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Russlands hybrider Krieg
Über 13 Jahre nach dem Absturz eines polnischen Regierungsflugzeugs nahe des russischen Smolensk, bei dem 96 Menschen - darunter der damalige polnische Regierungschef - ums Leben kamen, gilt zahlreicher Ungereimtheiten zum Trotz als offizielle Unfallursache menschliches Versagen. Ein Beleg dafür, wie wirkungsvoll die Lügen- und Propagandamaschine der russischen Regierung funktioniert, die bereits kurz nach der Tragödie den Piloten für den Absturz verantwortlich machte und bis zum heutigen Tag eine unabhängige Untersuchung der Unfallursache erfolgreich verhindert. Die finnische Journalistin und international bekannte Putin-Kritikerin Jessikka Aro hat in jahrelanger investigativer Recherche Beweise dafür gesammelt, dass es sich beim Smolensk-Unglück um einen russischen Terrorakt handelt. Sie sieht in dem Attentat ein Beispiel für Russlands hybriden Krieg, der im Schatten der Weltöffentlichkeit cybertechnische und mediale mit paramilitärischen Kampfformen kombiniert. In ihrem neuen Buch
Putins Schattenkrieg analysiert Aro, wie der Kreml durch geheime Militäreinsätze, Fake News und gezielte Propaganda westliche Demokratien systematisch untergräbt und skrupellos politische Interessen durchsetzt - von Warschau bis Washington, von Berlin bis Kiew.
Eine packende wie beunruhigende Lektüre und ein Must-read für alle, die mehr über eine der größten sicherheitspolitischen Herausforderungen unserer Zeit erfahren wollen.
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Seitenzahl: 524
Veröffentlichungsjahr: 2024
Buch
Über 14 Jahre nach der Flugkatastrophe von Smolensk, bei dem auch der damalige polnische Regierungschef ums Leben kam, gilt zahlreicher Ungereimtheiten zum Trotz menschliches Versagen als offizielle Unfallursache.
Die finnische Journalistin und Bestsellerautorin Jessikka Aro sieht in dem Attentat ein Beispiel für Russlands hybriden Krieg, der im Schatten der Weltöffentlichkeit cybertechnische und mediale mit paramilitärischen Kampfformen kombiniert. Sie analysiert, wie der Kreml durch geheime Militäreinsätze, Fake News und gezielte Propaganda westliche Demokratien systematisch untergräbt und skrupellos politische Interessen durchsetzt – von Warschau bis Washington, von Kiew bis Berlin.
Autorin
Die finnische Journalistin Jessikka Aro begann im September 2014 ihre Recherche zu pro-russischen Internettrollen. Prompt fand sie sich selbst in ihrem Kreuzfeuer wieder, wurde mit dem Tod bedroht und musste ihr Heimatland verlassen. Im Dezember 2020 wurde siemit dem renommierten »Courage in Journalism«-Preis ausgezeichnet, der in Kooperation mit der Washington Post und CNN verliehen wird, 2016 erhielt sie den Bonnier-Preis für Journalismus. Ihre Verdienste rund um die Offenlegung der Informationsschlachten des Kremls im Internet haben weltweit Beachtung gefunden. Zuletzt erschien von ihr bei Goldmann der internationale Bestseller Putins Armee der Trolle.
Außerdem von Jessikka Aro im Programm
Putins Armee der Trolle
Jessikka Aro
Das geheime Terror- und Propagandanetzwerk des Kreml und seine Gefahren für die demokratische Welt
Aus dem Finnischen von Reetta Karjalainen und Tanja Küddelsmann
Die finnische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Putinin maailmansota« bei Johnny Kniga, Helsinki. Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Deutsche Erstausgabe November 2024
Copyright © 2024 der Originalausgabe: Jessikka Aro
Copyright © 2024 der deutschsprachigen Ausgabe: Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: René Stein
Umschlag: Uno Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: © FinePic®, München
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
EB ∙ CF
ISBN 978-3-641-31464-4V001
www.goldmann-verlag.de
Einleitung
SMOLENSK
96 Namen
Natalia Januszko
Wie der Kreml die Medien in eine Waffe verwandelte
Marek Pyza
Janusz Kochanowski
Glenn Jørgensen und Ewa Stankiewicz
Grzegorz Wierzchołowski
Die offizielle Untersuchung seitens Russlands: Der Pilot hatte Angst vor dem wichtigsten Passagier
Die Neuuntersuchung seitens Polens: Hinter dem Absturz steckt der russische Sicherheitsapparat
Ein neuer Eiserner Vorhang
HYBRIDEFRONTENINNAHUNDFERN
Waleri, Juri und Sergei
Em Seikkanen
Der Patriarch Kyrill
Ich, Jessikka Aro
Manasseh Azure Awuni
Der Bronzekrieger Aljoscha
Quellen und Literatur
DANKE
BILDTEIL
Die Massenmedien sind eine Waffe. Information ist eine Waffe.
DEREHEMALIGERUSSISCHEVERTEIDIGUNGSMINISTERSERGEISCHOIGU, 2015
Im Sommer 2016 lernte ich in der polnischen Hauptstadt Warschau den Journalisten Michał Rachoń kennen.
Ich sprach auf einer Konferenz, die im Zusammenhang mit dem NATO-Gipfeltreffen veranstaltet wurde, über den russische Informationskrieg in den sozialen Medien, und Michał interviewte mich für den polnischen öffentlich-rechtlichen Sender TVP.
Der redegewandte Journalist blieb mir im Gedächtnis. Er hatte bedeutende Artikel zu Russland veröffentlicht, in denen er kritische Töne anschlug. Im Jahr darauf traf ich ihn ein zweites Mal, um ihn seinerseits zu meinem Buch über die russischen Trolle und den Informationskrieg des Kreml zu interviewen.
Doch Michał erzählte mir von einer Katastrophe, die durch die anschließend verbreiteten Lügen vonseiten Russlands das polnische Volk und die Journalisten im Land in gegnerische Lager gespalten hatte: den Flugzeugabsturz 2010 im russischen Smolensk, bei dem der polnische Präsident und 95 weitere Passagiere ums Leben kamen.
Ich wusste natürlich von dem Unglück, und meine Information war, dass der Absturz auf einen Pilotenfehler zurückging. Der Pilot hatte auf Druck des polnischen Präsidenten und des Befehlshabers der Luftstreitkräfte und trotz der Warnungen der russischen Fluglotsen versucht, in dichtem Nebel zu landen, wobei die Maschine gegen einen Baum geprallt war. Diese Theorie wird auch heute noch von vielen vertreten.
Doch im Herbst 2017 saß mir mein geschätzter polnischer Kollege in einem Warschauer Restaurant gegenüber und erzählte mir, dass nie eine ordnungsgemäße Untersuchung des Absturzes stattgefunden hatte. Es gab Beweise, die nahelegten, dass Russland in den Unfall verwickelt gewesen sein könnte. Journalisten und Sachverständige, die einem Bezug zum Kreml und einer möglichen Explosion an Bord nachgingen, wurden in Polen als Verschwörungstheoretiker angeprangert, manche verloren sogar ihren Arbeitsplatz.
Weil glaubwürdige Untersuchungen auf sich warten ließen, musste ein Teil der Hinterbliebenen selbst inoffizielle Ermittlungen finanzieren, um die Wahrheit herauszufinden.
Ich hatte auch nicht gewusst, dass in dem Sommer, in dem ich Michał kennenlernte, auf polnischen Friedhöfen die Gräber der sechs Jahre zuvor beerdigten hohen Regierungsbeamten geöffnet wurden, die bei dem Absturz ums Leben gekommen waren. Dabei machte man eine grauenvolle Entdeckung nach der anderen. Die aus Russland nach Polen überstellten sterblichen Überreste waren teils geschändet und teils in den Särgen mit anderen vermischt worden; die damalige polnische Führung hatte den Hinterbliebenen untersagt, die Särge vor der Bestattung zu öffnen.
Ich werde nie vergessen, wie Michał davon erzählte. Die Zeit schien stillzustehen.
Möglich, dass dieser Bericht bei mir einen Schock auslöste. Aber als Journalistin war ich überrascht und alarmiert, dass ich nur durch die persönliche Bekanntschaft mit einem renommierten polnischen Kollegen an diese wichtigen Informationen gekommen war.
Obwohl auch damals in Polen immer noch täglich über das Flugzeugunglück von Smolensk berichtet wurde, war es den Verantwortlichen auf mysteriöse Weise gelungen, den Anteil Russlands an der Tragödie in den größeren polnischen Medien auszublenden.
Ich war fassungslos. Anders als bei den meisten Nachrichten wusste man international nichts darüber. Die Informationen flossen einfach nicht. Als habe man in der journalistischen Sphäre zwischen Polen und dem Rest der Welt einen Eisernen Vorhang heruntergelassen.
Wie in der Sowjetunion.
Wie im hybriden Krieg des Kreml gegen die westliche Welt.
Michał empfahl mir verschiedene Quellen, in die ich mich einarbeitete. Dazu gehörten einige hervorragende polnische Investigativjournalisten sowie eine Internetseite, die über Jahre die wichtigsten Artikel zum Thema sowie einen Teil der wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Unglück von Smolensk in englischer Übersetzung veröffentlichte.
Je mehr ich mich mit den Machenschaften der russischen Führung und der Behörden in Smolensk beschäftigte, desto klarer wurde mir, wie systematisch und zügellos mordlüstern Russland seit den 2000er-Jahren bei seinen Maßnahmen gegen den Westen vorgeht. Und wie viele Operationen konstant vom Kreml aus gesteuert wurden, verborgen hinter einem durch Cyberattacken aufgezogenen Schleier, während seine westlichen Verbündeten nach wie vor am guten Ruf Russlands festhielten.
Es dauerte Jahre, bis ich über Smolensk schreiben konnte. Ich wurde wegen meiner Arbeit zur Zielscheibe so vieler krimineller Angriffe, dass sich das Projekt immer weiter verzögerte. Erst als der Kreml im Februar 2022, es war während meiner Elternzeit, seinen völkermörderischen Krieg gegen die Ukraine eskalieren ließ, wurde ich aktiv. Es war an der Zeit, nicht nur über Smolensk zu schreiben, sondern auch über den hybriden terroristischen Krieg des Kreml gegen die gesamte westliche Welt.
