Lassiter 2364 - Jack Slade - E-Book

Lassiter 2364 E-Book

Jack Slade

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Beschreibung

Träge löste sich der Frühnebel auf und ließ zaghaft die ersten Strahlen der Morgensonne hindurch. Unter ihren nackten Füßen spürte Keezheekoni den Raureif, als sie sich mit einem Flechtkorb aufmachte, um Beeren zu pflücken. Die Sträucher lagen nur einen Steinwurf von den letzten Tipis des Comanchenlagers entfernt, doch die junge Frau kam niemals dort an.
Ein gellender Schrei ließ sie zusammenfahren und herumwirbeln. Mahkah, ein Jugendlicher, dem die Kriegerweihen noch nicht zuteilgeworden waren, hatte ihn ausgestoßen. Hektisch gestikulierend rannte er zwischen den Zelten umher, um die wenigen Männer aufzuscheuchen, die im Falle eines Angriffs die Siedlung verteidigen konnten.

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EPUB

Seitenzahl: 137

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Cover

Impressum

Im Tal der Ausgestoßenen

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelfoto: Timo Wuerz

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-5424-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Im Tal der Ausgestoßenen

Midland, Texas, April 1951

Die Stiege knarrte, und das Treppenhaus war dunkel. Im Obergeschoss flackerte eine Glühbirne, auf den restlichen Etagen waren sie ausgebrannt. Das Gebäude lag in einer Nebenstraße der Cloverdale Road, weniger als halbe Meile vom East Interstate 20 entfernt. Trotzdem war das Rauschen des vorbeieilenden Verkehrs als leises Hintergrundsummen zu hören.

Steve Nolan klemmte sich seinen Schreibblock unter den Arm und beschleunigte seinen Schritt. Keinesfalls wollte er seine Interviewpartnerin länger als nötig warten lassen. Er fröstelte jetzt noch, wenn er an ihr Vorgespräch dachte, an die Stichpunkte, die die alte Dame ihm genannt hatte, und diesen Namen, der Nolan seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen war: Lassiter!

Mit Erreichen des fünften Stocks wurde er langsamer. Fast empfand Nolan es als einen Ritterschlag, dass die Neunzigjährige ihn eingeladen hatte. Er selbst war gerade einmal siebenundzwanzig, hatte kaum etwas von der Welt gesehen und war freudig erregt, Einblicke in die Geschichte seiner Heimatstadt zu bekommen – eine Geschichte, die so weit zurücklag, dass er sie nur aus Kintopp und Pulp-Magazinen kannte.

Seine Ehrfurcht schluckte er herunter, ging über den Flur und verharrte einen Moment vor der Tür seiner Gastgeberin. Leise Musik war zu hören, und wenn Nolan sich nicht irrte, trällerte Patti Page gerade ihren »Tennessee Waltz«. Er straffte sich, atmete mehrmals ein und aus und klopfte schließlich an.

Eine halbe Minute verging. Eine ganze. Dann wurde die Tür langsam aufgezogen – und Steve Nolan erschrak. Kaum sah er das Gesicht der alten Frau, wurde ihm bewusst, dass er ihren Namen vergessen hatte. Zwar hatte er sich einen Notizzettel gemacht, diesen aber in der Redaktionsstube liegenlassen.

»Ich … äh …«, stotterte er. »Also, ähm, da bin ich! Unsere Verabredung – Sie erinnern sich, Misses … Misses …?«

Gütige Augen, die tief in den Höhlen lagen und von zahllosen Runzeln umrahmt wurden, schauten den Reporter an. »Keezheekoni«, sagte sie mit rauer Stimme. »Oder Keez. Einfach nur Keez.«

»Verzeihen Sie«, versuchte sich Nolan aus der Affäre zu ziehen, »einen solchen Namen kann ich mir nicht leicht merken.« Sofort biss er sich auf die Zunge, weil er befürchtete, nicht nur seine Dummheit zum Ausdruck gebracht zu haben, sondern darüber hinaus auch noch respektlos aufgetreten zu sein.

»Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Ich kenne kaum jemanden, der ihn sich merken oder gar richtig aussprechen kann.« Keezheekoni lächelte ihr Gegenüber an und machte die Tür frei. »Kommen Sie herein und setzen Sie sich, Mister Nolan.«

»Steve! Sagen Sie doch bitte Steve zu mir.« Vorsichtig trat er ein, roch den mild-würzigen Duft verbrannter Kräuter und sah sich ein wenig hilflos nach einer Sitzgelegenheit um. Auf ein Handzeichen von Keezheekoni hin nahm er auf dem Boden Platz.

