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Im Namen der Katzenkönigin Nova und Henry sind Felidix, Katzenbeschützer, und sie sind höchst alarmiert, als sie von den Plänen des grausamen schottischen Katzenkönigs Fergus Finnigan erfahren: Er strebt die Macht über alle Königreiche auf den Britischen Inseln an und will dafür den Smaragdstern, das Symbol für den Frieden unter den Katzen, in die Pfoten bekommen und zerstören. Aber der kostbare Edelstein scheint spurlos verschwunden zu sein. Gelingt es Nova und Henry, ihn vor Fergus zu finden? Alle Abenteuer mit den Mitternachtskatzen: Band 1: Die Schule der Felidix Band 2: Die Hüter des Smaragdsterns Band 3: Der König der Federträger Band 4: Der Geisterkater von Bakerloo Adventskalender: Mr Mallorys magisches Weihnachtsgeheimnis
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Seitenzahl: 330
Veröffentlichungsjahr: 2022
Als Ravensburger E-Book erschienen 2022Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Verlag© 2022, Ravensburger VerlagText © 2022 Barbara LabanOriginalausgabeCover- und Innenillustrationen: Jérôme PélissierAlle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg.ISBN 978-3-473-51140-2ravensburger.com
1
Als Nova die Augen aufschlug, lag Rubys Pfote auf ihrem Gesicht. Nova stand so leise wie möglich auf, um die kleine Katze, die es sich auf ihrem Kissen bequem gemacht hatte, nicht zu stören.
Ein kühler Luftzug bauschte den Vorhang auf. Nova fröstelte. Vorsichtig schloss sie das klapprige Fenster, das sie während der Nacht für einen anderen Besucher auf Samtpfoten offen gelassen hatte.
Am Fußende des Betts hatte sich ein schwarzer Kater mit spitzen Ohren zusammengerollt. Sein unglaublich lautes Schnurren erfüllte den ganzen Raum. Edison hob träge die Lider und für einen Moment kamen seine wunderschönen türkisblauen Augen zum Vorschein. Als er sie schon wieder geschlossen hatte, murmelte er: „Erster Schultag nach den Ferien, aber musst du deshalb gleich alle wecken?“
Nova flüsterte: „Ruby schläft noch. Kannst du sie und Rick später zum Klassenzimmer bringen? Ruby hat die halbe Nacht einen Fetzen Papier durchs Zimmer gejagt und muss ausschlafen.“
„Ich bin doch kein Babysitter!“, antwortete Edison grimmig.
Nova wusste jedoch, dass er sich gern um die kleinen Kätzchen kümmern würde. Die beiden waren ganz verrückt nach ihm. Ruby und ihr Bruder Rick konnten stundenlang auf Edisons Rücken herumtollen, und der Kater scheuchte sie zum Spaß von einer Zimmerecke in die andere. Dabei tat er immer so, als wäre er viel langsamer und schwächer als die zwei, die daraufhin in das niedlichste Katzengekicher ausbrachen.
Wenige Minuten später klopfte Nova an die Zimmertür gegenüber, hinter der ihr Freund Henry vermutlich noch schlief. Als er endlich die Tür öffnete und ihr seinen müden Kopf entgegenstreckte, musste Nova lachen. Sie war offenbar nicht die Einzige, die heute Nacht schlecht geschlafen hatte.
„Was?“, fragte er heiser und kniff die Augen zusammen wie so oft, wenn er seine Brille nicht aufhatte.
„Wusste ich’s doch, dass du Horatios Klopfen nicht gehört hast“, sagte Nova. „Beeil dich! Du willst doch nicht ausgerechnet heute zu spät kommen!“
Henry fuhr sich durch die verstrubbelten blonden Haare. „Oh Mann, du hast ja recht. Rick hat mich total auf Trab gehalten! Erst hat er das Wasserglas auf meinem Nachttisch umgeschmissen – mein Kissen ist immer noch nass. Dann hat er Fangen mit meinen Füßen gespielt und mich dabei dreimal aufgeweckt. Mein großer Zeh ist voller Kratzer.“
„Mit Ruby war es auch nicht viel besser“, pflichtete Nova ihm verständnisvoll bei. „Wenigstens hat sie heute Nacht meine Füße in Ruhe gelassen und mit einem Stück Papier gespielt.“
Nova musste Henry zurzeit jeden Tag wecken. Seit die kleinen Kätzchen bei ihnen eingezogen waren, raubten sie ihnen den Schlaf, wann immer sie konnten. Ruby war meistens irgendwann in der Nacht erschöpft, aber Rick hatte Energie ohne Ende und konnte bis in die frühen Morgenstunden herumtollen, ohne müde zu werden. Doch weder Nova noch Henry ärgerten sich auch nur eine Sekunde darüber. Schließlich waren sie Felidix – Katzenbeschützer – und deshalb ging ihnen das Wohl der Katzen über alles andere, auch über ausreichend Schlaf. Horatio, der Leiter der Schule für Felidix, die Nova und Henry besuchten, sah das ebenso. In dem Turm, der die Schule beherbergte und der sich auf dem Gelände des Londoner Towers befand, drehte sich alles um Katzen.
Als Henry sich angezogen hatte, liefen er und Nova die alte Holztreppe nach unten, die unter ihren Füßen die komischsten Geräusche von sich gab. Die kühlere Luft nach dem langen, warmen Sommer machte ihr anscheinend zu schaffen.
Entlang der Treppe hingen mehr Bilder als vor den Sommerferien an den Wänden. Nun waren darauf auch königliche Katzen zu sehen. Nova wusste, dass Horatio diese Bilder erst wieder aufhängen konnte, seit sie und Henry entdeckt hatten, dass sie Felidix waren und mit Katzen sprechen konnten. Sonst hätten sie die Porträts von Katzen, die Kronen trugen und dabei würdevoll auf ihre Betrachter blickten, sicher mehr als erstaunt.
Im Erdgeschoss saß ihr Lehrer bereits beim Frühstück. Obwohl sie den Raum die Küche nannten, nahmen Herd, Kühlschrank und Spüle nur einen kleinen Teil davon ein. Im Rest standen Sofas, Sessel, Regale und Kratzbaumlandschaften. In diesen tummelten sich zahlreiche Gäste – so nannte Horatio die Katzen, die mit ihm und seinen Schülern den Turm bewohnten. Manche kamen nur für kurze Zeit, andere lebten hier, seit sie denken konnten.