Ich knüpfte Kontakte nach Polen. Ich traf die wunderbaren Hinterbliebenen von Natalia Januszko und Janusz Kochanowski, die bei der Flugzeugkatastrophe ums Leben kamen. Ebenso traf ich polnische Investigativjournalisten, deren Arbeit ich schon länger verfolgt hatte. Ich lernte einen dänischen Ingenieur und eine polnische Dokumentarfilmerin kennen, die sich trotz unmenschlicher Rahmenbedingungen der Untersuchung des Flugzeugunglücks verschrieben haben.
Die Inspiration für dieses Buch war der außergewöhnliche Mut dieser Menschen, die Wahrheit herauszufinden und ihre Einsichten zu veröffentlichen, und das trotz eines immensen Drucks von außen, ihre Erkenntnisse für sich zu behalten. Und ihr Mut ist eine Inspiration für alle, die sich dafür entschieden haben zu kämpfen. Diese Menschen haben mir geholfen, den Leserinnen und Lesern dieses Buches das zu zeigen, was sie schon seit Jahren erfahren und mit ansehen: den Schattenkrieg, den Putin an vielen Fronten im Herzen Europas führt, unter unser aller Augen, und der sich gegen alle Werte richtet, die uns lieb und teuer sind.
In diesem Buch berichte ich von den Hybridoperationen des Kreml gegen Estland, Finnland, Deutschland und die USA sowie viele weitere Staaten, teils auf dem Umweg über Deutschland und verschiedene afrikanische Länder. Auch in diesen Kapiteln kommen unglaublich mutige, opferbereite Bürger sowie Wissenschaftler und Journalisten zu Wort.
Mein Ziel ist es einerseits, die Angriffe des Kreml sorgfältig zu dokumentieren, und andererseits zusammenzutragen, wie die Behörden der angegriffenen Länder darauf reagiert haben – oder nicht reagiert haben. Wie man für diese Länder und ihre Staatsbürger eingetreten ist – oder eben nicht eingetreten ist. Es ist nicht verwunderlich, dass von Moskau aus eine terroristische Materialschlacht gegen uns im Gange ist. Verwunderlich ist vielmehr, dass sich bestimmte westliche Länder nicht dagegen wehren.
Im August 2022 reiste ich nach Warschau, um Informationen für dieses Buch zu sammeln. Bevor ich mich mit meinem Freund Michał traf, spazierte ich allein zum Piłsudski-Platz im Zentrum der Stadt. Ich wollte zum Denkmal für die Opfer von Smolensk.
Das Monument am Rande des Platzes zeigt eine massive Flugzeuggangway aus schwarzem Granit. Auf dem Flughafen gelangen die Reisenden über eine solche Treppe ins Flugzeug. Diese hier führt in den Himmel.
Aus einer anderen Perspektive betrachtet ähnelt die Gestaltung dem Seitenleitwerk eines Flugzeuges. Außerdem symbolisiert das Monument einen Katafalk, also eine Erhöhung, auf der in der Kirche der Sarg ruht.
Ich halte einen Moment ruhig inne. Wie so oft im Zusammenhang mit diesem Buch spüre ich Tränen aufsteigen. Ich gehe um das Monument herum. An seiner Seite sind die Namen der 96 Todesopfer des Smolensker Flugzeugunglücks in den Granit eingraviert.
Lech Kaczyński, Präsident der Republik Polen
Maria Kaczyńska, Ehefrau des Präsidenten
Ryszard Kaczorowski, letzter Präsident der polnischen Exilregierung
General Franciszek Gągor, Chef des Oberkommandos der polnischen Streitkräfte
Generalleutnant Tadeusz Buk, Oberbefehlshaber des polnischen Heeres
General Andrzej Błasik, Oberbefehlshaber der polnischen Luftstreitkräfte
Vizeadmiral Andrzej Karweta, Oberbefehlshaber der polnischen Marine
Generalleutnant Włodzimierz Potasiński, Befehlshaber der polnischen Sondereinheiten
Generalmajor Bronisław Kwiatkowski, Befehlshaber der operativen Abteilung der polnischen Streitkräfte
Generalmajor Kazimierz Gilarski, Befehlshaber der Garnison in Warschau
Generalleutnant Tadeusz Płoski, katholischer Militärbischof der polnischen Streitkräfte
Generalleutnant Miron Chodakowski, orthodoxer Militärbischof der polnischen Streitkräfte
Brigadegeneral Adam Pilch, evangelischer Militärpfarrer der polnischen Streitkräfte
Militärpfarrer Oberst Jan Osiński, Sekretär des katholischen Militärbischofs der polnischen Streitkräfte
Joanna Agacka-Indecka, Vorsitzende des polnischen Rechtsanwaltsverbandes
Ewa Bakowska, Aktivistin im Opferverband der Familien von Katyn
Krystyna Bochenek, stellvertretende Vorsitzende des polnischen Senats
Anna Maria Borowska, Mitglied des Opferverbandes der Familien von Katyn
Bartosz Borowski, Mitglied des Opferverbandes der Familien von Katyn
Czeslaw Cywinski, Vorsitzender des Veteranenverbandes der Widerstandsorganisation Polnische Heimatarmee
Leszek Deptula, Parlamentsabgeordneter
Oberst Zbigniew Debski, Oberst der polnischen Streitkräfte, Mitglied des höchsten polnischen Virtuti-Militari-Ordens
Grzegorz Dolniak, Parlamentsabgeordneter
Katarzyna Doraczyńska, Mitarbeiterin im polnischen Präsidialamt
Edward Duchnowski, Generalsekretär des Verbandes Związek Sybiraków
Aleksandr Fedorowicz, Übersetzer
Janina Fetlińska, Senatorin
Oberst Jarosław Florczak, Mitarbeiter des Geheimdienstes
Leutnant Artur Francuz, Mitarbeiter des Geheimdienstes
Grażyna Gęsicka, Parlamentsabgeordnete und frühere polnische Ministerin für regionale Entwicklung
Przemysław Gosiewski, Parlamentsabgeordneter, früherer Vizepremierminister sowie stellvertretender Vorsitzender der PiS-Partei
Pfarrer und Kanoniker Bronisław Gostomski, Pastor des früheren Exilpräsidenten Ryszard Kaczorowski und des Londoner Opferverbandes der Familien von Katyn
Mariusz Handzlik, als Staatssekretär im Präsidialamt zuständig für außenpolitische Angelegenheiten
Prälat Roman Indrzejczyk, Pfarrer von Präsident Kaczyński
Stabshauptmann Paweł Janeczek, Mitarbeiter des Geheimdienstes
Dariusz Jankowski, Beamter im polnischen Präsidialamt
Izabela Jaruga-Nowacka, Parlamentsabgeordnete
Pater Jozef Joniec, römisch-katholischer Pfarrer, Vorsitzender des Parafidia-Verbandes
Sebastian Karpiniuk, Parlamentsabgeordneter
Oberst Mariusz Kazana, Protokollchef des Außenministeriums
Janusz Kochanowksi, Staatssekretär im polnischen Verteidigungsministerium
Generalmajor Stanisław Komornicki, hochdekorierter Kriegsveteran und Kriegshistoriker
Stanisław Komorowski, Staatssekretär im polnischen Verteidigungsministerium
Fähnrich Paweł Krajewski, Mitarbeiter des Geheimdienstes
Andrzej Kremer, Staatssekretär im Außenministerium
Pfarrer Zdzisław Król, Kanzler der Kurie, Pfarrer des Warschauer Opferverbandes der Familien von Katyn (1987–2007)
Janusz Krupski, Leiter des Büros der Kriegsveteranen und der Opfer von Unterdrückung
Janusz Kurtyka, Leiter des polnischen Instituts für Nationales Gedenken
Kanoniker Andrzej Kwasnik, Pfarrer des Opferverbandes der Familien von Katyn
Brigadegeneral Dr. Wojciech Lubiński, Arzt von Präsident Kaczyński
Tadeusz Lutoborski, Mitglied des Opferverbandes der Familien von Katyn
Barbara Maminska, Leiterin des Präsidialamtes
Zenona Mamontowicz-Łojek, Leiterin der polnischen Katyn-Stiftung, Mitglied des Opferverbandes der Familien von Katyn
Stefan Melak, Leiterin des Katyn-Komitees
Tomasz Merta, Historiker und Staatssekretär im Kulturministerium
Major Dariusz Michałowski, Mitarbeiter des Geheimdienstes
Stanisław Mikke, Vizevorsitzender des nationalen polnischen Rates zum Schutz kriegshistorischer Stätten
Aleksandra Natalli-Świat, Parlamentsabgeordnete
Janina Natusiewicz-Mirer, Aktivistin, Kunsthistorikerin, Archäologin
Leutnant Piotr Nosek, Mitarbeiter des Geheimdienstes
Piotr Nurowski, Präsident des polnischen Olympiakomitees
Bronisława Orawiec-Löffler, Mitglied des Opferverbandes der Familien von Katyn
Katarzyna Piskorska, Mitglied des Opferverbandes der Familien von Katyn
Maciej Płażyński, Parlamentsabgeordneter, Vorsitzender des Verbandes »Polnische Gemeinschaft«
Andrzej Przewoźnik, Generalsekretär des nationalen polnischen Rates zum Schutz kriegshistorischer Stätten
Krzysztof Putra, stellvertretender Vorsitzender des polnischen Parlaments
Ryszard Rumianek, Rektor der Kardinal-Stefan-Wyszynski-Universität
Arkadiusz Rybicki, Parlamentsabgeordneter
Andrzej Sariusz-Skąpski, Präsident des Opferverbandes der Familien von Katyn
Wojciech Seweryn, Mitglied des Opferverbandes der Familien von Katyn
Sławomir Skrzypek, Direktor der polnischen Zentralbank
Leszek Solski, Mitglied des Opferverbandes der Familien von Katyn
Władysław Stasiak, Direktor des polnischen Präsidialamtes
Fähnrich Jacek Surówka, Mitarbeiter des Geheimdienstes
Aleksandr Szczygło, früherer Verteidigungsminister, Leiter der polnischen Nationalen Sicherheitsbehörde
Jerzy Szmajdziński, früherer Verteidigungsminister, früherer Innenminister, stellvertretender Vorsitzender des polnischen Parlaments
Jolanta Szymanek-Deresz, Parlamentsabgeordnete
Izabela Tomaszewska, Leiterin des diplomatischen Protokolldienstes im Präsidialamt
Fähnrich Marek Uleryk, Mitarbeiter des Geheimdienstes
Anna Walentynowicz, eine der Gründerinnen der Solidarność-Bewegung
Teresa Walewska-Przyjałkowska, stellvertretende Vorsitzende des Vereins zur Erinnerung an die Opfer von Katyn, Vorsitzende des Vereins zur Erinnerung an den Heiligen Andreas Bobola
Zbigniew Wassermann, Parlamentsabgeordneter
Wiesław Woda, Parlamentsabgeordneter
Edward Wojtas, Parlamentsabgeordneter
Paweł Wypych, Staatssekretär im Präsidialamt
Stanisław Zając, Senator
Janusz Zakrzeński, Schauspieler
Gabriela Zych, Mitglied des Opferverbandes der Familien von Katyn
Major Arkadiusz Protasiuk, Pilot der polnischen Luftstreitkräfte
Oberstleutnant Robert Grzywna, Pilot der polnischen Luftstreitkräfte
Fähnrich Andrzej Michalak, Pilot der polnischen Luftstreitkräfte
Kapitän Artur Zietek, Pilot der polnischen Luftstreitkräfte
Fähnrich Agnieszka Pogródka-Węcławek, Mitarbeiterin des Geheimdienstes, Flugbegleiterin
Barbara Maciejczyk, Flugbegleiterin
Natalia Januszko, Flugbegleiterin
Justyna Moniuszko, Flugbegleiterin
Alle Opfer von Smolensk, die einen militärischen Dienstgrad hatten, wurden posthum befördert. In der Liste sind die höchsten zuletzt bekannten Dienstgrade aufgeführt.
