Juwelenwald 2.3 - Verena Binder - E-Book

Juwelenwald 2.3 E-Book

Verena Binder

0,0
2,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Du, der du diese Zeilen liest, was würdest du tun, wenn es in deiner Hand läge, das Übel der Welt zu beseitigen? Diese Frage stellen sich die immer neu erwählten Hüter und Jäger der Macht. Ein Kampf entfacht alle hundert Jahre neu zwischen den Chahd'Rian - die die Welt durch Verstand und Geduld zum Guten bringen sollen - und den Chahd'Gair - die gnadenlos das Übel der Welt vernichten sollen. Die Mächte der Götter sollen ihnen dabei helfen. Doch nicht jeder, der die Macht erhält, will kämpfen oder kann hinter der Moral stehen, die ihm von den Göttern in die Wiege gelegt wurde. Die Fünfjährige Aleshanee und ihr Vater Helaku überleben den Angriff alter Feinde auf ihr Rudel und nun muss sie lernen, mit dem Verlust klar zu kommen. Wie auch Helaku ist sie mit elementaren Kräften der Götter ausgestattet und lernt, sie zu beherrschen. Auf der Reise nach Gefährten, die ihnen im bevorstehenden Kampf zur Seite stehen, muss sie feststellen, dass in der Welt mehr Feinde auf sie warten als nur die alten Gegner, gegen die bereits ihr Vater kämpfen musste.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de/ abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte sind dem Autor vorbehalten, einschließlich der Vervielfältigung, Übersetzung, Mikrovorführung, Verfilmung, sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

Alle Charaktere und Handlungen sind frei erfunden.

Impressum

Juwelenwald 2.3 | Wachsen, 2. Schrift, 2. Teil 3

1. Auflage

Copyright © deutsche Originalausgabe 2023 by Verena Binder

Johann-Sebastian-Bach-Straße 10, 82538 Geretsried

Umschlaggestaltung: BinDer Buchsatz

Unmschlagillustration: Verena Binder

Charakterillustrationen: Renée Geburzky ( Ray__nee)

Lektorat: Phantastismus

Korrektorat: Phantastismus

Buchsatz: BinDer Buchsatz

veröffenlicht über tolino media: www.tolinomedia.de

Inhaltswarnung

Diese Geschichte enthält Gewaltbeschreibungen und behandelt emotionale Themen. Wenn du sensibel auf unterschiedliche Themen reagieren könntest, findest du eine nähere Ausführung in der „Inhaltswarnung“ auf Seite 80.

Was bisher geschah

Tesjan trifft auf einen Chahghee, um die Strafe für einen Mord zu erfahren. Doch die Chahghee warnen davor, einen erwachten Chahd‘Rian zu töten, ohne klare Antworten zu geben.

Im Juwelenwald von Shang Iyuha trifft Helaku auf Kahzuna, eine alte Bekannte. Er berichtet ihr von der Attacke des Chahd‘Gairs Yazhi auf sein Rudel, bei der fast alle ums Leben gekommen sind. Seine Töchter Aleshanee und Huyana sind Chahd‘Rian, was Kahzuna verärgert.

Helaku erzählt seiner Tochter von den Kräften der Chahd‘Rian, seiner eigenen Mentorin Kajika und seinen alten Feinden. Aleshanee lernt Vaughan kennen - einen kleinen Luchsjarg, der ein Freund von Helaku ist. Als Kahzuna auftaucht, provoziert diese Aleshanee aufgrund ihrer gemischten Abstammung und enthüllt, was sie ist. Aleshanee weigert sich, zu kämpfen, und zeigt ihre Unsicherheit angesichts der neuen Situation.

Um zu testen, ob Aleshanee tatsächlich ein Chahd‘Rian ist und mit den elementaren Kräften der Götter ausgestattet ist, führt Helaku seine Tochter in das Herz des Juwelenwaldes, zu den Ingyang. Die mit Edelsteinen besetzten Felsen bestätigen, dass in Aleshanee das Element des Windes beherbergt ist. Dabei machen sie Bekanntschaft mit Kosejin, dem Sohn der Awi Kahzuna, welcher ihre harten Ansichten über Tod und Kampf nicht zu teilen scheint.

In seinen Träumen durchlebt Helakus den Angriff des Riesenwandlers Yazhi, welcher das Rudel des Faols bis auf ihn und seine Tochter ausgelöscht hat.

Zwei Besucher aus dem nördlichen Gidma entpuppen sich als Verbündete: Atohi, einer von Helakus besten Freunden, und dessen Sohn Kaeto, die beide ebenfalls Chahd‘Rian sind. Kaeto freundet sich mit Aleshanee an und Atohi erfährt vom Tod seiner Schwester Yoki, die bei der gemeinsamen Flucht von einer Schlucht gestürzt ist.

Aleshanee erinnert sich daran, Tesjan am Tag des Angriffs gesehen zu haben und erfährt mehr über ihren künftigen Feind.

Als Kaeto und sein Vater abreisen, machen sie eine Rast bei einem befreundeten Rudel, dem Frostwindrudel, wo es Nachwuchs gibt. Kaeto freut sich, neue Freundschaften zu schließen.

Während Helaku verstehen muss, dass seine Tochter Zeit braucht, um die Geschehnisse zu verarbeiten, geraten Kaeto und Atohi in einen Kampf, der Ihnen Verbündete wider Willen verschafft.

Kosejin kämpft seinen ersten Rausch und Helaku sieht seine Ain-Gefährtin Onawa wieder, in deren Rudel ein Welpe mit Erdelement geboren wurde, ein Chahd‘Rian.

