Not your Darling - Katherine Blake - E-Book

Not your Darling E-Book

Katherine Blake

0,0
12,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Das Hollywood der 50er-Jahre hat Geheimnisse – genau wie Loretta Darling! Im Roman »Not your Darling« von Katherine Blake trifft ein atmosphärisches Setting mit Retro-Charme auf eine moderne, feministische Heldin. Übersprudelnd vor Tatendrang trifft die 20-jährige Loretta 1950 in Los Angeles ein. Sie hat gelernt, dass sie für ihr eigenes Glück sorgen muss. Und sie ist fest entschlossen, ihren Traum wahr werden zu lassen: als Visagistin in Hollywood zu arbeiten. Bald muss Loretta jedoch erkennen, dass die Stadt der großen Träume jenseits des Scheinwerferlichts vor allem aus klapprigen Kulissen und Männern mit schlechten Manieren besteht. Möglicherweise haben die sich diesmal aber mit der falschen Frau angelegt. Denn die clevere Loretta weiß nicht nur, wie man die richtige Lippenstiftfarbe auswählt. Und sie ist bereit, sich auf ihre ganz eigene Weise zur Wehr zu setzen. Ein kluger, rasanter Mix aus Zeitgeschichte und Frauenliteratur, mit einem Schuss Sex & Crime Zwischen dem Glamour Hollywoods und seinen dunkelsten Abgründen erzählt »Not your Darling« eine Geschichte von Freundschaft, großen Träumen und der Macht der Männer. Ein zeitgenössischer Frauenroman im besten Wortsinn um eine starke junge Frau, die mit Witz und Biss ihren ganz eigenen Weg geht. Wer »Die sieben Männer der Evelyn Hugo« oder »The Marvelous Mrs. Maisel« geliebt hat, wird Seite um Seite mit Loretta Darling mitfiebern.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 416

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Katherine Blake

Not your Darling

Roman

Aus dem Englischen von Astrid Finke

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Übersprudelnd vor Tatendrang trifft die 20-jährige Loretta 1950 in Los Angeles ein. Sie hat gelernt, dass sie für ihr eigenes Glück sorgen muss. Und sie ist fest entschlossen, ihren Traum wahr werden zu lassen: als Visagistin in Hollywood zu arbeiten. Bald muss Loretta jedoch erkennen, dass die Stadt der Illusionen und großen Träume jenseits des Scheinwerferlichts vor allem aus klapprigen Kulissen und Männern mit schlechten Manieren besteht. Möglicherweise haben die sich diesmal aber mit der falschen Frau angelegt. Denn die clevere Loretta weiß nicht nur, wie man die richtige Lippenstiftfarbe auswählt. Und sie ist bereit, sich auf ihre ganz eigene Weise zur Wehr zu setzen.

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

TEIL EINS

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

TEIL ZWEI

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

TEIL DREI

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

65. Kapitel

66. Kapitel

67. Kapitel

68. Kapitel

69. Kapitel

70. Kapitel

71. Kapitel

72. Kapitel

73. Kapitel

Danksagung

Für Ella

Alles auf der Welt dreht sich um Sex, außer Sex. Sex dreht sich um Macht.

 

Vermutlich von Oscar Wilde

TEIL EINS

 

 

 

 

 

 

 

 

1

Jimmie klopfte seine Taschen ab, dann erstarrte er und sah mich durchdringend an. »Du!«

»Ich?«

»Du hast meinen Pass geklaut, du kleine Schlampe. Gib ihn mir zurück!«

Offen gestanden konnte ich nicht glauben, dass Jimmie so lange gebraucht hatte, um es zu merken. Wir hatten bereits unser Gepäck abgeholt, zum Glück als unverdächtig eingestuft von dem Zollbeamten, der dem Passagierdampfer entgegengefahren war, um unsere Habseligkeiten noch an Bord zu überprüfen.

Eine Frau im Pelz warf Jimmie im Vorübergehen einen eisigen Blick zu.

»Schatz, die anderen Passagiere schauen schon«, sagte ich mit einem verkrampften Lächeln. »Mach bitte keine Szene.«

»Komm mir nicht mit Schatz! Wo ist das Ding?« Er zerrte mich zur Seite, und ich geriet ins Straucheln, noch wackelig auf den Beinen von der Überfahrt.

»Lass mich gefälligst los.«

Widerstrebend löste er die Hand von meinem Arm. Über seine Schulter hinweg sah ich, dass uns ein Steward von unserem Dampfer beobachtete. Ich fragte mich, wie viele Ehestreitigkeiten er wohl in seinem Berufsleben schon miterlebt hatte.

Nur, dass Jimmie und ich nicht verheiratet waren.

 

Zum ersten Mal begegnet war ich Jimmie im Winter Gardens in Morecambe. Albert Modley and the Sandow Sisters traten auf. Jimmie lehnte an der Wand wie ein begossener Pudel, aber ich ging trotzdem zu ihm und bat ihn, mir einen auszugeben. Manche Männer mochten es, wenn man ein bisschen frech war. Sie hielten mich deswegen für draufgängerisch, was ich tatsächlich war, und das wiederum machte ihnen Hoffnung, ich würde mit ihnen schlafen, was ich nicht vorhatte.

»Wieso haben Sie denn überhaupt so schlechte Laune?« Ich nippte mit dem Strohhalm an meiner Coca-Cola.

»Das verstehen Sie sowieso nicht«, sagte er, die Hände schmollend in den Hosentaschen vergraben.

»Wer weiß?« Mir war bereits aufgefallen, dass er einen amerikanischen Akzent hatte, und meine Neugier war geweckt. Zähne wie eine Reihe abrissreifer Häuser, was für einen Yankee merkwürdig war, aber egal.

