Geschwister – eine ganz besondere Liebe - Jan-Uwe Rogge - E-Book
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Geschwister – eine ganz besondere Liebe E-Book

Jan-Uwe Rogge

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Beschreibung

Jedem Kind in jeder Situation richtig begegnen! Eltern sind häufig unsicher, wie sie den Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht werden können. Geschwister sind verschieden. Deshalb geht der Wunsch vieler Eltern, alle Kinder gleich zu behandeln, an der Realität vorbei. Man muss jedem Kind gerecht werden. Das schließt Streit und Rivalitäten nicht aus!  Der bekannte Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge erklärt die Bedeutung der Geschwister füreinander und zeigt Wege aus – oft selbst gestellten – Fallen im Alltag. Mit-Autoren sind die beliebten Blogger-Eltern Alu und Konsti von großeköpfe.de, die für dieses Buch aus ihrem liebevoll-chaotischen Familienalltag mit drei Kindern erzählen. Das Buch will eine Oase sein, in der die Eltern Kraft finden, um ihre Kinder zu begleiten. 

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Seitenzahl: 361

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Impressum

© eBook: 2021 GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, Postfach 860366, 81630 München

© Printausgabe: 2021 GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, Postfach 860366, 81630 München

GU ist eine eingetragene Marke der GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, www.gu.de

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Verbreitung durch Bild, Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeder Art nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Projektleitung: Ariane Hug

Redaktion: Felicitas Holdau

Lektorat: Angelika Holdau

Bildredaktion: Nele Schneidwind

Covergestaltung: ki 36 Editorial Design, Marta Olesniewicz

eBook-Herstellung: Linda Wiederrecht

ISBN 978-3-8338-7851-0

1. Auflage 2021

Bildnachweis

Illustrationen: Elsa Klever

Fotos: Stephanie Schweigert; privat

Syndication: www.seasons.agency

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GRÄFE UND UNZER VERLAG Grillparzerstraße 12

Wichtiger Hinweis

Die Gedanken, Methoden und Anregungen in diesem Buch stellen die Meinung bzw. Erfahrung der Verfasserin dar. Sie wurden von der Autorin nach bestem Wissen erstellt und mit größtmöglicher Sorgfalt geprüft. Sie bieten jedoch keinen Ersatz für persönlichen kompetenten medizinischen Rat. Jede Leserin, jeder Leser ist für das eigene Tun und Lassen auch weiterhin selbst verantwortlich. Weder Autorin noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gegebenen praktischen Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.

EINE BANDE MIT VIELEN GESICHTERN

Man muss ja nicht immer bei Adam und Eva anfangen. Aber bei manchen Themen lohnt es sich, in der Bibel nachzuschlagen. Und Geschwister gehören nun mal dazu. Die Geschichte von Kain, der seinen Bruder Abel erschlug, weil er neidisch auf ihn war, zählt genauso dazu wie die Erzählung von Josef aus dem Alten Testament, der – bei seinen Brüdern gehasst – für lumpiges Geld als Sklave nach Ägypten verkauft wurde. Solche Schreckensgeschichten durchziehen die abendländische Kultur – und nicht allein diese – in immer neuen, teils brutalen, teils erschütternden, manchmal kaum nachvollziehbaren Bildern, die sich bis in die aktuellen Erziehungsbilder fortsetzen.

»Nun vertragt euch doch mal!«

Eltern möchten, dass sich ihre Kinder vertragen und respektvoll und achtsam miteinander umgehen. Kaum etwas ist ihnen unangenehmer und bereitet ihnen mehr schlaflose Nächte, als wenn Geschwister – mal wortreich und lautstark, mal beißend, schlagend, stoßend – Konflikte miteinander austragen. »Nun streitet doch nicht immer!« Dieser Stoßseufzer gehört genauso zu den elterlichen Standards wie der häufig vorgetragene Wunsch: »Nun vertragt euch doch mal!« Doch Geschwisterkinder ins Leben zu begleiten – das ist kein Wunschkonzert. Das sind die »Mühen der Ebene«, die es mit Hausmitteln zu bewältigen gilt – mal besser, mal weniger gut, mal verbunden mit dem Gedanken: Bald werden sie schlafen und zur Ruhe kommen und getragen von der Hoffnung, die Udo Lindenberg in seinem Lied besingt: »Hinterm Horizont geht’s weiter!«

Ein neuer Tag, ein neuer Versuch, irgendwo findet sich schon ein (Aus-)Weg! Oder genauer: Wer mit den Geschwisterkindern den Alltag bewältigen will, der muss Umwege einkalkulieren. Umwege erweitern die Orts-, sprich Menschenkenntnis. Soll heißen: Wer danach fragt, wie er Streitigkeiten zwischen Geschwistern am besten lösen und bei Reibereien zwischen Bruder und Schwester richtig reagieren soll, der befindet sich auf dem Holzweg. Durchwurschteln ist angesagt – aber auch, sich seiner Erziehungsverantwortung trotz allem bewusst zu sein. Und obendrein nicht abzustürzen! Das ist eine Übung, die nicht jeden Tag gelingen kann.

AUS DEM FAMILIEN-LOGBUCH

Alu Kitzerow erzählt: »Neulich wollten wir essen gehen, mit den Kindern. Zu meinem Geburtstag hatten wir uns das so richtig schön vorgestellt, mit allen an einem runden Tisch. In der Mitte stapeln sich kleinere Tapas, jedes Kind isst ganz genüsslich seine Portion, und wir reden so über dies und das. Ich googelte schon nach kleineren Restaurants in unserer Gegend und fing an, mich zu freuen … Bis dann Konstantin, mein Mann, plötzlich so seltsam fragte: ›Willst du das wirklich? Kannst du dich noch an das letzte Mal erinnern?‹ Und ich stockte, nahm die Finger vom Handy und schaute auf. Das letzte Mal im Restaurant mit den Kindern – was war da noch mal? Und dann kam die Erinnerung:

Es war Sonntagmittag, und wir betraten zu fünft das Restaurant. Die Kinder waren bereits hungrig, denn wir waren schon draußen unterwegs gewesen. Gemeinsam pellten wir die Kinder aus ihren Jacken. Eines stürmte bereits davon und suchte einen kleinen Tisch am Fenster aus, natürlich am anderen Ende des Ladens. Lautstark durchquerten wir den Laden, die Kinder diskutierten nämlich über unsere Restaurantentscheidung: ›Oh Mann, ey, warum keine Burger beim großen M?‹ Die anderen Gäste guckten natürlich schon, ein Gemurmel setzte ein. In der Tasche hatte ich Minibuntstifte dabei – ich bin doch Profi!

Am Tisch erschien nach ellenlanger Wartezeit (oder waren es doch nur drei Minuten, die einem mit durchdrehenden Kindern so furchtbar lang erscheinen?) eine Kellnerin, um nach den Getränken zu fragen. Die Kinder wollten Fanta, Sprite, Fanta – nein, vielleicht doch Apfelschorle –, Fanta oder Sprite? Und es bildeten sich die ersten Schweißtropfen auf meiner Stirn. Ich bestellte mir eine Cola, vielleicht half Koffein.

