No GAra - Rainer Gellrich - E-Book

No GAra E-Book

Rainer Gellrich

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Beschreibung

Nach der erfolgreichen Flucht aus dem Habitat treffen Dor'El und Ragoo auf die Gesellschaft der Überlebenden. Sie freunden sich mit Malin an und erfahren gemeinsam, wie sich diese beiden Gesellschaften voneinander unterscheiden. Bald wird klar, dass Ragoos Reise noch nicht zu Ende ist. Dann überschlagen sich die Ereignisse und da es Dor'El immer schlechter geht, soll sie zurück ins Habitat gebracht werden, da man ihr nur dort helfen kann. Bevor die Freundinnen sich mit ihr auf den Weg machen, lernen Sie weitere Zusammenhänge zwischen der geheimnisvollen Schwesternschaft und den beiden unterschiedlichen Gesellschaften kennen. Die Schwesternschaft gilt als Bewahrer des Wissens und Retter der Menschheit. Doch was steckt wirklich hinter ihren Motiven? Der Weg zum Habitat führt sie durch unterirdische Ruinen. Werden sie hier das Rätsel um Ragoos Herkunft lösen können? Doch dann treffen sie auf die Prätoren der Schwarzen Garde. Welche Rolle spielt eigentlich die „Verbotene Zone“ und warum heißt sie so? Was leben da für „Wilde Menschen“ … und was hat Dor’El eigentlich da für ein Ding im Kopf? Und was sind das für Kreaturen, die hier unten lauern?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 546

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Rainer Gellrich, Jahrgang 1964

Begeisterter Science-Fiction-Leser, geprägt durch Werke von Christopher Samuel Youd, Stanislaw Lem, Robert A. Heinlein, Isaac Asimov und Frank Herbert.

Unter dem Label „Syberian Cluster“ begann er ab 2018 damit, seine Gedanken in einer Reihe von Erzählungen niederzuschreiben.

Bisher erschienen:

- Kaotatu (2020)
- No GAra (2021)
- Schwestern der Ewigkeit (2022)
- Die Tempel von Tululu (2023)

Neben dieser Reihe veröffentlichte er auch ein Kinderbuch:

Als der Elefant den Weihnachtsbaum gefressen hat (2022)

2023 begann er zusätzlich mit der Serie „Birkenbock“

Daraus bisher erschienen:

Hafen ohne Wiederkehr/Wattengold (2024)

Sie kamen aus der Tiefe des Raums.

Aus den Wirren der Frühzeit erhoben sie sich,ihren Horizont zu erweitern.

Sie lernten, die Große Leere zu durchquerenund suchten nach neuem Lebensraum.

Mit der Vielzahl neu entdeckter Sternensysteme vergrößerte sich die Varianz und bald überließen die Eltern ihre Kinder sich selbst.

Die Kinder blickten zu den Sternen hinauf.Sie spürten die Verbindung und verarbeiteten siein Mythen und Monumenten.

Doch die Eltern erinnerten sich ihrer Kinder und schickten Botschaften aus.

Von einem dieser Sternensysteme aus würde man den Ursprung dieser Botschaften im Sternbild „Perseus“ vermuten.

Rainer Gellrich

No GAra

Die Verbotene Zone

Syberian Cluster II

© 2025 Rainer Gellrich

Website: https://SyberianCluster.de

Coverdesign: Rainer Gellrich / mage.spaceSatz & Layout: Rainer Gellrich

E-Book:978-3-384-51227-7

Hardcover: 978-3-384-51228-4

Softcover: 978-3-384-51229-1

Großschrift: 978-3-384-51230-7

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH,Heinz-Beusen-Stieg 522926 AhrensburgDeutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Rainer Gellrich, Mannheimstraße 48, 38112 Braunschweig, Germany .Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

DANKSAGUNG

Schwer zu sagen, wem ich alles danken sollte: Denjenigen, die mir die Ideen und Vorlagen für die Handlungen und Personen gegeben haben oder denjenigen, die mir die Zeit und den Raum gegeben haben, dieses Werk über die Zeit entstehen zu lassen?

Der größte Teil meines Dankes sollte meiner Frau gelten, die mich während der Zeit des Entstehens ertragen hat.

Trotz ihres grundsätzlichen Desinteresses am Science-Fiction Genre hat sie sich durch alle Kapitel gearbeitet und mich dabei unterstützt, aus verwirrenden Gedanken nachvollziehbare Inhalte zu formen und mir die Zeit und Motivation gegeben, dieses Werk zu vollenden.

Gleiches gilt für meine Schwiegermutter, die sich mit steigender Begeisterung als Lektorin zur Verfügung gestellt hat und mit mir nicht nur um die Grammatik im Skript, sondern auch um so manche Eigenschaft der Figuren gerungen hat.

Auch danke ich jenen, die mir Rückmeldungen gegeben haben und denjenigen, mit denen ich über den Inhalt diskutieren durfte. Ich habe auch ihre Gedanken als Unterstützung gern angenommen und freue mich darüber, dass ich wohl nicht nur den Geschmack einer spezifischen Leserschaft getroffen habe, auch wenn die Geschichte mit diesem Band immer noch nicht zu Ende erzählt ist.

Nicht danken werde ich der weltpolitischen Lage, die sich in erschreckender Weise dem Szenario annähert, welches ich in meiner Fiktion zu beschreiben versuche.

Inhaltsverzeichnis

1 – Dunkelheit

2 – Licht

3 – Schatten

4 – Spiegel

5 – Fronten

6 – Gegner

7 – Wissen

8 – Verbündete

9 – Krüge

10 – Ausrüsten

11 – Aufbruch

12 – No GAra

13 – Technik

14 – Helligkeit

15 – Bekannte

16 – Wahrheit

17 – Klinik

18 – Verrat

19 – Tempel

20 – Prophezeiung

21 – Relikt

Hinweise

1 – Dunkelheit

E

s zeichnete sich bald ab, dass infolge des Großen Krieges und des darauf folgenden Chaos eine umfassende Zerstörung der bewohnbaren Oberfläche einherging.

Schon kurz nach Beginn der finalen Kampfhandlungen hatten alle Seiten begonnen, unterirdische Habitate für diejenigen Teile der Bevölkerung anzulegen, die für das Überleben der Menschheit benötigt wurden und dafür die letzten zivilen Reserven aktiviert.

Nicht in allen Regionen, der an den Kampfhandlungen beteiligten Nationen und Nationsverbände, waren die Errichtung und der Bezug erfolgreich. Diese „Habitate“ genannten Rückzugsgebiete verschlangen die verbliebenen Ressourcen, die somit für die verbleibende Bevölkerung nicht mehr zur Verfügung standen. Dennoch wurde ihre Fertigstellung mit großer Geschwindigkeit vorangetrieben.

Selbstverständlich wurden dafür hohe Geheimhaltungsvorkehrungen getroffen. Als es dennoch offenbar wurde, wandten sich die Ausgeschlossenen in ihrer Verzweiflung gegen die Erbauer und trugen das Chaos sogar bis unter die Oberfläche, wodurch sie schließlich alles in Gefahr brachten.

Die Anzahl der sinnlosen Opfer wuchs.

Rekonstruktion einer Mitteilung, gefunden in HAB6-Ebene3

Die Prätoren drängten sich in den Rundgang hinein. Der Tunnel hatte sie direkt zu einem der Segmente geführt, in dem eine der dortigen Luken den Zugang zum Inneren des Habitats ermöglichte.

Dor’El verlor den Jungen, den der andere Trupp mit sich gebrachte hatte, immer wieder aus den Augen, da die Prätoren sich nicht die Mühe machten, das Segment gleichmäßig auszuleuchten, sondern jeder mit seinem Luma dorthin zielte, wo er gerade etwas sehen wollte.

Einige Lichtstrahlen richteten sich nun aber auf eine Stelle in der Außenwand des Habitats. Eigentlich waren nur ein Ring in der Wand und zwei Bügel zu sehen, aber Dor’El erkannte, dass sich hier eine der Außenluken zum Habitat befand.

Neben der Luke gab es eine Vertiefung, in der zwei Lichtpunkte aufblinkten, als einer der Prätoren mit seiner Hand näherkam. Dor’El wusste: Das war ein Zeichen für die Aktivierung der Öffnungs-Steuerung. Hier musste man jetzt einen Öffner oder ein Pad mit der Öffnungs-Codierung einsetzen, dann würde sich die Luke öffnen. Durch so eine Luke war sie mit Ragoo vor einiger Zeit aus dem Habitat entkommen. Jetzt führte sie ihr Weg wohl wieder durch so eine Luke in das Habitat hinein.

Von ihrem Standort aus konnte sie genau beobachten, wie mehrere der Prätoren kleinere Geräte, die als „Öffner“ bezeichnet wurden, an die Luken-Steuerung hielten. Diese Geräte waren von der Funktion her ihren Pads ähnlich, hatten aber anstelle des Displays nur eine Reihe von blinkenden Anzeigen auf der Vorderseite und konnten nur eine Aufgabe erfüllen.

Mehrere Prätoren drückten nacheinander so ein Gerät an die Steuerung und versuchten dann, eine Reihe von Kombinationen über das jetzt neben der Vertiefung erscheinende Tastenfeld einzugeben.

Von ihrem Standort aus konnte sie deutlich erkennen, wie die Steuerung darauf reagierte: Mal zeigte sie ein gelbes Muster auf dem kleinen Display an, dann leuchteten einige blaue Symbole auf. Die Luke öffnete sich jedoch nicht.

Es hatte den Anschein, als ob sich die Prätoren nicht einig waren, wer von ihnen den richtigen Code kannte, um die Luke zu öffnen.