»Ich habe Probleme mit euren Leuten in Liverpool.«

»Unseren Leuten?«

»Zoll.«

»Aha.« Ich musterte ihn genauer. Das breite Revers, den schmalen Schnurrbart, die Pomade im Haar. Für Klischees gab es normalerweise einen guten Grund.

»Sie sind ein Schieber«, übertönte ich die Musik.

Hektisch sah er sich um. »Nicht so laut!«

Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Dennoch brachte ich es nicht übers Herz, Jimmie darüber aufzuklären, dass ein Blick auf seinen schmierigen Anzug reichte, um ihn als genau das zu identifizieren, was er war.

»Womit handeln Sie denn?«, fragte ich.

»Seidenstrümpfe.« Demonstrativ sah er auf meine nackten Beine. »Schon mal davon gehört?«

Ein Gedanke brachte meine Haut zum Prickeln. »Wo liegt denn das Problem mit unseren Leuten in Liverpool? Schöpfen die Verdacht?«

Jimmie trank einen großen Schluck von seinem Bier und nickte.

Mein Gedanke zog diverse weitere nach sich, die sich rasch zu einem Plan formierten.

»Wissen Sie, was Sie brauchen?«, fragte ich. Er wirkte sichtlich verwirrt. »Einen Kurier.«

»Wie war noch mal Ihr Name?«

»Margaret.«

Er runzelte die Stirn. »Sie sind mir ein Rätsel, Fräulein.«

»Passen Sie auf.« Ich saugte ein letztes Mal geräuschvoll an meinem Strohhalm und bestellte mir dann noch eine Cola. Schließlich zahlte Jimmie. »Was Sie brauchen, ist ein nettes Frauchen als Reisebegleitung. Das wäre wohl auf jeden Fall besser als ein doppelter Boden im Koffer. Zur Tarnung. Als Anstands-Fassade.« Ich hatte bereits seinen Ringfinger inspiziert. »Wie ich sehe, haben Sie zwar schon eine Gattin, aber wir könnten so tun, als wäre ich das.«

Er schluckte heftig. »Sie ist tot.«

»Oh.« Ich lächelte. »Umso besser.«

Er riss die Augen auf. »Wie kann meine tote Frau was Gutes sein?«

Ich sprach schnell weiter. »Damit meinte ich nur, sie kann sich nicht darüber ärgern, dass jemand anderes unter ihrem Namen reist. Wie hieß sie denn?«

»Loretta.«

Das gefiel mir.

»Sehr schön. Der Plan ist doch prima, oder?«

Er musterte mich von Kopf bis Fuß. »Sind alle Frauen in dieser Stadt wie Sie?«

Ich grinste. »Oh, nein. Ich bin einzigartig.«

»Gott sei Dank.« Er rückte seinen Hemdkragen zurecht.

Es kostete noch etwas Überredungskunst, aber nach einer Weile sah Jimmie ein, dass meine Idee gut war: ihm bei seinem Schmuggelauftrag zu assistieren, indem ich mich als die in seinen Reisepass mit eingetragene Ehefrau ausgab. Falls er gefilzt wurde: Warum sollte seine bessere Hälfte nicht einen ganzen Packen Seidenstrümpfe haben wollen?

 

Das war der Plan gewesen, den ich Jimmie zu Beginn aufgetischt hatte. Der Plan, der für uns beide perfekt gewesen war. Mein Plan. Aber ich musste sehen, wo ich blieb. Meine Träume waren zu wichtig, um sie aufs Spiel zu setzen, und daher war jener Reisepass in diesem Moment in meinem Schlüpfer versteckt.

»Jeder hätte den Pass stehlen können!« Ich musste mich beherrschen, nicht herumzuzappeln, weil sich das sperrige Heftchen unangenehm in meinen Allerwertesten bohrte.

»Nein, weil er die ganze Zeit in unserer Kabine lag.« Jimmies Hand zuckte, als wollte er mich ohrfeigen – ich kannte die Anzeichen –, deswegen war ich froh über den neugierigen Steward, der uns im Auge behielt. Wenn man jemanden erpresst, dann am besten in der Öffentlichkeit.

Ich stieß ein Seufzen aus, als hätte ich dieses Spielchen satt, obwohl ich es eigentlich extrem genoss. »Also, zufälligerweise habe ich wirklich deinen Pass und …«

»Du!«

»Jetzt hör doch mal auf damit, Jimmie, das wird langsam langweilig.«

»Nach allem, was ich für dich …«

»Für mich getan hast?«, beendete ich den Satz. »Mal ehrlich, was erwartest du, eine Belohnung? Dafür, dass du eingewilligt hast, mit einer jungen Frau ein Ding zu drehen, für das sie im Gefängnis landen könnte?«

Seine Kinnlade klappte herunter. »Ist das dein Ernst?«

Ich gestattete mir ein Lachen. »Worauf du dich verlassen kannst, Freundchen.«

Er verzog das Gesicht. »Soll das ein amerikanischer Akzent sein?«

»Nicht gut?«, fragte ich mit meiner normalen britischen Aussprache.

»Grauenhaft.«

»Siehst du, Jimmie? Selbst in so einer Situation kannst du noch Scherze machen.« Ich tätschelte ihm den Arm. »Du bist wirklich eine Marke.«

Er schüttelte langsam den Kopf. »Du beklaust mich! Machst du denn vor gar nichts halt?«

»Aber nicht doch. Ich beklaue dich nicht. Ich passe nur für dich auf deinen Pass auf.« Ehe er etwas erwidern konnte, fuhr ich rasch fort. »Also, wir machen Folgendes: Du nimmst mich nach Kalifornien mit.« So lautete die Adresse in seinem Pass; es war ein irrsinniger Glückstreffer gewesen.