Natalia Januszko war das jüngste Opfer von Smolensk.
Die 22-jährige Flugbegleiterin liebte Tiere und wollte für sie da sein. Im Frühjahr 2010 machte sie in Warschau eine Ausbildung zur Tierpflegerin. Daneben verdiente sie sich als Flugbegleiterin etwas hinzu und trat damit in die Fußstapfen ihrer Mutter.
Natalia hatte zunächst als Stewardess bei LOT begonnen, aber vor Kurzem die Stelle gewechselt und war nun bei den polnischen Luftstreitkräften beschäftigt.
Ihr Arbeitsplatz war nur eine russische Tupolew-Maschine, die nach wie vor von den Luftstreitkräften verwendet wurde, um wichtige Persönlichkeiten zu fliegen. Natalias Mutter Izabela hatte ihre Tochter vor Flugzeugen russischer Bauart gewarnt: Sie war selbst zu Sowjetzeiten in den 1980er-Jahren zwischen Warschau und Moskau mit Tupolews unterwegs gewesen und hielt sie für unzuverlässig.
Natalia hörte, was ihre Mutter zu sagen hatte, und nahm die Warnung zur Kenntnis. Doch als sie ihren Entschluss gefasst hatte, war daran nicht zu rütteln. »Ein Ding der Unmöglichkeit«, sagt Natalias Vater Greg Januszko.
Natalia nahm ihre Arbeit sehr ernst. Wenn beispielsweise eine Reise zum Luftwaffenstützpunkt Bagram in Afghanistan anstand, erzählte sie ihren Eltern nichts davon. Sie erfuhr immer erst kurz vorher von einem bevorstehenden Einsatz, wenige Tage im Voraus, und flog oft mit dem polnischen Präsidenten Lech Kaczyński und dessen Frau Maria Kaczyńska.
Sie sprach stets positiv über den Präsidenten. Wann immer seine Ehefrau mit an Bord war, verhielt er sich nach ihren Worten sehr, sehr ruhig. Er gab also nicht den Ton an, wie die russischen Medien nach dem Flugzeugabsturz behaupteten.
Die First Lady wiederum sorgte sich um das Wohlergehen der Flugbegleiterinnen, hatte Natalia erzählt. »Haben Sie denn keine wärmere Jacke?«, habe Frau Kaczyńska die Stewardessen beispielsweise gefragt.
Aber der Präsident und seine Frau waren nicht die einzigen hochrangigen Passagiere, mit denen Natalia regelmäßig flog. Ihr Vater Greg erzählt, dass Natalia sehr stolz auf ihre Arbeit war.
Die Tätigkeit als Stewardess sollte allerdings nur eine Übergangslösung sein. Langfristig wollte Natalia sich an der Universität für Tiermedizin einschreiben, um Tierärztin zu werden.
Im Frühjahr 2010 untersuchte sie gerade die Auswirkungen von Stress und Licht auf die Eierproduktion von Hühnern.
Der Tag hatte ganz normal angefangen, erzählt Natalias Vater Greg Januszko, der zu dieser Zeit Englisch an der Łasarski-Universität unterrichtete. Am 10. April hielt Greg Januszko eine Morgenvorlesung, obwohl es ein Samstag war. Irgendwann fiel ihm auf, dass viele Studierende plötzlich auf ihre Handys starrten. Einer sagte, das Flugzeug des Präsidenten sei abgestürzt.
»Ich rief meine Frau Izabela an, die die Nachricht im Fernsehen gesehen hatte, und ging sofort nach Hause«, erinnert sich Januszko.
Der Absturz, die Katastrophe von Smolensk, war das Hauptnachrichtenthema auf allen Kanälen.
Ein Nachbar von Natalias Familie war ein ehemaliger Offizier des Sicherheitsdienstes mit guten Kontakten zum Flughafen in Warschau. Er fragte bei seinen Bekannten nach, wer in der Unglücksmaschine gesessen hatte. Schließlich überbrachte er den Januszkos die traurige Nachricht: Natalia hatte sich in dieser Maschine befunden.
Auch die Eltern von Mutter Izabela kamen in das Haus der Familie Januszko am Stadtrand von Warschau. Ebenso Natalias ehemaliger Freund Michał. Auch Natalias 14-jährige Schwester Małgorzata war zu Hause. Die Familie beschloss, einen Spaziergang zu machen, nur Vater Greg blieb im Haus.
Während der Rest der Familie unterwegs war, klopften vier fremde Personen an die Tür: Natalias direkter Vorgesetzter sowie ein weiterer Soldat in Uniform, ein Arzt und ein Psychiater.
»Ich rief meine Frau an und bat sie, nach Hause zu kommen. Denn nun waren ›sie‹ da.«
Soldaten überbrachten die Todesnachricht. Hielten seine Hand.
»Jetzt war es offiziell: Natalia war tot.«
Greg Januszko erzählt, dass die Nachricht professionell nach dem Reglement der polnischen Streitkräfte überbracht wurde. Die Soldaten waren damit vertraut, Hinterbliebenen von Kameraden solche Botschaften zu überbringen, und hatten dafür ein festes Prozedere. Sie boten der Familie psychologische Hilfe an und unterstützten bei der Regelung der notwendigen Angelegenheiten.
»Einer von ihnen kannte Natalia persönlich. Er und viele andere verloren in Natalia eine Freundin.«
Noch am selben Tag wurden in Fernsehen verschiedene Theorien zur Absturzursache vorgestellt, erzählt Greg. Die ganze Familie verfolgte die Nachrichten gebannt. Dort hieß es, der Pilot habe versucht zu landen, doch die Landung sei missglückt, weshalb er es anschließend noch ein paar Mal versucht habe.
Viel später berichteten die Medien, dass verschiedene Politiker direkt nach dem Absturz vom Parteivorstand des polnischen Premiers Textnachrichten bekommen hätten, in denen es hieß, die Katastrophe sei die Schuld des Piloten gewesen. General Sławomir Petelicki brachte die Sache an die Öffentlichkeit.
Am Tag nach dem Absturz, am Sonntag, dem 11. April 2010, wurden die Angehörigen gebeten, nach Moskau zu reisen. Es ging darum, die Opfer zu identifizieren.
Die offizielle Ladung zur Identifizierung in Moskau erging von der damaligen polnischen Gesundheitsministerin Ewa Kopacz und dem Kanzleichef des Premierministers Donald Tusk, Tomasz Arabski.
Natalias Familie stand unter Schock, aber sie taten wie geheißen und entschieden sich dafür, dass Ex-Freund Michał, der fünf Jahre mit ihr zusammen gewesen war, und ihre Mutter Izabela nach Moskau fliegen sollten.
In Russlands Hauptstadt wurden die Hinterbliebenen im Hotel Renaissance untergebracht. Izabela erinnert sich, dass andere Gäste dort nicht zugelassen waren. Im Foyer erklärten Gesundheitsministerin Kopacz und Kanzleichef Arabski das weitere Vorgehen und teilten die Angehörigen in Gruppen ein.
In der ersten Gruppe waren diejenigen, bei denen die Prozedur aller Wahrscheinlichkeit nach schnell gehen würde. Je höher die Nummer der Gruppe, desto geringer wurde die Wahrscheinlichkeit der Identifizierung eingeschätzt.
Natalias Mutter Izabela und Michał wurden der letzten Gruppe zugeteilt.
Die Ministerin Ewa Kopacz, von Hause aus Ärztin, hielt die Angehörigen dazu an, »stark zu sein und die Opfer genau in Augenschein zu nehmen«. Eine zweite Gelegenheit würde es nicht geben. Die Särge würden versiegelt werden und weitere Untersuchungen würde es in Polen nicht mehr geben.
Am Montag um fünf Uhr nachmittags wurden Izabela und Michał mit ihrer Gruppe zu dem Institut gefahren, in dem die Identifizierungen stattfinden sollten. Die Ministerin und Arabski nahmen sie in Empfang.
»Sie sagten noch einmal, besonders nachdrücklich, wir sollten dafür sorgen, dass die Identifizierung gelingen müsse. Dies sei unsere letzte Gelegenheit«, erzählt Izabela Januszko.
Sie hatte den Eindruck, dass die Ministerin ihre Worte gar nicht an die Angehörigen der Opfer richtete, sondern vielmehr an die anwesenden Russen. Davon gab es im Institut viele: Ärzte, Dolmetscher, Psychologen und ein Staatsanwalt.
Im Institut kam Izabela das Zeitgefühl abhanden. Sie wurde zum Blutabnehmen in ein Labor geführt. Man fragte sie nach Details. Ob ihre Tochter besondere körperliche Merkmale aufwies, ob sie an Krankheiten litt, ob sie Operationen gehabt, welche Kleidung und Unterwäsche sie getragen habe.
Das dauerte vielleicht eine Stunde, vielleicht auch drei.
Das Personal des Instituts hatte die Leichname und anderen sterblichen Überreste für die Identifizierung vorbereitet. Sie wiesen Izabela und Michał einen Raum an, in dem Natalia sich möglicherweise befand.
