DAS BUCH
Die ferne Zukunft: In der von den unsterblichen »Erlauchten« regierten interstellaren Gesellschaft kann sich nicht jeder den Aufstieg zum ewigen Leben durch Meriten verdienen. Wer in den »Gemischten Gebieten« geboren wird, ist von vornherein zur Sterblichkeit verdammt. Doch in der Schattenwelt sind etliche Profiteure und Quacksalber bereit, gegen entsprechende Entlohnung den angeblichen Makel aus der Genstruktur zu entfernen – allerdings nicht immer mit Erfolg.
Esebian hat den radikalen Weg zu den »Hohen Welten« gewählt und als Auftragskiller in unterschiedlichen Identitäten Meriten für den Aufstieg gesammelt. Dann entschließt er sich, das Töten zu beenden und als Wissenschaftler zu arbeiten. Als er jedoch erpresst wird, El’Kalentar, den Direktoriatsvorsitzenden der »Erlauchten« zu ermorden, hofft er, durch einen letzten Akt der Gewalt die Pforte zur Unsterblichkeit aufstoßen zu können.
Aber wer kann ein Interesse am Tod El’Kalentars haben? Ein Konkurrent, der El’Kalentars Position einnehmen will? Das Untergrund-Netzwerk Aurora, das gegen die Diskriminierung der »Gemischten Gebiete« kämpft? Oder gar die Magister, Maschinenwesen mit einer gigantischen Datenverarbeitungskapazität, die über die Einhaltung der Gesetze auf den »Hohen Welten« wachen? Trotz aller Bedenken führt Esebian den Auftrag aus. Doch der Lohn ist nicht Unsterblichkeit, ganz im Gegenteil …
DER AUTOR
Andreas Brandhorst, 1956 im norddeutschen Sielhorst geboren, schrieb bereits in jungen Jahren Erzählungen für deutsche Verlage. Es folgten zahlreiche fantastische Romane, darunter mit dem Kantaki-Zyklus eine episch angelegte Zukunftssaga. Der zuletzt erschienene Mystery-Thriller Äon war ein riesiger Publikumserfolg. Brandhorst lebt als freier Autor und Übersetzer in Norditalien.
Andreas Brandhorst
Kinder der Ewigkeit
Roman
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Redaktion: Rainer Michael Rahn
Copyright © 2010 by Andreas Brandhorst
Copyright © 2010 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenCovergestaltung: Nele Schütz Design
ISBN 978-3-641-04231-8V003
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Wenn Sie im Haus des Lebens stünden, welche Tür würden Sie öffnen, aus welchem Fenster schauen?
DAS ENDE DER RUHE
Verzehren und vernichtigen Des Feuers Wut ihm Haus und Hof; Und stirbt er, tritt der Ruh’lose Ins Dasein in der Höllenwelt.
1
Als Esebian in sein Haus über den Experimentalseen von
Angar zurückkehrte, wusste er sofort, dass etwas nicht stimmte.
Während fünfhundert Meter weiter unten zweihundertsiebenunddreißig feuchtigkeitsorientierte Spezies in einem Beschleunigten Ökologischen Experiment grunzend, quiekend und manchmal in stummer Verzweiflung um ihr Überleben kämpften, herrschte hier oben Stille. Aber es war eine Stille, die weniger friedlich geworden war; irgendwo darin verbarg sich Gefahr.
Reiner Instinkt ließ Esebian im Eingang innehalten, ein alter Instinkt, so tief in ihm verankert, dass er selbst in seinem derzeitigen mentalen Modus, dem des gelassenen Wissenschaftlers, Alarm schlug.
»Kommen Sie herein«, erklang die Stimme eines Fremden. Es war völlig unmöglich, dass sich jemand ohne Autorisierung Zugang verschafft hatte. Das Haus war mit den besten Sicherheitssystemen ausgestattet, die man für Meriten bekommen konnte. Esebian musste es wissen, denn er hatte einen großen Teil seines Lebens damit verbracht, solche Systeme zu überlisten.
Er trat einen Schritt vor und damit über die erste Sicherheitsschwelle, die ihm durch subliminale Signale mitteilte, dass sein Haus über volles Verteidigungspotenzial verfügte. Seine Erweiterungen meldeten Bereitschaft.
»Ich verstehe Ihre Überraschung«, fuhr die Stimme aus dem Innern des Hauses fort. »Ich versichere Ihnen, dass Sie nichts zu befürchten haben. Zumindest nicht hier.«
Esebian ging weiter und brachte auch die anderen Sicherheitsschwellen hinter sich, woraufhin das Innere des Hauses vom Stand-by- in den Standardmodus wechselte. Mehrere Zimmer entstanden, mit Möbeln aus dunklem Holz, wie er es mochte. Neben dem Tisch im Salon stand eine humanoide Gestalt vor dem hellen Hintergrund des breiten Panoramafensters, das sich zum Himmel von Angar öffnete und in der Ferne einige der fliegenden Forschungsstationen zeigte.
»Wer sind Sie?«, fragte er und meinte eigentlich: Was sind Sie?
»Nennen Sie mich … Tirrhel.«
»Sie verletzen meine Privatsphäre, Tirrhel.« Esebian ging zum Tisch im Salon und stellte seine Tasche darauf ab, in der sich auch einige externe Erweiterungen befanden.
»Niemand kann uns hören, niemand kann uns sehen«, sagte Tirrhel ungerührt. »Für den Rest der Welten findet dieses Gespräch nicht statt. Und wenn Sie gestatten: Ihre Privatsphäre spielt in diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle.«
Esebian begann zu ahnen, was es mit dem ungebetenen Gast auf sich hatte. Eine der Möglichkeiten, und derzeit die unangenehmste, bestand darin, dass es sich um einen Schatten seiner Vergangenheit handelte. Manche Brücken ließen sich nie ganz abbrechen. Aber dass sie ihn ausgerechnet hier gefunden hatten, wer auch immer »sie« waren …
»Dieses Haus steht mit dem Magister beim Filigran über dem ersten Planeten dieses Sonnensystems in Verbindung«, sagte er.
»Nicht mehr«, erwiderte der Fremde gelassen. »Ich finde es erstaunlich, dass Sie es noch nicht bemerkt haben. Sind Sie nachlässig geworden?«
Esebian wandte den Blick nicht von dem Fremden ab, als er mit einem Wink das Gesteninterface aktivierte und unmittelbar darauf den Grund für die Stille erfuhr, die ihm zuvor aufgefallen war: Aus dem angeregten Dialog des Hauses mit den verschiedenen Teilen des fast dreihundert Millionen Kilometer entfernten Magisters war ein gelegentliches Flüstern geworden.
»Haben Sie die Verbindung unterbrochen?«, fragte Esebian erstaunt.
»Ja.«
Das war Anlass genug für Esebian, den Besucher auf seiner persönlichen Gefährlichkeitsskala drei Stufen höher einzuordnen. Er hatte nicht nur die Sicherheitsschwellen des Hauses überwunden, unter ihnen einige sehr kreative, sondern auch den Kontakt zum Magister unterbrochen. So etwas erforderte erhebliche Ressourcen. Zum zweiten Mal innerhalb einer Minute fragte sich Esebian, wie er reagieren sollte. Er konnte seine eigenen Waffen verwenden, oder die des Hauses. Nichts deutete auf ein Neutralisierungsfeld hin, und die Verletzung der Privatsphäre galt nicht nur auf den Hohen Welten als schweres Verbrechen, sondern auch hier im Haredion-System, das zu den Tausend Tiefen gehörte. Vermutlich hätte niemand ernsthafte Vorwürfe gegen ihn erhoben.
Erledige ihn, flüsterte Caleb in ihm. Er hatte, wie alle anderen, dem Wissenschaftler weichen müssen, aber seine Persönlichkeit war in Esebians komplexem Selbst fest verwurzelt.
»Sie überlegen, ob Sie Waffengewalt gegen mich einsetzen sollen«, sagte Tirrhel ruhig. »Ich rate Ihnen davon ab. Außerdem würden Sie dann gar nicht erfahren, warum ich hier bin.«
Weil du dann tot wärst und es mir nicht mehr sagen könntest?, dachte Esebian. Oder weil ich tot wäre und die Antwort nicht mehr hören könnte?
»Weder noch«, sagte Tirrhel und nahm auf seiner Seite des Tisches Platz. »Und nein, ich lese Ihre Gedanken nicht. Die kleinen Gedankenspielchen in Ihrer Großhirnrinde erfüllen durchaus ihren Zweck. Aber ich errate, was Ihnen durch den Kopf geht.«
Jemand mit viel Erfahrung, schloss Esebian sofort. Jemand, der lange genug gelebt und viel Zeit gehabt hat, Menschen kennenzulernen und die vielen kleinen Hinweise in Mimik und Körpersprache zu deuten. Ein Aufgestiegener. Ein Kandidat wie ich.
»Bitte setzen Sie sich«, sagte Tirrhel. »Lassen Sie uns ein kleines Gespräch führen. Später können Sie immer noch versuchen, mich umzubringen.« Ein flüchtiges Lächeln huschte über die Lippen des Mannes. »Womit wir eigentlich schon beim Thema wären. Wie viele Menschen haben Sie ermordet? Und nicht nur Menschen, wie ich hörte. Wie viele sind es insgesamt? Fünfzig? Sechzig? Haben wir korrekt mitgezählt?«
Wir, dachte Esebian, und etwas in ihm erstarrte zu Eis, während ein anderer Teil in einen emotionslosen Analysemodus schaltete. Der Besucher war etwa fünfzig Scheinjahre alt, hatte kurzes dunkles Haar mit einigen Lücken für kleine Tätowierungen, die vielleicht Nanosensoren enthielten, und eine recht große Nase über einem schmallippigen Mund. Die Augen waren auffallend groß, die Pupillen unterschiedlich gefärbt. Implantate, vermutete Esebian, oder das Resultat von aufwendigerem gesteuertem Wachstum. Die unauffällige Kleidung bestand aus halb biologischen Polymeren, die ihre Farbe der jeweiligen Umgebung anpassten, möglicherweise eine semipermanente, multifunktionelle Zweite Haut.