Als die Getränke kamen, tauschten die Kinder Strohhalme aus, schoben Gläser hin und her, stritten sich um die Buntstifte – alles wie zu Hause. Wir lasen den beiden Kleineren die Speisekarte vor. Es gab viele großartige Kindergerichte, aber ein Kind wollte nur Pommes, eines Nudeln ohne alles und eines Reis mit Sojasauce. Natürlich führte das Restaurant nicht alle diese Beilagen, also fing das Feilschen an. ›Spätzle, das könnten doch auch Nudeln sein.‹ Oder: ›Pommes sind eigentlich nur Kartoffeln in anderer Form‹ – und so weiter. Andere Restaurantgäste versuchten bereits, ihren Tisch in unserer Nähe wegzutauschen … Wenn jemand hier in diesem Laden ›in entspannter Stille‹ essen wollte, dann hatte sich das mit dem Besuch unserer Großfamilie wohl erledigt.

Das Essen war bestellt, ein Streit um die Bierdeckel entstand, und die Kleinste versuchte erneut, die Tischdecke anzumalen. Konstantin und ich waren in einer Schleife von ›Lass das!‹, ›Nein, das nicht!‹ und ›Jetzt gibt es kein Handy!‹ gefangen.

Als schließlich jeder seinen Teller vor der Nase hatte und ich während des Gemüsezerteilens versuchte, den Moment doch noch zu genießen, stritten sich alle Kinder um das eine, nämlich das ›beste‹ Essen. Keiner erinnerte sich mehr daran, sein Gericht selbst gewählt zu haben. Alle wollten jetzt Nudeln mit Soße. Der Ton wurde lauter, die Gesten wilder, zum x-ten Mal wiederholte ich: ›Nun vertragt euch endlich und esst euer Essen!‹ und dachte nur: Warum zur Hölle habe ich eigentlich geglaubt, es sei eine tolle Idee, mit den Kindern in ein Restaurant zu gehen? Was genau ist da in mir falsch abgebogen? Meine fixe Idee von ›Wir gehen mal locker vom Hocker mit allen essen‹ ist nicht so einfach zu erfüllen.

Stimmt, ich erinnerte mich … Der letzte Versuch war noch gar nicht so lange her. Nachdem die Kinder im Restaurant noch Fangen gespielt hatten, ein Glas Sprite auf dem Boden gelandet war und ich mein Essen hastig runtergeschlungen hatte, murmelte ich im Auto einfach nur noch vor mich hin: ›Das machen wir nie wieder …‹

Anscheinend verblassen diese Erinnerungen aber schnell (schneller als die an die Geburten), und plötzlich war da dieser Wunsch, doch mal wieder essen zu gehen, so mit Sitzen in einem Restaurant und allem. ›Doch, doch, wir machen das!‹, antwortete ich Konstantin auf seine Frage, ob ich mich erinnern würde. Und dann schrieb ich der Babysitterin, ob sie nicht Zeit habe, auf die Kinder zu schauen, ich würde so gern mal wieder in entspannter Stille essen gehen …«

Geschwisterliebe und -leid

Geschwisterkinder sind für Eltern eine Herausforderung. Umgekehrt gilt aber das Gleiche, nämlich herauszufinden, woran man als Kind bei Vater und Mutter ist. Und dann sind da noch die Beziehungen der Geschwister mit- und untereinander: Für jedes Kind gilt es, seinen Platz zu finden, sich tagaus, tagein mit den anderen zu arrangieren. Freundinnen und Freunde kann man vielleicht austauschen. Geschwister bleiben, sitzen morgens am Frühstückstisch, und wenn man abends seine Ruhe haben will, hört man ihr Gequake immer noch. Ständig muss man auf der Hut sein, seinen Platz zu behaupten. Das strengt an, da muss man stark sein, um das alles auszuhalten und zu managen.

Aber irgendwie sind Geschwister doch auch inspirierend. Man kann von ihnen lernen, kann sich als Älterer oder als Älteste inszenieren, die ein Mehr an Lebenserfahrung hat, obgleich man nur zwei, drei oder vier Jahre älter ist. Aber dieser Vorsprung ist wichtig, man hebt sich ab, zeigt und beweist, was man schon alles kann, was die jüngeren »Hosenscheißer«, die kleinen »Windelkacker« erst mal lernen müssen.

Gleichzeitig sind Geschwister Verbündete, um sich gegen die Allmacht von Mutter und Vater zu behaupten. Man kann versuchen, die Eltern reinzulegen oder durch immer neue Einfälle deren Erziehungskompetenzen herauszufordern. Geschwisterkinder sind unnachahmliche LehrerInnen, die Eltern so lange an einer Lektion üben lassen, bis die Kinder das Gefühl haben: »Jetzt haben sie es geschnallt!« Deshalb praktizieren sie das Prinzip der Wiederholung: Sie machen es immer und immer wieder, bis Eltern Schweißperlen von der Stirn rinnen. Geschwisterkinder sind Verbündete unter dem Banner: »Gemeinsam sind wir stark!«

Das Wort »Familienbande«, so drückte es der österreichische Autor Karl Kraus (1874–1936) aus, hat einen Beigeschmack von Wahrheit. Der Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890–1935) schrieb über die Familie und ihre Widersprüchlichkeiten: »Andere wilde Indianerstämme leben entweder auf den Kriegsfüßen oder rauchen eine Friedenszigarre: die Familie kann gleichzeitig beides.« Ein Dazwischen scheint es nicht zu geben. Oder vielleicht doch? Eine Mutter erzählte schmunzelnd: »Wenn meine drei schlafen, dann ist herrliche Ruhe. Aber wenn es dann nur still ist, fragt man sich: Ist da was passiert? Was soll das jetzt bedeuten? Und dann hört man ein Geräusch, ist erleichtert und denkt, sie leben noch!«

Irgendwie sind Geschwister nicht nur Herausforderungen – sie sind Geschenke, manchmal so verpackt, dass man die wertvollen Schätze auf den ersten Blick nicht wahrnimmt. Darüber wollen wir schreiben.

Über uns und dieses Buch

Wir, das sind: Jan-Uwe Rogge, der seit fast 40 Jahren Vorträge, Seminare und Beratungen für Eltern durchführt und Vater eines erwachsenen Sohnes ist; und Alu Kitzerow und Konstantin Manthey, Eltern von drei Kindern und Blogger, die lange Erfahrungen in der Seminararbeit mit Eltern haben. Manchmal steht das »Wir« für gemeinsame Erfahrungen und Meinungen, manchmal verbirgt sich hinter dem »Ich« eine individuelle Erfahrung, die wir mit Kindern und Eltern gemacht haben.

