Führung und Psyche - Sonja Höhn - E-Book

Führung und Psyche E-Book

Sonja Höhn

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Beschreibung

Wie erkenne ich psychische Gefährdungen am Arbeitsplatz? Wie gehe ich als Führungskraft mit Betroffenen um? Und wie schütze ich mich selbst?

Europaweit nehmen psychische Gefährdungen am Arbeitsplatz und ihre Folgen zu. Wenn es darum geht, wie mit psychischen Schieflagen betroffener Mitarbeitenden umgegangen wird, fühlen sich Führungskräfte jedoch oft alleingelassen. Das kann auch für die Gesundheit der Führungskräfte selbst Folgen haben. Dieses Buch beantwortet Ihre Fragen und unterstützt Sie bei der Umsetzung in den Berufsalltag. Inklusive 37 digitaler Handouts, um die Inhalte nah am eigenen Arbeitsalltag zu vertiefen.

Psychischer Arbeits- und Gesundheitsschutz ist ein hochaktuelles Thema. Führungskräfte stehen zunehmend in der Pflicht – und keiner weiß so richtig, worauf es dabei ankommt und woher die nötigen Kompetenzen kommen sollen. Das Buch bietet Führungskräften einen kompakten, in einen logischen Zusammenhang gestellten Überblick zu den wichtigsten Themen zum psychischen Gesundheitsschutz.

Kapitel 1 zeigt Ihnen, wie unsere Psyche funktioniert und was schlecht oder gut für sie ist.
Kapitel 2 unterstützt Sie bei der Früherkennung und ersten möglichen Gegenmaßnahmen.
Kapitel 3 bildet den Kern der Führungskompetenzen ab, die sich erfahrungsgemäß zum Umgang mit psychischen Gefahren herausgebildet haben.
Kapitel 4 vermittelt Ihnen schließlich einige wirksame Instrumente, wie Sie sich selbst vor psychischen Gefährdungen schützen können.

Als Führungskraft sind Sie gehalten, sowohl Ihre eigenen Schritte zu reflektieren, als auch das Verhalten Ihrer Mitarbeitenden wahrzunehmen und zu steuern. Aus diesem Grund haben Sie begleitend zum Buch den Online-Zugriff auf eine Anzahl an Dokumenten, Quellen und Ressourcen, die Sie in diesem sensiblen Feld unterstützen können. Einige der Buchinhalte können Sie als Handouts oder Kopiervorlagen für interne Schulungen einsetzen bzw. als Strukturierungshilfen für die eigene Vorbereitung von Mitarbeitergesprächen verwenden.

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Seitenzahl: 143

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Sonja Höhn

Führung und Psyche

Früherkennung, Handlungsansätze, Selbstschutz:

Zentrale Erkenntnisse zum Umgang mit psychischen Gefährdungen und Gefährdeten am Arbeitsplatz

© 2016 managerSeminare Verlags GmbH

2. Aufl. 2017

Endenicher Str. 41, D-53115 Bonn

Tel: 0228-977910

[email protected]

www.managerseminare.de/shop

Der Verlag hat sich bemüht, die Copyright-Inhaber aller verwendeten Zitate, Texte, Abbildungen und Illustrationen zu ermitteln. Sollten wir jemanden übersehen haben, so bitten wir den Copyright-Inhaber, sich mit uns in Verbindung zu setzen.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung sowie der Übersetzung vorbehalten.

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

ISBN: 978-3-98856-185-5

Herausgeber der Edition managerSeminare:

Ralf Muskatewitz, Jürgen Graf, Nicole Bußmann

Lektorat: Ralf Muskatewitz

Coverfoto: Fotolia 63675792, alphaspirit, Under pressure

Illustrationen: Stefanie Diers

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Download-Ressourcen

Begleitend zum Buch stehen Ihnen Arbeitshilfen für die persönliche Verwendung zum Download im Internet zur Verfügung. Sie können die Vorlagen jederzeit in hoher Qualität abrufen und einsetzen.