»Ich konnte nicht durch die Tür gehen, dazu fehlte mir die Kraft. Michał ging hinein. Aber es war eine andere Stewardess«, berichtet Izabela.
Danach kümmerte sich niemand um sie und den Ex-Freund ihrer Tochter. Sie irrten durch die Gänge. In den Räumen befanden sich offenbar persönliche Gegenstände der Opfer von Smolensk: Schmuck, Uhren und Kleidung. Auch dafür war offenbar niemand zuständig. Izabela hatte den Eindruck, dass das Hauptaugenmerk auf den Angehörigen der prominenten Opfer lag; die Familie einer Flugbegleiterin hingegen war sekundär.
Als sie auf dem Gang saßen, sprach sie ein Besatzungsmitglied eines polnischen Rettungshubschraubers an. Er riet ihnen, im Erdgeschoss nachzufragen.
»Dort werden immer noch Leichen und Leichenteile eingeliefert, die noch nicht identifiziert sind«, erklärte er.
In der Abteilung trafen sie den Leiter der polnischen Rettungseinheit an. Er bestätigte, was sie gehört hatten, aber er fügte hinzu: »Wenn Sie bisher die Leiche nicht identifizieren konnten, dann wird es jetzt nahezu unmöglich. Denn nun kommen nur noch Körperteile, die nicht mehr zu identifizieren sind«, zitiert Izabela aus dem Gedächtnis.
Sie kehrten Dienstagnacht gegen ein oder zwei Uhr ins Hotel zurück, ohne jegliche Informationen über Natalia. Am Dienstag nach dem Frühstück beschlossen sie, zurück nach Warschau zu fliegen. Das war eine weise Entscheidung. Manche Angehörige der Opfer warteten tagelang auf die Identifizierung ihrer Lieben vergebens.
Natalias Mutter hatte erwartet, dass die Reise nach Moskau schnell erledigt sein würde. Doch als die Prozedur sich hinzog, schien ihr das zuerst wie ein gutes Zeichen. Aus ihrer Sicht hieß das, dass die zuständigen Dienststellen ihre Arbeit sorgfältig erledigten.
»Man stellt sich vor, dass die Behörden ihr Bestes tun und in unserem Sinne handeln«, sagt Greg Januszko.
Aber es zeigten sich immer mehr Ungereimtheiten.
Zwei Tage nach dem Absturz teilte die polnische Gesundheitsministerin den Angehörigen mit, dass die DNA-Tests der Opfer abgeschlossen waren. Doch zur gleichen Zeit befand sich ein Teil der sterblichen Überreste noch in Smolensk. Es war unmöglich, dass in dieser kurzen Zeit alle Opfer getestet werden konnten, bemerkt Greg Januszko.
Erst später erfuhr Natalias Familie, dass laut der internationalen Polizeibehörde Interpol die Identifizierung von Opfern einer solchen Großkatastrophe nicht in erster Linie durch die Angehörigen geschieht: Stattdessen verwendet man DNA-Tests, Fingerabdrücke, den Zahnstatus und andere gesundheitliche Parameter. Die Identifizierung ist primär die Aufgabe der Forensiker, nicht die der Angehörigen.
In Russland fanden diese internationalen Regeln keine Anwendung. Greg Januszko fragt sich, ob das auf die Faulheit der russischen Behörden zurückzuführen war oder ob die Opferfamilien absichtlich in Schock versetzt werden sollten.
Soldaten einer polnischen Spezialeinheit suchten die Wohnungen der Opfer auf. Sie wühlten in Mülleimern und Wäschekörben, zupften Haare aus Bürsten und nahmen Zahnbürsten und Rasierer mit. Dinge, die bei einer üblichen DNA-Testung benutzt würden.
Diese Prozedur gab Natalias Familie ein Gefühl der Gewissheit. Sie verstärkte das Bild der Professionalität und Entschlossenheit der Behörden.
»Wir wurden ruhiger. Wir haben weniger gezweifelt, als wir es hätten tun sollen.«
In Polen war für die Ermittlungen zum Absturz von Smolensk ein Militärstaatsanwalt zuständig. Ein halbes Jahr nach ihrer Reise nach Moskau, im Spätherbst 2010, suchte Izabela Januszko in Warschau den Staatsanwalt auf, der sich scheinbar mit dem Unglück beschäftigt hatte. In seinem Büro behauptete er wiederholt, dass Natalias Mutter gar nicht in Moskau gewesen sei. Und das, obwohl man Izabela offiziell gebeten hatte, nach Moskau zu kommen, und sie dorthin geflogen hatte; obwohl sie dort von polnischen Behördenvertretern in Empfang genommen worden war und sogar einen DNA-Test gemacht hatte.
»Da wurde mir klar: Hier stimmt etwas nicht. Die Behauptungen des Staatsanwalts waren absurd«, berichtet Izabela Januszko.
Der Sarg, in dem sich (zumindest nach den Aussagen der Behörden) Natalias sterbliche Überreste befanden, wurde dreizehn Tage nach dem Absturz mit dem Flugzeug von Moskau nach Polen gebracht. Als Erster kam der Sarg von Präsident Lech Kaczyński, Natalias geschlossener Sarg war unter den letzten, die eingeflogen wurden.
Die ganze Familie war zum Militärflugplatz von Warschau gekommen, um die Tochter in Empfang zu nehmen. In einer Zeremonie wurden die Särge von Natalia und den anderen Absturzopfern aus dem Flugzeug in die bereitstehenden Leichenwagen getragen. Von dort kamen sie in Vorbereitung auf die Beisetzung in die Mehrzweckhalle von Torwar.
Die polnische Bevölkerung erwies den Verstorbenen an den Straßen die letzte Ehre. Tausende säumten den Weg des Leichenzuges und nahmen aus Respekt ihre Hüte und Mützen ab, als die Leichenwagen vorbeifuhren. Blumen wurden auf die Motorhauben der Autos geworfen.
In Smolensk waren auch drei weitere Flugbegleiterinnen gestorben, aber Natalias Schicksal wurde in den Schlagzeilen besonders ausgeschlachtet. Ihr Vater Greg erinnert sich, dass eine Zeit lang jeder den Namen der jüngsten Stewardess kannte, die bei dem Absturz ums Leben gekommen war. Das sei für die Familie phasenweise sehr unangenehm gewesen.
Die Medien waren voll von Smolensk. Die Minister von Donald Tusks Partei Platforma Obywatelska (Bürgerplattform) sprachen mit der Presse und viele Medien übermittelten diese Aussagen ungefiltert.
»Gesundheitsministerin Kopacz hatte versprochen, dass alle Särge bis zu einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit in Polen sein würden. Das machte mich misstrauisch«, sagt Greg Januszko.
So geschah es. Zu einer vorher vereinbarten Zeit veranstaltete die Gesundheitsministerin auf ihrem Lieblingssender eine Pressekonferenz, in der sie verkündete, dass die Särge in Polen angekommen seien und die Identifizierung der Verstorbenen abgeschlossen sei. Aus Greg Januszkos Sicht wirkte die Pressekonferenz politisch motiviert.
»Die Kommunikationsstrategie gefiel mir nicht. Ich hatte erwartet, dass wir einen Anruf erhalten, in dem uns persönlich mitgeteilt würde, dass unsere Tochter nun zweifelsfrei identifiziert ist. Aber nein, es wurde im Fernsehen verkündet«, sagt Greg Januszko.
Wie die Ministerin in Moskau angekündigt hatte, durften die Angehörigen die Särge nicht noch einmal öffnen lassen. Zeit wäre genug gewesen, denn es dauerte zwei Wochen, bis alle Särge in Polen angekommen waren. In Polen ist es gesetzeswidrig, den Hinterbliebenen vor der Beisetzung dieses Recht zu verwehren. Und unerhört ist es ohnehin.
Trotz allem durften weder Natalias Vater, Mutter, Schwester, ihr ehemaliger Freund oder sonst jemand, der ihr nahestand, den Sarg noch einmal öffnen.
Die Trauerfeier fand in der Warschauer Altstadt in der Feldkathedrale der polnischen Armee statt. Als Natalias Sarg auf dem Soldatenfriedhof Powązki im Westen Warschaus in die Erde hinabgelassen wurde, flogen Jagdflugzeuge der polnischen Luftwaffe in Ehrenformation über den Friedhof.
»Neben Natalia liegen eine andere Stewardess und Geheimdienstoffiziere von demselben Flug«, sagt Greg Januszko. »Wir sind beruhigt, dass Natalia hier unter Freunden bestattet wurde.«
In Powązki liegen 28 Opfer von Smolensk begraben.
Noch während der Trauerzeit gewannen viele Hinterbliebene der Opfer von Smolensk den Eindruck: Hier geht alles etwas zu schnell vonstatten. Es schien, als wolle die polnische Regierung den Absturz von Smolensk unter den Teppich kehren. Vor allem sollte die Frage kleingeredet und umgangen werden, ob die russischen Behörden in die Ursachen involviert waren, die zum Absturz der Tupolew und dem Tod aller ihrer Passagiere führten.
Die polnische Regierungspartei versuchte, die öffentliche Debatte über Smolensk zu kontrollieren. Premier Donald Tusk sagte, es sei gefährlich, über eine russische Beteiligung an den Geschehnissen von Smolensk zu spekulieren, eine Sichtweise, die sich durchsetzte.
Es hieß auch, dass Polen sich selbst in Schwierigkeiten bringen würde, wenn der offizielle polnische Untersuchungsbericht nicht im Wesentlichen mit dem Bericht der russischen Behörden übereinstimmte.
Greg Januszko fand diese Aussagen seltsam. Er wollte die Gründe dafür wissen.
Es dauerte ziemlich lange, bis die russischen Behörden den Hinterbliebenen die Dokumente übermittelten, die sie als Obduktionsberichte der Todesopfer bezeichneten. Natalias Familie erhielt die Unterlagen erst rund ein Jahr nach dem Absturz. Es waren auch Fotos dabei.
Die Berichte, die Natalia betreffen, befinden sich noch heute, vierzehn Jahre nach dem Absturz, in einem ungeöffneten Briefumschlag. Weder Greg Januszko und erst recht nicht seine Frau wollen sie sich ansehen oder sie lesen, denn sie enthalten vermutlich falsche Angaben.
