Make me Lose - Ember Leigh - E-Book

Make me Lose E-Book

Ember Leigh

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Beschreibung

Vor Jahren hat Grayson Daly das beschauliche Bayshore hinter sich gelassen und sich in die schillernde Welt New Yorks gestürzt. Jetzt ist er ein erfolgreicher Geschäftsmann, der als einer der begehrtesten Junggesellen der Stadt gilt. Doch als seine Großmutter stirbt, muss er widerwillig in die Kleinstadt zurückkehren, um ihr Haus zu verkaufen. Das Problem? Die einzige Maklerin vor Ort ist niemand anderes als Hazel Matheson, die er lieber meiden würde.

Hazel führt das perfekte Leben: Sie ist die Königin der Immobilien mit einem Zuhause und einer Garderobe, die direkt aus einem Pinterest-Board stammen könnten. Nur der Traummann fehlt noch an ihrer Seite. Als ihr ewiger Rivale Grayson Daly plötzlich wieder auftaucht, wird ihre heile Welt auf den Kopf gestellt.

Graysons Plan: das Haus verkaufen und schnellstens zurück ins aufregende Großstadtleben fliehen.

Hazels Plan? Möglichst weit weg von Grayson bleiben und ihre Suche nach dem perfekten Partner fortsetzen.


Doch je mehr sie versuchen, sich aus dem Weg zu gehen, desto mehr knistert es zwischen ihnen …

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Seitenzahl: 359

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Liebe Leserin, lieber Leser,

Danke, dass Sie sich für einen Titel von »more – Immer mit Liebe« entschieden haben.

Unsere Bücher suchen wir mit sehr viel Liebe, Leidenschaft und Begeisterung aus und hoffen, dass sie Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und Freude im Herzen bringen.

Wir wünschen viel Vergnügen.

Ihr »more – Immer mit Liebe« –Team

Über das Buch

Vor Jahren hat Grayson Daly das beschauliche Bayshore hinter sich gelassen und sich in die schillernde Welt New Yorks gestürzt. Jetzt ist er ein erfolgreicher Geschäftsmann, der als einer der begehrtesten Junggesellen der Stadt gilt. Doch als seine Großmutter stirbt, muss er widerwillig in die Kleinstadt zurückkehren, um ihr Haus zu verkaufen. Das Problem? Die einzige Maklerin vor Ort ist niemand anderes als Hazel Matheson, die er lieber meiden würde.

Hazel führt das perfekte Leben: Sie ist die Königin der Immobilien mit einem Zuhause und einer Garderobe, die direkt aus einem Pinterest-Board stammen könnten. Nur der Traummann fehlt noch an ihrer Seite. Als ihr ewiger Rivale Grayson Daly plötzlich wieder auftaucht, wird ihre heile Welt auf den Kopf gestellt.

Graysons Plan: das Haus verkaufen und schnellstens zurück ins aufregende Großstadtleben fliehen.

Hazels Plan? Möglichst weit weg von Grayson bleiben und ihre Suche nach dem perfekten Partner fortsetzen.

Doch je mehr sie versuchen, sich aus dem Weg zu gehen, desto mehr knistert es zwischen ihnen …

Über Ember Leigh

Ember Leigh stammt aus dem nördlichen Ohio und lebt derzeit mit ihrem argentinischen Ehemann und zwei Kindern in der Nähe des Eriesees, wo sie einen argentinisch-amerikanischen Food Truck betreiben.

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Ember Leigh

Make me Lose

Aus dem Amerikanischen von Michelle Landau

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Grußwort

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Kapitel 1 — HAZEL

Kapitel 2 — GRAYSON

Kapitel 3 — HAZEL

Kapitel 4 — GRAYSON

Kapitel 5 — HAZEL

Kapitel 6 — GRAYSON

Kapitel 7 — HAZEL

Kapitel 8 — GRAYSON

Kapitel 9 — GRAYSON

Kapitel 10 — HAZEL

Kapitel 11 — HAZEL

Kapitel 12 — GRAYSON

Kapitel 13 — HAZEL

Kapitel 14 — GRAYSON

Kapitel 15 — HAZEL

Kapitel 16 — GRAYSON

Kapitel 17 — HAZEL

Kapitel 18 — GRAYSON

Kapitel 19 — HAZEL

Kapitel 20 — GRAYSON

Kapitel 21 — HAZEL

Kapitel 22 — GRAYSON

Kapitel 23 — HAZEL

Kapitel 24 — GRAYSON

Kapitel 25 — GRAYSON

Kapitel 26 — HAZEL

Kapitel 27 — HAZEL

Kapitel 28 — GRAYSON

Kapitel 29 — HAZEL

Epilog

ANMERKUNGEN DER AUTORIN

Impressum

Widmung

Dieses Buch ist der FunCoast gewidmet und all den wilden, wundervollen Sommern, die ich am Ufer des Lake Erie verbracht habe.

Kapitel 1

HAZEL

»Ich sage ja bloß, dass du nicht mit deinem Dad hingehen kannst.«

Zu schade, dass meine beste Freundin London nicht sehen kann, wie ich die Augen verdrehe. Ich bin allein in meinem großen Büro mit Seeblick, es ist zehn Uhr morgens. Meinen ersten Kaffee habe ich längst getrunken und sehne mich schon nach dem nächsten.

»Ja. Hab ich verstanden. Und weißt du was?«, gebe ich zurück und greife nach meiner Kaffeetasse. Die gähnende Leere darin ist deprimierend, aber nicht deprimierend genug, um mich zu einem weiteren Ausflug zum Daily Grind, dem Coffeeshop um die Ecke, zu motivieren. »Ich hatte auch nie vor, mit meinem Vater auf den Ball zur Zweihundertjahrfreier zu gehen.«

London kann manchmal eine ziemlich blöde Kuh sein. Aber ich liebe sie, deswegen bin ich immer noch mit ihr befreundet. Außerdem kennt sie mich besser als jeder andere Mensch auf dieser Erde. Wir sind hier in Bayshore zusammen zur Highschool gegangen, obwohl wir damals noch nicht richtig miteinander befreundet waren. Das hat sich erst entwickelt, als wir beide an der Ohio State University studierten. Damals, bevor wir irgendeine Ahnung hatten, was wir taten. Bevor wir wussten, zu was für coolen Powerfrauen wir uns entwickeln würden.

Cool, aber leider chronisch Single.

»Hazel, ich weiß, du liebst deinen Dad«, sagt London. »Ich liebe deinen Dad auch. Aber du musst ein richtiges Date finden. Einen richtig heißen Typen. So heiß wie du.«

Ich seufze tief. London kommt für den Ball extra nach Hause und hat sich ein Zimmer in dem Boutique Hotel in der Nähe meines Büros gemietet, weil sie fest entschlossen ist, sich irgendeinen heißen Typ aus unserer gemeinsamen Vergangenheit zu schnappen, den wir bisher – aus welchen Gründen auch immer – übersehen haben.