An einem der Holztische, dessen Füße in Form von Katzenpfoten geschnitzt waren, saßen ihre Mitschüler Ed, Said und Ria vor Marmeladenbroten. Sie mussten gestern Abend aus den Ferien zurückgekehrt sein.
Ria, die ihre schwarzen Locken in zwei Zöpfen mit bunten Haarbändern darin trug und heute eine Brille aufhatte, stieß einen spitzen Schrei aus, als sie Nova und Henry erblickte. Zur Verwunderung der beiden sprang sie auf, rannte auf Henry zu und fiel ihm um den Hals. Henry stand stocksteif da und wartete ab. Schließlich ließ Ria ihn los und umarmte auch Nova.
„Wie waren eure Ferien?“, rief sie. Und was machen Ruby und Rick? Sie müssen so gewachsen sein. Sind sie hier unten?“
Nova schüttelte den Kopf. „Nee. Die müssen jetzt schlafen, nachdem sie die ganze Nacht Terror gemacht haben. Wie war’s in Cornwall?“
Ria zuckte mit den Schultern. „Total langweilig! Mein Opa interessiert sich nur noch für seinen Garten und die Kricketsaison. Der Fernseher läuft den ganzen Tag mit voller Lautstärke. Er hat zwei Ragdollkatzen, die genauso schlecht hören wie er und die etwas dagegen haben, wenn man ihr Fell kämmt. Ihr solltet die zwei mal sehen! Man weiß echt nicht, wo vorn und hinten ist. Außerdem haben sie ständig schlechte Laune.“
Nova unterdrückte ein Grinsen. Ria war eine überzeugte und stolze Felidix und die Fellpflege von Katzen war eins ihrer liebsten Hobbys.
Nova setzte sich zu Ed und Said, die sie mit vollem Mund begrüßten. Bevor sie fragen konnte, wie es den Jungs im Urlaub ergangen war, begann Horatio zu sprechen. Er stellte seine große Tasse neben sie auf den Tisch, wobei der Tee darin überschwappte und eine Pfütze bildete.
„Wie schön, dass alle eingetroffen sind und wir gleich loslegen können! Ich habe ein seltenes Buch über die Geschichte der Katzennationen in Großbritannien ergattert und kann es gar nicht abwarten, euch über die königlichen Katzenfamilien in Irland, Wales und Schottland zu unterrichten. Höchst interessant und unglaublich wichtig für jeden Felidix!“
Die Schüler nickten und sagten Horatio nicht, dass aus dem Brötchen, das er in der Hand hielt, Marmelade tropfte. Ein braun gefleckter Kater mit spitzen Ohren und schwarz umrandeten Augen rief dem Schulleiter vom Boden aus verärgert zu: „Pass besser auf, sonst muss ich mir gleich wieder den Rücken sauber lecken. Ich kann Orangenmarmelade nicht ausstehen!“
Horatio murmelte eine Entschuldigung und wollte weitersprechen, doch da zeigte die Standuhr vor dem Klassenzimmer im Stockwerk über ihnen schon durch lautes Miauen neun Uhr an.
„Beeilt euch!“, rief er daher nur und wischte sich die Marmelade von den Händen. „Wir sind schon spät dran. Schließlich wollen wir keinen schlechten Eindruck auf euren neuen Mitschüler machen.“
„Was?“, rief Ed. „Wir haben einen Neuen?“
„Wie heißt er?“, fragte Ria aufgeregt.
Nova und Henry sahen sich überrascht an. Sie hatten die Ferien als einzige Schüler komplett in der Schule verbracht. Und in der ganzen Zeit hatte Horatio mit keinem Wort erwähnt, dass er einen neuen Felidix in der Schule aufgenommen hatte.
Ihr Lehrer beantwortete die Fragen jedoch nicht. Er steckte sich lediglich den Rest seines Marmeladenbrötchens in den Mund und machte sich auf den Weg nach oben.
2
Der neue Mitschüler hieß Gustav. Er hatte hellbraune Haare, grüne Augen und ein nachdenkliches Gesicht. Als Nova in das Klassenzimmer kam, sah sie sofort, dass Gustav sich auf Henrys Platz gesetzt hatte – also genau neben sie. Ganz eindeutig ein Irrtum!
Henry hielt kurz inne, doch bevor er etwas sagen konnte, hatte Horatio ihn schon zum freien Platz neben Ria geführt. Diese strahlte übers ganze Gesicht. Im Klassenzimmer, das durch seine Lage im Turm eine gekrümmte Außenwand hatte, standen nur vier Tische: drei große, die sich jeweils zwei Schüler teilen konnten, und Horatios kleines Lehrerpult.
Die Sache mit dem Sitzplatz würde sich später noch klären lassen, entschied Nova. Schließlich war es sonnenklar, dass Henry und sie auch in diesem Schuljahr nebeneinandersitzen und sich einen Tisch teilen würden. Immerhin waren sie beste Freunde und Horatio war es normalerweise vollkommen egal, wo man saß.
Sie drehte sich zu Gustav, strich energisch ein paar ihrer wilden braunen Haarsträhnen aus der Stirn und stellte sich vor. „Hallo, ich bin Nova“, sagte sie freundlich. „Eigentlich bin ich auch noch fast neu hier. Henry und ich sind ein paar Wochen vor den Sommerferien angekommen. Es fühlt sich aber schon ewig lang her an.“
Gustav sah sie an, ohne zu blinzeln, sagte aber kein Wort.
„Mach dir keine Sorgen. Alle hier sind supernett! Manche von den Lehrern sind sogar …“ Nova stoppte. Fast hätte sie von den Katzen erzählt, die sie vor den Ferien unterrichtet hatten. Dabei war noch nicht einmal klar, ob Gustav seine Gabe als Felidix überhaupt kannte.
Horatio pflegte die Katzen entscheiden zu lassen, wer wirklich in seine Schule passte. Zwar besaßen die meisten Kinder, die er aufnahm, die Fähigkeit, Katzen zu verstehen. Doch wenn die Katzen sich dagegen entschieden, mit den Kindern zu sprechen, konnten diese trotz ihrer Gabe nicht an der Schule bleiben.
