29,99 €
Wir leben in einer Zeit, in der schon morgen nichts mehr so sein wird wie heute. Eine Zeit großer Unsicherheit, die so schnelllebig und komplex ist wie nie zuvor. Hier stoßen wir mit unseren herkömmlichen Arbeitsweisen und Kommunikationsstrukturen zunehmend an unsere Grenzen. Anke Serafin bietet einen Werkzeugkasten, um aktiv aus überholten Mustern auszubrechen und die eigene Arbeits- und Lebenswelt neu zu gestalten. Sie ermutigt zur bewussten Entwicklung der eigenen Potenziale und zeigt, wie diese sinnvoll und zielführend eingesetzt werden können. Ihr Buch eröffnet neue Handlungs- und Möglichkeitsräume und führt zu einer Zukunft, in der Arbeitszeit wieder als wertvolle Lebenszeit erlebt wird. Und in der wir uns auf den Montag freuen. Inhalte: - Mythen und Märchen über Arbeit und Leben - New Work ist, was Menschen stark macht - Wenn wir machen, was wir lieben, könnte es Berufung sein - Wer eine Vision hat, ist schon auf der Reise - Vom Hinfallen, Aufstehen und Erfolge feiern - Wenn es stressig wird, geh langsam – wie wir in unserer Kraft bleiben
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Alle Inhalte dieses eBooks sind urheberrechtlich geschützt.
Bitte respektieren Sie die Rechte der Autorinnen und Autoren, indem sie keine ungenehmigten Kopien in Umlauf bringen.
Dafür vielen Dank!
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Print:
ISBN 978-3-648-18403-5
Bestell-Nr. 12189-0001
ePub:
ISBN 978-3-648-18404-2
Bestell-Nr. 12189-0100
ePDF:
ISBN 978-3-648-18405-9
Bestell-Nr. 12189-0150
Anke Serafin
Lust auf Montag
1. Auflage, Mai 2025
© 2025 Haufe-Lexware GmbH & Co. KG
Munzinger Str. 9, 79111 Freiburg
www.haufe.de | [email protected]
Bildnachweis (Cover): © Floriana, iStock
Produktmanagement: Mirjam Gabler
Lektorat: Juliane Sowah
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, insbesondere die der Vervielfältigung, des auszugsweisen Nachdrucks, der Übersetzung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, vorbehalten. Der Verlag behält sich auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor. Alle Angaben/Daten nach bestem Wissen, jedoch ohne Gewähr für Vollständigkeit und Richtigkeit.
Sofern diese Publikation ein ergänzendes Online-Angebot beinhaltet, stehen die Inhalte für 12 Monate nach Einstellen bzw. Abverkauf des Buches, mindestens aber für zwei Jahre nach Erscheinen des Buches, online zur Verfügung. Ein Anspruch auf Nutzung darüber hinaus besteht nicht.
Sollte dieses Buch bzw. das Online-Angebot Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte und die Verfügbarkeit keine Haftung. Wir machen uns diese Inhalte nicht zu eigen und verweisen lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung.
Warum du das Buch lesen solltest
Du bist Teil eines Teams, einer Organisation oder eines Unternehmens und erlebst täglich, wie herkömmliche Arbeitsweisen, Abläufe und Kommunikation an ihre Grenzen stoßen. Dabei willst du nur eins: dein Potenzial entfalten, um Arbeit sinnvoll, leicht und erfolgreich zu gestalten.
Dann ist »Lust auf Montag« genau das Richtige für dich. Du gewinnst Klarheit über den Kontext und die Zusammenhänge der neuen Arbeits- und Lebenswelt. Du lernst, dich neu zu positionieren und zu verstehen, wo du Wirksamkeit erzeugen kannst. Um unmittelbar ins Tun zu kommen, findest du in diesem Buch wichtige Impulse und Werkzeuge. Sie helfen dir zu erkennen, wer du wirklich bist und was dich einzigartig macht. Bis du es kaum noch abwarten kannst, authentisch und mutig die Tür zu einer Arbeitswelt zu öffnen, die Lust auf Montag macht.
Wie du das Buch lesen solltest
»Lust auf Montag« ist das etwas andere Buch. Du musst nicht auf den Urlaub warten, um es in einem durchzulesen. Es ist für die Tage und Wochen gedacht, in denen du dein Leben größtenteils mit Arbeit verbringst. Dabei ist es auf deine knappen zeitlichen Ressourcen zugeschnitten. Bereits 15 Minuten können ausreichen, um dir Inspirationen für neue Erfahrungen zu holen.
Ob morgens beim Kaffee oder nach Feierabend zum Ausklang, in kleinen, ausgewählten Dosen findest du Impulse, die unmittelbar an deinen täglichen Herausforderungen andocken. Das unterstützt und ermöglicht deine persönliche Entwicklung in kleinen Schritten. Von innen nach außen und in deiner Geschwindigkeit.
Warum es das Buch gibt
Wir leben in einer Zeit, in der schon morgen nichts mehr so ist wie heute. Eine Zeit großer Unsicherheit, die so schnelllebig und komplex ist wie nie zuvor. Es ist eine Zeit, in der Menschen und Systeme an ihre Grenzen stoßen. Die Alarmglocken läuten schon lange und werden zunehmend lauter.
Bei allen ernst zu nehmenden Herausforderungen, steht eines fest: Jammern hilft nicht. Stattdessen brauchen wir:
zukunftsfähige, innovative Lösungen für Organisationen, damit Menschen gut und gern arbeiten.