»Wer sind Sie?«, fragte Esebian noch einmal und sank langsam auf einen Stuhl, die internen Waffensysteme bereit.
»Zuerst möchte ich Ihnen sagen, wer ich nicht bin«, antwortete Tirrhel nonchalant. Er legte die Hände auf den Tisch und faltete sie, schien mit dieser Geste darauf hinweisen zu wollen, dass er nichts Böses im Schilde führte. »Ich bin kein Ethikwächter, und ich gehöre auch nicht zu den hiesigen Observanten. Ich bin ein … Privatmann.«
»Eben haben Sie von ›wir‹ gesprochen.«
»Andere Privatleute schicken mich zu Ihnen. Wir haben einen Auftrag für Sie.«
Esebian seufzte innerlich. »Derzeit nehme ich keine Forschungsaufträge an«, sagte er, obwohl er wusste, dass es sinnlos war. »Ich bin mit eigenen Projekten beschäftigt.« Er deutete nach draußen, in Richtung der über den Experimentalseen schwebenden Forschungsstationen.
Im rechten Auge des Fremden blitzte es kurz, und Esebian fragte sich, ob es ein Lichtreflex vom Fenster war. Die Nanosensoren in seinen Wangen registrierten weder Sondierungssignale noch den Versuch, mit versteckter Stimulation seiner Sinne Einfluss auf Wahrnehmung und Bewusstsein zu nehmen.
»Sie beschäftigen sich seit inzwischen zwanzig Echtjahren mit dem FEK-Syndrom«, sagte Tirrhel. »Glauben Sie, damit mehr Meriten verdienen zu können als mit der Tätigkeit, die Sie vorher ausgeübt haben?«
Esebian schwieg und wartete.
Der Fremde auf der anderen Seite des Tisches ließ einige Sekunden verstreichen. »Sie sind zweihundertdreiundfünfzig Jahre alt und seit fast dreißig Jahren Konsul. Ihnen bleiben nur noch wenige Jahre für den Aufstieg in die Achte. Denken Sie, in dieser Zeit genug Meriten sammeln zu können? Und selbst wenn Sie es schaffen … Wie soll es für Sie als Resident weitergehen? Die letzte Stufe ist die schwierigste, das wissen Sie. Sie müssten bei Ihren Untersuchungen des Finalen Evolutionskollaps entscheidende Durchbrüche erzielen, um den Sprung ganz nach oben zu schaffen. Auch wenn Sie derzeit glauben, auf dem richtigen Weg zu sein … Es können sich immer neue Probleme ergeben.«
Esebian hörte die kaum verhohlene Drohung und unternahm einen letzten Versuch. »Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Vielleicht verwechseln Sie mich mit jemanden. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden … Ich möchte mir die neuesten Daten ansehen.« Er stand auf.
Nur Tirrhels Augen bewegten sich; der Rest von ihm blieb so reglos wie in einem Fesselfeld. »Setzen Sie sich wieder, Esebian. So nennen Sie sich hier, nicht wahr? Früher hießen Sie Winford. Damit begann es, nicht wahr? Dann wurden Sie Caleb, Kyrill, Gunder, Dorotheri und Yrthmo, um nur einige Namen zu nennen. Zu Beginn Ihrer ›Karriere‹ sind Sie für kurze Zeit ein gewisser Evan Ten-Ten gewesen, aber dieser Name ließ sich zu den Gemischten Gebieten zurückverfolgen, und deshalb haben Sie ihn nicht lange benutzt. Solche Fehler sind Ihnen seit damals nicht mehr unterlaufen. Über viele Jahre hinweg haben Sie die Unterstützung des Netzwerks genossen, das sich Aurora nennt. Da fällt mir ein … Wie geht es Ihrem Freund Lukas? Hat er noch immer seinen Laden auf Gevedon?«
Esebian setzte sich wieder und legte wie Tirrhel die Hände auf den Tisch. Zu Anfang seiner Karriere, wenn man sie so nennen durfte, hatte er mehrere Fehler gemacht und mit Lukas’ Hilfe aus ihnen gelernt. Aber irgendwann in jüngerer Vergangenheit musste ihm ein anderer Fehler unterlaufen sein, denn sonst wäre dieser Mann kaum in der Lage gewesen, ihn zu finden. Und so viel über ihn zu wissen.
»Ich schlage vor, wir reden ganz offen miteinander«, sagte der Fremde. »Von den zweihundertdreiundfünfzig Echtjahren Ihres Lebens haben Sie mehr als hundertfünfzig als Auftragskiller verbracht. Das ist, gelinde gesagt, erstaunlich, wenn man bedenkt, dass den Magistern nicht einmal kleine Verstöße gegen die Regeln entgehen, von Kapitalverbrechen dieser Art ganz zu schweigen. Darum bin ich hier. Wir brauchen jemanden wie Sie. Einen Spezialisten, der sein Handwerk versteht.«
»Tut mir leid. Ich bin Forscher und untersuche das FEK-Syndrom. Der Mann, den Sie suchen, existiert nicht mehr.«
»Ich bin sicher, Sie haben sein Persönlichkeitsprofil irgendwo gespeichert. Reaktivieren Sie es.«
»Ich bedauere, aber …«
»Es soll Ihr Schaden nicht sein, Esebian. Sie helfen uns, und wir helfen Ihnen. Wir sorgen dafür, dass Sie die nötigen Meriten bekommen. Wir ermöglichen Ihnen nicht nur, die achte Stufe zu erreichen und Resident zu werden. Wir öffnen Ihnen die letzte Tür. Unsterblichkeit, Esebian.«
Ewiges Leben, dachte er.
»Sie könnten das Ziel schon bald erreichen«, sagte Tirrhel. »El’Esebian. Wie gefällt Ihnen der Klang dieses Namens? Esebian, der Erlauchte …«
»Nein«, erwiderte Esebian, während etwas in ihm Ja! schreien und die Chance nutzen wollte. »Aufträge dieser Art übernehme ich nicht mehr. Natürlich habe ich unser Gespräch aufgezeichnet.« Er deutete kurz auf Augen und Ohren und meinte die Mikrorecorder darin. »Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, sich an die Magister zu wenden …«
»Sie haben immer noch nicht ganz verstanden. Wir wissen alles über Sie, Esebian. Alles. Wir wissen nicht nur, wen Sie wann für welchen Auftraggeber umgebracht haben – wir kennen auch Ihre Herkunft. Sie kommen aus den Gemischten Gebieten. Früher trugen Sie den Makel in sich. Wenn Sie uns nicht helfen, mein lieber Esebian …«, sagte der Fremde fast im Plauderton. »Dann sorgen wir nicht nur dafür, dass Ihre FEK-Forschungen ohne ein Ergebnis bleiben, das Aufstiegsmeriten rechtfertigen würde. Wir lassen außerdem zu den Magistern durchsickern, wer Sie wirklich sind und woher sie kommen. Und glauben Sie mir: Die Aufzeichnung dieses Gesprächs nützt ihnen herzlich wenig.« Ein kurzes Schulterzucken unterstrich die letzten Worte.
Damit erreichte der Fremde auf Esebians Gefährlichkeitsskala einen Platz direkt hinter Erlauchten und Magistern.
»Auf wen haben Sie es abgesehen?«, fragte er aus reiner Neugier und noch immer als kühler Analytiker.
»Auf einen Bewohner von Taschka.«
Esebian wölbte die Brauen, als er begriff, was Tirrhel und seine Hintermänner von ihm verlangten: Er sollte einen Erlauchten töten, einen Unsterblichen.
2
In See neun hat die kritische Phase begonnen«, sagte Donaton Rell, der neben dem Situationstisch stand und physisch präsent zu sein schien. »Die Lyonen haben gestern die letzte evolutionäre Konkurrenz eliminiert und heute Morgen das Stadium absoluter Dominanz erreicht. Damit einher ging eine signifikante Lebensverlängerung von dreizehn Komma sieben Prozent über zehn Generationen hinweg. Vor wenigen Minuten hat die elfte Generation Reife erlangt, und es sind erste Anzeichen von Degeneration erkennbar.«
Esebian ging langsam um den Situationstisch herum, dessen einzelne Darstellungsschichten ihm den aktuellen Entwicklungsstand aller Spezies in den insgesamt fast hundert Experimentalseen zeigte. Nach dem Gespräch mit dem Fremden war er so sehr in Gedanken versunken, dass er kaum auf seine Umgebung achtete und gegen den Forschungsleiter prallte. Ein kurzes Prickeln und Flackern zeigte ihm, dass Donaton Rell nicht wirklich hier war, im Situationsraum seines Hauses, sondern noch immer in einer der fliegenden Forschungsstationen, vermutlich in der über Nummer neun.
Er trat ein wenig zurück und musterte den Mann, der hier zu ihm sprach und gleichzeitig Dutzende von Experimenten überwachte. Der kleine, drahtige Rell war ein »mechanischer Zwitter«, wie man solche Leute in den Tausend Tiefen nannte. Vor etwa fünfzig Jahren hatte er mit seinen Forschungen über das mitochondriale Gedächtnis Kandidatenstatus erreicht und war in die erste Kategorie aufgestiegen. Spätestens dreißig Jahre später hätte er vom Provisor zum Nuntius arrivieren sollen, aber Donaton Rell hatten die dafür notwendigen Meriten gefehlt, und deshalb war ihm der Aufstieg zur zweiten Kategorie nicht möglich gewesen. Eine Residenz auf den Hohen Welten blieb ihm damit für immer verwehrt, aber auf ein langes Leben wollte er nicht verzichten, und deshalb hatte er begonnen, einzelne Körperteile und Organe nach und nach durch biomechanische Prothesen und Erweiterungen zu ersetzen. In den letzten Jahren hatte sich der Zellverfall beschleunigt – das typische Ergebnis eines Therapieabbruchs -, und das zwang Rell, immer mehr von seinem Körper zu ersetzen. Esebian vermutete, dass ihm in einigen Jahrzehnten nichts anderes übrig blieb als ein Identitätstransfer, entweder in eine Bioschale, da sich sein eigenes Körpergewebe nicht für Neuzüchtungen eignete, oder in ein intelligentes Terminal unter der Obhut eines Magisters. Wenn es ihm bei diesem Projekt gelang, ausreichend Meriten zu sammeln, konnte er auch Teil eines Schiffes oder einer Sonde werden und sich für eine Erkundungsmission in die Weiten zur Verfügung stellen – für so etwas suchten Erlauchte und Magister immer Freiwillige.