Dieses Buch ist ein Buch aus dem Alltag für den Erziehungsalltag. Und es wirft einen grundsätzlichen Blick auf das Thema »Geschwister«, ohne die konkreten Wünsche und Bedürfnisse der Eltern nach Begleitung und Unterstützung aus den Augen zu verlieren. Wir werden viele Alltagsgeschichten erzählen, denn in Geschichten erkennt man sich leicht wieder. Geschichten beschreiben jene emotionalen Potenziale, die Eltern brauchen, um die Verantwortung für ihre Kinder tragen zu können. Eltern besitzen ein Alltagswissen, an das es anzuknüpfen gilt. Sie haben Kompetenzen, aber sie haben auch Fragen, die wir beantworten wollen, damit sie ihren Kindern als Eltern gerecht werden können. Das ist Herausforderung genug – in jedem einzelnen Augenblick.

Die Kinder im Fokus

Und wir lassen nicht nur die Eltern zu Wort kommen, sondern wir geben auch den Kindern Raum, ihre Positionen darzustellen. Man darf nicht nur über sie reden, sie wollen sich selbst Gehör verschaffen. Eine Geschwisterbande ist mehr als die Summe der dazugehörenden Kinder. Die Bande ist ein System ständig wechselnder Koalitionen und Abhängigkeiten. Dort geht es häufig zur Sache, aber nur sehr selten um eine Sache. Dazu sind die Bedürfnisse und Interessen zu verschieden, zu individuell, und diese müssen tagtäglich aufs Neue – mal mit Worten, mal handgreiflich – ausgehandelt werden. Man lernt dabei, wie man Frustrationen aushält, wie man bittere Niederlagen erlebt, wie man zurücksteht, wie sich Neid und Ungerechtigkeit anfühlen, wie man hochkochende Wut beherrscht – und wie man dabei, man glaubt es kaum, lebenstüchtig wird.

Und wir hören schon den diskreten Hinweis: Und was ist dann mit Einzelkindern? Wo haben sie ihre Lernfelder? Geschwisterlose Kinder finden auf ihre Weise Geschwister, die Freundinnen oder Freunde, Cousinen oder Cousins heißen. Das Zerrbild des egozentrischen Einzelkinds gehört in die Mottenkiste der Pädagogik.

Zurück zu den Geschwisterbeziehungen. Während über vertikale Beziehungen im Familiensystem viel nachgedacht und geschrieben wurde, blieben die horizontalen Beziehungen, eben jene zwischen den Geschwistern, eher am Rande. Dabei sind sie für die Persönlichkeitsentwicklung äußerst wichtig. Denn Kinder streiten nicht nur. Sie lernen zugleich von- und miteinander. Diese sozialen, emotionalen und kognitiven Lernprozesse finden meist im Frontalunterricht (mit einer Bestimmerin oder einem Bestimmer, einer Chefin oder einem Chef, einer Ansagerin oder einem Ansager), selten in stiller, kontemplativer Gruppenarbeit statt.

POSITIONEN UND ROLLEN

Geschwister sind nicht gleichrangig, auch wenn man ihre Beziehungen – im Gegensatz zu den Eltern-Kind-Beziehungen – eher als horizontal kennzeichnen kann. Unter den Geschwistern gibt es Hierarchien: der Älteste, die Ältere, der Jüngste, die Jüngere. Mit den Positionen sind Privilegien verbunden. Doch sind alle Geschwisterkinder gleichwertig. Dies muss die elterliche Beziehung zu den Kindern gewährleisten. Dazu zählt, Kinder so anzunehmen, wie sie sind, und sie nicht in Rollen zu pressen und ihnen Eigenschaften oder Positionen (das Problemkind, das Mittelkind) zuzuschreiben, die eine Entfaltung ihrer Persönlichkeit hemmen.

Es ist in der Forschung viel über die günstigste Geschwisterposition nachgedacht, noch häufiger spekuliert worden. Und umgekehrt natürlich auch: die schwierigste, jene, die mit vielen Problemen bei der Entwicklung zu einer eigenständigen Persönlichkeit einhergeht. Nehmen wir nur das Mittel- oder Sandwichkind, das gern angeführt wird, um eine schwierige Position zu bestimmen. Solche Überlegungen halten einer Überprüfung der Realität nicht stand. Jeder, der einmal ein Sandwich verschlungen hat, weiß: Das Beste am Sandwich ist in der Mitte – oben ist eine vertrocknete Brötchenhälfte, unten eine durch Saucen aufgeweichte Brötchenhälfte, in der Mitte befindet sich Hackfleisch mit Ketchup. Für Veganer gilt Ähnliches: Statt Hackfleisch gibt es Sojabratlinge. Auch lecker!

Wer Kindern Positionen zuschreibt, produziert Rollen, die Kinder in ihrer Persönlichkeit einengen. Jede Position, jede Konstellation hat ihre Vorteile und eben auch ihre Nachteile. Rollenzuweisungen geschehen häufiger und schneller, als man meint. Da bezeichnet man die Erstgeborenen ganz flink als die »Großen«, dabei sind sie vielleicht erst fünf Jahre alt. Oder die Zweitgeborenen werden als die »Kleinen« tituliert. Dabei sind sie drei Jahre alt, mitten im Trotzalter und auf dem Weg in die selbst verordnete Selbstständigkeit. Sie empfinden sich als »groß« genug, um den Alltag zu managen. Es wird Geschwisterkindern gerechter, von Erstgeborenen als den Älteren und von den folgenden Kindern als den Jüngeren zu sprechen. »Groß« oder »klein« – diese Zuweisung von Eigenschaften kann die einen überfordern, die anderen unterfordern.

Geschwister sind verschieden. Und das ist gut so! Deshalb vollziehen sich die geschwisterlichen Beziehungen auch zwischen den Polen von Verbundenheit auf der einen und Abgrenzung auf der anderen Seite. Man kann sich mit der »großen Schwester« oder dem »großen Bruder« identifizieren, zugleich aber auf der unverwechselbaren Einzigartigkeit bestehen: »So wie die/der will ich nicht sein! Ich bin ich!« Geschwisterliche Auseinandersetzungen sind deshalb normal, Streitereien eben auch! So lernt man zu Hause in der Familie Kompetenzen fürs Leben.

KONFLIKTE UND RIVALITÄT

Häufig werden geschwisterliche Konflikte als Eifersucht charakterisiert. Uns erscheint dieser Begriff zu oberflächlich, denn er wird der Vielfalt, in der Geschwisterbeziehungen enthalten sind, nicht gerecht. Wir meinen, der Begriff »Rivalität« benennt die knisternde Spannung, die zwischen Geschwistern herrschen kann, angemessener, weil er bildhafter und anschaulicher ist. Das Wort leitet sich von den lateinischen Wörtern rivus (»Bach«) und rivalis ab. Rivalis, eben »Rivalen«, waren einst Personen, die an der Nutzung eines Bewässerungskanals beteiligt waren. In der Rivalität sind sowohl Wettstreit und Wettbewerb als auch Konfrontation und Konkurrenz enthalten, jene Emotionen also, die Geschwisterbeziehungen mit sich bringen können.