 https://www.managerseminare.de/tmdl/k,249458

Für Andreas

Inhalt

Einleitung

Mind-Map

Darum geht‘s

Dankeschön

1 Was ist schlecht oder gut für unsere Psyche?

1.1 Psyche und Körper

1.2 Bewusste und unbewusste Prozesse

1.3 Gefährdungen für unsere Psyche

1.3.1 Die Krafträuber

1.4 Ressourcen für unsere Psyche

1.4.1 Das Kraftrad

1.4.2 Die Kraftspender

2 Woran erkenne ich, wer gefährdet ist?

2.1 Psychische Ermüdung

2.2 Monotonie

2.3 Psychische Sättigung

2.4 Stress

2.5 Burnout

2.6 Psychische Störungen

2.6.1 Der Diagnoseschlüssel

3 Wie gehe ich mit Betroffenen um?

3.1 Führungsstrategien

3.1.1 Rollenklarheit

3.1.2 Konsequenz

3.1.3 Präsenz

3.2 Das Gesprächsgerüst

3.3 Typische Praxissituationen

3.3.1 Burnout-Gefährdete

3.3.2 Private Probleme der Mitarbeiter

3.3.3 Simulanten

3.3.4 Schutz vor Mobbingvorwürfen

3.3.5 Das Team

3.3.6 Wiedereingliederung psychisch Kranker

3.4 Ansprechpartner und Hilfen

4 Wie kann ich mich selbst schützen?

4.1 Selbstreflexion

4.1.1 Das Werte- und Entwicklungsquadrat

4.1.2 Innere Glaubenssätze

4.2 Abgrenzung

4.3 Ressourcenausbau

4.3.1 Das Vier-L-Modell

Anhang

Literaturverzeichnis

Stichwortverzeichnis

Einleitung

Mindmap

Darum geht‘s

Psychischer Arbeits- und Gesundheitsschutz ist ein hochaktuelles Thema. Führungskräfte stehen zunehmend in der Pflicht – und keiner weiß so richtig, worauf es dabei ankommt und woher die nötigen Kompetenzen kommen sollen. Das Buch bietet einen kompakten, in einen logischen Zusammenhang gestellten Überblick zu den wichtigsten Führungsthemen zum psychischen Gesundheitsschutz.

Für junge Führungskräfte stellen die Inhalte eine gute Basis für den Einstieg dar. Erfahrene Führungskräfte erhalten einen (psycho)logischen Rahmen für ihre Kompetenzen, die sie in dem Bereich bereits aufgebaut haben. Psychische Gesundheit fordert eine starke Zusammenarbeit im Unternehmen. Deshalb könnten auch andere Funktionseinheiten wichtige Informationen aus den Inhalten gewinnen.

Die Mind Map auf den vorangegangenen Seiten erleichtert es Ihnen, direkt in die für Sie wichtigen Fragen zu springen. Falls Sie Informationen aus anderen Kapiteln benötigen, gebe ich entsprechende Hinweise. Wenn Sie schrittweise von Anfang an lesen, werden Sie zunehmend besser mit dem Thema vertraut.

Kapitel 1 zeigt Ihnen, wie unsere Psyche funktioniert und was schlecht oder gut für sie ist.

Kapitel 2 unterstützt Sie bei der Früherkennung und ersten möglichen Gegenmaßnahmen. Es beginnt bei Störungen des Wohlbefindens und geht bis zu psychischen Erkrankungen.

Kapitel 3 bildet den Kern der Führungskompetenzen ab, die sich in meiner langjährigen Arbeit mit Führungskräften zum Umgang mit psychischen Gefahren herausgebildet haben. Sie finden dort drei Hauptstrategien, deren Zusammenspiel ich an einem Gesprächsgerüst darstelle und mit typischen Praxissituationen illustriere. Alle Praxisbeispiele sind aus mehreren ähnlich gelagerten Fällen exemplarisch zusammengestellt und aus Schutzgründen verfremdet. Ansprechpartner und Hilfen, die Sie benötigen, finden Sie am Ende des Kapitels.

