Germanistische Linguistik - Albert Busch - E-Book

Germanistische Linguistik E-Book

Albert Busch

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Beschreibung

Die bewährte Einführung in die germanistische Linguistik ist speziell auf die Bedürfnisse der modularisierten Studiengänge zugeschnitten. Sie ist in 14 Einheiten gegliedert, die sich an einem typischen Semesterplan orientieren und somit direkt für Lehrveranstaltungen im Rahmen eines "Basismoduls Germanistik" bzw. "Germanistische Linguistik" verwendet werden können. Die einzelnen Einheiten dienen zum einen der Vermittlung von Basiswissen, zum anderen dem Erwerb der Kompetenz, dieses Wissen selbstständig anzuwenden. Sie sind daher gegliedert in einen wissensvermittelnden Teil mit klar abgesetzten Definitionen und einen Übungsteil. Zu beidem gibt es auf der begleitenden Homepage www.bachelor-wissen.de ergänzende Angebote, mit denen die erworbenen Kompetenzen vertieft werden können. Die 5. Auflage wurde überarbeitet und spiegelt den aktuellen Stand der Forschung wider. "Das Buch bietet für Anfangssemester eine sehr gut verständliche Einführung." ekz-Informationsdienst 34/2007

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Seitenzahl: 484

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Albert Busch / Oliver Stenschke

Germanistische Linguistik

Eine Einführung

5., überarbeitete und erweiterte Auflage 2025

4., aktualisierte Auflage 2018

3., überarbeitete und erweiterte Auflage 2014

2., durchgesehene und korrigierte Auflage 2008

1. Auflage 2007

 

DOI: https://doi.org/10.24053/9783823395621

 

© 2025 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

 

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich.

 

Internet: www.narr.deeMail: [email protected]

 

ISSN 1864-4082

ISBN 978-3-8233-8562-2 (Print)

ISBN 978-3-8233-0525-5 (ePub)

Inhalt

VorwortVorwort zur 3. AuflageThemenblock 1: Sprache und ZeichenEinheit 1: Sprache und Linguistik1.1 Was ist Linguistik?1.2 Was ist Sprache?1.3 Wie gehen Linguisten bei der Untersuchung von Sprache vor?1.4 Übungen1.5 Verwendete und weiterführende LiteraturEinheit 2: Semiotik2.1 Semiotik – Was macht das Zeichen zum Zeichen?2.2 Zeichentypen2.3 Sprachliche Zeichen2.4 Zeichen und Zeichenbenutzer2.5 Semiotik als Wissenschaft2.6 Übungen2.7 Verwendete und weiterführende LiteraturThemenblock 2: Laut und WortEinheit 3: Phonetik und Phonologie3.1 Phonetik und Phonologie – Wie sprechen wir?3.2 Phonetik – Was tun wir, um zu sprechen?3.2.1 Artikulation3.2.2 Artikulation der Konsonanten3.2.3 Artikulation der Vokale3.3 Phonologie – Was tun wir, um Laute zu erkennen?3.3.1 Das Phonemsystem3.3.2 Die Silbe3.4 Übungen3.5 Verwendete und weiterführende LiteraturEinheit 4: Graphematik und Orthographie4.1 Graphematik und Orthographie – Wie schreiben wir?4.2 Graphematische Grundbegriffe4.3 Die Ermittlung des Grapheminventars mittels Minimalpaaranalyse4.4 Die Ermittlung des Grapheminventars mittels Zuordnung von Phonemen: Graphem-Phonem-Korrespondenzen4.5 Graphematische Prinzipien4.6 Darf man Orthographie verändern?4.7 Übungen4.8 Verwendete und weiterführende LiteraturEinheit 5: Morphologische Analyse5.1 Morphologie – Was ist ein Wort?5.2 Morphologische Grundbegriffe5.3 Die Analyse der unmittelbaren Konstituenten (IC-Analyse)5.4 Spezielle Probleme der IC-Analyse5.5 Übungen5.6 Verwendete und weiterführende LiteraturEinheit 6: Wortbildung und Flexion6.1 Wortbildung und Flexion – Wie wird ein Wort gebildet?6.2 Komposition6.3 Derivation6.4 Kurzwortbildung6.5 Sonstige Verfahren der Wortschatzerweiterung6.6 Flexion6.7 Übungen6.8 Verwendete und weiterführende LiteraturThemenblock 3: SatzEinheit 7: Traditionelle Syntaxanalyse7.1 Traditionelle Syntaxanalyse – Was ist ein Satz?7.2 Wie analysiert man einen Satz?7.3 Syntaktische Tests7.4 Syntaktische Kategorien und Funktionen7.4.1 Wortarten als syntaktische Kategorien7.4.2 Phrasen als syntaktische Kategorien7.4.3 Syntaktische Funktionen7.5 Ein Modell zur operationalen Satzanalyse7.6 Übungen7.7 Verwendete und weiterführende LiteraturEinheit 8: Dependenz und Valenz8.1 Dependenz und Valenz – Wie wird ein Satz gebildet?8.2 Probleme des Ansatzes von Tesnière8.3 Syntaktische Testverfahren8.4 Übungen8.5 Verwendete und weiterführende LiteraturEinheit 9: Ergänzungen und Angaben9.1 Satzglieder und Satzgliedteile – Woraus besteht ein Satz?9.2 Ergänzungsklassen9.3 Die stemmatische Darstellung von Ergänzungen9.4 Angaben9.5 Die stemmatische Darstellung von Angaben9.6 Übungen9.7 Verwendete und weiterführende LiteraturEinheit 10: Attribute und syntaktische Einzelprobleme10.1 Attribute – Wie sind Satzglieder aufgebaut?10.2 Die Attributsklassen10.3 Die stemmatische Darstellung von Attributen10.4 Einzelprobleme der syntaktischen Analyse10.4.1 Funktionsverbgefüge10.4.2 Echte und unechte Reflexivität10.4.3 Der syntaktische Status von es10.4.4 Freie Dative10.4.5 Koordination10.5 Übungen10.6 Verwendete und weiterführende LiteraturThemenblock 4: Sprache im GebrauchEinheit 11: Semantische Grundbegriffe11.1 Was ist Semantik?11.2 Was ist Bedeutung?11.3 Was ist ein Wort – semantisch gesehen?11.4 Elemente der Wortbedeutung: Denotation und Konnotation11.5 Semantische Relationen11.5.1 Übereinstimmung von Bedeutungen11.5.2 Überordnung – Unterordnung11.5.3 Gegensatz11.5.4 Reihung11.5.5 Mehrdeutigkeit11.6 Übungen11.7 Verwendete und weiterführende LiteraturEinheit 12: Semantische Theoriebildung12.1 Merkmalssemantik – Wortbedeutung als Merkmalsmenge12.2 Wörter in Verbänden: Wortfamilien, Wortfelder, Phraseologismen12.2.1 Die Wortfamilie als Ausdrucksverband12.2.2 Das Wortfeld als Inhaltsverband12.2.3 Der Phraseologismus als syntagmatischer Verband12.3 Wortbedeutung im Gedächtnis12.3.1 Wörter im Kopf12.3.2 Die Prototypentheorie12.3.3 Die Framesemantik12.3.4 Sprachliche Relativität: Sprache – Denken – Wirklichkeit12.4 Übungen12.5 Verwendete und weiterführende LiteraturEinheit 13: Pragmatik13.1 Pragmatik – Was ist sprachliches Handeln?13.2 Sprechakte – Was tun wir, wenn wir sprechen?13.3 Konversationale Implikaturen und Konversationsmaximen13.4 Präsuppositionen13.5 Deixis13.6 Übungen13.7 Verwendete und weiterführende LiteraturEinheit 14: Textkommunikation14.1 Textmerkmale – Was macht den Text zum Text?14.2 Sprachlichkeit und Schriftlichkeit14.3 Kohäsion14.4 Kohärenz14.5 Textfunktionalität14.6 Textsorten14.7 Intertextualität14.8 Übungen14.9 Verwendete und weiterführende LiteraturAnhangAbkürzungen und ZeichenSachregister

Vorwort

Mit dem Band „Germanistische LinguistikLinguistik“ aus der Reihe bachelor-wissen halten Sie eine Einführung in den Händen, in der wir zweierlei versucht haben: zum einen, die im Rahmen unserer langjährigen Lehrtätigkeit entstandenen und erprobten Lehr- und Übungsmaterialien einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen; zum anderen, die Anforderungen zu berücksichtigen, welche sich aus der Umstrukturierung des Germanistik- bzw. Linguistik-Studiums nach dem Bachelor/Master-Modell ergeben. Die vorliegende Einführung ist daher eng am Semesterplan eines typischen Einführungsmoduls orientiert, wie es an der Universität Göttingen seit einigen Semestern praktiziert wird. Dazu sind die Inhalte analog zu den 14 Sitzungen eines Semesters in 14 Einheiten aufgeteilt, welche – je nach zeitlichem Umfang der an Ihrer Universität gelehrten Module – in ein oder zwei Semestern durchgearbeitet werden können. Die Einheiten bestehen jeweils aus vermittelnden, einführenden Texten sowie einigen Übungen am Ende. Die Lösungen sowie weitere Materialien und Übungen mit Lösungshinweisen finden Sie unter der URL www.narr.de/germanistische-linguistik-18562-1/. Die entsprechenden Stellen in dieser Einführung sind – wie hier – durch eine Maus in der Randspalte markiert.

Miniatur aus dem Codex Manesse

In weiten Teilen dieses Buches geht es um Grammatik, eine Wissenschaft, die von der Antike bis zum Barock zu den sieben freien Künsten zählte und häufig als Gestalt mit einer Rute dargestellt wurde, was Ihnen – besonders als Studierenden – möglicherweise sehr passend erscheint. Dem Grundsatz „Ernst ist das Leben, heiter die Kunst“ folgend haben wir uns bemüht, diese Tradition ein wenig aufzulockern. Vor allem eins sollte aber bei der Lektüre dieses Buches deutlich werden: Die LinguistikLinguistik ist primär keine Disziplin, die allein damit beschäftigt ist, sprachliche Zweifelsfälle oder Ähnliches zu beantworten. Vielmehr geht es ihr darum, mit vielfältigen Fragestellungen und Methoden die Komplexität des Systems Sprache und seines Gebrauchs zu erfassen.