»Sie werden den Ihnen bekannten Komfort vermissen«, sagte die betagte Frau, »aber ich habe mich nie von den Traditionen meines Stammes lösen können.« Sie kicherte heiser. »Bei dem Radio und dem Herd habe ich ein Auge zugedrückt.«

Eine Weile noch ließ Steve Nolan die Wohnung mit ihren vielfältigen, aber fremdartigen Accessoires auf sich wirken und musterte ebenso Keezheekonis Kleidung. Die Indianerin trug ein langärmeliges Lederoberteil, das mit allerlei Metallplättchen in geometrischen Formen verziert war, und einen bunten, knöchellangen Rock. Ihre Füße steckten in Mokassins.

»Wir können gern beginnen«, bot die Indianerin an und nahm Nolan gegenüber im Schneidersitz Platz.

»O ja, natürlich!«, entfuhr es Nolan. Er zog seinen Schreibblock hervor und legte ihn auf den Boden. Dabei stellte er allerdings fest, dass es recht umständlich war, Fragen zu stellen und die Antworten in verkrümmter Haltung niederzuschreiben. Daher nahm er sich vor, sich das Wesentliche zu merken und allenfalls Stichworte zu notieren. »Sie haben mir von einem Mann namens Lassiter erzählt, Keez«, begann der Journalist. »Ihrer kurzen Schilderung nach muss er ein beeindruckender Bursche gewesen sein.«

Stumm nickte die alte Dame. Leise fügte sie ihrer Geste hinzu: »Er war groß und stark. Ein Krieger, wie man ihn nur beschreiben kann, wenn man ihn gesehen hat. Sein Mut stand dem eines Comanchen in nichts nach, und sein Herz war das eines Löwen.«

»Unsere Leser lieben solche Geschichten, ganz besonders, wenn sie authentisch sind.« Nolan überlegte. »Wie haben Sie Lassiter getroffen? Sind Sie ihm zufällig begegnet oder gab es handfeste Gründe, die Sie beide zusammengeführt haben?«

Ein Lächeln huschte über Keezheekonis Lippen, und in ihren Augen lag ein wehmütiger Glanz. »Ihnen ist die Zeit fremd, die ich Ihnen schildern werde. Es war ein raues, weites Land, in dem wir lebten. Ich war jung und auf dem Weg zur Frau. Mit etwa fünfundzwanzig Familien hatten wir uns vom Stamm der Noyuhkanuu-Comanchen abgespalten …«

»Warum das?«, unterbrach Nolan nach.

»Sie wollten den Kampf gegen den Weißen Mann, der sie aus ihren Jagdgründen vertrieb, nicht aufgeben«, erklärte die Indianerin. »Aber viele von uns hatten genug vom Krieg und erkannt, dass es nur noch den Rückzug geben konnte. Wir wollten nicht warten, bis die Soldaten uns und unsere Kinder erschlugen.«

Nolans Stirn legte sich in Falten. »Ist das nicht eine reichlich ungerechte Beurteilung der US-Army? Schließlich hat sie die Siedler gegen die Angriffe unterschiedlichster Stämme verteidigen müssen. Sie wollte nur geltendes Recht gegen die Apachen, Kiowa, Hopi, Crow und wie sie alle heißen durchsetzen.«

Ein Schatten huschte über Keezheekonis Züge. »Ich habe Dinge gesehen, die Ihre Sicht verändern würden, Steve. Ich könnte Ihnen von unzähligen Verträgen der Regierung berichten, die nicht das Papier wert waren, auf dem sie standen. Aber Sie sind sicher nicht gekommen, um sich eine Geschichtslektion aus dem Munde einer alten dummen Frau anzuhören …«

»Um Himmels willen!«, platzte es aus Nolan heraus. »Ich habe nicht annähernd etwas Derartiges ausdrücken wollen!«

Die greise Comanchin winkte mit einer sanften Geste ab. »Es ist Lassiter, über den Sie mehr erfahren wollen.«

»Auch über Sie, Keez«, warf der Reporter ein. »Meine Zeitung feiert ihr fünfundsechzigjähriges Bestehen. Dazu benötige ich eine Titelstory, die die Leser aufhorchen lässt.«

»Es geht Ihnen um die Sensation?«

»Nein, nein!«, winkte Nolan ab. »Ich möchte meine Leser in die Vergangenheit von Midland eintauchen lassen! Sie sollen daran erinnert werden, in welch großartiger Stadt sie leben.«