Horatio räusperte sich. Als Nova nach vorn sah, bemerkte sie, wie Gustav seinen Stuhl ein Stück von ihr wegrückte. Sie wünschte sich jetzt inständig, Horatio würde die alte Sitzordnung sofort wiederherstellen. Stattdessen sagte der Schulleiter: „Wie schön, dass ihr euch schon miteinander bekannt gemacht habt“, und schaute Nova und Gustav mit einem Lächeln an, das sein ganzes breites Gesicht ausfüllte. „Allen anderen darf ich Gustav kurz vorstellen. Er kommt aus Irland. Sicher stellt ihr euch die Frage, ob Gustav die Besonderheit unserer Schule und ihrer Schüler kennt. Die Antwort ist ja.“
Nova atmete erleichtert aus. Sie war nicht besonders gut im Schwindeln. Gustav wusste also Bescheid. Wenigstens dieses Problem hatte sich erledigt.
„In Irland“, fuhr Horatio fort, „gibt es keine Schule für Felidix, sodass Gustav von den Katzen am irischen Königshof von seiner Gabe erfahren hat.“
„Du kennst die königlichen Katzen von Irland? Cool!“, platzte Henry heraus.
Gustav verzog keine Miene, doch Horatio nickte Henry freundlich zu.
„Und Gustavs Eltern sind damit einverstanden, dass er für ein paar Wochen als Gastschüler an unserer Schule bleibt. Danach kehrt er nach Dublin zurück.“ Horatio kam ein paar Schritte näher an den Tisch heran, den Nova sich mit Gustav teilte. Dabei stieß er aus Versehen an Novas Mäppchen, das auf den Boden fiel.
„Hast du vielleicht noch etwas hinzuzufügen?“, fragte er und legte seine riesige Hand auf Gustavs kleines schwarzes Notizbuch, das komplett darunter verschwand.
Gustav zuckte nur gleichmütig mit den Schultern. Nova dachte, dass sich eher die Frage stellte, ob Gustav überhaupt mit irgendjemandem sprach – Katzen eingeschlossen.
Sie sammelte ihre Sachen auf. Ihr Lineal lag genau neben Gustavs Fuß, doch der schaute nicht mal nach unten, als sie danach griff.
Aus dem Augenwinkel sah Nova, dass die Tür des Klassenzimmers, die nie geschlossen, sondern immer nur angelehnt war, in diesem Moment mit einem kräftigen Schubs aufgestoßen wurde. Herein spazierten Ruby und Rick, angetrieben von Edison, der sie immer wieder leicht mit der Nase anstupste. Könnten Katzen schwitzen, hätten Edison sicherlich die Schweißperlen auf der Stirn gestanden.
„Wie Ameisen hüten!“, murmelte er verärgert, als die Kätzchen beim Anblick von Novas Kopf unter dem Tisch begeistert zu miauen begannen.
Inzwischen hatten sich einige Wörter unter die sonst nicht zu verstehenden hellen Laute gemischt. Hungrig – oder unngi, wie die Kätzchen es sagten, war verständlicherweise dabei. Doch Rick und Ruby versuchten sich auch an anderen Wörtern, die sie anscheinend einfach lustig fanden wie Schnuppe, Humbug und – zu Edisons Leidwesen – Wauwau.
Natürlich versuchten sie inzwischen auch, Namen auszusprechen. Nova wurde zu Noaaa, Henry klang wie Hanie, Edison riefen sie Dison und aus Horatio wurde Otio.
Ruby blickte sich im Zimmer um, lief nach vorn zu Horatio und miaute fragend: „Eco?“
Der Lehrer überhörte den ängstlichen Ton in ihrer Stimme. „Hector hat sich noch nicht wieder an den Schulrhythmus gewöhnt und schläft noch. Sieht also schlecht aus mit dem Unterricht in Katzenmusik“, antwortete er und zog die Stirn in Falten.
Ruby hopste vor Freude in die Luft, als sie hörte, dass Horatios Vertrauter nicht anwesend war. Zugegeben, auch Nova hatte Respekt vor dem strengen Kater und seinen oft schnippischen Bemerkungen. Sie mochte es gar nicht, wie er sich manchmal als Herrscher des Turms aufspielte. Was Ruby und Rick anging, war Hector allerdings der Einzige, der die beiden Kätzchen im Zaun halten konnte. Ein Blick von ihm reichte und die zwei legten sich gehorsam auf den Boden, die Köpfe auf den Pfötchen, und gaben Ruhe.
Henry drehte sich zu ihr um und streckte verstohlen den Daumen nach oben. Der Katzenmusikunterricht von Hector war bei allen Schülern gefürchtet. Nova hätte lieber den ganzen Tag jemandem dabei zugehört, wie er mit quietschender Kreide über die Tafel fuhr, als eine Stunde von Hectors sogenannten Katzenopern über sich ergehen zu lassen.
Während sie darüber nachdachte, dass Katzenmusik tatsächlich die einzige Sache war, die ihr an der Schule in Horatios Turm nicht gefiel, schrieb der Schulleiter den Stundenplan an die Tafel. Es ging natürlich am Vormittag mit Horatios Lieblingsfach los: Geschichte der königlichen Katzen.
3
„Wer kann mir sagen, wie die derzeitige Katzenkönigin von England heißt?“, fragte Horatio und zog Rick am Nacken aus der halb offenen Schublade in seinem Schreibtisch, in der sich ein paar von Hectors Thunfischkeksen befanden.
Novas Arm schnellte nach oben, aber Henry hatte schon gerufen: „Königin Quinn die Einundzwanzigste von Piccadilly!“
Ria blätterte in einem dicken Wälzer, den Horatio ihr gegeben hatte, hob ihn hoch und zeigte auf die Abbildung einer vornehmen weißen Katze mit schwarz umrandeten Augen. „So sieht sie aus!“, rief sie. „Auf dem Bild kann man es nicht gut erkennen, aber angeblich hat sie ein blaues und ein braunes Auge.“
Nova hätte Ria und den anderen zu gern erzählt, dass sie Königin Quinn persönlich kannte. Mehr noch – dass Henry und sie der Katzenherrscherin vor einigen Wochen den Thron, wenn nicht sogar das Leben gerettet hatten, als sie von der machthungrigen Penelope entführt worden war. Aber sie durfte nichts sagen, denn das hatten sie Quinn versprochen. Vor allem Horatio sollte auf keinen Fall etwas von ihrer Rettungsaktion erfahren, denn er hielt sich aus den Angelegenheiten der königlichen Katzen heraus und wollte, dass seine Schüler das Gleiche taten.