»Aber da muss ich gar nicht hin! Die Seidenstrümpfe sind doch hier.« Verstohlen sah er sich um und senkte die Stimme, als er den Beamten der Küstenwache am Tor bemerkte. »Wir treiben uns nur ein paar Tage hier rum und steigen dann auf den nächsten Passagierdampfer zurück nach Liverpool. So war es ausgemacht.«

»Ja, aber ich habe es mir anders überlegt«, erklärte ich geduldig. »Ich will nach Hollywood, und du bringst mich hin. Sobald du mich wohlbehalten abgesetzt hast, kriegst du deinen Pass zurück.«

»Warum müssen sich Frauen andauernd alles anders überlegen?« Er schüttelte trübselig den Kopf. »So verpasse ich den Mittelsmann für die Strümpfe.«

»Die Strümpfe sind mir piepegal, Jimmie, und ich komme nicht mit dir zurück. Kapiert? Noch mal zum Mitschreiben: Du bringst mich nach Hollywood. Dann bekommst du deinen Pass wieder.«

»Warum kann ich dir nicht einfach das Geld geben, um allein hinzufahren?«

»Weil ich keine Ahnung habe, wie das funktioniert, und jemanden brauche, der mir hilft.« Ich war nicht vollkommen blauäugig. Eine zwanzigjährige Engländerin ganz allein in Amerika mit wenig Geld und keinen Freunden? Das konnte nur schiefgehen. Außerdem benötigte ich Zeit, um mitgehen zu lassen, was er sonst noch bei sich hatte. »Bring mich einfach hin, anschließend musst du mich nie mehr wiedersehen.«

»Du bist der furchtbarste Mensch, dem ich je begegnet bin. Weißt du das?«

»Danke!«, sagte ich fröhlich. »Also, wollen wir dann mal?« Die anderen Passagiere hatten sich mittlerweile zerstreut, durch die Passkontrolle hinaus in die Straßen New Yorks. »Ich muss vorher nur kurz aufs Klo.« Ich sah mich um und entdeckte eine Bedürfnisanstalt. »Bin gleich wieder da!«

Ich wühlte den Reisepass aus meinem Schlüpfer und pinkelte bei der Gelegenheit noch schnell. Während ich mir die Hände wusch, betrachtete ich mich in dem kleinen Spiegel über dem Becken. Ich frohlockte. Nein, mehr noch – ich triumphierte.

»Du bist jetzt Loretta«, sagte ich zu mir selbst. »Herzlich willkommen in deinem nagelneuen Leben.«

2

Sechs Tage waren wir unterwegs, bis wir in Hollywood ankamen. Es war der 23. Mai 1950; das Datum bleibt mir für immer ins Gedächtnis eingebrannt. Von jenem Tag an musste ich Jimmie niemals wiedersehen. Zum Glück. Mit jemandem zu reisen, der mich hasste, war … strapaziös gewesen.

Aber jetzt waren wir da. Noch nie im Leben war ich so froh gewesen. Beim Aussteigen aus dem Zug klappte mir der Kiefer herunter. Allein auf dem Bahnsteig zu stehen, war unglaublich aufregend, es wimmelte von Leuten in schicken Anzügen und Kleidern mit Wespentaille. Amerikas Provinznester verblassten wie eine schlechte Erinnerung, und mir war auf einmal egal, dass ich seit fast einer Woche dasselbe Kleid trug.

Jimmie und ich standen einander gegenüber, ich streckte ihm die Hand entgegen. »War mir eine Freude, mit dir Geschäfte zu machen.«

Er ignorierte meine Geste. »Wo ist er?«, blaffte er.

Seufzend kniete ich mich vor meinen Kosmetikkoffer; das mit dem Schlüpfer hatte ich nach einer Weile aufgegeben, weil ich nicht wollte, dass sich der Pass komplett auflöste. Noch ehe ich wieder aufstehen konnte, riss Jimmie ihn mir aus der Hand und stopfte ihn in seine Brusttasche.

»Sollten wir uns jemals wieder über den Weg laufen, haust du besser schnell ab.«

»Hollywood ist eine kleine Stadt.« In Wahrheit hatte ich keine Ahnung, wie groß es war.

»Ganz genau. Deshalb solltest du hoffen, dass du mich zuerst entdeckst.«

Als er wegging, rief ich ihm noch ironisch ein zärtliches Abschiedswort nach, woraufhin er mir beide Mittelfinger zeigte. Ich lachte und reckte ebenfalls einen in die Höhe, als er in ein Taxi stieg.

So viel dazu. Ich überlegte, wie lange es wohl dauerte, bis er bemerkte, dass ich ihn um einen der größeren Dollarscheine in seiner Brieftasche erleichtert hatte. Na ja, eigentlich um zwei. Genau genommen um drei.

Ich folgte den anderen Reisenden auf die Straße hinaus. Es war ganz genau wie in der Wochenschau, die zu Hause in Morecambe im Odeon vor dem Hauptfilm lief. Unzählige Male hatte ich mit Enid im Dunkeln gesessen, fasziniert von dem Glamour und mit dem insgeheimen Traum, eines Tages selbst hier zu sein. Palmen wiegten sich in einer sanften, milden Brise. Im Norden lagen Hügel in Grau- und Blautönen. Die Wärme sickerte in meine müden Knochen.

Ich trieb mich ein Weilchen in der Bahnhofshalle herum, blätterte durch Broschüren, gab ein paar kostbare Cents für eine Flasche Coca-Cola aus, die mit Strohhalm serviert wurde. Es war seltsam, aber ich war fast unwillig, den nächsten Teil meines Abenteuers zu beginnen. Ich wollte nicht enttäuscht werden; ich hätte es nicht ertragen, wenn sich Hollywood als öde und langweilig herausstellte statt als der glamouröseste Ort der Welt. Nach allem, was ich auf mich genommen hatte. Irgendwann allerdings musste ich mich auf den Weg machen. Der Bahnhofsvorsteher beäugte mich bereits misstrauisch.