Je länger es dauerte, desto hektischer wurde an der Luke gedrängelt und geschubst, bis wohl jeder von ihnen, der über so ein Gerät verfügte, die Gelegenheit erhalten hatte, sein Glück zu versuchen.

Einer kam sogar auf die Idee, mit dem Knauf seines Schwertes auf die Steuerung einzuschlagen, bis er von einem seiner Kameraden unsanft weggerissen wurde.

Dor’El dachte daran, ob es wieder so eine Auseinandersetzung geben würde, wie die, die sie und Ragoo schon einmal beobachtet hatten. Die, bei der die Prätoren einen der Ihrigen über die Kante einer Spalte gestoßen hatten.

Ragoo.

Wie mochte ihr es in der Zwischenzeit wohl ergangen sein?

Jäh wurde ihr Gedanke an Ragoo jedoch unterbrochen, als sich ein Prätor von weiter hinten im Gang zu denen an der Luke so an ihr vorbei drängelte, dass sie unsanft mit dem Kopf an die Außenwand des Habitats gestoßen wurde.

Ihren schmerzenden Kopf reibend, sah sie plötzlich neben sich den Jungen wieder. Er hatte sich an der Außenwand des Habitats zu Boden sinken lassen und seine Arme um die Beine geschlungen.

Als ob er versuchte, sich klein und unscheinbar zu machen, um nicht von den Prätoren herumgeschubst zu werden, dachte Dor’El. Auf jeden Fall war es wohl nicht sein erstes Zusammentreffen mit den Prätoren, denn er zeigte zwar Respekt vor ihren Schlägen, aber keine panische Angst, so wie sie sie empfand. Doch dann wurde ihre Aufmerksamkeit schon wieder auf die Prätoren an der Luke gelenkt: Dort kam plötzlich Unruhe auf.

Der Neuankömmling hatte wohl den richtigen Code eingegeben und die Steuerung reagierte positiv darauf. An die Wand gedrängt, spürte Dor’El, die Erschütterungen, als die Steuerung die Haltebolzen der Luke in Bewegung setzte.

Voller Besorgnis, gleich wieder in der fraglichen Obhut des Habitats zurück zu sein, zählte sie die Bolzenbewegungen mit.

Eins, zwei, drei, … Nach dem sechsten Bolzen hörte sie das zischende Geräusch, mit dem sich die Luke entriegelte.

Alle Luma wurden jetzt auf die sich langsam öffnende Luke gerichtet. Da sich die Gruppe jedoch entlang der Außenwand in einem schmalen Gang aufgereiht hatte, blendeten einige Luma Dor’El somit direkt in die Augen und so sah sie mit einem Mal gar nichts mehr. Schnell schloss sie die Augen wieder und hörte, wie einige Prätoren an der Luke zerrten.

Als sie ihre Augen wieder vorsichtig öffnete, erspähte sie, dass die Luke einen kleinen Spalt breit offenstand. Zu schmal für einen Menschen. Viel zu schmal für einen Prätoren in seiner Rüstung. Weiter schien sie sich jedoch nicht zu öffnen.

Wieder gab es ein kleines Handgemenge, als einige der vorderen Prätoren versuchten, die Luke etwas weiter aufzuziehen und um den besten Griff rangen, denn Werkzeuge hatten sie nicht dabei.

Von einem kreischenden Geräusch begleitet, schwang die Luke schließlich auf und schepperte gegen die Wandung. Einige der Prätoren johlten vor Erleichterung, doch dann wurde es wieder ein wenig stiller in der Gruppe.

Dor’El beobachtete, wie mehrere Prätoren nacheinander an die Luke traten und hineinleuchteten.

Sie hatten die Luke zwar geöffnet, aber anscheinend gab es dort jetzt ein neues Problem. Dor’Els Lebensmut stieg wieder etwas an. Vielleicht bekam sie noch etwas Aufschub vor der Unvermeidlichkeit eines Verhörs, welches sie bei ihrer Rückkehr ins Habitat erwartete.

Erneut kam Bewegung in die Truppe der Prätoren: Einige von denen, die eben noch versucht hatten, die Luke zu öffnen, drängelten sich jetzt durch die Menge zum anderen Ende zurück. Andere drängten nach vorn, um ebenfalls einen Blick auf die Luke zu werfen.

Etwas piepte neben ihr.

Dor’El erschrak.

Sie stand so dicht an einen der Prätoren gedrängt, dass sie sein Kom-Signal hören konnte.

Offenbar wurden neue Befehle an die Truppe ausgegeben, denn kurz darauf wurde sie gepackt und umgedreht.

Es ging wieder zurück?

Der Junge war darauf nicht so gut vorbereitet gewesen. Zwei Prätoren rissen ihn vom Boden hoch und als er nicht schnell genug reagierte, bekam er einige Schläge mit den Schockstäben.

Dann verschwand er wieder zwischen den behelmten Prätoren und sie verlor ihn aus den Augen.

Durch diese Luke ging es jedenfalls nicht weiter. Die Truppe formierte sich um und bewegte sich wieder auf den Weg zurück, den sie zuvor hergekommen waren.

Dor’El vermutete, dass die Prätoren einen anderen Eingang – in einem anderen Segment – aufsuchen wollten. Sie erinnerte sich an die Scans auf ihrer Flucht. Der äußere Bereich des Habitats war in einzelne Segmente eingeteilt. Jedes Segment verfügte über eine eigene Luke und vermutlich auch über eine dazugehörige Schleuse.

Wenn diese Luke für einen Einstieg in das Habitat nicht zu verwenden war, dann mussten sie zum nächsten Segment gelangen. Sie erinnerte sich in diesem Zusammenhang an den Hinweis „Einsturzgebiet“, den ihr Pad seinerzeit angezeigt hatte. Hatte es in diesem Segment etwa einen solchen Einsturz gegeben und den Raum hinter der Luke verschüttet?

So musste es sein. Es war nicht möglich, das Segment hinter der Luke zu betreten. Daher waren sie jetzt vermutlich dabei, einen neuen Weg zu einer anderen Luke zu suchen. Genau gesehen hatte sie es nicht, aber alles deutete darauf hin. Das gab ihr die Hoffnung zurück, ihr Schicksal wäre doch noch nicht endgültig besiegelt.

Dor’El versuchte, sich das Schema vorzustellen, welches ihr Pad zuletzt angezeigt hatte: Zurück in den Rundgang, dann einen neuen Zugang nehmen, der sie wieder an die Außenwand führte. Dort müssten sie ein anderes Segment mit einer Zugangsluke finden. Danach würden sie erneut versuchen, diese Luke zu öffnen und dann vermutlich Erfolg haben.

Wie lange würde es dann noch dauern, bis man sie vor den Rat der Älteren brachte? Sie stolperte und einer der Prätoren griff ihr unter den Arm.

Der Weg war uneben und sie stolperte mehrmals. Die Prätoren machten viel Lärm in ihren Rüstungen und die nur sporadisch erkennbaren Details in der Dunkelheit ermöglichten Dor’El nicht, viel von der Umgebung zu erkennen. Die Prätoren leuchteten wild mit ihren Luma umher, was die Dunkelheit außerhalb der Lichtkegel nur umso undurchdringlicher machte.

So war sie dann doch überrascht, als die Prätoren um sie herum plötzlich zur Seite etwas mehr Raum gaben und dann so schnell vor ihr stehen blieben, dass sie nicht mehr rechtzeitig anhalten konnte.

Der Prätor, auf den sie aufgelaufen war, gab keine Regung von sich. Dor’El hatte schon auf einen Schlag gewartet, aber war natürlich froh darüber, dass der nicht kam.

Die Strahlen der Luma offenbarten ihr, warum die Truppe stehen geblieben war: Sie hatten den Tunnel verlassen und standen jetzt am Rand einer der großen Kammern.

Weiter vorn wurden Projektionen an die Wand der Kammer geworfen. Dor’El wunderte sich über die Orientierungslosigkeit der Prätoren hinsichtlich des weiteren Wegs. Andererseits hatte sie seinerzeit auch keinen konkreten Plan gehabt, als sie mit Ragoo zusammen den Weg zur Oberfläche gesucht hatte.

Ach ja, Ragoo.

Wie viel Zeit war wohl seit ihrem Sturz in die Spalte vergangen?

Dor’El senkte den Kopf und wartete bis eine Träne der Verzweiflung ihren Weg über die Nase genommen hatte und in der Dunkelheit vor ihren Füßen verschwand.

Ihr letzter Blick war damals voller Angst und Überraschung gewesen, als sie über die Kante gezogen wurde.

Ragoo hatte es zwar noch einmal geschafft, kurz nach ihr zu greifen, aber der starke Zug an ihrem Bein hatte schließlich doch dazu geführt, dass sie sie nicht hatte halten können.

Wie lange war das jetzt her?

Dor’El war sich nicht ganz sicher.

Tage?

KLICK.

Sie hob den Kopf.

Schnell blickte sie sich um.

Um sie herum nur Helme.

Ein Versuch, sich auf die Zehenspitzen zu stellen, schlug fehl. Sie kippelte und stieß an einen der Prätoren.

Der schubste sie gleich wieder von sich weg und sie kollidierte mit dem nächsten, der sich umdrehte und gerade zum Schlag ausholen wollte, als sie sich schnell in die Dunkelheit zwischen seine Kameraden ducken konnte.

KLICK.

Das Geräusch wiederholte sich, aber die Prätoren schienen es nicht bemerkt zu haben.

Der Junge offenbar schon. Er hockte nicht weit weg von ihr. Dor’El erhaschte einen Blick auf ihn zwischen den Beinen der Prätoren hindurch. Nicht alle hatten ihren Schild abgestellt, sodass sie im zuckenden Schein einiger Luma seine Zähne blitzen sah.