Unser Dank gilt allen Studierenden, die in unseren Seminaren durch kritisches Nachfragen dafür gesorgt haben, dass Verständlichkeit eine der zentralen Leitlinien in unserer Lehre darstellt. Besonderen Dank möchten wir jedoch all jenen aussprechen, die an der Erstellung dieses Buches mitgewirkt und sein Erscheinen möglich gemacht haben. Die ursprüngliche Anregung verdanken wir Kirsten Adamzik.

Völlig undenkbar wäre diese Einführung jedoch ohne das gleichermaßen beharrliche wie langmütige, vor allem aber kompetente und präzise Nachfragen von Jürgen Freudl gewesen, der dieses Buch so gut lektoriert hat, dass auch wir jetzt in vielen Fällen endlich verstehen, was wir selbst geschrieben haben.

 

Göttingen, zu Beginn der Fastenzeit 2007

Albert Busch        Oliver Stenschke

Vorwort zur 3. Auflage

Durch den Einsatz des Buches in Lehrveranstaltungen sowie durch verschiedene Rezensionen haben wir in den letzten Jahren viele positive Rückmeldungen, aber auch willkommene Hinweise auf Ungereimtheiten erhalten. Letztere hoffen wir mit der dritten Auflage weitgehend ausgeräumt zu haben, auch wenn wir nicht alle Ergänzungswünsche erfüllen konnten, ohne den eigentlichen Charakter dieser Einführung zu verfälschen. Auch hat sich bei manchem monierten „Fehler“ herausgestellt, dass es sich eher um ein Produkt unterschiedlicher Auffassungen handelt. Dies an entsprechender Stelle jeweils ausführlich zu dokumentieren, würde leider ebenfalls den Rahmen dieser Einführung sprengen. Wir sind aber weiterhin dankbar für die Verbesserungsvorschläge und Hinweise unserer Leserinnen und Leser.

 

Göttingen/Hannover, im Februar 2014

Albert Busch        Oliver Stenschke

Themenblock 1: Sprache und Zeichen

Einheit 1: Sprache und Linguistik

Inhalt
1.1

Was ist Linguistik?

1.2

Was ist Sprache?

1.3

Wie gehen Linguisten bei der Untersuchung von Sprache vor?

1.4

Übungen

1.5

Verwendete und weiterführende Literatur

ÜberblickEinheit 1 behandelt grundlegende Fragen zur Linguistik und versucht, erste Antworten auf die Fragen zu finden, was Sprache ist, wie sie aufgebaut ist und welche Funktion sie erfüllt. Dabei wird auch erläutert, welche Perspektive die Linguistik einnimmt und welche Fragestellungen sie behandelt. In dem Zusammenhang geht die Einheit auch auf die verschiedenen Methoden und Ansätze ein, die seit der Antike von Forschenden aus Sprachphilosophie und später Linguistik wie Kognitionswissenschaften entwickelt wurden, um die Komplexität des Sprachsystems und dessen Gebrauch zu erfassen. Es wird betont, dass Linguistik nicht darauf abzielt, sprachliche Zweifelsfälle zu klären, sondern die Struktur und Funktion von Sprache zu analysieren. Die Einheit ist so strukturiert, dass sie eine Einführung in die grundlegenden Konzepte der Linguistik bietet und auf die folgenden Themen im Buch vorbereitet.

1.1Was ist LinguistikLinguistik?

Abb. 1.1

Sprachberatung der Gesellschaft für Deutsche Sprache http://www.gfds.de (02.02.07)

„SpracheSprache ist die Kleidung der Gedanken“, so der englische Schriftsteller Samuel Johnson. „Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse“, so der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry. Und für den deutschen Schriftsteller Kurt Tucholsky ist „Sprache eine Waffe.“ Ein unbekannter Sprachteilhaber ist anderer Meinung: „Sprache ist nächst dem Küssen das erregendste Kommunikationsmittel, das die Menschheit entwickelt hat“. Zu Sprache kann man also ganz unterschiedliche Auffassungen haben. In jedem Fall hat die Beschäftigung mit Sprache und vor allem mit der deutschen Sprache ganz offensichtlich gerade Konjunktur: Phänomene wie das ironische Verwenden von Anglizismen in Memes („Lost“, „Cringe“) oder das Verwenden von Akronymen und Hashtags wie „#ootd“ (Outfit of the Day) und „#fomo“ (Fear of Missing Out) stürmen die sozialen Medien und beeinflussen die Alltagskommunikation. Diese Beispiele zeigen, wie die digitale Kommunikation aktuelle Sprachtrends prägt und die deutsche Sprache weiterentwickelt.

Die Sprachberatungen der Gesellschaft für Deutsche Sprache und anderer Organisationen werden ausgiebig und gerne in Anspruch genommen. Dort kann man nachfragen oder in der Zeitschrift „Der Sprachdienst“ nachlesen, wenn es einem spanisch vorkommt, über das Wort schnüstern zu stolpern, wenn einem gar langer Hafer angedroht wird oder auf eine Frage mit nicht wirklich geantwortet wird.

[!] langer Hafer – Die Bezeichnung ist alt, sie kommt aus dem Umkreis der Kutscher bzw. der Bauern und bezieht sich als bildliche Redewendung auf den Hafer, das Hauptfutter der Pferde. Die Sprache deutet oft um, und so kann man dem Pferd „Hafer geben“ oder „langen Hafer geben“ – man schlägt es mit der Peitsche (als Spott: „da hast du deinen Hafer!“).

Abb. 1.2

Sprachberatung der Gesellschaft für Deutsche Sprache http://www.gfds.de (02.02.07)

Wen gruselt’s nicht bei einer Hamburger Kneipe namens Oma’s Apotheke, bei Sabine’s Friseurstudio oder der Behauptung, jemand habe Scharm?

In sprachlichen Fragen sind wir hochsensibel, und manche Zeitgenossen gründen gar einen Verein, um gegen das „Denglisch“ zu kämpfen. Hinter all diesen Aktivitäten steckt natürlich das weit verbreitete Bestreben, Deutsch korrekt bzw. gut zu sprechen. Professionelle Schützenhilfe können die ratsuchenden Menschen hier von zwei Seiten erwarten: der SprachkritikSprachkritik und der SprachkritikSprachkritikSprachwissenschaft, die unterschiedliche Ziele verfolgen: Die SPRACHKRITIKSprachkritik hat die Auseinandersetzung und Beurteilung herrschender Sprachnormen im Blick (z.B. Stilkritik, Anglizismenkritik, Bürokratensprache usw.) und sensibilisiert Sprachwissenschaftgegen unangemessene Sprachverwendung. Die SPRACHWISSENSCHAFTSprachwissenschaft (Linguistik) dagegen versucht, SpracheSprache zu beschreiben und zu erklären, wie auch das „Metzler-Lexikon Sprache“ hervorhebt:

DefinitionSprachwissenschaftSprachwissenschaft (auch: LinguistikLinguistik […]): Wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Beschreibung und Erklärung von SpracheSprache, Sprachen und sprachlicher Kommunikation befasst […]. Das Gesamtgebiet der Sprachwissenschaft ist in eine Reihe einzelner Teildisziplinen gegliedert, die sich in Gegenstandsbereichen, Methoden und Erkenntnisinteressen vielfach scharf voneinander unterscheiden. Kern der Sprachwissenschaft ist die Erforschung von sprachlichen Zeichen auf unterschiedlichen Hierarchieebenen, in die Sprachen zum Zwecke ihrer Beschreibung eingeteilt werden, nämlich Phonetik und Phonologie, Graphematik, Morphologie, Wortbildung, Syntax, Semantik. Textlinguistik und Stilistik befassen sich mit sprachlichen Einheiten jenseits der Satzebene. In der linguistischen Pragmatik werden die Bedingungen und Regularitäten sprachlichen Handelns untersucht. (vgl. Metzler-Lexikon Sprache 2024: 628)

Eine etwas wuchtige Definition, deren Inhaltsbereiche auch die Gliederung dieser Einführung spiegeln. Die drei wichtigsten Aspekte der Definition sind: SPRACHESprache, BESCHREIBUNG und ERKLÄRUNG. Dies wirft ein erstes inhaltliches Schlaglicht auf das, was Sie im BA-Studium Germanistische LinguistikLinguistik oder Deutsche SprachwissenschaftSprachwissenschaft erwartet. Sie werden sich intensiv damit beschäftigen, die deutsche Sprache zu analysieren, zu beschreiben und zu erklären. Wie macht man das? Man benötigt dazu Techniken (Methoden) und eine eigene Fachsprache, deren Grundlagen wir Ihnen in dieser Einführung näher bringen möchten.

1.2Was ist SpracheSprache?

SpracheWenn Sie sich morgens von Ihrem Smartphone-Wecker aus dem Schlaf holen lassen, beim Frühstück durch Ihre Nachrichten-Apps oder Social-Media-Feeds scrollen, noch ein wenig verschlafen die Zutatenliste auf Ihrer Hafermilch studieren, sich über Ihr kaputtes Fahrrad ärgern, später eine Online-Vorlesung hören, im Seminar an einer Videokonferenz-Diskussion teilnehmen oder gar ein Referat über Zoom halten, sich in der Mensa mit Ihren Kommilitonen austauschen, flüchtig einen Bekannten auf dem Campus grüßen, einen digitalen Flyer überfliegen, Ihren Stundenplan mithilfe von Online-Tools oder in einer Sprechstunde optimieren, einen Blick in Ihre Prüfungsordnung werfen, für eine Hausarbeit relevante Fachliteratur in einer digitalen Bibliothek konsultieren, zwischendurch per Messenger, Instagram, WhatsApp, E-Mail oder Video-Call kommunizieren, einen Essay am Laptop verfassen und am Abend noch eine Serie streamen oder ein E-Book aus vergangenen Tagen lesen: Überall haben Sie es dabei mit Sprache zu tun, wenn auch in unterschiedlicher Form und Funktion.