Im Gegensatz zu ihr lebe ich immer noch in Bayshore. Was bedeutet, dass ich mein eigenes gemütliches Bett in meiner eigenen ruhigen, von Bäumen gesäumten Straße habe und ganz genau weiß, wie viele heiße Typen es hier noch gibt – die Zahl ist ziemlich frustrierend.

So deprimierend, dass Tinder keine neuen Vorschläge mehr lädt.

»Ich glaube du hast vergessen, wie es hier aussieht«, erinnere ich sie, während ich mit einem Kugelschreiber auf meinen Schreibtisch trommle. Mein Blick wandert zu der Fensterfront an der Nordwand meines Büros. Einen Block entfernt glitzert die Briggs Bay türkisblau in der Sonne. Ein Motorboot schneidet durch die Wellen und hinterlässt eine schaumweiße Spur. Ich befinde mich zwar in einem angenehm klimatisierten Raum, doch allein der Blick auf den See lässt mich die schwüle Hitze des Morgens spüren.

Es ist ein Gefühl, das ich zu lieben gelernt habe.

Wie so ziemlich alles andere in Bayshore. Abgesehen natürlich von dem erschreckenden Mangel an alleinstehenden Männern in meinem Alter.

»Oh, doch«, sagt London, »ich erinnere mich.« Wie die meisten unserer ehemaligen Mitschüler und Mitschülerinnen kommt sie nicht oft zurück in die Stadt. Die paar, die geblieben sind, sehe ich regelmäßig, allein schon aus dem Grund, weil alle im Bezirk mit ihren Immobilienangelegenheiten zu mir kommen. Dadurch bin ich immer auf dem neusten Stand, weiß, wer geheiratet hat und wer in Bayshore auf dem absteigenden Ast ist.

Und da sich unser Jahrgang langsam, aber sicher der großen Dreißig nähert, gibt es einige, die nicht nur allmählich abgesunken, sondern wie auf einer geölten Rutsche ganz nach unten gesaust sind.

»Was ist denn mit den Daly-Brüdern?«, fragt London, was mir noch ein Seufzen entlockt.

Natürlich. Die Daly Brüder. Die immer attraktiven Junggesellen, die früher durch die Stadt stolziert sind wie eine Horde supermaskuliner Gänse: laut und angeberisch, während man immer Angst haben musste, dass sie einem im Park nachjagen und einem das Herz brechen. Nicht, dass Gänse oft Herzen brechen, aber darum geht es jetzt nicht.

Vermutlich bin ich einfach nur verbittert. Es ist erst zehn Jahre her, und ein Teil von mir hat Grayson Daly sein Gänserich-Gehabe immer noch nicht verziehen. Abgesehen von Grayson mag ich die Familie Daly aber sehr. Ich bin mit den Jungs aufgewachsen. Und auch wenn sich einer ihrer Söhne als Arschloch entpuppt hat, habe ich Graysons Mom wirklich sehr lieb. Es ist schließlich nicht ihre Schuld, dass Gray so ein arroganter Idiot ist. Na ja, genau genommen hat zumindest Graysons Dad wohl doch etwas damit zu tun, weil er Gray immer gnadenlos angetrieben hat, in allem der Beste zu sein. Die anderen vier Jungs sind alle nette Kerle, statistisch gesehen musste einer also ein Reinfall sein.

»Zwei von denen wohnen nicht mal mehr in Ohio«, sage ich, während ich stirnrunzelnd versuche, meinen Computer wieder zum Leben zu erwecken. Draußen auf der Water Street schlendern ein paar Leute an meinen deckenhohen Fenstern vorbei. Sie haben Stadtpläne in der Hand, was sie sofort als eine der Touristengruppen ausweist, die während der Hochsaison zu Tausenden unsere Stadt bevölkern. »Dominic lebt irgendwo bei Cleveland, soweit ich weiß. Die beiden Jüngsten sind noch hier. Maverick sehe ich ab und zu. Er ist meistens high.«

London schnaubte. »Die beiden sind sowieso etwas zu jung für meinen Geschmack.«

Ich ziehe die Brauen zusammen. Ich rede nicht gern über Geschmack, wenn es um die Daly-Brüder geht. Es gab da diese kurze, psychotische Phase in meiner Jugend, als ich in Grayson Daly verliebt war. Doch er hat mein Vertrauen durch den Dreck gezogen. Nach ein paar weiteren charakterbildenden Erlebnissen bin ich nun hier: die erfolgreichste Immobilienmaklerin in ganz Ohio und jeden Tag in einem Hammeroutfit.

»Ich gehe online«, sage ich. »Stelle eine Anzeige auf Craigslist. Suche superheißes Date für den zweihundertsten Geburtstag von Bayshore. Muss bereit sein, für endlose Fotos zu posieren, mir jede Menge Champagner zu kaufen und als liebender Partner in meinem Instagramfeed zu erscheinen.«

»Klingt nach einem Plan«, meint London.

»Großartig. Du hast gerade meiner Idee zugestimmt, ein Date auf Craigslist zu suchen. Das bedeutet, ich bin echt ganz unten angekommen.« Ich grinse, die letzten Momente meiner zehnminütigen Pause auskostend. Diese regelmäßigen Unterbrechungen in meinem Arbeitstag, um Freunde und Familie anzurufen, helfen mir, in der stressigen Immobilienwelt zu überleben. Meistens arbeite ich knappe achtzig Stunden die Woche. Aber ich liebe meinen Job. Ich sehe ihn nicht als Belastung, sondern lebe meinen Traum. In meiner Heimatstadt, in meinem gemütlichen Haus nur zwei Straßen entfernt von Briggs Bay und dem weiten, rauen Ufer des Lake Erie.

»Ganz so hart würde ich es nicht ausdrücken«, sagt London. »Dein Liebesleben ist nur etwas … erbärmlich.«

Ich schnaube. Das klingt natürlich gleich viel besser. Aber sie hat nicht unrecht.

Das kleine Glöckchen an meiner Bürotür kündigt einen Besucher an. Schnell nehme ich die Füße, die in zehn Zentimeter hohen schwarzen Lackpumps stecken, vom Tisch und ziehe meinen Bleistiftrock zurecht, der etwas zu weit hoch gerutscht ist. Dann richte ich mich gerade auf und sehe dem Neuankömmling entgegen.

Er muss knappe eins neunzig groß sein. Mit breiten Schultern und einer Statur irgendwo zwischen Fußball- und Footballprofi. Seine sturmblauen Augen brennen sich quer durch die Galerie in meine.

Sofort ist meine Kehle wie zugeschnürt. Hastig wende ich den Blick ab, bevor dieser Mann realisiert, dass ich weiß, wer er ist.

Der Mann, über den ich eben noch nachdachte. Als hätte ich ihn damit aus den Tiefen der Hölle heraufbeschworen.

Grayson Daly.

»Bist du noch dran?«, fragt London.