Charaktere

Ahanu

Jarg Faol Ain Ä786chd, Sonnenwelt An13

Aus Onawas Rudel

Aleshanee

Jarg Faol Kipa / Mealleth Ä785chd, Himmelsauge An20

Tochter von Helaku

Atohi

Jarg Faol Sinak Ä628chd, Sonnenwelt An43

Alter Freund von Helaku, Großalpha Gidmhas, Vater von Kaeto

Helaku

Jarg Faol Kipa Ä624chd, Farbähre An41

Vater von Aleshanee und Huyana

Kaeto

Jarg Faol Sinak

Ä781chd, Sonnenwelt An27

Sohn von Atohi

Kahzuna

Jarg Awi Ä618chd, Himmelsauge An13

Kampfgefährtin von Helaku und Atohi

Kosejin

Jarg Awi

Ä771chd, Farbähre An25

Sohn von Kahzuna

Tesjan

Jarg Amrog Ä486chd, Sternentanz An12

Alter Feind von Helaku und Atohi

Vaughan

Jarg Scolin Ä681chd, Blumenfeuer An7

Alter Freund von Helaku

Yazhi

Jarg Moar Atharra Ä488chd, Blumenfeuer An45

Alter Feind von Helaku und Atohi

Onawa

Jarg Faol Ain

Helakus Gefährtin

Paco

Jarg Faol Ain

Aus Onawas Rudel

Staffel 1 – Schrift 2 – Teil 3

Roman

Du, der du durch fremde Welten reist,

sie betrachtest und mit deinem Herzen antwortest.

Für dich sei diese Schrift.

Jarg Ladhria Faliadh

Hirschartige Jarg mit humanoidem Körperbau und animalischem Kopf, auf dem sie ein stolzes Geweih tragen. Zu ihrer geselligen, friedlichen Kultur gehören Musik und als Tänze. Ihre langen Beine mit harten Hufen nutzen sie gezielt und effizient. Beheimatet sind sie hauptsächlich in den Sepiasümpfen auch in weiten Teilen Thamhas, der Drochailean Tobhar und im Südosten Shang Iyuhas.

Kapitel 17

Der Mensch macht mir Angst

Ä791chd, Himmelsauge An24

»Aleshanee, kommst du?«, erklang Helakus Stimme aus dem Wald.

Sie lockte seine Tochter aus der trauten Höhle.

Der erste Winter war für Aleshanee hart und eisig gewesen. Sie fror oft, auch wenn sie die wunderschöne Landschaft fasziniert beobachtet hatte. In diesen beiden Liyawe hatte sie viele Fortschritte gemacht, und als ihr Vater sie nach ihrem Geburtstag am 20. Tag des ersten Liyawe Himmelsauge mit in den Süden nahm, war der Großteil des Schnees bereits geschmolzen. So schnell er die Sicht auf Gräser und Wurzeln, Erde und Steine geraubt hatte, so schnell schwand er wieder in den milderen Temperaturen des Frühlings Shang Iyuhas. Nur an ein paar wenigen schattigen Plätzen waren noch vereinzelt kleine Schneehäufchen zu sehen, die von Dreck und Matsch getrübt waren. Nun waren bereits die ersten Knospen aus der Kälte emporgestiegen; Klee und Gräser breiteten sich rasant über die freiwerdenden Flächen aus.

»Komme!« Mit einem Ausdruck voller Vorfreude im Gesicht, sprang die junge Halbfaol aus dem Unterschlupf und rannte auf ihren Vater zu. Der lächelte und lief vorneweg in den Wald gen Süden. Aleshanee folgte Helaku und sprang mit einem geübten Satz über einen Ast hinweg. Noch vor einigen Wochen hatte sie unter diesem hindurchlaufen können.

Ihr Körper war gewachsen: Ihre Ohren waren ein wenig größer geworden, die kindlichen Bäckchen hatten etwas an Volumen verloren und auch ihr Blick war weniger ängstlich. Auch der Schub, den sie in die Höhe gemacht hatte, war nicht zu leugnen. »Geht es mit deinem Arm?« Besorgt blickte Helaku zu seiner Tochter, die nickte und sich demonstrativ von einem Baumstamm wegdrückte und voranlief.

In den Übungen mit Kahzuna und Jin hatte sie viel einstecken müssen, doch das hatte sie auch gestärkt. Sie hatte zwar gelernt, dass Kahzuna sie nicht umbringen würde, doch dafür konnte es vorkommen, dass die Awi umso fester zuschlug, was Aleshanee bereits die Arme gebrochen hatte. Durch ihr Jargblut besaß sie eine deutlich stärkere Selbstheilung als ein Mensch, doch die Schmerzen waren nicht zu verachten. Die Verwundung war nach knapp zwei Tuhangwi verheilt, und ihre Arme gewöhnten sich bereits an stärkere Belastungen. Ihr Vater hatte diese Härte natürlich nicht geduldet, was Kahzuna mit einem unbeteiligten Schulterzucken beantwortete.

Sie liefen einige Ow-Cha1, bis sie am Ufer des kleinen Flusses Waldalder Kosejin sitzen sahen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht winkte Aleshanee ihm zu als sie diese Stelle passierten. Sie sah ihn mehr und mehr als großen Bruder, versuchte mit ihm herumzualbern und ihn zum Lachen zu bringen. Sie hatte ihre Angst seit seinem Kampf gegen Manaba vor ihm mehr und mehr verloren, lernte von ihm, und das eins ums andere Mal hatte er selbst sie vor den schonungslosen Angriffen Kahzunas beschützt. Er konnte sehr sensibel die Kräfte einschätzen, die andere, aber auch er selbst, einsetzten.

1 10 Kilometer

Noch vermochte er nicht mit der Geschwindigkeit und Kraft der älteren Jarg mitzuhalten, Helaku jedoch sah, dass dieser Awi nicht nur ein sehr mächtiger Kämpfer werden würde, sondern im Gegensatz zu seiner Mutter auch einen aufrichtigen Charakter besaß.