Ein Fachwörterbuch liefert folgende Darstellung:

DefinitionSpracheSprache (engl. language, frz. langue, langageLangage): Wichtigstes und artspezifisches Kommunikationsmittel der Menschen, das dem Austausch von Informationen dient sowie epistemologische (die Organisation des Denkens betreffende), kognitive und affektive Funktionen erfüllt. Der Ausdruck ‚Sprache‘ hat zwei elementare Bedeutungskomponenten:

Sprache ‚an sich‘, die Bezeichnung der menschlichen Sprachbegabung als solcher (frz. faculté de langageFaculté de langage),

Sprache als Einzelsprache, d.h. die Konkretisierung von a) in einer bestimmten Sprachgemeinschaft, zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten geographischen Raum (frz. langueLangue) und deren Ausdruck in konkreten Kommunikationsereignissen (frz. paroleParole). (vgl. Metzler-Lexikon Sprache 2024: 606)

Phi|lo|lo|gie, die; -, -n [lat. philologia < griech. philología]: Wissenschaft, die sich mit Texten historischen, literarischen oder kulturgeschichtlichen Inhalts in einer bestimmten Sprache beschäftigt und sie sprachlich, historisch, kulturgeschichtlich und gesellschaftlich interpretiert.

Abb. 1.3

Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache (https://www.dwds.de/wb/Philologie)

„Sprache an sich“ und „Sprache als Einzelsprache“ sind die Kernbotschaften dieser Definition. Die germanistische Linguistik als Einzelphilologie untersucht in erster Linie die deutsche Sprache als Einzelsprache. Allerdings sind die Vorstellungen von Sprache sehr unterschiedlich, denn zu dem, was Sprache sei, haben ja nicht nur Sprachwissenschaftler eine eigene Meinung, sondern auch die meisten Sprecherinnen und Sprecher. Fragt man etwa einmal Menschen in einer Fußgängerzone: „Was ist Sprache?“, bekommt man Antworten wie die folgenden:

„wat man so spricht“

„Kommunikationsmittel“

„Mittel des Denkens“

„Dialekt und Hochsprache“

„geschrieben, gesprochen“

„Wortschatz und Grammatik“

„Machtinstrument“.

Mehrere Facetten von Sprache sind hier schon thematisiert. All diese Aspekte sind auch in der Linguistik im Rahmen von Sprachtheorien aus vielen Jahrhunderten untersucht worden. Auf einige der prominentesten Positionen wollen wir im Folgenden kurz eingehen.

Dionysios Thrax (2. Jh. v.Chr.)So hat bereits der Grammatiker Dionysios Thrax („der Thraker“) aus Alexandria im 2. Jahrhundert v. Chr. GRAMMATIK dargestellt als „die auf Erfahrung beruhende Kenntnis dessen, was meistens von den Dichtern und Prosaschriftstellern gesagt wird“ (Cherubim 1975: 123). Dionysios verfasste die erste griechische Grammatik, in der er Erkenntnisse zusammenfasste, die in den Jahrhunderten zuvor zu Sprache und Grammatik erzielt worden waren. Seine „Technē Grammatikē“ (Die Kunst der Grammatik) war auch für das Latein und die frühen europäischen Nationalsprachen wegweisend. Cherubims (1975: 123–126) Hinweise zu den Wortklassen beim Thraker zeigen, wie weitgehend seine Erkenntnisse auch heute noch verwendbar sind.

Als WortartenWortart unterscheidet er:

Das Nomen ist ein Redeteil mit Kasusflexion, das einen körperlichen Gegenstand oder eine (unkörperliche) Sache bezeichnet, einen Gegenstand wie z.B. Stein, eine Sache wie z.B. Erziehung.

Das Verb ist ein Wort ohne Kasusflexion, das Temporal-, Person- und Numerusbildung zulässt (und) eine Tätigkeit oder ein Widerfahrnis anzeigt.

Partizip

Artikel (einschließlich Relativpronomen)

Das Pronomen ist ein Wort, das anstelle eines Nomens gebraucht wird (und) das bestimmte Personen anzeigt.

Die Präposition ist ein Wort, das vor alle Redeteile gesetzt wird (und zwar) in Komposition und Kombination.

Adverb

Konjunktion (vgl. Cherubim 1975: 124f.)Plato (ca. 427–347 v. Chr.)

Plato (ca. 427–347 v. Chr.) hat in seinem „Kratylos“-Dialog diskutiert, ob Sprache auf Übereinkunft beruht oder ob ein innerer Zusammenhang zwischen Wörtern und Dingen bestehe. Auch bei den Römern verfassten bereits gegen Ende des ersten vorchristlichen Jahrhunderts „mehrere Autoren bedeutende Werke auf den Gebieten Grammatik und Rhetorik […] insbesondere CiceroCicero (106–43 v. Chr.) (106–43 v. Chr.) über Stil und Quintilian (im 1. Jh. n. Chr.) über Sprachgebrauch und Rhetorik“. (Crystal 1998: 405) Sogar Julius Caesar fand, angeblich während er auf einem Feldzug die Alpen überquerte, Zeit über grammatische Regeln zu schreiben. Wie man sieht, zählte das Nachdenken über Sprache bereits in der Antike zu einer der vornehmsten Tätigkeiten der Gebildeten. Diese Tradition setzte sich im Mittelalter fort. In Bezug auf das Deutsche befassten sich die Gelehrten jener Tage vor allem mit folgenden drei Themenkreisen:

Das Deutsche in seinen grammatischen, lexikalischen und stilistischen Eigenschaften, insbesondere im Gegensatz zum Lateinischen;

das Deutsche als Zielsprache von Übersetzungen, auch hier im Kontrast zum Lateinischen, das Ausgangssprache dieser Übersetzungen ist;

das Deutsche in seiner dialektgeographischen Binnengliederung. (vgl. Gardt 1999: 12f.)

Aus der jüngeren Vergangenheit stammen einige besonders wichtige Theorien:

Sprache als OrganismusSPRACHE ALSORGANISMUSSprache als Organismus: Für diese Vorstellung im Umfeld der Romantik steht Wilhelm von Humboldt (1767–1835) Pate. Seine Auffassung von Sprache als einer organisch gewachsenen Ganzheit kommt in seinen Schriften deutlich zum Ausdruck, wenn er betont, Sprache sei:

unmittelbarer Aushauch eines organischen Wesens in dessen sinnlicher und geistiger Geltung, theilt sie darin die Natur alles Organischen, dass Jedes in ihr nur durch das Andre, und Alles nur durch die eine, das Ganze durchdringende Kraft besteht. (Humboldt 1820a: 3)

Sprache ist für HumboldtWilhelm von Humboldt (1767–1835) demnach etwas Dynamisches, das intern so verfasst ist, dass die Elemente systematisch wechselseitig voneinander abhängen. Diese Auffassung steht bei Humboldt vor dem Hintergrund von Sprache als Tätigkeit:

Die Sprache, in ihrem wirklichen Wesen aufgefasst, ist etwas beständig und in jedem Augenblicke Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollständige, mumienartige Aufbewahrung, die es doch erst wieder bedarf, dass man dabei den lebendigen Vortrag zu versinnlichen sucht. Sie selbst ist kein Werk (ErgonErgon), sondern eine Thätigkeit (EnergeiaEnergeia). Ihre wahre Definition kann daher nur eine genetische seyn. Sie ist nemlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den articulirten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen. (Humboldt 1820b: 45f.)

Dieser Gedanke vom sich entwickelnden Organismus Sprache findet auch weiterhin Anklang; so veröffentlichte 1841 Karl Ferdinand Becker (1775–1849) eine viel beachtete Grammatik unter dem Titel „Organism [sic!] der Sprache“, und 1863 verbindet August Schleicher (1821–1868) die Metapher vom Sprachorganismus mit der Evolutionstheorie Darwins:

Die Sprachen sind Naturorganismen, die, ohne vom Willen des Menschen bestimmbar zu sein, entstanden, nach bestimmten Gesetzen wuchsen und sich entwickelten und wiederum altern und absterben; auch ihnen ist jene Reihe von Erscheinungen eigen, die man unter dem Namen ‚Leben‘ zu verstehen pflegt. Die Glottik, die Wissenschaft der Sprache, ist demnach eine Naturwissenschaft; ihre Methode ist im ganzen und allgemeinen dieselbe wie die der übrigen Naturwissenschaften. (Schleicher 1863: 6)

Sprache wird auch hier aufgefasst als ein organisches Wesen mit eigener Entwicklung und mit Aufwuchs-, Blüte- und Vergehensphasen. Davon ausgehend Stamm-baum-theorieentwickelt Schleicher in seiner STAMMBAUMTHEORIEStammbaumtheorie die Vorstellung von der Entstehung der indoeuropäischen Einzelsprachen aus einer hypothetischen indogermanischen Ursprache. Aus deren Wurzelwerk und Stamm, so die Vorstellung, haben sich die verschiedenen europäischen Sprachen entwickelt (s. Abb. 2.4).