Kapitel 4 vermittelt Ihnen schließlich einige wirksame Instrumente, wie Sie sich selbst vor psychischen Gefährdungen schützen können.

Bei Stressbewältigung und Kommunikation verweise ich auf andere Quellen, da sie Teil jeder gängigen Personal- und Führungskräfteentwicklung sind.

Service: Handouts und Kopiervorlagen zum Download

Download-Handouts erkennen Sie an diesem interaktiven Symbol – den Link finden Sie im Impressum.

Als Führungskraft sind Sie gehalten, sowohl Ihre eigenen Schritte zu reflektieren, als auch das Verhalten Ihrer Mitarbeiter wahrzunehmen und zu steuern. Die richtige Unterstützung in diesem sensiblen Bereich bietet Ihnen eine Anzahl an Dokumenten, Quellen und Ressourcen, die Sie begleitend zum Buch per Download abrufen können. Einige der Inhalte des Buchs können Sie als Handouts oder Kopiervorlagen für interne Schulungen abrufen und einsetzen bzw. als Strukturierungshilfen für Mitarbeitergespräche verwenden. Zugriff haben Sie über den Klick auf das Pfeilsymbol oder über den Link auf der Impressumsseite des Buchs.

Dankeschön

Ganz besonders bedanke ich mich bei Felix Brückner und Heike Jung für ihre geduldige Unterstützung und ihren lieben Zuspruch.

Ralf Muskatewitz und seinem Team von managerSeminare möchte ich für die angenehme und konstruktive Zusammenarbeit danken.

Letztendlich geht mein Dank an diejenigen Führungskräfte, die mit mir ihre Probleme besprochen haben und mir Rückmeldung zur Umsetzbarkeit der Lösungen gaben. Nur durch diesen Austausch konnten die Inhalte des Buches in dieser Art reifen.

1 Was ist schlecht oder gut für unsere Psyche?

In diesem ersten Kapitel geht es darum, nach welcher grundsätzlichen Logik die Psyche funktioniert. Wie spielen Psyche und Körper, und bewusste mit unbewussten Prozessen zusammen? Diese Zusammenhänge lassen uns Stärken und Grenzen unserer Psyche nachvollziehen und psychische Fehlreaktionen besser verstehen. Auf Unternehmen bezogen, ergeben sich daraus zwei Aspekte: Welche psychischen Gefährdungen müssen wir vermeiden? Und: Was ist psychisch gesunde Arbeit?

1.1 Psyche und Körper

Drei Hauptaussagen kennzeichnen diesen Abschnitt:

Psychische Prozesse sind objektivierbar.

Körper und Psyche beeinflussen sich wechselseitig.

Psychische Haltungen werden auf andere übertragen.

Die Psyche ist über ihre Funktionen definiert: Denken, Fühlen, Handeln. Die Definition ist Teil der Normenreihe DIN EN ISO 10075 internationaler Standard (Arbeitsbedingte psychische Belastungen, Teil 1: Begriffsbestimmungen). Diese begriffliche Klarheit ist von großem Vorteil. Viele Konflikte und Missverständnisse in Betrieben rühren daher, dass Begriffe rund um die Psyche sehr unterschiedlich gedeutet werden und mit vielen Ängsten besetzt sind.

Wie spielen Denken, Fühlen, Handeln und Körper zusammen? Unser Nervensystem besteht aus dem

zentralen Nervensystem

somatischen Nervensystem

autonomen oder vegetativen Nervensystem

Das zentrale Nervensystem ist über „Hirnwellen“ abbildbar: Frequenzbänder im Elektroenzephalogramm (EEG). Das somatische Nervensystem betrifft in der Hauptsache unsere Motorik. Das autonome Nervensystem ist deshalb für Messungen so spannend, weil es sich nicht direkt willentlich von uns beeinflussen lässt. Die Messungen, die die meisten kennen, werden Lügendetektoren sein. Ein Lügendetektor misst natürlich keine Lügen, sondern die Stressreaktion. Diese lässt sich sehr gut über die Parameter des autonomen Nervensystems abbilden. Interessant sind zwei bedeutende Untersysteme: Sympathikus und Parasympathikus. Der Sympathikus ist der, der „Gas gibt“ und der Parasympathikus bremst die Stressreaktion.