KLICK.

Wenn Dor’El dieses Geräusch mit der Anwesenheit eines dieser riesenhaften Kreaturen verband, warum schien der Junge dann so breit zu grinsen, dass sie seine Zähne in der Dämmerung schimmern sehen konnte?

Er freute sich über die Gefahr, die Dor’El in diesem Klicken zu erkennen glaubte?

KLICK. KLICK.

Sie richtete sich vorsichtig wieder auf und drehte den Kopf. Das waren jetzt zwei Geräuschquellen gewesen, aber sie kamen aus unterschiedlichen Richtungen. Wenn doch die Prätoren nicht so dicht um sie herumstehen würden.

In die Prätoren kam plötzlich Bewegung: Sie schienen sich wohl mittlerweile für eine Richtung entschieden zu haben und schoben sie unsanft mit sich.

Dor’El war schnell wieder aufgesprungen und bemühte sich, nicht umgerannt oder zu sehr von ihnen herumgeschubst zu werden. Ihre Kleidung hatte schon genug gelitten und sie wollte die Reste um jeden Preis erhalten. Sie fühlte sich jetzt schon schutzlos genug.

Ein Kreischen hallte durch die Kammer.

War Dor’El eben noch mit dem Strom der Prätoren mitgeschoben worden, so prallte sie jetzt wieder auf die unvermittelt vor ihr stehenden Rüstungen auf, doch niemand schlug nach ihr.

Der Trupp war zum Halten gekommen und sie vernahm die Geräusche der internen Kommunikation der Prätoren, ohne natürlich genau verstehen zu können, was da gesendet wurde.

Kurz darauf kreischte es wieder und die Prätoren drängten sich mit ihren Gefangenen an die Hallenwand zurück. Dor’El fand sich plötzlich neben dem Jungen wieder, der sich wirklich freute. Er grinste über das ganze Gesicht.

„Oota!“, flüsterte er ihr zu. „Seealgaab varsti.“

Dor’El verstand zwar die Worte nicht, aber aus seinem Gesichtsausdruck entnahm sie, dass er das Auftauchen der Kreaturen für eine positive Wendung ihres Geschicks hielt. Es sah so aus, als ob er auf eine Bestätigung seiner freudigen Aussage wartete.

Sie blickte ihn wohl recht ratlos an, denn er schüttelte kurz den Kopf und deutete dann mit beiden Händen in Richtung der Hallenmitte.

Was mochte er nur damit meinen?

Hoffentlich zieht er den Tod durch eine dieser Kreaturen dem Verhör durch die Älteren nicht einfach vor – durchfuhr es sie.

Sehen konnte sie jedoch nichts. Die Prätoren standen ihr im Weg. Einige hatten jetzt sogar ihre Schilde aufeinandergeschichtet, um dahinter in Deckung zu gehen.

Wo immer es eine Lücke gab, war sie auf den Schein eines Luma angewiesen, um etwas sehen zu können, denn um sich an das schwache Leuchten der Wände zu gewöhnen, hätten alle anderen Lichtquellen ausgeschaltet sein müssen.

KLICK.

Hinter den Prätoren an die Wand gedrückt, versuchte Dor’El dennoch irgendetwas zu erkennen, aber das erwies sich als einfach unmöglich.

Doch dann zuckte sie plötzlich zusammen. Unvermittelt kreischte es wieder sehr laut, diesmal direkt in ihrer Nähe und eines dieser silbernen Beine erschien im Licht der wild umherzuckenden Luma, nur wenige Armlängen von ihr entfernt. Dor’El duckte sich hinter die Wand aus Rüstungen, die sich zwischen ihr und dem Inneren der Halle befand.

Die vorderen Prätoren hielten sich hinter ihren Schilden in Deckung, während die Reihe dahinter versuchte, mit ihren Schockstäben erste Erfolge in der Abwehr der Kreaturen zu erzielen. Die Blitze zuckten durch die Halle und spiegelten sich in den silbrigen Beinen der Kreatur. Ob sie etwas bewirkten, konnte Dor’El jedoch nicht erkennen.

Sie erhaschte einen kurzen Blick auf den Jungen. Der hockte recht entspannt am Boden und hielt sich eine Hand an sein rechtes Ohr.

Dor’El wunderte sich: Der Lärm in der Halle war erheblich und sie bezweifelte, dass man sich anstrengen sollte, irgendetwas Bestimmtes herauszuhören, aber anscheinend hatte der Junge gehört, was er wollte, denn er nahm die Hand vom Ohr und grinste in ihre Richtung.

So versuchte auch Dor’El, sich auf besondere Geräusche zu konzentrieren, die nichts mit dem Kreischen, dem Klicken und den übrigen Kampfgeräuschen zu tun hatten – und dann nahm sie es plötzlich auch wahr: ab und zu hörte sie ein kurzes Pfeifen.

Immer wieder kurze Pfiffe, bevor eine der Kreaturen kreischte.

Sie blickte zu dem Jungen.

Er zog eine Augenbraue hoch und sah sie prüfend an.

Dor’El nahm eine Hand hinter ihr linkes Ohr und nickte.

Er nickte auch.

Was mochte das für ein Geräusch sein? Immerhin schien der Junge es erwartet zu haben.

KLING.

Das war jetzt ein neues Geräusch.

Einer der Prätoren, der zwischen Dor’El und dem Jungen stand, sackte zu Boden.

Die anderen versuchten, die Reihe geschlossen zu halten, aber sie stolperten dabei immer wieder über seine Beine.

Zongg. Dann ein Zischen und erneut dieses „Kling“.

Ein anderer Prätor hob schnell seinen Schild hoch und Dor’El hörte, wie etwas davon abprallte und in die Wand hinter ihr einschlug.

Dann schrie ein Prätor in ihrer Nähe laut auf und im zuckenden Licht der Luma sah Dor’El, wie ihm Blut unter dem Helm hervorquoll.

Die Reihen gerieten in Bewegung.

Schnell sprang sie auf die Beine, da wurden sie und der Junge auch schon gepackt und hochgerissen.

Die Truppe bewegte sich – immer noch halbwegs in Verteidigungshaltung – hektisch und dabei stetig, zur Seite an der Wand entlang und Dor’El nahm an, man wollte im nächsten Tunnel Deckung suchen.

Dann kam wieder alles zum Halt.

Wieder drängten sich die Prätoren zusammen und formierten sich erneut zum Kampf.

Direkt vor Dor’El wurden zwei Prätoren von einer Kreatur ergriffen und verschwanden in der Dunkelheit. Andere schlossen die Reihe und stellten ihre Schilde auf.

Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrem Kopf.

Sie erschrak heftig, doch es war nur der Junge.

Er versuchte ihr anzudeuten, sich noch tiefer auf den Boden zu ducken.

Dor’El bewunderte ihm um seine ruhige Haltung und folgte seiner Aufforderung.

Dicht an den Boden geduckt, erhaschte sie immer wieder Einzelheiten des Kampfgeschehens zwischen den sich nun beängstigend lichtenden Reihen der Prätoren: Diese hieben mit ihren Schockstäben und Schwertern auf die silbernen Beine der Kreaturen ein, verteidigten sich gegen die nach unten greifenden Kieferzangen der Kreaturen und feuerten immer wieder Schockblitze ab.

Was Dor’El jedoch verwunderte: Auch wenn gerade keine der Kreaturen direkt einen Angriff auf die Prätoren vornahm, ging immer wieder einer von ihnen zu Boden.

Und auch immer wieder vernahm sie dieses „Kling“ von Einschlägen in die Wand hinter ihr und in die Rüstungen, dann aber gefolgt von Schmerzensschreien der Prätoren.

Gerade wieder sackte einer von ihnen zu Boden. Dor’El wich zur Seite und der Prätor blieb über seinem Schild hängen.

Konnten die Kreaturen Projektile auf die Prätoren werfen oder gab es noch einen weiteren Angreifer, den sie noch nicht gesehen hatte?

Als erneut einer der Prätoren direkt vor Dor’El zu Boden ging, verwendete sie ihn als Sichtschutz. Ihre Neugier war einfach zu groß, als dass sie ganz in Deckung bleiben mochte.

Ein Pfiff ertönte, nicht weit von ihr entfernt.

Sie drehte den Kopf, konnte aber nichts erkennen. Die wenigen verbliebenen Luma verstärkten die Dunkelheit mehr, als dass sie sie erhellten.

Dann sah sie plötzlich, wie sich zwei der Prätoren rückwärts drängten und sich scheinbar gegen einen unsichtbaren Feind verteidigten: Immer wieder rissen sie die Schilde hoch, um dann wieder Hiebe mit ihren Schwertern auszuteilen.

Ob sie etwas trafen?

Die silbrigen Beine waren nicht zu sehen.

Ein neuer Gegner?

Es war zu dunkel und die Kampfgeräusche ringsumher waren zu laut, als dass Dor’El eine akustische Bestätigung für ihre Vermutung erhielt.

Zwei weitere Prätoren kamen ihnen zu Hilfe, und erneut ging wieder einer von ihnen zu Boden.

Eine skurrile Szene.

Dor’El reckte den Kopf etwas weiter über ihre Deckung. In der Dunkelheit war einfach nichts zu sehen. Prätoren standen keine mehr um sie herum. Wie viele es insgesamt noch sein mochten, war nur schwer zu schätzen. Sie überlegte, ob sie flüchten sollte – aber wohin?

In einiger Entfernung sah sie eine kleine Gruppe von Prätoren. Die hatten die Luma weggelegt und kämpften verzweifelt in der Dunkelheit gegen diesen unsichtbaren Gegner.

