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Als kleiner Junge im Circus aufgewachsen, als Sechstklässler aus diesem vertrauten Umfeld gerissen und als Mann wieder hinein gestoßen, so könnte man in wenigen Worten den Lebensweg von Lutz beschreiben. Dass jedoch sehr viel mehr dahinter steckt, das offenbaren die intimen Erzählungen aus den ersten Wochen eines Traumes, den sich der 36-jährige Malermeister nach langen Jahren der "Circusabstinenz" erfüllt: Einen Urlaub im Circus, unter Circusleuten, die im weiteren Verlauf zu seinen Freunden werden. Lustige Tage und skurrile Begebenheiten lassen keine Langeweile aufkommen und wecken beim Leser den Wunsch, Lutz auch auf seinem weiteren Lebensweg begleiten zu können.
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Teil 1
Ankunft
Der erste Tag
Abbautag
Aufbau in Ansbach
Es ist viel zu tun
Eine Nachtfahrt
Schon wieder verschlafen
Kaffeemangel
Elfenbeinstadt
Am Sonntag
Onyx
Halbzeit
Nacht und Nebel
Reifen und Gas
Noch eine Woche
Es ist Samstag
Platzreinigung
Teure Brötchen
Endlich viel Platz
Pannenhilfe
Westfalenhalle
Unterwegs mit dem Senior
Fotos und Dankeschön
Der letzte Tag
Teil 2
Acht Reifen Richtung Minden
Eine Tennisnacht
Die falsche Kneipe
Postamt Dortmund
Besuch bei Krone
Der Schuhkauf
Kino fällt aus
Gaskauf
Vorkommando
Stanislaus
Stanislaus die Zweite
Junggesellenkontrolle
Die Anzeige
Kamerafieber
Feiertag
Geburtstag
Kino
Nochmal Unna
Das Angebot
Winterlich
Sturmwarnung
Eine Autofahrt
Der letzte Stanislaus
...und tschüss
Die letzte Stadt Freitag
Die letzte Stadt Samstag
Die letzte Stadt Sonntag
Prolog
Als ich heute Nacht um 3:30 Uhr auf dem Circusplatz in Aalen ankomme, fühle ich mich, als wäre ich nach Hause zurückgekehrt und ich kann sagen, dass ich selten in meinem Leben so glücklich war. Ich stelle mein Gespann seitlich neben den Zaun und schalte den Motor aus. Der Platz ist dunkel, eine tiefe und geheimnisvolle Stille liegt über der Zeltstadt. Ich kann es fast noch nicht glauben, dass ich jetzt hier bin. Nach so vielen Jahren, wieder dabei zu sein, wenn auch nur für kurze drei Wochen...leise schließe ich die Autotür, greife zu den stets präsenten Zigaretten und lehne mich an die noch warme Motorhaube. Mein Glimmstengel erhellt die Nacht als einziges Lebenszeichen, tief atme ich ein und fast augenblicklich werden Kindheitserinnerungen wach … dieser unvergleichliche Circusgeruch nach Sägemehl, Dung und Leinwand … wie habe ich das vermisst!
Die ersten elf Jahre meines Lebens habe ich in solchen Zeltstädten verbracht, Zeltstädten mit berühmten Namen: Sarrasani, Kreiser-Barum, Krone, Giganten der Nachkriegszeit, immer unterwegs, immer auf Achse. Mein Vater war als Maler bei diesen Unternehmen angestellt, meine Mutter eine versierte Schneiderin, ich konnte mir kein anderes Leben vorstellen. Die oftmals wechselnden Schulbesuche störten mich nicht, denn mein Leben war der Circus und ohne ihn … nein, das war kein Leben. Und dann kam doch alles anders. Plötzlich hieß es:
“Der Bub geht in den großen Ferien zur Oma!“
Und ich wurde in den Zug gesetzt und nach Bitterfeld geschickt. Als ich nach sechs Wochen wiederkam … kein Circus mehr. Der bunte Circuswagen, nun in einem tristen flaschengrün, war in einem Hinterhof geparkt und ich sollte in eine feste Schule gehen. Die Mutter sei krank, hieß es, wir müssen jetzt sesshaft werden. Meine Verzweiflung, meine Tränen, meine Sehnsüchte wurden hinweg gewischt, weder Vater noch Mutter zu Erklärungen bereit und ich war allein, allein mit dem, was mir die Erinnerungen an den Circus gelassen hatten.
Langsam komme ich in die Wirklichkeit zurück, als mir die Kippe die Finger versengt. Ich trete sie aus und mache mich an einen Rundgang. Jacomo hatte gesagt, ich soll ihm Bescheid sagen, wenn ich ankomme, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er das auch um diese Uhrzeit gemeint hat. Ich werde bis morgen früh warten, dann kann er mir einen Stellplatz zuweisen, bis dahin geht es auch ohne Stromanschluss. Langsam umrunde ich das Areal. Hier und da ist ein Zaunteil nicht richtig eingehängt und ich richte es leise. Am hinteren Platzende schließen die Tierzelte das Gelände ab und ich höre Kaugeräusche, leises Schnauben und einen dumpfen Schlag, wahrscheinlich eines der Pferde, das gegen die hölzerne Boxenwand schlägt.