Ich halte den Blick stur auf meinen Computerbildschirm gerichtet, als wäre ich die beschäftigste, wichtigste, unbekümmertste Person der Welt. Um einen natürlichen Tonfall bemüht sage ich: »Vielen Dank für Ihren Anruf. Ich bin überzeugt, dass unsere Zusammenarbeit sehr erfolgreich wird. Vielen Dank für Ihr Interesse an Hazel Homes, George Clooney.« Mit wild pochendem Herzen knalle ich den Hörer zurück auf die Station.

Das ist die andere Sache bei Grayson.

Seit dem Tag unserer Geburt waren wir Konkurrenten. Ich hatte immer den Drang, besser zu sein als er.

Und anscheinend ist dieser Drang gemeinsam mit Grayson aus der Hölle zurückgekehrt.

Ich wende mich ihm zu, klimpere mit den Wimpern und setze das strahlendste Lächeln auf, das ich zustande bringe. »Hallo! Wie kann ich Ihnen helfen?« Mein Herz schlägt so schnell, dass ich fürchte, ohnmächtig zu werden. Ich habe keine Ahnung, wie ich mit dieser Situation umgehen soll. Ich weiß nur, dass dieselben Impulse in mir aufsteigen wie vor zehn Jahren, als wäre überhaupt keine Zeit vergangen, Impulse, die mich antreiben, zu gewinnen, Grayson zu schlagen, besser zu sein als er.

Anscheinend hält dieser Instinkt es für das Beste, so zu tun, als hätte ich diesen attraktiven Mann noch nie zuvor gesehen.

Grayson grinst schief, und dieses Grinsen katapultiert mich sofort zurück in die psychotischsten drei Monate meines Lebens, während deren ich in ihn verliebt war. Allerdings ist er inzwischen älter, geschliffener. Er trägt einen grauen Anzug, der sowohl einem Billionär als auch einem Vogue-Model stehen würde, dazu spitze Schuhe aus Krokodilleder. Mit den Händen in der Hosentasche kommt er unerträglich großspurig auf mich zu geschlendert.

»Willst du wirklich so tun, als wüsstest du nicht, wer ich bin?«

Der raue Bass seiner Stimme sendet eine Hitzewelle direkt zwischen meine Beine. Kurz blinzle ich, setze mein bestes verwirrtes Gesicht auf. Mit zusammengekniffenen Augen sehe ich ihn an. Vielleicht etwas zu lange.

»Hazel«, sagt er. »Lass den Scheiß.«

Sein befehlshaberischer Ton geht mit so sehr gegen den Strich, dass ich genau das tue: Ich presse die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. »O Gott. Ja! Grayson Daly. Wer sollte es sonst sein.« Ich meide seinen Blick, während ich ein paar Dinge auf meinem Schreibtisch zurechtrücke. Hauptsache, ich muss nicht in dieses absurd attraktive Gesicht sehen, eingerahmt von dem dunklen Haar, das an den Seiten kurz geschoren und oben etwas länger ist, mit einer hinreißenden Welle über der Stirn. »Tut mir leid, dass ich dich nicht gleich erkannt habe.« Ich kann nicht anders, die Worte kommen mir über die Lippen, bevor ich darüber nachdenken kann. »Du bist alt geworden.«

Er legt den Kopf schief, seine Miene scheint zu sagen Oh, bitte. »Ich bin zehn Minuten älter als du, also trifft das wohl auch auf dich zu.«

Ugh. Als wir noch Kinder waren, hat er ständig mit diesen blöden zehn Minuten angegeben. Als hätte ihn das automatisch in jeder Hinsicht zum Sieger werden lassen. Tja, jetzt kann ich den Spieß umdrehen. Ich werde meine extra zehn Minuten Jugend nehmen und voll auskosten.

»Ich könnte nicht fitter sein«, sage ich mit einem künstlichen Lächeln. »Ein regelrechter Jungbrunnen.« Als ich seinem Blick begegne, versuche ich mir vorzustellen, was er sieht. Ich hoffe, dass mein feuerwehrroter Lippenstift nicht verschmiert ist. Das passiert mir nie, aber an dem Tag, an dem Grayson auftaucht, kann man nicht vorsichtig genug sein. Stumm danke ich den Göttern dafür, dass ich erst diese Woche meine Brauen habe machen lassen. Hätte ich gewusst, dass Grayson heute hier reinstolziert kommt, als würde er für den coolsten Businessmann der Welt vorsprechen, hätte ich mich natürlich besser vorbereitet. Aber jetzt muss ich eben mit dem arbeiten, was mit zur Verfügung steht. »Also, wie kann ich Ihnen helfen, Sir?«

Genervt stößt er die Luft aus. Ihn zu behandeln, als würde ich ihn nicht kennen, als wäre er mir egal, ist mein neuer Schlachtplan.

»Ich dachte, du könntest mir vielleicht dabei behilflich sein, ein Haus zu verkaufen.« Mit angespanntem Kiefer lässt er seinen Blick durch mein Büro schweifen. Die Wände sind strahlend weiß mit breiten schwarzen Rahmen, die meine Auszeichnungen, Zertifikate und Lizenzen zur Schau stellen. Grelle Farben sind nicht meins. Ich bevorzuge sämtliche Schattierungen von Schwarz, Violet und Grau. Wenn ich könnte, würde ich ausschließlich Hahnentrittmuster tragen. »Da ich nicht mal für eine Million Dollar zurück nach Bayshore ziehen würde, brauche ich es selbst nicht.«

Ich presse die Zähne zusammen. Damit hat er seinen Schlachtplan verraten. Und der geht mir gewaltig auf die Nerven.

»Ah. Richtig. Wer will schon im beliebtesten Strandort des mittleren Westens leben? Lebensqualität weißt du wohl nicht zu schätzen«, schieße ich zurück, während ich beginne, eine E-Mail zu tippen. Einfach, damit meine Hände etwas zu tun haben. Die Adresszeile ist leer. Ich tippe wahllose Buchstaben.

»Ich weiß Einwohnerzahlen jenseits von hunderttausend zu schätzen«, sagt Grayson. Er zieht den Sessel vor meinem Schreibtisch zurück und nimmt mit einem affektierten Räuspern Platz. Der Duft seines Rasierwassers dringt mir in die Nase. Es ist kräftig und erdig und vermutlich verdammt teuer. Eine Kombination aus Gucci und Holzfäller. »Ich weiß den Broadway zu schätzen. Eine breite Auswahl von Restaurants. Mehr als ein Kino zur Verfügung zu haben.«

Klingt, als würde er in New York leben. Aber das ist okay. Er weiß offensichtlich nicht, dass die Menschen scharenweise die großen Städte verlassen, um in kleinere Orte wie Bayshore zu ziehen. Er hat keine Ahnung, wie gut ich an diesem neuen Trend verdiene.