Menschen, die bereit sind, für sich und andere in Verantwortung zu gehen, damit jeder und jede ihr volles Potenzial entfalten kann.
Seit vielen Jahren begleite und unterstütze ich Organisationen bei ihrer agilen Transformation auf dem Weg in die neue Arbeitswelt. Agile Strukturen, Prozesse und Arbeitsweisen sind das Mittel der Wahl im Rahmen der co-kreativen und partizipativen Gestaltung von Arbeitszukunft.
Doch das Schrauben am System reicht schon lange nicht mehr aus. In Unternehmen und in unserer Gesellschaft brauchen wir Menschen mit innerer Überzeugung und Zivilcourage, die bereit sind, mutig die Arena zu betreten, um Neues zu wagen oder den Karren aus dem Dreck zu ziehen.
Man findet sie in jeder Organisation, doch nur selten an deren Spitze. Es sind die pragmatischen Macher unter den Mitarbeitenden, den Team- oder Bereichsleitenden. Sie sparen am vielen Gerede und nutzen die Zeit für sinnvolle Taten. Während es sich der eine oder die andere in den oberen Führungsetagen über Jahre hinweg in der »Loge« kommod gemacht hat.
Das Buch ist der Werkzeugkasten, um vom Opfer der eigenen Arbeitsumstände zur Gestalterin der Arbeits- und Lebenswelt zu werden. Es macht Mut zur aktiven Ent-Wicklung aus längst überholten und zu starren Mustern. Es hilft, sich seiner Potenziale bewusst zu werden, und zeigt, wie sie sinnvoll und zielführend genutzt werden können.
»Lust auf Montag« erweitert Handlungs- und Möglichkeitsräume für alle, die Arbeit und Leben neu denken und gestalten wollen. Um den Weg für sich und andere mutig und entschlossen weiterzugehen. Den Weg hin zu einer Zukunft, in der Arbeitszeit wieder zur wertvollen Lebenszeit wird.
Anke Serafin
Wetzlar, März 2025
Was ist das für eine Welt, in der wir heute leben? Es ist und bleibt eine der wichtigsten Aufgaben, darauf die passenden Antworten zu finden. Vorausgesetzt, du willst herausfinden, wie Arbeiten und Leben mit Sinn, Freude und Leichtigkeit gelingen können.
Ungeachtet aller technologischen Neuerungen kommt es im Zuge der digitalen Revolution zu einer rasanten Zunahme an Komplexität und Dynamik in unserer Arbeits- und Lebenswelt. Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel, demografische Veränderungen und der damit einhergehende Werte- und Generationenwandel beschreiben die Welt, in der wir leben. Eine Welt, in der immer mehr Menschen die Orientierung verlieren. Für Echtes oder Gefaktes. Für richtig oder falsch. Für das passende Maß, die passende Form, das passende Umfeld, den richtigen Zeitpunkt. Eine Welt, in der sich die Menschen durch ihre technologischen Entwicklungen zusehends selbst abschaffen, so die Meinung einiger Kritiker.
Die folgende Geschichte verdeutlicht, wie aus subjektiven Wirklichkeiten Mythen entstehen und diese über die Zeit zu Überzeugungen werden.
Aus dem Leben
Es war ein traumhafter Frühlingstag mitten in der Coronapandemie. Die Sonne schien durch die Bäume, während sich die letzten Nebelschwaden auflösten. Wie so oft beim Joggen war ich in Gedanken versunken, als meine Hündin Nala auf einmal stehen blieb und mich anschaute. Das macht sie immer, wenn ihr etwas seltsam vorkommt. Und schon kam der Mann auf mich zu. Mit einem Mal wurde ich wach, war verwirrt und unsicher. Wurde rausgeholt aus meiner kreativen Blase im Kopf. Er war noch gut 50 Meter entfernt und ich dachte nur: »Was ist mit ihm? Will ich da wirklich vorbeilaufen oder biege ich vorher ab?« Der Mann Anfang 60 hatte beide Arme waagerecht ausgestreckt, als er mit gleichmäßigem Schritt und starrem Blick auf mich zukam. Ich blieb auf dem Weg – und hatte zwar keine Angst, aber ein mulmiges Gefühl. Dann lief alles innerhalb von Sekunden ab. Als ich kurz vor ihm war, hielt er sich rechts, senkte den rechten Arm, um den linken maximal zur Seite auszustrecken, sodass ich Mühe hatte, an ihm vorbeizulaufen, ohne in den Graben ausweichen zu müssen.
Erst als ich mit Nala um die nächste Ecke abgebogen war, machte es klick. Das Rätsel war gelöst. Er wollte sich vor mir in Sicherheit bringen. Dabei war er so darauf fixiert, mich auf Abstand zu halten, dass er selbst auf mein »Hallo« kein Wort herausbrachte. Schwer zu sagen, ob mein mulmiges Gefühl oder seine Angst vor Corona größer war – die Angst, sich im Wald in Millisekunden des Aneinander-Vorbeilaufens mit dem Virus zu infizieren. In diesem Moment war es eine Mischung aus Mitgefühl und Erschrockenheit, die mich vollständig aus meinen Gedanken riss.