Wieder zeigte Keezheekoni keine Freude, lediglich das Wohlwollen, den Wünschen ihres Gastes zu genügen. »Sie werden dennoch Ihre Sensation bekommen, Steve. Ob sie Ihnen allerdings gefällt, lasse ich dahingestellt …«

***

Träge löste sich der Frühnebel auf und ließ zaghaft die ersten Strahlen der Morgensonne hindurch. Unter ihren nackten Füßen spürte Keezheekoni den Raureif, als sie sich mit einem Flechtkorb aufmachte, um Beeren zu pflücken. Die Sträucher lagen nur einen Steinwurf von den letzten Tipis des Comanchenlagers entfernt, doch die junge Frau kam niemals dort an.

Ein gellender Schrei ließ sie zusammenfahren und herumwirbeln. Mahkah, ein Jugendlicher, dem die Kriegerweihen noch nicht zuteilgeworden waren, hatte ihn ausgestoßen. Hektisch gestikulierend rannte er zwischen den Zelten umher, um die wenigen Männer aufzuscheuchen, die im Falle eines Angriffs die Siedlung verteidigen konnten.

Den Grund für Mahkahs Aufruhr erkannte Keezheekoni erst auf den zweiten Blick. Durch die sich lichtenden Nebelschwaden kamen Reiter heran, anfangs konturlose Silhouetten, doch mit jeder verstreichenden Sekunde an Form gewinnend. Rücksichtslos trieben sie ihre Pferde durch eine Horde spielender Kinder, stießen Frauen und Männer zur Seite, die arglos im Weg standen, und versammelten sich schließlich in einem großen Rund zwischen den Tipis.

Keezheekoni nahm ihre Beine in die Hand und rannte los. Nur zu deutlich erinnerte sie sich an die Kämpfe, die die Noyuhkanuu gegen aggressive Siedler und bezahlte Mörder ausgefochten hatten. Und die acht Reiter machten nicht den Eindruck friedfertiger Besucher, die zu einem freundlichen Gesprächsaustausch gekommen waren.

»Wer hat bei euch das Sagen?«, grollte die Stimme eines Mannes, dessen Züge seine Gesinnung nur allzu deutlich betonten. Er besaß ein grobschlächtiges Gesicht, das nicht nur von den Furchen des Alters durchzogen war, sondern vor allem tiefsitzenden Groll zum Ausdruck brachte.

»Das bin ich!«, rief Keezheekoni spontan, obwohl es nicht der Wahrheit entsprach. Keuchend erreichte sie den Versammlungsplatz und stellte sich vor die Reiter. »Wer seid ihr, und was wollt ihr von uns?«

Der Sprecher der Meute nahm seinen Stetson ab und fuhr sich mit der Rechten durch sein graues Kraushaar. »Ich bin Scott Harris, Besitzer der Sequoia-Ranch in Midland. Damit weißt du mehr über mich als ich über dich, Rothaut. Und jetzt sag mir, wer der Anführer von eurem traurigen Haufen ist – denn du bist es nicht!«

Die Bedrohung, die von diesen Männern ausging, war körperlich spürbar. Keezheekoni wusste nicht, was sie antworten sollte, denn sie befürchtete, dass jede Reaktion die falsche sein konnte.

»Hören wir auf mit dem Gequatsche!«, machte sich der Kerl zu Harris’ Linker bemerkbar. »Es ist doch völlig egal, wer hier was zu sagen hat. Wer aufmuckt, landet sowieso in den ewigen Jagdgründen!«

Unwillkürlich musste Harris lachen und ließ keinen Zweifel daran, wes Geistes Kind er war. Dennoch ließ er sich den rauen Ton seines Gefolgsmanns nicht gefallen. »Ich entscheide immer noch, was gemacht wird, Tyler! Halt die Klappe und überlass die Verhandlungen mir!«

Verhandlungen? Eisiger Schrecken durchzuckte Keezheekoni. Sie wusste aus eigener Erfahrung, wie sich diese entwickelten. Ehe sie jedoch ein weiteres Wort mit dem Rancher wechseln konnte, trat Ohitekah aus seinem Zelt. Der Comanche hatte unzählige Sommer kommen und gehen sehen, und seine Miene ließ lediglich erahnen, wie viele Generationen er bereits überlebt hatte. Trotzdem machte er nicht den Anschein eines gebrechlichen Greises, sondern näherte sich den Berittenen mit festem Schritt und drahtiger Bewegung.