Ich trat wieder auf die Straße ohne eine Ahnung, wohin ich mich wenden sollte. Mit offenem Mund und einem imaginierten Schild mit der Aufschrift »Bitte nehmen Sie mir all mein Hab und Gut weg« um den Hals wollte ich nicht länger als unbedingt nötig dort rumstehen.

Mir fiel ein Wegweiser zum Sunset Boulevard ins Auge. Warum also nicht einfach dort anfangen. Ohne mich um meine drückenden Schuhe zu kümmern, marschierte ich mit selbstsicherem Gang los – der mindestens genauso unecht war wie der Streifen der »Nylons«, den Mum sich während des Kriegs immer aufgemalt hatte. Mir schoss durch den Kopf, dass ich möglicherweise der einzige Mensch auf der Welt war, der jemals zu Fuß nach Hollywood gelaufen war, aber diese lange, gerade Straße lag vor mir wie eine Einladung, gesäumt von Fahnenmasten, die bis in den Himmel reichten, und Plakaten, die Werbung für Schlitz Beer und Wallichs Music City machten. Es lag ein Duft von Zitronen in der Luft, der von den Plantagen rechts und links der Straße herüberwehte.

Ich bin in Kalifornien, und es gibt hier echte Zitronenbäume! Träumte ich?

In einem Schaufenster erhaschte ich einen Blick auf mein Spiegelbild. Du hast es geschafft. Du bist hier!

Meine Stimmung hob sich. Ich hätte mir keine Sorgen zu machen brauchen. Es war eindeutig, dass Hollywood mich kein bisschen enttäuschen würde. Am liebsten wäre ich losgerannt oder hätte jemanden umarmt, aber ich wollte nicht gleich als Erstes verhaftet werden.

Einen solchen Ort hatte ich noch nie gesehen. Alles war so neu. Und groß. Neu und groß. Reklametafeln ragten vor mir auf. Selbst die Kirchen, an denen ich vorbeikam, waren sichtlich schnell hochgezogen worden, gigantische Betondenkmäler zur Ehre der schieren Größe, umringt von Palmen. Und diese Bürgersteige! Von überall und nirgendwoher strömten Menschen herbei, wie Statisten an einem Filmset. Beflügelt kaufte ich mir in einem Geschäft eine Postkarte und eine Marke, um auf einen Briefkasten gestützt nach Hause zu schreiben:

Allerliebste Enid, (Das würde sie bestimmt zum Lachen bringen.)

bin per Automobil in Beverly Hills angekommen. Könnte nicht besser sein! (Gelogen.)

Amüsiere mich prima! (Ebenfalls gelogen.) Die Bäume sind so hoch, und der Himmel ist richtig blau, und es ist so warm. Ich hätte dir meine Strickjacken dalassen sollen.

Ich wünschte, Du könntest das alles sehen. Ich vermisse Dich sehr. Wenn ich mich besser eingelebt habe, schreibe ich wieder.

Alles Liebe, Margaret

Zögerlich ergänzte ich noch ein P.S.

Bitte verzeih mir.

Ich leckte die Briefmarke an und drehte die Karte um, auf der Autoschlangen auf dem Hollywood Freeway abgebildet waren. Ganze vier Spuren! Warum nicht jede Fahrt zum Strand in einem Blutbad endete, war mir ein Rätsel.

Eine Frau mit Kinderwagen lief vorbei. Sie wirkte recht freundlich.

»Hallo!«, sprach ich sie an. »Wissen Sie vielleicht, wo man Zimmer mieten kann?«

Wortlos beschleunigte sie ihre Schritte.

Nicht weit von mir lehnte ein Mann an einer Mauer. Er stieß sich ab, kam auf mich zu und zog eine zusammengerollte Zeitung unter der Achsel hervor. »Hier, sehen Sie mal in die Kleinanzeigen.«

Ich zögerte. »Wo ist es billig?«

»Nirgends.« Grinsend ging er weiter.

Ich suchte mir eine Bank und strich die Zeitung auf dem Schoß glatt, um die Anzeigen zu überfliegen, die alles Mögliche versprachen, Klimaanlage, moderne Küche, Privatparkplatz … die Preise waren schwindelerregend.

In diesem Moment fiel ein Schatten auf mich. Als ich den Kopf hob, stand eine Frau in einem Satinkleid vor mir, das am helllichten Tag deplatziert wirkte. Sie trug mehrere große Papiereinkaufstüten, von denen sie eine auf der Hüfte abstützte, um mir einen Kaugummi aus ihrer Handtasche anzubieten.

»Vielen Dank.«

»Sind Sie Engländerin?«

Meine Augen weiteten sich vor Schreck. »Woher wissen Sie das?«

»Der Akzent, Dummchen!«

Sie schob meinen Kosmetikkoffer aus dem Weg, und ich rutschte auf der Bank zur Seite, damit sie sich neben mich setzen konnte. Wir mussten ein seltsames Paar abgeben, ich völlig zerzaust, sie todschick.

»Lassen Sie mich raten.« Sie deutete mit dem Kopf Richtung Bahnhof. »Sie sind hier, um sich Ihre Träume zu erfüllen. Stimmt’s?«

»Bei Ihnen klingt das so vorhersehbar.«

Sie sah mich amüsiert an. »Ist es ja auch.«

Ich wollte schon aufstehen, aber sie hob eine Hand. »Warten Sie, ich wüsste eine freie Wohnung. Bei mir im Nachbarhaus. Sie haben Glück, dass wir uns über den Weg gelaufen sind!« Sie beugte sich vor. »Es gibt zwar keine Mietpreisbindung, und es wimmelt von Kakerlaken, aber …« Sie zuckte die Schultern. »Es ist billig, und man lässt Sie in Ruhe.«

Mietpreisbindung? Kakerlaken? Ich verstand nur Bahnhof, aber das Wort »billig« reichte mir.