Ein Reiseführer

Geschwister sind verschieden, sie sind unterschiedlich. Das ist ein Allgemeinplatz, der aber in der Erziehung häufig nicht beherzigt wird. So gehen die Aussage und der Wunsch vieler Eltern, alle Kinder gleich zu behandeln, an der Realität vorbei. Man muss jedem Kind gerecht werden, es in seiner Einzigartigkeit annehmen und akzeptieren. Das schließt Streit und Auseinandersetzung, Gefühle von Neid, Benachteiligung und Ungerechtigkeit nicht aus. Eltern sind häufig in einer Zwickmühle und zerbrechen sich den Kopf darüber. Und manches Mal fühlt man sich mit den »Mühen der Ebene« verdammt allein gelassen.

Unser Buch will ein Reiseführer sein, der Eltern Wandervorschläge macht, damit sie Wege finden, die Kinder ins Leben zu begleiten. Umwege und Sackgassen gehören dazu, davor kann kein Reiseführer bewahren. Gleichzeitig kann man unterwegs vielleicht auch Entdeckungen machen, mit denen keiner gerechnet hat.

JEDES KIND ENTWICKELT SICH ANDERS

Geschwister individuell und altersgerecht begleiten

GESCHWISTER AUF DER REISE INS LEBEN

Geschwister kann man sich nicht aussuchen. Und das ist wohl auch gut so. Man muss sich mit ihnen arrangieren. Das klingt vielleicht pessimistisch oder nach einem Kompromiss – so meinen wir es aber nicht! Geschwister stellen sich auf verschiedene Temperamente und Kompetenzen ein: Sie identifizieren sich, sie grenzen sich ab, sie suchen sich ihre Nischen, um sich als autonome Persönlichkeiten zu entwickeln. Und dieser Prozess beginnt schon sehr früh – für die Eltern wie für die Geschwister.

Alles eine Frage der Erziehung?

ROGGES FALLGESCHICHTEN

Liams und Ellas Eltern berichten: »Der Liam war ein absolut, man kann sagen, pflegeleichtes Kind. Dann kam die Ella, seine Schwester. In den ersten Monaten ging er ganz lieb mit ihr um. Aber irgendwann, als Ella anfing zu gehen und präsenter wurde, da ging es los.

Außerdem ging Liam nun in den Kindergarten. Irgendwie hat das wohl auch eine Rolle gespielt. Man weiß es nicht: Fühlte er sich abgeschoben oder nicht? Er wurde richtig aufsässig. So kannten wir ihn gar nicht. Er war mit einem Mal ein richtiger Revoluzzer. Alles musste sich um ihn drehen. Da gab’s keine Kompromisse. Der war ein richtiger Diktator.«

»Die Oma meinte, ich«, der Vater zeigt auf sich, »wäre auch so gewesen.« Er schmunzelt.

Die Mutter fährt fort: »Und dann hat Liam seine Ella traktiert, war auch gemein. Als sie allmählich versuchte aufzustehen, hat er ihr einen kleinen Schubs gegeben. Und als sie weinte, hat er gelacht. Ganz schlimm kam es, als sie sein Spielzeug nahm. Spielzeug, das in der Ecke lag, mit dem er nicht mehr spielte. Aber mit einem Mal war’s ihm wichtig.

Doch sie konnten manchmal auch ganz lieb miteinander sein. Dann war er der große Bruder, der schon in den Kindergarten ging. Da hat er ihr viel gezeigt, was er schon konnte. Und sie war stolz auf ihn.«

Die Mutter von Melanie und Roman hat diese Erfahrungen gemacht: »Was mir aufgefallen ist, sind diese körperlichen Veränderungen. Die Gesichtszüge verändern sich. Bei Melanie, die jetzt viereinhalb ist, sind sie mädchenhafter, bei Roman – der ist knapp drei – sind sie jungenhafter geworden. Der Babyspeck ist weg. Und irgendwie sind sie zu Persönlichkeiten gereift. Aber das macht alles nicht einfacher.

Melanie ist geschickter, einfach in allen Dingen: Sie drückt sich besser aus, kapiert vieles schneller. Roman kriegt, wenn sie puzzeln oder ein Brettspiel machen, kein Bein auf die Erde. Er ist verträumter. Und langsamer. Aber Melanie geht trotzdem ganz behutsam mit ihm um. Sie ist viel geduldiger, als ich es bin. Sie zeigt es ihm immer und immer wieder, ist aber auch genervt, wenn er was nicht begreift. Nur abends, wenn wir unser Gutenachtritual haben, dann sagt sie manchmal: ›Der Roman, das ist schon noch ein Baby, nicht?‹ Dann schaut sie mich erwartungsvoll an. Und wenn ich dann nicke, schmiegt sie sich an mich.«

Ganz anders geht es bei Michi, 2 Jahre, und Jakob, 4 Jahre, zu. Die Mutter schildert die Streitigkeiten ihrer beiden »Kampfhähne«, wie sie sie liebevoll nennt, fast im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: »Mein Mann und ich gehen sehr, sehr einfühlsam miteinander um. Wir müssten eigentlich Vorbild sein. Aber wenn ich sehe, wie die miteinander spielen, da graust es mir. Die spielen nicht miteinander, sondern eher gegeneinander, im besten Fall mal nebeneinander. Wenn Jakob sieht, dass Michi einen Bauklotz hat, den er gerade braucht, dann reißt er ihn einfach an sich. Jakob kennt nur: ›Meins! Meins!‹ Und Michi hat dieses unsolidarische Verhalten schon übernommen. In seiner Krabbelgruppe ist er gefürchtet und führt sich dort auf wie ein Rambo. Ich weiß nicht, woher die das haben und wo das noch enden soll.«

Der Vater von Ole und Julia erzählt: »Mein Ole ist jetzt dreieinhalb Jahre alt und kann nicht teilen. Wenn seine kleine Schwester Julia, die 15 Monate alt ist, etwas haben will, dann reißt er ihr das aus der Hand. Oder er stößt sie um. Oder versetzt ihr einen Tritt. Als ich daraufhin gesagt habe: ›Du tust ihr doch weh!‹, hat er komisch gegrinst. Und auf mein: ›Ich meine das ernst!‹ hat er mir die Zunge rausgestreckt und ist weggerannt. Das sind so Verhaltensweisen, mit denen ich nicht umgehen kann. Vielleicht muss man doch ein bisschen mehr erziehen!«

VERSTÄNDNIS STATT SCHULDGEFÜHLE

Wenn etwas im Alltag nicht so läuft, wie man es geplant oder sich vorgenommen hat, dann wird vieles auf eine falsche oder unzulängliche Erziehung zurückgeführt. Dann wird schnell nach »Schuldigen« gesucht. Und die werden auch gefunden: Entweder sieht man die Fehler bei sich, indem man sich selbst abwertet (»Ich kann es sowieso nicht!«), oder bei den Kindern (»Könnt ihr euch nicht mal vertragen?«). Und dann die Bilder im Hinterkopf: Hatten die Eltern nicht einst – wenn auch vielleicht nicht ganz ernst gemeint – gedroht: »Ich wünsche dir das Kind, das du selbst warst!« Nun hat man das Ergebnis, nun muss man damit leben.