Mir wurde bewusst, wie divers die Reaktionen auf die Pandemie waren und dass ich eines der Extreme gerade erlebt hatte. Da waren die einen, die sich aus lauter Angst vor Ansteckung strikt an alle Vorgaben hielten, ohne sie zu hinterfragen. Viele füllten ihre Keller mit Toilettenpapier und Vorräten, um für das Schlimmste gewappnet zu sein. Ungeimpfte Freundinnen und Bekannte durften nicht in ihre Nähe kommen, geschweige denn das Haus betreten. Am anderen Pol waren die Impfgegner, die sich vehement gegen jegliche Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit wehrten und protestierend durch die Straßen zogen.
Obwohl wir alle vor denselben Herausforderungen standen, hatte sich dennoch jede Person ihre eigene Wirklichkeit kreiert. Dieselben Bedingungen schafften es, vielfältige Reaktionen und Verhaltensweisen auszulösen. Die Bilder und Geschichten aus den Medien taten ihr Übriges. Sie ließen einen üppigen Interpretationsspielraum zwischen Wahrheit und Fake zu. Worauf konnte man sich da noch verlassen? Aus fehlender Sicherheit wurde schnell Überforderung. Sodass manch einer die Spannweite seiner Arme vollends ausnutzen musste, um sich auf dem Waldweg vor den tödlichen Viren in Sicherheit zu bringen.
Erinnerst du dich noch an Popeye, den Spinatmatrosen, dem Muskelberge in Sekunden wuchsen, sobald er eine Portion des grünen Blattgemüses zu sich nahm? Seine Fäuste aus Eisen sollten den hohen Eisengehalt von Spinat symbolisieren. Doch hat Spinat tatsächlich so viel Eisen, dass er gerade auf der Speisekarte von Kindern im Wachstum nicht fehlen sollte? Die Antwort ist Nein. Im Gegenteil. Der niedrige im Spinat enthaltene Eisenanteil ist für die menschliche Verdauung noch nicht einmal verwertbar.
Oder wie sieht es mit der Behauptung aus, dass Chamäleons die Farbe wechseln, um sich ihrer Umgebung anzupassen und nicht entdeckt zu werden? Auch davon sind bis heute nach wie vor viele Menschen überzeugt. Ist es wahr oder falsch? Wahr ist, dass Chamäleons ihre Farbe wechseln, indem sie ihre Hautzellen, die Kristalle enthalten, dehnen und entspannen. Dies beeinflusst die Lichtreflexion. Die Tiere können aber nicht jede beliebige Farbe annehmen. Außerdem hat der Farbwechsel wenig mit der Umgebung zu tun. Stattdessen nutzen Chamäleons die kristallgesteuerte Veränderung ihrer Erscheinung hauptsächlich zur Verständigung. Dunkle Farben signalisieren Aggression. Beispielsweise zeigt ein Weibchen so an, dass es nicht paarungsbereit ist. Der Farbwechsel dient darüber hinaus der Temperaturregelung. Bei Hitze nehmen die Echsen hellere Schattierungen an, die die Wärme reflektieren. Chamäleons ändern also nicht ihre Farbe, um sich zu tarnen – ganz im Gegenteil. Im Ruhezustand sind die Tiere mattbraun und -grün und damit optisch an ihre Umgebung angepasst. Erst der Farbwechsel macht sie gut sichtbar.
Es gibt zahlreiche Geschichten dieser Art, von denen viele zu den Mythen zählen, die sich teils über Jahrhunderte gehalten haben. Daher werden die meisten von ihnen gar nicht erst hinterfragt. Sie wurden so oft wiederholt und über lange Zeit verbreitet, dass sie sich vertraut anfühlen und als Wahrheit angenommen werden.
So ähnlich verhält es sich mit unserem Blick auf das Arbeiten und das Leben. Auch hier halten sich Mythen und Märchen seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten. Sie wurden und werden von Generation zu Generation weitergegeben und nach wie vor viel zu selten infrage gestellt. Darin liegt die größte Falle für die persönliche Entwicklung. Denn mit vielen wirst du täglich konfrontiert, beruflich wie privat, ohne dir dessen bewusst zu sein. Beinahe so, als würdest du wie selbstverständlich in einen Nebel eingehüllt, der dich und alle anderen in deinem Umfeld umgibt. Willst du wissen, was an den Mythen dran ist, heißt es zunächst, aus dem Nebel herauszutreten. Lass uns genauer hinter die Kulissen schauen. Ich möchte die aus meiner Sicht bedeutsamsten MythenArbeitsmythen nennen:
Blut, Schweiß, Tränen – wir sind doch nicht zum Spaß hier.
Wer viel beschäftigt ist, leistet auch viel.
Wer erfolgreich sein will, sollte sich an die Regeln halten.
Lehrjahre sind keine Herrenjahre – wir haben alle mal klein angefangen.
Oben gibt vor, wie es unten läuft.
Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
Mit der digitalen Technologie schaffen wir uns selbst ab.
Aus Mythen werden Überzeugungen, die sich unbemerkt in unsere Köpfe schleichen und zu Handlungsprinzipien werden, ohne dass wir sie kritisch betrachten. Wir bewegen uns damit in einem begrenzten Rahmen, der sich auf den ersten Eindruck gut und richtig anfühlt. Vermutlich, weil sich die meisten in unserem Umfeld ebenfalls darin tummeln und ihn als gegeben akzeptiert haben. Willst du jedoch dein volles Potenzial entfalten, um Erfüllung, Sinn und Selbstbestimmtheit in deiner Arbeit zu erfahren, solltest du wissen, was sich dahinter verbirgt.