»Können Sie mir die Adresse nennen?«, fragte ich.

Sie musterte mich von Kopf bis Fuß, als wäre sie noch unentschlossen. »Haben Sie Geld?«

»Ja.« Womit die von Jimmie gestohlenen Dollars gemeint waren, die leicht angeschwitzt in meinem BH steckten.

Ohne Vorwarnung sprang sie auf. »Das Taxi geht auf Sie.«

»Moment mal …«

Aber sie stand bereits am Rand des Bürgersteigs und pfiff nach einem Wagen. Als einer anhielt, zog sie die hintere Tür auf, stieg ein und kurbelte das Fenster herunter; die Scheibe schob sich quietschend zwischen die Gummilippen. Dann legte sie den Arm auf den Rahmen.

»Kommen Sie jetzt, oder was?« Ihr Lächeln war so breit, dass ich nicht anders konnte, als es zu erwidern.

Der Taxifahrer hupte laut und ausgiebig. »Na los, Fräulein!«

Ich erhob mich hastig und kletterte mit meinem Kosmetikköfferchen und meiner kleinen Reisetasche auf den Rücksitz, während ihm meine neue Freundin eine Adresse nannte.

Als der Fahrer sie hörte, fluchte er halblaut und riss das Lenkrad herum. Nach ein paar Sekunden hin und her geschleudert werden auf dem Rücksitz, hielten wir mit quietschenden Bremsen an einer Kreuzung, wo der Fahrer ein paar Kraftausdrücke mit einem Kollegen wechselte.

»Ich bin übrigens Primrose.« Sie streckte mir die Hand hin, ohne sich um das Gefluche zu kümmern.

Ich klemmte mir mein Köfferchen unter die Achsel. »Hallo. Loretta.«

»Also, was sind Sie?«

Was ich war?

»Maskenbildnerin.« War ich nicht. Noch nicht, weit entfernt davon. Aber das brauchte sie nicht zu wissen. Und außerdem würde ich, musste ich eine werden, sonst wäre alles, was ich getan hatte, um es bis hierher zu schaffen, niemals zu rechtfertigen gewesen.

Sie nickte. »Süß.«

»Und … was sind Sie?«

»Ich?« Sie wechselte im Rückspiegel einen Blick mit dem Fahrer. Perlendes Lachen. »Ach, Darling, ich bin Prostituierte.«

3

Der Vermieter versicherte mir, dass es sich bei der Wohnung um ein Schnäppchen handelte. Ein möbliertes Apartment für siebenunddreißig Dollar im Monat, eine Summe, bei der ich Herzklopfen bekam. Ich hatte genug für die Kaution und die ersten zwei Wochen. Danach …

»Ich kann bei der Miete nicht kleinlich sein«, erklärte er mir, als würde er mir einen riesigen Gefallen tun. Wie sich herausstellte, wohnte ich ab sofort Tür an Tür mit dem berühmtesten Bordell Kaliforniens, dem Hacienda Arms, das, wie ich erfuhr, zufälligerweise von meiner neuen Freundin geführt wurde. Mein künftiger Vermieter drückte mir noch eine Schachtel Kakerlakenfallen in die Hand. »Halten Sie alles gut in Schuss, dann wird das schon. Lassen Sie sie nicht die Wände raufkrabbeln.«

Die ersten Tage schlief ich nur. Mein Gott, wie ich schlief! Natürlich kehrten die Albträume immer wieder, aber daran war ich gewöhnt.

Nach einer Weile raffte ich mich auf und ging auf Arbeitssuche. Ich fand eine Stelle in einem Diner namens Van de Kamp’s, wo man mir keine unangenehmen Fragen stellte und es Geld bar auf die Hand gab.

»Wie heißen Sie?«, fragte der Geschäftsführer über ein Bestellformular für Uniformen gebeugt.

»Loretta.« Der Name kam mir bereits so leicht über die Lippen, als hätte ich schon mein ganzes Leben so geheißen.

Er schrieb ihn sich auf. »Sollte am Mittwoch fertig sein. Bis dahin sind Sie Bertha.« Er gab mir eine viel zu große Uniform. Ich trug sie drei Tage lang, innerlich wutschäumend. Ich meine, sah ich etwa wie eine Bertha aus?

Aber was für ein Tag, als mein eigenes personalisiertes Outfit eintraf! Geht doch, Loretta. Ich hatte ein besticktes Tüchlein zum Beweis, also musste es stimmen. Meine neue Uniform war rosa und türkis, an Kragen und Ärmelsaum kontrastfarbig abgesetzt, und das Namenstüchlein steckte in einer unglaublich niedlichen Brusttasche.

»Machen Sie sich hübsch«, sagte der Geschäftsführer zu mir. »Das mögen die Gäste.«

Jeden Morgen schminkte ich mich vor dem gesprungenen Badezimmerspiegel in meiner Wohnung. Ich tupfte mir einen dezent rosigen Schimmer auf die Wangen, zeichnete meine Augenbrauen nach, tuschte mir die Wimpern. Die Julia zu Hollywoods Romeo. Währenddessen wiederholte ich meinen Namen wie ein Mantra, übte ihn vor dem Spiegel. »Wie ich heiße? Loretta.«

Es funktionierte. Ich fand riesigen Anklang! Oft arbeitete ich zwei Sechsstundenschichten nacheinander. Die Gäste stützten das Kinn auf die Hand und fragten mich, ob ich jemals dem König begegnet sei. So etwas konnte man sich gar nicht ausdenken! Also, manche von diesen Leuten lebten wirklich hinter dem Mond.

Anfangs kam ich morgens extra früh, um die unterschiedlichen Gerichte auswendig zu lernen.