Doch solche Selbstkasteiungen führen zu nichts! Nachdenken und Besinnung ist angesagt. Vor allem darf man in Stresssituationen nicht auf die ziemlich besten Freundinnen oder Freunde hören, die im pädagogischen Konjunktiv – gekleidet in einen Säuselton – Rat-Schläge verteilen: »Ich würde doch mal …!« Oder: »Du könntest vielleicht mal …!« Oder einem Fallbeil gleich: »Tja, ich habe es dir ja prophezeit!«

Dann gilt es, sich von diesen FreundInnen zu trennen – und bei seinen Kindern zu bleiben, diesen wunderbaren Geschwisterkindern, die so viel Lebendigkeit und Abwechslung ins Leben bringen. Und wenn sie dann endlich schlafen, kann man in Ruhe und Gelassenheit – bei einem Glas Wein, einem Saft oder einer Praline – darüber nachdenken, was die Kinder uns mit ihren Handlungen zeigen wollen. Denn Kinder reden zwar viel, aber verraten nicht alles. Auf gedankenlose Warum-Fragen antworten sie nicht wirklich oder zeigen den Erwachsenen gedanklich den Stinkefinger: »Warum schlägst du deinen Bruder?« »Darum!« Oder: »Der hat angefangen!« Oder: Schulterzucken und verlegenes Grinsen, eine rausgestreckte Zunge. Doch das macht die Begleitung von Kindern gerade so spannend: Man muss sich in sie hineinversetzen und lernen, sie zu verstehen und Situationen von ihrem Entwicklungsstand aus zu deuten.

ERZIEHUNG ALS BEGLEITUNG VERSTEHEN

Da kommen schnell Einwände: »Ja, darf man denn nicht mehr erziehen?« Oder: »Soll man denn alles laufen lassen? Da ist doch Chaos vorprogrammiert!« Kindern Verständnis entgegenzubringen schließt ein, nicht alles, was sie tun, zu akzeptieren. Wer sich Freiheiten nimmt, muss Verantwortung für sein Tun übernehmen. Wer also seine kleine Schwester schubst, sodass sie hinfällt und weint, ist auch für die Folgen verantwortlich. Aber: entwicklungs- und altersgemäß. Und das beginnt mit der Frage: »Kann ein Kind nicht anders handeln? Oder will es nicht anders?«

Diese Fragen führen dazu, Kinder in ihrer Entwicklung zu sehen und Erziehung als Begleitung der Kinder ins Leben zu verstehen. Erziehung ist nicht Vorbereitung aufs Leben, sie passiert in jedem Augenblick: Wenn ein Kind ein Jahr alt ist, dann handelt es wie ein einjähriges Kind; wenn es drei ist, dann kann es nicht wie ein fünfjähriges Kind handeln; und wenn ein Kind fünf ist, dann denkt es nicht wie ein neunjähriges … Begleitung der Kinder meint, genau dieses Wissen umzusetzen.

Das macht Erziehung nicht leichter, aber einfacher, weil es den Blick auf die Entwicklungsaufgaben lenkt, die ein Kind in den verschiedenen Etappen zu erfüllen hat. Und das sind viele. Auf zwei Aufgaben wollen wir – vor dem Hintergrund der Fallgeschichten – eingehen: die körperlich-motorische und die moralisch-soziale Entwicklung.

Wichtige frühe Entwicklungsphasen

Überblickt man die Zeit zwischen dem ersten und sechsten Geburtstag eines Kindes, lassen sich – verallgemeinernd – zwei Phasen ausmachen:

Wenn sich der Säugling allmählich seiner motorischen Fähigkeiten bewusst wird – er kriecht, krabbelt, macht den Bären- und Vierfüßlergang, steht auf und geht –, löst er sich zunehmend von der Mutter und anderen Bezugspersonen. Das Kleinkind erkundet die Nahwelt und erwirbt dadurch Selbstbewusstsein. Je mehr es sich dabei seiner körperlichen Fähigkeiten bewusst wird, umso autonomer und eigenständiger handelt es. Das Kleinkind grenzt sich immer mehr von den Eltern ab, will allein sein und vieles selber tun. Und es erfährt auch, welche Macht es über Mutter und Vater hat. Das Kind lässt nicht mehr nur »mit sich machen«, sondern will Einfluss auf das Alltagsgeschehen nehmen, auch auf seine jüngeren Geschwister.

Mit Beginn des Kindergartenalters laufen Reifungsprozesse und erzieherisches Handeln parallel. Mit dem Zuwachs an intellektuellen, emotionalen, sprachlichen und sozialen Fähigkeiten hat das Kind immer mehr Möglichkeiten, Einfluss auf seine Umwelt zu nehmen.

DAS INDIVIDUELLE TEMPO RESPEKTIEREN

Zwar können fördernde Umweltfaktoren die Entwicklung der Kinder unterstützen, beschleunigen können sie diese aber nicht. Kinder kommen mit einem ganz individuellen Entwicklungstempo auf die Welt, das es unbedingt zu respektieren gilt. Verändert man dieses Tempo, werden Kinder schnell aus der Bahn geworfen. Was viele Eltern verwundert.

Entwicklung bedeutet nicht nur ein gleichmäßiges Vorwärtsschreiten. Sie stellt sich vielmehr als ein Ineinander von Schüben und Stillstand, aber auch Rückschritten (Regressionen) dar. Nicht selten erfolgen nach einem rasanten Entwicklungssprung Wochen und Monate des Innehaltens. Das Kind braucht Zeit, um sich seiner neu gewonnenen Kompetenzen bewusst zu werden. Und manchmal sinkt es zurück auf frühere Entwicklungsstufen, weil es sich überfordert hat oder weil es erkannt hat, dass ihm früher mehr Nähe zuteilwurde, auch weil vielleicht ein Geschwisterkind gekommen ist, das nun mehr Aufmerksamkeit bekommt.

SOZIALVERHALTEN DURCH VORBILDER LERNEN

Wie gesagt: Kinder machen in den ersten sechs Jahren in moralisch-sozialer Hinsicht enorme Entwicklungsschübe durch, die ihnen, aber auch den Eltern viel abverlangen. Von Kindern im ersten Lebensjahr kann man kaum bewusstes soziales Verhalten, schon gar nicht Mitgefühl mit anderen erwarten. Säuglinge sind auf sich bezogen und auf sich fixiert – und das ist gut so. Sozialität wird von den Eltern, genauer: muss von Mutter und Vater sowie anderen Bezugspersonen in dieser Zeit vorgelebt werden. Wenn das Kind geachtet und respektiert wird, wenn Eltern sensibel auf seine Bedürfnisse reagieren, wenn sie dem Kind Bindung geben und ihm das Gefühl vermitteln, dass es so angenommen wird, wie es ist, dann sind erste wichtige Schritte in Richtung einer moralisch-sozialen Entwicklung des Kindes gemacht.