Anschaulicher macht das die nächste Abbildung:

Abbildung 1: Autonome Regulation

Die linke Seite der Abbildung stellt einige Parameter der Stressreaktion dar. Im Stress geht der Herzschlag hoch. Die kleinen Blutgefäße verengen sich und die Finger werden deshalb kalt. Die Hände werden feuchter. Es bildet sich ein Film aus salzhaltiger Flüssigkeit auf der Haut. Salzhaltige Flüssigkeiten leiten Strom sehr gut. Das wird für den Lügendetektor benutzt, der die Hautleitfähigkeit misst. Sie verändert sich nach einem Reiz sehr schnell und lässt damit direkte Rückschlüsse auf den Auslöser zu. Die anderen Parameter reagieren leicht zeitverzögert. Weitere Veränderungen unter Sympathikus-Einfluss sind: Die Pupillen weiten sich. Das Einatmen wird gefördert, die Darmtätigkeit verringert. Bei größerem Stress wird vorher noch Ballast abgeworfen. Viele müssen zum Beispiel vor Prüfungen ständig auf die Toilette.

Wenn der Puls steigt, die Temperatur sinkt und sich die Hautleitfähigkeit verbessert, sind wir im Stress. Andere Emotionen führen zu anderen Kombinationen der einzelnen Parameter.

Psychische Reaktionen sind über mehrere Alternativen erfassbar

Beobachtung

Leistungstests

Fragebogen

Interview

Erhebung physiologischer Parameter

Hautleitfähigkeit, Puls, Temperatur …

Blutwerte, Stresshormone im Blut …

Psychische Vorgänge wirken sich immer auch körperlich aus. Und umgekehrt.

Psychische Vorgänge wirken sich immer auch körperlich aus. Und umgekehrt! Wenn ich mich schlecht fühle, drückt das mein Körper aus. Und umgekehrt? Wenn ich mich bewusst in eine Körperhaltung bringe, die einem guten Gefühl entspricht, fühle ich mich nach einer gewissen Zeit besser. Probieren Sie es aus. Bringen Sie sich in eine Körperhaltung, die positiven Gefühlen entspricht: Stolz, fröhliche Zufriedenheit oder gelassene Stärke. Stellen Sie sich so genau wie möglich vor, welche Körperhaltung diesem Gefühl entspricht und setzen Sie sie um. Halten Sie das mindestens zwei Minuten durch. Testen Sie, was mit Ihrer Stimmung passiert ist. Sie wird sich angepasst haben. Auch starke bildhafte Vorstellungen wie „der Fels in der Brandung“ oder „der tief verwurzelte Baum“ können Stimmung und Haltung verändern. Denn wenn „innere Bilder“ (Gerald Hüther, 2006) zu einer Entspannung passen, greifen zunehmend stressreduzierende, parasympathische Einflüsse: Das Herz wird ruhiger, das Ausatmen wird betont, Sie atmen auf! Die Hände werden wärmer und der Darm fängt wieder an zu arbeiten. Für die meisten Raucher ist Rauchen deshalb so entspannend, weil sie dabei immer wieder tief einatmen und lange ausatmen. Das wirkt wie eine Atementspannungstechnik. Was nicht heißt, dass Sie mit dem Rauchen anfangen sollten. Atmen können Sie auch ohne Zigarette.

Die Entspannung über eine bestimmte Atemtechnik wirkt sich beruhigend auf Herz und Gefäße aus und die Muskelspannung geht zurück. Ein anderer Effekt, den Sie vielleicht kennen: Wenn sich der Stirnmuskel entspannt, löst sich reflektorisch die Schulter-Nacken-Region. Das wirkt wiederum entspannend auf das autonome Nervensystem ein. Teilnehmer haben mir bestätigt, dass ihre Kinder und Haustiere ruhiger werden, wenn sie sie an der Stirn sanft massieren oder streicheln.