„Sehr gut!“, lobte Horatio Ria, während er mit seinen großen Händen Rick bändigte, der unbedingt zurück in die Schublade mit den Keksen wollte. Immer wieder drückte der kleine Kater mit seinen winzigen Beinen gegen Horatios Finger, um dem festen Griff zu entkommen.
„Und wie heißt der Katzenkönig von Schottland?“, fragte der Lehrer in die Runde.
Said hob zögernd den Arm. „Ich glaube, Fergus Finster oder so ähnlich.“
„Fast“, bestätigte Horatio. „Er heißt Fergus Finnigan. Sein Zweitname kommt aus Irland, wo angeblich sein Vater geboren wurde. Das stimmt doch, Gustav?“
Gustav sagte immer noch kein Wort, doch er nickte kurz. Nova sah, dass er die Hand auf dem Schoß zu einer Faust geballt hatte.
„Das kleine Königreich von Wales hat sich vor einiger Zeit für die Abschaffung der Katzenmonarchie entschieden. Stattdessen gibt es dort eine Katzenpräsidentin namens Ella Wells. Sie ist offenbar eine frühere Zirkuskatze und bereits dreiundzwanzig Jahre alt. Ein mehr als stattliches Katzenalter. Womit uns nur noch ein Königreich fehlt …“
Horatio blätterte in dem dicken Wälzer, der immer noch auf Rias Tisch lag. Es dauerte eine Weile, bis er gefunden hatte, was er suchte. Schließlich hielt er das Bild eines orangefarbenen Katers hoch, der eher einem Tiger als einer Katze glich.
Nova konnte den Blick nicht abwenden, so sehr zogen die scharfen Katzenaugen sie in ihren Bann. Sie leuchteten in einem hellen gelben Ton. Darüber befanden sich zwei dicke schwarze Streifen seiner Musterung, die verblüffend an menschliche Augenbrauen erinnerten. Die Schnauze des Katers war weiß und braun gemustert, mit dunklen Punkten und langen weißen Schnurrhaaren.
Obwohl die Krone auf seinem Kopf sicher einige der wertvollsten Juwelen enthielt, in deren Besitz die Katzenwelt war, trat sie gegenüber der prachtvollen Erscheinung des Katers selbst vollständig in den Hintergrund.
Horatio stand jetzt so dicht vor Novas Tisch, dass sie ihn mit geschlossenen Augen an dem Geruch nach dem von ihm so geliebten Tee, den er mit Milch trank, erkannt hätte. Er wandte sich Gustav zu. „Und das hier ist natürlich …“
Gustav sagte noch immer nichts, aber er sah auf einmal viel freundlicher aus als vorher. Nova hatte fast den Eindruck, dass er lächelte. Dann öffnete er tatsächlich den Mund, doch er kam nicht dazu, Horatios Satz zu vervollständigen.
„Das ist natürlich König Callahan der Siebzehnte von Mulranny, Herrscher über alle Katzen der irischen Insel, stetiger Sieger im River-Shannon-Fischweitwurf bei den Katzenspielen der letzten acht Jahre und Verfasser von fünf Bänden höherer Katzenpoesie, die in allen Königreichen mit Begeisterung gelesen werden. In Irland legen wir Wert darauf, einen Herrscher mit Talent auf dem Thron zu haben. Es ist nicht so, dass man den Thron einfach erbt.“
Der Kater, der gesprochen hatte, marschierte langsam und bedächtig durch den Raum. Seine Aussprache war glasklar und er hatte einen wunderbaren singenden Akzent, wie ihn auch die Menschen in Irland besaßen. Nova blickte sich um und sah, dass ihren Mitschülern der Mund offen stand.
Neben seiner markanten Stimme lag das auch am Aussehen des Katers. Sein Fell war beige und unglaublich lang. Im Vergleich zu anderen Langhaarkatzen, die Nova kannte, sah er jedoch trotzdem schlank und wendig aus. Besonders auffällig an ihm aber war ein langer dunkelbrauner Streifen, der seinen gesamten Rücken und Schwanz entlang verlief und seinen Körper in zwei Hälften zu teilen schien.
Auch Horatio war beeindruckt, doch er kannte den Kater offensichtlich schon und strahlte übers ganze Gesicht. „Sir Cormac!“, rief er begeistert. „Wie schön! Ich dachte, wir stellen dich erst morgen den Kindern vor. Wolltest du dich heute nicht von der Reise ausruhen?“
Sir Cormac nickte Horatio zu und begann, sich im Klassenzimmer umzusehen. Es war nicht besonders groß, aber Nova fand, dass Horatio es in den Sommerferien richtig schön dekoriert hatte. Es waren ein paar neue Bilder dazugekommen: schlichte weiße Quadrate mit grellbunten Abdrücken von Pfoten. Die Art von Katzenmalerei, die man Kratzstempelei nannte, wie Nova aus dem Unterricht im letzten Schuljahr wusste.
Am besten gefielen ihr jedoch die farbigen Wollfäden und geflochtenen Bastzöpfe, die in verschiedenen Längen wie bunte Lianen von den Wänden und der Decke hingen. Nova wusste, dass Horatio sie extra für Ruby und Rick angebracht hatte, aber oft beobachtete sie auch andere Katzen dabei, wie sie begeistert damit spielten.
„Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht von unserem Turm“, sagte Horatio und klang etwas bedrückt. „Es ist nicht gerade eine Universität und wir sind nur eine kleine Gruppe von Felidix …“
„Nicht doch!“, rief Sir Cormac jetzt und sprang mit einem sanften Satz auf Henrys Tisch. „Sei nicht so bescheiden, Horatio. Wir wissen doch alle, dass es nicht auf die Menge der Schüler ankommt, sondern darauf, wie begabt sie sind.“
Henry wich ein Stück zurück, als Sir Cormac ihm so nahe kam, dass seine langen Schnurrhaare fast seinen Mund berührten. Wenn Henry plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, wurde er manchmal schüchtern.
„Der Beschreibung nach musst du Henry Morgan sein“, sagte Sir Cormac.
Henry nickte verunsichert.
„Dann kannst du mir sicher sagen, lieber Henry, wo ich gerade herkomme. Vernachlässige bitte mein Krabbenaroma. Krabben sind meine Lieblingsspeise und ich kann ihnen einfach nicht widerstehen.“
Henry zögerte und drehte sich zu Nova um, während Sir Cormac spöttisch seine Augen zusammenkniff.