»Aber ich kann es doch nicht gutheißen, wenn mein Großer, der Vierjährige, den Kleinen, den Zweijährigen, schlägt, um etwas zu bekommen oder weil er sich ärgert?«

Eine Antwort: Man kann mit dem Kind in einer ruhigen Phase danach darüber reden, wie es an das Spielzeug kommt, ohne zu schlagen: »Vielleicht fragst du das andere Kind?« Sätze wie »Du willst doch auch nicht, dass dir wehgetan wird?« sind genauso wenig hilfreich wie Aufforderungen zur Selbstjustiz: »Wehr dich!« Oder: »Hau zurück!« Aber auch Drohungen wie »Wenn du das noch mal machst, gibt es keine Gutenachtgeschichte!« bringen nichts. Das führt nur zu dem Gedanken: »Hier hat mich sowieso keiner lieb. Dann kann ich auch so weitermachen!«

Entwicklung in den ersten Jahren

In den beiden Entwicklungsphasen zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr sind drei Aspekte zu berücksichtigen:

Die gewonnene (Bewegungs-)Freiheit macht nicht nur Mut, bedeutet nicht nur Befreiung, sondern verunsichert zugleich. Das Kind muss sich zwischen verschiedenen Dingen entscheiden und auch die Folgen einer Fehlentscheidung aushalten. Dies führt zu Frustrationen. Wut auf sich und andere kommt hoch. Die Freiräume, die ein Kind zwischen dem ersten und fünften Lebensjahr erlebt, erobert oder erkämpft, lassen aber auch ein Gefühl von Verantwortung für sich und andere entstehen.

Es gibt keine Entwicklung ohne Widersprüche. Kinder setzen die erworbenen Kompetenzen nicht nur konstruktiv und produktiv ein. Wenn sie lernen, das Wort »ich« zu sagen, ist das ein bedeutsamer Entwicklungsschritt. Das Kind beginnt damit, sich als eigenständige Person wahrzunehmen. Und dies schließt eine Haltung zu sich und zu anderen mit ein. Mit dem »Ich«-Sagen geht zunächst eine egozentrische Sichtweise einher. Zwar können schon jüngere Kinder mitfühlen und sich ansatzweise in andere hineinversetzen, aber für das konkrete Alltagshandeln hat das nicht unbedingt eine praktische Bedeutung. Die Kinder sind auf sich fixiert, ihnen gehört – im wahrsten Sinne des Wortes – die ganze Welt. Teilen kommt zunächst nicht infrage. Und wenn ein Zweijähriges einen Legostein bei einem anderen sieht, wird es diesen Stein nehmen, ohne zu fragen. Aus der Sicht des handelnden Kindes ist dies nicht unmoralisch oder unsozial. Wenn Kinder ihre ersten Mehrwortsätze sprechen können, sind die Eltern stolz darauf – doch nur, solange die Form gewahrt bleibt und keine ausdrucksstarken Beleidigungen den Kindermund verlassen.

Jedes Kind hat sein individuelles Tempo, das genetisch bedingt, aber auch abhängig von seinem Temperament ist. Eltern können ihre Kinder bei diesem Tempo begleiten, aber sie sollten sie nicht ständig mit anderen vergleichen. Manche Kinder kommen mit zwölf Monaten ins Trotzalter, andere mit 26 Monaten. Manche Kinder durchschreiten es in zwölf Monaten, andere in zweieinhalb Jahren. Manche Kinder bieten ihren Eltern eine ganze Palette an Emotionen, andere verhalten sich eher schüchtern. Dies gilt es zu bedenken, wenn man Geschwisterkinder durch diese Phase begleitet. Und dies gilt es auch zu berücksichtigen, wenn nun zentrale Entwicklungsschritte vorgestellt werden, um das Trotzalter einzuordnen und zu verstehen.

Ein langer Weg

Geschwisterlichkeit – da sind sich alle einig – ist die längste Beziehung, die man eingeht. Selbst verstorbene Geschwister gehören dazu. Und auch wenn man sich im Streit getrennt hat und keinen Kontakt mehr haben will, bleiben Geschwister ein unauslöschlicher Teil der eigenen Biografie. Wenn man Bruder oder Schwester hat, dann erlebt man – wie auch immer – Geschwisterlichkeit. So wie man – frei nach dem Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick (1921–2007) – nicht nicht kommunizieren kann, so kann man nicht nicht Geschwister sein, wenn man diese an seiner Seite hat.

Das älteste Kind merkt schnell, dass seine jüngere Schwester oder sein jüngerer Bruder, diese »Windelscheißerin«, dieser »Schreihals«, kein vorübergehendes Ereignis ist. Das Baby bleibt, und man muss sich damit arrangieren – irgendwie.

Das gilt genauso für die Eltern: Da sind zwei Kinder mit unterschiedlichen Temperamenten, das eine wie eine Schnecke, das andere wie ein ICE, der kein rotes Signal erkennt und alles über den Haufen fährt. Kaum hat man ein Kind durch das Trotzalter mit seinen Wutattacken und Ausbrüchen mehr oder minder geglückt begleitet, da fängt es beim jüngeren Kind wieder von vorn an. Da können Bruder und Schwester liebevoll miteinander, häufig nebeneinander spielen, und mit einem Mal geht es zwischen den beiden drunter und drüber, sodass man denkt, sie bringen sich gleich um. Da können sie sich eine Zeit lang nicht riechen, aber dann sind sie wieder ein Herz und eine Seele und verbünden sich gegen die Eltern. Da lebt man den Kindern eine harmonische, friedliche Partnerschaft vor – doch die Kinder praktizieren das Gegenteil und machen einen hilflos. Da weiß man als Mutter oder Vater viel über Erziehung, schließlich hat man Ratgeber gelesen und meint, einen Kompass in der Hand zu haben, aber die Nadel spielt verrückt. Da will man es anders machen als die eigenen Eltern – schließlich wollte man doch nie werden wie sie –, doch man fällt in altbekannte Muster zurück, schreit, flucht und sagt Sätze im Zustand hormoneller Irritation. Und auch das gehört zum Erziehungsalltag: sich selbst so anzunehmen, wie man ist – mit allen Stärken und Unzulänglichkeiten. In dieser Reihenfolge wohlgemerkt!

Wer das macht, der kann auch seine Kinder so annehmen, wie sie sind. Sie leben das Prinzip der Unvollkommenheit, das Prinzip des Noch-nicht vor und kommen damit wunderbar durch die Welt, entwickeln sich zu einzigartigen, unverwechselbaren Persönlichkeiten. »Das hört sich gut an!«, sagten neulich Eltern auf einem Seminar. »Aber wie macht man das am besten?« »Am besten« geht gar nicht. Begleitung bedeutet, sich auf das Kind und seine Individualität einzulassen.

Die drei Lehrer

In der indischen Philosophie gibt es das Bild von den drei LehrerInnen – LehrerIn nicht als Beruf verstanden, sondern als Begleiterin und Begleiter der Kinder.