All diese Gedanken gingen Esebian in wenigen Sekunden durch den Kopf – er befand sich noch immer im analytischen mentalen Modus -, und dann dachte er an etwas anderes und sagte: »So ein Unsinn.«
Donaton Rell wandte sich ihm zu. »Wie bitte?«
Der Forschungsleiter hatte Esebian mit seiner Scheinpräsenz an den Fremden erinnert, der wie aus dem Nichts erschienen und anschließend spurlos verschwunden war, und dadurch kehrten seine Gedanken zu dem rätselhaften Besucher zurück und zu dem Gespräch mit ihm.
So ein Unsinn, wiederholte er lautlos. Warum ich?, hatte er gefragt. Und der Mann, der angeblich Tirrhel hieß, hatte geantwortet: Weil Sie der Beste sind.
Selbst wenn es der Wahrheit entsprochen hätte: Der beste Killer in den Tausend Tiefen zu sein – war das etwas, auf das man stolz sein konnte?
Caleb, dachte Esebian, wäre vielleicht stolz darauf gewesen. Aber Caleb gehörte zu seiner Vergangenheit; er hatte vor zwanzig Jahren ein neues Leben begonnen.
Die anderen, die er gewesen war … Er begriff, dass er ihre Hilfe brauchte, denn seit zwei Stunden drehten sich seine Gedanken im Kreis. Erneut sah er Donaton Rell an, und plötzlich erschien ihm der mechanische Zwitter wie ein Hinweis auf die eigene mögliche Zukunft.
»Haben Sie mir zugehört, Konsul?«, fragte der Forschungsleiter. Neben ihm summten leise die Datenströme der verschiedenen Darstellungsschichten des Situationstischs. »Die kritische Phase im neunten See …«
»Wir müssen dies verschieben, Rell.« Esebian ging bereits zur Tür.
»Darf ich Sie daran erinnern, dass wir zwei Jahre auf diesen Moment hingearbeitet haben? Die Degeneration bei der elften Lyonen-Generation …«
»Versuchen Sie es mit Variationen der bisherigen Behandlungsmethoden. Zellauffrischung, Restrukturierung von DNS und RNS sowie Reprogrammierung des mitochondrialen Gedächtnisses – das ist Ihr Spezialgebiet.«
Donaton Rell ließ die Hände sinken. Ein von der Kuppe des linken Zeigefingers ausgehendes Indikatorlicht schnitt durch die Datenströme des Situationstischs und erlosch. »Wir könnten kurz vor einem Durchbruch stehen. Wenn es uns diesmal gelingt, die Degeneration aufzuhalten und die nächste Generation ohne Zerfallserscheinungen heranwachsen zu lassen … Es wäre ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Verhinderung des FEK. Wir könnten einer Lösung des Problems so nahe sein.« Er hielt Daumen und Zeigefinger dicht beisammen.
Esebian zögerte an der Tür.
Rell verstand ihn falsch. »Die Magister haben tausend Meriten dafür in Aussicht gestellt.«
Doch es war keine Unschlüssigkeit, die Esebian zögern ließ, sondern ein weiterer, quälender Gedanke. Auch wenn Sie derzeit glauben, auf dem richtigen Weg zu sein … Es können sich immer neue Probleme ergeben. Sabotage. Die Drohung war klar genug.
»Kümmern Sie sich um alles, Rell.« Esebian winkte für das Gesteninterface, und das Haus unterbrach die Kommunikationsverbindung.
Esebian ging mit langen Schritten durch halbdunkle Korridore, die auf seine Stimmung reagierten und sie zu verbessern suchten, indem sie heller wurden und ihm beruhigende pastellfarbene Töne präsentierten. Leise Musik erklang, den Violinmelodien der Kirgu aus dem Magenta-Cluster nachempfunden, aber Esebian sah weder die Farben, noch nahm er die zarten Töne wahr. Zwei Stunden der zwanzigstündigen Frist, die Tirrhel ihm gesetzt hatte, waren verstrichen, und er fühlte schon jetzt, wie die Zeit knapp wurde – sie zerrann wie Sand zwischen seinen Fingern.
Esebian betrat seinen privaten Raum, schloss die Tür hinter sich und überprüfte die Siegel. Alles in Ordnung. Dieser Ort gehörte ganz allein ihm und war selbst für Herax – beziehungsweise Herax-al-Kalmera-Kellian-tan-Halbatt-effan-Xanteriall; so lautete der volle Name des Magisters beim Filigran über dem ersten Planeten – unerreichbar. Hier konnte er sich selbst Gesellschaft leisten, im wahrsten Sinne des Wortes, ohne Datenschnüffler irgendeiner Art befürchten zu müssen. Herax’ Augen und Ohren endeten an der Tür.
Bevor er sich seinen früheren Leben zuwandte – Esebian hatte beschlossen, sich selbst um Rat zu fragen -, wollte er noch einmal zu dem Gespräch mit Tirrhel zurückkehren. Er trat in die Mitte des Raums, wo sofort ein Sessel aus dem Boden wuchs. Als Esebian darin Platz nahm, wurde der Rest des Bodens transparent wie Glas, und See Nummer vierzehn, direkt unter dem Haus, schien zum Greifen nahe. Smaragdgrünes und rosafarbenes Wasser glitzerte im Licht der Sonne Haredion.
Eine kleine, schmale Konsole schob sich vor ihm nach oben, zierlich und fragil wie die zarten Stränge eines neuen Filigrans, und er legte die Hände in die Interface-Mulde. Ein leichtes Prickeln wies darauf hin, dass die Systeme des privaten Raums eine Verbindung mit seinem Nervensystem herstellten; dadurch konnte ganz auf verräterische externe Signalübertragung verzichtet werden.
Esebians Blick war auf die vordere Fensterwand gerichtet, und durch sie auf eine etwa zwei Kilometer entfernte Forschungsstation, aber die visuellen Informationen erreichten sein Bewusstsein nicht mehr. Direkte neuronale Stimulation gab ihm die Perspektive eines imaginären Beobachters, der während des Gesprächs mit Tirrhel über ihm selbst und dem Fremden geschwebt hatte. Er erlebte die Begegnung noch einmal, sah die Maske der eigenen Gelassenheit und die unnahbare Kühle des Besuchers. Eine seiner Erweiterungen – ein kleines Implantat vier Zentimeter hinter der Stirn – ermöglichte ihm die Steuerung der auf ihn abgestimmten privaten Systeme. Er veränderte den Blickwinkel, holte den Fremden so nahe heran, dass die Poren in seinen Wangen wie kleine Krater wirkten. Er spähte in die unterschiedlich gefärbten Augen, rief zusätzliche Informationen ab und gelangte zu dem Ergebnis, dass sie tatsächlich das Resultat von aufwendigem gesteuertem Wachstum waren. Ihr Leistungsspektrum blieb Spekulationen überlassen. Die dünnen Linien der Tätowierungen wurden im Wahrnehmungszoom zu breiten Schichten aus Dutzenden von miteinander verknüpften Leiterbahnen. Schaltkreise? »Er ist kein Mensch.«
Esebians stellte fest, dass Calebs Gesicht an der Wand erschienen war. Neben ihm hatte sich ein weiteres Wandsegment getrübt, und darin bildeten sich die ersten Konturen von Gunder, der im Lauf der Jahrzehnte fast ebenso stark wie Caleb geworden war. Die anderen Persönlichkeiten regten sich ebenfalls, geweckt von der neuronalen Stimulation und bisher noch zurückgehalten von unterschwelligen Barrieren.
Esebian rief den Crawler zurück, den er vor zwei Stunden, unmittelbar nach der Begegnung mit dem Fremden, in die Datennetze des Direktoriats geschickt hatte. Die Tausend Tiefen waren ihm ohne Einschränkungen zugänglich, und über Brücken konnte er auch die Netze der Enha-Entalen, Kirgu und des Kongresses erreichen, obwohl es dort manchmal zu seltsamen Kompatibilitätsproblemen kam. Einige Male, vor vielen Jahren, war es ihm gelungen, mit einem speziell programmierten Crawler die Schranken des Poseidons und der Klerikalen zu passieren und ihre Informationssubsysteme zu kontaktieren, doch so etwas erforderte erheblichen Aufwand.
»Ich glaube, hier ist mehr Aufwand nötig«, sagte Caleb. »Mit einem gewöhnlichen Crawler kommen wir nicht weiter.«
Esebian hörte ihn, als er die Meldung des Crawlers empfing. Sie lautete schlicht und einfach: keine Daten. Tirrhels Weg ließ sich nicht zurückverfolgen.
»Kein Mensch«, wiederholte Caleb. »Ich spüre es.«
»Ein Polymorpher aus dem Kongress?«, murmelte Esebian. »Aber warum sollten sich Kongressler den Tod eines Erlauchten wünschen? Was hätten sie davon?«
Tirrhel hatte keine DNS-Spuren im Haus hinterlassen, und allein das war erstaunlich genug. Das eine oder andere Haar, Hautpartikel, Schweiß- und Atemluftmoleküle – jeder Besucher, ob belebt oder unbelebt, ließ etwas zurück. Nicht so Tirrhel.
»Sehen wir uns noch einmal an, wie er verschwunden ist«, sagte Caleb, der natürlich über die gleichen Erinnerungen verfügte wie Esebian. »Und dann weck die anderen. Sie haben lange genug gewartet. Weck uns alle.«
»Du weißt, was dich dann erwartet, nicht wahr?«, fragte Gunder mit seiner sanften, oft ein wenig melancholisch klingenden Stimme.