Weiter um die nächste Ecke stehen die Campingwagen, sauber aufgereiht, mit exaktem Abstand, aber auch hier kein Laut, kein Lichtschein, alles schläft. Am Haupteingang sind die Fassaden- und Kassencontainer fest verschlossen, irgendwo klingelt ein Telefon. Um diese Uhrzeit, denke ich verwundert, aber da ist es schon wieder still. Ich beende den Rundgang und komme wieder an meinem Campingwagen an. Der Motor des Chevrolet knackt leise beim Abkühlen und endlich spüre ich die Müdigkeit der langen Fahrt. Ich beschließe, die Katzenwäsche sein zu lassen, falte meine zwei Meter in das schmale Bett und bin augenblicklich eingeschlafen.
Aus meinem traumlosen, erschöpften Schlaf weckt mich am frühen Morgen der dröhnende Motor eines Gabelstaplers. Es ist schon Ende Oktober und die herbstliche Kühle hat sich bis in mein Bett geschlichen. Hätte ich doch besser gestern Abend noch die Gasheizung angeworfen! Na ja, es hilft nix, raus aus den Federn und rein in die feucht-kalten Klamotten. Rasieren ist nicht heute morgen und für den ersten, wichtigen Koffeinschub fehlt mir der Stromanschluss.
Also marschiere ich erst einmal zum Bürowagen, um mich anzumelden. Einige Frühaufsteher rufen mir ein fröhliches: „Hallo!“ zu und der Staplerfahrer braust an mir vorbei. Im Büro sind Rainer und seine Schreiberlinge schon fleißig. Hier bekomme ich auch meinen ersten Kaffee und kann mich ein wenig aufwärmen.
„Hat es doch geklappt mit dem Urlaub!“ freut sich Rainer. Wir hatten in den letzten Wochen öfters miteinander telefoniert und er war immer sehr besorgt gewesen, dass ich dann doch nicht kommen würde. Sein faltiges Gesicht, a-la trauriger Hund, verzieht sich zu einem Grinsen. „Glaub ja nicht, dass du hier auf der faulen Haut liegen kannst, wir finden schon was, um dich zu beschäftigen!“
Daran habe ich keinen Zweifel, zumal ich auch schon von einigen Artisten Aufträge bekommen habe. Hier einen Camping neu lackieren, dort ein Führerhaus vom LKW ausbessern und bei einigen Requisiten ist noch etliches zu tun. Ich habe natürlich allen zugesagt. Nebenbei möchte ich noch recht viele Fotos schießen, auch davon sind schon viele vorbestellt, und dann wechseln wir ja alle zwei Tage die Stadt.
„Ja, weiß ich schon, jetzt geh ich erst mal und suche Jacomo, ich möchte doch gerne den Camping stellen und vielleicht irgendwo eine Mütze Strom abkupfern!“
Jacomo ist nicht nur der betriebseigene dumme August, sondern auch noch der Platz- und Fahrzeugmeister. Er bestimmt, wer, wo und wie seinen Campingwagen stellen darf und wehe, es stellt sich einer ohne sein Einverständnis in die Reihe! Dann ist Schluss mit lustig!
Ich finde Jacomo in der offenen Tür zu seinem Camping, als er gerade dem Hund seines Bruders zu erklären versucht, dass der morgendliche Spaziergang ausfallen muss und dieser sein Geschäft gefälligst hier und sofort erledigen soll.
„Morgen, Jacomo, der Chef hat mir erlaubt, drei Wochen lang mitzufahren und jetzt brauche ich einen Stellplatz!“
„Weiß ich nichts von, hat er nicht mit mir abgesprochen!“ aber ich sehe kleine, verschmitzte Lachfältchen um seine Augen und weiß, das er wieder mal nur Unsinn redet. Ein bevorzugter Zeitvertreib von ihm. Damit kann er andere in den Wahnsinn treiben und er hat da ganz spezielle Zielobjekte.
„Na, komm, hier entlang!“
Ich trotte hinter ihm her, denn obwohl er mir kaum bis unter die Achseln reicht, erreicht er doch eine beachtliche Geschwindigkeit. Er zeigt mir den Platz und ich bugsiere mein Gespann neben den dort stehenden Camping, dessen Bewohner offensichtlich noch geschlafen hatte. Ein Zipfel der Gardine hebt sich und ein missmutiges Auge lugt hervor, meine Caravanstützen quietschen aber auch gotterbärmlich, vielleicht hätte ich sie zu Hause doch noch fetten sollen. Aber dann habe ich die vier Stützen fest herunter gedreht und mache mich nun auf die Suche nach einer freien Steckdose.