Mythos 1: Blut, Schweiß, Tränen – wir sind doch nicht zum Spaß hier
Einige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs herrschte Aufbruchsstimmung in Deutschland. Es war die Zeit des Wirtschaftswunders, in der viele Menschen an und über ihre Grenzen gingen. Es war eine Herkulesaufgabe, Infrastruktur und Wirtschaft von Neuem aufzubauen. Das konnte nur mit vereinten Kräften gelingen. Viele Menschen wurden durch das verbindende Ziel des Wiederaufbaus zusammengeführt, um als Gruppe zu schaffen, was Einzelne niemals hätten leisten können. Sie haben sich hingegeben. Unter Blut, Schweiß und nicht selten unter Tränen. Ganz gleich ob vor Freude am Erschaffenen oder vor Erschöpfung nach getaner Arbeit.
Sicher hat auch unsere kulturelle Prägung der vergangenen Jahrhunderte ihren Teil dazu beigetragen, dass Arbeit auch heute per se als anstrengend gilt. Hier stehen 150 Jahre Industriezeit gerade einmal 30 Jahren digitaler technologischer Entwicklung gegenüber. Während die Männer unter vollem körperlichen Einsatz Lohn und Brot für die Familie verdienten, waren die Frauen meist rund um die Uhr mit Kindern, Haushalt, mit Landwirtschaft und Nebentätigkeiten beschäftigt. Für Selbstverwirklichung war damals ebenso wenig Platz wie für alternative Lebensmodelle. Das konnte sich nur leisten, wer finanziell gut gestellt war.
Im Jahr 2023 arbeiteten in Deutschland mit 34,6 Millionen so viele Menschen im Dienstleistungssektor wie nie zuvor.1 Gleichermaßen ist der Anteil körperlich schwerer Arbeit mittlerweile so niedrig wie nie zuvor. Dennoch empfinden die meisten Menschen Arbeit weiterhin als belastend und anstrengend. Während in der Industriezeit vor allem die physische Überlastung zu Krankheiten führte, sind es heute eher einseitige Tätigkeiten, Bewegungsmangel und mentale Überforderung. Körperliche Symptome wie Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden um psychische Krankheitsbilder wie Bore-out und Burn-out erweitert.
Doch nicht nur die Schwere der Arbeit hat sich durch den technologischen Fortschritt für die meisten verändert. Auch der Zweck hat einen enormen Wandel erfahren. Während Arbeit bis in die 1970er-Jahre vorwiegend dazu diente, die lebensnotwendigen Bedürfnisse zu stillen, steht heute die Bedürfnisbefriedigung durch Konsumgüter im Vordergrund. Im Jahr 1950 wurden 40 % des Einkommens in Essen, Getränke und Tabak investiert. 2023 lag der Anteil nur noch bei 14,8 %, hingegen stiegen die Ausgaben für private Konsumgüter um ein Vielfaches.2
Immer mehr Unternehmen investieren seit Jahren in Maßnahmen, um die körperliche Gesundheit und Fitness ihrer Mitarbeitenden zu fördern. Gründe dafür sind unter anderem der zunehmende Fachkräftemangel und der Kampf um die jungen Talente. Im Zuge des Employer Branding setzen sie alles daran, Mitarbeitenden und Nachwuchskräften attraktive Arbeitsbedingungen zu bieten. Obwohl all diese Rahmenbedingungen kaum mehr mit denen der Industriezeit vergleichbar sind, hängt es dennoch wie ein Damoklesschwert über der Arbeit: Sie ist schwer, anstrengend und Spaß macht sie in der Regel nicht.
Doch wie ist es wirklich? Wie viel Mythos steckt in der Sichtweise auf das Thema Arbeit? Wie schwer ist Arbeit heute und was macht sie so anstrengend für viele Menschen?
Auf den Punkt
Das Altbewährte hatte seine Zeit. Sie ist vorbei und kommt nicht mehr. Daher heißt es, sich in Dankbarkeit vom Vergangenen zu verabschieden. Schließlich wären wir ohne all die Erfahrungen und Errungenschaften der letzten Jahrzehnte heute nicht da, wo wir sind. Doch jetzt darf es gehen und dem Neuen Platz machen.
Nie zuvor waren Arbeits- und Lebensbedingungen flexibler als heute. Nie zuvor war es möglich, einen Großteil der Jobs von überall auf der Welt zu erledigen. Nie zuvor gab es Remote Work und damit die Möglichkeit, Privates und Berufliches miteinander zu vereinbaren. Und nie zuvor haben sich so viele Menschen müde, erschöpft und ausgebrannt gefühlt. Im Juli 2023 gaben 65 % der befragten Angestellten an, von der Arbeit erschöpft zu sein.3
Warum das so ist, zeigt ein Blick hinter die Kulissen der Entwicklung von Arbeit. Mit dem Beginn der Industrialisierung musste Arbeit neu strukturiert und organisiert werden. Im Zuge des Taylorismus wurden die Arbeitsabläufe in Unternehmen verfeinert und standardisiert. Der Ansatz wurde von Frederick Taylor, einem US-amerikanischen Unternehmensberater, im Jahr 1911 entwickelt. Ziel war die Optimierung von Effizienz und Qualität von Produkten und Dienstleistungen in Unternehmen.
Alles zielte darauf ab, vorhandene Ressourcen effizient zu nutzen und damit den Menschen optimal auf die Maschine abzustimmen. Die zunehmende Standardisierung von Prozessen und Tätigkeiten erlaubte die Kontrolle über Mitarbeitende seitens der Führungskräfte. Über allem stand die Steigerung von Produktivität und Wachstum. Dafür wurden komplexe Arbeitsprozesse in einfache, wiederholbare Einzelaufgaben zerlegt, für deren Ausführung Mitarbeitende speziell geschult wurden. Vielleicht kommt dir auch heute einiges davon bekannt vor, wenn auch technisch auf anderem Niveau.