Jung-grammatikerFür die sogenannten JUNGGRAMMATIKERJunggrammatiker war Sprache kein Organismus, sondern, wie es Bartschat (1996) zusammenfasst, eine PSYCHOPHYSISCHESprache als psychophysische TätigkeitTÄTIGKEIT. Sprache als psychophysische TätigkeitSie lehnen die Vorstellung von der Ursprache als Fiktion ab, und auch Schleichers Einschätzung, die älteren Sprachzustände stellten Blütephasen der Sprachentwicklung dar und bei den neueren Phasen der Sprachentwicklung handele es sich um Verfallsprodukte, teilen sie nicht. Im programmatischen Vorwort von Herrmann Osthoffs und Karl Brugmanns „Morphologische[n] Untersuchungen auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachen“ stellen sie ihr Konzept dar:

Man erforschte zwar eifrigst die sprachen, aber viel zu wenig den sprechenden menschen. […] Der menschliche sprechmechanismus hat eine doppelte Seite, eine psychische und eine leibliche. Ueber die art seiner thätigkeit ins klare zu kommen muss ein hauptziel des vergleichenden sprachforschers sein. Denn nur auf grund einer genaueren kenntnis der einrichtung und der wirkungsweise dieses seelisch-leiblichen mechanismus kann er sich eine vorstellung davon machen, was sprachlich überhaupt möglich ist […]. (Osthoff/Brugmann 1878: III)

Zwei Jahre später verfasste Hermann PaulHermann Paul (1846–1921) (1846–1921) mit seinen „Prinzipien der Sprachgeschichte“ die „Bibel der JunggrammatikerJunggrammatiker“ (Bartschat 1996: 22), in der er die Positionen dieser Leipziger Schule zusammenfasste und der Richtung eine prominente Stellung im System der Wissenschaften einräumte. Für Hermann Paul, dessen „Deutsches Wörterbuch“ von 1897 bis heute weitergeführt wird, war, wie er betont, die Sprachwissenschaft eine KULTURWISSENSCHAFT. Und Grundlage einer Kulturwissenschaft, so Paul, sei der Einbezug der Psychologie in die Forschung:

Das psychische Element ist der wesentlichste Faktor in aller Kulturbewegung, um den sich alles dreht, und die Psychologie ist daher die vornehmste Basis aller in einem höheren Sinne gefassten Kulturwissenschaft. Das Psychische ist darum aber nicht der einzige Faktor; es gibt keine Kultur auf rein psychischer Unterlage. (Paul 1880:6, §4)

Die JunggrammatikerJunggrammatiker konzentrierten ihre Erforschung der Sprache auf die beobachtbare, psychophysische Sprechtätigkeit des Individuums, nämlich den LautgesetzeLAUTWANDELLautwandel, und betonten, bei den formulierten LAUTGESETZENLautgesetze handele es sich um ausnahmslose Gesetze:

Aller lautwandel […] vollzieht sich nach ausnahmslosen gesetzen, d.h. die richtung der lautbewegung ist bei allen angehörigen einer sprachgenossenschaft […] stets dieselbe und alle wörter werden ohne ausnahme von der änderung ergriffen. […] (Osthoff/Brugmann 1878: XIII)

Sprache als Zeichen-systemSPRACHE ALSSprache als ZeichensystemZEICHENSYSTEMZeichensystem: Ein weiterer Meilenstein ist die Konzeption von Sprache als einem Zeichensystem, die der Begründer des europäischen Strukturalismus, Ferdinand de Saussure (1857–1913), entwickelt hat. Er geht davon aus, dass Sprache ein geschlossenes Zeichensystem ist und dass es Aufgabe der Linguistik sei, dieses System zu erfassen. Dazu stellte er eine Reihe von Ordnungsprinzipien auf, die in der folgenden Einheit Semiotik näher behandelt werden. Sein Hauptwerk, der „Cours de linguistique générale“ (dt. Ausgabe: „Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft“), der nicht von ihm selbst geschrieben, sondern im Jahr 1916, drei Jahre nach seinem Tod, von seinen Schülern Charles Bally und Albert Sechehaye herausgegeben wurde, ist eines der einflussreichsten Bücher der europäischen Sprachwissenschaft.

Sprache als StrukturSPRACHE ALSSprache als StrukturSTRUKTURStruktur: Der amerikanische StrukturalismusStrukturalismus entwickelte sich weitgehend eigenständig und ohne expliziten Bezug zur europäischen Sprachbetrachtung und zu de Saussure. Ein wichtiger Gegenstand des US-amerikanischen Strukturalismusamerikanischer Strukturalismus waren die Indianersprachen Nordamerikas. Franz BoasFranz Boas (1858–1942) (1858–1942) geht in seinem Handbuch der amerikanischen Indianersprachen von zwei Grundgedanken aus: „de[m] Hinweis, dass die traditionellen in Europa für die indoeuropäischen Sprachen entwickelten Methoden nicht auf Indianersprachen übertragen werden dürfen, und [der] humanistische[n] These, dass es keine rückständigen Sprachen gibt“. (Bartschat 1996: 129) Er kommt zu drei allgemeingültigen Schlussfolgerungen:

In jeder Sprache gibt es eine begrenzte Anzahl von Einheiten, aus denen sich die Sprache aufbaut.

In jeder Sprache gibt es eine begrenzte Anzahl von grammatischen Kategorien. Diese Auswahl aus einem Kategorieninventar braucht in verschiedenen Sprachen nicht übereinzustimmen. Der Komplex von Kategorien einer Sprache bildet ihre Grammatik.

Die Ähnlichkeit zwischen Sprachen kann auch anders als durch Verwandtschaft begründet sein, insbesondere kann sie durch lange währende territoriale Nachbarschaft erworben werden. (Bartschat 1996: 130)

In Boas Nachfolge erarbeiteten vor allem Edward Sapir (1884–1939) und Leonard Bloomfield (1887–1949) die Grundlagen einer empirischen Linguistikempirische Linguistik (griech.: émpeiros = erfahren, also: aus der Erfahrung abgeleitet), die ein Set von Beschreibungsmaximen beinhaltet, die bis heute Verwendung finden, so etwa:

die sogenannte „IC-Analyse“, die Ihnen in Einheit 5 Morphologische Analyse begegnen wird;

die Überprüfung der „Distribution“ von Elementen in bestimmten Kontexten, die Sie in der Einheit 3 Phonetik und Phonologie wiederfinden werden;

die Annahme von Varianten eines Phänomens, die mit der Vorsilbe „Allo“ markiert werden, was Sie durch einige Einheiten dieser Einführung begleiten wird, z.B. in „Allophon“ (Lautvariante), „Allograph“ (Schreibvariante), „Allomorph“ (Formvariante).

Sprache als OrganonSPRACHE ALSORGANONSprache als OrganonOrganon-Modell: Der Sprachpsychologe Karl Bühler (1879–1963) unterstreicht in seinem Grundlagenwerk „Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache“ (1934), dass Sprache in erster Linie ein Werkzeug (griech.: Organon) sei. Er fasst Sprache als umfassendes Kulturorganon auf, das zentrale Aufgaben in der Kommunikation übernimmt. Sein Organon-ModellOrganon-ModellSprache als Organon (siehe Abb. 2.7) wird in der Einheit 2 Semiotik näher erläutert. Bühler macht besonders deutlich, dass Sprache eine Form des Handelns ist, und demgemäß ist es für ihn die zentrale Aufgabe der Sprachwissenschaft, zu erklären, wie die Systematik des Zeichensystems aus dieser Handlungsorientierung heraus erwächst.

Wie Bühler, so stellen auch die Sprachphilosophen John Langshaw Austin (1911–1960) und John Rogers SearleJohn Searle (*1932) (*1932) den Handlungscharakter von Sprache in den Vordergrund ihres Ansatzes. In einer Vorlesungsreihe mit dem programmatischen Titel „How to do things with words“ konturierte Austin 1955 die Grundlinien dieser Theorie, die sein Schüler John Searle weiterentwickelte. Im Kern fassen die beiden Linguisten SPRACHE ALSSPRECHAKTENSEMBLESprechaktensembleSprache als SprechaktensembleSprache als Sprechaktensemble auf; im Zentrum ihrer Untersuchungen steht beispielsweise also nicht die formale Beschaffenheit von Wörtern oder die Struktur von Sätzen, sondern der Handlungscharakter von Sprache. Die Sprechakttheorie ist eine der wichtigsten Grundlagen der linguistischen Pragmatik, weswegen wir sie in Einheit 13 ausführlicher behandeln.

Sprache als KognitionEine besonders einflussreiche Schule befasst sich mit SPRACHE ALSKOGNITIONSprache als Kognition (lat.: cognoscere = erkennen). Es geht hier also um die Frage: Wie kommt Sprache in unsere Köpfe? Wie kommt es, dass wir alle in kurzer Zeit in der Phase des natürlichen Spracherwerbs unsere jeweilige Muttersprache lernen, egal wie komplex sie ist? Als Erwachsene tun wir uns im Zweit- oder Drittspracherwerb deutlich schwerer. Auf derartige Fragen gibt einer der profiliertesten Geisteswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, Noam ChomskyNoam Chomsky (*1928) (*1928), Antwort. Nach seiner Theorie folgen alle natürlichen Sprachen gemeinsamen grammatischen Prinzipien, die den Menschen in Form einer Universalgrammatik angeboren sind. Die Unterschiede in den Nationalsprachen lassen sich als unterschiedliche Besetzung der angeborenen Parameter auffassen. Hierfür ein einfaches Beispiel: Ein allgemein gültiges Prinzip lautet, dass Aussagesätze ein Subjekt haben. Im Deutschen ist dieses Subjekt in der Regel im Satz obligatorisch ausgedrückt, in anderen Sprachen – wie etwa dem Italienischen – jedoch nicht; vgl. sie spricht Englisch vs. parla inglese. Das Italienische gilt in dieser Theorie als Null-Subjekt- (bzw. Pro-drop-)Sprache, das Deutsche nicht. Der betreffende Parameter oder „Schalter“, der im Gehirn in Richtung Null-Subjekt oder in Richtung Subjekt umgelegt wird, wird als Null-Subjekt-Parameter bezeichnet. Die sprachlichen Ausdrücke lassen sich nach einem von Chomsky entwickelten System mit Hilfe einer Metasprache auf der Grundlage von rekursiven (lat.: recurrere = wiederkehren) Regeln definieren, d.h. auf der Basis von Regeln, die mehr als einmal bei der Bildung eines Satzes anwendbar sind. So lässt sich mit Hilfe eines begrenzten Inventars sprachlicher Regeln eine nahezu unendliche Menge von Sätzen generieren (= hervorbringen).

Wichtige Ansätze Chomskys, die bis heute für die Linguistik überaus fruchtbar geworden sind, sind die Generative Transformationsgrammatik, die Government and Binding-Theorie, die Minimalgrammatik und weitere Fortentwicklungen seiner Theorien.

1.3Wie gehen Linguisten bei der Untersuchung von Sprache vor?

Wenn ihr Gegenstand so facettenreich ist, wie kann dann die Linguistik zu klaren Aussagen und Erklärungen kommen? Der Weg führt über Hypothesenbildung reflektierte Methodenund klare Vorgehensweisen, d.h. REFLEKTIERTE METHODEN. Nötig sind also bestimmte Techniken, um Sprache zu erklären und zu beschreiben. Das findet auf verschiedenen sprachlichen Ebenen statt.