Dabei treffe ich Ruth, die mir den Weg zum Stromverteiler weist. Dort schreiben wir den Zählerstand auf und sie leiht mir noch eine Kabeltrommel, da meine 30 Meter Kabel bei weitem nicht ausreichen. Ich kann mich ärgern, denn zu Hause habe ich noch etliche Kabeltrommeln, aber in meiner Blauäugigkeit habe ich einfach angenommen, dass ein kurzes Stück Kabel ausreicht. Doch Ruth sagt, dass es ihr nichts ausmacht mir das Kabel zu leihen und dann geht sie wieder zu ihrer Arbeit in den Bürocontainer.
Dieser Circus ist insofern einzigartig, da Big Boss Franzi die Circuswagen abgeschafft und sein komplettes Geschäft in und auf Containertransporte umgestellt hat. In Circuskreisen wird er deshalb nur Kisten – Franz genannt, was er offensichtlich als Kompliment betrachtet. Anfangs wurde er belächelt, was sich aber bald legte, als die Effizienz seines Konzeptes aufging und er damit eine Menge an Zeit und Arbeitskräften einsparte. Seine neuen Ideen machten Schule und wurden bald von den einstigen Zweiflern kopiert. Auch die Tiere haben spezielle Container und werden am neuen Platz in die Stallzelte ausgeladen. Büro, Kasse, ja, selbst die Unterkünfte für die Arbeiter und Angestellten wurden in eigens dafür gefertigte Container verlagert. Auch haben alle Packwagen ausgedient und wurden durch die Container ersetzt. Allein die Artisten, die mit ihrem eigenen Transport anreisen, verbreiten mit Campingwagen den üblichen Circusflair.
„Kannst ja nachher auf einen Kaffee vorbei kommen!“ ruft mir Ruth noch zu.
Ich tigere noch ein bisschen über den Platz und aus allen Ecken scheinen sie nun aufzutauchen, die Artisten und Angestellten. Bald habe ich gefühlte dreihundert mal „Hallo“ gesagt und genauso oft erklärt, dass ich jetzt drei Wochen mitfahre. Wieder am Haupteingang angekommen treffe ich auch Franzi´s Partnerin Martina. Die Lebensgefährtin vom Big Boss bleibt eine Zigarettenlänge bei mir stehen, hat noch zwei Aufträge für mich und dann treffe ich endlich den Chef persönlich. Ich will mich dafür bedanken, dass ich die drei Wochen Urlaub hier verbringen darf, aber er drückt mir nur leicht grinsend und etwas abwesend die Hand. Offensichtlich bin ich somit in den Kreis der Fahrenden aufgenommen.
Gerade will ich mich meinem Heim zuwenden, um mir noch einen Kaffee zu machen, als Annemarie, ein hüpfender Laufmeter, aus ihrem Kassencontainer auftaucht und verkündet:
„Ich gehe in die Stadt, kommste mit?“
Klar, ich muss ja noch Ansichtskarten für die Zurückgebliebenen kaufen. Brötchen für meinen ewig hungrigen Magen könnten auch noch drin sein. So dackeln wir los, Annemarie, kaum mehr als halb so groß wie ich, ein ständig quirliger und selten stiller Weggefährte. Da die Kasse immer der erste Anlaufpunkt beim Circus ist, weiß ich nicht mehr, wie oft ich ihr Gesicht hinter dem runden Guckloch schon als erstes begrüßt habe. Irgendwie hatte sie immer Dienst, wenn ich zu Besuch kam. Annemarie ist auch so etwas wie die zentrale Informationsquelle am Geschäft, sie weiß meistens als erste, was so läuft, wer neuerdings mit wem und warum. Ich fragte mich schon manches mal, wie sie das so in ihrem engen Kassenkabuff alles mitkriegt, aber so ist sie, immer informiert und nicht bange, wichtige Informationen auch weiterzugeben. Allerdings ist sie wählerisch mit den Empfängern. Ich fühle mich privilegiert, dass ich zum engen Kreis derer gehöre, die Annemaries Infos aus erster Hand bekommen.
Annemarie macht ihre Besorgungen und dann suchen wir nach Ansichtskarten. Als wir das Geschäft erreichen, ist aber schon Mittagspause und sie sagt:
„Das macht nichts, kannst Circuspostkarten nehmen!“ welche ich ihr nach der Rückkehr auch gleich abkaufe. Blöd, hätte auch sofort die Briefmarken besorgen können, na ja, morgen ist auch noch ein Tag.
Fast ist schon Zeit für die erste Vorstellung. Am Haupteingang sammelt sich eine beachtliche Menschenmenge und ich beeile mich, damit ich vorher noch einige Brötchen spachteln kann. Kaum erklingt der erste Trompetenstoß, bin ich auch schon auf meinem Platz. Ich habe beschlossen, die Kamera im Wagen zu lassen und genieße die erste Vorstellung mal ohne Linse. Ich bleibe ja noch eine Weile und die vielen Fotos, die schon bestellt wurden, kann ich auch noch in den nächsten Tagen schießen.
Ich suche mir einige gute Motive und kann es dann doch nicht lassen, schon in der Abendvorstellung anzufangen. Immer muss ich mich bremsen, sonst hätte ich wohl gleich am ersten Abend zehn Filme voll gehabt.