»Ja.« Esebians Aufmerksamkeit kehrte zu den Aufzeichnungen zurück, und er sah und hörte:
»In spätestens zwanzig Stunden erwarte ich Ihre Entscheidung.« Der Fremde legte eine kleine Scheibe auf den Tisch, stand auf und ging zur Tür. Die dortigen Sicherheitsbarrieren waren noch immer aktiv, aber auch richtungsorientiert – sie reagierten auf niemanden, der das Haus verließ. Tirrhel passierte sie, als existierten sie gar nicht. Esebian zögerte zwei oder drei Sekunden, noch immer schockiert, drehte sich dann um und eilte ebenfalls nach draußen. Am Anlegesteg vor dem Haus wartete nur der kleine Transporter, der ihn von den Forschungsstationen zurückgebracht hatte.
Und Tirrhel war nicht mehr da. Esebian beobachtete, wie er sich verwundert umsah, und er hörte, wie er das Haus befragte.
»Kein Flugverkehr in der Nähe des Hauses«, erklang erneut Calebs Stimme. »Und keine Orbitalspringer weiter oben am Himmel.«
»Ein Transferitor«, spekulierte jemand anders. »Vielleicht hat Tirrhel einen getarnten Noder vor dem Haus zurückgelassen und ihn aktiviert, kaum dass er draußen war.«
Esebian blinzelte, und sein Blick kehrte in den privaten Raum zurück. An der Wand hatte sich ein drittes Gesicht gebildet, noch ebenso vage wie das von Gunder: Yrthmo, Technikspezialist.
»Es erklärt nicht, wie er ins Haus gelangen konnte, ohne einen Alarm auszulösen«, sagte Caleb. »Und es beantwortet nicht die Frage, wieso er überhaupt keine Spuren zurückgelassen hat. Ich glaube, es gibt nur eine Erklärung. Du ahnst es bereits, nicht wahr, Esebian?«
»Ein Avatar«, erwiderte er langsam und nachdenklich.
Caleb nickte ernst. »Und kein gewöhnlicher. Hol uns jetzt zurück. Diese Sache ist wichtig. Es geht um unser Leben.«
3
Ein Avatar, dachte Esebian, und auf diesen Gedanken konzentrierte er sich, als er die inneren Türen öffnete und das Haus des Lebens, das er die letzten zwanzig Jahre allein bewohnt hatte, mit den anderen Persönlichkeiten teilte. Er war sie, und sie waren er: die Leben, die er geführt hatte, seine Identitäten; bestimmte Eigenschaften waren in den Vordergrund geschoben, andere in den Hintergrund gerückt worden. Ein Mahlstrom aus Erinnerungen erfasste ihn, als alles zurückkehrte, die Reminiszenzen einer zweieinhalb Jahrhunderte langen Existenz. Das war einer der Gründe für die Trennung von Identitätsphasen: Es wurde zu viel. All die Sinneseindrücke im Lauf der Jahre, Gespräche, Erlebnisse, Erfahrungen, Emotionen … Das automatische Aussortieren von Banalem und Unwichtigem geriet durcheinander, wenn sich die Archive des Gedächtnisses immer mehr füllten. Individuelle Wünsche und Hoffnungen verschoben die Perspektiven, und manchmal gewannen Möglichkeiten den Status von Erlebtem, und Geträumtes transformierte sich zu scheinbarer Realität. Esebian hatte sich oft gefragt, wie die Erlauchten damit fertigwurden. Manche von ihnen sollten fast siebentausend Jahre alt sein, und wenn Esebian die eigenen Erinnerungen für einen Berg hielt, unter dessen Gewicht sein Gedächtnis stöhnte, so musste für die Unsterblichen daraus eine kontinentschwere Last werden. Wie hielten sie ihr Bewusstsein stabil? Welche Geheimnisse gab es auf den Einundzwanzig Hohen Welten, abgesehen von denen eines Lebens ohne Ende?
Esebian fragte sich – auch das nicht zum ersten Mal -, ob sie Furcht kannten wie er, ob sie manchmal mit sich selbst haderten. Oder hatten sie das alles zusammen mit dem Tod besiegt?
Er begriff, dass diese Gedanken die Rückkehr in den emotionalen Sumpf ankündigten, in dem er manchmal zu versinken drohte, wenn er nicht genau darauf achtete, wohin er den Fuß setzte. Es war ein gefährliches Terrain, oft voller Zweifel und quälender Fragen. Ihnen zu entkommen … Das war sein Hauptgrund dafür, die verschiedenen Leben voneinander zu trennen. Erinnerungen überlappten sich, und die damit zusammenhängenden Gefühle warfen Schatten in andere Lebensphasen, aber damit kam er gut zurecht. Die Trennung ermöglichte es ihm, den sicheren Weg um den Sumpf zu beschreiten.
Jetzt zwangen ihn die Umstände zurück in die Zeit vor den letzten zwanzig Jahren. Esebian, seit mehr als zweihundert Jahren auf der Flucht vor dem Tod, starrte auf die in der Interface-Mulde liegenden Hände und wusste genau, wie oft und auf welche Weise sie getötet hatten.
»Es tut mir leid«, sagte Gunder sanft.
Esebian hob den Blick. Mehr als ein Dutzend Gesichter blickten von den Wänden des privaten Raums, einige von ihnen nicht mehr als die vagen Schlieren halb ausgeprägter Persönlichkeiten, andere plastisch und voller Einzelheiten. Am deutlichsten waren jene mit den Eigenschaften, die in den fünfundzwanzig Jahrzehnten seines Lebens besonders viel Raum in ihm gewonnen hatten: der einfühlsame Philosoph Gunder, immer auf der Suche nach dem Sinn; der technisch versierte Yrthmo, der seinen Einfallsreichtum bei einigen der schwierigsten Aufträge gezeigt hatte; der kalte, berechnende Caleb, der sich nicht mit irgendwelchen Bedenken belastete und für Gunder oft nur Spott übrig hatte; der neugierige, fragende und forschende Dorotheri, auf dem Esebians gelassene Grundhaltung basierte; der misstrauische, argwöhnische Kyrill, der ständig nach Feinden Ausschau hielt und sich selbst an seiner Fähigkeit maß, Probleme zu lösen; der nachdenkliche, in sich gekehrte Evan Ten-Ten, der manchmal mit Gunder verschmolz, diesmal aber eine deutlich eigenständige Ausprägung gewonnen hatte, vielleicht deshalb, weil sich Esebian nach Ruhe sehnte, nach einem Ort, an dem er Platz nehmen, sich zurücklehnen und den vorbeiziehenden Strom der Zeit beobachten konnte, ohne von ihm betroffen zu sein. Nur zwei Therapien und die Stufe Resident trennten ihn von der Unsterblichkeit auf den Hohen Welten.
»Genau darum geht es«, sagte Caleb mit einer Schärfe, die Esebian überraschte. »Um unser Ziel. Und das ist jetzt sehr nahe. Wir sollten in Tirrhels Angebot eine Chance sehen. Wir alle haben gehört, was er versprochen hat.«
Esebians Blick strich auch über die anderen Gesichter, manche nicht mehr als grauweiße Schlieren in den Wandsegmenten, richtete sich dann auf Caleb den Mörder. »Wir haben entschieden, nicht mehr zu töten, erinnerst du dich? Vor zwanzig Jahren.«
»Ich war dagegen«, erwiderte Caleb mit einer Kälte, die Esebian frösteln ließ. Er sah in die grauen Augen, die ihm so fremd erschienen und doch seine eigenen Augen waren; tief in ihnen glaubte er so etwas wie grimmige Zufriedenheit zu erkennen. Freute sich Caleb auf eine Rückkehr zum alten Leben?
»Wir müssen tun, was getan werden muss«, sagte Caleb. »Uns bleibt keine Wahl.«
»Vielleicht ist es eine Falle«, gab der argwöhnische Kyrill zu bedenken.
»Tirrhel kennt uns bereits«, entgegnete Esebian. »Er weiß alles über uns.«
»Und wenn nicht wirklich alles, so doch genug«, sagte Dorotheri. Die aus den Wandsegmenten blickenden Personen sahen aus wie Esebian: fast hohlwangig, die Nase lang und gerade, die Augen bleifarben, in den Wangen die kaum erkennbaren dünnen Linien von Nanosensoren; die Stirn hoch, von dünnen Falten durchzogen, das Haar kurz und so grau wie die Augen. Und doch gab es zahlreiche Unterschiede: die Lippen hier ein wenig verzogen, dort ein Blitzen in den Augen, Gesichtsmuskeln, die den Zügen verschiedene Strukturen gaben. Das Alter variierte. Gunder war mit seinen etwa siebzig Scheinjahren der Älteste, Evan Ten-Ten mit seinen dreißig der Jüngste. Der Caleb an der Wand wirkte etwas jünger als der in Esebians Erinnerung, vielleicht ein Hinweis auf die wachsende Kraft seiner Persönlichkeit.
Die einzige Ausnahme bildete das Gesicht ganz auf der linken Seite, auf Höhe der Interface-Konsole. Normalerweise blieb es bei solchen Begegnungen ein Schemen oder erschien gar nicht, aber diesmal zeigte es fast die gleiche Deutlichkeit wie Caleb und Gunder. Es war nicht das Gesicht eines Mannes, sondern das einer Frau: Talanna. Damals, kurz vor dem Aufstieg zum Provisor, hatte er das erste und einzige Mal in seinem Leben das Geschlecht gewechselt, um einen besonderen Auftrag zu erledigen. Nur einige wenige Jahre hatte er als Frau verbracht und dabei einige für seine männlichen Persönlichkeiten sehr eigenartige Erfahrungen gesammelt. Es wunderte Esebian, dass Talanna hier zu den dominanten Identitäten zählte. Sie erwiderte seinen Blick, und ihre Lippen deuteten ein Lächeln an.
»Warum sollte sich dieser Tirrhel die Mühe machen, uns eine Falle zu stellen, wenn er uns schon jetzt bei den Magistern und Erlauchten denunzieren kann?«, wandte sich Dorotheri an Kyrill.