Die dunklen Helme waren jetzt bestimmt sehr hinderlich, dachte sich Dor’El.

Sie selbst sah keinen Feind.

Wenn nicht gerade eine der Kreaturen kreischte und damit einen Hinweis auf seine Position verriet, war kein Gegner zu erkennen. Bei den restlichen Prätoren konnte von einer gezielten Verteidigungs- oder Angriffstaktik keine Rede mehr sein: Wer noch stehen konnte, hieb blindlings mit seinem Schwert um sich.

Dor’El richtete sich vorsichtig auf. Der Junge stand bereits neben ihr an der Hallenwand und streckte sich genüsslich.

Der Kampf war praktisch vorbei.

Eine Handvoll Prätoren bildete noch einen kleinen Verteidigungsring. Niemand kümmerte sich mehr um sie oder den Jungen und auch das Kreischen der Kreaturen hatte aufgehört.

Ein paar Luma lagen in der Nähe verstreut und gaben etwas Licht ab, aber viel konnte Dor’El deshalb auch nicht erkennen.

Neben ihr stöhnte ein verletzter Prätor auf und Dor’El sprang schnell zur Seite, als der Junge, der sich bisher immer nur schützend geduckt hatte, plötzlich aufsprang und mit einem erbeuteten Schwert in der Hand vor ihr stand.

Er holte aus und stach mit dem Schwert von unten in den Helm des Prätors neben ihr.

Der schrie kurz auf und krampfte sich zusammen. Er griff nach der Klinge und hob mit der anderen Hand seinen Schockstab hoch, den er fallen gelassen hatte.

Mit letzter Kraft drückte der Prätor auf den Auslöser. Er wollte den Jungen treffen, der sich jedoch mit einem Sprung zur Seite und damit aus der Reichweite katapultierte. Der Prätor bekam den Schockstab nicht mehr ganz vom Boden hoch, als dieser auslöste.

Dor’El stand jetzt dummerweise genau zwischen dem Jungen und dem Prätor.

Der Schockblitz traf sie auf Brusthöhe und sie spürte, wie ihr Körper sich versteifte, als der Schmerz der Entladung alle ihre Nerven lähmte.

Ohne noch einen Schrei der Überraschung ausstoßen zu können, wurde die Welt dunkel und sie spürte nicht mehr, wie sie auf dem Boden aufschlug.

2 – Licht

U

nd während die Überlebenden noch damit beschäftigt waren, die vorbereiteten Habitate einzurichten und sich darin gegen die Auswirkungen des Krieges zu schützen, hörten die Verfemten nicht auf, den verlorenen Kampf fortzusetzen.

Das Überleben der Menschheit stand auf Messers Schneide.

Nach den Seuchen und der Zerstörung der Oberfläche durch das ausgebrochene Chaos, gab es dort bald nur noch eine lebensfeindliche Trümmerwüste. Durch die rücksichtslosen Taten der Verfemten drang das Unheil bald auch in die wenigen Rückzugsgebiete ein, die zuvor mühsam errichtet worden waren.

Die Schwesternschaft musste aus dem Schatten treten, um das Schicksal der Menschheit zu wenden.

Die Menschheit war zwar noch nicht bereit für die Botschaft der Schwesternschaft, aber die Umstände erforderten es, vorzeitig zu handeln.

Abschrift einer Gravur auf einer Metallplatte, HAB6-Ebene14

Dor’El öffnete die Augen.

Sie lag auf einem Bett und war mit einer dünnen Decke zugedeckt. Über ihr hing ebenfalls eine Decke, die sich in einem sanften Luftzug leicht bewegte.

Vorsichtig drehte sie den Kopf, da schaltete sich ihr MTech-Wissen ein: Das war eine Klinik.

Schnell blickte sie sich weiter um.

Hier gab es zwar nicht diese blinkenden Instrumente, die sie so gut kannte und sie war auch nicht an Kabeln und Schläuchen angebunden, aber die entfernten Geräusche im Hintergrund und die Tatsache, dass sie hier jetzt aufwachte, deuteten doch sehr darauf hin.

Auf einem kleinen Tisch neben ihrem Bett standen einige Tiegel und Schalen und auch Tücher hatte man dort abgelegt. Neben dem Tisch stand ein Hocker.

Nicht ganz so, wie sie es aus der Klinik kannte, aber doch ziemlich ähnlich. Sie lag in einer Klinik, doch es war nicht die, in der sie tätig gewesen war.

Vorsichtig richtete sie sich ein wenig auf. Ihr Kopf brummte. Sie stützte sich auf ihre Ellenbogen und atmete mehrfach tief ein und aus.

Sie bewegte kurz die Finger und ihre Zehen: alles gut. Alles noch da. Der Kopf. Vorsichtig drehte sie den Kopf und beinahe wurde ihr schwindelig davon. Kurz schloss sie die Augen. Davon wurde es allerdings noch schlimmer und so öffnete sie sie wieder, um einen Punkt an der Raumdecke zu fixieren. Das ging jedoch nicht so gut, denn dort hing diese Decke, die sich leicht bewegte.

Beinahe hätte sie laut aufgelacht.

Eine MTech blieb halt eine MTech.

Obwohl ihr Nacken schmerzte, versuchte sie dennoch, sich weiter vorsichtig im Raum umzuschauen.

Neben ihrem Bett war also dieser kleine Tisch. Daneben ein Hocker aus einem dunklen Material. Alles schien sehr filigran gearbeitet zu sein. Woraus hatte man diese Dinge wohl angefertigt?

Das war definitiv nicht ihre Klinik.

An der Wand des Raumes lagen einige Kissen aus einem leicht schimmernden Material. Kissen? In einer Klinik? Nun, vielleicht war das doch keine Klinik. Kissen, das wusste sie als MTech ganz genau, gehörten nicht in eine Medi-Umgebung.

Neben dem Kissenstapel hing etwas, das ein Vorhang sein konnte. Keine Tür, sondern nur eine weitere Decke, die man an die Wand gehängt hatte. So sah kein Raum einer Klinik aus, den sie kannte. So sah auch kein anderer Raum aus, den sie jemals gesehen hatte.

Keine Technik, keine Geräte. Keine Anzeigen an den Wänden. Sie war etwas verwirrt. Das hier war so ganz und gar nicht die Umgebung, die sie mit einer Klinik verbinden würde.

Dor’El wunderte sich auch über das sanfte Licht, welches den Raum erhellte. Es kam nicht von Leuchtplatten – es kam noch nicht einmal von der Decke, sondern von …?

Sie blinzelte, als sich ihre Augen mit Tränen füllten.

Was war das da hinten?

Ein Fenster. Ein kleines Fenster? Natürlich. Ein Beobachtungsfenster – was sonst? Doch dieses Fenster war klein und … irgendwie seltsam.

Sie ignorierte die Schmerzen und reckte vorsichtig den Kopf.

Das Fenster war offen. Kein Glas.

Man konnte hindurchsehen. Doch was war dahinter zu erkennen? Das hinter dem Fenster war kein anderer Raum. Aber was?

Sie kniff ihre Augen etwas zusammen. Hinter dem Fenster war ganz viel. Da waren ... Häuser?

Wie konnte das sein? Wo war sie hier nur?

So etwas hatte sie noch nie gesehen. Oder doch?

Ein kurzer Gedanke blitzte in ihrem Kopf auf: Häuser. Eine Siedlung – ein Dorf – eine Stadt.

Doch, so etwas hatte sie schon einmal gesehen. Irgendwie kam ihr der Anblick sogar ein wenig vertraut vor. Aber das war schon alles. Sie kannte diesen Raum nicht und wusste auch nicht, wie sie hierhergekommen war.

Träumte sie? Nein, die Schmerzen waren leider echt. Ihr trockener Hals auch. Sie hustete.

Auf dem Tisch standen ein Becher und zwei kleine Schalen. Vorsichtig angelte sie nach dem Becher. Vielleicht gab es etwas Wasser. Das würde ihr jetzt helfen.

Leider war sie etwas zu ungeschickt oder es war ihr Zustand, der sie daran hinderte, den Becher zu greifen: Ihr stützender Arm knickte ein und ihre ausgestreckte Hand wischte eine der Schalen vom Tisch.

Mit einem Scheppern landete die Schale auf dem Boden.

Das Geräusch war kaum verklungen, da wurde die Decke zur Seite geschoben und eine Person betrat den Raum.

Sie war in Tücher gekleidet, die sie am Körper durch Gürtel gebunden hatte. An den Armen und Beinen schwangen diese Tücher durch die Bewegung und den Luftzug so, dass man ihre Körperform nicht genau erkennen konnte.

An den Beinen trug sie halblange Stiefel, aber das Auffälligste an ihr waren die schulterlangen, dunkelbraunen Haare, die Dor’El bewundernd betrachtete.

„Ah, du wach“, sprach die Person mit sanfter Stimme und trat einen Schritt in den Raum.

Dor’El wollte antworten, brachte aber nur ein Krächzen heraus.

„Warte, ich hole Wasser.“

Die Frau drehte sich wieder um und trat durch die Wandöffnung, die zunächst hinter der Decke verborgen gewesen war.

Wieder tränten ihre Augen und Dor’El kniff sie zusammen, damit die Tränenflüssigkeit ablaufen konnte.

Es klatschte. Dor’El drehte den Kopf, konnte aber die Augen nicht öffnen, weil der Schmerz sie zwang, sie erneut zu schließen.

Es klatschte wieder.

Dor’El ließ sich zurück auf das Kissen fallen und hoffte, der Schmerz möge abklingen.

Sie hörte, wie jemand leise den Raum betrat.