Nova verstand nicht, warum Henry sie so verzweifelt ansah. Was wollte ihr Freund ihr nur sagen? Sir Cormac testete anscheinend gerade Henrys hervorragenden Geruchssinn. Alle Katzen im Turm und darüber hinaus kannten und bewunderten diese Begabung. Henry hatte seine Fähigkeiten schon oft unter Beweis gestellt und lag niemals falsch. Es wäre ein Leichtes für ihn, die Frage des Katers zu beantworten. Doch anscheinend wollte er nicht.
„Nun?“, hakte Sir Cormac nach.
Auch Horatio fragte sich wohl, was los war. „Nur zu, Henry!“, ermunterte er ihn. „Sei nicht schüchtern. Du darfst dein Talent ruhig zeigen.“
Henry schluckte und sagte dann leise: „Du hast in der Küche geschlafen, auf dem obersten Regal hinter Horatios Teekannensammlung aus der Zeit von Königin Victoria. Zum Frühstück hast du nur etwas von dem Schinken aus Cornwall gegessen, den Horatio in der hintersten Ecke der Vorratskammer versteckt hat. Dann warst du draußen unter den Rosenbüschen und …“
„Schon gut, mein Junge“, rief Sir Cormac, „das wird mir jetzt etwas zu privat!“
Nova grinste. Unweit der Rosenbüsche befand sich die Katzentoilette. Es war mehr als unhöflich, eine Katze darauf anzusprechen. Das wusste sie nicht nur aus dem Unterricht in Katzenetikette bei Miss Melonia Bridge. Kein Wunder, dass Sir Cormac die Befragung unterbrach.
„Horatio, ich hoffe, du verzeihst mir die Sache mit dem Schinken“, rief Sir Cormac in schmeichelndem Ton und wandte sich wieder Henry zu. „Dein Talent ist tatsächlich außergewöhnlich. Bravo!“ Obwohl er Henry lobte, klang seine Stimme kühl und skeptisch.
Horatio dagegen konnte man ansehen, wie zufrieden er mit Henry war. „Dein Geruchssinn ist besser als der jeder Katze“, sagte er lächelnd. Er zeigte auf seinen Schreibtisch und Sir Cormac folgte der Einladung.
Als der beige Kater vor ihnen saß, stolz den Kopf hob und ins Klassenzimmer blickte, sagte Horatio: „Ich darf euch Sir Cormac vorstellen. Er ist gemeinsam mit Gustav aus Irland angereist. Wir haben in diesem Schuljahr nicht nur einen Gastschüler, sondern auch einen Gastlehrer. Sir Cormac ist in allen Königreichen bekannt. Er ist ein anerkannter Experte für Katzenmythen und -legenden. Es ist das erste Mal, dass er an einer Schule für Felidix unterrichtet und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie froh ich darüber bin!“
Die Kinder klatschten, allen voran Ria, die sich begeistert nach vorn beugte, um den besten Blick auf Sir Cormac zu haben. Auch Gustav zeigte endlich eine Regung. Er klatschte laut und diesmal lächelte er wirklich.
Nur Henry benahm sich immer noch seltsam. Er drehte sich zu Nova, sah sie besorgt an und schüttelte leicht den Kopf, während seine Hände einander verfehlten, als er so tat, als ob er klatschte.
4
„Es kann doch sein, dass Horatio ihn mit in sein Arbeitszimmer genommen hat. Oder Sir Cormac hat ihn dort besucht, so wie wir manchmal“, sagte Nova. Sie verstand nicht, warum Henry sie so dringend allein sprechen wollte.
Die Mittagspause hatte heute etwas früher begonnen. In den Ferien waren Nova und Henry um diese Zeit immer zu einem Spaziergang an der Themse aufgebrochen. Eigentlich sollten sie jetzt am ersten Schultag zusammen mit den Katzen und ihren Mitschülern in der Küche sitzen. Aber Henry hatte Nova nach dem Unterricht nur ein Wort ins Ohr geraunt: Mondschein.
Also hatten die beiden Horatio gebeten, auch heute noch einmal in der Pause den Turm verlassen zu dürfen. Horatio hatte gar nicht richtig zugehört und nur genickt. Er war so sehr in ein Gespräch mit Sir Cormac über die Legende der Katze auf dem Abendstern vertieft, dass er nicht einmal merkte, wie Rick und Ruby jeweils am linken und rechten Schuh seine Schnürsenkel zerbissen. Nova und Henry schlichen sich schleunigst davon, glücklich darüber, keinerlei Fragen beantworten zu müssen.
Die Mondschein war ein verlassenes Hausboot an der Themse. Vor den Sommerferien hatte sie vorübergehend als Unterschlupf für die Leibgarde von Königin Quinn – die Mitternachtskatzen – gedient. Jetzt nutzten Nova und Henry das Boot als Rückzugsort, wenn sie etwas besprechen wollten, was möglichst kein anderer im Turm mitbekommen sollte. Sie setzten sich auf die schattige Bootsseite am Fluss, außerhalb der Sichtweite der zahlreichen Passanten am Ufer. Sanfte Wellen schlugen gegen die Schiffswand und ein paar Möwen ließen sich auf der Themse schaukeln. Nova atmete die frische Septemberluft ein. Sie roch schon ein wenig nach Herbst.
„Er war allein dort“, sagte Henry störrisch. „Und zwar, als Horatio und wir alle schon längst im Klassenzimmer saßen. Als ich an Sir Cormac gerochen habe, kam mir Horatios Arbeitszimmer echt fast entgegen: Lavendelkissen, Bienenwachs, Buchstaub und diese grässliche lilafarbene Tinte, mit der er manchmal schreibt. Keine Ahnung, was da drin ist und wo er die herbekommt. Die anderen Orte, die ich aufgezählt habe, hatte Sir Cormac vorher besucht.“
Nova nickte. Sie glaubte Henry. Wenn er etwas gerochen hatte, konnte man sich hundertprozentig darauf verlassen. Trotzdem fand sie seine Sorge wegen Sir Cormac, ihrem neuen Gastlehrer, übertrieben.
„Es sind doch ständig Katzen in Horatios Arbeitszimmer“, sagte sie, während ein Touristenboot – ein flacher Thames Clipper – an der Mondschein vorbeifuhr. Ein paar Leute winkten ihnen fröhlich zu.