Er merkte auch, dass Kosejin zwar in Kämpfen die Kälte und Gleichgültigkeit seiner Mutter hatte, doch er wirkte beinahe rücksichtsvoll, hinterfragte die Ansichten der Faol und zeigte sich deutlich lehrreicher im Exerzieren gegenüber Aleshanee als Kahzuna. Der Awi war oft unbeholfen, verstand vieles auf emotionaler Ebene nicht. Dennoch versuchte er, Emotionen und Verhaltensweisen zu verstehen, wenngleich es ihn in der Regel frustrierte, es eben nicht zu begreifen.

Für Helaku war Jin ein interessanter Zeitgenosse, den er selbst nicht durchschauen konnte. Ein Jarg, der nicht so ganz der Awi war, den man glauben mochte, vor sich zu sehen. Tatsächlich hatte er etwas, auf seine ganze eigene und merkwürdige Weise, Sensibles an sich.

Auch wenn die Reise beschwerlich war, waren Helaku und Aleshanee zuversichtlich.

»Paaaa, ist es noch weit?«

Gut, Helaku war zuversichtlich.

Je weiter sie sich vom Zentrum Shang Iyuhas entfernten, desto lichter wurde der Wald, bis sie über die Ebenen Khang Iyuhas blickten. Immer weniger Leausg und Scolin waren sichtbar geworden, dafür mischten sich eine Vielzahl an Gerüchen von Caorag und Faliadh sowie Wölfen und Faol in die Luft.

Aleshanee war gespannt darauf, die menschlichen Siedlungen zu sehen; innerhalb von Ishta und Iliasta Iyuha waren sie auf keine gestoßen.

»Menschen meiden den Wald, wie viele andere Wesen. Die Atmosphäre ist für sie unangenehm«, hatte ihr Vater ihr erklärt.

Sie wusste erst nicht, was er meinte, aber wenn sie so darüber nachdachte, stimmte es. Für sie war das Gegenteil der Fall: Es fühlte sich seltsam an, außerhalb des Waldes zu sein. Aleshanee konnte nicht beschreiben, was sich anders anfühlte – es war nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders. Wie eine Präsenz, die sich im dichten Wald jederzeit in völliger Neutralität um sie legte. Hier in Khang Iyuha, dem äußersten Bereich Shang Iyuhas, war davon nichts mehr zu spüren. Dafür sah die junge Faol immer wieder dünne Rauchschwaden von Lagerfeuern aufsteigen, und war neugierig, wer dort in der Ferne lebte.

»Wie weit ist es noch?«

Halekus Ohr zuckte und verblieb in einer leicht hängenden Lage. Wie oft er diese Frage in den letzten Tagen schon gehört hatte, wusste er nicht. Und mit jedem Mal war Aleshanee quengeliger geworden.

Er ignorierte sie mittlerweile, doch nun, auf dem Gipfel eines Hügels der weiten Ebenen Khang Iyuhas, machte er Halt. Von hier aus sahen die beiden in der Ferne bereits das erste Ende der vielen Fjorden. Ein rauer Wind blies den Faolen um die pelzigen Wolfsohren. Aleshanee hatte so einen Anblick noch nie gesehen. Sie blickte über die grünen Wiesen, die hin und wieder von Büschen und kleinen Wäldern durchbrochen wurden und sah weit am Horizont das ferne Glitzern des Wassers. Die westlichen Fjorden wuchsen bis zu den Drochailean Taiar, über die Helaku mit Yoki aus Eniermha nach Shang Iyuha gekommen war, zu gigantischen Klippen an. Jene verhängnisvollen Schluchten, denen Yoki und Huyana zum Opfer gefallen waren. Doch als sie diese passiert hatten, war San nicht bei Bewusstsein oder hatte die Umgebung zu schwach wahrnehmen können, um sich daran zu erinnern. Dafür waren ihre zweifarbigen Augen jetzt neugierig und staunend auf die Aussicht gerichtet, die sie vor sich hatte. Zwischen den Bäumen, Wäldern und Gebüschen wurden die Siedlungen sichtbar, die hier zu finden waren. Dünne Rauchwolken stiegen dort in die Höhe, wo dunkle Flecken in der Ferne die Bauten andeuteten, in denen die Menschen lebten.

»Wo wohnt Onawas Rudel?«

»Am Auslauf der Linnenai. Einer der Erdadern im Südosten Shang Iyuhas, die neunte, um genau zu sein. Wenn du ihr auf der Ostseite folgst, kommst du nach der Linnochd zu den Drochailean Tatobhar. Die wiederum zweite Inselbrücke zum östlichen Kontinent Thamha.« Das waren mehr Informationen, als Aleshanee haben wollte.

»Warum ist die Welt so groß?«, fragte sie, mit einer Mischung aus Neugier und genervtem Seufzen.

»Weil die Chahghee und Wanyanka sie so groß gemacht haben.«

Das Kind gab sich damit vorerst zufrieden.

Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, rannte Helaku weiter. Ihr Vater hatte ein Ziel, auf das er zusteuerte. Aleshanees Herz schlug höher, als sie merkte, wie sie auf eine der Rauchschwaden zu, die inmitten der weit verteilten Dörfer hervortraten.