Der Einfluss der Körperhaltung

Die Wechselwirkung von Körper und Psyche wird heute zunehmend in Coaching und Therapie genutzt. Experimente von Weisfeld und Beresford (1982) zeigen zum Beispiel, dass wir auf Erfolge nicht stolz sein können, wenn wir dabei in gekrümmter Körperhaltung sitzen müssen. Wenn wir aufrecht mit geradem Rücken sitzen, glauben wir sofort, dass wir toll waren (Maja Storch, 2006).

Stimmungen wirken ansteckend.

Wichtig ist noch, dass Stimmungen von anderen in unserer Nähe ansteckend wirken. Grund hierfür sind die Spiegelneurone (Joachim Bauer, 2005). Über sie nehmen wir wahr, wie sich andere fühlen. Dadurch, dass wir uns unbewusst in ihre Haltung einfühlen, werden bei uns die dazugehörigen Netzwerke in den Nervensystemen aktiviert. Ich kann andere also nachweislich durch meine eigene Stimmung beeinflussen. Das geschieht unbewusst.

1.2 Bewusste und unbewusste Prozesse

Wir werden von zwei unterschiedlichen Prozessen gesteuert. Von einem schnellen, unbewussten und einem langsamen, bewussten Prozess. Für unsere bewusste Steuerung müssen wir Energie aufbringen. Unsere unbewusste Hauptsteuerung läuft energiesparend und assoziativ.

Die unbewusste Steuerung läuft assoziativ.

Wo kommen diese Assoziationen her? Die Umwelt trifft über unsere Wahrnehmung auf einen Arbeitsspeicher, der mit ca. 7 Informationseinheiten umgehen kann (George A. Miller, 1956). Diese Engstelle führt dazu, dass unser Hirn alles in Mustern, Netzwerken und Prototypen abspeichert. Neue Informationen werden bestehenden Mustern zugeordnet. Die Muster werden dadurch deutlicher herausgebildet und komplexer. Wir können zunehmend komplexere Einheiten verarbeiten. Mit diesen Mustern werden Bewältigungsstrategien, Körperreaktionen und Emotionen abgespeichert. So kann es sein, dass wir bestimmte Wörter hören und sofort in eine andere Stimmung kommen. Diese Stimmungen greifen dann wieder aktiv in unsere Wahrnehmung der Umwelt ein. Wenn wir schlechte Laune haben, nehmen wir eher war, was zu unserer schlechten Laune passt. Unser Hirn hebt jene Muster in der Umwelt deutlicher hervor, die es für wichtiger hält. So sind wir unbewusst ständig dazu verleitet, Gesichter zu erkennen. Deshalb können wir zum Beispiel die „Mimik“ unseres Autos beschreiben. Wenn wir in einer Menschenmenge unseren Namen hören, kann unser Ohr durch winzig kleine Muskeln wie ein Richtmikrofon arbeiten und auf die Person fokussieren, die unseren Namen genannt hat.

Abbildung 2: Menschliche Informationsverarbeitung

1: Muster entlasten unseren Arbeitsspeicher, der nur ca. sieben Einheiten schafft.

2: Aktive Muster beeinflussen unseren Organismus und dieser beeinflusst wiederum, welche Muster aktiviert werden.

3: Muster greifen aktiv in unsere Wahrnehmung ein.

4: Informationen müssen immer wieder durch die Engstelle des Arbeitsspeichers. Dadurch werden prototypische Muster geprägt.

Muster

Den Muster-Prägeprozess kann man sich so vorstellen: Unsere Wahrnehmung hinterlässt einen „Stempel“ in unserem Hirn. Alles, was ähnlich ist, wird darübergestempelt. Irgendwann bildet sich das typische Muster ab, das allen unterschiedlichen Stempeln gleich ist. Man muss sich nicht jede Tomate einzeln merken, um sie als Tomate zu erkennen (Manfred Spitzer, 2003). Stellen Sie sich vor, Sie müssten alle Gesichtsausdrücke aus allen Richtungen mit allen möglichen Haarschnitten lernen, um jemanden wiederzuerkennen. Dann wäre unser Kopf schnell voll. Es reicht, wenn das Prototypische eines Gesichts abgespeichert ist. Der erste Stempel hat bei diesem Prozess natürlich einen größeren Einfluss als die folgenden. Das führt dazu, dass wir an dem länger festhalten, was wir zuerst gelernt haben.