„Aber nur, wenn Horatio auch dort ist“, wandte Henry ein. „Deshalb macht er immer die Tür zu und lässt sie nicht angelehnt wie die anderen Türen im Turm. Sir Cormac hat sie irgendwie aufbekommen und dann das gesamte Arbeitszimmer durchschnüffelt. Er roch sogar nach dem Staub von den vertrockneten Rosenblättern in der Ecke hinter dem Regal und natürlich nach Spinnweben.“
Nova zuckte mit den Schultern. „Katzen sind eben neugierig“, sagte sie. „Ich finde Sir Cormac jedenfalls sympathischer als diesen Gustav. Was für ein komischer Typ! Wird echt Zeit, dass du ihm sagst, dass er von deinem Platz verschwinden soll.“ Sie schielte zu Henry, dessen Blick sich irgendwo zwischen dem gegenüberliegenden Ufer und der Tower Bridge verlor.
Henry ließ sich jedoch nicht von seinem Gedanken abbringen. „Mit diesem Sir Cormac stimmt etwas nicht“, murmelte er. „Das habe ich im Gefühl. Sobald wir Edison wieder sehen, müssen wir ihn fragen, was er über ihn weiß. Wenn Sir Cormac angeblich so bekannt in der Katzenwelt ist, kann das ja nicht schwer sein.“ Henry sah sich um, als erwartete er, dass Edison jeden Augenblick um die Ecke kommen könnte.
Nova wollte Henry nicht widersprechen, also sagte sie nichts. Edison hatte sich in letzter Zeit tagsüber rargemacht. Dann war er fast immer am Hof von Königin Quinn anzutreffen. Zu Beginn der Sommerferien hatte sie sich noch darüber gewundert. Edison war ein Straßenkater und redete ständig darüber, wie sehr er seine Freiheit schätze. Er mochte Königin Quinn, aber all die Regeln im Palast und das Befolgen der Katzenetikette waren ihm zutiefst zuwider.
Inzwischen wusste Nova, dass es einen ganz bestimmten Grund gab, der Edison an den Hof zog: Zia. Sie war eine wunderschöne Siamkatze mit tiefblauen Augen und dem Mut einer Löwin. Edison war bis über beide Ohren in sie verliebt, traute sich aber nicht, ihr seine Gefühle zu gestehen.
Zia war seit ein paar Wochen als Hofkatze für Königin Quinn tätig, und genau deshalb trieb sich Edison den meisten Teil des Tags im Palast herum. Angeblich, weil er immer noch um die Sicherheit von Königin Quinn besorgt sei, in Wirklichkeit, weil er es nicht aushielt, von Zia getrennt zu sein.
„Was war das eigentlich für ein Anruf vorhin?“, fragte Nova, um Henry aus seiner Grübelei zu holen. Horatio hatte ihm während der kurzen Pause sein altmodisches Handy entgegengehalten und Henry war damit in den Garten verschwunden. Nova hatte noch keine Zeit gehabt, ihn zu fragen, mit wem er gesprochen hatte.
„Das … ähh“, Henry zuckte zusammen, „waren nur meine Eltern.“
Es war wirklich nett von Henry, dass er versuchte, wenig über seine Eltern zu sprechen. So sprachen sie automatisch auch wenig über Novas Eltern. Er tat immer so, als säßen sie beide im selben Boot. Weder seine noch ihre Eltern waren hier, und darum mussten sie eben ohne sie klarkommen.
Doch im Unterschied zu Novas Vater, der sich vor der Polizei versteckte, und Novas Mutter, die seit Jahren verschollen war, konnte Henry wenigstens mit seinen Eltern telefonieren. Und er wusste die meiste Zeit, wo sie mit ihrem Forschungsschiff in der großen, weiten Welt unterwegs waren.
„Und – was wollten sie?“, fragte Nova weiter.
Henry rutschte ein wenig auf den Holzplanken des Boots hin und her. „Mir sagen, dass sie eine unglaublich aufregende Reise nach Afrika planen und vermutlich erst nach Weihnachten wieder in England sind.“ Er drehte den Kopf zur Seite und blickte auf den Fluss, als hätte er gerade eine besonders interessante Möwe entdeckt.
„Verstehe“, sagte Nova. Einen Moment lang blickte auch sie auf den Fluss und fragte sich, wann sie wohl ihren Vater wiedersehen würde. Ob er immer noch in Schottland war?
Plötzlich hörten sie beide ein Geräusch vom hinteren Teil des Decks. Nova und Henry fuhren gleichzeitig herum und sahen gerade noch, wie eine grau getigerte, dünne Katze von der Reling des Schiffs ans Ufer sprang.
„Eilige Lieferung für Nova!“, rief die Katze, als sie schon außer Sichtweite war.
„Was ist das denn?“, fragte Henry und griff nach einem weißen Stück Stoff hinter sich auf dem Boden. Er hielt es sich sofort unter die Nase und roch daran. „Shortbread und Glockenblumen“, sagte er. Und dann fügte er nachdenklich hinzu: „Und ein ganz kleines bisschen …“, er zögerte, „wie du.“
Nova zog die Augenbrauen zusammen und nahm Henry das Tuch aus der Hand. Es fühlte sich weich und leicht an und erinnerte sie an etwas. Sie breitete es aus. Die Ecken waren ausgefranst, und es hatte an vielen Stellen Löcher. Sie fuhr mit der Hand darüber. In einer Ecke war eine kleine Stickerei. Eine Lilie.
„Ich glaube“, sagte Nova, „das Tuch gehört mir. Jedenfalls hatte ich so eins, als ich klein war. Ich habe es immer mit zum Schlafen genommen.“ Novas Herz klopfte laut. Konnte es sein, dass Papa zurück war? Er schickte ihr immer kleine Geschenke, um ihr zu zeigen, dass er in ihrer Nähe war.
„Aber wieso bringt diese Katze es jetzt hier vorbei?“, fragte Henry und runzelte die Stirn.
Nova dachte nach. Es ergab keinen Sinn. Papa war kein Felidix. Er hätte also niemals eine Katze dazu überreden können, Nova eine Nachricht zu überbringen.
Sie kam nicht dazu, Henrys Frage zu beantworten. Am Ufer auf der anderen Seite der Mondschein gab es einen Tumult und den Geräuschen nach hatte er eindeutig mit einer Katze zu tun. Nova und Henry standen beide gleichzeitig auf, hechteten über die rutschigen Schiffsplanken und sprangen ans Ufer.