Die untergehende Sonne warf ihre großen Schatten schräg vor sie in das hohe Gras. Aleshanees Aufregung wuchs an, je näher sie den schlichten Gebilden aus Lehm, Stroh und Ästen kamen, die an Taimas Hütte im Wald erinnerten, doch im Gegensatz zu dieser frei standen. Die einzigen Gebilde, die sie sonst gesehen hatte, waren die Tipis, die die gazellenartigen Jarg Ladhria Anliadh oder auch die wenigen humanoiden Hyänenwesen Jarg Illacu in ihrer Heimat gebaut hatten. Kaeto hatte ihr von Iglus erzählt, unter denen sie sich allerdings gar nichts vorstellen konnte. Selbst nach dem Winter in Shang Iyuha mochte sie nicht so recht glauben, dass man aus der kalten Masse eine halbwegs stabile Bleibe bauen konnte. Warum diese ganzen Wesen so viel Aufwand betrieben, war ihr ein Rätsel, wenn man sich doch einfach eine bequeme Höhle suchen konnte.

Als sie die flache Ebene überblickte, bemerkte sie selbst, wo die Antwort ihrer Frage versteckt war: Es gab nicht überall ausreichend oder überhaupt Höhlen.

»Kennst du die Jarg, die da leben, Pa?«

»Früher kannte ich die Menschen dort. Ich bezweifle, dass sie noch leben.«

»Oh … Warum? Wurden sie auch von anderen getötet?«, hinterfragte Aleshanee unsicher.

»Das weiß ich nicht, aber Menschen haben ein kurzes Leben.«

Seine Tochter verzog das Gesicht. Ihrer Aufregung fügte sich ein Gefühl der Beunruhigung hinzu, das sie sich nicht ganz erklären konnte. Als die Bewohner des Dorfes die beiden näher kommenden Jarg bemerkten, waren sie ohne Zögern in Alarm- und Kampfbereitschaft. Fünf muskulöse Männer und Frauen bauten sich, bewaffnet mit Schilden und Speeren aus Holz und Leder, vor dem Eingang der Siedlung auf. Palisaden aus Holz waren in regelmäßigen Abständen in den Boden geschlagen worden, um so einen kleinen Schutzzaun um die Siedlung zu legen. Er war nicht hoch, doch um kleinere Tiere abzuhalten, genügte er.

»Verschwindet in eure Wälder!«

Während Aleshanee ihre Ohren ängstlich anlegte, hob Helaku lediglich eine Augenbraue.

Die beiden Faol wurden langsamer und kamen nur wenige Ow-Yn2 vor den feindlich gesinnten Menschen zum Stehen.

2 Meter

»Wir sind nicht hier, um zu kämpfen«, entgegnete Helaku mit fester Stimme.

Zwei der Menschen sahen sich überrascht an und der, der gesprochen hatte, musterte die beiden Jarg sehr genau, misstrauisch.

»Mein Name ist Helaku. Ich bin ein Faol aus Eniermha. Das letzte Mal war ich vor über fünf Ake-Lial3 hier. Ich kannte euren Dorfältesten Alistair, lebt er noch?«

3 Jahrzehnte

Erst auf seine Vorstellung hin lockerten die Menschen ihre Haltung.

»Nein, der alte Alistair ist vor mehr als zwei Ake-Lial verstorben. Sein Sohn Alistair der Bär ist nun im Amt.« Die Antwort stammte von dem Mann in der Mitte der Konstellation. Er schien der älteste zu sein, und hatte das angegraute lange Haar zu einem Dutt nach oben gebunden.

Sie alle fünf trugen gewebte Kleidung, über der gegerbtes Leder empfindliche Körperteile wie Brust und Unterleib verdeckte. Kein Buadei-Leder wie die Faole Gidmas es verwendeten, um sich vor Angriffen zu schützen und keine Mammutviperhaut, wie Helaku sie im letzten Kampf getragen hatte. Nein, es war einfaches Leder aus der Haut von Wildschweinen und Büffeln, das an die Festigkeit der Haut von Jarg nicht herankam.

»Das ist schade. Mögen die Chahghee über seine Seele wachen«, entgegnete Helaku, was von den Menschen nicht kommentiert wurde. Auch ihre Blicke blieben starr. Er wunderte sich nicht über den Beinamen ‘der Bär’, wenngleich er es für seltsam hielt, dass die Menschen sich solche Beinamen gaben, um gleiche Namen zu unterscheiden.

Dass diese Jarg vor ihnen friedliche Absichten hatten, war den Menschen suspekt. Dennoch senkten sie ihre Waffen.

»Und was wollt ihr hier?«, fragte die Frau unmittelbar links von dem älteren Kämpfer. Sie war ein wenig stämmig, aber muskulös.

»Wir sind auf der Durchreise, und da ich ein Freund Alistairs war, habe ich Interesse daran, zu sehen, wie sich diese Siedlung gehalten hat. Wie ich sehe, gut.« Ein schwaches Lächeln trat auf Helakus Gesicht, als er seinen Blick über den Palisadenzaun hinweg schweifen ließ. Die Siedlung hatte sich verändert, war größer geworden. Helaku erinnerte sich noch daran, dass vor vielen Ake-Lial nur eine Handvoll dieser Hütten aus Holz, Lehm und Stroh aufgebaut worden waren. Eine für jede der vier kleinen Familien und eine für ihre gemeinsamen Zusammenkünfte. Nun waren es weitaus mehr und sie schienen auch nicht nur die Funktion von Schlafstätten zu erfüllen.

»Bringen wir sie zu Alistair«, schlug die schlankere der beiden Frauen vor, was ein zustimmendes Nicken der anderen Krieger zur Folge hatte.

Damit gewährten die Menschen den beiden Fremden Eintritt in ihre Siedlung. Auch Aleshanee konnte nun die Palisaden aus Holz passieren und die Hütten sehen. Es war das erste Mal, dass sie so eine Siedlung aus der Nähe sah. Neugierig beobachtete sie die, im Vergleich zu den meisten Jarg, eher schwachen Wesen, die an allen Ecken und Enden irgendeiner Tätigkeit nachgingen. Einige kümmerten sich um das Waschen und Verstauen von Obst und Gemüse, das an den Rändern der Siedlung in Beeten und Plantagen wuchs. Andere fertigten aus Seilen, Stöcken und Spitzen aus Kupfer und Steinen ihre Stäbe.