Was in Hochphasen der Industriezeit sinnvoll war, zählt inzwischen zu den größten Blockaden von Unternehmen auf dem Weg in die neue Arbeitswelt. Noch heute basieren im Großteil der Unternehmen Prozesse und Strukturen auf den Grundprinzipien des Taylorismus.
Doch während damals der Mensch der Maschine diente, ist das heute umgekehrt. Der Mensch ist vom ausführenden Objekt der Industriezeit zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor des digitalen Zeitalters mutiert. Bei aller technologischen Entwicklung steht und fällt alles mit dem Menschen und seinen Fähigkeiten, die durch keine künstliche Intelligenz (KI) jemals ersetzt werden können.
Dennoch werden nach wie vor die meisten Unternehmen nach dem sogenannten Maschinen-ModellMaschinen-Modell geführt, wonach Menschen wie Funktionseinheiten einer Maschine betrachtet werden. Dabei gleicht in der Realität jede Organisation in Aufbau und Struktur einem lebendigen Organismus.
Nach dem Maschinen-Modell wird gerade in Zeiten der Veränderung erst recht an gewohnten Strukturen, Prozessen und Abläufen festgehalten. Angestammte Haltungen und Verhaltensweisen in Verbindung mit einem Overload an Bürokratie lassen diese Unternehmen im Alten verharren.
Produzierende Industrieunternehmen können es sich nicht leisten, den Anschluss zu verlieren. Sie sind mehr denn je darauf angewiesen, in die Entwicklung kontinuierlicher Verbesserungsprozesse (KVP) zu investieren, um die Wertschöpfung effizient und effektiv zu gestalten. Während das vor allem für den Bereich der Produktionseinheiten gilt, stehen viele dieser Unternehmen dennoch vor der Herausforderung, auch die Zusammenarbeit im Backoffice zu optimieren. Ganz anders gestaltet sich die Situation bei Organisationen im Dienstleistungsbereich. Hier arbeiten viele im übertragenen Sinne wie in der Steinzeit.
Anstatt dem organischen Paradigma einer Organisation zu folgen, das flexible Strukturen erlaubt, um in kürzester Zeit auf Veränderungen zu reagieren, stecken sie im Maschinen-Modell fest. Oftmals werden aufwendige Initiativen gestartet, aufgebläht mit Buzzwords und wohlklingenden Labels.
Die fehlende Flexibilität macht diese Organisation träge und langsam. Durch die hohe Dynamik und Komplexität geraten sie unter Druck – und dieser wird in der Regel von oben nach unten weitergegeben. Anstatt im übertragenen Sinne in den Maschinenraum zu gehen und das bestehende System in seinen Strukturen und Prozessen anzupassen, wird noch das Letzte aus den Mitarbeitenden herausgepresst. Die hohe Anspannung verstärkt in Management- und Führungskreisen den Ich-Fokus. Sobald der eigene Status und die Position auf dem Spiel stehen, ist sich jeder selbst der Nächste. Gerade dann, wenn die Ermächtigung der Vielen unabdinglich ist, entsteht das Gegenteil: Die Macht der Wenigen wird stärker. Kraft ihres Amtes entscheiden »die da oben«, was »die da unten« zu tun haben, so wie vor 150 Jahren in den ersten Fabriken.
Da ist es nicht verwunderlich, dass Arbeit auch heute noch als schwer und anstrengend empfunden wird. Vor allem vom Großteil derer, die unter Blut, Schweiß und Tränen machen, was von oben angeordnet wird.
Viele Organisationen verpassen den Zeitpunkt, alte Zöpfe abzuschneiden. Sie warten so lange, bis das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Um dann zu retten, was noch zu retten ist. Doch dann ist es für die meisten zu spät.
Mythos 2: Wer viel beschäftigt ist, leistet auch viel
»Die 50-Stunden-Woche ist hier schon normal. In Hochphasen kann es auch schon mal mehr werden«, höre ich heute noch Mitarbeitende eines Kunden sagen, als ich zu Beginn eines Projektes einen Eindruck vom Status quo im Unternehmen gewinnen wollte. Zunächst dachte ich, da habe ich mir für die Interviews ausgerechnet die Workaholics rausgepickt. Doch bald war klar, es war das überwiegende Verständnis von Arbeitsaufwand und Einsatz im Unternehmen.
Mit anderen Worten, alle Vollzeitkräfte hatten einen 40-Stunden-Arbeitsvertrag, während die Mehrheit in der Regel mindestens zehn oder mehr Wochenstunden zusätzlich arbeitete. Ich wusste nicht, was ich daran erschreckender finden sollte: dass sie bereit waren, dieses Mehr an wertvoller Lebenszeit in ihre Arbeit zu investieren, oder die Tatsache, dass es bereits zur Normalität zählte. Mehrarbeit gehörte zum Standard und wurde von den meisten Führungskräften kommentarlos erwartet. Anerkennung, Wertschätzung oder finanzieller Ausgleich der Überstunden waren in der Regel Fehlanzeige.