Bei diesem Prägeprozess werden auch Bewegungsmuster abgespeichert. Die meisten von uns haben zum Beispiel ihre PIN der EC-Karte „in ihrer Hand“. Gut, dass alle Ziffernblocks am Geldautomat gleich aussehen. Wenn wir die Nummer mit einer Laptoptastatur eingeben müssten, kämen wir in Schwierigkeiten.

unbewusste Steuerung

bewusste Steuerung

schnell

langsam

durchsetzungsstark

energieraubend

assoziativ

seriell

ca. 11.000.000 Bit/s

60 - 70 Bit/s

Automatismen

Konzentration

Abbildung 3: Gegenüberstellung unbewusste und bewusste Steuerung

Wenn es um schnelle Bewegungsabläufe geht, die uns die physikalische Umwelt eingestempelt hat, kann es sogar gefährlich werden, darüber bewusst nachzudenken: Mein Fahrlehrer hat mir einmal erklärt, was das „Contra-Lenken“ beim Motorradfahren ist: Wenn ich in Schrittgeschwindigkeit Hindernisse umfahren muss, lenke ich in die Richtung, in die ich fahren will. Wenn ich aber mit hoher Geschwindigkeit in eine Kurve fahre, dreht sich der Lenker in die entgegengesetzte Richtung. Das theoretisch zu verstehen und nachzuvollziehen, erfordert bereits unsere volle Konzentration. Beim Fahren sind wir darauf angewiesen, dass unser Körper dies unbewusst und schnell regelt. Wenn wir uns bewusst machen wollten, wie wir uns genau bewegen, welcher Arm nach vorne drückt, welcher nach hinten zieht, in welche Richtung die Körpermitte schwingt, wohin unser Kopf sich dreht, könnte es sein, dass wir es nicht wissen oder es uns falsch vorstellen. Gefährlicher ist es, wenn wir uns das während der schnellen Fahrt in der Kurve bewusst machen wollten. Das könnte uns aus der Bahn werfen. Also bitte nicht ausprobieren!

Unser bewusstes Denken ist viel zu langsam dafür. Es kann eine Menge von ungefähr zwei bis drei kurzen Wörtern pro Sekunde verarbeiten, nichts Zusätzliches in dieser Zeit. Dijksterhuis kommt auf ein absolutes Maximum der bewussten Verarbeitung von 60 Bit/s. Dabei ist die Kapazität von der jeweiligen Aufgabe abhängig: Lesen – 45 Bit/s; Lautes Lesen – 30 Bit/s; und Zählen, zum Beispiel die Buchstaben in einem Wort – 4 Bit/s. Das ist sehr langsam. Und da unser bewusstes Denken mehr Energie verbraucht als der unbewusste, assoziative Prozess, geht unser Organismus sehr sparsam mit dem bewussten Denken um! Unser Unbewusstes ist energiesparender und rund 200.000-mal schneller als unser bewusstes Denken. Das Unbewusste schafft ca. 11,2 Mio Bit/s (Ap Dijksterhuis, 2010)!

Dsehalb schfafen wir es acuh, deiesn Txet heir zu lseen. Usner asosziaivter scnhelelr Proszes ekrnent die wesnetelcihn Mrekmlae enies Wroets und bsatelt den Txet dnan eifnach weiedr rcihitg zsuamemn!

(Nach eine Studie der Universität Cambridge, Colin Blakemore, 1977)

Vielleicht sollte ich den Verlag einmal fragen, ob wir das mit der Rechtschreibprüfung einfach lassen. Oder?