Dazu ein Beispiel: Nehmen wir an, wir wollen den folgenden Text aus dem Bereich Deutsch als Fremdsprache analysieren. Diese legendäre Rede stammt von Giovanni Trapattoni, einem italienischen Fußballtrainer, der 1998 den FC Bayern München coachte. Bei einer Pressekonferenz drückte er seine Wut über die schlechten Leistungen seiner Spieler in einem Deutsch aus, das von vielen als typische Lernersprache wahrgenommen wurde – voller Fehler und ungewöhnlicher Formulierungen, wie wir alle sie bei Fremdsprachenlernen machen. Gerade diese Mischung aus Leidenschaft und ungewollt komischen Ausdrücken machte die Rede unvergesslich und zu einem Kultmoment in der Fußballgeschichte. Es ist ein Ausschnitt aus einer denkwürdigen Pressekonferenz:

Ein Trainer ist nicht eine Idiot. Ein Trainer sei – seh, was passieren in Platz. Diese Spieler, die zwei und drei, diese Spieler waren schwach wie eine Flasche leer! […]

Wissen Sie, warum die Italien-Mannschaft kaufen nicht diese Spieler? Weil wir haben gesehen viel Male dumme Spiel.

Haben gesagt, sind nicht Spieler für die italienisch, eh, Meisters.

Struunz! Struunz is zwei Jahr hier, hat gespielt zehne Spiel. Is immer verletzt. Was erlaube Struunz?

Letzte Jahr Meister geworden mit Hamann, eh, Nerlinger […]

Einer is Mario, einer is, eh, andere Mehmet! Strunz ich spreche nicht, hat gespielt nur 25 Prozent der Spiel! Ich habe fertig.

Welche Aufschlüsse können wir durch die Beschäftigung mit diesem Text gewinnen?

Er kann Aufschlüsse geben über:

systematische Regelverstöße von Deutschlernern;

die zugrunde liegenden Regeln;

die unterschiedlichen grammatischen Strukturen zwischen verschiedenen natürlichen Sprachen.

Wie kann man einen solchen Text nun analysieren? Dazu müssen wir ihn zunächst einmal auf Papier bringen. Wir benötigen eine sogenannte TRANSKRIPTION – aus der im Zweifelsfall all das hervorgeht, was wir auch hören: Pausen – Verschleifungen usw. Dann können wir den Text untersuchen – und zwar zumindest auf den Ebenen:

der Laute (phonetisch-phonologisch), dazu gehört auch die Betonung (Prosodie);

der Wörter und Wortgruppen (wie kommt es etwa zu einem Plural wie „die italienisch … Meisters“ oder der ungewöhnlichen Formulierung „was passieren in Platz“?);

der Sätze (für das Deutsche ungewöhnliche Satzstellungsmuster und andere Abhängigkeiten im Satz);

schließlich auf der Ebene des Textes (z.B. das Schlusssignal: „Ich habe fertig.“).

Für jede dieser Untersuchungsebenen gibt es eigene Untersuchungsmethoden, Sie werden sie im Verlauf dieser Einführung kennenlernen. Diese Methoden richten sich auch nach der spezifischen Fragestellung. Das bedeutet: Die eine Methode für alles gibt es nicht. Es gibt aber typische Vorgehensweisen innerhalb bestimmter Theorien und Fragerichtungen. Dazu ein kurzer Überblick entlang der leicht ironischen Gruppenbezeichnungen von Manfred Geier (1998: 116–120):

Datensammlung und Analyse: Der linguistische „Jäger und Sammler“ hat eine bestimmte Fragestellung und versucht dazu repräsentatives Material zusammenzustellen und zu untersuchen. Will er z.B. wissen, wie die gesellschaftliche Diskussion über den Einfluss des Englischen auf die deutsche Sprache verläuft, sammelt er Material im Internet und in Zeitungen und stellt es zu einem Sprachdatenkorpus (kurz: KorpusKorpus) zusammen und wertet dieses aus.

Analyse und Synthese der Sprachstruktur: Hier sind die „Bastler“ zuhause. Sie fragen sich z.B.: Wie ist das System der Laute, Wörter und Sätze aufgebaut? Um diese Frage zu beantworten werden Laute, Wörter und Sätze in ihre Grundelemente zerteilt (Segmentieren) und auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten hin untersucht (Klassifizieren).

Deduktive Modellbildung: Die deduktive Modellbildung ist die Sache der „Sprachingenieure“ Sie entwerfen zunächst ein theoretisches Modell, dessen Aussagekraft an konkreten Beispielen überprüft und belegt wird. Beispiel ist etwa die Valenz-Grammatik, die u.a. davon ausgeht, dass das Verb eine dominante Position im Satz einnimmt und eine bestimmte Anzahl von Ergänzungen fordert, z.B. helfen (= 2-wertig): Ich helfe dir.

Analyse und Synthese der Sprachstruktur mit Hilfe von Computern: Hierzu werden von den „Sprachtechnikern“ reale Maschinen eingesetzt. Bei dieser Richtung geht es darum, Strukturen von Sprache so zu beschreiben, dass ein Computer die Beschreibung verarbeiten kann. Flaggschiff dieser Richtung ist die maschinelle Übersetzung, denn um einen Satz aus Sprache A in die Sprache B zu übersetzen, muss der Rechner in der Lage sein, den Satz zuerst, etwa im Deutschen, zu zerlegen und dann nach den Regeln der Zielsprache eine äquivalente Übersetzung zusammenzubauen.

Analyse der biologischen, sozialen u.a. Hintergründe der Sprachverwendung: Dies ist die Domäne der „Diagnostiker“. Sie fassen sprachliche Phänomene als Symptome für etwas anderes auf. So erfahren Psycholinguisten etwas über die mentalen Voraussetzungen von Sprache, indem sie beispielsweise den Spracherwerb bei Kindern oder Sprachstörungen untersuchen; Politolinguisten nehmen die Sprache der Politik in den Blick; Soziolinguisten beschäftigen sich unter anderem mit den verschiedenen VarietätenVarietät des Deutschen. Verkürzt dargestellt verweist dieser Begriff zum einen auf die Tatsache, dass jedem Sprecher des Deutschen in verschiedenen Situationen unterschiedliche Register oder Stile zur Verfügung stehen. Zum anderen lassen sich situationsunabhängig bei verschiedenen Sprechern des Deutschen unterschiedliche Dialekte, Soziolekte oder Ähnliches beobachten. Als Ergebnis der Kombination verschiedener Dimensionen wie Herkunft, Situation, Alter, soziale Gruppenzugehörigkeit etc. gelangt man dann zu Varietäten wie Standard-, Jugend- oder Werbesprache.

Andere sogenannte „Bindestrichlinguistiken“ untersuchen die Sprache in den Medien oder vor Gericht, um Aufschluss über den Zusammenhang von Gesellschaft, Machtverteilung und Kommunikation zu erhalten. Deutlich wird insgesamt, dass Sprachwissenschaft ein sehr weites Feld darstellt, weil man sich mit Sprache aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln befassen kann.

All diese verschiedenen Perspektiven richten den Blick auf unseren zentralen Gegenstand: die deutsche Sprache in all ihren Facetten. Das Werkzeug für die Untersuchung dieses hochkomplexen und hochspannenden Analyseobjekts erhalten Sie Schritt für Schritt im Verlauf dieser Einführung. Und nun ist es Zeit, den Werkzeugkasten zu füllen. Wir schauen zunächst auf eine der wichtigsten Eigenschaften von Sprache: ihren Zeichencharakter.

1.4Übungen

Unterscheiden Sie am Beispiel des „Sprachpanscher-Textes“ zwischen Sprachwissenschaft und Sprachkritik.

Welcher Sprachbegriff wird im „Sprachpanscher-Text“ zugrunde gelegt?

Tagesschau und heute-Nachrichten sind die Sprachpanscher 2020

VDS-Mitglieder kritisieren Anglizismen und Gendersprache

Dortmund, 28. August 2020

4106 Mitglieder des Vereins Deutsche Sprache (VDS) haben gewählt: Die Tagesschau und die heute-Nachrichten sind die „Sprachpanscher 2020″. Mit insgesamt 1996 Stimmen (49 Prozent) belegen die Nachrichtensendungen den 1. Platz. Prof. Walter Krämer, Vorsitzender des VDS, ist vom Ausgang der Wahl nicht überrascht: „Die meisten unserer Mitglieder kritisieren, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihrem Bildungsauftrag nicht gerecht werden und ihr Publikum stattdessen mit Wörtern konfrontieren, die unnötig sind.“ In Zeiten von Corona haben die Nachrichten-Flaggschiffe Wörter wie Lockdown, Homeschooling, Social Distancing, Homeoffice usw. nicht hinterfragt, sondern einfach übernommen. „Diese Anglizismen zeigen, wie wenig Interesse Tagesschau und heute-Nachrichten haben, die Menschen in ihrer eigenen Muttersprache zu informieren. Die Devise ist: Nachplappern statt sinnvolle Übersetzungen finden, die alle verstehen“, kritisiert Krämer, „einer Vorbildfunktion mit Bildungsauftrag werden die Öffentlich-Rechtlichen so nicht gerecht.“ Auch die verstärkte Verwendung von Gendersternchen als gesprochene Pause in den Nachrichten würde nicht der Lebensrealität der Zuschauer entsprechen: „ARD und ZDF ignorieren hier bewusst die amtlichen Regeln der deutschen Rechtschreibung, die Empfehlungen der Gesellschaft für deutsche Sprache und der vielen Umfragen, die es zu diesem Thema gibt“, so Krämer. https://vds-ev.de/pressemitteilungen/tagesschau-und-heute-nachrichten-sind-die-sprachpanscher-2020/

Unterscheiden Sie mit Humboldt ERGON und ENERGEIA. Lässt sich diese Unterscheidung auf den „Sprachpanscher-Text“ sinnvoll anwenden?

Welche Sprachtheorie gehört zu den folgenden Etikettierungen:

Sprache ist Kognition.

 

Sprache ist ein Organismus.

 

Aller Lautwandel vollzieht sich nach ausnahmslosen Gesetzen.

 

Sprache ist ein Zeichensystem.

 

Sprache ist ein Organon.

 

1.5Verwendete und weiterführende Literatur

Allan, Keith (Hrsg.) (2019): The Routledge Handbook of Linguistics. London: Routledge.

Bartschat, Brigitte (1996): Methoden der Sprachwissenschaft. Von Hermann Paul bis Noam Chomsky. Berlin: Erich Schmidt.