»Was ist das?«, fragte Aleshanee ihren Vater.

»Speere. Sie werden für den Kampf und die Jagd genutzt. Deine Mutter hatte auch einen.«

»Ehrlich?« Mit großen Augen sah das Mädchen zu Helaku auf. Sie hatte Keira damit nie herumlaufen sehen.

»Ja«, antwortete Helaku nur tonlos. Er hatte den Speer zu ihrem Schutz anfertigen lassen. Wie bitter dieser Gedanke und diese Erinnerung war, wenn er daran dachte, dass der Speer im Moment ihres Todes nicht greifbar gewesen war. Die Höhle, in der sie vor Yazhi Schutz gesucht hatte, war nicht jene gewesen, in denen sie und Helaku ihre persönlichen Gegenstände aufbewahrt hatten.

Ein Schauer der Sehnsucht überkam Aleshanee beim Anblick einer menschlichen Frau, die aus Wolle Stoff webte. Ihre Mutter hatte das oft getan. Schmerzhaft trieb es einen Stich in das kleine Herz und setzte einen Kloß in Aleshanees Hals. Die meisten Bewohner dieser Siedlung, welche sie »Alasdai« nannten, hielten in ihrem Tun inne, als sie die beiden Faol sahen. Teils mit Neugierde, doch in größeren Teilen mit Furcht. Tatsächlich erblickte San auch ein paar Faliadh, eine Unterart der Ladhria, bei jenen Menschen, die Waffen herstellten. Die aufrecht gehenden, friedfertigen Jarg besaßen die Beine und den Kopf ihrer animalischen Huftier-Verwandten. Hier in Shang Iyuha wirkten sie wie menschliche Hirsche und Rehe, was ihnen den Beinamen Faliadh verschaffte. Je nach Region wiesen sie andere Merkmale der jeweils heimischen Huftiere auf. In Aleshanees Heimat lebten die Ladhria Hand in Hand – oder eher Huf in Hand – mit Gazellen oder Steinböcken. Ein paar von ihnen blickten aufmerksam zu ihren natürlichen Feinden, riefen ihre Kinder zu sich, um sie in Sicherheit zu wiegen. Die menschlichen Kinder reagierten sehr unterschiedlich auf die Fremden. Während einige ebenfalls Schutz suchten, um die Wolfjarg aus der Ferne zu beobachten, folgten andere ihnen neugierig mit gebührendem Abstand. Aleshanee war sich sicher, dass die Kinder älter waren als sie und doch überragte sie beinahe jeden der jungen Menschen um mindestens einen Kopf. Doch das war kaum ein Wunder, bei einem Vater, der 22 Ake-Yn4 groß war. Die meisten Mealleth schlugen körperlich stark nach ihren jargischen Elternteilen. Die Augen mit ihren zweifarbigen Iriden verriet am ehesten das Mischblut.

4 220 Zentimeter

Die fünf Menschen führten sie durch das kleine Dorf geradewegs auf eine große Hütte zu. Schräg hinter dieser stieg Rauch in den Himmel und ein ständig wiederkehrendes Pochen und Klopfen war zu hören. Unangenehm laut für die animalischen Ohren, welche hin und wieder zuckten, wenn einer der Töne besonders hoch war.

»Was ist das?«

»Ein Ort, an dem sie die Metalle für ihre Waffen und Werkzeuge herstellen«, schätzte Helaku.

Aleshanee fühlte sich hier nicht wohl. Es war laut und die Bewohner dieses Ortes verschafften ihr mit ihren Blicken voller Missmut, Furcht und Abscheu ein mehr als unangenehmes Gefühl. Ihr Blick wanderte von links nach rechts, die Ohren hingen herab und ihre Hand umfasste den Stoff der Hose ihres Vaters.

»Sie haben Angst vor uns, Pa«, flüsterte die Kleine.

»Du hast die Geschichte von Onawa gehört, oder?«

»Die Paco erzählte?« Nur ungern erinnerte sie sich an die Erzählung von Menschen und Faolen, die sich bekämpften und einem Mealleth, der starb, weil er instabil war.

Helaku nickte. »Genau. Die Menschen denken, dass wir sie auch töten wollen.«

»Wollt ihr das denn?« Einer der fünf Menschen blickte sich zu ihnen um.

»Nein.« Während der große Faol diese Antwort schnell und stark aussprach, schüttelte seine Tochter heftig den Kopf.

Sie blieben vor der Baute stehen, die die Mitte der Siedlung bildete. Gerade wollte einer der Männer den Stoff beiseite schieben, als eine Hand den Vorhang schwungvoll von innen öffnete. Zum Vorschein kam ein Menschenmann mit rauem Vollbart. Ein ernstes Gesicht mit kräftigen Augenbrauen, den Mund verzogen, was zu einem misstrauischen, arroganten Ausdruck führte. Obgleich er, wie die restlichen Menschen, über zwei Köpfe kleiner als Helaku war, musterte er den fremden Besucher herablassend.

»Was macht diese Töle in meinem Dorf?« Die Verachtung in seiner Stimme ließ Helaku beide Brauen heben.

»Ich bin Helaku, ein alter Freund deines Vaters.« Er riet, dass er es hier mit dem gesuchten Anführer zu tun hatte. Der Mann war dem alten Bekannten des Faols wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur, dass dieser hier einen weitaus unsympathischeren Eindruck machte.

»Ach ja? Ich will kein jargisches Gesocks hier haben.«

Die fünf Krieger spannten ihre Körper an und sahen sich erst gegenseitig, dann Helaku an.

Sie selbst waren überrascht über diese Reaktion.

»Und die Ladhria?« Skeptisch warf der Faol einen Blick über seine Schulter.