»Arroganz wusstest du auch immer schon zu schätzen«, sage ich und werfe ihm ein Lächeln zu, ohne ihn anzusehen. »Das ist definitiv deine größte Stärke.« In der Fake-E-Mail, die ich tippe, steht jetzt: skkskkkksksskk sk fick dich.

Er lächelt humorlos. Sein Knie wippt auf und ab. »Wirst du das Haus für mich verkaufen oder nicht?«

»Nein.«

»Meine Großmutter ist gestorben«, sagt er. Die Schärfe ist plötzlich aus seiner Stimme verschwunden, und er senkt den Blick. Mist. Damit habe ich nicht gerechnet. »Es war ihr Haus.«

»Soll mich das etwa dazu bringen, meine Meinung zu ändern?«

»Möglich.«

Als sich Stille zwischen uns ausbreitet, wage ich einen Blick in seine Richtung. Seine Augen sind noch genauso stürmisch wie eh und je, sie haben sich überhaupt nicht verändert. Seine fast schwarzen Brauen sind zusammengezogen. Als würde er stumm um etwas bitten. Oder betteln. Nicht, dass Grayson jemals betteln würde.

Dennoch lässt die Stille zwischen uns ein paar meiner Barrikaden bröckeln. Grayson ist ein Fuchs, mehr noch als damals in der Highschool, als er zum König des Abschlussballs gewählt wurde. Er hat diesen Blick drauf, bei dem einfach alle Frauen dahinschmelzen. Und verdammt, mir geht es nicht anders. Obwohl ich ihn hasse. Wäre er auch nur ein Fünftel weniger Arschloch, wäre ich absolut verrückt nach ihm.

Und wäre mir unsere jahrzehntelange Rivalität egal, würde ich meine Moralvorstellungen sofort über Bord werfen und über ihn herfallen.

Aber nein. Ich habe etwas zu beweisen.

»Mein Beileid. Wieso willst du das Haus verkaufen?«, frage ich, bemüht um einen Tonfall, der gleichermaßen zickig und mitfühlend klingt. Seine Großmutter hat nichts falsch gemacht. Ich kannte sie – sie war eine liebenswerte alte Dame. Graysons Mom hat mir vor ein paar Tagen erst die traurige Nachricht überbracht. Seit dem Tag hat sich das ungute Gefühl in meinem Magen immer weiter ausgebreitet, weil ich wusste, dass dadurch die Möglichkeit bestand, dass Gray nach Bayshore zurückkehrt.

Dabei war sich ein großer Teil von mir sicher – oder hat es zumindest gehofft –, dass er für die Beerdigung seiner Oma nicht extra kommen würde.

Wie’s aussieht, lag ich falsch.

»Das habe ich doch schon gesagt. Kein Geld der Welt könnte mich dazu bringen, in dieses verschlafene, langweilige Städtchen zu ziehen.« Der teuflische Ausdruck ist in seine Augen zurückgekehrt. Höchste Zeit, das Mitgefühl wieder einzustellen.

»Unsere verschlafene, langweilige Bevölkerung kann es kaum erwarten, dich loszuwerden«, versichere ich ihm. »Und du wirst dir jemand anderen suchen müssen, der das Haus für dich verkauft. Denn irgendwie habe ich es trotz der nur ungefähr dreihundert Leute, die hier leben, geschafft, Millionen zu verdienen.« Das ist leicht übertrieben. Ich habe Millionen Umsatz gemacht. Aber das muss er ja nicht wissen. »Was bedeutet, dass ich dein Geld nicht brauche. Einen schönen Tag noch.«

Er rührt sich nicht, und ich meine den Anflug von Panik in seiner Miene wahrzunehmen. Aber vielleicht ist das auch nur Wunschdenken.

»Du bist die einzige Immobilienmaklerin der Stadt«, sagt Gray.

»Stimmt nicht. Die Straße runter gibt es noch eine sehr fähige und eindeutig zu wenig genutzte Agentur.« Ich spreche von Cabanas Immobilien, einer kleinen Agentur, geleitet von der Familie Cabana. Allesamt nette Leute, aber ich weiß, wieso Grayson nicht dorthin gehen kann. Die Dalys und Cabanas stehen seit knapp fünfundzwanzig Jahren miteinander auf Kriegsfuß. Was einst als freundschaftliche Bootsstegnachbarschaft begann, wurde durch einen hinterhältigen Skandal zu aktiver Feindschaft. Und damit meine ich eine richtige Familienfehde à la Romeo und Julia. Falls sich einer der Daly-Jungs jemals in eines der Cabana-Mädchen verlieben sollte, dann gnade ihm Gott.

»Hazel«, sagt Grayson, als könnte es ihm irgendwie helfen, mich an meinen Namen zu erinnern. Ich lächle nur freundlich. »Komm schon.«

»Ich bin mir nicht sicher, was du von mir erwartest. Es ist meine Entscheidung, welche Klienten ich annehme und welche nicht.« Mit den Ellbogen auf der Tischplatte beuge ich mich vor, schiebe meine Brüste damit noch ein bisschen höher. Nur, um ihm einen verführerischen Einblick in mein Dekolleté zu bieten. Ich habe keine Ahnung, ob er überhaupt noch an mich denkt oder sich manchmal fragt, was aus mir geworden ist, nachdem er mich direkt vor dem Abschlussball sitzen lassen hat.

Aber nur für den Fall, dass er ab und zu an mich denkt, nur für den Fall, dass er sich mal gefragt hat, was aus der kleinen Streber-Hazel geworden ist, dem Mädchen, das er mit allen Mitteln unglücklich machen und schlagen wollte.

Tja, dann hat er hier seine Antwort.

Hazel gewinnt.

Kapitel 2

GRAYSON

Zu behaupten, dass ich Bayshore mein Leben lang gehasst habe, wäre übertrieben. Vielmehr ist die Abneigung meiner Heimatstadt gegenüber über die Jahre hochgeköchelt wie ein Eintopf. Es hat langsam angefangen – lange, langweilige Winter, die Frustration eines Teenagers, für den es einfach nicht genug zu tun gab – und erst in meinen später Teen-Jahren mehr daraus entwickelt. Eine wahre, tiefsitzende Abneigung.

Was hingegen tatsächlich schon mein ganzes Leben lang besteht, ist die Rivalität mit Hazel.

Ich stürme aus ihrem Büro, reiße die Tür dabei so schwungvoll auf, wie ich kann. Das Glöckchen klingelt wild, als wäre Santas Schlitten in ein Wohnhaus gekracht. Ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, gehe ich zu meinem Wagen. Ich hätte es besser wissen sollen. Wieso habe ich überhaupt versucht, mit dieser Frau zu sprechen? Richtig, meiner Mutter zuliebe, die gerade erst ihre eigene Mutter verloren hat – meine Großmutter, unsere liebe kleine Grammy Ethel. Im Moment tue ich deswegen alles für Mom.