»Siehst du das?« Jake hielt ein Ei hoch. Er arbeitete seit zwanzig Jahren in dem Diner und sagte gern den Satz: »Such dir einen Job, den du liebst, und du arbeitest keinen Tag deines Lebens.« Jake musste es wirklich geliebt haben, fünfzig Pancakes am Tag zu backen.

Ich zuckte die Schultern. »Das ist ein Ei, Jake.«

Er schüttelte den Kopf. »Eben nicht.« Er schlug die Schale mit einem Küchenmesser auf und kippte das Ei auf die heiße Platte, wo es zischte und brutzelte. Dann zeigte er mit dem Messer auf mich. »Es gibt Spiegelei, beidseitig gebratenes Spiegelei in flüssig oder fest, Rührei, extraweiches Rührei, pochiertes Ei, gebackenes Ei.« Mit einem Schaber wendete er das Ei. »Mal ganz zu schweigen von Omeletts.«

»Ich wusste gar nicht, dass das so eine Wissenschaft ist«, sagte ich matt.

»Tja, das musst du alles noch lernen.« Er bestrich zwei Brotscheiben dick mit Butter, ließ das Ei auf eine der Scheiben gleiten, drückte die andere darauf und reichte mir den Teller. »Ketchup steht da drüben.«

Ich setzte mich ihm gegenüber, und Jake beobachtete aufmerksam, wie ich den ersten Bissen nahm. »O Gott, das schmeckt unglaublich«, stöhnte ich, während mir Butter über die Finger rann. Was stimmte. In England waren Eier immer noch rationiert.

Von dem ganzen kostenlosen Essen, das er mir servierte, bekam ich die perfekte Bikini-Figur; wenn wir freihatten, gingen wir gern zu mehreren Kolleginnen an den Strand, trafen uns dort mit Primrose’ Gang und legten uns in die kalifornische Sonne. Ich wurde nie braun, bekam nur mehr Sommersprossen.

Allmählich lernte ich, wie diese Stadt funktionierte. Sie war sehr hierarchisch aufgebaut, und wenn man ganz unten rangierte, kümmerte sich niemand um einen. Prostituierte, Kellnerinnen, wir waren alle Freundinnen, und das half. Ich konnte üben, üben, üben! Gesichter – davon bekam ich gar nicht genug. Aber es waren die Prostituierten und ihre Körper, von denen ich am meisten lernte. Falls jemand glaubt, bei Sex als Beruf gehe es nur darum, sich auf den Rücken zu legen, irrt er. Diese Frauen arbeiteten hart in ihrem Handwerk.

»Tu mir einen Gefallen«, sagte Primrose nach einem Strandtag zu mir, nachdem wir uns alle in meinem Badezimmer abgeduscht hatten. Sie zog eine junge Frau zu mir, nackt, wie Gott sie schuf, mit dem Körper eines Engels und einem so faulen Mundwerk, dass ich bei aller Liebe niemals hätte wiederholen können, was sie von sich gab. »Mach sie schön. Und damit meine ich komplett.«

Ich begutachtete Rosa in all ihren Details. Ob das ihr echter Name war, wusste ich nicht; meistens war das nicht der Fall. Aber diese geschwungenen Lippen, Brustwarzen wie Blütenknospen, Hüften, die sich zu einer zarten Taille verjüngten – was auch immer in Amerikas Genpool herumschwamm, die Ergebnisse überzeugten. In der untergehenden Sonne schimmerte das Licht auf ihrer Haut, als wäre sie mit Vaseline eingecremt.

Rosa schob ihre Hüfte so heraus, dass ihr Körper ein kurviges S bildete.

»Steig mal bitte auf diesen Hocker.« Ich holte mir meinen dicksten Schminkpinsel und begann zu malen. Denn so kam es mir vor – wie echtes Malen. Ich machte eine Frau schön.

Zuerst ließ ich ihre Brustwarzen noch etwas rosiger erstrahlen, dann kaschierte ich mithilfe weißer Kreide die Dehnungsstreifen an ihrem Bauch. Ihre Waden waren zum Niederknien, modelliert durch das ständige Tragen hoher Absätze, also schattierte ich sie, um ihre Form zusätzlich hervorzuheben. Noch mehr weiße Kreide in die Grübchen hinter ihren Fußknöcheln und dann dunkleren Puder, um die wohlige Falte zwischen ihren Brüsten zu betonen. Brüste, zwischen denen sich jeder Mann mit Freuden vergraben hätte. Auch jede Frau. Rosa hatte alles – nur, dass ich ihr noch mehr geben konnte.

In Morecambe, in der Kosmetikabteilung von Woolworth, hatte ich geglaubt, es ginge darum, die Kundin über den Tisch zu ziehen, sie zu überreden, sicherheitshalber noch einen zweiten Lippenstift zu kaufen, oder steif und fest zu behaupten, dass Koralle unbedingt ihre Farbe sei, obwohl sie damit in Wirklichkeit wie ein Clown aussah. Geliebt hatte ich das Zeug immer, also die Kosmetik, meine ich, aber erst jetzt begriff ich allmählich ihre wahre Macht. Eine Maskenbildnerin veränderte nicht nur die Oberfläche; sie veränderte, wie Menschen sich in ihrem Herzen fühlten, in ihrer Seele. Wie sie sich verhielten. Wenn ich damals einer Kundin nachblickte, die den Laden verließ, dann sah ich jemanden, der seine Schultern straffte, bereit, einem Ehemann zu widersprechen oder vielleicht um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Für den Preis eines Lippenstifts veränderte ich das Leben von Menschen. Half ihnen, sich im besten Licht zu sehen. Machte mich das zu einer Heiligen? Nein. Ich veränderte darüber ja auch mein eigenes Leben. Aber es machte mich nützlich, besonders an einem Ort wie Hollywood. Ich hatte meinen Traum gefunden – den Traum anderer –, und um kein Geld der Welt wollte ich das wieder aufgeben.