»Die arbeiten für mich, und jetzt verschwindet.« Sein abfälliger Blick fiel auf Aleshanee, die zusammenzuckte. Einen solch kalten Ausdruck kannte sie bisher nur von zwei Jarg: Tesjan, dem Amrog, den sie am Tag des Angriffs gesehen hatte, und Kahzuna. »Ist das eine Mealleth?«

Augenblicklich legten sich Sans Ohren eng an ihren Kopf an, sie krallte sich in die Kleidung ihres Vaters und drückte sich an seinen Körper. Mit großen Augen starrte sie den grimmig dreinblickenden Mann an.

Helaku dagegen legte den Kopf unbeeindruckt schief. »Ja, sie ist meine Tochter.«

Der Mensch rümpfte die Nase. »Ich bleibe dabei, verschwindet. Oder ich sorge dafür.«

»Du willst dafür sorgen? Bring mich nicht zum Lachen, Mensch, und leite deine Kämpfer nicht in ihren Tod.« Helakus Spott bedurfte nicht einmal ein Knurren, so lächerlich klangen diese Worte aus dem Mund des Mannes, der ihm nun warnend den Finger entgegenstreckte.

Er erhob seine Stimme, so wie er versuchte, seine mickrige Körpergröße zu strecken. »Ein einfacher Faol ist schon lange kein Gegner mehr für meine Leute.«

Der Faol zog eine Braue hoch, hob seine Hand und legte sie auf den Kopf seiner Tochter. Aleshanee krallte sich stärker in Helakus Hose, drückte sich an seinen Körper. Er spürte ihre Angst.

»Ich hatte gehofft, ein Mensch von Alistairs Abstammung sei nicht so dumm. Wir gehen.«

Alistair zog die Nase missbilligend kraus und spendete den Fremden einen Ausdruck purer Verachtung. Mit einer schlichten Handbewegung winkte er sie fort und tatsächlich drehte sich Helaku weg.

»Komm, San.«

Unsicher nickte sie, nahm rasch die Hand ihres Vaters und folgte ihm, als er den Weg zurück antrat. Aleshanee sah sich um, die Augen weit geöffnet, sodass ihre halb roten und halb braunen Iriden sichtbar wurden. Sie sah, wie der Mann ihnen starr und missbilligend nachblickte, breitbeinig da stand, die Arme vor der Brust verschränkt und kein Wort zu seinen Kämpfern sprach, welche allesamt wie versteinert neben ihm aufgereiht waren. Jeder einen Speer und einen Schild in den Händen, jeder mit ausdrucksloser Miene, die, wenn überhaupt, ernst wirkte.

Die Halbfaol stolperte und holte rasch wieder zu Helaku auf, beschleunigte ihren Schritt, um mit ihm mithalten zu können. »Der Mensch macht mir Angst, Pa.«

Sie hatte das Gefühl, eine Gefahr ging von ihm aus. Eine, die sie nicht einordnen konnte. Als sei sie verschlossen. Nicht offen, wie bei Kahzuna. Er war ihr ganz und gar unheimlich.

»Du bist stärker als er, San.«

Sie blinzelte, sah noch einmal zurück. Sie spürte das Brennen der Luft, als ihr Blick sich mit Alistairs kreuzte, und schüttelte, nur ganz seicht, den Kopf. Alles in ihr sträubte sich, zu glauben, dass dieser Mensch ihr unterlegen war. Der Wind änderte die Richtung und ließ einige Gegenstände der Menschen und Faliadh in der Siedlung gegeneinander rasseln. Rasch sah sich San nach der Geräuschquelle um und erblickte eine Faliadh-Dame, die mit ihren humanoiden Händen ein Gefäß aufhob, das wohl einige Ow-Yn vom Wind über das Gras geweht wurde. Sie spürte, wie ihr Vater kurz innehielt, und als sie wieder zu ihm aufblickte, drehte der Wind erneut. Fegte nach Westen, floh gen Horizont und hinterließ für den Moment eine Stille.

Helaku blickte über seine Schulter, sog die Luft durch seine Nase und runzelte die Stirn.

»Was ist los, Pa?«

»Nichts«, antwortete er nur, als er wieder zu der Lücke im Zaun sah, welcher die Siedlung umgab. Er setzte seinen Weg fort und sprach erst weiter, als er die Hütten und Zelte gut ein Cha hinter sich gelassen hatte. »Er hat Hunde.«

Erstaunt sah seine Tochter ihn an. »Was?«

Davon hatte sie noch nichts gehört.

»Das sind Wölfe, die sich schon vor vielen Lial5 an Menschen gebunden und durch diese Lebensweise ihre Freiheit verloren haben.«

5 Jahre

»Warum haben sie das gemacht?« Sie sah sich um. Noch immer hatte sie das Gefühl, den kalten Blick dieses Menschen in ihrem Nacken zu spüren. »Wenn sie nicht frei sind, müssen wir ihnen helfen!«

Sie zog an der Hand ihres Vaters, der verneinte. »Das ist nicht unsere Aufgabe. Hunde sind ihrem Menschen treu.«

»Oh …« Beinahe enttäuscht ließ sie von ihrer angespannten Haltung ab. Wenngleich ihre Augen noch immer von Furcht zeugten. »Der Mensch hat mir trotzdem Angst gemacht. Er guckt fast noch böser als Kahzuna und ist unheimlich.«

»Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben. Lass uns jagen gehen.«

Aleshanee nickte nur und betrachtete den grasigen Boden. Klee wucherte zwischen den dünnen grünen Halmen und vereinzelte Knospen unterschiedlicher Blumen öffneten sich bereits vorsichtig, schlossen sich jedoch für diesen Tag wieder, denn die Sonne verschwand langsam am Horizont.