Und ich habe es wirklich versucht. Allein die Zustimmung, auch nur einen Fuß in das Büro von Hazel Homes zu setzen, hat mich enorme Überwindung gekostet. Hazel und ich haben nicht unbedingt die beste Geschichte. Zum einen eine idyllische Kindheit, zum anderen eine so verbissene Rivalität, dass die meisten Leute sich gar kein Bild davon machen können. Kaum hat sie den Mund aufgemacht, war mir klar, dass sie sich in dieser Hinsicht nicht geändert hat. Sie will immer noch gewinnen.

Eigentlich können wir gar nichts dafür. Wir hatten einfach das Pech, am selben Tag geboren zu werden, sodass alle Babyfotos uns zusammen zeigen. Deswegen hatten viele Leute die Idee, dass wir später mal heiraten würden, was uns die gesamte Bevölkerung von Bayshore auch immer wieder erzählt hat.

Aber Hazel und ich haben ein Problem mit Autorität. Zumindest das haben wir gemeinsam. All dieses Gerede von unserer gemeinsamen Zukunft hat nur dazu geführt, dass sich unsere Gefühle ganz anders entwickelt haben. Genau gegensätzlich, um genau zu sein.

Ich dachte, zehn Jahre wären vielleicht genug, um die Sache etwas abkühlen zu lassen.

Aber bei Hazel gibt es keine Abkühlung. Ein Blick reicht, um mich sofort wieder kochen zu lassen.

In jeder Hinsicht.

Ich reiße meine Autotür auf und lasse mich mit einem tiefen Seufzen auf den Sitz fallen. Einen Moment lang genieße ich die kühle, nach Leder duftende Luft im Wageninneren, erinnere mich daran, wer ich bin und worum es hier geht. Ich bekomme Hazels Schuhe einfach nicht aus dem Kopf. Das Bild ihrer Füße auf dem Schreibtisch, diese langen hellen Beine, die verführerisch roten Lippen, die sich leicht geöffnet haben, als sie mich entdeckt hat … Fuck. Am liebsten hätte ich ihr diese Schuhe von den Füßen gerissen und quer durch den Raum geschleudert. Ihr gesagt, dass wir die Zeit besser nutzen sollten, um die letzten zehn Jahre aufzuholen.

Mein Schwanz pulsiert. Kein gutes Zeichen. Ich hatte schon viel zu lange keinen Sex mehr, also ist das verständlich. Die normale Reaktion auf eine attraktive Frau. Meine Augen können nichts dafür, dass sie Hazel nach wie vor attraktiv finden und meinem Schwanz die Botschaft schicken, dass Grayson als Ganzes sie gern flachlegen würde. Das bedeutet nichts. Das ist nur Biologie.

Zähneknirschend ziehe ich mein Handy aus der Tasche und streife dabei meinen Schwanz. Jetzt bin ich wirklich hart. Über Hazel nachzudenken ist keine gute Idee. Wenn sie mich ließe, würde ich sie um den Verstand vögeln, daraus mache ich kein Geheimnis. Die kleine Streberin, in die ich mich in der Highschool verliebt habe, hat sich zu einer Frau entwickelt, auf die ich nicht vorbereitet war. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt.

Meine Mom hat mich zwar gewarnt, dass sie sehr hübsch ist, aber sie hat verschwiegen, dass sie zum reinsten Rosenbusch geworden ist. Wunderschön, süß duftend und verdammt stachlig. Vermutlich blute ich irgendwo.

»Mom?« Ich schaffe es nicht, die Irritation aus meiner Stimme fernzuhalten, als sie abhebt. »Ich war gerade bei Hazel.«

»Wie ist es gelaufen? Was hält sie von dem Haus?«

Ich schließe die Augen. Ich bin noch keine vierundzwanzig Stunden in der Stadt. Es gibt verdammt viel zu tun, wenn jemand stirbt. »Ähm, es ist nicht sehr gut gelaufen. Sie weigert sich, das Haus zu verkaufen. Ich muss mich wohl nach einem anderen Makler umsehen.«

Meine Mom schnalzt mit der Zunge, murmelt dann: »O nein, nein, nein. Das geht nicht.«

»Tut mir leid, Mom.« Durch die Windschutzscheibe sehe ich auf die lange Straße direkt am Wasser. Der Hochsommer steht vor der Tür, doch ein paar der Fliederbüsche am Straßenrand tragen noch Blüten. Das ist definitiv die beste Zeit hier. Selbst ich, mit meinem Drang, möglichst weit von hier wegzukommen und haufenweise Geld zu verdienen, muss zugeben, dass der Sommer in Bayshore eine magische Zeit ist. »Ich verkaufe es selbst oder so. Mir fällt schon was ein.«

»Liebling, du wirst Hazel dieses Haus verkaufen lassen«, sagt meine Mom in merkwürdig strengem Ton. »Nur damit das klar ist.«

Ich atme tief durch. »Mom. Sie hat Nein gesagt. Das ist ihre Entscheidung. Hat sie selbst gesagt.«

»Geh zurück und sprich mit ihr.«

»Dann wird sie mir mit ihren teuflischen Absätzen wahrscheinlich ein Auge ausstechen«, sage ich. Allerdings sind die Schuhe nicht teuflisch. Sie sind himmlisch.

»Das Risiko musst du dann wohl eingehen«, sagt Mom. »Es gibt keine Alternative.« Diese kryptische Aussage verstehe ich natürlich. Die einzige andere Immobilienagentur der Stadt gehört den Cabanas, und die stehen immer noch auf Mom und Dads Abschussliste, seit in den Achtzigern irgendwas zwischen ihnen vorgefallen ist.

Ich lasse den Motor an, während ich in Gedanken meine Optionen durchgehe, und schweige dabei so lange, dass meine Mom fragt: »Gray? Hast du mich verstanden?«

Ich knirsche mir den Zähnen. Und wie immer, wenn ich mich von meiner Loyalität und Liebe zu meiner Mom in eine Ecke gedrängt fühle, murmle ich: »Ja, Mutter.«

»Lass uns das Haus am besten gleich anschauen. Wir treffen uns dort.«

Ihr Vorschlag lässt keinen Raum für Diskussionen. Schon seit ich in der Stadt bin, will sie das Haus mit mir besichtigen. Meinen neusten Besitz. Der Gedanke, dass ich plötzlich ein Haus in Bayshore besitze, ist merkwürdig. Absurd, um genau zu sein. Wären Mom und Dad nicht hier, würde ich nie in dieses Nest zurückkommen. Und auch so vermeide ich es so weit wie möglich. Aus unterschiedlichen Gründen. Vor allem aber, weil ich diesen Ort hinter mir gelassen habe. Das Leben ist zu kurz, um rückwärtszugehen. Es geht immer vorwärts. Höher.

Bayshore ist einfach nicht groß genug für meine Ambitionen.

Als ich am Hafenbecken vorbeifahre, wandern meine Gedanken wieder zu Hazel. Der Himmel ist so blau, dass er beinahe künstlich wirkt. Als könnte so ein Blau nur von der Farbpalette eines Künstlers stammen. Ein paar Segelboote legen gerade ab, der See liegt ruhig, beinahe friedlich in der Sonne.