»Was weiß ich«, lautete dessen brummige Antwort. »Ich rate zu Vorsicht. Wir dürfen keine Möglichkeit außer Acht lassen. Bist du ganz sicher, dass uns Herax hier nicht belauschen kann, Esebian?«
»Ja.«
»Ein Avatar«, sagte Yrthmo. »Caleb, Esebian … Ihr hattet Recht. Tatsächlich ein Avatar. Ein sehr außergewöhnlicher.«
Alle Blicke richteten sich auf ihn.
»Ich habe mir die Aufzeichnungen noch einmal angesehen«, fuhr Yrthmo fort. Vor der Konsole, damit es alle sehen konnten, entstand ein Bild, das den Anlegesteg zeigte, kurz bevor Esebian dem Fremden nach draußen gefolgt war. Eine menschliche Gestalt verließ das große Gebäude einige hundert Meter über See Nummer Vierzehn, etwa fünfzig Scheinjahre alt. Seine Kleidung schien zu flackern, als sich die halb biologischen Polymere der veränderten Umgebung anpassten.
»Unsichtbarkeit?«, murmelte Dorotheri.
»Tarnung?«, entfuhr es Kyrill. »Ist Tirrhel vielleicht noch hier?«
… und dann verschwand der Mann einfach.
»Aber …«, begann Esebian.
»Warte«, sagte Yrthmo. Datenkolonnen erschienen rechts und links von der Stelle, an der der Fremde eben noch gestanden hatte. Ein anderer Esebian, in der Tür erstarrt, bewegte sich langsam rückwärts und hielt dann erneut inne.
»Seht genau hin«, sagte Yrthmo. »Beobachtet nicht die Gestalt, sondern den Bereich unmittelbar vor ihr, soweit er sichtbar ist.« Er schien aus seinem Wandsegment herauszuwachsen und deutete mit einem Indikatorlicht auf etwas, das wie der Hauch eines Flecks vor Tirrhel aussah. Ein dünnes, fadenartiges Gebilde verband ihn mit dem Gesicht des Fremden.
»Eine Transferanomalie, im sichtbaren Spektrum nicht zu erkennen«, erklärte Yrthmo und klang zufrieden. »Man muss wissen, wonach es zu suchen gilt.«
»Und du hast es gewusst«, sagte Esebian. Gemeinsame Erinnerungen stiegen auf.
»El’Laurin«, sagte Talanna.
Esebian nickte ihr zu. »Der Erlauchte, dem wir auf Magrabia begegnet sind. Er hätte unsere Mission damals fast vereitelt.«
Caleb und die anderen wirkten plötzlich sehr nachdenklich. Yrthmo nickte. »Genau. Bei ihm habe ich damals Signale gemessen, mit denen ich zunächst nichts anfangen konnte. In einer späteren Analyse stellte sich heraus, dass sie von einem Transferitor stammten, der ohne externen Noder auskommt.« Er gab den anderen einige Sekunden Zeit, über seine Worte nachzudenken, und fügte dann hinzu: »Tirrhel hat deshalb keine DNS-Spuren zurückgelassen, weil nicht eine einzige lebende Zelle von ihm in deinem Haus weilte, Esebian. Er kam und ging als energetischer Avatar. Ein Teil von ihm kondensierte zu Pseudomaterie, und als sie das Gebäude verließ, bildete die Restenergie ein Transferfeld. Derartige Technik ist allein auf den Hohen Welten verfügbar.«
»Nicht genug, dass wir einen Unsterblichen umbringen sollen …«, brummte der junge Evan Ten-Ten. »Du hast Besuch von einem Erlauchten erhalten, Esebian.«
»Könnte El’Laurin dahinterstecken?«, fragte Kyrill. »Vielleicht hat er uns damals auf Magrabia durchschaut.«
»Das liegt mehr als hundertfünfzig Jahre zurück«, sagte Dorotheri.
»Was sind hundertfünfzig Jahre für einen Unsterblichen?«, kommentierte Talanna. »Nicht mehr als ein Tropfen im Ozean der Zeit.«
»Ich habe zunächst angenommen, dass der Auftrag von einem Aufsteiger stammt, vielleicht von einem hohen Kandidaten«, sagte Esebian. »Aber wenn er auf einen Erlauchten oder mehrere von ihnen zurückgeht … immerhin hat Tirrhel von ›wir‹ gesprochen. Warum sollten sich Unsterbliche gegenseitig umbringen wollen?«
»Was du ›Auftrag‹ nennst, Esebian, ist Erpressung«, warf Gunder sanft ein. »Später haben wir noch Zeit genug, uns über die Hintergründe und Zusammenhänge Gedanken zu machen. Derzeit lautet die Frage, ob wir uns von Tirrhel erpressen lassen.«
»Wie sähe die Alternative aus?«, fragte der neugierige Dorotheri.
»Wir könnten versuchen, dem Mistkerl eine Falle zu stellen«, schlug Kyrill vor, und seine Miene verfinsterte sich ein wenig. »Wir gehen zum Schein auf ihn ein, warten eine günstige Gelegenheit ab und erledigen ihn.«
»Einen Erlauchten, dem überlegene Technik zur Verfügung steht?«, erwiderte Evan Ten-Ten. »Und der eine solche Möglichkeit vermutlich in Erwägung gezogen und sich abgesichert hat?«
»Wir nehmen den Auftrag an«, sagte Caleb. Es klang nicht nach einer Meinung, sondern nach einer getroffenen Entscheidung.
»Sollen wir uns einfach so zu einem Werkzeug machen lassen?«, fragte Kyrill entgeistert.
»Wir benutzen diesen Tirrhel als unser Werkzeug«, sagte Caleb mit Nachdruck. »Ich habe bereits darauf hingewiesen: Dies ist eine Chance. Esebian, bei allem Respekt: Mir scheint, du hast bei deinen Forschungen in Hinsicht auf den Finalen Evolutionskollaps keine sonderlich großen Fortschritte erzielt. Ohne einen Durchbruch wäre sogar der Aufstieg zum Residenten infrage gestellt, und wir wissen alle, dass bis dahin nicht mehr viel Zeit bleibt. Tirrhel hat versprochen, uns als Gegenleistung zur Unsterblichkeit zu verhelfen. Und für den Fall, dass er es sich anders überlegen sollte: Wir sammeln Beweismaterial, wo wir können, und wir deponieren Kopien an sicheren Orten. Selbst Erlauchte müssen sich an die Regeln halten, und wenn wir beweisen können, dass Tirrhel gegen sie verstoßen hat, schreiten die Magister gegen ihn ein.«
»Magister gegen einen Unsterblichen? Mir ist kein solcher Fall bekannt«, sagte Dorotheri und wechselte einen Blick mit Esebian.
»Uns bleibt keine Wahl«, betonte Caleb noch einmal, und erneut sah Esebian grimmige Zufriedenheit in seinen grauen Augen. Er selbst teilte sie nicht. Gunder und er, sie litten am meisten unter dem, was ihre Hände getan hatten. »Wir müssen uns dem Unvermeidlichen fügen und versuchen, es zu unserem Vorteil zu nutzen.«
»Dieser Auftrag ist anders als alle anderen«, sagte Esebian. »Es ging nie zuvor um einen Unsterblichen.«
»Wir schaffen es«, sagte Caleb.
»Eine Herausforderung …«, murmelte Dorotheri.
»Die Hohen Welten rücken in greifbare Nähe«, betonte Caleb. »Der letzte Auftrag, anschließend gehört uns die Ewigkeit.«
»Ich fürchte, wir wissen nicht, worauf wir uns einlassen«, erwiderte Esebian. Er fühlte, dass die Entscheidung tatsächlich getroffen war. Zuvor hatte er es in Calebs Worten gehört, und jetzt fühlte er es in seinem Innern: Die anderen Teile von ihm glaubten, dass Caleb Recht hatte, dass ihnen wirklich keine Wahl blieb.
Auch wenn Unsterblichkeit am Ende des Weges wartete – das Leben des Wissenschaftlers Esebian ging hier und jetzt zu Ende, und damit eine Hoffnung. Der Mörder kehrte zurück. Wir töten, um zu leben, ewig zu leben, dachte Esebian, begegnete Gunders Blick und begriff, dass es seine Worte hätten sein können.
Die Gesichter der starken Persönlichkeiten in den Wandsegmenten verloren ihre Konturen – die der schwachen fehlten bereits. Esebian zog die Hände vom Interface, schloss die Augen und wartete darauf, dass Caleb übernahm.
Als Esebian die Lider wieder hob, war er noch immer er selbst. Stille umgab ihn, die leeren Wände eines Raums, der Ausblick bot auf eine Welt, die ihm nach zwanzig Jahren plötzlich fremd erschien. Angar, die Experimentalseen, mit denen er so große Hoffnungen verknüpft hatte … Aus irgendeinem Grund maßen die Magister Forschungen in Hinsicht auf das FEK-Syndrom große Bedeutung bei, und er hatte vor zwanzig Jahren geglaubt, mit den in Aussicht gestellten Meriten den Sprung zum Residenten und damit zur letzten Kandidatenstufe schaffen zu können.
Vor dem linken Auge blinkte ein Indikatorlicht in dringlichem Gelb. Esebian schob die Frage beiseite, warum er, ein zwanzig Jahre junges Leben, die Kontrolle über all die älteren Persönlichkeiten hatte, und aktivierte mit einem Wink das Gesteninterface. Die Stimme des Hauses erklang.
»Forschungsleiter Rell hat eine wichtige Mitteilung für dich, Esebian.«
»Ich höre.«
Vor ihm erschien das Gesicht des Forschungsleiters. »Die Lyonen …«, stieß Donaton Rell hervor. »Sie sind tot, alle tot!« Und als Esebian nicht sofort reagierte: »Haben Sie verstanden, Konsul?«
Tot. Eine beschleunigte Evolution, im Lauf von wenigen Jahren über Tausende von Generationen hinweg. Alle tot. Eine weitere Sackgasse.