Nach wie vor herrscht der Irrglaube, die bloße Anwesenheit im Büro sei mit Effizienz und Effektivität gleichzusetzen. Nur weil Menschen viel Zeit an ihrem Arbeitsplatz verbringen, bedeutet das allerdings nicht, dass sie in der Zeit produktiv sind. In vielen klassischen Organisationen ist häufig das Gegenteil der Fall. Dort werden vielfach nach alter Manier To-do-Listen abgearbeitet, während laufend Neues obendrauf gepackt wird. Hinzu kommen unkoordinierte, schlecht oder nicht vorbereitete Meetings, die im doppelten Sinne überflüssig sind. Zum einen kosten sie wertvolle Zeit. Zum anderen ist der Großteil dieser Meetings schlichtweg überflüssig – zumindest in der Form, in der sie ablaufen. In einer Studie des App-Anbieters Slack aus dem Jahr 2023 gaben 2032 Personen aus dem mittleren und oberen Management an, dass 43 % der Meetings reine Zeitverschwendung seien. Kommt dann noch der überdimensioniert hohe Anteil an Bürokratie und Selbstverwaltung hinzu, ist das Missverhältnis zwischen Aufwand und Nutzen mehr als ernüchternd. Mit anderen Worten: Ich kann acht, zehn oder mehr Stunden pro Tag beschäftigt sein, ohne einen nennenswerten Beitrag zur Wertschöpfung zu leisten.
In Zeiten des globalen Wettbewerbs und Märkten, die so hart umkämpft sind wie niemals zuvor, können sich Organisationen das nicht mehr lange leisten. Wie schnell selbst namhafte Unternehmen von der Bildfläche verschwinden können, erleben wir in den letzten Jahren immer häufiger. Das unterstreichen die Zahlen zur sogenannten Halbwertszeit von Organisationen. Sie beschreibt die Zeitspanne, in der Unternehmen gefordert sind, sich einmal um 180 Grad zu drehen und neu zu erfinden, um marktfähig zu bleiben. Während sie in den 1970er-Jahren bei 65 Jahren lag, sind es heute im Durchschnitt gerade einmal zwölf Jahre, Tendenz fallend.
In Unternehmen, die nach dem Blut-Schweiß-Tränen-Modus in überholten Denk- und Verhaltensmustern der Industriezeit feststecken, drehen sich die Hamsterräder immer schneller. Klassische Arbeitsweisen, starre Strukturen, träge Prozesse und überladene Bürokratie lassen sie an ihre Grenzen stoßen. Das Runde passt nicht mehr ins Eckige, wenn nach Prinzipien gearbeitet wird, die vor mehr als 100 Jahren für Fließbandarbeitende mit 14-Stunden-Tagen und 6-Tage-Wochen entwickelt wurden.
Damals diente der Mensch noch der Maschine. Sie war der Hauptwirtschaftsfaktor. Während die Maschine produktiv war, standen die Arbeitenden in der Halle unter strenger Beobachtung des Vorarbeiters oder Chefs, die von oben herabblickend alles unter Kontrolle hatten. Prozesse mussten wie am Schnürchen laufen. Arbeit nach Plan, fehlerlos und ohne Abweichung. Heute entsteht Wertschöpfung und damit Produktivität durch den Wirtschaftsfaktor Mensch.
Während sich Maschinen steuern und programmieren lassen, funktionieren Menschen nicht nach Plan. Und schon gar nicht gleich. Wie also kann Wertschöpfung und damit effizientes Arbeiten mit produktivem Outcome gelingen, wenn unter Bedingungen von vorgestern die Zukunft von morgen gestaltet werden soll?
Mythos 3: Wer erfolgreich sein will, sollte sich an die Regeln halten
Noch schnell eine Tüte Popcorn, dann aber auf die Plätze, bevor die Vorstellung beginnt. Eine beliebte Zirkusnummer ist der Auftritt der Pferde. Oft zusammen mit akrobatischen Einlagen der Artistinnen. Die Kommandos gibt der Dompteur aus der Mitte der Arena. Er ist es auch, der die Peitsche nutzt, um die Pferde auf Trab zu halten. Die Tiere überzeugen durch ihre Anmut und ihren Gehorsam. Sie sind eifrig dabei, die Befehle auszuführen und den Anweisungen des Chefs in der Manege zu folgen. Während die Zuschauerinnen begeistert sind, geben die Pferde alles, wofür sie trainiert wurden. Kommt dir das bekannt vor? Der Begriff »Management« stammt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie »ein Pferd durch die Manege führen«.
Auch wenn es in Unternehmen eher selten darum geht, Pferde zu dressieren, gibt es nach wie vor noch ausreichend Parallelen zur Zirkusnummer mit dem Dompteur. Keine Frage, wo Menschen zusammenkommen, um gemeinsam an einer und für eine Sache zu arbeiten, braucht es klare RegelnRegeln. Sie geben Struktur und schaffen die Basis für gewünschte Ergebnisse. Bestenfalls passen Regeln und Struktur zu den Menschen, dem Purpose der Organisation und den Zielen, die sie anstrebt. Umso wichtiger ist das in Zeiten großer Unsicherheit. Dann, wenn Menschen Halt und Orientierung suchen.
Aber wie ist es wirklich? Ich vergleiche die Entstehung von Organisationen gern mit der Entwicklung unseres Straßennetzes. Je stärker der Verkehr wurde, desto mehr musste geregelt werden, um alles am Fließen zu halten. Heute haben wir eine Straßenverkehrsordnung, die ihresgleichen sucht. Eine Unmenge an Regeln, Schildern und Vorschriften erschlägt einen schon, bevor man ins Auto steigt.
