTEN. 414 STUFEN!
TIPP
DAS GESAMTE CENTRO STORICO, AUCH JENSEITS DES ARNO, IST FÜR DEN VERKEHR GESPERRT. ALSO GUTE SCHUHE ANZIEHEN. FALLS MAN BUSSE BENUTZT, UNBEDINGT DIE FAHRSCHEINE ODER TAGESKARTEN (GIBT ES U.A. IN TABACCHI UND MANCHEN SUPERMÄRKTEN) GLEICH IM BUS ENTWERTEN. VIELE KONTROLLEN UND KEINE AUSREDEN OHNE BIGLIETTO!
Neben dem mächtigen Dom wirkt der schmale Campanile fast wie schmückendes Beiwerk. Dabei spielte er im Alltag der Florentiner eine große Rolle: Hier wurde zum Gebet gerufen, wurden Festtage und Todesfälle angezeigt, und seine Glocken läuteten Arbeitstag und Feierabend ein. Diesem Alltag der Florentiner sind die ungewöhnlichen Reliefs im unteren Teil des Turms gewidmet. In zwei Reihen erzählen sie vom Leben der Menschen und ihrer Arbeit. Die meisten wurden von Andrea Pisano und seiner Werkstatt geschaffen – unter der Leitung Giottos, der von 1334 bis zu seinem Tod 1337 der verantwortliche Architekt des Campanile war. Auf wen die für einen Kirchturm überraschend weltliche Themenwahl zurückging, ist heute nicht mehr zu klären.
Der Zyklus beginnt auf der Westseite mit der Geschichte der Schöpfung als Geschichte der Entstehung der Arbeit. Zuerst sehen wir Gott bei der Arbeit, wie er Adam und Eva erschafft, dann wie die beiden auf dem Feld schuften müssen – der Beginn der Feldarbeit; Kains Sohn Jabal mit seinen Schafen symbolisiert die Anfänge der Viehzucht, sein Bruder Jubal mit Trompete den Beginn der Musik, der dritte Bruder Tubal-Kain ist der erste Schmied.
Auf den weiteren Wänden emanzipierte Pisano sich von der Bibel: Neben Beispielen aus der antiken Mythologie (Dädalus als erster Mechaniker) gibt es einfache Szenen aus dem Arbeitsleben: Baumeister und Maurer mit ihrem halbfertigen Bau oder Frauen an einem Webstuhl, alle auf der Südseite. Auf der Nordseite sind der Bildhauer Phidias mit Skulptur und Apelles, der erste Maler, dargestellt. Die restlichen Reliefs wurden erst ein Jahrhundert später von Luca della Robbia geschaffen, erkennbar durch die souveräne Verwendung der Zentralperspektive und die Betonung geistiger Arbeit, beispielsweise beim Gespräch von Platon und Aristoteles als Beginn der Philosophie.
Diese Reliefs, die die menschliche Arbeit in all ihren Facetten feiern, stellen nichts weniger als ein revolutionäres Bildprogramm dar. In der mittelalterlichen Welt galt Arbeit als Strafe für den Sündenfall der Menschen. Ganz oben in der gesellschaftlichen Hierarchie stand der betende Klerus, darunter der kämpfende Adel, ganz unten diejenigen, die arbeiten mussten. Gegen diese feudale Weltordnung positionierte sich die Stadt Florenz selbstbewusst mit ganz neuen Werten: Hier zeigte man stolz am Kirchturm, dass alles, was ihre Stadt ausmachte, ihr Reichtum und ihre politische Macht, nicht zuerst auf Gottes Gnade oder irgendwelchen aristokratischen Tugenden beruhte, sondern den tätigen Menschen zu verdanken war, ihrer Arbeit, ihrer Wissenschaft und ihrer Kunst.
Die Original-Reliefs mit all ihren wunderbar gearbeiteten Details kann man im Museo dell’Opera del Duomo besichtigen. Dazu den restlichen Skulpturenschmuck des Campanile: Planeten, Tugenden, Sakramente und Heilige, der ganze Kosmos der damaligen Welt, in dem die Kirche natürlich weiterhin eine große Rolle spielte – auch im Alltag der Menschen.
BUS C1, C2 ROMA DUOMO, C4 PECORI DUOMO
Auf ein Glas Brunello in der Enoteca Alessi
ENOTECA ALESSI
VIA DELLE OCHE 27/29/31R
WWW.ENOTECAALESSI.IT
MO–SA 11–19 UHR
Ein kühler Tag im Mai in der Nähe des Doms, eine düstere Straße, immer wieder riesige Reisegruppen auf dem schmalen Bürgersteig, und dann beginnt es auch noch zu regnen. Der richtige Moment für die Enoteca Alessi, die uns Freunde empfohlen haben. Nur wenige Gäste zwar, ein etwas dunkler Schlauch, doch anheimelnde Holzeinrichtung und eine hellbeleuchtete Vitrine. Vor allem aber ein sehr netter Kellner, der sich später als Sohn des Besitzers entpuppt. Die Enoteca gehört seit 1952 der Familie Alessi, und alle in der Familie arbeiten mit.