◊◊◊

Das Feuer knisterte und schickte seine Rauchschwaden in die Kronen der Bäume, weit über den Köpfen der beiden Faol. In den halbfarbenen Augen Aleshanees spiegelte sich der Tanz der Flammen um den Körper ihrer Beute. Ein Hase, aufgespießt auf einen Stock, hing darin, und der jungen Faol lief das Wasser im Munde zusammen, je stärker der Geruch des gebratenen Fleisches wurde.

Die Vögel waren verstummt, im Gegensatz zu den leisen, melodischen Lauten der nachtaktiven Tiere.

»Warum bist du dahin gegangen?«

Es war eine ganze Weile kein Wort gesprochen worden, bis Aleshanees Frage das Knistern des Feuers auf der kleinen Lichtung inmitten der hohen Laubbäume durchbrach.

Ihr Vater nahm einige Äste und warf sie in die Flammen. »Ich wollte mich erkundigen, ob die Siedlung Probleme mit Jarg hat und ihnen vorschlagen, mich darum zu kümmern.«

Er hatte gehofft, mit San gemeinsam jene Jarg bekämpfen zu können. Seine Tochter musste lernen, mit fremden Wesen zu kämpfen. Mit solchen, die sie besiegen konnte, solche, die keine Beute waren, die aber auch keine für sie übermächtigen Gegner wie Kahzuna, Jin und er selbst waren. Vaughan war ihm in den Sinn gekommen, aber der feige Luchs hatte ununterbrochen Ausreden gefunden, um sich nicht mit der jungen Faol messen zu müssen.

Aleshanee nickte und wartete, bis das Fleisch des Hasen durchgebraten war, als ein Geräusch an ihre Ohren drang. Aus der Ferne schlich eine wohlige Melodie durch den Wald. Musik, wie San sie noch nie gehört hatte. Ein Pfeifen und Klappern, leise, melodische Stimmen.

»Wer … macht das?«, flüsterte sie, die Ohren gespitzt.

»Zin Wanahjig.« Helaku blickte in die Baumwipfel, als seien die Wesen direkt über ihnen. Doch die Laute waren sicher einige Cha entfernt. »Das sind Vogeljarg, die, wie sie selbst sagen, sehr künstlerisch sind. Sie machen Musik und singen.«

Aleshanees Blick war dem ihres Vaters gefolgt, richtete sich jedoch rasch wieder auf den großen Faol. »Das klingt schön!«

»Ja …« Er lächelte und senkte seinen Kopf, um sie anzusehen. »Früher gab es einen Zin unter den Chahd’Rian. Er hatte ein Instrument aus den hohlen Bambusrohren seiner Heimat gemacht und konnte, wenn er hineinbließ und seine Finger an den Löchern bewegte, Töne damit erzeugen.« Während Helaku das erklärte, ahmte er die Bewegung seines alten, verstorbenen Gefährten nach, indem er die Finger vor seinen Mund hielt und abwechselnd den einen oder anderen Finger abspreizte.

Seine Tochter legte den Kopf schief. Sie konnte sich darunter nur schwer etwas vorstellen.

»Kann das jeder lernen?«

Helaku lachte. »Laut ihm schon, aber ich bin gnadenlos gescheitert.« Seine Belustigung legte sich rasch. Der erfreute Glanz in seinen Augen schwand und seine Pupillen spiegelten das Tanzen der Flammen. »Ihm und auch … Kajika … gelang es besser.«

Er griff nach dem Stock, der den Hasen über dem Feuer hielt und nahm das Beutetier herunter. Das Fleisch dampfte und roch köstlich. Er biss grob ein Stück davon ab, nickte dann und riss dem toten Tier ein Bein heraus, um es San zu reichen.

»Mama hat nur gesungen«, murmelte sie, als sie das Essen an sich nahm und anschließend abbiss.

Die junge Halbjarg senkte die Lider, genoss den Geschmack und die Hitze des Fleisches. Auch Helaku kaute, starrte gedankenverloren in das Feuer.

»Ja … Sie kannte zwar Instrumente aus ihrer Heimat, aber ihr fehlte es an Wissen, um eines zu bauen.«

Er hatte vorgehabt, seiner geliebten Frau eine Trommel der Zin zu besorgen. Zin Dyanjig, die humanoiden Vogeljarg mit kräftigen Körpern und braunen Gefieder, kannten rhythmische Melodien, die sie in beeindruckendem händischen Geschick mit unterschiedlichen Trommeln ausdrückten. Geschmückt mit Federn, Steinen und Knochen gab es zahlreiche Riten, zu denen die meist ernsten, doch stets gut gelaunten Adlerjarg trommelten und damit oft die Luft im Canyon zum Beben gebracht hatten.

»Warum machen Faol das nicht?«

Aleshanees Frage riss ihn aus den Gedanken. Einen Moment lang musterte er sie schweigend, bis er den Inhalt vollends verstanden hatte. Das Lächeln zeigte seine spitzen Zähne. »Das machen wir doch. Auf unsere Weise.« Helaku schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und ließ ein tiefes Wolfsgeheul ertönen. Der schaurig-schöne Klang erklomm seinen Rachen und floh in die Wipfel der Bäume, verteilte sich mit dem Wind. Einige Momente lauschte Aleshanee dem vertrauten Laut grinsend, ehe sie ihr eigenes Heulen dazu gab. Deutlich leiser und höher gesellte sich ihre Melodie zu der ihres Vaters.

Es hatte etwas Befreiendes, den Laut in die Nacht zu stoßen. Je länger desto besser fühlte sich die Halbjarg. Selbst als der letzte Ton aus ihrer Kehle in den Sternenhimmel geflogen war, hielt sie ihren Kopf im Nacken und ihre Augen geschlossen. Spürte den sanften Wind durch ihre Haare streifen und sog die waldige Luft tief in ihre Lungen.