Bubenhofer, Noah (2009): Sprachgebrauchsmuster. Korpuslinguistik als Methode der Diskurs- und Kulturanalyse. Berlin, New York: de Gruyter (https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/111287/)

Cherubim, Dieter (1975): Grammatische Kategorien: Das Verhältnis von „traditioneller“ und „moderner“ Sprachwissenschaft. Tübingen: Niemeyer.

Crystal, David (1998): Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. Sonderausgabe. Köln: Parkland.

Deutscher, Guy (2011): Du Jane, ich Goethe. Eine Geschichte der Sprache. München: dtv.

Duden (2011) – Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. Die umfassende Dokumentation der deutschen Gegenwartssprache. Hrsg. vom Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion. CD-ROM-Ausgabe. Mannheim: Bibliographisches Institut.

Elsen, Hilke (2014): Linguistische Theorien. Tübingen: Narr.

Gardt, Andreas (1999): Geschichte der Sprachwissenschaft in Deutschland. Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Berlin, New York: de Gruyter.

Geier, Manfred (2017): Orientierung Linguistik. Was sie kann, was sie will. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Humboldt, Wilhelm von (1820a): Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung. In: Wilhelm von Humboldts Werke. Band 4. Hrsg. v. Albert Leitzmann. Berlin: B. Behr, 1–34.

Humboldt, Wilhelm von (1820b): Einleitung zum Kawi-Werk. In: Wilhelm von Humboldts Werke. Band 7. Hrsg. v. Albert Leitzmann. Berlin: B. Behr.

Lexikon der Sprachwissenschaft (2008): Hrsg. v. Hadumod Bußmann. 4., aktual. u. bibliogr. erg. Aufl. Stuttgart: Kröner.

Linke, Angelika; Nussbaumer, Markus; Portmann, Paul R. (2004): Studienbuch Linguistik. 5., erw. Aufl. Tübingen: Niemeyer.

Löffler, Heinrich (2016): Germanistische Soziolinguistik. 5., neu bearb. Aufl. Berlin: Erich Schmidt.

Metzler-Lexikon Sprache (2024): Hrsg. von Helmut Glück u. Michael Rödel. 6., aktual. u. überarb. Aufl. Stuttgart, Weimar: Metzler.

Osthoff, Herrmann/Brugmann, Karl (1878): Morphologische Untersuchungen auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachen. Leipzig [Nachdruck als Documenta Semiotika (1974), Serie I Linguistik. Hildesheim, New York: Olms].

Paul, Hermann (1880): Prinzipien der Sprachgeschichte. Online unter: http://gutenberg.spiegel.de/paulh/prinzip/paulinha.htm.

Schleicher, August (1863): Die Darwinsche Theorie und die Sprachwissenschaft. Weimar: Böhlau.

Einheit 2: Semiotik

Inhalt
2.1

Semiotik – Was macht das Zeichen zum Zeichen?

2.2

Zeichentypen

2.3

Sprachliche Zeichen

2.4

Zeichen und Zeichenbenutzer

2.5

Semiotik als Wissenschaft

2.6

Übungen

2.7

Verwendete und weiterführende Literatur

Überblick

Die Einheit 2 unterscheidet semiotisch (zeichentheoretisch) zwischen verschiedenen Zeichentypen, die von Charles Sanders Peirce klassifiziert werden: Indexe, Ikonen und Symbole. Indexe sind Zeichen, die eine direkte Beziehung zu ihrem Referenten haben, wie z. B. Rauch als Zeichen für Feuer. Ikone hingegen stellen eine Ähnlichkeit mit dem Bezeichneten her, während Symbole auf konventionellen Vereinbarungen basieren. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Unterscheidung zwischen den semiotischen Dimensionen: Syntaktik, Semantik und Pragmatik. Die Syntax befasst sich mit der Beziehung zwischen Zeichen, die Semantik mit der Beziehung zwischen Zeichen und ihren Bedeutungen, und die Pragmatik untersucht die Beziehung zwischen Zeichen und ihren Benutzern. Zusätzlich wird die Rolle des Codes in der Kultursemiotik von Umberto Eco thematisiert, der alle kulturellen Phänomene als semiotische Einheiten betrachtet.

2.1SemiotikSemiotik – Was macht das ZeichenZeichen zum Zeichen?

ZeichenWenn Sie dieses Buch in Händen halten, ist das ein ZeichenZeichen. Es zeigt zunächst einmal, dass Sie sich (hoffentlich) für LinguistikLinguistik interessieren. Darüber hinaus enthält dieses Buch eine ganze Menge Zeichen – in erster Linie BuchstabenBuchstabe, aber auch Bilder, Zeichnungen, Zahlen usw. Die Fragen, die sich nun stellen, sind: Was macht das Zeichen zum Zeichen? Was macht aus einem Buch ein Zeichen für das Interesse an einem bestimmten Gegenstand? Was macht aus einem kleinen, manchmal ovalen Kreis einen Buchstaben, den wir O nennen?

Abb. 2.1

„Verbot der Einfahrt“

Die Antwort lautet: Das, was das ZeichenZeichen zum Zeichen macht, ist seine sogenannte Stellvertreter-FunktionStellvertreter-FunktionSTELLVERTRETER-FUNKTION. Das Zeichen steht also für etwas anderes, wie es in der Scholastik in einer auf Aristoteles zurückgehenden Definition ausgedrückt wird: aliquid stat pro aliquo. Wenn wir in einem Auto sitzen und vor uns das Schild in Abb. 2.1 auftaucht, dann freuen wir uns nicht über das schöne rote Schild, sondern registrieren seine BedeutungBedeutung und fahren besser nicht falsch herum in die Einbahnstraße.

Wenn man die Definition des ZeichensZeichen so weit fasst, wie hier geschehen, ergibt sich die Frage, ob es irgendetwas gibt, was man nicht als Zeichen interpretieren kann. Versuchen Sie es selbst, indem Sie sich dort umschauen, wo Sie sich gerade befinden. Sie können z.B. den Stuhl, auf dem Sie möglicherweise gerade sitzen, isoliert als ein Zeichen Ihres momentanen Aufenthaltsortes betrachten. Ist es ein Küchenstuhl, sitzen Sie vermutlich in der Küche; ist es ein Schreibtischstuhl, dann befinden Sie sich wohl im Arbeitszimmer. Sie haben kein Arbeitszimmer? Das können Sie als Zeichen dafür werten, dass Sie noch studieren und sich daher noch keines leisten können.

DefinitionZeichen: Die wesentliche Eigenschaft des Zeichens ist seine Stellvertreter-FunktionStellvertreter-Funktion. Ein ZeichenZeichen wird dadurch zum Zeichen, dass es für etwas anderes steht.

Die Disziplin, die sich mit den ZeichenZeichen im Allgemeinen beschäftigt, ist die SemiotikSemiotik. Bei einer so weiten Zeichendefinition, wie sie hier vorgestellt wurde, ist das erste Problem, das sich stellt, das ihrer Grenzen, wie Umberto Eco 1972 in seiner „Einführung in die Semiotik“ feststellt. Er bezieht sich dabei auf zwei prominente Autoren,Charles Sanders Peirce (1839–1914) deren Definitionen und Konzepte die Semiotik bis heute prägen: Ferdinand de Saussure (1857–1913) und Charles Sanders Peirce (1839–1914). Deren Ansätze sollen im Folgenden erläutert werden, um somit das Feld der Semiotik abzustecken.

2.2Zeichentypen

Es ist offensichtlich, dass es sich bei einem Verkehrsschild, einem Buchstaben und einem Schreibtischstuhl auch aus semiotischer Sicht um sehr unterschiedliche Zeichentypen handelt. Mit diesem Phänomen hat sich Peirce beschäftigt, der die ZeichenZeichen in drei verschiedene Kategorien einteilt, je nachdem, welche Beziehung zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten besteht: INDEXIndex/indexikalisches Zeichen, IKONIkon/ikonisches Zeichen und SYMBOLSymbol/symbolisches Zeichen.

Von einem IndexIndex/indexikalisches Zeichen (lat.: Anzeiger, Zeigefinger) oder SYMPTOMSymptom/symptomatisches Zeichen (griech.: sýmptōma = Krankheitserscheinung) spricht Peirce, wenn das ZeichenZeichen eine Folge eines Geschehens darstellt. Wenn beispielsweise jemand, den Sie gestern noch gesehen haben, heute plötzlich eine ganz andere Frisur hat, ist diese neue Frisur ein Zeichen dafür, dass er beim Friseur war. Ist die Frisur völlig misslungen, Index/ Symptomkönnte das ein indexikalisches Zeichen seines schlechten Geschmacks oder Friseurs sein – oder dass er Opfer eines Selbstversuchs geworden ist. Die Beziehung zwischen dem ZeichenZeichen und dem, wofür es steht, lässt sich also als Folge-Verhältnis oder Wenn-Dann-Relation beschreiben. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass das Zeichen die Folge darstellt: Erst geht man zum Friseur, dann sieht man das Zeichen der veränderten Frisur. Indexikalische Zeichen kann man daher auch Anzeichen nennen.

IkonBei Ikonen (oder engl. icons; griech.: eikṓn = (Ab-)Bild) herrscht zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten ein Ähnlichkeitsverhältnis. Wenn Sie sich z.B. das Verkehrsschild in Abb. 2.2 anschauen, können Sie in dem Piktogramm ein Fahrzeug erkennen, das leicht schräg steht. Steht ein solches Schild am Straßenrand, so können Sie sich mit Hilfe Ihres Weltwissens denken, dass Sie an der entsprechenden Stelle mit zwei Rädern auf dem Gehweg parken sollen.

Die Klasse der symbolischen ZeichenZeichen (griech.: sýmbolon = ZeichenZeichen, Kennzeichen; von symbállō = zusammentreffen, zusammenstellen; deuten) zeichnet sich weder durch ein Ähnlichkeits- noch Symboldurch ein Folgeverhältnis aus. Dass z.B. ausgerechnet die Taube ein SymbolSymbol/symbolisches Zeichen des Friedens ist, nehmen die meisten Zeitgenossen einfach als gegeben hin. Und warum der Buchstabe A so aussieht, wie er aussieht, ist zumindest für den Laien auch vollkommen unerklärlich. Diese willkürliche Beziehung zum Bezeichneten gilt für die meisten sprachlichen ZeichenZeichen.