Wie bei einer Enoteca zu erwarten, finden sich auf der Karte viele sehr gute toskanische Weine, dazu Salate, crostini und andere Kleinigkeiten. Wir entscheiden uns für die kleine Degustationsvariante, drei weiße oder drei rote Weine jeweils für 15 Euro. Der Kellner rät zur Tagliere d’Alessi, klassische toskanische Wurst- und Käse-Antipasti nach Art des Hauses. Mit achtzehn Euro nicht gerade billig. Was dann auf rustikalem Holzbrett serviert wird, scheint zunächst nicht ungewöhnlich: Schinken, Speck, Fenchelsalami, dazu verschiedene Käse, alles sehr liebevoll arrangiert und so üppig, dass es gut für zwei Personen reicht. Doch selten aßen wir so feine, gut gewürzte Würste, solch schmackhaften (und nicht zu salzigen) Pecorino, so aromatischen Mozzarella. Alles aus der Toskana, der Käse von Schafen aus dem Val d’Orcia, Würste und Schinken von Schweinen alter Rasse. Das schmeckt man!
Die Weine schmecken auch sehr gut, werden allerdings in winzigen Mengen, dafür mit Informationen und Geschichten präsentiert: Die Alessi verstehen etwas vom Wein und vom Geschäft. Das nächste Mal würden wir allerdings eher ein ganzes Glas des köstlichen Brunello nehmen. Oder eine der richtigen Weinverkostungen besuchen, die die Enoteca in ihrem riesigen Weinkeller ein Stockwerk tiefer anbietet. Am runden Tisch, an einem alten Weinfass oder an einer langen Tafel vor raumhohen Regalen mit Weinen aus ganz Italien – mehr als 2500 sind es, die teuersten in temperierten Glasschränken verschlossen. Alles sortiert nach Regionen, eine Art Vino-Bibliothek, ein Paradies für Weinkenner. Dazu eine beachtliche Auswahl an Whiskys (selbst japanische) und Liköre. Für Menschen mit anderen Leidenschaften bietet oben ein gut sortiertes Ladengeschäft Öl, Essig, Käse und Schinken (dieselben, die zum Wein serviert werden) sowie eine große Auswahl an Biscotti, Cantuccini und der besten italienischen Schokoladen. Unbedingt empfehlenswert!
BUS C1, C2 PROCONSOLO
Altes neu in Szene gesetzt: das Museo dell’Opera del Duomo
MUSEO DELL’OPERA DEL DUOMO
PIAZZA DEL DUOMO, 40
WWW.ILGRANDEMUSEODELDUOMO.IT
TGL. 9–19 UHR (BIS AUF DEN ERSTEN DIENSTAG JEDEN MONATS)
EINTRITT: KOMBITICKET FÜR 30 EURO (SIEHE LIEBLINGSORT NR.1)
Früher war es ein verstaubtes Museum, seit seiner Neugestaltung von 2010 bis 2015 aber gehört das Museo dell’Opera del Duomo zu den Highlights eines Florenzbesuches und ist unbedingt empfehlenswert.
Ein sparsam beleuchteter Korridor mit Namen aller am Bau des Doms beteiligten Künstler, und dann steht man in einem lichtdurchfluteten mehrstöckigen Raum, der Sala del Paradiso, benannt nach dem Platz zwischen Baptisterium und Domportal. Hinter uns die Originaltüren des Baptisteriums, vor uns der untere Teil der ursprünglichen Domfassade, fast maßstabsgetreu rekonstruiert, 18 Meter hoch mit allen Originalskulpturen. Die heutige Domfassade wurde erst ab 1587 gebaut, als Großherzog Francesco I. die ganze Front durch eine neue Fassade im Renaissancestil ersetzen ließ. Die alten Statuen und Reliefs verschwanden damals im Depot der Opera del Duomo, die seit 1296 den Bau von Santa Maria del Fiore betreute und noch heute Baptisterium, Campanile und Dom verwaltet.
Eine der ungewöhnlichsten der alten Skulpturen kommt durch die neue Präsentation besonders gut zur Geltung: Die Marienstatue über dem Haupteingang. Sie stammt von Arnolfo di Cambio, der seit 1296 mit dem gesamten Bau der neuen Kathedrale beauftragt war. Bemerkenswert ist die außerordentlich realistische Darstellung Marias mit ihrem genau modellierten Körper unter der antiken Toga – darin der zeitgleichen Malerei Giottos ähnlich. Maria wirkt nicht mehr wie eine ferne Himmelskönigin, sondern wie eine wirkliche Frau, die herabgestiegen ist zu den Florentinern, die jetzt unter ihrem Schutz stehen. Die besonders menschliche Wirkung der Statue rührt auch von den fast lebendig wirkenden Glasaugen her. Sie reflektierten damals das Sonnenlicht und funkelten, sodass die Gläubigen in direkten Dialog mit der Muttergottes treten konnten. Eine Muttergottes auf Augenhöhe. Auch bei einer zweiten Maria zeigt Arnolfo sich als Erneuerer: Ganz links an der Fassade sehen wir eine schwangere Maria, auch das ungewöhnlich in der Marien-Ikonographie.
Die Domfassade ist nicht das einzige Highlight in diesem Museum. Im Gegenteil: Sehenswert sind natürlich die originalen Baptisteriumstüren, der Raum der Campanileskulpturen (siehe Lieblingsort Nr. 2), Brunelleschis Holzmodelle der Domkuppel mit informativem Film und nicht zu vergessen die beiden zauberhaften Sängerkanzeln von Luca della Robbia und Donatello im ersten Stock. In diesem beglückenden Museum könnte man sich einen ganzen Tag aufhalten.