Die Angehörigen von anderen Absturzopfern erzählten Greg und Izabela, dass sie aus Russland Obduktionsberichte mit unzutreffenden Informationen über ihre Familienangehörigen bekommen hatten: falsche Augenfarbe, falsche Körpergröße, falsche Blutgruppe, falsche Schuhgröße. Teilweise waren die Fehler so gravierend, dass die Hinterbliebenen ihre Lieben mit den gemachten Angaben nicht in Verbindung bringen konnten.
»Ich begreife nicht, wie die Berichte so fehlerhaft sein können, obwohl es ein Jahr gedauert hat, sie zusammenzustellen«, wundert sich Izabela.
Die russischen Berichte mit den falschen persönlichen Kennzeichen warfen bei den Hinterbliebenen unter anderem die Frage auf: Lagen in den Gräbern wirklich die richtigen Verstorbenen?
»Da verlangten die Leute erstmals, dass Gräber geöffnet werden sollten«, berichtet Greg Januszko.
Eine Exhumierung wurde als einzige Möglichkeit gesehen, die wahre Identität der Bestatteten festzustellen.
Der Druck auf Premier Tusk wuchs, Gräber öffnen zu lassen, doch er lehnte Massenexhumierungen ab. Einigen Familien gelang es jedoch, die Behörden zu zwingen, einzelne Gräber öffnen zu lassen. Als die Familie eines ranghohen Opfers das Grab untersuchen ließ, stellte sich heraus, dass dort ein anderes Absturzopfer bestattet war.
Die Familien, die Exhumierungen forderten, sahen sich wachsender Kritik ausgesetzt. Weitere Untersuchungen wurden abgelehnt, weil sie angeblich für den polnischen Steuerzahler zu teuer würden. Manche waren der Meinung, die Familien, die sich für Exhumierungen einsetzten, sollten der Prozedur beiwohnen und sie mit eigenen Augen ansehen.
Etwa zur selben Zeit, rund ein Jahr nach dem Absturz, kamen aus Russland weitere Leichenteile an, berichtet Greg. Große Leichenteile, ergänzt Izabela.
Die russischen Behörden schickten plötzlich im Nachhinein Teile der sterblichen Überreste der Absturzopfer von Smolensk an den polnischen Militärstaatsanwalt. Niemand konnte sagen, warum sie so lange in Russland herumgelegen hatten. Greg Januszko kann sich vorstellen, dass sie möglicherweise in einem russischen Labor aufbewahrt wurden. Aber genaue Informationen gibt es dazu nicht.
Der damalige polnische Militärstaatsanwalt delegierte den Empfang der sterblichen Überreste, die Identifizierung und das weitere Vorgehen angeblich an die Hinterbliebenen. Diese wiederum gingen davon aus, dass die polnischen Behörden die Überreste vorschriftsmäßig untersuchen und dabei helfen würden, sie in den bereits bestehenden Gräbern zu bestatten.
Manche Angehörigen ließen die im Nachhinein eingetroffenen Leichenteile einäschern. Andere wiederum ließen das Grab öffnen und legten einen Behälter mit den sterblichen Überresten zum Sarg, die aller Vermutung nach ihren Familienmitgliedern gehörten.
Greg sagt, Leichenschändung sei in der Geschichte der Menschheit universell und in allen Kulturen tabu. Doch Russland sei nicht Teil dieses zivilisatorischen Konsens. Stattdessen benutze es Leichenteile, um seine Feinde zu erniedrigen.
Erst Jahre später stellte sich heraus, dass die polnischen Behörden nicht überprüften, wessen sterbliche Überreste aus Russland angekommen waren und in welchen Gräbern sie bestattet wurden.
»Die Behörden wussten nicht, was sie tun sollten. Nur im Fall der kremierten Körperteile war das Problem endgültig vom Tisch«, sagt Greg Januszko.
Eines Tages saß Izabela Januszko auf dem Friedhof von Powązki. In der offiziellen Flugunfalluntersuchung hieß es, dass die Maschine vor dem Absturz in der Luft in eine unkontrollierte Rollbewegung geraten sei; wenn so etwas geschieht, dreht sich das Flugzeug um seine Längsachse und kippt zur Seite.
Izabela fand die Theorie merkwürdig. Sie war ja früher auch Stewardess gewesen und hatte ihr ganzes Arbeitsleben in Flugzeugen verbracht.
»So ein Flugzeug ist riesig, es wiegt zig Tonnen. Wie sollte es ins Rollen gekommen sein? Ich bekam Zweifel«, erzählt sie.
Greg Januszko berichtet, dass es für ihn nicht den einen Moment gegeben habe, in dem ihm bewusst geworden ist, dass an den Erzählungen über die Geschehnisse von Smolensk etwas nicht stimmte. Er habe von Anfang an Fragen gehabt, denn in den Medien seien merkwürdige Theorien über die Ursachen der Katastrophe verbreitet worden.
»Anfangs hatte ein regierungsnaher Fernsehsender berichtet, dass die Piloten vier Mal zu landen versucht hätten. Damit wollten sie wohl andeuten, dass die Piloten eigenmächtig gehandelt hätten. Ich fragte mich, was das sollte.«
In den Augen der Familie Januszko bekam die Glaubwürdigkeit der offiziellen russischen und polnischen Verlautbarungen auch dadurch Risse, dass die polnische Führung sich öffentlich bei Russland für die Zusammenarbeit bedankte. Laut den polnischen Behörden habe der Absturz von Smolensk dazu geführt, dass beide Länder sich einander angenähert hätten.
Gesundheitsministerin Kopacz sagte, man müsse sich eigentlich für die Probleme entschuldigen, die Polen Russland verursacht habe.
»Das war unglaublich«, findet Greg Januszko.
Zur Zeit des Absturzes von Smolensk war Wladimir Putin russischer Ministerpräsident. Greg ist der Meinung, dass Putin die polnische Kriecherei bei gemeinsamen Pressekonferenzen als geradezu peinlich empfunden habe.
Natalias Mutter Izabela berichtet, dass weitere Zweifel im Oktober 2012 aufkamen, zwei Jahre nach dem Unglück. Damals organisierte eine Gruppe von Professoren und Forschern in Polen die erste wissenschaftliche Konferenz zum Absturz von Smolensk. Dort präsentierten Experten verschiedener Fachrichtungen ihre Erkenntnisse zu Materialschäden und möglichen Absturzursachen.
Mathematiker, Ingenieure, Physiker sowie Fachleute für Luftfahrt und Aerodynamik hielten Vorträge. Durch die auf der Konferenz zusammengetragenen Erkenntnisse gelangten die Wissenschaftler zu der einhelligen Erkenntnis, dass die offizielle Untersuchung zum Absturzhergang nicht verlässlich war. Smolensk hatte das akademische Interesse in aller Welt geweckt.
Durch Satellitenbilder der Absturzstelle, die riesige Menge an weit verstreuten Flugzeugteilen, die auf Fotos zu sehen ist, sowie die Art der Schäden am Flugzeug kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass das Flugzeug von innen heraus zerstört worden sein musste. Das Material, das zahlreiche Fachleute aus verschiedenen Quellen und mit verschiedenen Methoden zusammengetragen hatten, deutete darauf hin, dass es in der Maschine eine oder mehrere Explosionen gegeben hatte.
Während sich das Flugzeug noch in der Luft befand.
Natalias Eltern erfuhren zum ersten Mal durch die Wissenschaftler von der Explosionstheorie. Das kam für sie nicht sonderlich überraschend, denn sie erklärte die großen Schäden an der Maschine. Erstaunlicher fanden sie hingegen, dass die polnische Gesundheitsministerin Kopacz nicht eins und eins zusammenzählen konnte, obwohl sie Ärztin war.
»Obwohl sie sich in unserem Beisein darüber gewundert hat, in welchem Zustand sich die Leichen befanden. Aber sie verschwendete keinen Gedanken daran, warum es so war«, sagt Izabela Januszko.
Im Fernsehen erklärte die Ministerin, sie hoffe, nie wieder im Leben so etwas zu sehen, wie das, was sie in Moskau gesehen habe.
»Eben. Sie ist Ärztin, aber sie hat sich trotzdem nicht gefragt, wie zum Teufel es dazu kommen konnte. Es ist nicht normal, dass ein Flugzeug in Zehntausende Teile zerbirst«, sagt Greg Januszko.
Wenn ein Flugzeug als Ganzes mit einer Geschwindigkeit von 280 Stundenkilometern aus relativ niedriger Höhe auf den weichen Erdboden aufprallt, könnte man annehmen, dass die Bruchstellen im Material eher sauber sind, glatt. Wie die Stücke einer Schokoladentafel, sagt Greg. Aber diese Maschine habe ausgesehen wie ein Spielzeug, auf das ein psychopathisches Kind mit einem Hammer eingedroschen hat, so Greg. »Bei den Konferenzen haben die Experten Fotos gezeigt, auf denen die Außenhaut des Flugzeugs nach außen gewölbt ist. Das kann nur durch eine Krafteinwirkung aus dem Innern geschehen.«
Wie so viele Hinterbliebene nahmen Greg und Izabela über viele Jahre jedes Jahr an den Smolensk-Konferenzen von Professor Piotr Witakowski teil. Je mehr Experten sie hörten, desto mehr wuchsen ihre Zweifel.
Etwas stimmte nicht mit der offiziellen Unfalluntersuchung und wie darüber in der Öffentlichkeit gesprochen wurde.
Da war kein Pilotenfehler.
Da war keine Rollbewegung.
Etwas anderes war geschehen. Aber was?
Einigen Wissenschaftlern, die ihre Sichtweise auf den Absturz von Smolensk kundgetan hatten, wurde gekündigt. Als bestimmte Experten versuchten, die Schäden am Flugzeug mithilfe einer Coladose zu verdeutlichen, wurden sie von Journalisten ausgelacht und als »primitiv« bezeichnet.
»Die Medien spotteten: ›Jetzt hat man an irgendeiner Provinzuniversität einen polnischen Wissenschaftler aufgetan, der Smolensk kommentiert.‹ Ich fragte mich, ob damit Oxford, Cambridge, Harvard oder Yale gemeint war«, sagt Greg.
Die Russen versuchten, Wissenschaftler mit Geld zum Schweigen zu bringen. Der polnisch-amerikanische Professor Wiesław Binienda hat sich beispielsweise jahrelang mit dem Absturz beschäftigt. Polnische Medienvertreter berichteten mir, dass die Russen Binienda Forschungsgelder von einer Million Dollar angeboten hatten, wenn er sich anderen Themen zuwendet.