»Mein Name ist Ohitekah«, stellte er sich vor. »Ich bin der Älteste unserer Gemeinschaft.«

Scott Harris grinste abfällig. »Du bist also der Häuptling? Gibt’s keinen unter euch, der nicht gerade aus dem Grab auferstanden ist?«

»Ich bin kein Häuptling«, sagte Ohitekah ruhig, »doch mein Rat wird von den vielen Familien geschätzt. Deshalb bin ich wohl der, den du suchst.«

Tyler spuckte aus, und Scott Harris beugte sich weit über sein Sattelhorn vor. »Sei’s drum, alter Mann. Ich will nicht lange drum herumreden. Ihr bewohnt mit eurer Sippschaft ein fruchtbares Tal, während meine Longhorns auf kargen Weiden grasen. Auch dir sollte klar sein, dass abgemagerte Rinder keinen guten Preis erzielen. Es wäre also nett, wenn ihr euren Krempel zusammenpackt und euch eine andere Bleibe sucht.« Auf Harris’ Zügen lag etwas Lauerndes, als würde er den Widerspruch der Comanchen geradezu herbeisehnen.

Aufmerksam hatte Ohitekah zugehört und wählte seine nachfolgenden Worte bedachtsam. »Es besteht sicher die Möglichkeit, Platz für deine Tiere zu schaffen. Das Tal ist groß. Wir werden deinem Wunsch gern nachkommen.«

Als hätte er einen schlechten Scherz gehört, wandte sich Scott Harris seinem Nebenmann zu. »Der komische Kauz spricht offensichtlich nicht unsere Sprache, Tyler. Aber du hast mich doch verstanden, oder?«

»Yeah«, machte der Angesprochene und verzog seine Mundwinkel zu einem hässlichen Lächeln. »Der alte Sack hat anscheinend Dreck in den Ohren. Aber keine Sorge: Dagegen gibt es ein gutes Mittel …« Im Bruchteil eines Augenblicks hatte er seinen Revolver gezogen und auf Keezheekoni gerichtet. »Sei ein braves Mädchen und erkläre dem alten Knacker, was mein Boss ihm sagen wollte.«

»Rede nicht so von ihm!«, entfuhr es der jungen Indianerin, die trotzig in die Mündung der Waffe starrte. »Ohitekah ist ein Mann von Ehre und großer Weisheit! Und du bist nur ein … ein … Großmaul!«

Die Reiter begannen, schallend zu lachen und sich auf die Schenkel zu klopfen. Als Erster wurde jedoch Scott Harris wieder ernst und hatte mit einem Mal jegliche Freundlichkeit beiseitegelegt. »Mir ist es vollkommen gleich, wer von euch der roten Sippe sagt, was sie zu tun hat. Hauptsache, das Tal ist in zwei Tagen geräumt. Denn dann komme ich zurück, kleine Squaw, und werde jeden zur Hölle schicken, der sich dann noch auf meinem Grund und Boden befindet.«

»Es ist nicht dein Land!« Keezheekoni konnte kaum an sich halten und hätte Tyler wie eine wütende Raubkatze angesprungen, hätte dieser nicht einen Colt in der Hand gehalten.

»Es wurde zu meinem Land«, fuhr Harris ungerührt fort, »als ich meinen Fuß darauf setzte. Und es gibt nur einen Grund, weshalb ich überhaupt verhandeln will: Ich möchte mir keine Verluste unter meinen Männern leisten. Denn bei einem Kampf – und möge er noch so ungleich sein – wird es Verluste geben.« In seinen eisgrauen Augen funkelte grausame Entschlossenheit. »Verlasst euch aber darauf, dass ich jeden Toten auf meiner Seite gedankenlos in Kauf nehmen werde, wenn euch störrischem Gesindel nicht anders als mit Gewalt beizukommen ist.«

Gespenstische Stille trat ein. Grinsend steckte der Mann namens Tyler seinen Revolver ins Holster, legte mit dem Zeigefinger auf Keezheekoni an und knickte seinen Daumen ab, als würde er einen Abzug spannen. Dazu imitierte er den Laut eines abgefeuerten Colts.