Da sind jene, die im Kind ein leeres Fass sehen, das sie mit ihrem Wissen füllen, und dann zufrieden sind.

Da sind andere, die sich als Töpfer begreifen und in den Kindern ungeformten Lehm sehen, den sie nach ihrem Bilde gestalten.

Und da sind solche, die sich als Gärtner sehen, die wissen, dass jede Pflanze anders ist: Manche brauchen viel Wasser, manche wenig, weil sie ansonsten ertrinken. Einige benötigen viel Sonne, andere wenig, weil sie sonst verdorren. Eltern sind Gärtner, die darum wissen.

VOM ICH ZUM WIR

Geschwister entwickeln sich unterschiedlich, manchmal sogar gänzlich anders. Und weil man ja einzigartige, unvergleichliche Kinder haben will, ist es wichtig, sie auch so anzunehmen und zu begleiten. Dies bedeutet – wir haben es eben ausgeführt –, die Entwicklungsaufgaben, die ein Kind gerade erfüllt oder noch nicht erfüllen kann, stärker zu berücksichtigen. Ein Kleinkind in seiner egozentrischen Phase kann noch nicht teilen und löst seine Konflikte noch nicht im verbalen, sondern im handgreiflichen Austausch. Auseinandersetzungen bei jüngeren Kindern sind deshalb auch häufig so lautstark und klingen so unversöhnlich.

Eltern macht das häufig ratlos, denn sie haben sich doch vorgenommen, Probleme gemeinschaftlich zu lösen. Das ist wichtig, spielt aber im Denken und Handeln des Kindes eine eher untergeordnete Rolle. Es sieht nur sich, alles dreht sich nur um die eigene Person. Alles andere ist ihm egal! Der Weg vom Ich zum Wir ist ein langer, gespickt von vielen Umleitungen, Sackgassen und Schlaglöchern, denn jüngere Kinder erlernen soziale Fähigkeiten erst allmählich.

Sich in andere Menschen hineinzuversetzen und Situationen aus deren Sicht zu sehen, braucht Zeit, braucht Erfahrung. Ein Satz – an einen Dreijährigen gerichtet – wie »Du willst doch auch nicht, dass deine kleine Schwester dich haut« wird mit einem Stirnrunzeln, einem ungläubigen Staunen, einem verlegenen Grinsen beantwortet, als wollte das Kind ausdrücken: »Was soll das nun schon wieder?« Und selbst wenn das Kind durch schnelles Nicken Einverständnis signalisiert, bedeutet das noch lange nicht, dass es die Botschaft »Man schlägt nicht!« verstanden hat.

Gehört ist nicht verstanden! Verstanden ist nicht behalten! Behalten ist nicht umgesetzt! Und umgesetzt ist nicht verinnerlicht!

Jüngeren Kindern muss man es immer und immer wieder sagen, erklären und zeigen. Das Prinzip der Wiederholung steht an oberster Stelle. Übrigens ein Prinzip, das Kinder, egal welchen Alters, auch praktizieren. Sie wiederholen bestimmte Handlungen so lange, bis sie schließlich das Gefühl haben: »Jetzt haben meine Eltern die Botschaft verstanden.«

Wer Geschwisterkinder ins Leben begleitet, tut gut daran, die Entwicklungsbesonderheiten im Blick zu behalten. »Aber wird man dadurch nicht handlungsunfähig?« Oder: »Führt das nicht dazu, dass Kinder einem auf der Nase herumtanzen?« Fragen über Fragen! Und berechtigt! Ein Kind kann teilen lernen, ein Kind kann lernen, sich zu entschuldigen, ein Kind kann lernen, sich in andere hineinzuversetzen – nur braucht es Zeit und Geduld, ihm das zu vermitteln, immer und immer wieder! Das erfordert Kraft und jede Menge Kreativität. Aber, so unsere Beobachtung, viele Eltern haben beides.

VONEINANDER LERNEN

Wenn Kinder in unterschiedlichen Entwicklungsetappen sind, bringt das nicht nur Probleme mit sich. Kinder lernen ja nicht nur von den sie umgebenden Erwachsenen, sie lernen auch von den Geschwistern. Jüngere erleben viel durch die Älteren – und seien diese auch nur zwei Jahre weiter. Sie bewundern sie, fordern aber auch ein, dass die große Schwester oder der große Bruder sich mit ihnen beschäftigt. Man will Anteil haben an deren Wissen und Erfahrungen.

Natürlich: Diese Drängelei kann ein älteres Geschwisterkind auch nerven. Doch wie mir ein Älterer sagte, »ist es auch schön, wenn ich ihr was zeigen kann!«. Es gibt eben keine Entwicklung ohne Widersprüche. Was allerdings auffällt: Die problematischen, ins Auge fallenden Aspekte stehen obenan. Vor allem bei den Eltern, weil die in ihren erzieherischen Bemühungen herausgefordert werden.

Betreuungsformen in den ersten Jahren

Manchmal geht die Entwicklung schneller, als man denkt – so die Erfahrung von Co-Autor Konstantin. Das Kleinkind wächst heran, es überwindet die Schwerkraft, es steht, es geht. Im Alter von zwei bis drei Jahren beginnen »die laufenden Meter« ihre Entdeckungsreise mit wachsender Selbstständigkeit. Manchmal können Eltern im Tagestakt zusehen, wie neue Fertigkeiten und Ideen das Leben der Kinder verändern. Dabei gibt es zwei Wege in der Entwicklungsbegleitung der Kleinkinder: zum einen das Leben zu Hause und im Familienalltag und zum anderen der Besuch einer Krippen- oder »Nestchen«-Gruppe in einer Kindertagesstätte.

Konstantin erinnert sich: »Oft erlebt man die Debatten darüber als eine Art Krieg der Überzeugungen. Dabei haben beide Wege ihre Vorteile und Herausforderungen. In beiden Angeboten können Eltern und Geschwister entscheidende Rollen haben und die Entwicklung des Kindes prägen.«

BETREUUNG ZU HAUSE

Er fährt dann fort: »Bleibt ein Kind bis zum Eintritt in den Kindergarten zu Hause, müssen die Eltern sich gut organisieren. Das haben wir erlebt. Da die Betreuung in weiten Teilen selbst gestaltet wird, bleibt oft ein Elternteil tagsüber zu Hause und ist der Hauptimpulsgeber für das Kind. Wenn möglich, wird das ergänzt durch Verwandte und Bekannte – idealerweise durch gegenseitige Besuche von und Aufteilung mit anderen jungen Familien. Oder man besucht Kinderangebote im Umfeld und trifft sich danach im Familienzentrum oder auf dem Spielplatz. Ebenso gibt es immer noch Familien, meist im ländlichen Raum, in denen alle Generationen unter einem Dach leben und die Kinder selbstverständlich Teil des gemeinsamen Arbeitens und Lebens sind, Tag für Tag.«

Daheim wächst das Kleinkind in seiner gewohnten Umgebung auf. Es erlebt vorrangig Zuspruch, aber auch Regeln von seinen Eltern. Der Tag hat zumeist, ähnlich wie in einer Kleinkindeinrichtung, eine klare Struktur. Neben der hygienischen Versorgung gibt es die Mahlzeiten und ihre Zubereitung sowie das freie Spielen. Es wird vorgelesen, und man geht gemeinsam spazieren. Die ersten Schritte werden erprobt, und die Bindung zwischen Eltern(teil) und Kind ist stark fokussiert.