Natalias Eltern tauschten sich nun verstärkt mit den Hinterbliebenen von anderen Opfern aus. Zusammen begannen sie, weitere Informationen über die Details des Unglücks und das Schicksal ihrer getöteten Familienmitglieder zusammenzutragen. Die Familien baten renommierte Flugunfallexperten um Hilfe, sie schlugen Europarlamentariern Anhörungen in Brüssel vor und boten Wissenschaftlern ihre Hilfe an.
Weil die polnischen Behörden ihre Arbeit nicht taten, fingen die Familien an, selbst Nachforschungen anzustellen und diese auch mit eigenem Geld zu finanzieren.
So sammelten die Familien zum Beispiel persönliche Gegenstände der Opfer, die sie aus Russland geschickt bekommen hatten, wie Uhren, Schmuck und Kleidungsstücke. Dann beauftragten sie einen Sprengstoffexperten damit, diese Objekte zu untersuchen, um in Erfahrung zu bringen, ob sich daran Spuren von Sprengstoff fanden.
Die Gegenstände, die über Moskau an die Familien gegangen waren, waren frei von Sprengstoffspuren. Greg Januszko erklärt, dass sie mit einem chemischen Stoff gereinigt worden waren. Aber eine Familie hatte selbst die Jacke eines getöteten Familienmitglieds aus Russland mitgebracht.
Darauf fanden sich Sprengstoffspuren.
Die regierungstreuen Medien hatten sofort eine Erklärung parat: Ihnen zufolge konnten diese Spuren von den »Besatzungsuniformen der Flüge nach Afghanistan« stammen.
Greg Januszko berichtet, das Ziel der Hinterbliebenen sei es gewesen, Antworten auf wissenschaftliche Fragen zu finden, auf Fragen, die die polnischen Behörden nicht einmal im Ansatz zu klären versucht hatten.
Doch trotz der eigenen Nachforschungen wie auch der wissenschaftlichen Untersuchungen trafen die Familien auf eine Mauer des Schweigens. Im Laufe der Jahre haben sie immer wieder versucht, von Behördenvertretern und Politikern, die zur Zeit des Unglücks in verschiedenen staatlichen Stellen im Amt waren, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen.
Aber im besten Falle wurden sie damit abgespeist, dass die Antwort nicht leicht sei.
»Dann fragten wir, wenn in diesem Moment keine Antworten möglich sind, wann uns denn jemand antworten könnte. Doch plötzlich ist niemand mehr erreichbar und wir bekommen keine Rückmeldung mehr auf unsere Anfragen.«
Korrekt ausgeführte Flugunfalluntersuchungen sind ein wissenschaftlicher Prozess und lassen keinen Platz für Interpretationen. Bei einer gelungenen Untersuchung sind die Ergebnisse eindeutige Ja-Nein-Antworten.
Aber wenn der Absturz von Smolensk zur Sprache kommt, werden viele der damaligen Politiker wütend. Manchen ist jedes Mittel recht, um die Katastrophe kleinzureden. Sie wollen jedes Gespräch darüber dumm und lächerlich erscheinen lassen, sagt Greg Januszko. Und sie fragen, »ob es nicht an der Zeit wäre, die Sache ruhen zu lassen«.
»Nicht schon wieder Smolensk, verdammt noch mal! Wann hört dieser Unsinn endlich auf?«, beschreibt Greg die Einstellung der Behördenvertreter.
Einige Politiker haben damit gedroht, die Familien zu verklagen. Ebenso ist den Hinterbliebenen vorgeworfen worden, sie hätten sich durch Interviews unnötig in die Politik eingemischt.
»Diese Reaktionen haben meine Zweifel noch verstärkt. Wovor haben die Politiker so viel Angst? Und warum?«, fragt sich Greg Januszko.
Die aktiven Familien, die eine internationale, ordnungsgemäße Absturzuntersuchung fordern, wurden als »Sekte von Smolensk« abgestempelt. Als verrückt.
Natalias Familie hatte zusammen mit mehr als zehn anderen Opferfamilien über Jahre hinweg gefordert, die Gräber zu öffnen und die Leichen zu obduzieren.
Sieben Jahre nach dem Absturz, 2017, war es endlich so weit: Die Opfer wurden exhumiert. Diese Entscheidung erging durch den neuen Generalstaatsanwalt, der nach dem Regierungswechsel in Polen im Zuge der Parlamentswahlen 2016 eine Neuuntersuchung der Katastrophe von Smolensk in die Wege geleitet hatte. Nun war die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) an der Macht.
Die sterblichen Überreste der Opfer von Smolensk sollten ordnungsgemäß obduziert und die falsch bestatteten Verstorbenen in die richtigen Gräber umgebettet werden.
Die Staatsanwaltschaft bereitete die Familien auf eine komplizierte und schwierige Prozedur vor. In manchen Fällen konnte ein falsch bestatteter Leichnam direkt in das Grab eines anderen Verstorbenen umgebettet werden. Doch in manchen Fällen musste man lange warten, bis nach den Exhumierungen der richtige Verstorbene gefunden wurde.
»Manchmal passierte es, dass die Leute ein Grab öffneten, in dem die Gebeine von mehreren verschiedenen Leichen lagen«, berichtet Greg Januszko.
Gleichzeitig musste man darauf vorbereitet sein, dass in anderen Gräbern sterbliche Überreste zum Vorschein kamen, die in das ursprüngliche Grab gehörten.
So erging es Natalias Familie.
Das Verfahren lief professionell ab. Auf dem Friedhof wurde eine Reihe von gut beleuchteten und ausgestatteten Zelten aufgestellt, und auch die Gräber selbst wurden mit Zelten geschützt.
Die Familie war dabei, als Natalias Grab eines Nachts geöffnet wurde, was etwa drei, vielleicht vier Stunden dauerte. Danach wurde Natalias Sarg mit einem Leichenwagen in das Rechtsmedizinische Institut der Universität Lublin gebracht. Die Familie und der Sarg fuhren die 200 Kilometer in einem Konvoi von vierzehn Wagen. Morgens um sieben kamen sie in Lublin an.
An den Untersuchungen war der renommierte amerikanische Forensiker Michael M. Baden beteiligt. Viele Familien hatten sich schon nach dem Absturz gewünscht, dass Professor Baden hinzugezogen würde, denn er verfügte über bedeutende Erfahrungen bei der Untersuchung schwieriger Flugzeugabstürze. Doch die damalige polnische Regierung hatte seine Beteiligung nicht zugelassen.
Die Untersuchung der Gräber förderte erneut Erschreckendes zutage.
Russland hatte ein Jahr nach dem Absturz die Leichenteile nach Polen geschickt, doch erst bei der Exhumierung sechs Jahre später zeigte sich, dass der Militärstaatsanwalt 2011 die von Russland übermittelten Identitätsdaten nicht kontrolliert hatte. Er hatte die Informationen der russischen Behörden weitergereicht, ohne DNA-Tests oder weitere Kontrollen in Auftrag zu geben.
Die Behörden hatten sich die Leichenteile nicht einmal angesehen, sondern sie direkt zur Bestattung freigegeben – zum Teil an die falschen Hinterbliebenen.
Bei den Exhumierungen stellte sich heraus, dass ein Sarg, in dem gemäß der Anweisung des polnischen Militärstaatsanwaltes das aus Russland überführte Bein einer Frau bestattet war, außerdem einen menschlichen Torso und zwei weitere Beine enthielt, die zu einem Mann gehörten.
»In ein und demselben Grab lagen also über Jahre drei Beine: ein weibliches und zwei männliche. Das Bein gehörte Natalia«, berichtet Greg.
Bei den Exhumierungen kamen weitere Verstöße zutage. Die Leute, die in Moskau mit den Leichen hantiert hatten, hatten Dinge in die Särge gelegt, die dort nicht hineingehörten. Irgendwelchen Plunder, Leichenteile anderer Verstorbener. In einigen Särgen fand man Müll und über einem Opfer hatte jemand einen ganzen Abfalleimer ausgekippt.
»In Natalias Sarg lagen drei Paar Schuhe und die Beine eines Unbekannten, ein Arm und weitere Körperteile«, berichten die Eltern.
Greg Januszko ist der Meinung, es könne durchaus sein, dass im April 2010 in Moskau auch Ärzte beteiligt waren, die den Eid des Hippokrates geleistet hatten, die anständige Menschen waren und ordentliche Arbeit leisteten.
Aber es sah auch danach aus, als hätten Angehörige des russischen Nachrichtendienstes in Moskau einige der Leichen vorsätzlich geschändet. Greg Januszko berichtet, dass sich bei den Exhumierungen herausstellte, dass einigen Verstorbenen die Gesichtshaut entfernt worden war.
»Darüber berichteten Hinterbliebene, die ihre Angehörigen in Moskau ursprünglich identifiziert hatten. Nach der Identifizierung hatte man dann die Haut entfernt«, sagt Greg.
Seiner Meinung nach hätten polnische Ärzte die sterblichen Überreste natürlich direkt nach dem Absturz untersuchen müssen, wie die damaligen Minister es versprochen hatten.
»Das war eine Lüge«, sagt Izabela Januszko.
Der Zeitraum, in dem die sterblichen Überreste von Natalia in einer Kühlkammer auf die Öffnung der anderen Gräber warteten, war von allen Opfern der längste. Es dauerte drei Monate, bis Natalias weitere Überreste in den anderen Gräbern gefunden und zusammengeführt wurden.
»Ich kann mich an die genauen Daten erinnern. Natalia wurde im März am Namenstag meiner Frau exhumiert und an meinem Geburtstag im Juni erneut bestattet. Das war eine lange Zeit«, erinnert sich Greg Januszko.
Die Rechtsmediziner sagten der Familie, sie hätten insgesamt etwa 80 Prozent von Natalias sterblichen Überresten gefunden. Aus Sicht der Familie war das besser als vorher, als ein Teil der Überreste noch in Smolensk in der Erde des Flughafens gesteckt hatte, ein Teil in einem Moskauer Kühlhaus, weitere Teile in den Gräbern anderer Verstorbener und wer weiß wo. Die Familie wollte so viele Leichenteile von Natalia wie möglich an einem Ort vereint wissen.
Bevor sie erneut bestattet wurde, fragte ihr Vater bei der polnischen Armee an, ob er für seine Tochter eine neue Uniform bekommen könne.