Auch in der Präsentation seiner Show geht Franzi innovative Wege. Es ist ihm nicht genug gewesen, die einzelnen Darbietungen aneinander zu reihen, er hat seiner Vorstellung ein Thema gegeben: „Das verzauberte Lachen.“ Die beiden Clowns Pipo und Jacomo eröffnen die Show damit, dass sie sich auf die Suche nach dem verzauberten und somit verlorenen Lachen begeben und nach fast jeder Darbietung erscheinen sie wieder und berichten von ihrem Fortschritt.
Zwischendurch gehe ich immer wieder ins Restaurationszelt zu Gino und Malika, wo ich immer einen Kaffee auf lau bekomme.
„Endlich mal ein paar Leute mehr!“ bemerkt Gino. „War gar nicht so gut die letzten Städte. Mehr als halb voll war es nie!“
Halb voll, das deckt gerade die Unkosten. Auch Malika macht ein frohes Gesicht.
„Oh ja, heute läuft es endlich mal wieder besser!“
Klar, wenn wenig Leute im Zelt sind, dann macht auch die Gastronomie wenig Umsatz. Wobei die Leute natürlich weiter bezahlt werden wollen und auch die Pacht wird nicht gestundet.
Big Boss Franzi pirscht in seiner gewohnten Art durchs Zelt. Er trägt seinen üblichen Gesichtsausdruck, nämlich so, als wäre er mit seinen Gedanken ständig woanders. Doch ich weiß, dass er seine Augen überall hat und jede Kleinigkeit registriert.
Nach der Vorstellung treffen wir uns alle noch in der kleinen Kneipe vom Eisstadion. Und hier lerne ich Franzi von einer ganz anderen Seite kennen. Abgeschaltet und losgelöst vom Tagesstress erzählt er lustige Geschichten, sitzt mit uns an einem Tisch und trinkt ein ums andere Bierchen mit. Ich fühle mich sauwohl in diesem Kreis und merke gar nicht, wie die Zeit vergeht. Der Wirt wird gegen halb zwei etwas ungehalten und meint, es wäre Feierabend, aber alle überreden ihn zu noch einem Bierchen. Flugs ist es halb drei und jetzt meinen die ersten, es wäre doch wohl an der Zeit, zu gehen.
Dann kommt die Bezahlaktion, wobei jeder für sich zahlen will, der Wirt aber alles auf eine Rechnung geschrieben hat. Nun muss das auseinanderklabüstert werden, das bringt einige Diskussionen mit sich. Am Ende sind noch ein halbes Dutzend Bier offen, die aber niemand getrunken haben will. Ich war es nicht, denn ich hatte nur drei Cola.
Dem Wirt wird das zu viel, er zerreißt mit einem Schwung die Rechnung und meint:
„Leute, wir sind quitt, tschüss!“
Die Hälfte hatte sich eh schon verabschiedet und ich bin unter den letzten, die das heimelige Kneipchen verlassen. Und wieder ist es halb vier, als ich mich müde in mein Bett falte. Na, wenigstens habe ich heute an die Heizung gedacht!
Schon früh an diesem Sonntagmorgen bin ich beschäftigt, Kaffee aufbrühen und frühstücken, dann ins Büro. Ich hatte vergessen, dass Sonntag ist, also wird es wieder nichts mit den verschickten Postkarten, keine Briefmarken! Dann müssen die Daheimgebliebenen eben bis morgen warten.
Vor dem Bürocontainer sitzt der Joschl, einer der Pferdekutscher auf einem Stuhl und hält sich die Brust. Erschrocken frage ich ihn:
„Ist was passiert? Hast du Schmerzen?“
Erschöpft winkt er ab. Da kommt auch schon Schrammerl, eigentlich heißt er Georg Schramm, mit dem Autoschlüssel in der Hand aus der Tür. Schrammerl ist so etwas wie das Mädchen für alles und „darf“ helfen, wo er gerade gebraucht wird.
„Was hat er denn?“ will ich von ihm wissen.
„Der Pluto hat ihn volle Kanne vor die Brust getreten, er konnte wohl seine Fahne nicht ab, ja ja, so ein Pferd ist gar nicht so dumm, wie es aussieht! So, jetzt komm, los geht’s!“
Damit fasst er den Joschl unterm Arm und schiebt ihn zur betriebseigenen „Eierkiste“, das ist das Fahrzeug, das von jedem benutzt werden darf. Allerdings macht es niemand sauber, denn niemand fühlt sich zuständig, und dem entsprechend sieht es auch aus.
Kaum ist Schrammerl um die Ecke verschwunden, taucht A.P. auf und fängt sofort an, herum zu brüllen.
„So ein Scheißladen, nie ist einer da, wenn man ihn braucht, und jetzt ist auch noch die Eierkiste weg, ich muss den Kleinen zum Arzt fahren, der hat Fieber, der kann nicht arbeiten heute, nicht ohne Arzt, wo ist der Idiot denn mit der Eierkiste hin!“
Rainer streckt seinen Kopf aus der Tür.