Abb. 2.2

„Parken auf Gehwegen“

ZeichentypWenn man die verschiedenen Zeichentypen miteinander vergleicht, lassen sich einige wesentliche Gemeinsamkeiten festhalten. Zunächst einmal wird deutlich, dass alle Zeichentypen ein bestimmtes Welt- oder Vorwissen voraussetzen, damit sie richtig interpretiert werden können. Wer noch nie von Windpocken gehört hat, wird die roten, mit der Zeit juckenden Pusteln am ganzen Körper vielleicht eher für ein indexikalisches ZeichenZeichen oder SymptomSymptom/symptomatisches Zeichen einer Allergie halten. Ohne eine gewisse Erfahrung im Straßenverkehr ist man nicht in der Lage, runde weiße Schilder mit einem roten Rand und einer schwarzen Zahl als Geschwindigkeitsbegrenzungen aufzufassen. Tarzan war bekanntlich zunächst auch nicht in der Lage, menschliche Sprachlaute korrekt zu dekodieren. Eng mit dem notwendigen Vorwissen hängt die Tatsache zusammen, dass der Kontext die Interpretation eines Zeichens beeinflusst. Das gilt besonders für indexikalische Zeichen. So kann eine zerrissene Jeans als Zeichen von Armut oder Ungepflegtheit interpretiert werden, aber auch als besonders chic gelten.

Eine wesentliche Gemeinsamkeit zwischen den ikonischen und symbolischenSymbol/symbolisches ZeichenZeichen-benutzerZeichenZeichen besteht darin, dass sie immer von einem ZEICHENBENUTZERZeichenbenutzer verwendet werden. Man findet keine Verkehrsschilder und keine Texte, die nicht vorher jemand mit einer bestimmten Intention aufgestellt oder aufgeschrieben hat. Ein indexikalisches Zeichen wie z.B. eine nasse Straße erhält seinen Zeichencharakter hingegen erst durch seine Interpretation als Zeichen (in diesem Falle dafür, dass es geregnet hat). Infolgedessen werden Indices oft nicht als Zeichen im eigentlichen Sinne gesehen.

DefinitionZeichentypZeichentyp: Peirce nennt drei Zeichentypen: Indexikalische bzw. symptomatische ZeichenZeichen stehen zum Bezeichneten in einem Folge-Verhältnis und sind daher Anzeichen. Ikonische ZeichenIkon/ikonisches Zeichen weisen ein Ähnlichkeitsverhältnis zum Bezeichneten auf. Der Bezug zwischen einem symbolischen Zeichen und dem Bezeichneten ist hingegen willkürlich.

Grundsätzlich gilt – wie bei allen Kategorisierungen – auch für die verschiedenen Zeichentypen, dass die Abgrenzung nicht immer ganz eindeutig ist. Wenn das Siegel eines Briefes aufgebrochen wurde, ist sich der Verursacher in der Regel sehr wohl der Wirkung dieses Anzeichens bewusst, sodass man in gewisser Weise von einem ZeichenbenutzerZeichenbenutzer sprechen kann, obwohl es sich um einen IndexIndex/indexikalisches Zeichen handelt. Der deutsche Verkehrsschilderwald enthält eine Reihe von Beispielen, bei denen die Einordnung „ikonisch“ oder „symbolisch“ nicht immer eindeutig zu treffen ist (vgl. Aufgabe 2). Auch anhand der Entwicklung der Schrift lassen sich, z.B. bei den Hieroglyphen, fließende Übergänge vom Ikonischen zum Symbolischen nachzeichnen.

Virtualität und AktualitätSchließlich ist für alle ZeichenZeichen die Unterscheidung zwischen VIRTUALITÄTVirtualität und AKTUALITÄTAktualität zu beachten. Wenn in den bisherigen Ausführungen von nassen Straßen oder Tauben die Rede war, dann nur in einem virtuellen Sinne: Sie haben sich beim Lesen eine nasse Straße vorgestellt, diese aber nicht aktuell vor Augen gehabt. Etwas anders verhält es sich mit den beiden oben abgebildeten Verkehrsschildern. Diese (bzw. ihre Abbildungen) hatten Sie zwar aktuell konkret vor Augen, allerdings losgelöst von irgendeiner Situation bzw. dem Kontext, in dem sie normalerweise vorzufinden sind. Wirklich aktuell sind diese ZeichenZeichen nur im Straßenverkehr. Im Gegensatz dazu liegen die einzelnen Buchstaben bzw. Wörter, die Sie gerade lesen, aktuell vor Ihnen, d.h. im konkreten Gebrauch.

DefinitionVirtualitätVirtualitätundAktualitätAktualität: Unterscheidung zwischen einem ZeichenZeichen im System und einem Zeichen im konkreten Gebrauch.

Mit anderen Worten: Das im virtuellen System der deutschen Sprache existierende Wort Unterscheidung finden Sie im vorigen Absatz einmal in aktuellem Gebrauch vor. Wenn Sie mehr über das virtuelle ZeichenZeichenUnterscheidung wissen wollen, schauen Sie dort nach, wo die lexikalischen Elemente des Systems der deutschen Sprache alphabetisch aufgelistet und erläutert werden: in einem Lexikon oder Wörterbuch.

2.3Sprachliche ZeichenZeichen

FerdinandFerdinand de Saussure (1857–1913) de Saussure hat sich, anders als Peirce, in seinem „Cours de linguistique générale“ ausschließlichLangage mit der Struktur SPRACHLICHERZEICHENZeichen beschäftigt. Mit diesem AnsatzLangue und Parole hat er eine linguistische Richtung begründet, die später als STRUKTURALISMUSStrukturalismus bezeichnet wurde. Seine Grundannahme besagt zunächst, dass alle Menschen die Fähigkeit der sprachlichen Verständigung gemein haben, die er als FACULTÉ DELANGAGEFaculté de langage bezeichnet. Unter dem Oberbegriff der LANGAGELangage unterscheidet er dichotomisch (d.h. mit einem zweigliedrigen, gegensätzlichen Begriffspaar; griech.: dichotoméō = in zwei Teile spalten) zwischen LANGUELangue und PAROLEParole. Bei der Langue handelt es sich um das System einer Einzelsprache, wie es in den Köpfen der Sprecherinnen und Sprecher vorkommt. Da dieses virtuelle System für die Linguistik nicht direkt beobachtbar ist, muss sie auf konkrete, aktuelle sprachliche Äußerungen zurückgreifen, die zur Parole gehören.

SprachzeichenEine Grundeigenschaft sprachlicher Zeichen ist ihre Bedeutung. Das Wort schmöll (vgl. Kapitel 12.2.2) beispielsweise würde man nicht als Element der deutschen Sprache und damit nicht als sprachliches Zeichensprachliches Zeichen auffassen, weil es Ausdrucks- und Inhaltsseite des Sprachzeichensunmöglich ist, ihm eine Bedeutung zuzuweisen. In einem sprachlichen Zeichen vereinigen sich somit immer zwei Aspekte: der sogenannte ZeichenAUSDRUCK und der ZeichenINHALT. De Saussure, der seine Überlegungen vor dem Hintergrund mündlicher Äußerungen angestellt hat, spricht auch von IMAGEACOUSTIQUEImage acoustique (Lautbild) und CONCEPTConcept (Vorstellung oder Bedeutung), wobei er sich ausdrücklich dagegen wendet, Form und Sinn schlicht als streng getrennte Konzepte einander gegenüberzustellen. Alternativ verwendet de Saussure auch Signifiant und Signifiédie Begriffsdichotomie SIGNIFIANTSignifiant und SIGNIFIÉSignifié: Mit dem Signifiant wird auf das Bezeichnende verwiesen, also das Lautbild eines Wortes, während mit dem SignifiéSignifié das Bezeichnete, also die zu einem Zeichen gehörende Vorstellung bzw. Bedeutung gemeint ist. Wie bei der Vorder- und Rückseite eines Blattes Papier sind beide untrennbar miteinander verknüpft, weswegen auch vom BILATERALENbilateraler Zeichenbegriff (lat.: zweiseitigen) Zeichenbegriff gesprochen wird. Zwischen diesen beiden Seiten, der Ausdrucks- (= SignifiantSignifiant) und Inhaltsseite (= SignifiéSignifié), existiert also ein enges Verhältnis, das de Saussure mit drei Begriffen beschreibt: ARBITRARITÄTarbiträr/Arbitrarität, KONVENTIONALITÄTKonventionalität und ASSOZIATIVITÄTassoziativ/Assoziativität.

Abb. 2.3

Das bilaterale ZeichenZeichen nach de Saussure

ArbitraritätWie schon gesagt, erscheint – zumindest dem normalen zeitgenössischen Sprachverwender – die Wahl eines bestimmten symbolischen Zeichens wie der Taube für ein Konzept wie Frieden vollkommen willkürlich. Die entsprechenden, von de Saussure geprägten Fachtermini lauten ARBITRÄRarbiträr/Arbitrarität (frz.: arbitraire) oder UNMOTIVIERT (frz.: immotivé). Das bedeutet, dass das Konzept, welches durch ein Zeichen vermittelt wird, die Form des Zeichens in keiner Weise beeinflusst. Deutlich wird das u.a. auch daran, dass in verschiedenen Sprachen ganz unterschiedliche Wörter für dasselbe Konzept vorkommen, ohne dass man beispielsweise sagen könnte, die Bezeichnung tree passe besser oder schlechter zu der in Abbildung 2.3 visualisierten Vorstellung als das Wort Baum.

DefinitionSprachlichesZeichenZeichen: nach de Saussure ein bilaterales Zeichen, das aus einer Ausdrucksseite (= SignifiantSignifiant) und einer Inhaltsseite (= SignifiéSignifié) besteht.