Ähnlich ist es in Unternehmen, die schneller gewachsen sind, als Strukturen und Prozesse angepasst wurden. Vor allem mit dem Versuch, jede Unwägbarkeit doppelt und dreifach mit Vorschriften und Regeln abzusichern. Gerade im Land der Ingenieure stehen Planung und Sicherheit nach wie vor ganz oben auf der Agenda, sobald es um Veränderung geht. Flexible und schnelle Anpassung im Sinne von Agilität ist zwar vielerorts gewünscht, bleibt jedoch meist im hierarchischen Verwaltungswust stecken. Konzerne haben sich ebenso wie viele mittelständische Unternehmen über die Zeit regelrechte Regellabyrinthe errichtet, die jegliche Form dynamischen Adaptierens im Keim ersticken.
Geregelt sind dabei nicht nur die täglichen Arbeitsabläufe und die dahinter liegende Infrastruktur. Geregelt ist auch der Weg von unten nach oben auf der Karriereleiter. Von Performance-Indikatoren über die Zielerreichungsmatrix bis hin zu hoch ausdifferenzierten Talent-Management-Systemen – alles hat seine Ordnung. Wie weit du dich in einem solchen Unternehmen entwickeln kannst, hängt maßgeblich davon ab, ob du in die Schablonen passt. In vorgefertigte Konstrukte, die vor allem auf eines abzielen: darauf, dass du bereit bist, alles zu geben, um auf der nächsten Stufe deiner Karriereleiter als eine der ersten den Buzzer zu drücken. Mit einem Schlag auf den roten Kautschukknopf ändert sich dann nicht nur dein Titel auf der Visitenkarte, sondern auch dein Kontostand am Monatsanfang. Der Preis: Du hältst dich brav an die Regeln und machst gehorsam wie das Pferd in der Manege, was andere von dir verlangen.
In derartigen Systemen wird Erfolg mit Status, Einfluss, Macht und der entsprechenden Entlohnung gleichgesetzt. Gemessen wird das Ganze anhand der Zahlen, die du auf deinem Weg erwirtschaftest. Die Rechnung ist einfach: Je größer die positive Differenz zwischen deinem monatlichen Einkommen und dem, was du an Umsatz bringst, desto häufiger darfst du buzzern. Ganz davon abgesehen, dass auch der Buzzer irgendwann seinen Reiz verliert, ist es an dir zu entscheiden, welchen Preis du bereit bist, dafür zu zahlen.
Mythos 4: Lehrjahre sind keine Herrenjahre – wir haben alle mal klein angefangen
Es war fünf Uhr morgens. Er wurde von seinem Vater geweckt, wie jeden Morgen seit gut einem Jahr. Dann ging es im Dunkeln raus in die Kälte. Für den Weg zur Werkstatt brauchte Bruno zwar nur 20 Minuten, doch gefühlt war es eine Ewigkeit. Dann wie jeden Tag derselbe Ablauf: Boden kehren, den groben Abfall vom Vortag auf einem Haufen im Hof stapeln und auf Anweisungen vom Chef warten. Bruno war vierzehn und seit einem Jahr im Nachbardorf in der Ausbildung zum Schlosser. Es waren zwölf, manchmal bis zu vierzehn-Stunden, die er pro Tag zu arbeiten hatte. Dann machte er sich auf den Heimweg, wieder im Dunkeln durch die eisige Kälte und regelrecht ausgehungert. Zu Hause angekommen, wärmte die Mutter das Essen vom Mittag für ihn auf, bevor der Vater ihm vor dem Schlafengehen zurief: »Naja, Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre.«
Stine konnte es kaum erwarten. Seit Monaten sehnte sie diesen Moment herbei. Sie hatte sich bei einigen interessanten Sportverbänden und Institutionen für einen sechsmonatigen Praktikumsplatz beworben. Dabei gab es einen Favoriten. Sie hoffte so sehr, diesen Job zu kriegen, dass sie durch die WG hüpfte, als sie erfuhr, dass sie angenommen wurde. Es war der erste 40-Stunden-Job nach all den Jahren, in denen sie sich mit Minijobs ihr Taschengeld verdient hatte. Stine studierte zu der Zeit im vierten Semester Journalistik und strategische Kommunikation. Sie konnte es kaum abwarten, Mediengestaltung und PR in der Praxis zu erleben. Und dann auch noch im Sportkontext. So startete sie mit einer Mischung aus Vorfreude und Respekt vor der Herausforderung ins Praktikum. Die ersten zwei Wochen empfand sie als langweilig. Doch schon bald sehnte sie sich nach ihnen zurück – denn nach vier Wochen war ihr Kalender voll mit Aufgaben, die eine studierte Vollzeitkraft schon an ihre Grenzen gebracht hätte. Wie immer gab Stine alles, machte einen großartigen Job, wuchs über sich hinaus und wurde an allen Ecken und Enden für ihre Arbeit gelobt. Allerdings zahlte sie dafür einen Preis. Aus acht Stunden pro Tag wurden für die Studentin nicht selten zehn oder mehr. Nach vier Monaten war sie am Ende ihrer Kräfte. Als sie eines Abends im Büro vor Erschöpfung weinend am Schreibtisch saß, meinte ein älterer Kollege nur: »Naja, Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre.«
Zwischen beiden Geschichten liegen 84 Jahre. Während Bruno, mein Großvater, im Jahr 1939 mit seiner Schlosserausbildung im damaligen Neutitschein in Tschechien begann, startete Stine ihr halbjähriges Praktikum im Jahr 2023. Ganz sicher ist die schwere körperliche Arbeit in einer staubigen, im Winter eiskalten Werkstatt nur bedingt mit dem Job in einer angenehm warmen Jugendstilvilla mit Siebträgermaschine und Obstkorb vergleichbar. Dennoch zeigt sich, wie vehement sich ein Mythos über knapp 90 Jahre vom Industriezeitalter bis heute halten kann. Trotz aller rasanten Entwicklungen sitzt er noch fest in den Köpfen vieler Menschen: »Lehrjahre sind keine Herrenjahre.«
Wir leben in einer Zeit, in der über die Hälfte unserer heutigen Gesellschaft ins digitale Zeitalter hineingeboren wurde. Die Generation Z (geboren 1995) und jünger sind mit Smartphone und dem World Wide Web aufgewachsen, dauerhaft beeinflusst von Social-Media-Kanälen und unzähligen Apps. All das hat sie nicht nur geprägt. Es hat ihre Sicht auf die Welt, den Umgang untereinander, ihr Verhalten, ihre Skills und Kompetenzen nachhaltig beeinflusst. Da ist nichts mehr, wie es früher war. Die wenigsten von ihnen wollen so arbeiten wie all die Industriezeit-Generationen vor ihnen. Wie diejenigen, die ihre Bewerbungen noch auf der Schreibmaschine geschrieben haben.