„Was haste denn? Wer ist krank?“
„Der Kleine ist krank, ich muss zum Arzt!“
„Na, wärste früher gekommen, hätte der Schrammerl dich mitgenommen, warte, ich ruf dir ein Taxi!“
„Taxi, so ne Scheiße, wer soll das denn bezahlen!“
Aber dann beruhigt er sich, das Taxi kommt und A.P. packt sich seinen Kleinen, das ist sein zwergwüchsiger Partner aus der Clownnummer, und sie fahren zum Krankenhaus. Rainer lädt mich ins Büro ein, dort ist Herr Ulrich schon wieder fleißig, und wir trinken noch einen Kaffee zusammen.
Die frühe Nachmittagsvorstellung an diesem sonntäglichen Abbautag ist sehr gut besucht, nur wenige Bänke ganz hinten sind unbesetzt. Franzi pirscht mal nicht mit abwesendem Gesichtsausdruck durch das Vorzelt, sondern steht ganz entspannt bei Malika am Tresen und bespricht etwas mit Gino. Ich gehe ins Chapiteau, dort ist eine Bombenstimmung. Man merkt auch gleich, dass die Artisten sehr viel freudiger arbeiten. Ausnahmsweise präsentiert der Chef seine Pferde selber, mit ihm gefällt mir die Nummer gleich zehnmal besser. Nicht viele Dresseure haben seine Ruhe, Gelassenheit und Ausstrahlung in der Manege.
Abends sind die Ränge schon ein bisschen leerer, aber das ist bei einer letzten Vorstellung nicht unüblich. Es geht immer noch das Gerücht herum, dass an einem Abbautag nur die Hälfte der Vorstellung gezeigt wird, was natürlich Quatsch ist.
In der Vorstellungspause mache ich meinen Camping schon mal reisefertig, drehe die Stützen hoch und rolle das Stromkabel ein. Dann gehe ich zum Sattelgang hinüber, wo auch die Raubtiercontainer stehen, und komme gerade noch rechtzeitig, um einen älteren Herrn daran zu hindern, die gestreiften „Kätzchen“ hinterm Ohr zu kraulen. Der Tigerpfleger hat schon die Absperrgitter weggepackt, weil am Abbauabend die Pausentierschau nicht mehr geöffnet ist, aber er kann seine Augen auch nicht überall haben. Die Dummheit mancher Menschen ist einfach unbegreiflich.
Mit einem Brüller:“He, Sie da, Finger weg!“ erschrecke ich den Herrn derart, dass er tatsächlich seine Hand, die er schon fast zwischen die Gitter gestreckt hat, wieder zurückzieht. Beleidigt und trotzig schaut er mich an.
„Das lasse ich mir nicht gefallen, mich so zu erschrecken, reden Sie gefälligst vernünftig mit mir, ja, also das verbitte ich mir!“
Sprachlos, und das kommt bei mir selten vor, starre ich ihn an und will gerade Luft holen, um ihm meine Meinung kund zu tun, als er sich umdreht und davon stolziert!
Ich bleibe zur Sicherheit vor den Raubtiercontainern stehen, bis auch die restlichen Tiere aus der Manege zurück sind und die Klappen fest verschlossen werden.
Wie zu jeder Vorstellung sind auch heute ein halbes Dutzend Feuerwehrleute anwesend. Es ist ja nicht so, dass sie ihren Auftrag nicht ernst nehmen, auf dem ausgerollten Schlauch ist Druck, sie haben ihren Helm auf und den Koppel in Bereitschaft, aber ich frag mich doch, ob es nötig ist, dass jeder seine gesamte Familie mitbringt, Frauen, Geschwister, Kinder? Der Circus muss brandschutztechnisch zu jeder Veranstaltung einige freiwillige Brandschutzbeauftragte dabei haben. Diese müssen bezahlt werden, denn sie tun ja Dienst. Dabei hat es sich nun so eingebürgert, dass immer öfter die ganze Verwandtschaft mitgeschleppt wird, die natürlich auf lau die Vorstellung schauen.
Kaum ist die letzte Musiknote vom Finale verklungen, beginnt auch schon der Abbau. Dieses faszinierende, organisierte Chaos, bei dem es der Zuschauer nicht glauben mag, dass tatsächlich jeder Handgriff sitzt und jeder, aber auch wirklich jeder, genau weiß, was er zu tun hat. Ich komme mir ziemlich doof vor, weil ich nichts zu tun habe, aber ich will mich da auch nicht einmischen, weil ich eh keine Ahnung habe, wer gerade was zu tun hat und so biete ich mich einigen Artisten als Helfer an. Ich schleppe mit Lorris seine Hunderequisten zum LKW und helfe Bruno beim Verpacken seines Todesrades. Dabei bemerke ich, dass die Silberfarbe schon ziemlich am Abbröckeln ist. Aber, kaum habe ich eine Bemerkung diesbezüglich gemacht, hab ich einen neuen Auftrag an der Backe. Als Malermeister sollte man auch nicht auf alle Anstrichdefizite eine Äußerung fallen lassen!