Besonders nicht jetzt.

Ich war Loretta, Darling. Sollte doch jemand versuchen, mich aufzuhalten.

4

Als ich Raphael Goddard zum ersten Mal erblickte, hatte ich schon zehn Frühstücke serviert.

Den ganzen Morgen waren Gäste gekommen und gegangen, und ich hatte irrsinnig viel zu tun, deshalb nahm ich kaum zur Kenntnis, dass die Tür zuknallte. Kurz darauf allerdings flaute der übliche Lärm im Lokal ab. Ich hielt im Serviettenstapeln inne. Mütter gafften und vergaßen dabei ganz, auf ihre Kinder zu achten. Väter runzelten die Stirn. Fast jeder sah hin. Da entdeckte ich ihn, die Silhouette golden umrandet von der durch die Glastür hereinfallenden Sonne.

Blonde Locken wie ein Engel und ein dazu passendes Gesicht. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn bei seiner Ankunft ein himmlischer Chor zu singen begonnen hätte. Vermutlich genauso wie er selbst. Mit den Händen in den Hosentaschen und der leicht hochgezogenen Oberlippe strahlte er stets eine gewisse Arroganz aus.

Er setzte sich auf einen Barhocker und verzog den Mund zu einem Lächeln, das das gesamte Lokal erleuchtete. Falls ich das alles religiös klingen lasse, dann, weil es sich so anfühlte. Es gibt Momente, in denen man einfach spürt, dass sich das Leben für immer verändern wird, und bei dieser Gelegenheit merkte ich es daran, dass in meinem Slip ein Feuer ausgebrochen war. Ganz im Sinne von Moses und dem brennenden Dornbusch.

Trotz der ganzen Bibelsache, die sich in meinem Unterleib abspielte, gelang es mir gerade so eben, ihm eine laminierte Karte hinzustrecken.

Er warf nicht einmal einen Blick darauf. »Schoko-Milchshake.«

Ich zögerte, unsicher, ob ich richtig verstanden hatte. »Zum Frühstück?«

Er sah mich an. »Genau, zum Frühstück.«

Ich ging zum Mixer und hielt einen silbernen Löffel hoch. »Mit Eis?«

»Selbstverständlich.«

Eine Minute später schob ich ihm das vor Kälte beschlagene Glas über den Tresen. Ich wartete darauf, dass er es annahm, überlegte, ob – hoffte, dass – unsere Finger sich vielleicht dabei berühren würden.

»Krieg ich noch Schokosoße extra?«

Ich griff nach der Flasche und quetschte eine großzügige Portion auf den Shake.

Die ganze Zeit über wandte er nicht den Blick von mir ab. »Und ein paar von den Graham-Keksen, wenn Sie schon dabei sind.«

Ebenfalls ohne mich abzuwenden, holte ich einen Keks aus der Dose, brach ihn in zwei Stücke und legte sie auf den Unterteller seines Shakes.

Endlich schien er zufrieden. »Danke.«

Ich machte einen scherzhaften Knicks. »Bitte sehr.«

Als er nach dem Glas griff, fiel mir etwas Silbernes ins Auge, ein Manschettenknopf, und darunter eine klobig wirkende Armbanduhr. Und mit klobig meine ich teuer.

Er bemerkte meinen Blick, streckte den Arm aus und zog den Ärmel etwas hoch. »Das ist eine Omega Seamaster. Die Uhr für den sportiven Typ.«

Er hätte genauso gut französisch sprechen können. »Klingt nobel.«

»Und mein Hemd ist aus einem Seiden-Leinen-Gemisch, das können Sie sich auch gleich notieren. Feinster italienischer Stoff.« Er zupfte den Ärmel wieder zurecht. »Gefällt Ihnen, was Sie sehen?«

»Kann sein. Sie sind ziemlich von sich überzeugt, oder?«

»Aber immer doch«, gab er wie aus der Pistole geschossen zurück.

Was für ein Ego!

Ich überließ ihn seinem Milchshake und widmete mich wieder meiner heimlichen Lektüre hinter dem Tresen. Momentan versuchte ich, mich darüber zu informieren, wie die Welt der Studios funktionierte, die offenbar von lauter Geheimcodes und Praktiken bestimmt war, die eine Außenseiterin wie ich niemals durchschauen konnte. Ich gab mir trotzdem Mühe. Aus einer von einem Gast liegen gelassenen alten Ausgabe der LA Times hatte ich mir die Hollywood-Kolumne von Hedda Hopper ausgeschnitten.

UNFAIR! Paramount gibt zu, dass Phyllis Loughton wundervoll ist. Der einzige Grund, warum sie keine vollwertige Regisseurin aus ihr machen wollen, sei, so wurde mir gesagt, dass man befürchte, die Männer würden keine Anweisungen von einer Dame entgegennehmen. Seit wann, meine Herren, seit wann denn?

»Sind Sie ein Fan von Hedda?«

Er beugte sich über den Tresen und kontrollierte dreist meinen Lesestoff; dabei kam er mir so nah, dass ich den Zedernholzduft seines Rasierwassers riechen konnte.

Aus dem Konzept gebracht, faltete ich den Artikel zu einem festen, kleinen Quadrat und schob ihn mir in die Schürzentasche. »Geht Sie gar nichts an.«

Ich ging ans andere Thekenende, um Kaffee nachzuschenken. Als ich zurückkam, hatte er seinen Shake ausgetrunken.

Ich gab ihm seine Rechnung. »Sie können an der Tür zahlen.«

Statt aufzustehen, stützte er das Kinn auf die Hand und betrachtete mich eindringlich, die Stirn forschend gerunzelt.