Konstantin erzählt weiter: »Mit einem Geschwisterkind zu Hause wird es spannender, wenn dieses schon als Spielpartner fungieren kann. Ähnlich wie in einer Kleinkindgruppe werden Höhepunkte gestaltet. Bestimmte alltägliche Rituale braucht es allerdings. Wenn die Mutter von der Arbeit kommt, wartet man sehnsüchtig auf sie. Das Kind ist auf die Eltern fokussiert. Doch bald sehnen sich auch Kleinkinder nach Gleichaltrigen, sodass ein Wechsel in einen Kindergarten mit drei Jahren meist kein großes Problem ist. Unserer Meinung nach müssen sich Eltern gut überlegen, ob sie diese vielfältige Betreuungsarbeit persönlich erbringen können oder ob eine Kita angemessen ist. Oft hilft ein Blick auf das Kind. Mancher erkundungsfreudige Wildfang ist eher für eine Gruppensituation geschaffen als ein abwartendes, ruhiges Kind. Das gilt auch umgekehrt! Umso wichtiger ist es, alle Gefühlslagen abzuklären, bevor man eine Entscheidung trifft. Nicht immer hat man die Freiheit«, so Konstantins Fazit.

BETREUUNG IN DER KITA

Mit einem Kleinkind in der Krippe geben Eltern vieles ab, an das sie sich gewöhnt haben, zum Beispiel gemeinsame Zeit zum Spielen, zusammen verbrachte Lebenszeit oder Kontrolle. Man macht sich Gedanken darüber, ob es dem Kind gut geht. Manchmal kommen auch Zweifel auf, ob man das Richtige tut und das Kind nicht zu früh losgelassen hat.

Wichtig: Eltern können ihre Kinder eine Zeit lang selber in die Kita eingewöhnen. Jedes Kind reagiert hier unterschiedlich: Manches Kind braucht seinen Elternteil nach der zweiten Woche gar nicht mehr, bei anderen dauert es, bis sie sich an die neuen Rituale gewöhnt haben. Für das Kind stellt der Besuch eine vollkommen neue Erfahrung dar. Erlebte es bisher nur das familiäre Umfeld, muss es nun seine Erfahrungen mit anderen Menschen in ungewohnten Räumen teilen. Dies kann man einem Kind zutrauen, doch hat jedes Kind sein eigenes Tempo.

In der Kita gibt es feste Regeln, anders als von zu Hause gewohnt. Nur so gelingt aber das Leben in einer Gruppe mit sechs bis acht jüngeren Kindern. Dabei ist der Alltag viel durch notwendige Dinge wie Wickeln, Aufs-Töpfchen-Gehen, Essen, An- und Ausziehen und Mittagsschlaf bestimmt. Dazwischen findet Begegnung statt. Dies geschieht oft unaufgeregt. »Manche Eltern«, so Konstantins Beobachtung, »denken, dies sei zu wenig. Doch Kleinkindern reicht es, zusammen in einem Raum zu krabbeln oder Musik zu lauschen. Andere Impulse brauchen sie anfangs nicht. Schrittweise passen die PädagogInnen den Radius an die Gruppe an. ErzieherInnen erkennen schnell die Fähigkeiten der Kinder und können auf Einzelbedürfnisse reagieren. Für viele ErzieherInnen ist diese Arbeit ›Berufung‹. Umso wichtiger ist es, dass Eltern das wohlwollend unterstützen und begleiten. Natürlich ist da ein Wermutstropfen: Die Eltern sind nicht immer dabei, wenn ihre Kinder neue Erfahrungen machen.«

AUS DEM FAMILIEN-LOGBUCH

Alu Kitzerow und Konstantin Manthey beschreiben dazu zwei Situationen aus ihrem Alltag: »Als Clemens mit 12 Monaten in die Krippe kam, war er ganz unproblematisch. Es gefiel ihm dort sehr. Wir durften ihn damals eingewöhnen, da wir noch Zeit vom Elternjahr übrig hatten. Unser Sohn war neugierig und genügsam. Die anderen Kinder gefielen ihm. Auch das Angebot an Spielzeug und die Erzieherinnen trafen seinen Geschmack. Nach zwei Wochen war er schon angekommen.

Clemens war zwar ein guter Krabbler, konnte aber noch nicht laufen. Dies holte er in der Kita schnell nach. Als ich ihn eines Tages abholte, lief er mir einige Schritte entgegen. Tränen stiegen mir in die Augen, denn nicht ich hatte es zuerst erlebt, sondern Anke, seine Erzieherin. Anke bemerkte dies und nahm sich Zeit, mir alles genau zu berichten. Und weil sie an diesem Tag zufällig ihre Kamera dabeihatte, gab es sogar ein Beweisfoto vom ersten Gehversuch unseres Sohnes. All das hat auch mit Loslassen zu tun! Manchmal lernen Kinder eben für sich allein.

Eine andere Situation: Unser jüngstes Kind hatte in der Kinderkrippe ein ganz besonderes Erlebnis, von dem es bis heute erzählt, wenn wir Fotos von damals betrachten. Als Marie zwei Jahre alt wurde, sang die ganze Familie morgens für sie, worüber sie sich sehr freute. Aber sie war auch etwas aufgeregt in Erwartung des kommenden Kitatages. Denn sie wusste, dass sie dort ganz besonders liebevoll gefeiert werden würde. Ein Geburtstagskind wurde von allen Erzieherinnen auch außerhalb ihrer Gruppe begrüßt. Jeder wusste von dem Jubeltag. Schon der Weg vom Eingang zum Gruppenraum wurde durch etliche Glückwünsche und schelmische ›Na, wie alt bist du jetzt‹-Fragen unterbrochen. Jedes Mal sagte und zeigte sie ihr Alter mit den Fingern: zwei. In ihrem Gruppenraum angelangt, gratulierten Groß und Klein. Im Morgenkreis saß unser Mädchen auf dem Geburtstagsthron, und während des Singens hob ihr Erzieher sie hoch, und alle jubelten. Es gab auch ein kleines Geschenk. Ihr gefiel diese Wertschätzung. Das war ihr Moment! Und er war auch genau so angelegt. Ihre Augen strahlten, als wir ›unsere Prinzessin‹ zum Familienkaffee abholten. Es war ein gelungener Tag mit ihren Freunden, den wir Eltern und Geschwister so allein nicht hinbekommen hätten.

Wir glauben, dass Kinder die Unterschiedlichkeit von Erziehung lieben, weil sie ihnen unvergleichliche Erfahrungen ermöglicht.«

UNTERSCHIEDLICHE ERZIEHUNGSSTILE