Vorsichtig öffnete sie die Augen wieder.

Ein Mann und eine Frau standen neben ihrem Bett.

Die beiden trugen auch diese weite Kleidung in verschiedenen Brauntönen. Dor’El blickte sie fasziniert an. Wenn sie sich in einer Klinik befand, waren das hier Besucher oder sah so das Personal hier aus?

In der Klinik, die Dor’El kannte, trugen alle MTech lange, weiße Kittel mit aufgesetzten Taschen und IDs im Brustbereich. Diese Leute hier wirkten keinesfalls, als ob sie zum klinischen Personal gehörten.

Die beiden Besucher sprachen miteinander.

Dor’El konnte leider nichts verstehen.

„Wieder so eine andere Sprache“, dachte sie bei sich. „Vielleicht waren das die Leute, die die Sprache von Ragoo sprachen?“ Dann wäre sie vielleicht am Ziel angekommen. Vielleicht war Ragoo ja auch schon hier?

Noch während sie überlegte und versuchte, einzelne Worte zu verstehen, kam die andere Frau wieder in den Raum. Sie brachte einen Krug mit, aus dem sie etwas Wasser für Dor’El in den Becher goss.

Dann hielt sie ihn Dor’El hin. Die versuchte, danach zu greifen, konnte ihn aber nicht halten und ließ sich wieder auf das Bett zurücksinken.

Die Frau mit den dunklen Haaren hob ihren Kopf vorsichtig an und half ihr, etwas aus dem Becher zu trinken.

Dankbar ließ sich Dor’El zurücksinken.

Die Frau sprach etwas zu den beiden und lächelte dann Dor’El an: „Das Honscha und Ann-Karlinn.“ Sie deutete auf die beiden, die neben Dor’Els Bett standen.

„Sie werden helfen, aber sprechen nicht so gut deine Sprache.“

„Honscha.“ Der Mann nickte. „Ich dir geben, damit Haut besser.“ Er fasste sich selbst an seinen Unterarm und hielt ihn hoch.

Dor’El spürte, wie ihre Haut brannte.

„Ann-Karlinn“, er deutete auf die Frau neben sich, „schon … öfter geholfen, wenn wir bekommen …“ Es folgten einige Worte, die Dor’El nicht verstand.

„Das einige Tage, dann gut.“

Jetzt meldete sich die Frau neben ihm: „Wir warten, bis salv wirkt.“ Sie sprach sehr langsam. „Wenn du brauchst, dann du melden.“

Die andere Frau hatte inzwischen etwas geholt und stellte es neben den Becher auf den kleinen Tisch. Es war eine Schale, in der ein kurzer Stab lag.

„Wenn du willst rufen, dann du hier“, sprach sie und nahm den Stab aus der Schale. Sie schlug mit dem Stab leicht an die Schale und ein heller Ton erschallte, der nur langsam abschwoll.

Dor’El war überrascht.

Sie kannte Handmelder, die man Patienten gab, die nicht aufstehen sollten oder konnten und die nicht ständig überwacht wurden: Ein kleines Gerät, welches bei Betätigung ein Signal an die diensthabende MTech übermittelte.

Hier funktionierte das über diese kleine Schale, die sie anschlagen sollte?

Keine medizinisch-technischen Geräte, noch nicht einmal für den Ruf nach einer MTech? Das war eine seltsame Klinik, in der sie sich hier befand.

Immerhin wusste man wohl um die Heilung ihrer Haut. Bei ihrem Aufenthalt im Kokon war nicht nur ihre Kleidung aufgelöst, sondern auch ihre Haut übel angegriffen worden.

Kurz huschte ein Begriff durch ihren Kopf: „Extraintestinale Verdauung“.

Überrascht blinzelte sie mit den Augen.

Was war das?

Doch sogleich war der Gedanke schon wieder verschwunden.

Beinahe hätte sie den Kopf geschüttelt, aber da meldete sich der Schmerz schon wieder. Dennoch war ihr schmerzhaftes Zucken wohl nicht unbeobachtet geblieben.

„Das bald besser.“ Ann-Karlinn beugte sich über sie und hielt eine Hand auf ihre Stirn.

„Du wohl hart gestoßen. Zwei Tage, dann Schmerz weg.“

Na, wenn das mal keine klare Ansage war. Dor’El bezweifelte, wie eine so präzise Aussage ohne Auswertung von Logs möglich sein könnte. Wenn sie sich Prellungen zugezogen hatte, dann könnte es unter Umständen bis zu zwei Wochen dauern, bis sie ihre volle Beweglichkeit wiedererlangt hätte. Bei einer Gehirnerschütterung, … Wissen wie dieses gehörte zu den Grundlagen einer MTech.

Als sie ihre Augen schloss, sah sie plötzlich ein Schema vor sich entstehen: Das Schema eines liegenden Menschen. Es war beinahe so, als wäre sie in der Lib und hätte sich über ein Headset mit einem der Kartenleser verbunden.

Dor’El stellte sich vor, sie wäre dieser Mensch. Ausgestreckt. Die Arme neben dem Körper.

Sie hörte, wie Ann-Karlinn mit Honscha sprach, aber sie verstand die Worte dieser Unterhaltung nicht.

Stattdessen sah sie, wie das Schema sich weiter aufbaute. Sie sah das Skelett, dann die Muskeln, bis schließlich die Haut den Körper umhüllte.

Dann veränderte sich das Schema: Sie sah, wie viele Bereiche rot aufleuchteten. Es waren genau die Bereiche, in denen sie Schmerzen spürte. Überrascht schlug sie die Augen wieder auf und holte tief Luft.

Honscha und Ann-Karlinn brachen ihr Gespräch ab und traten zu ihr heran.

„Was passiert?“, fragte Ann-Karlinn. Sie beugte sich zu Dor’El.

Dor’El räusperte sich. „Schmerz …“ Sie wollte ihr sagen, dass sie den Schmerz habe sehen können, aber ihre Gedanken überschlugen sich: War es gut, wenn sie zu berichten versuchte, was sie gerade erlebt oder „gesehen“ hatte?

Honscha nahm ein rundes Instrument aus einer Tasche, die er umhängen hatte und Dor’El sah, dass es eine große Linse war. Damit betrachtete er ihre Augen.

„Du hart gestoßen, aber nicht iiveldus?“, fragte er sie.

Dor’El blickte ihn durch die Linse an. „Ich … was?“, fragte sie zurück.

Honscha nahm die Linse wieder zurück und blickte zu Ann-Karlinn. Diese lächelte und meinte dann: „Du getrunken, aber alles weg?“

Dor’El verstand zunächst immer noch nicht.

Ann-Karlinn versuchte es anders: „Getrunken … zurück?“ Dazu machte sie eine begleitende Handbewegung. Ein Rollen vor der Brust.

Jetzt dämmerte es Dor’El: Das war die Frage, ob sie Übelkeit verspürte, nachdem sie etwas getrunken hatte.

Damit sie nicht nicken oder den Kopf schütteln musste, sagte sie langsam: „Geht ganz gut.“

Honscha nickte bestätigend.

„Dann das so gut.“ Er sprach zu Ann-Karlinn und blickte immer wieder zu Dor‘El: „Einige Tage. Wir sehen, wie Haut reageeri von salv, dann wieder gut. Wir sehen.“

Dor’El hatte ihn als CMTech eingestuft. Er schien hier die Entscheidungen zu treffen. Insofern gab es doch viele Parallelen zu der Klinik, die sie kannte.

Sie verstand, dass man sie hierbehalten wollte, bis ihre Haut sich erholt hatte.

Honscha gab Ann-Karlinn noch einige Anweisungen und verabschiedete sich dann.

Ann-Karlinn und die andere Frau im Raum berieten sich noch eine Weile. Da Dor’El nichts von dem verstand, was gesprochen wurde, streckte sie sich wieder auf ihrem Bett aus und studierte die Decke.

Dann schloss sie die Augen.

Es dauerte nicht lange und schon erschien ihr wieder das Schema eines liegenden Menschen. Sie nahm sich die Zeit zu warten, bis wieder die farbigen Markierungen diejenigen Hautstellen anzeigten, die unter den dicken Verbänden mit Salbe gepflegt wurden.

Auch am Hals und den Armen waren einige Stellen markiert. Tatsächlich hatte sie das Gefühl, sie hätte sich dort verletzt. Davon hatte Honscha ja gesprochen: Sie war gestürzt. Genau erinnern konnte sie sich aber nicht, denn ihre Erinnerungen endeten mit einem Kampf, den sie erlebt hatte. Sie war zuerst von diesen Kreaturen, dann von den Prätoren gefangen genommen worden. Dann gab es einen heftigen Kampf. Viele Einzelheiten waren nicht abrufbar. Da war ja so viel passiert. Herumgestoßen hatte man sie oft, aber auf welche Aktion die Verletzungen oder Prellungen genau zurückzuführen waren, konnte sie nicht bewerten.

Sie betrachtete das Schema intensiver und kam zu einer Stelle im Nacken. Die kam ihr besonders auffällig vor: Dort, wo sie seit längerer Zeit einen starken Juckreiz verspürte, gab es neben der roten Farbe noch einen Bereich, der in tiefem Blau angezeigt wurde.

Blau kannte sie als „Überfunktion“. Nun, das waren nicht die Anzeigen, die sie in ihrer MTech-Tätigkeit zu bewerten hatte und sie wollte gerade darüber sinnieren, warum sie überhaupt in der Lage war, ein medizinisches Schema von sich selbst – ohne technische Hilfsmittel – „sehen“ zu können, da spürte sie eine Berührung am Arm.

„Dor’El, du wach? Dor’El?“ Ann-Karlinn beugte sich zu ihr.