Bei den Artistencampings herrscht schon reges Treiben und einer nach dem anderen reiht sich ein, um loszufahren. Auch ich hänge meinen Campingwagen an den Chevy und warte auf eine Lücke. Eigentlich fahren die Artisten ja recht flott von einer Stadt in die nächste, denn jeder will schnell ankommen und ins Bett, aber ein Transport ist echt laaangsam und genau dahinter habe ich mich eingereiht!
Annemaries Transport sollte eher in der Geisterbahn fahren und nicht auf der Straße. Wenn sie 50 km/h erreicht, dann scheint dies das höchste der Gefühle zu sein. Immer wieder überholen uns andere Transporte und auch ich überlege, an ihr vorbei zu ziehen, aber dann weiß ich nicht, wie ich zum Platz komme und außerdem hab ich ihr versprochen, dahinter zu bleiben. Doch ziemlich schnell macht sich Frust breit, ich konnte noch nie langsam fahren.
Auf der Autobahn erreicht die Kassenmaus doch tatsächlich 55 km/h, aber sie schert an der nächsten Raststätte aus und hält an der Zapfsäule. In dem Moment rauschen Lorris und Bruno mit ihren Riesenwohnwagen an uns vorbei, jetzt oder nie, denke ich, und hänge mich an die beiden dran. Na, die haben aber ein Tempo drauf! Ich versuche, dran zu bleiben, aber bei 110 km/h fällt mir ein, dass ich ja meinen Campingwagen hinten dran habe und lasse mich auf bequeme 80km/h heruntersinken. Dann sind Lorris und sein Bruder auch ganz schnell verschwunden und ich muss da alleine durch.
Auf dem Plan, der am schwarzen Brett hing, stand: Abfahrt Ansbach, dann kommt auf der rechten Seite ein Panzer, danach muss man links über eine Brücke und dann zweimal rechts, dort ist der Platz. Die Abfahrt finde ich, bloß keinen Panzer.
Na gut, etwas verloren irre ich durch den Ort, finde zu später Stunde tatsächlich noch ein Ehepaar, das mit ihrem Hund unterwegs ist, und frage nach dem Circusplatz. Beide haben aber völlig unterschiedliche Meinungen, wie man dort hinkommt und ich fahre weiter, lasse die beiden laut streitend am Bürgersteig stehen.
Am Bahnhof frage ich einen Taxifahrer, der mir den richtigen Weg weist. Jacomo ist mit dem einweisen der Wohnwagen beschäftigt und so bekomme ich sofort meinen Stellplatz. Mittlerweile ich auch Annemarie eingetroffen und wundert sich, dass ich schon da bin. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass ich vorbei gefahren war.
Als Gino und Malika eintreffen, verabreden wir uns, noch etwas zu essen zu suchen, auch Bruno schließt sich an, ebenso Gitti, Robert und Schrammerl. Mittlerweile ist es 0:30 Uhr. Am Bahnhof finden wir ein Steakhaus, das tatsächlich noch offen hat, aber der Grill ist schon kalt, so macht uns der Wirt einige Pizzen, die einfach nur teuflisch gut schmecken. Zurück am Platz ist es schon wieder nach zwei Uhr und ich bin eingeschlafen, fast noch bevor ich im Bett bin.
An diesem Montag werde ich wach, weil mir saukalt ist. Mit Schrecken stelle ich fest, dass die Gasflasche leer ist, ein Blick auf den Wecker zeigt mir 7:10 Uhr, somit steht auch fest, dass ich verschlafen habe. Ich wollte doch den Aufbau von Anfang an ablichten! Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir den aller strahlendsten Sonnenschein aber auch, dass die Masten bereits oben sind. Mit einem Sprung bin ich aus den Federn und nach ein paar Minuten schon draußen.
Die Marokkaner flitzen gut gelaunt über den Platz, keiner möchte glauben, dass sie nach dem schweren Abbau nur ein paar Stunden geschlafen haben. Zeltmeister Iwan Dimitri beginnt mit dem platzieren der Manegencontainer, dabei fährt er den Gabelstapler in gewohnter Manier. Kein rohes Ei würde dabei zu Bruch gehen, so sanft setzt er die Kisten zusammen. Kaum stehen sie, schwärmen die Marokkaner schon aus und entladen die einzelnen Gradinteile, die ebenso in Null-Komma-Nix zusammen- und aufgestellt werden. Dimitri begibt sich dann an das Setzen der Kassen- und Fassadencontainer. Ich sehe, dass gerade niemand da ist, der ihn einweist und versuche, so gut es geht, zu helfen. Ist eben doch von Vorteil, wenn da jemand neben dem Gabelstapler vernünftige Richtungsanweisungen geben kann! In relativ kurzer Zeit haben wir auch diese Container aufgestellt und Dimitri steigt von seinem Gefährt, um sich anzuschauen, ob ich ihn richtig eingewiesen habe.