»Iss auf.« Liebevoll weckte die Stimme Helakus sie aus der Trance.

Aleshanee blinzelte, sah hinab zu ihrem Schoß, in dem die Hasenkeule noch immer halb gegessen in ihrer Hand lag. Sie nickte und biss ab.

◊◊◊

Die Monde waren ein ganzes Stück über den Himmel gewandert und die junge Faol war in den Armen ihres Vaters eingeschlafen. Er betrachtete die breite Sichel des kleinen Nama, die er am besten sehen konnte. Der mittlere, Shysie, war nicht zu sehen. Wahrscheinlich würde man morgen wieder eine dünne Sichel von ihr erkennen. Verdeckt von den Baumkronen der Frühlings, erstrahlte der große Amar als abnehmender Mond, der nur wenig seiner Größe eingebüßt hatte.

Es war nicht mehr lange bis zu Onawas Rudel. In nicht einmal einem Tuhangwi sollten sie in gemäßigter Geschwindigkeit, wie Aleshanee sie benötigte, ankommen. Mit diesem Gedanken schlief er ein.

Er wachte nicht auf, als die Sonne ihre ersten Strahlen durch die Nebel des Morgentaus sandte oder die ersten Vögel ihre Lieder zum Aufgang des Lichts sangen. Ein entferntes Knacken schreckte ihn hoch.

Mit verengten Augen sah Helaku sich um. Ein ungewöhnlicher Geruch lag in der Luft. Dabei war es nicht die Art des Geruchs, die ihn irritierte, sondern dessen Intensität. Wildschweine und Blut. Es roch verdächtig nach einer Jagd. Ihm war nicht bekannt, dass Menschen in der Dunkelheit jagten. Dazu seien ihre Augen zu schlecht, hatte Keira ihm stets gesagt. Noch dazu diese Masse an Blut, die beinahe in seiner Nase brannte. Vorsichtig legte er seine Tochter neben sich auf den Waldboden, warf einige Äste in das nur noch flach leuchtende Feuer und stand auf. Er folgte der Quelle des Geruchs. Der wurde schnell stärker, als Helaku ihr näher kam. Als ob das Blut ihm entgegenlief.

Misstrauisch spitzte er die Ohren, hielt die Augen offen. Keine Geräusche, die auf einen Kampf oder eine Jagd hindeuteten, gelangten an sein Ohr. Keine Schreie, keine Rufe, kein Rennen oder Hetzen.

Ein Knacken ließ seinen Kopf zur Seite rucken. Kurz linste er hinter sich, wo er fern das Flackern des Lagerfeuers sehen konnte. Es tauchte die Baumstämme seiner Umgebung in ein glimmendes Orange.

Leicht hob er die menschliche Stupsnase, die einer Wolfsnase in nichts nachstand, und witterte. Blut. Von Wildschweinen. Dessen Gestank war so stark, dass Helaku nur mit großer Konzentration einen weiteren Geruch dazwischen ausmachen konnte: Hunde. Seine Ohren zuckten. Rascheln und Knistern aus dem Waldstück, das ihn von der Ebene vor dem Dorf trennte.

»Wer ist da?« Seine Stimme hob sich über den aufkommenden Wind.

Leise knirschten die kleinen Steine, Äste und die letzten braunen Blätter des vergangenen Herbstes unter Helakus Füßen. Wachsam linste er hin und her, die aufgestellten großen Wolfsohren zuckten bei jedem Flüstern des Windes und jedem noch so winzigen Geräusch der Tiere aus dem Wald. Er ahnte, dass diese einfältigen Menschen aus dem Dorf mit ihren Hunden auf der Lauer lagen, und dachten, dass das Wildschweinblut ihn täuschte.

Hatten sie sich damit eingerieben, um ihren Geruch zu verbergen?

Zu dumm, dass ihre Hunde genug stanken, um ihm klarzumachen, dass es sich nicht nur um eine Horde verletzter Säue handeln konnte. Zwar konnte er keine Witterung des menschlichen Geruchs aufnehmen, doch das musste er auch nicht. Er nahm sich einen weiteren Moment der Konzentration, um sie zu orten. Auch wenn der eiserne Gestank von überall zu kommen schien, gelang es dem Faol, eine Richtung ausfindig zu machen, in der er mit jedem Schritt ein wenig stärker wurde. Es brannte in seiner Nase und je länger er dem ausgesetzt war, desto schwerer fiel ihm die feine Differenzierung.

Er hob die Oberlippe wie ein Raubtier, die Zähne aggressiv entblößt. Ein schwaches Knurren entwich seiner Kehle.

Wollten sie wirklich Jagd auf ihn machen?

Auf ihn? Einen Faol und Chahd’Rian?

Seine Konzentration lag in der Ferne. Irgendwo hinter diesen Bäumen verbargen sie sich. Er konnte das Hecheln der Hunde und das Säuseln der gedämpften Stimmen hören, die die Menschen versuchten, vor seinen Ohren zu verbergen. Er war nah, verengte die Augen, ballte seine Hand zur Faust, die von dünnen Blitzen umzuckt wurde.

Die roten Augen folgten einem Streifenhörnchen, das über Helakus Kopf von einem Ast auf den nächsten sprang, dicht gefolgt von einem Jarg Imu Atharra. Geschickte Jäger in Form von nachtaktiven, kleinen Katzen. Der Faol rümpfte die Nase. Mit katzenartigen Tieren und Jarg hatte er nur Ärger gehabt. Er schüttelte den Kopf und gerade, als er wieder voransah, bemerkte er einige Ow-Yn vor sich für einen kurzen Moment den wedelnden Schweif eines Hundes hinter einem Baumstamm.

---ENDE DER LESEPROBE---