Sie schlug die Augen auf. Das Schema verblasste und es brauchte einige Herzschläge, bis sie sich in die Realität zurückfand.

„Ich bin wach“, krächzte sie und wunderte sich dabei, dass man hier ihren Namen kannte. Die andere Frau und der Mann waren nicht da. Ann-Karlinn reichte ihr einen Becher und dankbar trank Dor’El einige Schlucke daraus.

„Bald besser.“ Ann-Karlinn betastete vorsichtig Dor’Els Hals. Als sie die Stelle im Nacken berührte, zuckte Dor’El vor Schmerz zurück.

„Das schon gesehen.“ Ann-Karlinn wirkte nachdenklich. „Honscha morgen noch einmal schauen. Da wir noch warten, bis Haut besser.“

Beinahe hätte Dor’El widersprochen, aber sie hielt sich zurück, da sie sich immer noch nicht erklären konnte, was sie zuvor genau gesehen hatte. Es kam ihr auch seltsam vor, wenn sie sich mit ihren MTech-Kenntnissen selbst ein Urteil über ihren Zustand erlauben würde. Das stand ihr so nicht zu.

Ann-Karlinn verabschiedete sich und winkte die andere Frau zu sich, die sich wohl nur etwas im schattigen Hintergrund gehalten hatte. Dor’El hatte sie vermutlich wegen der eigenartigen Kleidung eben nicht gesehen.

Sie erteilte ihr einige kurze Anweisungen und hatte gerade den Vorhang geöffnet, als ihr jemand entgegenkam. Dor’El konnte nicht genau erkennen, wer da jetzt kam, da das Licht im Gang nicht so hell war, wie im Zimmer. Ann-Karlinn sprach mit der anderen Person und deutete einmal kurz auf Dor’El.

Dann zog sie den Vorhang wieder zu und Dor’El hörte sie reden. Dann wurde es wieder leise und die Frau, mit den langen braunen Haaren, deren Name jedoch noch nicht gefallen war, ging zum Vorhang und steckte ihren Kopf durch einen schmalen Spalt.

„Da jemand, dich sehen will“, sprach die Frau mit einem rückwärtigen Blick auf Dor‘El. „Das ok für dich?“ Sie wartete auf eine Reaktion.

Eine Welle des Schmerzes überflutete Dor’El und sie wartete ab, bis es wieder besser wurde.

„Ja, danke.“ Sie wunderte sich: Besuch?

Die Frau nickte und lächelte Dor’El zu, bevor sie durch den Vorhang den Raum verließ. Kaum war sie verschwunden, erschien die Person, die bereits im Gang gewartet hatte. Die zog den Vorhang hinter sich wieder zu und trat und zu Dor’El heran.

Die blinzelte: Dieser Besuch war ganz anders gekleidet als die anderen, die sie hier bisher gesehen hatte.

Lange Stiefel, dazu eine kurze Hose, ein kurzes Oberteil, darüber eine gefleckte Jacke und … Noch einmal blinzelte Dor’El.

Die Frau kam langsam näher.

Sie hatte silberweiße Haare.

Dor’El zog die Augenbrauen hoch, um sie besser erkennen zu können. Gern hätte sie sich mit einem Finger das Wasser aus den Augen gerieben, fürchtete aber um ihr Gleichgewicht.

„Dor’El?“

Diese Stimme.

Sie drückte die Augen zu und damit einige Tränen aus ihnen heraus. Dann riss sie sie schnell wieder auf, um ihr Gegenüber genauer zu erkennen.

„Dor’El, geht’s dir gut?“

Ragoo?

Dor’El hustete. „Wo …?“ Mehr bekam sie nicht heraus.

Sie sah immer noch undeutlich. Gern hätte sie sich die Tränen aus den Augen gewischt, aber sie brachte ihre Arme nicht hoch, weil in ihr gerade wieder eine Welle des Schmerzes aufstieg, als sie sich bewegte.

Sie drückte ihre Augen wieder zusammen und einige Tränen liefen heraus.

Es war Ragoo. Kein Zweifel.

Ragoo kam näher und schwang sich auf den Hocker.

Erneut schloss Dor‘El schnell die Augen, um dann gleich wieder Ragoo anzusehen.

Ihre Erleichterung war riesig. Endlich hatten sie sich wiedergefunden.

Ragoo musste wohl ähnlich denken, denn sie lächelte Dor’El an.

„Ich lasse euch gleich allein“, sprach die Frau mit den dunklen Haaren. Sie war hinter Ragoo in den Raum getreten und hatte gewartet, bis sie sich beide begrüßt hatten. Jetzt stellte sie schnell noch einige Dinge auf den Tisch.

Ragoo nahm Dor’Els Hand. Jetzt zuckte sie zwar auch kurz zusammen, aber es war wegen eines stechenden Schmerzes, nicht mehr wegen ihrer Abneigung gegen körperliche Berührung.

Die andere Frau hatte ihre Reaktion beobachtet.

„Das wird besser.“

Sie drehte sich zu Ragoo und sagte: „Ihre Haut stark gereizt. Das Gift eines …“

Sie suchte wohl nach einem Begriff und setzte erneut an, als ihr das Wort nicht gleich einfiel: „Als wir sie fanden, schlimm sah sie aus.“ Mitfühlend schaute sie zu Dor’El.

Ragoo schaute die Frau an: „ImmelikvoiRoomikud?“, fragte sie.

Die Frau lachte. „Ja, du sprechen unsere Sprache schon recht gut“.

„Ein wenig“, gab sich Ragoo bescheiden. „Aber mir war klar, was du meintest.“

Sie deutete auf Dor’El und fragte immer noch in der Sprache, die sie auch verstand: „Wie geht es ihr?“

„Bald wird heilen. Wir haben raviv salv, dann auch wieder kräftig genug, neue Kleidung aussuchen.“

Sie lachte und sah kurz zu Ragoo, die zurücklächelte.

„Vielleicht du auch finden andere Sachen, wir werden sehen. Sie braucht neue. Das klar. Jetzt erst einmal erholen. Wenn du brauchst, dann bitte melden. Jemand immer in der Nähe ist.“

Sie nickte beiden zu und verschwand wieder hinter dem Vorhang.

„Was hast du nur gemacht?“ Ragoo schob ihre Hand vorsichtig unter die von Dor’El.

„Na, jedenfalls hatte ich wohl nicht so viel Glück wie du.“ Dor’El musste sich räuspern. „Du ahnst nicht, was in diesen Tunneln alles los ist.“ Sie hob die Decke vorsichtig ein wenig an und blickte an sich herunter.

Vom Oberkörper an war sie in lockere Verbände gehüllt. Ihr Körper fühlte sich seltsam an. Ihr war, als stieg eine heiße Wolke unter der Decke hervor und so ließ sie sie wieder aus den Fingern gleiten.

„Ich konnte dich nicht mehr halten“, begann Ragoo. „Das ging alles so schnell.“ Bedauernd blickte sie Dor’El an.

„Ja.“ Dor’El nickte und drehte den Kopf zu ihr hin. „Du hättest es nicht verhindern können. Es ging wirklich alles so schnell.“

Ragoo zog den Hocker dichter an Dor’Els Bett und begann damit, ihren Teil der Geschichte zu erzählen. Dor’El wunderte sich, wie gut sie ihre Sprache jetzt schon beherrschte und freute sich sehr darüber. Zugleich wunderte sie sich aber auch, dass Ragoo wohl ebenfalls damit begonnen hatte, die Sprache der Leute hier zu lernen. Ragoos Schilderung des hier lebenden Volkes warfen bei ihr viele Fragen auf, doch diese vermochte leider nur wenige davon zu beantworten, aber sie war dennoch froh über das Gespräch.

Als Ragoo mit ihrer Schilderung fertig war, schwiegen sie beide eine kurze Zeit, dann begann Dor’El mit ihrem Teil. Das ging nicht so flüssig und so dauerte es längere Zeit, bis sie damit fertig war.

Das Licht vom Fenster, welches den Raum mit einem sanften Glühen erfüllt hatte, schwand schon, als sie erschöpft in ihr Kissen zurücksank und nach dem Becher mit Wasser angelte.

Ragoo sprang rasch auf, denn sie musste das Bett umrunden, um ihr zu helfen, aber Dor’El war etwas schneller.

So hielt sie an, bückte sich zu dem am Boden liegenden Leuchtglobus und schüttelte ihn.

Malin hatte ihr zwar erklärt, wie so ein Globus zum Leuchten gebracht wurde, aber sie war immer noch etwas fasziniert, als das Licht aufleuchtete und den Raum erhellte.

Kurz darauf ertönte das ihr schon vertraute „Dongg“. Sie erklärte Dor’El kurz den Zusammenhang zwischen dem Licht, welches durch das Fenster fiel und dem Geräusch.

„Was passiert jetzt mit uns?“ Dor’El dachte an ihren ursprünglichen Plan, Ragoo zu befreien. Die Situation hatte sich jetzt allerdings grundlegend verändert: Sie lag jetzt in einer Klinik und Ragoo war hier, um sie zu pflegen. Zu Beginn ihrer Reise war es genau andersherum gewesen.

„Na, wir schauen mal.“ Ragoo beugte sich zu ihr herab. „Du erholst dich jetzt erst einmal. Malin will mir morgen zeigen, wie sie hier so leben. Ich berichte dir dann und dann entscheiden wir.“

Dor’El räusperte sich. „Das sind nicht deine Leute, oder?“

„Nein.“ Ragoo schüttelte den Kopf. „Aber das macht nichts. Immerhin kümmern sie sich gut um uns. Wenn es dir besser geht, werden wir schon einen Weg hier herausfinden.“

Das klang nach einem guten Plan. Das war quasi immer noch ihr ursprünglicher Plan. Dor’El entspannte sich und war beinahe schon eingeschlafen, so sehr hatte sie das lange Gespräch angestrengt.