„Passt, gut gemacht!“ sagt er und dann rauchen wir eine Zigarette zusammen. Erstaunlicherweise ist der sonst so knurrig wirkende Mann plötzlich sehr nett und wir können sogar ein bisschen miteinander lachen. Langsam gewöhnen sich die Leute wohl an mich und merken auch, dass ich mehr kann als nur dumm rumschwätzen.
Im Augenwinkel sehe ich, dass die Elektroverteiler aufgestellt werden, also mache ich mich daran, meinen Campingwagen ans lokale Stromnetz anzuschließen. Dann wechsele ich meine Gasflasche und notiere mir in Gedanken, dass ich die leere Flasche baldmöglichst ersetzen muss.
In der Nachmittagsvorstellung hänge ich im Sattelgang herum und kann da einige sehr interessante Fotos machen. Wie immer, wenn einer die Kamera schwenkt, kommen alle auf mich zu und wollen von den Fotos auch welche haben. Ich verspreche, dass ich jedem die gewünschten Abzüge besorgen werde.
Chef Franzi ist heute abwesend und der Stallmeister führt die Pferde vor. Ich vermisse seine Ruhe in der Manege, na, und die Sache mit der Peitschenführung sollte wohl auch noch mal überdacht werden. Meiner unprofessionellen Meinung nach gehorchen die Hengste ihm nicht so gerne wie dem Chef.
Annemaries Camping hab ich heute vorgearbeitet und auch an Rodolfos Führerhaus konnte ich beginnen. Bei dem schönen Wetter ist der Spachtel gut getrocknet und ich kann morgen vielleicht die Grundierung anbringen. Nur die Ersatzteile für Gittis Gefährt fehlen mir noch.
Vor der zweiten Vorstellung bin ich mit Jacomo in der Garderobe. Über dem Spiegel hat jemand einen Spruch angebracht: „Die dümmsten Hunde haben die größte Schnauze!“ Darüber wird heiß diskutiert, aber natürlich ist es niemand gewesen und derjenige, auf den der Spruch gemünzt ist, hält sich ausnahmsweise bedeckt. Ich blicke nicht ganz durch, halte aber Augen und Ohren offen. Kurz nach dem Einlass kommen noch einige Artisten vom Circus Barum vorbei, der gastiert gerade in Nürnberg und hat einen Ausfalltag. Und was tun Artisten, wenn ihr Circus mal einen freien Tag eingeplant hat? Natürlich einen anderen Circus besuchen!
Nach der Vorstellung gehe ich in meinen Camping und will noch einen Film schauen, wache aber gegen 3:30 Uhr auf, als das TV-Gerät nur noch Rauschen von sich gibt. Von dem Film hab ich nur den Vorspann gesehen, jedenfalls kann ich mich an sonst nichts erinnern. Na gut, jetzt hab ich Hunger, verspeise die Brötchen vom Vortag und falte mich dann ins Bett.
Reparatur an Pipos amerikanischem Truck
Schon gegen zehn Uhr sind Gitti und ich im Ort unterwegs. Die Ersatzteile für ihren Abwassertank, die sie so dringend braucht, sind aber in diesem Nest nirgends zu bekommen. Ein netter Herr aus dem lokalen Eisenwarengeschäft rät uns, nach Nürnberg zu fahren, dort würden wir sicher fündig werden. Aber das sind fast 50 Kilometer und dort die genannte Adresse finden, nein, das machen wir dann doch nicht. Außerdem ist es schon fast 13 Uhr, als wir wieder am Platz sind und es bleibt bis zur Vorstellung eh keine Zeit mehr.
Als ich nach der Mittagspause ins Büro gehe, herrscht dort ziemliche Aufregung. Die Kripo war da und hat einen der Pferdekutscher verhaftet. Er ist dabei gesehen worden, wie er in der vergangenen Nacht einige Autos aufgebrochen hat und in seinem Wohnabteil werden dann auch diverse Teile, Autoradios, Autopapiere und ein Dutzend Werkzeuge aus den Fahrzeugen, sichergestellt.
„Arbeitete der denn schon länger hier?“ Ich bin ja gar nicht neugierig!
„Seit Saisonanfang. Die Kripo hat gesagt, es wäre auch in der Vergangenheit schon einiges gelaufen, der wurde wohl schon länger gesucht! Na, danach gucken wir ja nicht, wenn wir einen einstellen. Ein Führungszeugnis hat hier noch keiner vorlegen müssen, bloß blöd, wenn die Kameraden ihre kriminelle Karriere unter unserem Deckmantel dann fortführen!“
Rainer ist sauer, verständlich, denn nun wird der ganze Betrieb unter die Lupe genommen. Draußen fährt zum x-ten Mal ein Streifenwagen vorbei. Mir wird auch ganz mulmig, ist ein blödes Gefühl, so eine Verdächtigung.
Auf dem Weg zur Vorstellung kann ich gerade noch eine ganze Familie daran hindern, durch ein umgestürztes Zaunteil in das Zelt zu marschieren.