Weder unser Schul- noch das Hochschulsystem wird ihren Bedürfnissen und den Herausforderungen des digitalen Zeitalters angemessen gerecht. Viele von ihnen stoßen an die Grenzen der klassischen Vorstellungen von Arbeit, Ordnung und Gehorsam. Gerade diejenigen, die alles hinterfragen, weil sie erkennen oder vermuten, was im Verborgenen liegt, gelten tendenziell als anstrengend und von der Norm abweichend.
Dasselbe gilt für die Kreativen, die mit ihrer eher unkonventionellen Art herkömmliche Formen des Lernens, der Arbeitsweisen oder Prozesse aushebeln. Ihr Denken und Handeln entbehrt des preußischen Anspruchs an Ordnung, Disziplin, Absicherung, Gründlichkeit und Perfektion.
Stattdessen stehen sie aufs – selbstständige – Machen. Sie wissen um die immer kürzer werdende Halbwertzeit von Innovationen. Sie wollen Neues als Prototyp entwickeln und frühzeitig ausprobieren, damit sie herausfinden können, ob es läuft, wie gedacht, oder noch was angepasst werden will. Fehler sind ihr Treibstoff für Entwicklung. Treten sie auf, werden sie früh erkannt und helfen dabei, immer besser zu werden. Sie wissen, dass langfristiges Planen Zeit kostet und nicht mehr wirklich in die Zeit passt. Stattdessen arbeiten sie in Iterationen – kurzen, durchstrukturierten Zeiteinheiten, die alle aufeinander abgestimmt sind. Dafür nehmen sie sich kleine Pakete vor, die schnell erkennen lassen, ob sie auf dem richtigen Weg sind. Sie setzen auf hohe Dynamik, schaffen Raum für Flexibilität und schnelles Adaptieren an sich rasant verändernde Bedingungen.
Es sind genau diese jungen Menschen, die die Welt so ganz anders betrachten. Die in Problemen Herausforderungen sehen, an denen sie wachsen wollen. Es sind diese jungen Leute, in denen das volle Potenzial für die Gestaltung unserer Lebens- und Arbeitszukunft darauf wartet, endlich genutzt zu werden. Es ist Zeit, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Um im co-kreativen Prozess in gemischten Teams, crossfunktional und generationenübergreifend genau diese Herausforderungen gemeinsam als Chance für Entwicklung anzunehmen.
Mythos 5: Oben gibt vor, wie es unten läuft
Wer in der Hierarchie ganz oben steht, weiß, wie der Hase läuft. Wer ein Unternehmen aufgebaut hat, sagt, wo es lang geht. Es muss immer Menschen geben, die anderen sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Dafür braucht es eine Ordnung in Organisationen. Ohne sie wären viele Unternehmen nicht erfolgreich geworden.
Diese Vorstellung der Organisation von Arbeit hat ebenso wie unser Bildungssystem ihren Ursprung im preußischen Militär. Ein hierarchisches System regelte die Rangordnung, ein Regelwerk sorgte für ein geordnetes Miteinander – und was es dafür zu wissen und zu erlernen galt, wurde von oben festgelegt.
Was früher war, ist heute noch weit verbreitet. Die Grundprinzipien nahezu aller hierarchisch-autoritären Systeme gehen darauf zurück. Zentrale Aufgabenverteilung, Befehle, heute eher als Anordnungen verpackt, Kontrolle, der Umgang mit Wissen und viele weitere Merkmale von Organisationen und Institutionen verdeutlichen das.
Das vehemente Festhalten an Organisationskorsetten ist meist verbunden mit Angst, all diese Vorzüge der eigenen gehobenen Position zu verlieren. Es ist die Angst vor MachtverlustKontrollverlustMacht- und damit Kontrollverlust, die jegliche Form der Veränderung im Keim erstickt. Damit nimmt sie den meisten Menschen in diesen Organisationen die Luft zum Atmen und die Möglichkeit, sich zu entfalten. Selbst wenn Wandel erklärt wird, Initiativen gestartet und vom Marketing ordentlich gepusht werden, bleibt wahre Veränderung meist Fehlanzeige.