Die frühsommerliche Brise, die durchs offene Fenster weht, ist berauschend. Sie erinnert mich an so viele Dinge, besonders an die faulen Vormittage im Haus meiner Großmutter. Meine Brüder und ich haben oft Fangen gespielt, während sie im Garten Wäsche aufgehängt hat. Und sie erinnert mich an den blauen Himmel, den ich durchs Fenster sehen konnte, während Mrs Lachmere im Englischunterricht ihre Lektion über Chaucer abgeschlossen hat. Sie erinnert mich an diese wundervolle Zeit, als Hazel und ich am Ende der elften Klasse Frieden geschlossen haben. An unsere knallharten Tennismatches, bei denen wir uns gegenseitig an unsere Grenzen getrieben haben, nur um danach in einer versteckten Ecke wild rumzuknutschen.

Als ich das alte Haus meiner Großmutter erreiche, schiebe ich die Nostalgie entschlossen beiseite. Jetzt brauche ich Klarheit, Struktur. In mir lauern jede Menge Emotionen, die ich zurückdrängen muss, und ich werde mich sicher nicht jetzt schon von der Sentimentalität überwältigen lassen.

Meine Mom lächelt mir entgegen, als ich in die Einfahrt biege. Sie trägt eine Cat-Eye-Sonnenbrille und einen luftigen Schal, der hinter ihr aufweht, als sie die Arme ausstreckt, obwohl ich noch nicht mal geparkt habe. Als würde sie mich gedanklich schon umarmen. Unwillkürlich muss ich lächeln, als ich aus meinem Wagen steige und sie in meine Arme ziehe.

»Du hast mich doch heute Morgen erst gesehen«, erinnere ich sie.

»Ich weiß, Liebling«, murmelte sie und tätschelt mir den Rücken. »Ich weiß.«

Ich komme sie nicht oft genug besuchen. Das ist mir klar.

Wir wenden uns beide Grandmas altem Haus zu. Sie und Grandad haben ursprünglich in Maine gelebt, sind dann aber wegen seines Jobs bei der Bahn hierhergezogen. Dieses kleine Haus war ihr erstes, danach haben sie ein zweites, größeres gekauft, um Platz für ihre wachsende Familie zu haben. Wenn ich ganz ehrlich bin, verstehe ich nicht, wieso Grammy mir diesen sentimentalen Teil ihrer Vergangenheit vermacht hat. Den Ort, an dem alles begann.

»Ich war seit Jahren nicht mehr hier«, murmle ich und schiebe die Hände in die Hosentaschen. Mom geht über den schmalen, unebenen Pflasterweg voran zur Tür. Gänseblümchen wachsen ungezügelt am Wegrand. Einige Büsche sind so wild gewuchert, dass sie eher in den Vorgarten eines Geisterhauses passen würden. Hier muss jede Menge Arbeit reingesteckt werden, doch trotz dieses Anflugs von Verwahrlosung ist es ein süßes Häuschen.

Dennoch kann ich nur daran denken, dass ein Haus wie dieses auf dem Immobilienmarkt in New York mehrere Millionen bringen würde. Könnte ich dieses Grundstück irgendwie nach Brooklyn oder Rockaway teleportieren und dort verkaufen, Mann, dann wäre das ein guter Start, um mich in Richtung meiner ersten Milliarden zu bewegen. Es gibt da dieses kleine Start-up, in das ich gern investieren würde. Eine Social-Media-Plattform, die sehr vielversprechend aussieht, wie Facebook, nur ohne die ganzen Probleme. Ich will einer der ersten Investoren sein, weil ich es mir zum Ziel gesetzt habe, mit dreißig der Reichste in der Familie Daly zu sein.

Diese Investition wird sich garantiert auszahlen. Noch fehlt mir allerdings das nötige Kleingeld. Und genau das soll der Verkauf dieses Hauses ändern.

Die Dielen knarzen unter unseren Füßen, als wir den nostalgischen Rundgang durchs Haus beginnen. Es gibt keine Möbel, und fast alles ist von einer dicken Staubschicht bedeckt. Es riecht nach einer Mischung aus Kindheit und Vernachlässigung, Mottenkugeln und sonnengewärmtem Holz. Hin und wieder seufzt Mom nachdenklich oder schnalzt mit der Zunge.

»Es sieht immer noch super aus«, sage ich, als wir im oberen Schlafzimmer angekommen sind. Das Haus hat etwa hundert Quadratmeter, nach einem Jahrzehnt in NYC kommt es mir vor wie eine Villa. Ich sehe aus dem Erkerfenster, das den Vorgarten und die schmale Straße überblickt, die runter zum Wasser führt. Die Bucht glitzert dunkeltürkis, und alles in mir drängt danach, an den Strand zu fahren. Trotz des traurigen Anlasses sollte ich diesen Besuch als Urlaub sehen. Und das bedeutet, dass ich so schnell wie möglich ins Wasser muss.

»Du solltest dir wirklich überlegen, ob du es nicht behalten willst«, sagt Mom, deren Blick ebenfalls hinaus zur Bucht gewandert ist. Man kann die Mauer kaum sehen, die die Bucht vom Lake Erie trennt. Wenn man sein Boot nach Norden lenkt, landet man in Kanada. Als kleiner Junge dachte ich, man könnte die Strecke sogar schwimmen. Mein älterer Bruder Dominic hat mich mal dazu herausgefordert, es zu versuchen, und das habe ich auch getan. An jenem Tag wäre ich fast gestorben, aber er hat nur gelacht, als ich in die Notaufnahme gebracht wurde. Einer von vielen Gründen, wieso wir in den letzten Jahren kaum ein Wort gewechselt haben.

Als wir in die Highschool kamen und anfingen, über unsere Zukunft zu sprechen, hat Dom sich zu einem Riesenarsch entwickelt. Noch mehr als ohnehin schon. Und ja, einiges davon hing mit Dad zusammen. Sein ständiges Predigen, dass man sich immer die höchsten Ziele setzen sollte, hat uns alle zu erbitterten Rivalen gemacht, am extremsten war es aber zwischen Connor, Dom und mir.

Das hat die Kluft zwischen mir und meinen Brüdern nur noch vergrößert, hat meine Entschlossenheit befeuert, das Nest zu verlassen und Dom und Conner zu beweisen, dass ich der Beste bin. Dad zu zeigen, dass ich nicht nur erfolgreich sein kann, sondern sogar erfolgreicher als er in seinem Job als CEO des Bayshore Hospital. Deswegen ist New York der einzig richtige Ort für mich und sechs die Mindestanzahl an Nullen auf meinem Konto, bevor ich dreißig werde.