Dort hatte sich eine kleine Menschengruppe gebildet. Aus ihrer Mitte klang lautes und empörtes Miauen. Zumindest für die Leute auf der Promenade hörte es sich wie Miauen an.
Nova und Henry dagegen verstanden jedes Wort: „Nicht anfassen! Das kann ich allein! Hör auf mit deinen glitschigen, kalten Händen! Mein Bauch ist empfindlich! Auaaaa …“
5
Der kleine Kater, der so ein Theater machte, hieß Pablo. Er hatte pechschwarzes Fell, kupferfarbene runde Augen und ein spitzes Gesicht. Pablo war eigentlich ein Straßenkater, wohnte aber als Gast in Horatios Turm. Seit er mitgeholfen hatte, Königin Quinn zu befreien, waren Henry, Nova und er beste Freunde.
„Was hat Pablo denn jetzt schon wieder angestellt?“, fragte Henry, als sie sich der Menschengruppe näherten.
Die Frage war berechtigt. So liebenswert Pablo auch war, so tollpatschig verhielt er sich oft. Umgeworfene Topfpflanzen, zerrissene Gardinen, verschwundene Radiergummis – meistens steckte Pablo dahinter.
Deshalb war Nova nicht besonders erstaunt, als sie den Kater jetzt mit einer bunten Plastiktüte vorfanden, die er wie einen Umhang um den Hals trug. Seine eine Hinterpfote steckte in einem Kaffeebecher.
Ein Mann mit grellem orangefarbenem T-Shirt und riesigem bunten Stoffhut kniete auf dem Boden und streckte Pablo immer wieder die Hand entgegen. Der Kater wich ihm jedoch aus. Fast wirkte es, als würden die beiden einen einstudierten Tanz aufführen.
Eine ältere Frau, die sich trotz des strahlend blauen Himmels auf einen Regenschirm stützte, begann zu schimpfen. „Sie verwirren das Tier doch nur. Lassen sie es erst mal zur Ruhe kommen!“
Als Nova Pablos Namen rief, verstummten die Menschen und auch der Kater. Alle sahen in ihre Richtung.
„Ist das etwa deine Katze?“, fragte die Frau mit dem Regenschirm und musterte kritisch Novas zerzauste Haare und ihr Shirt, in das Ruby leider heute Morgen ein mittelgroßes Loch gebissen hatte. „Ich hoffe, du hast ihr nicht absichtlich diese Plastiktüte umgehängt. Das ist nämlich Tierquälerei!“
„Natürlich nicht!“, versicherte Nova, so schnell sie konnte. „Pablo ist manchmal etwas …“ Sie brach ab. Es wäre viel zu kompliziert, wildfremden Menschen zu erklären, dass Pablo sich immer selbst in Schwierigkeiten brachte.
Die Frau redete trotzdem weiter vom Tierschutz und wie unverantwortlich es von manchen Eltern sei, ihren Kindern ein Haustier zu kaufen, um das sie sich dann nicht kümmerten.
Inzwischen hatte Henry den Becher von Pablos Pfote entfernt und bemühte sich nun, die Plastikfetzen sanft über seinen Kopf zu streifen.
„Bin in einen von diesen dämlichen Müllcontainern gefallen“, maunzte der Kater, als er endlich auf Henrys Arm saß. „Sagt einem ja keiner, wie glitschig der Rand sein kann. Ehrlich, das war echt nicht meine Schuld!“
An Henrys gerümpfter Nase und seinem unglücklichen Gesichtsausdruck konnte Nova ablesen, dass Pablo wahrscheinlich einige Zeit in der Tonne verbracht und ihren Geruch angenommen hatte.
„Wir müssen nach Hause“, sagte sie zu der Gruppe von Menschen, die sich nun rasch auflöste, auch wenn die Frau mit dem Regenschirm immer noch über Elternverantwortung redete.
Der Mann mit dem grellen T-Shirt winkte ihnen zu, sagte: „Coole Katze!“, und schwang sich auf sein Fahrrad, das er an einer der schwarzen Straßenlaternen abgestellt hatte.
Sie gingen durch das Tor in der mit Efeu überwachsenen Mauer, das zu Horatios Turm führte. Pablo hatte endlich aufgehört, sich über den fiesen Müllcontainer zu beschweren, der ihn angeblich hinterlistig mit leckerem Sardinengeruch in eine Falle gelockt hatte.
Er saß jetzt auf Novas Arm, leckte sich das Fell und hielt ihr vorwurfsvoll eine Vorderpfote hin, als wäre Nova schuld an der Container-Katastrophe. Eine Kralle war abgebrochen.
„Ich frage wohl am besten Ria, ob sie mich verarzten kann“, sagte er weinerlich und Nova entgegnete: „Das kann ich auch!“
Pablo fing an zu kichern. Ria war am geschicktesten, was die Pflege und medizinische Versorgung der Katzen anging, und Pablo zog Nova gern damit auf.
„Was ist das denn?“, fragte er dann und schnupperte an dem Tuch vom Boot, das Nova immer noch in ihrer Hand hielt.
„Ich glaube, das hat mein Vater mir geschickt“, sagte Nova nachdenklich. Papa vergaß sie nie. Egal ob er im Gefängnis saß oder gerade auf der Flucht war oder eben wie jetzt in Schottland. „Als kleines Mädchen war das, glaube ich, mein Kuscheltuch.“
„Es riecht wirklich nicht nach deinem Vater, Nova“, wandte Henry vorsichtig ein. „Er kann doch auch gar nicht mit Katzen sprechen. Oder? Und wie soll er das jetzt aus Schottland geschickt haben?“
Nova antwortete nicht. Henry hatte ja recht. Aber sie hoffte einfach so sehr, dass das Tuch ein Gruß ihres Vaters war.
Henry strahlte übers ganze Gesicht, als sie wenige Minuten später das Klassenzimmer betraten. Denn vorn auf einem neuen, hohen Pult hockte Mr Octagon. Er war ihr Mathelehrer und hatte braunes Fell, von dem sich ein weißes Lätzchen absetzte. Seine dicht beieinanderstehenden Augen mit dem Silberblick sorgten dafür, dass Mr Octagon stets etwas verwirrt aussah, obwohl er Mathematik so gut erklären konnte wie kein anderer.