Dies ist nicht mehr meine Welt, dachte Esebian, und es war ein Gedanke, der in Caleb und all den anderen wurzelte.
»Konsul?«
»Beenden Sie die Experimente«, sagte Esebian.
»Was?«
»Ich verlasse Angar.« Esebian winkte und unterbrach damit die Verbindung. Donaton Rells verdutzte Miene verschwand.
Er vergewisserte sich, dass der Raum nach dem kurzen Außenkontakt wieder sicher war, holte dann die kleine Scheibe hervor, die der Fremde ihm gegeben hatte, und drehte sie einige Male hin und her. Sie schien aus Messing zu bestehen, war aber erstaunlich schwer, schwerer als Blei oder Gold. Stabile Pseudomaterie, über eine Quantenverschränkung mit dem Mann verbunden, der sie ihm gegeben hatte. Er nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger, drückte sie und spürte eine kurze Vibration, als die Scheibe seine DNS überprüfte. Wieder erschien das Gesicht eines etwas fünfzig Scheinjahre alten Mannes mit Tätowierungslücken im schwarzen Haar vor ihm.
»Die zwanzig Stunden sind noch nicht um«, stellte Tirrhel fest.
»Ich übernehme den Auftrag«, sagte Esebian. »Als Honorar erhalte ich von Ihnen genug Meriten für die beiden letzten Aufstiege, erst zum Residenten und dann zum Erlauchten.«
»Wie ich es Ihnen versprochen habe.« Der Mann nickte kurz.
»Wie heißt das Ziel?«
»Sein Name lautet El’Kalentar. Sie werden alle notwendigen Informationen erhalten und haben ein Echtjahr Zeit, den Auftrag zu erfüllen. Ich setze mich mit Ihnen in Verbindung.«
Die kleine Scheibe in Esebians Hand löste sich auf, und er war wieder allein am Tisch.
Allein mit seiner Überraschung, seinem Schock. El’Kalentar war nicht irgendein Erlauchter, sondern der Vorsitzende des Direktoriats, Mächtigster unter den Unsterblichen und Regent der Hohen Welten und Tausend Tiefen.
EIN FLÜGELSCHLAG UND EIN STEIN
Lang ist die Nacht dem Wachenden, Lang ist der Weg dem müden Leib, Lang ist der unverständigen Wahrheitverkenner Wandelsein.
4
Das Fernschiff schwebte dunkel und tot vor den bunten Fäden des Filigrans: eine mehr als zwei Kilometer lange Walze der Meronna; die einst hell erleuchteten Kuppeln am Rumpf wirkten jetzt wie schwarze Warzen am Leichnam eines Riesen.
Resident Akir Tahlon, Präfekt der Hohen Welten und Erster Hochkommissar des Direktoriats, sah aus dem großen Fenster der Observationskapsel, die langsam an dem toten Schiff entlangglitt. »Sind das … Kratzer und Schrammen in der Außenhülle?«, fragte er und holte die entsprechenden Stellen mit dem Zoom heran.
»Korrosion«, sagte sein Assistent Ranidi. Er hatte einen Schwarm Sensoren losgeschickt, die eine wahre Datenflut übermittelten. Der Magister beim Filigranport verarbeitete sie in Echtzeit und schickte der Kapsel die wichtigsten Analyseergebnisse. Sie erschienen in den Displayfeldern vor dem Assistenten. »Die Kolakona muss starker Strahlung ausgesetzt gewesen sein. Über einen längeren Zeitraum hinweg.«
»Wie lange?«, fragte Tahlon nachdenklich.
»Etwa hundert Jahre.«
»Nachdem sie nicht mehr genug Energie für die Schirmfelder hatte. Wie lange hat die energetische Autonomie eines solchen Schiffes Bestand?«
»Mindestens dreihundert Jahre.«
»Womit wir schon bei vier Jahrhunderten wären.« Die Kapsel verharrte an einer der Kuppeln, und Licht ging von ihr aus, durchdrang die getrübte Schalenstruktur und erhellte das Innere. Tahlon glaubte, mehrere mumifizierte Leichen zu erkennen. »Vierhundert Jahre … Es dürfte wohl kaum Überlebende an Bord geben.«
»Nein«, bestätigte sein Assistent, der erste Daten aus dem Innern der Walze empfing. »Nach so langer Zeit ist natürlich niemand rekonvertierbar.«
Eine Crew von vierzig Personen und fast dreitausend Passagiere. Tot. Ausgelöscht. Durch einen … Unfall? Tahlon fragte sich, ob diese Bezeichnung angemessen war. Mit einem »Unfall« verband er Vorstellungen von Chaos und Zerstörung. Aber er wusste bereits, dass sie an Bord der Kolakona alles intakt vorfinden würden.
Er hatte dies alles schon einmal gesehen, nicht hier beim Filigran von Hajok, sondern bei einem anderen, das fast zehntausend Lichtjahre entfernt war und durch das inzwischen niemand mehr reiste.
»Wann ist die Kolakona in den Transit gegangen?«, fragte er.
»Vor zehn Stunden.«
»Ein halber Tag«, sagte Tahlon. »Und für das Schiff sind mindestens vierhundert Jahre vergangen, während es sich dort drin befand.« Er deutete zum Filigran und dem spinnenartigen Weber, der über Port und Magister an einem der Hauptstränge entlangkroch.
»Es könnten sogar doppelt so viele Jahre sein, Präfekt.« Ranidis am Hals zusammengefaltete Kiemen zitterten, als er auf die Displayfelder deutete. »Darauf deuten die ersten Ergebnisse der Untersuchungen an Bord hin.«
Akir hob die Hand zu einer vagen Geste. »Ich habe hier genug gesehen, Ranidi. Bringen Sie mich zum Port zurück. Ich möchte mit dem Magister sprechen.«
»Ja, Präfekt.«
Dies war das Herz des Magisters Jae von Hajok, dessen voller Name Jae-al-Escoe-Hoivinio-tan-Mauleon-Caliquire-tan-Nesluzan lautete: der Distributor, der all die Quantenkerne in den Hunderte Kilometer langen Denksegmenten mit Energie versorgte. Ihr Summen lag wie eine Melodie in der Luft, ein Lied noch älter als die ältesten Erlauchten auf den Hohen Welten, wusste Akir Tahlon, als er sich dem leuchtenden, leise singenden Ellipsoid näherte. Jae war vor zehntausend Jahren vom Seeder zur Emergenz geworden, und einige hundert Jahre später zum Magister, Teil einer Gemeinschaft, die sich durch die ganze Milchstraße und darüber hinaus erstreckte. Und hier stand er, Akir Tahlon, Resident, dreihundertzwanzig Jahre alt und nur noch fünftausend Meriten von der Unsterblichkeit entfernt, einer der mächtigsten Männer des Direktoriats, gleich nach den Erlauchten, und kam sich klein und unbedeutend vor. Alle Gefühle, die er jemals empfunden, alle Gedanken, die er jemals gedacht hatte, alle seine Erlebnisse und Erfahrungen von Geburt an bis zu diesem Moment – Jae hätte sie innerhalb weniger Nanosekunden verarbeiten und auswerten können.
»Sie hätten nicht selbst hierherkommen müssen, Resident«, ertönte eine Stimme. Tahlon stellte sich vor, dass sie ihren Ursprung in dem wie Perlmutt schimmernden Ellipsoid vor ihm hatte. Kristallene Stränge gingen davon aus, wie die Energiebahnen des Filigrans, und verschwanden in den Wänden.
»Ich halte es für meine Pflicht, Sie persönlich zu informieren, Magister«, erwiderte Akir Tahlon. »Das Filigran muss für den Verkehr geschlossen werden. Genaue Untersuchungen sind nötig. Ich fürchte sogar, dass eine völlige Schließung nötig wird. Das könnte Ihre Kommunikation mit den anderen Magistern beeinträchtigen.«
Das Summen veränderte sich ein wenig, und Tahlon glaubte, im Hintergrund ein wortloses Wispern und Raunen zu hören.
»Meine Berechnungen zeigen diese Möglichkeit«, erwiderte Jae. »Und viele andere. Dies ist eine Zeit des Wandels, Resident Tahlon. Veränderungen innerhalb von Veränderungen. Alles gerät in Bewegung. Was erstarrt ist, kehrt in einen sich verzweigenden Ereignisstrom zurück.«
Die Stimme verklang, und für einige Sekunden war nur das Summen der Energie zu hören, die Myriaden Gedanken schuf. Tahlon wartete respektvoll. Dieses Gespräch war erst dann zu Ende, wenn der Magister darauf hinwies.
Das Schweigen dauerte nur kurz, aber es gab Jae Gelegenheit, mehr Überlegungen anzustellen als ein Erlauchter in tausend Jahren.
»Wenn eine Schließung erforderlich wird, schicke ich meine einzelnen Module vor dem Kollaps der Wurmlöcher durchs Filigran«, sagte Jae. »Oder ich lasse mich von einem interstellaren Schiff zum nächsten Filigran bringen. Resident Tahlon …«
»Ja?«
»Sind Sie mit dem Chaos vertraut, Resident?«
»Das Leben ist organisiertes Chaos«, erwiderte Tahlon nach kurzem, verwundertem Zögern.
»So lautet eine Theorie. Ich bin kein biologisches Wesen, und doch entstamme auch ich einem nichtlinearen dynamischen System. Wie können aus Chaos geordnete Strukturen entstehen?«
»Durch zufällige Anordnung bestimmter Schlüsselelemente und die ihnen innewohnende Tendenz zur Selbstorganisation?«
»Damit beziehen Sie sich wieder auf eine allgemein anerkannte Theorie, die der Evolution.«
Tahlons Verwunderung wuchs. Wollte Jae wirklich eine philosophische Diskussion mit ihm führen?
»Was halten Sie vom Zufall, Resident?«
»Es gibt keinen Zufall«, sagte Tahlon sofort.