Ragoo hätte sie gern in den Arm genommen, aber sie nahm Rücksicht auf ihren Zustand und drückte ihr zum Abschied nur sanft die Hand.

Ein zweites „Dongg“ kündigte die Ruhezeit an.

Wie Malin es ihr gezeigt hatte, tippte Ragoo mit einem Finger kurz zweimal auf den Leuchtglobus, der daraufhin nur noch sehr schwach glühte und blickte noch einmal auf die bereits eingeschlafene Dor’El zurück.

Dann schlüpfte sie leise durch den Vorhang und wollte sich auf den Weg zu ihrer Unterkunft machen. Sie hatte gerade den Ausgang des Gebäudes erreicht, da kam Honscha hinter ihr her.

„Sie bald wieder gut.“

Ragoo drehte sich um.

„Sie Glück gehabt.“ Honscha tippte mit einem Stift auf einen kleinen Behälter, den er in der Hand hielt. „Sie getroffen auf ein Immelik.“

Ragoo trat etwas näher. Sie wollte sehen, was er in diesem Behälter hatte.

Doch Honscha hatte wohl keine Lust, ihr das näher zu erläutern, denn er erklärte nur: „Wenn sie gebissen von Hammusatvvad, dann nicht so gut. Gift von Hammusatvvad zerstört Körper von innen. Das nicht zu retten.“

Er senkte den Kopf und steckte den kleinen Behälter in seine Kitteltasche.

Seltsamerweise erinnerte sich Ragoo gerade jetzt daran, was Gorusch über diese Hammusatvvad gesagt hatte: „Gefährlich, aber gut“.

Doch Honscha hatte eine andere Sichtweise auf die Dinge. „Hammusatvvad und sie wäre verloren. Sie aber wohl gefangen von Immelik. Immelik wickeln Opfer ein und zerstören von außen.“

Er klopfte auf den Behälter in seiner Tasche.

„Das schmerzhaft, weil die Haut … wir helfen“, brach er den Satz ab, um gleich wieder fortzusetzen: „Aber wenn Roomikud, sie dann vielleicht schon tot.“ Er gähnte.

Ragoo hatte verstanden. Das sollte sie wohl aufmuntern, aber auch Honscha wirkte erschöpft. So bedankte sie sich bei ihm und nahm sich vor, Malin nach den vielfältigen Gefahren in den Tunneln und Hallen zu befragen. Es gab noch so Vieles, was sie meinte, wissen zu müssen, dass sie froh war, dass Malin ihr bereitwillig jetzt schon so viel beibrachte.

Auch Dor’El hatte ihr noch einige Fragen für Malin aufgegeben. Das würde morgen wieder ein interessanter Tag werden. Sie freute sich schon darauf.

Sie war jetzt aus dem Gebäude getreten und schaute von hier aus über den Platz. Am anderen Ende konnte sie schemenhaft den Turm erkennen, in dem sie untergebracht war.

Wo genau Malin wohnte, wusste sie nicht.

Malin tauchte allerdings immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort auf und so nahm sie an, dass es morgen früh auch wieder so sein würde.

Sie blinzelte.

Irgendetwas hatte sie gerade in der Dunkelheit aufblitzen sehen. Dort oben, von wo immer diese hellen Strahlen auf den Boden schienen.

Jetzt war wieder alles dunkel, aber sie war sich sicher: Dort war gerade ein kurzes Aufblitzen gewesen.

Sterne?

Sie legte kurz die Hand an ihr Kinn.

Sterne. Sie kannte den Begriff. Lange schon hatte sie nicht mehr daran gedacht. Sie befanden sich unter der Oberfläche eines Planeten. Hier gab es jedoch Öffnungen, die bis an diese ferne Oberfläche reichten. Man nutzte das Sonnenlicht zur Beleuchtung während des Tages. Jetzt allerdings schimmerte das Licht der Sterne des Nachthimmels durch die Öffnungen.

Die Sonne – auch ein Stern.

Die Sterne. Die Sterne am Himmel.

War es nicht vollkommen natürlich, in der Nacht Sterne zu sehen? Natürlich nicht für Menschen, die unter der Oberfläche lebten.

Aber für sie.

Ein seltsames Gefühl überkam sie: Sie sehnte sich nach den Sternen.

3 – Schatten

D

as Leben kann nur dann einen Weg des Überlebens finden, wenn nicht die Grundlagen für das Leben selbst zerstört werden.

Planetare Ressourcen können verbraucht oder unbrauchbar gemacht werden. Das Ergebnis ist ähnlich.

Die Notwendigkeit für einen Exodus war absehbar und unabwendbar. Der Plan, den sterbenden Planeten zu verlassen, wurde jedoch verworfen, als die hierfür benötigten Ressourcen zerstört wurden.

Die Anstrengungen für einen planetaren Exodus fielen bereits den Kampfhandlungen der ersten Jahre zum Opfer. Die Zerstörung der Raumstation und der Mondbasis kostete viele sinnlose Menschenleben und begrub jede Hoffnung, den Planeten zu verlassen.

Es blieben daher nur wenige Optionen übrig. Der Weg in den Untergrund erwies sich letztlich als umsetzbar. Auf allen Seiten wurden die letzten verfügbaren Ressourcen dazu verwendet, dort Rückzugsgebiete zu schaffen, um das Überleben der Menschheit zu sichern, während sich ein Teil der dorthin verbrachten Gemeinschaft bereits darum bemühte, diese Rückzugsgebiete gegen den Feind zu sichern.

Die Überlebenden des Exodus standen vor einer großen Herausforderung: Die Zahl der Opfer erst später zu zählen.

Notiz, gefunden in HAB6-Ebene16

Kaum war das zweite Signal zum Tagesbeginn verhallt, da klatsche es bereits hinter dem Vorhang.

„Ich darf?“ Malin steckte ihren Kopf durch einen kleinen Spalt.

„Ja, sicher.“ Ragoo war bereits aufgestanden und hatte den Tagesbeginn am Fenster bewundert. „Puhannuud?“ Sie zog den Kopf etwas ein und ihre Augenbrauen hoch. „Ausgeruht?“

„Jah, Miduggi.“ Malin grinste.

„Du weiter gelernt unsere Worte?“

„Ein wenig“, lächelte Ragoo verlegen. „Natukeene.“

„Ainultnatuke? Ein wenig nur?“ Malin schüttelte den Kopf. „Du so schnell lernen, das nicht normal.“

Sie stelle den Korb ab, den sie mitgebracht hatte.

„Dann werde ich dir heute zeigen Dinge in unserer Sprache auch. Das vieles einfacher, dann.“ Malin blickte Ragoo direkt in ihre blauen Augen. „See muudab paljuud asjad lihtsamaaks.“

Das war noch ein wenig viel für Ragoo. Sie schaute Malin etwas verzweifelt an, aber die meinte nur: „Du vielleicht besser lernen unsere, als ich lernen die Sprache der Kaotatu, aber du nicht müssen, natürlich.“

Ragoo sah darin allerdings keine Bedingung. Es machte ihr einfach nur Spaß, die lokal gebräuchliche Sprache zu erlernen.

Sie hatte noch keine genaue Vorstellung davon, wie lange Dor’Els Genesung dauern würde. Honscha konnte ihr gestern noch nichts Genaues sagen und wenn sie sich bis dahin mit den Leuten hier gut verständigen könnte, wäre das für ihr Vorhaben, einen Weg an die Oberfläche zu finden, bestimmt hilfreich.

Sie setzten sich ans Fenster und Malin begann damit, Ragoo weitere Begriffe zu erklären, während sie ihr Frühstück einnahmen:

„Haus – Maja.“

„Maja“, wiederholte Ragoo. „Haus. Maja.“

„Licht – Valgus.“

„Platz – Ruumi.“

„Ruumi.“ Ragoo suchte nach einem weiteren Wort und deutete auf die Leute, die ihn bevölkerten.

„Ah, Innimeseed.“ Malin nickte. „Wir jetzt erst essen, dann ich schon Plan für Tag.“

„Das ist schön. Roomonminupool“, versuchte sich Ragoo.

„Minuupoolne“, verbesserte Malin.

So ging es eine ganze Weile und Ragoo war wirklich gut darin, die vorgesagten Worte zu wiederholen und zuzuordnen. Malin ihrerseits war sehr geduldig darin sie zu verbessern, und sie hatten beide viel Spaß, weil Ragoo immer wieder nach verschiedenen Dingen fragte, die sie vom Fenster aus sehen konnten.

Nach dem Frühstück führte Malin Ragoo zunächst durch einige der Gassen zwischen den Häusern hindurch. Sie sollte lernen, sich hier zurecht zu finden. Ragoo gab sich viel Mühe, aber die vielen ähnlichen Häuser und die engen Gassen führten sie zunächst oft in die Irre.

Malin zeigte ihr, wie man das Muster der Lichtöffnungen in der Hallendecke zur Orientierung nutzen konnte, und bald schon war Ragoo viel besser in der Lage, anhand einiger markanter Gebäude und der Lage der Lichtöffnungen einen zuvor besprochenen Weg zum geplanten Ziel zu verfolgen.

Auch die Zeitmessung lernte sie von Malin. Es gab dazu nicht nur die „Dongg“-Geräusche, die ihren Ursprung in einer großen Metallscheibe auf einem Turm im Zentrum der Stadt hatten. Malin zeigte Ragoo, wie man den Verlauf der Zeit anhand des Schattenwurfs in der Nähe eines Lichtpunktes bestimmt. Hierbei ging es um die Einschätzung des Einfallswinkels der Lichtstrahlen, der Länge des Schattenwurfes und auch der Lichtfarbe.