»Als Natalia mit dem Präsidenten zu weihnachtlichen Überraschungsbesuchen bei den Truppen nach Afghanistan oder in den Irak flog, trug sie eine Uniform mit Tropentarn«, berichtet ihr Vater.
Als Natalia an ihrer endgültigen Ruhestätte auf dem Friedhof von Powązki beerdigt wurde, legte ihr die Familie eine Uniform mit Tropentarnmotiv mit in den Sarg.
Natalias Familie achtete von Anfang an besonders darauf, wie die Berichterstattung in den Medien ablief. Schnell war die Atmosphäre vergiftet und es taten sich zwei Lager auf. Oftmals wurde unsachlich und einseitig über die Opfer von Smolensk und ihre Familien berichtet. Reißerische Artikel, die bereits wenige Tage nach dem Absturz erschienen, stellten die Hinterbliebenen als geldgierige Egoisten dar.
Die Journalisten verschafften sich Informationen über die gezahlten Entschädigungen, um sie zu vergleichen und zu kritisieren. Einzelne Angehörige, wie etwa die Tochter von Präsident Lech Kaczyński, wurden wegen »zu hoher« Entschädigungszahlungen an den Pranger gestellt. Außerdem hieß es, dass Hinterbliebene mit dem Geld Fernreisen unternähmen.
»Das war eine schlaue Strategie. Es ging darum, das Mitgefühl der Öffentlichkeit in Neid zu verwandeln und die Angehörigen als Raffzähne hinzustellen«, sagt Greg Januszko.
Die Berichterstattung führte dazu, dass viele Menschen in Polen den Opferfamilien gegenüber negativ eingestellt sind.
»Das war wirklich geschmacklos. Die Medien haben nichts unversucht gelassen, damit wir uns schämen und schuldig fühlen«, berichtet Greg Januszko weiter.
Um die Familien und insbesondere die Kinder der Opfer von Smolensk zu unterstützen, wurde eine Stiftung namens 10. April gegründet, die anfangs große Summen von der polnischen Regierung, staatlichen Konzernen und privaten Unternehmen bekam. Doch urplötzlich änderte die Stiftung ihren Namen und ließ mitteilen, dass man sich nun für andere Zwecke engagiere.
Donald Tusk, zur Zeit des Flugzeugunglücks polnischer Premier, fachte das aggressive Klima weiter an. Er sagte öffentlich, er wisse, »dass einige Familien sich sehr für die staatlichen Entschädigungszahlungen interessieren, und ich möchte sie daran erinnern, dass wir uns um die Sache kümmern«.
Die meisten Medien stießen in dasselbe Horn, in das auch Tusks Partei Bürgerplattform und ihre Vertreter bliesen. Im Fernsehen ging man der Frage nach, ob Präsident Lech Kaczyński von der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) wichtig genug war, um zwischen Königen in der Wawel-Kathedrale in Krakau bestattet zu werden.
Die Entschädigungen, die die Familien erhielten, halfen ihnen, jene Probleme zu bewältigen, die der Absturz mit sich gebracht hatte. Natalias Familie hatte wie viele Angehörige der Opfer mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen gehabt, die einen Großteil des Geldes verschlangen.
»Meine Frau und ich sind beide an Krebs erkrankt. Die Ärzte sagen, das ist stressbedingt«, sagt Greg. Auch im Frühjahr 2024 befindet er sich immer noch in Behandlung.
Journalisten, die weiterhin Fakten zum Absturz von Smolensk zusammentrugen und darüber berichteten, wurden von der Öffentlichkeit gebrandmarkt. Diejenigen, die sich mit dem russischen Einfluss auf den Absturz der Präsidentenmaschine beschäftigten, wurden als Verschwörungstheoretiker, als paranoid oder streitsüchtig dargestellt. Ihre Recherchen seien politisch motiviert und nichts als Propaganda für die PiS-Partei.
Schon bald nach dem Absturz äußerte die damalige Oppositionspartei PiS den Verdacht, dass Russland ursächlich in das Unglück verwickelt war. Antoni Macierewicz, eines der prominentesten Parteimitglieder, forderte im polnischen Parlament einen Untersuchungsausschuss.
Nicht alle Hinterbliebenen der Opfer von Smolensk zweifeln die Absturzursachen oder das Vorgehen der polnischen Behörden an. Manche Familien halten die Fragen nach einer russischen Beteiligung für eine Verschwörungserzählung.
Auch Mitglieder der Familie Januszko sind als Verschwörungstheoretiker abgestempelt worden.
»Diese Schmutzkampagnen werden von den Medien gezielt lanciert. Dabei wollen wir nichts anderes, als die Wahrheit zu erfahren. Jeder, der eine russische Beteiligung für eine Verschwörungserzählung hält, sollte sich mit der Beweislage beschäftigen«, erklärt Greg Januszko.
Die sogenannten polnischen Mainstreammedien hatten bislang kaum Interesse an Interviews mit Natalias Familie. Aber ein kleiner Teil der gespaltenen Medienlandschaft Polens, die sogenannten patriotischen oder rechten Pressevertreter, haben auch die Perspektive der Familie beleuchtet.
»Die Hauptaussage der Mainstreammedien ist, dass sowohl Russland als auch Polen selbst zufriedenstellende Abschlussberichte geliefert haben, sprich, die Absturzursache ist geklärt und die ganze Sache ist damit abgeschlossen«, berichtet Greg Januszko.
Die Forderung der Hinterbliebenen, die Wahrheit über das Schicksal ihrer Lieben zu erfahren, wird in der Öffentlichkeit mit der Begründung abgelehnt, man solle »die Familien in Ruhe lassen«.
Greg Januszko ist der Ansicht, dass die Opferfamilien für die polnische Führung eine schmerzhafte Erinnerung daran sind, dass die Behörden ihre Arbeit nicht sorgfältig gemacht haben. Die polnische Politik gedenke gerade mal am Jahrestag des Absturzes, dem 10. April, an das Unglück und die Hinterbliebenen. Dann werden die Familien zum Mahnmal von Smolensk am Piłsudski-Platz eingeladen, um dort für Pressefotos zu posieren.
Natalias Familie konnte von einem Logenplatz aus verfolgen, wie die polnische Regierung reihenweise falsche Entscheidungen traf, die die Untersuchung des Absturzes erschwerte.
So verzichtete die polnische Führung beispielsweise auf eine offizielle Bitte an Russland, die Absturzstelle zum extraterritorialen souveränen polnischen Staatsgebiet zu machen. Stattdessen betraute die polnische Regierung das russische Zwischenstaatliche Luftfahrtkomitee MAK mit der Untersuchung.
Bei einem Treffen mit den Opferfamilien behauptete Premier Donald Tusk, alle Entscheidungen bezüglich der Untersuchung lägen in seiner Verantwortung, und er würde die volle Verantwortung für alles übernehmen, doch in Wahrheit übernahm niemand die Verantwortung.
So entschied der Premier beispielsweise, auf das Unglück von Smolensk das Chicagoer Abkommen über die internationale Zivilluftfahrt anzuwenden, statt des bilateralen Abkommens zwischen Polen und Russland, das 1993 beschlossen wurde und die Angelegenheiten der militärischen Luftfahrt regelt. Es war für Russland wichtig, weil die Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre einen Teil seiner Flugzeuge aus dem Gebiet der ehemaligen DDR abgezogen hatte. Im Falle eines Absturzes sollte das Abkommen eine ordnungsgemäße Untersuchung möglicher Flugunfälle garantieren.
»Tusk konnte nicht begründen, warum er sich so entschieden hat«, sagt Greg Januszko.
Natalias Familie hält die Fehler der Regierung Tusk für unverzeihlich. Während Russland alles tat, um eine ordnungsgemäße Ermittlung der Ursachen zu vermeiden und die sterblichen Überreste der Opfer entwürdigte, lobte die polnische Regierung Russland für die gute Zusammenarbeit.
»Zudem haben sie der Öffentlichkeit eine Version der Ereignisse vorgesetzt, die nicht wasserdicht ist.«
Greg Januszko macht sich Gedanken darüber, ob nach dem Flugzeugabsturz wichtige polnische Politiker möglicherweise erpresst oder zur Zusammenarbeit mit den Russen gezwungen wurden.
Januszko würde am liebsten glauben, dass die polnischen Verantwortlichen sich einfach nur dumm und naiv verhalten haben und die Zusammenarbeit mit Russland nicht sonderlich gefährlich war. Letztlich stehe hinter der Katastrophe von Smolensk der russische Sicherheitsapparat. Und in Russland ist die Grenze zwischen den Sicherheitsbehörden und der Politik einerseits und der Wirtschaft andererseits quasi nicht existent.
Das verstünden nicht alle politischen Kreise in Europa, sagt Greg Januszko.
Er vermutet, dass die Partei von Donald Tusk sich möglicherweise als Vertreterin des europäischen und globalen politischen Mainstreams sah, dem daran gelegen war, Russland mithilfe von Wirtschaftsbeziehungen zur Demokratie zu erziehen. Die polnische Regierung habe in der Beziehung zu Russland einen Reset vornehmen wollen.
»Aber die Leute, die das vorhatten, wurden selbst so wie die Russen«, sagt Greg.
Mit Smolensk habe Russland eine Warnung ausgesprochen, die einen deutlichen Fingerzeig enthielt.
»Das wird natürlich offiziell nicht zugegeben. Aber das ist eine sehr drastische Art auszudrücken: Stellt euch vor, was euch noch alles passieren kann«, sagt Greg.
In der polnischen Gesellschaft gibt es nach wie vor Kräfte, die der Meinung sind, dass Polen mit Russland in jedem Fall zu einer Vereinbarung kommen sollte, die für beide Seiten befriedigend ist. Diesen Kräften zufolge sollte Polen auf keinen Fall als »russophob« angesehen werden dürfen.
»Wie dem auch sei, diese Leute sollten nie wieder an die Macht kommen. Sie sind gefährlich. Für unsere Enkelkinder ist es gefährlich, in einem Land zu leben, das auf diese Weise regiert wird«, sagt Januszko.
Seit Dezember 2023 bekleidet Donald Tusk erneut das Amt des Premierministers.
»Komm mal her, Jessikka, ich will dir was zeigen«, sagt Natalias Mutter Izabela, als ich sie und ihren Mann in ihrer Wohnung in Warschau interviewe.
Sie präsentiert mir einen großen Karton voller Dokumente. In russischer und polnischer Sprache, offiziell aussehende Papiere.
»Das sind alles Gerichtsdokumente aus Russland und Polen«, sagt Izabela.