»Sind Sie sicher?«
»Zufall ist die Bezeichnung für einen Faktor, der in den kausalen Mustern von Ursache und Wirkung eine wichtige Rolle spielen kann, sich aber unserer Beobachtung entzieht.«
»Mit anderen Worten: Der Zufall ist etwas, das Wirkung erzeugt, ohne eine erkennbare Ursache zu haben.«
»Ja.«
»Der ›Zufall‹ spielt im Chaos eine wichtige Rolle«, sagte Jae, während es im Hintergrund summte und flüsterte. »Er lenkt Entwicklungen in neue Richtungen. So wie in diesem Fall.«
»Ich verstehe nicht ganz, Magister …«
»Ein Tropfen, der ins Meer fällt, bewegt den ganzen Ozean, auch wenn das menschliche Auge es nicht wahrnimmt«, sagte Jae.
»Ein Schmetterling kann mit seinem Flügelschlag …«
»… auf der anderen Seite des Planeten einen Sturm auslösen. Es ist eine oft benutzte Metapher, die Menschen hilft, einen Eindruck von der Komplexität nichtlinearer Systeme zu gewinnen. Was wir hier beobachten, Resident, ist das Ergebnis einer Kette von noch nicht bestimmbaren kausalen Beziehungen, die Folgen von großer Tragweite haben können. Ich rate Ihnen, den Vorsitzenden des Direktoriats zu verständigen. Bitte übermitteln Sie El’Kalentar meine Grüße.«
»Aber … es ist das zweite Filigran«, sagte Akir Tahlon, der sehr wohl wusste, dass die Worte des Magisters mehr waren als ein Rat. »Zwei von mehr als zwanzigtausend.«
»Es sind zweiundzwanzigtausendvierhunderteinunddreißig. Und dies ist nicht das zweite betroffene Filigran, sondern das fünfte. Es existieren bereits vier Falsche Filigrane, und das von Hajok zeigt die ersten Symptome.«
Akir Tahlon betrachtete das Herz des Magisters, das nicht Blut pumpte, sondern Energie, durch einen Körper, der an der breitesten Stelle fast siebenhundert Kilometer maß. »Dies ist kein Zufall«, sagte er, als Jaes Worte plötzlich mehr Sinn ergaben als vorher. »Es gibt Korrelationen. Zusammenhänge.«
»Sie haben selbst darauf hingewiesen, dass es keine Zufälle gibt, Resident. Sprechen Sie mit El’Kalentar. Dies ist wichtig. Ich wünsche Ihnen ein langes Leben.«
Damit war das Gespräch beendet. Tahlon ging.
5
El’Kalentars Domizil erstreckte sich über mehr als zehntausend Hektar: felsiges, eisverkrustetes Land am Nordpol von Taschka, in der langen polaren Nacht oft von Schneestürmen heimgesucht. Er hatte es weitgehend in seinem ursprünglichen Zustand belassen, nur hier und dort einige der wilden Landschaft angepasste Gebäude hinzugefügt, die ihm vollen Zugang auf die datentechnische Infrastruktur des Direktoriats und den industriellen Leib von Taschka gewährten, der in einer Tiefe von etwa zwei Kilometern begann und bis zum glutflüssigen Kern des Planeten reichte. Der allgemeine Eindruck täuschte ebenso wie viele, sorgfältig gestaltete Details: Taschka, siebte der Einundzwanzig Hohen Welten, war eine gewaltige Maschine, von den Erlauchten benutzt, von den Magistern gepflegt, verwaltet und gesteuert.
Als der Orbitalspringer den Leitsignalen folgte und sich den Hauptgebäuden des Domizils näherte, überlegte Akir Tahlon erneut, warum El’Kalentar ausgerechnet diesen Ort gewählt hatte, am Nordpol des Planeten. Seine eigene Residenz – noch kein Domizil, solange er nicht zu den Erlauchten zählte – befand sich in Agreda, der größten Stadt auf Taschka, unweit der Kobaltblauen Seen. El’Kalentar gehörte zu den ältesten Unsterblichen und schien ein Mann zu sein, der die Einsamkeit liebte, die ungestörte Gesellschaft seiner eigenen Gedanken.
Der Orbitalspringer flog an der Abbruchkante eines Gletschers entlang, und Tahlon beobachtete, wie sich ein großer Brocken löste, Tausende von Tonnen schwer, und mit trügerischer Gemächlichkeit ins Meer stürzte. Der neben ihm sitzende Ranidi bemerkte nichts davon und blieb auf die Anzeigen seiner Datentafel konzentriert. Gelegentlich vibrierten seine zusammengefalteten Kiemen.
Nach einer Weile näherte sich der Springer einer großen Villa, weiß wie der Schnee, der sie auf allen Seiten umgab. Das ausgedehnte Anwesen aus mehreren Haupt- und vielen Nebengebäuden gehorchte von seiner Struktur her klaren architektonischen Linien und vermittelte einen Eindruck von Ordnung, der Tahlons ästhetischem Empfinden schmeichelte und ihm ein Gefühl von Geborgenheit gab. Dies war ein Bollwerk gegen das Chaos, eine feste Burg, die Sicherheit vor unkontrollierten Veränderungen versprach. Der Orbitalspringer sank der Villa entgegen und landete in einem Atrium. Kannelierte Säulen ragten am Rand des mit Marmorplatten ausgelegten Innenhofs fast zehn Meter weit auf und trugen flache Dächer. Die darin eingelassenen Kristalle bildeten Muster, die Motiven aus der römischen und griechischen Klassik nachempfunden waren – ganz sicher war Tahlon nicht, denn seine Kenntnisse über jene historischen Epochen der Alten Erde hatte er in ein externes Gedächtnis ausgelagert, das ihm derzeit nicht zur Verfügung stand.
Tahlon stieg zusammen mit seinem Assistenten Ranidi aus, der noch kleiner und fragiler wirkte als sonst. Vielleicht war es der Ort, der ihn schrumpfen ließ. Er war gerade erst Kandidat geworden, und ihm stand noch ein langer Weg bevor.
Ein funkelndes Indikatorlicht wies ihnen den Weg durch die Villa. Bei Tahlons letztem Besuch hatte das zentrale Gebäude von El’Kalentars Domizil aus einem weißen Turm bestanden, der wie ein Eiszapfen geformt gewesen war und bis in die Stratosphäre gereicht hatte. Den Strukturen im Formspeicher waren vermutlich keine Grenzen gesetzt – ein Wunsch des Erlauchten genügte, um die Gebäude zu verändern. Gestern ein Turm, heute eine Villa im klassischen Stil und morgen vielleicht eins der verschachtelten Baumhäuser, die Tahlon in den Wäldern der südlichen Hemisphäre gesehen hatte, in diesem Fall an die arktischen Verhältnisse angepasst. Fantasie und Kreativität gaben den Ausschlag, nicht der Aufwand.
El’Kalentar erwartete sie in einem offenen Bereich, nicht in eine Toga gekleidet, wie Tahlon halb erwartet hatte, sondern in eine türkisblaue Kombination aus Hose und Jacke, die zuerst den Eindruck erweckte, aus metallisch glänzendem Stoff zu bestehen. Tahlons geschulter Blick erkannte jedoch, dass es sich um einen speziellen Symbionten handelte, der wie das Haus verschiedene Gestalten annehmen konnte. El’Kalentars Haar war pechschwarz und schulterlang, die dunklen Augen groß in einem glatten Gesicht, das nur hier und dort die Andeutungen dünner Falten zeigte. Hochgewachsen und schlank stand der unsterbliche Vorsitzende des Direktoriats in seinem Steingarten, umgeben von einem komplexen Durcheinander aus Säulen, Streben, Brücken und Bögen, die alle aus höchstens fünf Zentimeter großen, glatten schwarzen Steinen bestanden. Weiße Linien durchzogen sie, und wenn das durch die transparente Decke kommende Licht in einem bestimmten Winkel auf sie fiel, pulsierten diese Linien wie die Adern eines lebenden Geschöpfs.
El’Kalentar richtete einen kurzen Blick auf den kleinen Ranidi, der mit gesenktem Kopf stehen geblieben war. »Wenn Sie gestatten, Provisor … Ich möchte mit dem Präfekten allein sein.«
»Natürlich, Exzellenz«, sagte Ranidi sofort und wollte seine Datentafel auf einen nahen Tisch legen.
»Nehmen Sie die Tafel ruhig mit. Ich habe mit Jae gesprochen und von ihm die neuesten Informationen erhalten.«
»Wie Sie wünschen, Exzellenz.« Ranidi verbeugte sich und eilte so schnell hinaus, dass sich seine Kiemen aufblähten.
»Erlauchter …« Akir Tahlon senkte ebenfalls den Kopf, aber nur kurz. »Der Magister hat mich gebeten, mit Ihnen zu sprechen.«
»Ich weiß. Kommen Sie, Tahlon, kommen sie.«
El’Kalentar schien gewisse Veränderungen an seinem Körper vorgenommen zu haben, denn seine Stimme klang anders, voller, und als Tahlon zu ihm trat, bemerkte er blasse blaue Punkte auf Wangen und Kinn. Die Stirn zeigte ein kleines eidechsenartiges Geschöpf aus kupferrotem, halb organischem Metall. Die Kreatur bewegte sich, als sie Tahlons Blick spürte. Ein Implantat? Oder ein Symbiont wie die Kleidung des Erlauchten? Welche Wunder erwarten mich, wenn ich selbst unsterblich geworden bin?, dachte Tahlon.
Der Vorsitzende des Direktoriats machte eine Geste, die dem ganzen Steingarten galt. »Wie viele Steine sind es, was meinen Sie?«
Tahlons Blick strich durch den großen Raum. Millionen, wollte er zunächst sagen, aber vermutlich waren es noch mehr. Die Stege und Brücken reichten hundert Meter weit bis zur gegenüberliegenden Seite des offenen Bereichs, und überall ragten Türme und Säulen auf, bestehend aus Tausenden von einzelnen Steinen.