„Moment mal, wo haben Sie denn Ihre Eintrittskarten?“
„Hä?“
„Ihre Eintrittskarten!“
„Hab ich noch nicht, kriegt man die denn nicht drinnen?“ Na gut, versuchen kann man es ja mal!
„Nein, da müssen Sie schon zum Haupteingang und an der Kasse ihre Karten lösen! Hier herum, bitte, und dann AUSSEN am Zaun entlang!“
Etwas pampig, aber einsichtig, marschiert Papa mit Gefolge in die gewünschte Richtung. Ich setzte das Zaunteil wieder an seinen Platz und freue mich innerlich. Hab ich doch einen Fast-Schwarzseher erwischt und dem Circus zu einer bescheidenen Mehreinnahme verholfen.
Die Abendvorstellung ist vielleicht zu einem Viertel gefüllt, die leeren Ränge deprimieren mich und ich beschließe, heute keine Fotos zu machen. Auch sind die Artisten irgendwie lustlos. Mir fällt auf, dass Adi nicht auf die Elefanten klettert und auch bei der Springernummer verliert der letzte Springer nicht seine Hose.
Beim Abbau des Raubtiergitters schreit eine Besucherin in der Loge plötzlich auf.
„Meine Uhr, meine Uhr, wo ist meine Uhr?“
Hektisch beginnt sie, im Sägemehl zu wühlen, während die umstehenden und -sitzenden Besucher interessiert zuschauen. Robert, der Sprechstallmeister, kommt angelaufen und fragt die Dame, was denn passiert sei.
„Ich hab mich hier über das Geländer gebeugt und da ist mir die Uhr herunter gerutscht, hier, zwischen die Kästen ist sie gefallen, sie muss hier irgendwo sein, helfen Sie mir doch bitte, das war ein Geschenk meines Vaters...!“
Fast fängt sie an zu weinen und will sich wieder daran geben, im Sägemehl zu wühlen. Robert winkt zwei Requisiteure herbei. Simon und Nadir kommen angelaufen und beteiligen sich an der Suche.
Simon hebt triumphierend die Hand hoch.
„Ich hab sie!“ und zeigt allen eine wertvolle, goldene Uhr mit einem elastischen Armband.
„Ja, wir haben sie gefunden!“ freut sich Nadir.
Die Besucherin kramt in ihrer Tasche und gibt Simon zwanzig Mark als Finderlohn, dann steckt sie das wertvolle Kleinod in ihre Handtasche.
Hinter dem Vorhang ist Nadir ziemlich aufgebracht.
„Ich hab doch auch gesucht, wir müssen den Finderlohn teilen!“
„Nein, ich hab sie gefunden, ich hab das Geld gekriegt, du hast nix gefunden, nur ich!“
„Aber ich hab auch gesucht...!“
So geht es zum Vergnügen aller hin und her und die beiden Streithähne können sich nicht einigen. Da kommt der Chef um die Ecke, lässt sich aufklären und beendet den Streit auf seine Weise.
„Gib mal her!“ fordert er Simon auf. Der ist so verdutzt, dass er den Schein ohne Widerworte übergibt.
„Das kommt jetzt in die Aviskasse und Schluss ist!“
Damit steckt er das Geld ein und verschwindet wieder. Simon und Nadir sind sprachlos und werden von Robert zur Arbeit gescheucht. Die Aviskasse ist so etwas wie eine Kaffeekasse. Immer wenn einer ein Avis bekommt und einen Geldbetrag abdrücken muss, vielleicht weil er zu spät zur Arbeit gekommen ist oder eine kleinere Ordnungswidrigkeit begangen hat, kommt der Betrag in die Aviskasse und am Ende der Saison wird davon ein Grillfest für alle veranstaltet. Der Chef legt dann noch einen Betrag obendrauf, wenn es mal nicht ausreicht.
Nach der Vorstellung gehen wir alle noch mal was essen. Wir fallen wieder in dem Steakhaus ein, dort, wo wir vorgestern nur die Pizzen bekommen haben. Nachher sitzen wir noch in meinem Campingwagen zusammen und Gitti, Silvio und Annemarie schauen sich meine Fotoalben an. Dabei vernichten wir noch eine Flasche Wein und Gitti klärt mich über die Zusammenhänge verschiedener Pärchen auf. Ist ja nicht immer ganz leicht, aber langsam bekomme ich den Durchblick und weiß endlich, wer mit wem und wer nicht. Bis wir das alles durchklabautert haben ist es schon wieder drei Uhr nachts. Langsam gewöhne ich mich an die Uhrzeiten hier im Circus. Irgendwie beginnt der lustige Teil des Tages immer erst nach der zweiten Vorstellung. Morgen ist Abbautag.
An diesem Mittwoch wache ich erst gegen elf Uhr auf. Mit Missfallen betrachte ich meinen Lieblingspullover, hat sich da gestern Abend ein Elefant darauf gesetzt, oder warum sieht er so mitgenommen aus? Nun ja, erst ein Mal Kaffee gemacht und die ständig sprießenden Bartstoppeln in ihre Schranken gewiesen. Dann ein Rundgang übers Gelände.