KonventionalitätDamit die Menschen miteinander sprachlich kommunizieren können, müssen sie sich trotz der willkürlichen Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem an die Übereinkunft halten, immer dasselbe Wort für dasselbe Konzept zu verwenden. Diese Übereinkunft oder KONVENTIONKonvention (frz.: convention) muss im Wesentlichen stabil bleiben. Wenn, wie in der berühmten Geschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“ von Peter Bichsel (vgl. Einheit 11), ein Mann plötzlich beschließt, zum Tisch immer Teppich zu sagen und an Stelle von stehen immer frieren, führt das letztlich dazu, dass die Leute ihn nicht mehr verstehen und er vereinsamt. Ähnlich wie sonstige sprachliche Normen, z.B. grammatische Regeln, dienen also diese konventionellen Beziehungen zwischen Zeichen und Bezeichnetem der Kommunikationsfähigkeit einer Gesellschaft.

AssoziativitätMit dem Begriff ASSOZIATIVassoziativ/Assoziativität schließlich beschreibt de Saussure das psychologische Phänomen, dass der Zeichenausdruck und der Zeicheninhalt im Gedächtnis miteinander verknüpft sind. Daran wird die mentale Beziehung zwischen ZeichenZeichen und Bezeichnetem deutlich. Zum einen haben Sie vermutlich, wenn Sie an die nasse Straße von weiter oben denken, eine bestimmte Straße vor Augen. Mit anderen Worten: Sie können kaum das Wort Straße hören, ohne automatisch die Vorstellung einer Straße mental aufzurufen. Andererseits kennen Sie sicher das Phänomen, dass Ihnen etwas auf der Zunge Tip-of-the- tongue-Phänomenliegt, aber das Wort dazu Ihnen nicht einfallen will. Dieses sogenannte TIP-OF-THE-TONGUE-PHÄNOMENTip-of-the-tongue-Phänomen ist ein Beleg dafür, dass Ausdrucks- und Inhaltsseite eines sprachlichen Zeichens zwar miteinander assoziiert, aber doch getrennt im Gedächtnis gespeichert werden und dass es bei Störungen dieser Assoziation passieren kann, dass man auf eines der beiden nicht kommt. Dies lässt sich u.a. bei Aphasikern beobachten, also Menschen mit einer Sprachstörung, die z.B. durch eine Verletzung des Gehirns infolge eines Unfalls hervorgerufen werden kann. Dabei kann es – vereinfacht formuliert – passieren, dass der Teil des Gehirns, in dem die Konzepte gespeichert sind, unverletzt bleibt, während der Teil, in dem die zugehörigen sprachlichen Einheiten aufbewahrt werden, nicht mehr „funktioniert“, sodass Menschen mit einer solchen Störung zwar einen Gegenstand erkennen, aber nicht benennen können.

Da sprachliche Zeichen in der Regel Symbole darstellen, weisen auch sie meistens das Merkmal auf, dass die Beziehung zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten zwar konventionell, aber vollkommen willkürlich gewählt ist. Am Beispiel der meisten sprachlichen Zeichen wie etwa dem oben erwähnten Baum bzw. tree lässt sich das gut zeigen. Anders verhält es Onomato-poetikasich bei lautmalerischen Ausdrücken, den sogenannten ONOMATOPOETIKA (griech.: ónoma = der Name, poiētikós = bildend, schaffend). Die kindersprachlichen Bezeichnungen für Hund im Deutschen (Wauwau), Französischen (tou-tou) und Englischen (bow-wow) ähneln sich, da sie allesamt MOTIVIERTmotiviert/Motiviertheit, d.h. dem Geräusch nachempfunden sind, das ein Hund von sich gibt, wenn er bellt. Auch die Lautungen der Verben klatschen und to clapgleichen dem Geräusch der Handlung, die sie beschreiben. Sie sind also nicht willkürlich, sondern durch ihre Ähnlichkeit mit den Geräuschen, für die sie stehen, motiviert. Dementsprechend gehören auch diese sprachlichen Zeichen zu der Klasse der Ikone.

DefinitionOnomatopoetikonOnomatopoetikon: sprachliches Zeichensprachliches Zeichen, bei dem in irgendeiner Form eine lautliche Ähnlichkeit zwischen seiner Ausdrucksseite und dem, was es bezeichnet, besteht.

StrukturalismusDie Grundannahme des StrukturalismusStrukturalismus ist nach de Saussure, dass man Sprache nicht einfach als eine Ansammlung von sprachlichen Einheiten aufzufassen hat, sondern als ein System. Innerhalb dieses Systems stehen die einzelnen Elemente zueinander in speziellen Beziehungen und bilden somit eine Ordnung, mit anderen Worten: eine STRUKTURSprache als StrukturStruktur. Jedes Element des Systems existiert in dieser Struktur nicht isoliert, sondern in einer bestimmten Relation zu anderen Elementen. Aufeinander bezogen lassen sich für verschiedene Elemente des Systems sowohl (partielle) Gemeinsamkeiten wie auch Unterschiede feststellen. Beispielsweise verhalten sich die beiden sprachlichen Elemente tief und schief – in Hinsicht auf ihre Flexionseigenschaften – insofern gleich, als sie beide steigerbar (tiefer, schiefer) sind, weswegen sie in der Regel derselben Wortklasse, nämlich den Adjektiven, zugerechnet werden. Hinsichtlich ihrer Aussprache hingegen ist ganz offenkundig, dass sie mit verschiedenen Anlauten beginnen; sonst könnten Sie sie ja auch nicht unterscheiden. De Saussure Wert (Valeur) eines Sprachelementsspricht in diesem Zusammenhang vom WERT (VALEURValeur) eines sprachlichen Elements. Die Wörter tief und schief haben in punkto Wortart denselben Wert; bezogen auf ihr Lautinventar sind sie hingegen aus Elementen zusammengesetzt, deren Werte sich teilweise unterscheiden.

Segmentieren und KlassifizierenAn diesem Beispiel wird auch ein wesentliches Prinzip des StrukturalismusStrukturalismus deutlich: Um die Beziehungen verschiedener sprachlicher Elemente im System zueinander zu beleuchten, ist es notwendig, sich jeweils auf einen Aspekt zu konzentrieren. Darüber hinaus dient es der Übersichtlichkeit, Elemente eines Systems miteinander zu vergleichen, die – bezogen auf einen bestimmten Aspekt wie hier die Lautung – einander möglichst ähnlich sind. Auf diese Weise lässt sich z.B., wie in der Einheit 3 Phonetik und Phonologie noch genauer ausgeführt werden wird, für die mit den Buchstaben t und sch bezeichneten Laute festhalten: Sie weisen offenbar eine bedeutungsunterscheidende Funktion auf, sie bilden eine Opposition. Mit anderen Worten: Das KorpusKorpusstrukturalistische Vorgehen sieht so aus, dass man aus einem KORPUS, also einer Sammlung von mündlichen und/oder schriftlichen Äußerungen (lat.: corpus = Sammlung, eigtl.: Körper), heraus zunächst sprachliche Einheiten SEGMENTIERT (in diesem Fall Laute) und diese Segmente dann KLASSIFIZIERT.

DefinitionDer Strukturalismus

„StrukturalismusStrukturalismus“ ist eine von Roman Jakobson (1896–1982) geprägte Sammelbezeichnung für verschiedene linguistische Aktivitäten seit dem Ende der 1920er Jahre. Der Strukturalismus wurde als neue wissenschaftliche Betrachtungsweise angesehen, derzufolge man sich die Gesamtheit der Phänomene einer bestimmten Disziplin als StrukturSprache als StrukturStruktur vorstellt, also als ein Ensemble von Phänomenen, die zueinander in Beziehung stehen. Der europäische Strukturalismus beruft sich auf den Genfer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure (1857–1913). Kern der Lehre de Saussures ist das Ziel, Sprache als Form, nicht als Substanz zu beschreiben. Der amerikanische Strukturalismus steht – im Unterschied zum europäischen – vornehmlich in der Tradition von Leonard Bloomfield (1887–1949). Im amerikanischen Strukturalismus standen methodologische Fragen im Vordergrund. Wichtigstes Verfahren des Strukturalismus ist die Analyse der Distribution sprachlicher Einheiten, also deren Verteilung. Beispielsweise sind die PhonePhon [ç] und [x] im Deutschen komplementär verteilt (vgl. Kapitel 3.3.1). Gemeinsam ist dem amerikanischen und dem europäischen StrukturalismusStrukturalismus u.a. die Etablierung elementarer Beschreibungseinheiten wie des Phonembegriffs in der Phonologie oder des MorphemMorphembegriffs in der Morphologie sowie die Entwicklung von SegmentierungSegmentierungs- und KlassifizierungsKlassifizierungverfahren.

De Saussures „Cours de linguistique générale“ ist eines der einflussreichsten Bücher der Sprachwissenschaft des 20 Jh., dessen Rezeption allerdings durch verfälschende Eingriffe der Herausgeber beeinflusst wurde.

(Vgl. hierzu die Einträge „StrukturalismusStrukturalismus“ und „Distribution“ im Metzler-Lexikon Sprache 2024.)

Syntagma-tische BeziehungenDie beiden genannten sprachlichen Elemente t und sch kommen natürlich im alltäglichen Sprachgebrauch normalerweise nicht isoliert, sondern in Form einer linearen Verkettung vor. Diese LinearitätLinearität ist nach de Saussure eine weitere Grundeigenschaft der natürlichen Sprache. Eine solche Verkettung nennt SyntagmaSyntagma, syntagmatische Beziehunger SYNTAGMA. So kennen Sie vermutlich das Sprichwort Stille Wasser sind tief. Aus grammatischer Sicht könnte man stattdessen genauso gut behaupten: Stille Wasser sind flach oder schmutzig oder kalt. Oder auch: Stille Wasser sind keine Fließgewässer. Sie können aber nicht einfach irgendetwas nebeneinander stellen; der Satz Stille Wasser sind deswegen ist nicht möglich. Zwischen den einzelnen Elementen dieser Syntagmen bestehen nämlich sogenannte SYNTAGMATISCHE BEZIEHUNGEN. Als grammatische Begründung könnte man etwa sagen, dass das Verb sein, so wie es hier verwendet wird, ein Subjekt und ein Prädikativum erfordert und deswegen diese Funktion eben nicht erfüllen kann. Auch die Sätze Stille Wasser sind wild oder Stille Wasser sind Straßenbahnen klingen wenig plausibel, weil hier die syntagmatische Beziehung auf semantischer Ebene entweder einen Widerspruch ergibt oder eine völlige Zusammenhanglosigkeit darstellt. Den Satz Stille Wasser hampelt tief lassen die