Nova sah, dass Henry sich, ohne zu zögern, auf den falschen Platz neben Ria setzte. Sie begann, sich ernsthaft Sorgen zu machen, ob es irgendwann zu spät sein könnte, um die richtige Sitzordnung wiederherzustellen.
Dann fiel ihr Blick auf ihren eigenen Tisch. Gustav hatte dort gerade mit seinen Heften, Büchern und einer hohen Dose aus Blech, in der er anscheinend seine Stifte aufbewahrte, eine Art Trennmauer gebaut. Nova schnappte nach Luft. So eine Unverschämtheit!
Zum Glück blieb ihr nur wenig Zeit, um sich zu ärgern, denn Mr Octagon verlangte höchste Aufmerksamkeit beim Zeichnen von verschiedenen Dreiecken.
„Es war eigentlich eine Katze aus dem alten Babylonien“, sagte er stolz, „die den Satz des Pythagoras aufgestellt hat und als Erste mit ihrer Pfote in den Sand malte. Ihr wisst ja, dass einige von uns eine Schwäche für Geometrie und ganz besonders für Dreiecke haben.“
Es kam Nova so vor, als würde Gustav ärgerlich vor sich hin grummeln. Als sie versuchte, durch die Lücken in seiner Mauer zu spähen, hielt er tatsächlich auch noch seinen Ellbogen vor sein Heft. Trotzdem schaffte sie es, in sein Notizbuch zu sehen, auf dessen aufgeschlagener Seite sich jedoch keinesfalls Dreiecke, sondern Striche, Quadrate, Zahlen und Kreise befanden. Die Zeichnung sah fast so aus wie der Grundriss eines Hauses.
Nova hoffte inständig, dass Mr Octagon Gustav zur Rede stellen würde. Aber es schien beinahe so, als wäre Gustav vom Unterricht befreit und dürfte einfach machen, was er wollte. Während Mr Octagon in seiner gewohnten Art von Tisch zu Tisch sprang und mit seinen dünnen Pfoten auf falsche Zahlen und Berechnungen der anderen Schüler deutete, ließ er Gustav völlig in Ruhe.
Die Zeit verging wie im Flug. Etwas, was Nova in einer Doppelstunde Mathe in ihren bisherigen Schulen noch nie passiert war. Sie war daher ganz erstaunt, als Mr Octagon sich am Ende der Stunde verabschiedete und im nächsten Augenblick zu ihrer Überraschung Edison hereinspazierte.
Nova warf Henry einen fragenden Blick zu. Wieso war Edison hier im Turm und nicht im Palast?
Hatte der Kater vor wenigen Wochen noch darauf geschworen, dass er seine Zeit am liebsten in den Straßen von London verbrachte, konnte er jetzt gar nicht genug von weichen Sitzgelegenheiten und langen Mahlzeiten am Hof schwärmen.
Nova erschrak richtig, als Edison nun auf einmal auf ihren Schoß sprang. Auch das war neu. Edison war zwar ein guter Freund, aber mehr als jede andere Katze scheute er Berührungen von Menschen.
„Ich habe Neuigkeiten!“, flüsterte er mit seiner samtweichen Stimme. „Trefft mich draußen auf dem Korridor.“
Damit war er auch schon wieder verschwunden und Nova fühlte noch die Wärme seines dichten schwarzen Fells auf ihren Beinen, als sie zu Henry ging und ihn anstupste.
Ria war damit beschäftigt, einen orangefarbenen Kater unter dem Ohr zu kraulen, sodass sie gar nicht mitbekam, dass Nova Henry schnell aus dem Zimmer zog. Auch die anderen Mitschüler schenkten ihnen keine Beachtung. Nur Pablo, der unter Henrys Tisch gesessen hatte, folgte ihnen.
Edison wartete hinter der Standuhr auf sie. Zwischen der Uhr und einem übervollen Bücherregal befand sich eine Nische in der Wand, in deren Schatten sie so schnell niemandem auffallen würden.
„Was machst du denn hier?“, knurrte Edison unfreundlich, als er Pablo sah. „Und warum riechst du so schlecht?“
Doch bevor Pablo seine Geschichte vom Müllcontainer erzählen konnte, redete Edison schon weiter. „Ich habe eine Nachricht für euch. Königin Quinn hat mich geschickt, damit ihr es sofort erfahrt. Jedenfalls noch vor den ganzen Wichtigtuern am Hof.“
Nova seufzte. Das Einzige, was Edison am Hof von Königin Quinn nicht gefiel, waren die Mitternachtskatzen – die Leibgarde der Königin. Vor allem mit Shayan, einem stolzen und manchmal etwas arroganten Perserkater, pflegte Edison eine offene Feindschaft.
„Sag schon“, drängte Nova ihn. „Wir haben gleich wieder Unterricht und Horatio wird sicher sauer, wenn wir schon am ersten Tag zu spät kommen.“
„Also“, Edison holte dramatisch Luft, „ein großes Ereignis steht uns bevor. Die Königin wird es bald dem ganzen Katzenreich verkünden. Ihr werdet euch kaum vorstellen können, was das für einen Aufruhr geben wird!“
Pablo begann, aufgeregt auf und ab zu hopsen. „Will sie heiraten? Ich liebe Hochzeiten!“, rief er. „Oder gibt es einen neuen Feiertag, an dem wir alle Sardinen geschenkt bekommen – ich liebe Sardinen. Oder …?“
Edison sah ihn streng an. „Besser, Pablo. Auch wenn ich ihr die Sache mit den Sardinen gern vorschlagen werde.“ Der Kater hob den Kopf und seine türkisfarbenen Augen funkelten. „Zum ersten Mal in ihrer Regierungszeit hat sich Königin Quinn dafür entschieden, neue Mitternachtskatzen aufzunehmen. Sie wird die Botschaft im ganzen Katzenreich verkünden. In einer Woche wird der Wettbewerb hier in London stattfinden. Jede Katze im Land hat die Chance, an der Prüfung teilzunehmen und eine Mitternachtskatze zu werden. Na, was sagt ihr? Schließlich seid ihr ja seit Königin Quinns Befreiung Mitternachtskatzen ehrenhalber!“
6
„Eine Mitternachtskatzenprüfung? Bist du ganz sicher?“, rief Pablo so laut, dass Edison ihn unfreundlich anfauchte.
„Geh zu Ria und lass dir die Ohren ausputzen, wenn du mich nicht verstanden hast.“ Edison war bedrohlich nah an Pablo herangerückt und sah auf den kleinen Kater herab.