»Ich habe keinen Grund, es zu behalten.« Ich lasse meinen Blick über die benachbarten Anwesen schweifen, soweit ich sie durch die Bäume sehen kann. Die meisten Häuser in dieser Gegend wurden in den 1930er-Jahren gebaut, doch seitdem hat sich die Nachbarschaft zu einem wahren Hotspot für Ferienhäuser entwickelt. Die Bucht ist nur einen Block entfernt. Den Sandstrand erreicht man zu Fuß in zwei Minuten. In ganz Ohio gibt es kaum einen besseren Standort als diesen.

»Oh, es gibt sogar jede Menge Gründe.« Mom verschränkt die Arme vor der Brust. Okay, jetzt geht’s los. »Primär wäre es schön, dich öfter als einmal alle zwei Jahre zu sehen.«

»Wir sehen uns doch ständig über Videoanrufe.«

»Und deine Brüder? Ist euch allen überhaupt klar, dass ihr keine Einzelkinder seid?«

Ich schweige, suche nach etwas Interessantem in der Nachbarschaft, das sich als Themenwechsel eignet. Ich muss nicht bestätigen, was sie ohnehin weiß – nämlich, dass ich kaum noch mit meinen Brüdern spreche. Ich schäme mich dafür, obwohl ich nicht wirklich weiß, warum. Dom und ich sind noch nie gut miteinander ausgekommen, die Funkstille zu ihm ist also nicht das Thema. Connor und ich chatten oft und treffen uns ab und zu, wenn wir geschäftlich unterwegs sind. Aber die anderen?

Mein Blick bleibt an einer Frau in einem schwarzen Bleistiftrock und High Heels hängen. Ihr schimmerndes, kastanienbraunes Haar ist zu einem tief sitzenden Dutt zusammengebunden. Mein Magen zieht sich zusammen.

»Oh, verdammt«, murmle ich, als ich mich vorbeuge, um mich zu vergewissern. Es ist Hazel. Es muss Hazel sein. Diese hellen Waden würde ich aus jeder Entfernung wiedererkennen. Einen Moment lang bin ich wie hypnotisiert von dem Hin- und Herwiegen ihres Pos.

»Oh, schau! Das ist Hazel.« Mom klingt viel zu erfreut.

»Ja. Was treibt sie hier?«

»Sie hat Mittagspause.« Mom wirft mir ein nervtötendes Grinsen zu. »Sie fährt nach Hause, isst etwas und spaziert dann eine Runde um den Block. Das macht sie jeden Tag so.«

»In diesen Schuhen?«, frage ich, was dumm von mir ist. Sofort wandert mein Blick zu den hohen Absätzen. Ich verziehe das Gesicht, als könnte ich mein Herz so davon überzeugen, wieder in seiner normalen Geschwindigkeit zu schlagen.

»Unsere Hazel ist der Star der Nachbarschaft.« Moms Stimme klingt beinahe andächtig, als wäre Hazel zum Hollywoodstar aufgestiegen oder so. »Der Star von ganz Bayshore, um genau zu sein.«

»Wieso? Sie verkauft doch nur Häuser.« Ich kann den Blick nicht von ihr losreißen, während sie sich immer weiter entfernt. Nach ein paar Sekunden biegt sie rechts ab, und ich verliere sie aus den Augen. Ich blinzle ein paarmal. Der Nebel lichtet sich. Ich kann wieder klar denken. »Das ist doch kein Kunststück. Ich könnte mir morgen eine Maklerlizenz besorgen und genau dasselbe tun. Und würde vermutlich mehr verkaufen als sie.«

Meine Mom schüttelt lachend den Kopf.

»Ich meine es ernst«, sage ich.

»Dann tu es doch!«, gibt Mom zurück. »Das würde dich wenigstens hier halten.«

Mit einem Brummen wende ich mich vom Fenster ab. »Nein. Das wäre zu leicht.«

»Immer am Wetteifern«, sagt Mom leise. »Aber vielleicht hat euch diese ständige Rivalität ja zu denen gemacht, die ihr heute seid. Du, mein Großstadtjunge, und Hazel, die Kleinstadt-Königin.«

»Wenn Hazel den Titel der Königin bekommt, sollte ich auch König sein.«

»Du müsstest sie schon heiraten, um diesen Titel zu bekommen«, sagt Mom grinsend und drückt meinen Arm.

Darauf reagiere ich nur mit einem sarkastischen Haha. Irgendwann würde ich das mit der Ehe gern ausprobieren, aber nicht jetzt und nicht mit jemandem wie Hazel. Ganz egal, wie rund ihre Pobacken sind, ganz egal, wie sehr ich mit den Fingern über ihre Porzellanwaden streichen will, Hazel kommt nicht infrage.

»Sie würde mich eher mit ihren Fünfundzwanzig-Zentimeter-Absätzen aufspießen, als mir zu erlauben, vor ihr auf ein Knie zu sinken.« Ich muss wirklich damit aufhören, jetzt denke ich schon wieder an diese Schuhe. Doch ich rede einfach weiter. »Ich weiß wirklich nicht, wieso sich diese ganze Stadt in den Kopf gesetzt hat, dass Hazel und ich Seelenverwandte sind, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir euch allen seit inzwischen fast achtundzwanzig Jahren beweisen, wie falsch ihr mit dieser Annahme liegt.«

Mom lächelt nur, bevor sie in Richtung Flur schlendert, ohne auf mich einzugehen. »Hast du die große Reklametafel gesehen, als du angekommen bist? An der Route 2?«

Ich folge ihr aus dem Schlafzimmer. Unsere Schritte dröhnen auf der Treppe, während ich versuche zu verstehen, wovon sie spricht. »Im Umkreis der Stadt gibt es mindestens dreihundert solche Werbetafeln, Mom.«

»Hazels Tafel«, sagt sie, und da erinnere ich mich wieder. Verdammt. Ja, ich habe das Plakat gesehen. Ein bisschen zu gut sogar. Hazel, wie sie mit ihrem schlanken Körper an einem süßen kleinen Cottage lehnt. Darüber in großen Buchstaben: »Frag Hazel.« Das ist alles. Eine sexy Frau mit dem vagen Hinweis auf Immobilien. Der Groschen ist erst gefallen, als ich sie heute Morgen in ihrem Büro sah.

Ziemlich cooles Marketing, das muss ich zugeben.

»Jap«, gestehe ich düster. Frag Hazel. Natürlich ist sie die erfolgreichste Immobilienmaklerin der Region. Sämtliche Junggesellen Ohios stehen vermutlich bei ihr Schlange, um Häuser zu verkaufen, die sie gar nicht besitzen. Da muss dann schon mal Dads altes Haus dran glauben, während der gerade unter der Dusche steht. Oder sie überreden ihren Onkel Jack, seine Wohnung zu verkaufen, nur um sie direkt wieder zurückzukaufen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Männer alles Mögliche tun, nur um dieser Sexbombe von der Werbetafel näherzukommen. »Ist mir nicht wirklich ins Auge gefallen. War etwas … kryptisch, wenn ich ehrlich sein soll.«

»Sei nicht so ein Besserwisser«, warnt Mom.