Ragoo bewunderte die Einfachheit der verwendeten Hilfsmittel und fand bald Gefallen daran, ihr Wissen praktisch zu erproben.

Die Tagesmitte war schon fast erreicht, da führte Malin sie an den Rand der Stadt.

„Du kurz warten, bitte. Paluhn ootasiin.“

„Jah miduggi“, probierte Ragoo die neue Sprache aus.

„Ich gleich wieder zurück. Matulen kohetagasi“, rief Malin ihr zu und sprintete in die Stadt zurück.

Ragoo blickte sich um.

Vor ihr lag die Stadt. Ausgetretene Pfade führten von dort zum Rand der großen Halle und verschwanden dann in verschiedenen Tunnelöffnungen, die bei der hellen Beleuchtung durch die Lichtpunkte deutlich zu erkennen waren. Auch der Pfad, den sie gekommen waren, führte weiter in so eine Tunnelöffnung.

Wollte Malin mit ihr in einen von diesen Tunneln gehen?

Ein wenig Unbehagen beschlich sie schon bei diesem Gedanken, aber da stand Malin auch schon wieder hinter ihr.

„Wir können. Mesaame minna.“

Malin deutete auf ein Gerät, welches sie in der rechten Hand trug.

Es sah grob wie ein flacher Pilz aus, aber das Gerät war konstruiert und bestand offenbar aus Metall. An einem Ende hatte es zwei bogenförmige Stücke, und aus der Mitte ging ein langer Schaft ab. An diesem waren verschiedene Vorrichtungen angebracht und Ragoo bekam den Eindruck, eine Waffe in Malins Händen zu sehen.

Malin wunderte sich: „Du nicht kennen?“

„Ei – nein!“ Ragoo schüttelte den Kopf.

„Ich dir zeigen heute unsere Nahrungsfelder. Aber dort manchmal gefährlich. Eigentlich immer gefährlich, wenn Stadt verlassen.“

Malin griff in eine Tasche, die sie an ihrem Gürtel befestigt hatte.

Als sie die Hand wieder herauszog, befand sich darin ein kurzer Bolzen.

„Das hilft. Hilft gegen Teisett und auch gegen Koletis.“ Ihr Lächeln wirkte seltsam gequält.

Sie hielt Ragoo den Bolzen hin.

„Hammutsavat manchmal zu schnell, aber Roomikud wir damit vertreiben.“ Malin nickte, um das Gesagte zu bestätigen.

Ragoo hatte den Bolzen ergriffen und drehte ihn in der Hand.

„Eine Waffe?“ Sie war erstaunt.

„Ja.“ Malin hob das eigenartige Gerät hoch, nahm ihr den Bolzen ab, schob ihn in eine Vorrichtung am Schaft und Ragoo hörte es klicken. In einer fließenden Bewegung zog sie die Waffe an die Schulter und zielte damit schräg nach oben.

Es war aber nicht dieses Klicken, welches Ragoo gehört hatte, als sie mit Dor’El in den Kammern unterwegs war, daher fragte sie: „Das klickt leise, warum klickt es bei den Pilzen? Das klickte lauter.“

Malin nahm die Waffe wieder herunter, schaute sie erst verständnislos an, dann nickte sie. Sie griff wieder in die Tasche und holte eine kleine Halbkugel heraus.

Sie hielt sie in der Handfläche und drückte mit dem Daumen auf die Mitte.

Ein lautes Klicken erschallte.

„Ja.“ Ragoo lachte. „Genau. Das ist es. So ein Geräusch haben wir gehört.“

„Dann habt ihr uns gehört.“ Malin steckte das Teil wieder ein.

„Das ist eine Klopsija. Den wir brauchen, um die Koletis zu vertreiben. Sie mögen dieses Geräusch nicht.“

Ragoo streckte ihre Hand aus und ließ die Finger nach unten hängen. Dann bewegte sie die Finger, dass es wie laufende Beine aussah. „Also ihr macht diese Geräusche und diese ... Koletis laufen weg?“

„Das ist richtig“, bestätigte Malin. „Nur manchmal hilft das nicht und wir brauchen eine richtige Waffe.“ Sie hob das Gerät hoch.

„Das ist eine Ambikirev. Die ist gut gegen Koletis und noch besser gegen die Teisett.“ Sie zog die Waffe an einem Riemen über ihre Schulter.

Ragoo verstand. Diese Leute wussten sich gegen die hier vorkommenden Gefahren zu verteidigen. Immerhin waren sie in der Lage gewesen, Dor’El aus den Händen dieser Teisett zu retten, denn nur diese schwarzen Soldaten konnte Malin mit diesem Wort gemeint haben. Sie erinnerte sich auch an die Gegebenheiten, als man sie in Schasch-Garan aufgegriffen hatte.

Sie deutete auf den nächsten Tunneleingang.

„Und wir gehen jetzt durch einen Tunnel, daher brauchen wir das?“, fragte sie.

„Das wissen wir nicht. Besser wir haben als brauchen, sagt Gorusch immer“, antwortete Malin.

„Klopsija ist auch gut für Wege, wo kein Licht ist“, fuhr Malin fort. „Du hast es gesehen: Schasch-Garan ist dunkel. Dort haben wir dich gefunden.“

Ragoo nickte.

Malin wechselte immer wieder die Sprache, damit Ragoo sie lernen konnte und erläuterte dabei: „Eine Stadt, vor langer Zeit schon nicht mehr im Licht. Wir können nicht reparieren. Wir können Berg nicht verlassen.“

Das klang recht traurig, fand Ragoo. Sie blickte an die Hallendecke und versuchte sich vorzustellen, wie diese Hallen unter einem Berg angelegt worden waren.

„Einige von uns nicht gut sehen können. Manche gar nichts mehr sehen“, fuhr Malin fort. „Wenn alles dunkel, wir dann uns verlassen auf diese Leute. Sie alle nutzen die Klopsija, um im Dunkeln zu sehen.“

„Sie sehen damit?“, fragte Ragoo.

„Ja. Sie hören die Geräusche der … Klicks, die von den Wänden zurückkommen“, versuchte Malin zu erklären.

Ragoo nickte.

Diese Menschen hier hatten sich in erstaunlicher und vielerlei Weise an diese Umwelt angepasst. Dazu gehörte wohl auch, „im Dunkeln sehen“ zu können.

„Und deine Waffe, die habe ich wohl auch schon erlebt.“ Sie zeigte auf das, was Malin auf dem Rücken trug.

„Ja, als wir dich damals fanden. Wir waren gerade auf der Jagd.“ Malin schmunzelte. Sie zog die Waffe von der Schulter und legte erneut an.

Ragoo bewunderte die Eleganz ihrer Bewegungen.

„Dabei wir dann dich gefunden.“

Ragoo erinnerte sich an ihre Eindrücke. Damals hatte sie schon diese fast lautlosen Waffen bewundert, mit denen die Angriffe der unsichtbaren Angreifer abgewehrt worden waren.

„Ihr jagt?“, fragte sie und deutete auf die Waffe.

„Ja, wir ernähren uns von allem, was wir hier finden – auch von den … Koletis, die hier unten leben.“

Malin spannte die Waffe und zog sie sich wieder auf den Rücken.

„Manchmal ist es ein ‚wir-oder-sie‘, aber wir bemühen uns, dass …“ Sie brach ab.

Ragoo blickte sie fragend an.

Malin blickte zu Boden.

„Was ist passiert?“, fragte Ragoo schließlich.

Malin schluckte. „Es ist lange her, da wurden wir beim …“, sie musste kurz innehalten, „… Sammeln von Samen überrascht.“

Sie blickte an die Hallendecke.

„Wir waren unbewaffnet und zu weit von anderen Sammlern entfernt.“

Ragoo schwieg und blickte in ihre großen, grün-braunen Augen.

„Ich verlor meine Eltern. Ich wurde … vanemateta.“

„Elternlos.“ Es erschien Ragoo logisch, dieses Wort zu verwenden.

Malin nickte. „Vana hat mich aufgenommen und Gorusch hat mir gezeigt, wie man kämpft.“

Sie klopfte auf die Tasche mit den Bolzen.

„Seitdem lasse ich mich niemals mehr überraschen. Weder von den Koletis, noch von den Teisett.“

„Sind viele Teisett hier unten?“ Das war eine der Fragen, die Ragoo sehr interessierte.

„Manchmal schon.“ Malin spähte in den Tunnel. „Manchmal besser, wenn wir nur auf Koletis treffen. Die Teisett werden in letzter Zeit immer mehr und die lassen sich von Klopsija nicht vertreiben. Gorusch hat mir gesagt, sie hätten Dor’El beinahe in ihre Stadt gebracht, aber wir haben sie noch rechtzeitig bezwungen.“

„Dor’El sprach nur von Koletis und von den Teisett“, warf Ragoo ein. „Also stecktet ihr dahinter?“

„Ja.“ Malin hob eine Augenbraue. „Gut aufgepasst. Wir nutzen manchmal Koletis für unseren Kampf gegen die Teisett.“

„Wie macht ihr das denn?“, fragte Ragoo. Das war eine Überraschung. Diese Leute waren wirklich sehr geschickt darin, die Gegebenheiten ihrer Umgebung für sich zu nutzen.

Malin zog einen anderen Bolzen hervor, den sie an einem Band um den Hals trug. Dieser war hell und glänzend und hatte Löcher an jedem Ende und eines oben, an der Seite.

„Wir nennen das eine Toruud“, erklärte Malin.