Als die PiS-Partei an der Macht war, brachte die polnische Staatsanwaltschaft mehrere Fälle in Zusammenhang mit dem Flugzeugabsturz von Smolensk vor Gericht. Dabei sollte unter anderem die Frage juristisch geklärt werden, ob die Entscheidung des damaligen Militärstaatsanwalts rechtens war, die Leichen nicht zu obduzieren. Die Staatsanwaltschaft sagt zu ihrer Verteidigung, dass die sterblichen Überreste ja bereits in Moskau untersucht worden waren und dass es die Familien gewesen seien, die darauf gedrängt hätten, die Verstorbenen so schnell wie möglich zu bestatten.
Unter Umständen würden Izabela und Greg sogar so weit gehen, den polnischen Staat beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen Unterlassung und Fahrlässigkeit bei der Abwicklung des Fluges sowie den Ermittlungen zur Absturzursache zu verklagen.
Für die Familie war es wichtig zu verfolgen, wie im Sommer 2019 das Urteil gegen Tusks Kanzleichef Tomasz Arabski erging: Arabski wurde der Unterlassung im Dienst bei der Abwicklung des Fluges für schuldig befunden. Er sagte vor Gericht selbst aus, sich nicht mit den offiziellen Regelungen auseinandergesetzt zu haben.
Das Gericht sah in Arabski den Verantwortlichen dafür, dass der Flug der Präsidentenmaschine von Warschau nach Smolensk überhaupt stattfand, obwohl der kleine, offiziell geschlossene Militärflughafen Smolensk-Severnyi nicht darauf ausgelegt war, einen Flug mit so hochrangigen Staatsvertretern in Empfang zu nehmen.
Das Urteil war für Natalias Familie von symbolischem Wert. Der ehemalige Kanzleichef Arabski hatte zu seiner Verteidigung hervorgebracht, die Angehörigen der Opfer hätten sich rächen wollen.
»Das war ein lächerlicher Einwand. Arabski wurde es im Zuge des Urteils nicht einmal verwehrt, weiter im Staatsdienst tätig zu sein«, sagt Izabela. Ihrer Meinung nach hätte er für immer aus dem Staatsdienst entfernt werden müssen, was nach polnischem Recht prinzipiell möglich gewesen wäre.
Natalias Eltern würden gern vor das Kriegsverbrechertribunal von Den Haag ziehen und die russischen Autoritäten danach fragen, ob sie die Aufzeichnungen der Blackbox aus dem abgestürzten Flugzeug und alle anderen Informationen bekommen können, die Russland bis heute nicht herausgibt.
Natalias Eltern sind es nach eigenen Worten müde. Müde, nach dem Absturz jeden Tag weiterzukämpfen. Aber der Gedanke daran, dass sich die Sache auch für kommende Generationen weiterhin so diffus darstellt, lässt ihnen keine Ruhe.
»Wir wollen, dass die Angelegenheit aufgeklärt und abgeschlossen wird und dass die Verantwortlichen wenigstens symbolisch benannt werden. Aber das scheint sich bis in alle Ewigkeit hinzuziehen.«
Im Laufe der Jahre sind ein paar wichtige Maßnahmen erfolgt, sagt Izabela. Die Exhumierungen gehörten dazu.
»Das war ein wichtiger Schritt, auch weil wir nicht wollten, dass der Sarg unserer Tochter als Mülleimer missbraucht wird. Viele andere Familien sind auch dieser Meinung«, sagt Greg Januszko. »Wir wollten die neue Uniform mit in den Sarg legen, den Müll beseitigen und jeden auch noch so kleinen zu Natalia gehörigen Knochenpartikel zur letzten Ruhe betten.«
Niemand aus der Regierung, die zur Zeit des Absturzes an der Macht war, hat Natalias Familie übermittelt, dass es ihm leidtue. Niemand hat jemals um Verzeihung gebeten.
Niemand hat jemals zugegeben, dass Russland sie betrogen oder Fehler gemacht hat. Die Familie Januszko stört sich daran, dass niemand in Polen die Verantwortung für das alles übernommen hat.
»Wir haben ihnen vertraut und was haben sie gemacht?«
Stattdessen haben die polnischen Behördenvertreter als Gewährsleute Russlands behauptet, man sei ordnungsgemäß mit den sterblichen Überresten umgegangen. Ein Pfarrer behauptete sogar, er sei dabei gewesen, als die Särge geschlossen wurden, und es sei alles in Ordnung gewesen. Doch das entsprach nicht der Wahrheit.
»Der Pfarrer erklärte, er könne bezeugen, dass die Opfer respektvoll behandelt und Rosenkränze mit in die Särge gelegt wurden. Das war gelogen.«
Darüber hinaus wurden die Ereignisse kleingeredet. Im Unglücksjahr 2010 war Greg zum Weihnachtsempfang des Befehlshabers der polnischen Streitkräfte eingeladen. Die Stimmung war seltsam, denn unter den Gästen war auch der damalige russische Botschafter in Warschau.
»Der Kommandeur hielt eine Rede, in der er von einem guten Jahr für die polnische Armee sprach, wenn man mal von dem ›unangenehmen Ereignis in Smolensk‹ absehe«, sagt Januszko.
Im letzten Bericht aus dem Jahr 2022, vom ehemaligen polnische Verteidigungsminister Antoni Macierewic in Auftrag gegeben, heißt es, dass der Flugzeugabsturz von Smolensk ein illegaler Übergriff Russlands gegen Polen gewesen sei.
Doch Polen hat in keiner Weise darauf reagiert. Und das obwohl, wie Greg Januszko anmerkt, nach internationalem Recht die Grenzen einer Kriegshandlung klar definiert sind.
Manche der Hinterbliebenen waren in Smolensk vor Ort; nicht so Natalias Eltern. Sie haben sich bisher dagegen entschieden, weil sie es verstörend finden, dass es sich um einen möglichen Tatort handelt und dass sich auf dem Gelände mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch menschliche Überreste befinden.
»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, diesen Ort zu besuchen«, sagt Greg.
In dem neuen Untersuchungsbericht heißt es, dass Natalia zum Zeitpunkt des Unglücks wahrscheinlich links an der Flugzeugtür auf einem Platz gesessen hat, wo eine der Explosionen vermutet wird; die Tür sei mit so großer Kraft nach außen geschleudert worden, dass sie einen Meter tief in den Erdboden eindrang. Nur der obere Rand der Tür war noch zu sehen.
»Es kann nicht sein, dass sich die Tür ohne Grund löst, sich mehrmals dreht und dann tief in den Boden eindringt, ganz egal, wie weich die Erde ist«, merkt Greg an.
Nach Natalias Tod tendierten die Eltern dazu, Natalias jüngere Schwester besonders zu behüten. Das ging teilweise so weit, dass das Mädchen unter der übermäßigen Fürsorge zu leiden hatte. Aber die Eltern wissen nicht, wie sie anders hätten reagieren sollen.
»Den Tod seines eigenen Kindes zu verkraften ist gegen jede Natur. Es ist vollkommen unmöglich, das zu begreifen oder sich klarzumachen.«
Izabela Januszko war viele Jahre in Therapie. »Wir haben gelernt, dass Trauer ein Prozess ist, durch den man hindurchmuss«, erklärt sie. »Wenn man sich dagegen wehrt, dauert es nur länger.«
Izabela hat sich verändert. Anderen Menschen, die Ähnliches durchgemacht haben, versucht sie Trost zu spenden und sie zu unterstützen. Sie ist für andere die Schulter zum Ausweinen. Greg hingegen setzt sich weiter nach Kräften dafür ein, dass das Geschehen nicht in Vergessenheit gerät.
Ein Unbekannter hat direkt nach dem Flugzeugabsturz bei YouTube ein berührendes Video zur Erinnerung an Natalia hochgeladen.
Am Anfang sind Natalias Geburts- und Todesdaten zu sehen. Dann kommt eine Reihe von Schwarz-Weiß-Fotos. Darauf lächelt Natalia am Strand, sie lacht, albert herum, ist auf Reisen, sie sieht glücklich aus, frei, schön, jung.
Im Hintergrund läuft Timbalands »Apologize«:
I’d take another chance, take a fall
Take a shot for you
And I need you like a heart needs a beat
But it’s nothing new, yeah yeah
It’s too late to apologize, it’s too late
Das Video wurde bisher 3,4 Millionen Mal angeklickt.
Ich frage die Eltern, was sie einem großen Publikum aus Natalias Leben, gewissermaßen als ihr Erbe, mitteilen möchten. Greg Januszko erinnert daran, dass Natalia ja sehr jung war und ihr Leben noch vor sich hatte.
»Natalia hatte viele Träume, die nicht über das Alltägliche hinausgingen. Sie hat sich zum Beispiel darüber gefreut, dass sie in einer Woche zweimal nach Smolensk fliegen konnte, denn dafür erhielt sie noch zusätzliches Auslandstagegeld.«
Am folgenden Montag hätte sie eigentlich dienstlich nach Washington fliegen sollen, sie hatte sich Geld zum Shoppen zurückgelegt. Ihre Einkaufsliste war komplett.
»Natalia hatte ganz gewöhnliche Wünsche und Träume, wie man sie bei jeder Zweiundzwanzigjährigen vermuten würde. Sie war nicht wie der polnische Präsidentoder die anderen Mitglieder aus dem Führungszirkel, die sich auf dem Gipfel des Erfolges befanden.«
Die Aussage einer Witwe von Smolensk hat Greg besonders berührt: Bei dem Absturz kamen viele wichtige Persönlichkeiten ums Leben – aber sie waren auch Menschen, die weitere, ebenfalls sehr wichtige Aufgaben im Leben hatten.
Dem eigenen Kind Radfahren beibringen.
Zeit mit der Familie verbringen.
»Das betrifft Natalia, die jäh und brutal aus ihrem jungen Leben gerissen wurde, genauso wie den Präsidenten. Der Präsident hatte nicht nur viele öffentliche Aufgaben und Funktionen, sondern er war auch Großvater.«
Greg Januszko sagt, dass die Familien die Opfer von Smolensk unmittelbar vermissen, das polnische Vaterland hingegen nicht; nach seiner Meinung sähen sich wahrscheinlich viele junge Leute auf YouTube das Erinnerungsvideo von Natalia an und fänden das Flugzeugunglück furchtbar, aber vermutlich brächten sie Natalias Tod nicht mit der Bedrohung aus Putins Russland in Verbindung.