»Ich bin kein Besserwisser«, lüge ich. »Die Reklame war verwirrend. ›Frag Hazel‹. Was soll ich sie denn fragen? Wie viel Verlust meine Ferienhäuser im langen Winter von Ohio machen? Wie viel Prozent von meinem Hausverkauf sie einstreicht, einfach nur, weil sie weiß, wie man roten Lippenstift aufträgt?«

Mom seufzt, tief und lang gezogen.

»Das ist ein bisschen gemein, findest du nicht?«, fragt sie, während wir die Siebzigerjahre-Küche durchqueren. Überall Gelb, Orange und karierte Kacheln. Die Küche braucht dringend ein Update. Hoffentlich wird sich das nicht negativ auf den Verkaufspreis auswirken.

»Ich bin nur ehrlich«, sage ich, obwohl ich weiß, dass sie recht hat. Aber alte Gewohnheiten lassen sich eben nur schwer ablegen. »Außerdem war sie heute auch ziemlich gemein zu mir, als ich sie gebeten habe, das Haus zu verkaufen.« Gemein und unglaublich sexy. »Ich würde also sagen, wir sind quitt.«

»Ihr beide wart noch nie quitt. Genauso wenig wie Dom und du«, murmelt Mom und setzt ihre Sonnenbrille wieder auf, als wir nach draußen ins grelle Licht treten. Lächelnd streckt sie mir die Hand entgegen, wie sie es schon seit meiner Kindheit tut. »So, und jetzt gehen wir mit deinem Vater und deinen Brüdern Mittag essen. Endlich habe ich euch mal alle auf einmal hier, und das werde ich ausnutzen, solange ich kann.«

Mom schlendert gemächlich in Richtung ihres Zuhauses, das nur einen Block entfernt ist. Was bedeutet, dass Hazel vermutlich in Rufweite lebt. Ich würde ja fragen, wo sie wohnt, aber ich will das Gespräch nicht wieder auf sie lenken. Oder neugierig erscheinen. Oder schlimmer noch, hoffnungsvoll.

Doch es sollte nicht schwer herauszufinden sein. Wenn Hazel jeden Tag in ihrer Mittagspause durchs Viertel spaziert, muss sie ganz in der Nähe wohnen. Während meines Besuchs hier muss ich also besonders vorsichtig sein.

Hazel aus dem Weg zu gehen ist meine oberste Priorität. Wer weiß schon, was passiert, wenn ich ihr noch mal gegenüberstehe. Eines von zwei Dingen wird dann garantiert überkochen: Konkurrenz oder ungezügelte Lust.

Sollte es Letzteres sein, können mir nur noch die Götter helfen.

Kapitel 3

HAZEL

Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass die Geschäfte bei Hazel Homes am nächsten Tag wie gewohnt weiterliefen, aber so war es leider nicht. Ganz im Gegenteil.

Bei jedem Läuten der Glocke an der Eingangstür hat meine Haut geprickelt. Jedes Mal war da diese Hoffnung, dass es Grayson ist. Der Wunsch, diesem Mann wieder nahe zu sein.

Und die Absurdität dieser Wünsche macht mich nur noch wütender. Wieso ist ausgerechnet er derjenige, der solche Gefühle in mir weckt? Immer noch – nach all den Jahren? War der Liebeskummer in der Highschool nicht genug? Die jahrzehntelange Rivalität, die uns zu verbitterten, ehrgeizigen Erwachsenen gemacht hat?

Grayson füllt meinen Kopf wie Zement. Verhärtet sich zu einer unbeweglichen, bombenfesten Präsenz. Ich hätte gedacht, mit achtundzwanzig etwas widerstandsfähiger zu sein. Etwas entschlossener und, ich weiß auch nicht, vernünftiger. Aber nein. Kaum taucht Grayson Daly auf, werde ich wieder zu einem bibbernden, sehnsüchtigen Teenager.

Doch diesmal habe ich etwas gegen ihn in der Hand. Diesmal kann ich zurückschlagen. Mag sein, dass er mit der Vergangenheit abgeschlossen hat, aber ich habe nicht vergessen, was für ein Arsch er damals war. Ja, es ist zehn Jahre her, aber es verrät trotzdem einiges über seinen Charakter. Und dieser Charakter hat sich ganz offensichtlich kein bisschen verändert. Attraktivität mal außen vor gelassen – ich gebe mich nur mit netten, besonnenen, klugen Männern ab. Was Grayson von vornherein disqualifiziert.

Am Samstag habe ich vormittags wie immer ein paar Besichtigungstermine, halte mir den Nachmittag aber frei, um an den See zu gehen. Ich brauche diese Zeit, um runterzukommen. Um dieses klebrige Gefühl abzuschütteln, das Grayson wie irgendein ekliges Dschungelinsekt hinterlassen hat.

Der Sommer hat gerade erst begonnen, deswegen waren wir noch nicht oft draußen. Aber wenn ich raus auf den See fahre, dann eigentlich immer mit meiner Bayshore-Crew. Ein paar Freunde aus Highschoolzeiten, alle Single und mit ihrem Job verheiratet, so wie ich, und ein paar neue Freunde, meist Zugezogene, die wegen des neuen Tech-Sektors nach Bayshore gekommen sind. London wäre natürlich auch dabei, wenn sie noch in der Gegend wohnen würde. Ich schicke ihr gern Bilder von mir in der strahlenden Sonne, im Hintergrund Lake Erie, und den Herzchenfilter voll aufgedreht, um sie neidisch zu machen.

»Schwimmringe, ja oder nein?«, fragt Luke, einer meiner ehemaligen Schulfreunde statt einer Begrüßung. Er steht barfuß am Rand des Hafenbeckens und hält zwei große Vinyl-Schwimmreifen hoch.

Ich mustere sie abschätzig, während ich meine Tasche auf die Sea Ray werfe. Wir warten noch auf Anthony und Callie, zwei weitere Freunde aus Schulzeiten, und Bryce, ein Neuankömmling, mit dem man gut trinken kann und der möglicherweise meine einzige Chance auf ein Date für den Ball darstellt.

»Ich will lieber Wasserski fahren«, entscheide ich und streife mir die Sandalen von den Füßen. Barfuß steige ich aufs Boot und muss kurz meine Balance wiederfinden, als es durch ein paar Wellen ins Wanken gerät.

Luke nickt brummend. »Stimmt. Heute ist ein guter Tag für die Ski.«

Das Boot gehört Luke, aber für Benzin und Snacks legen wir alle zusammen, in gewisser Hinsicht ist es also ein Gemeinschaftsboot. Ich würde zwar nie ohne Luka damit rausfahren, trotzdem haben wir alle das Gefühl, Mitbesitzer zu sein. Wir kaufen der Sea Ray sogar Weihnachtsgeschenke. Sie ist Teil unserer Bayshore Familie.