»Scott Harris«, machte sich der Älteste bemerkbar, »ich habe durchaus verstanden, was du mir gesagt hast. Und ich habe mit meinem Angebot versucht, den Konflikt zu entschärfen. Zu meinem Bedauern muss ich feststellen, auf taube Ohren gestoßen zu sein. Ich spreche für uns alle, wenn ich sage, dass es unter diesen Bedingungen keine Einigung geben kann.«

Es war genau die Antwort, die der Rancher erwartet hatte. Das erkannte man an den beiden Reihen kräftiger Zähne, die er wie als Erwiderung bleckte. Überrascht oder gar enttäuscht schien er nicht im Mindesten zu sein. »Du hast für alle Männer, Frauen und Kinder eine Entscheidung getroffen, die nicht mehr rückgängig zu machen ist«, meinte Harris gelassen. »Ich werde nicht zurückschrecken, meine Hunde des Krieges auf euch loszulassen. Noch habt ihr zwei Tage Zeit, zur Besinnung zu kommen – dann aber wird euch selbst Manitu nicht retten können …« Er gab seinen Leuten das Zeichen zur Kehrtwende und galoppierte davon. Lange noch waren die Männer hinter den verwehenden Schleiern des Morgendunstes zu sehen.

»Du hast weise gesprochen, Ohitekah«, sagte Keezheekoni und machte eine Demutsbezeugung. »Wir haben uns lange genug vertreiben lassen. Nun werden wir uns behaupten.«

Der alte Indianer sah sie aus unergründlichen Augen an. Schließlich sagte er: »Ich bin alt und hatte ein erfülltes Leben. Du aber bist jung und hast schon jetzt keine Zukunft mehr.«

Für einen Moment stutzte Keezheekoni; über ihrer Nasenwurzel bildeten sich strenge Falten. »Ich verstehe nicht, was du meinst.«

Ohitekah breitete seine Arme aus und drehte sich den umstehenden Familien zu. »Wenn ihr gehen wollt, dann geht. Ich mache euch keine Vorschriften. Aber solltet ihr bleiben, seid ihr alle des Todes!«

***

Gerade noch konnte sich Lassiter ducken, da wurde ihm auch schon der Stetson vom Kopf geschossen. Die Kugel hatte nicht ihm gegolten, ihn dennoch nur um Haaresbreite verfehlt. Und plötzlich wurde aus gleich zwei Revolvern gefeuert, untermalt von wüstem Gejohle.

Keine fünfzig Yards von dem Agenten entfernt stürmten zwei junge Burschen aus dem Saloon, verteilten blaue Bohnen in alle Richtungen und schienen dabei ungeheuren Spaß zu haben. Ganz nüchtern konnten die Kerle nicht mehr sein, denn einer von ihnen war vom eigenen Schwung getragen über seine Beine gestolpert und in den Staub gestürzt. Viel auszumachen schien es ihm nicht, denn er lachte grölend und gab weitere Schüsse ab, die ein flanierendes Pärchen in die Knie zwangen.

»Schluss mit dem Unfug!«, rief Lassiter weithin hörbar und gab einen Warnschuss aus seinem Remington ab.

Beeindruckt zeigten sich die Randalierer nicht. »Was hast du denn zu melden?«, krakeelte der am Boden Liegende, während sein Kumpan bereits auf den Mann der Brigade Sieben anlegte.

Lassiter reagierte mit der Schnelligkeit und Präzision, die er sich in tausend und mehr Kämpfen zueigen gemacht hatte. Seine Kugel prellte dem betrunkenen Schützen den Colt aus der Faust, prallte jedoch an dem Stahl ab und riss eine blutige Furche in die Schulter des Mannes. Der schrie entsetzt auf, was wiederum seinen Begleiter anstachelte, ihren Widersacher ins Visier zu nehmen.

»Verdammtes Schwein!«, kreischte er aufgebracht. »Du hast Eddie angeschossen!« Sein Zeigefinger krümmte sich um den Abzug, doch er kam nicht mehr dazu, abzudrücken.

Konzentriert fächerte Lassiter über den Hahn seines Remington. Unmittelbar vor dem Schießer spritzte der Straßenstaub auf. Panisch zuckte der junge Bursche zurück, ruderte mit seinen Armen und verlor seinen Revolver.

Gemächlich ging der Brigade-Agent auf die beiden zu und raunte: »Wenn ihr euch das nächste Mal besauft, solltet ihr eure Bleispritzen zu Hause lassen, Jungs!«

Zitternd hatte Eddie nach seiner Schulter getastet und starrte nun ungläubig auf seine rot verschmierte Handfläche. »Das … das wird ein Nachspiel haben, Mister …«, stammelte er.