1.3 Gefährdungen für unsere Psyche

Was kann für Mitarbeiter psychisch gefährdend sein? Ein Mensch ist am gesündesten unterwegs, wenn das, was von ihm verlangt wird, zu seinen Fähigkeiten passt. Dann ist er motiviert und bringt die beste Leistung. Das ist abhängig von der Tätigkeit, der Tageszeit, den Erfahrungen und anderen Einflüssen. Kritisch sind Über- oder Unterforderung. Diese Zusammenhänge macht das „Yerkes-Dodson-Gesetz“ deutlich.

Abbildung 4: Über- und Unterforderung (Yerkes-Dodson-Gesetz, 1908)

Unser Leistungshoch liegt im mittleren Bereich.

Im mittleren Bereich liegt unser Leistungshoch. Der rechte Bereich markiert die Überforderung, der linke die Unterforderung. Wenn wir an der Grenze zur Überforderung sind, lernen wir dazu. Wenn wir an der Grenze zur Unterforderung tätig sind, entwickeln wir Automatismen und Routinen. In der kritischen Über- und Unterforderung sind wir langsamer und fehleranfälliger als wir sein könnten. In der Unterforderung herrscht Frust und Langeweile vor, in der Überforderung sind wir gestresst und geistig erschöpft.

Eine psychische Belastung ist, was von außen erfassbar auf den Menschen psychisch einwirkt. Eine psychische Gefährdung ist eine Belastung, die uns über- oder unterfordert (fehlbeansprucht).

Abbildung 5: Unterschied Belastung und Beanspruchung (DIN 10075 Teil 1)

Die Arbeitspsychologie hat erforscht, welche psychischen Belastungen für die meisten von uns gefährlich werden könnten.

Potenzielle Gefährder

Potenziell gefährlich für die Psyche sind zum Beispiel folgende Einwirkungen:

Aus der Arbeitsaufgabe

Geringer Handlungsspielraum und hohe Verantwortung

Starker Termin- und Leistungsdruck

Emotionale Inanspruchnahme

Aus der Arbeitsorganisation

Häufige Unterbrechungen

Überstunden

Durch soziale Bedingungen

Konflikte und Spannungen zwischen Kollegen

Fehlende Führung

Autoritärer Führungsstil

Gefährdungsbeurteilung

Sie können einen Arbeitsplatz auf psychische Gefährdungen hin analysieren, ohne dass Sie den Mitarbeiter dazu kennen müssen. Das ist Sinn und Zweck der Gefährdungsbeurteilung Psyche. Es geht nicht darum, die psychische Gesundheit einzelner Mitarbeiter zu untersuchen!

Über die Gefährdungsbeurteilung wird die tatsächliche Gefahr in den Betrieben eingeschätzt. Jeder Betrieb ist anders aufgestellt und die Einschätzung hängt davon ab, welche Gegengewichte zu den Gefährdungen das Unternehmen bieten kann. Die stärksten Ressourcen im Unternehmen sind: gutes Betriebsklima, soziale Unterstützung, Zusammenhalt im Team, Rückendeckung durch Führungskräfte, Erfolgserlebnisse, Handlungsspielraum, Selbstbestimmtheit und Sinn (Stressreport Deutschland 2012, INQA-Studie 2006).

Mitarbeiter klagen zum Beispiel über zu hohe Arbeitsintensität, schlechte Arbeitsabläufe und emotionale Inanspruchnahme. Die Abteilung ist stark gewachsen und die Arbeitsprozesse sind noch nicht angepasst. Die emotionale Inanspruchnahme kommt durch die Beschwerdebearbeitung, da die Mitarbeiter aggressive Kunden beruhigen müssen. Die meisten Beschäftigten gleichen das durch Ressourcen aus der Arbeit aus, zum Beispiel über Handlungsspielräume, Erfolgserlebnisse und soziale Unterstützung. Wenn dieses Gleichgewicht in Schieflage gerät, kann sich das schnell am steigenden Krankenstand bemerkbar machen. Es kann bereits kippen, wenn Automatisierungen, zentrale Disposition oder technische Prozesse eingeführt wurden, die den Handlungsspielraum der Mitarbeiter verringern.

Abbildung 6: Beispiel Gleichgewicht Gefährdungen und Ressourcen