»Ich weiß es nicht, Exzellenz. Es sind … viele.«
»Ich habe lange daran gearbeitet, Präfekt«, sagte El’Kalentar. »Fast zwanzig Jahre. Die Steine ruhen aufeinander und stützen sich gegenseitig. Sie befinden sich in einem perfekten Gleichgewicht. Selbst bei den hohen Stegen und Brücken gibt es keine Gravitationsanker.«
Tahlon, der El’Kalentar kannte, glaubte zu verstehen. »Harmonie, Exzellenz?«
»In gewisser Weise.« Der Erlauchte hob die rechte Hand. »Hier, nehmen sie.«
Tahlon nahm einen schwarzen Stein mit zwei dünnen weißen Linien entgegen, etwa drei Zentimeter lang und zwei breit.
»Es ist der letzte«, sagte El’Kalentar. »Sie haben die Ehre, dieses Kunstwerk zu vollenden.«
Tahlon starrte überrascht auf den Stein, rund und glatt wie ein Kiesel, und blickte dann durch den Steingarten. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. »Exzellenz …«
»Nur zu.« El’Kalentar lächelte, wodurch die blauen Punkte in seinem Gesicht in Bewegung gerieten. Von der kleinen roten Eidechse kam ein leises Zischen. »Es ist nur ein Stein.«
»Aber ich weiß nicht, welche Stelle Sie dafür vorgesehen haben, Exzellenz.«
»Oh, suchen Sie sich eine aus.« El’Kalentar winkte einladend.
Akir Tahlon sah sich um. Die Stege und Brücken kamen nicht infrage, nicht einmal die niedrigen von ihnen, denn ihr Gleichgewicht erschien ihm zu prekär. Eine der Säulen?
»So schwer kann es doch nicht sein.« El’Kalentars Stimme gewann einen spöttischen Klang. »Nur ein Stein.«
Tahlon ging zu einer der kleineren Säulen – sie reichte ihm bis zur Brust und bot oben Platz genug für einen weiteren Stein. Vorsichtig legte er den Stein, den er vom Erlauchten erhalten hatte, auf die anderen, trat dann zurück und wollte sich erleichtert zu El’Kalentar umdrehen, als er plötzlich ein dumpfes Knirschen hörte. Die Steine der Säule erzitterten, wie von unsichtbaren Fingern angestoßen, und die Vibrationen breiteten sich schnell aus, erfassten den fast bis zur Decke aufragenden Turm daneben, dann die nächsten Stege. Aus dem Knirschen wurde ein Knistern und Knacken, das schnell zu einem Donnern anschwoll. Steine fielen, zu Hunderten und Tausenden; der ganze Steingarten, in zwanzig Jahren von den Händen eines Unsterblichen geschaffen, stürzte in sich zusammen.
Tahlon hob schützend die Hände über den Kopf und kniff die Augen zu. Als das Getöse schließlich nachließ, wagte er, die Lider wieder zu heben.
»Exzellenz! Es … es tut mir leid. Ich wollte nicht … ich wusste nicht …«
El’Kalentar stand da und lächelte erneut. Das Eidechsenimplantat in seiner Stirn schien zu grinsen.
»Ein Stein«, sagte er. »Ein Stein, an der falschen Stelle, und alles bricht zusammen.«
»Es tut mir leid …«
»Schon gut. Ich denke, der Garten hat seinen Zweck erfüllt. Und außerdem ist er im Formspeicher abgelegt.« El’Kalentar berührte die kleine Eidechse in seiner Stirn, und die vielen schwarzen Steine mit den weißen Linien darin erschimmerten und verschwanden, von einem Transferfeld fortgetragen oder in die energetische Matrix zurückverwandelt, die sie geschaffen hatte. Die transparente Decke trübte sich, und wo eben noch die brusthohe Säule gewesen war, auf die er den letzten Stein gelegt hatte, erschienen zwei Sessel vor einem ovalen Tisch. El’Kalentar nahm im rechten Platz und deutete auf den linken. »Setzen Sie sich, Präfekt.«
Akir Tahlon kam, noch immer benommen und bestürzt, der Aufforderung nach.
»Wie viele Meriten fehlen Ihnen noch, Präfekt?«, fragte der Erlauchte.
»Fünftausend«, brachte Tahlon hervor.
»Und wie viel Zeit bleibt Ihnen?«
»Noch zwei Jahre bis zur letzten Therapie, Exzellenz.«
El’Kalentar nickte kurz. »Also wird, wenn alles gut geht, aus Ihrer Residenz auf Taschka bald ein Domizil.«
Wenn alles gut geht, dachte Tahlon. »Ja, Exzellenz.«
»Was derzeit geschieht …«, sagte El’Kalentar, und es lag eine gewisse Schwere in seiner Stimme. »Es gibt Ihnen Gelegenheit, fünfzigtausend oder sogar fünfhunderttausend Meriten zu verdienen, wie mir Jae versichert hat. In dieser Hinsicht brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. In anderer schon. Wir alle.«
Er winkte, und das Gesteninterface seines Domizils reagierte sofort. Es wurde dunkel, und die letzten Eindrücke von Schnee und Eis außerhalb der Villa verschwanden, obwohl Wände und Decke ihre Substanz zu verlieren schienen. Schematische Darstellungen nahmen ihren Platz ein, komplexer als die größten, ältesten Filigrane, begleitet von Informationskolonnen, die auf den visuellen Fokus des Betrachters reagierten und die betreffenden Stellen in den Vordergrund rückten. Sonnen, Planeten und Habitate dehnten sich aus, mit Datenfenstern, die über ihre Besonderheiten Auskunft gaben, und sie schrumpften wieder und wurden zu Punkten in den miteinander verflochtenen Gespinsten aus bunten Fäden und Linien, wenn Tahlons Blick weiterwanderte. Die Darstellungen beschränkten sich nicht allein auf die Milchstraße. Die Wurmlöcher einiger Filigrane führten in andere Galaxien, unter ihnen die beiden Magellan’schen Wolken, Sagittarius, Sculptor, Canis Major, Fornax und Hercules, alles Mitglieder der Lokalen Gruppe, und Andromeda, auf Kollisionskurs mit der Milchstraße. Siebenhundert Millionen Lichtjahre waren es bis zur weitest entfernten erreichbaren Galaxie – zwei Filigrane im Zentrum des Direktoriats boten entsprechende Verbindungen. Kongress und Poseidon waren angeblich in Weiten bis über eine Milliarde Lichtjahre vorgestoßen.
»Ich habe eine Aufgabe für Sie, Tahlon.«
»Exzellenz?«
»Helfen Sie mir dabei, das Direktoriat zu retten.«
6
Die Worte des Erlauchten kündigten etwas an, das Tahlons schlimmste Befürchtungen übertraf. Plötzlich fiel ihm das Atmen schwer. »Es sind nur fünf«, sagte er mühsam, wie um sich selbst Mut zu machen. »Nur fünf von mehr als zweiundzwanzigtausend in der ganzen Milchstraße.«
Neben ihm hob El’Kalentar die Hand, und einige der Linien lösten sich aus den Gespinsten. »Es kam zu einigen sehr unglücklichen Zwischenfällen. Einen davon, den mit der Kolakona, haben Sie selbst untersucht. Ich habe inzwischen die Anweisung erteilt, dass die betroffenen Verbindungen geschlossen werden, nicht nur für Raumschiffe, sondern auch für den Individualverkehr. Lokal führt das zu erheblichen Problemen, aber für das Direktoriat als Ganzes ergeben sich dadurch keine nennenswerten Einschränkungen. Bei den anderen Nationen sieht es ähnlich aus, selbst im Poseidon, nehme ich an.«
»Ist das Problem dort bekannt?«
El’Kalentar nickte kurz, wodurch die rote Eidechse in seiner Stirn in Bewegung geriet. »Das Direktoriat hat sich mit den Verantwortlichen in Verbindung gesetzt.«
»Wenn es bei den fünf Filigranen bleibt …«, sagte Tahlon hoffnungsvoll.
»Denken Sie an den Stein, Präfekt. Sie haben ihn auf die Säule gelegt, und dadurch ist alles in Bewegung geraten.«
»Ein Tropfen, der ins Meer fällt, bewegt den ganzen Ozean, auch wenn das menschliche Auge es nicht wahrnimmt«, sagte Tahlon nachdenklich. Er bemerkte den fragenden Blick des Erlauchten und fügte hinzu: »Diese Worte stammen von Jae.«
»Er kennt den Ernst der Lage. Das Direktoriat beobachtet die Entwicklung seit dem zweiten Falschen Filigran und arbeitet eng mit den Magistern zusammen. Ist Ihnen klar, was passieren könnte, Präfekt?«
»Destabilisierung«, antwortete Akir Tahlon, der in den vergangenen Stunden kaum an etwas anderes gedacht hatte. »Isolation. Chaos.« Er schauderte. Chaos. Nichts verabscheute er mehr.
El’Kalentar richtete einen langen, nachdenklichen Blick auf ihn. »Wenn dieser Steingarten in sich zusammenfällt, Präfekt … Es könnte das Ende unserer Zivilisation sein. Es wäre sogar möglich, dass der besiegte Tod zurückkehrt und uns erneut herausfordert.«
Tahlon erbleichte. »Die Unsterblichkeit könnte in Gefahr geraten?«
»Die größte Errungenschaft unserer Gesellschaft, Präfekt. Ewiges Leben.« El’Kalentar winkte erneut, und weitere Linien krochen wie dünne Schlangen aus den Gespinsten. Sie pulsierten mehrmals und verschwanden dann. Die bunten Knäuel verloren an Farbe und Dichte, und schließlich blieben nur noch Punkte übrig, mit Datenetiketten, die Namen und Entfernung nannten.
Aufruhr herrschte in Tahlon und wurde kaum geringer, als er in den kühlsten, rationalsten mentalen Modus wechselte. Mehr als dreihundert Jahre hatte er, wie die meisten Menschen, mit nur einem Ziel gelebt: das Gespenst des Todes zu besiegen und unsterblich zu werden. Ein letzter Aufstieg trennte ihn von dem Ziel, und die Vorstellung, dass ihn widrige Umstände daran hindern könnten, die Früchte all der Anstrengungen zu ernten, war ungeheuerlich.