Ich hielt mit der Hand auf der Glasabdeckung einer Kuchenplatte inne. »Was ist?«

»Jetzt weiß ich es.« Er deutete mit dem rot-weißen Strohhalm auf mein Kellnerinnen-Käppchen. »Es ist die Frisur.«

Ich fasste mir in den Nacken. »Was soll damit sein?«

»Sehen Sie sich mal um.«

Ich musterte die Gäste.

Wieder lehnte er sich über den Tresen und winkte mich näher zu sich. »Ich sag es Ihnen ins Ohr.«

Hastig sah ich mich über die Schulter nach meinem Chef um, dann stellte ich mich auf die Zehenspitzen und beugte mich ebenfalls vor.

»Es ist wegen Audrey Hepburn«, flüsterte er mit heißem Atem. »Sie trägt seit letztem Donnerstag den Pony anders. Er ist jetzt zu den Ohren hin abgeschrägt.«

Mein Blick huschte durch den Raum. Er hatte recht! Jetzt war es unübersehbar. Alle Frauen hatten ihren Kurzhaarschnitt dezent umfrisiert. Ich befeuchtete meine Finger und zupfte hastig an meinem Pony herum. Sein schiefes Lächeln trieb mir das Blut in die Wangen. Irgendwie hasste ich ihn jetzt schon. Aber genau da breitete sich ein Strahlen auf seinem verfluchten, attraktiven Gesicht aus. In dem Moment hatte er mich erobert, und das wusste er. Ebenso wie ich.

»Werden Sie rot?«

»Nein.«

»Macht auf mich den Eindruck. Sind Sie neu in der Stadt?«

»Verrate ich nicht.«

»Eltern?«

Für wen hielt der sich? »Geht Sie gar nichts an.«

»Fräulein?«, rief ein anderer Gast nach mir und deutete auf seinen Teller.

Ich holte ihm beim Koch eine weitere Portion fettigen Speck. Als ich zurückkam, hatte sich mein neuer Freund nicht von der Stelle gerührt. Er schob mir eine Visitenkarte über den Tresen: Raphael Goddard, Blue Book Modellagentur.

Meine Haut prickelte. »Blue Book?«, sagte ich herablassend. »Nie gehört.« Natürlich hatte ich davon gehört! Aber das sollte er nicht wissen. In sämtlichen Zeitschriften standen Anzeigen für Blue Book als Anlaufstelle für junge Models.

»Sie müssen wirklich noch sehr blauäugig sein.« Seine Augen funkelten erheitert, als hätte er meine Flunkerei sofort durchschaut. »Wir haben die besten Models unter Vertrag. Lassen Sie sich den Pony schneiden, dann entsprechen Sie perfekt unserem Profil.«

»Wer sagt denn, dass ich Model werden will?« Inzwischen glühten meine Wangen regelrecht.

»Was denn sonst? Lassen Sie mich raten. Starlet? Dabei können wir Ihnen ebenfalls behilflich sein.«

Ich lächelte verkniffen. »Weit gefehlt. Ich habe nicht vor, Geld für hoffnungslose Träume aus dem Fenster zu werfen.«

Auch das schien ihn zu amüsieren. »Also gut, was möchten Sie wirklich?«

Als sich unsere Blicke miteinander verwoben, wurde mir am ganzen Körper heiß. Die Spannung zwischen uns war nahezu greifbar. »Ich werde Maskenbildnerin«, sagte ich, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. »Für die Stars.«

Er stieß einen leisen anerkennenden Pfiff aus und machte Anstalten, seine Visitenkarte wieder einzustecken. »Dann brauchen Sie mich natürlich nicht.«

Hastig legte ich ihm eine Hand auf den Unterarm und spürte die Muskeln darin. »Die behalte ich«, sagte ich und steckte mir die Karte in die Schürzentasche.

»Aber Sie haben schon einen Job«, bemerkte er mit einem Blick durch das Lokal. Seine Miene verriet Erheiterung, als glaubte er nicht wirklich an meine Träume.

»Ich halte mir gern mehrere Wege offen«, gab ich zurück.

Er legte den Kopf schief. »Sehr vernünftig.« Er machte eine Pause. »Sind Sie das? Vernünftig?«

»Was glauben Sie?«

Er lehnte sich zurück. »Ich hoffe, nicht.«

»Langweilig?«

»Tödlich.« Demonstrativ sah er auf den Namen auf meinem Einstecktüchlein. »Tja, Loretta, vielleicht können wir uns unterhalten.«

»Wann?«

»Loretta, Tisch sechs wartet!«

Widerstrebend wandte ich mich zum Gehen.

»Sie haben meine Nummer. Rufen Sie mich an.« Er klatschte zwei Scheine auf den Tresen und ging. Ganze zwei Dollar! Doch ehe ich reagieren konnte, war er bereits auf die Straße hinausgetreten.

»Tisch sechs, Loretta!«

Missmutig machte ich mich auf den Weg zu der vierköpfigen Familie, Papi mit Fotoapparat um den Hals. Touristen.

Während ich die Bestellung aufnahm, beobachtete ich Raphael Goddard, der lässig den Bürgersteig entlangspazierte, als wäre er vollkommen entspannt. Als würde sein Herz nicht wild pochen, wie es meines tat. Oder so, als wäre ihm nicht unnatürlich heiß und schwummerig wie mir. Er musste ein wahres Schlitzohr sein, und das machte ihn für mich noch reizvoller. Vollkommen verrückt, oder? Aber das Gehirn ignoriert, was das Herz will.

Als er um die Ecke verschwand, wusste ich, dass ich ihn begehrte, wie ich noch nie einen Mann begehrt hatte. Und ich wollte verflucht noch mal dafür sorgen, dass wir uns wiedersahen.

5

Das Hotel lag hinter einer breiten, von Apartments flankierten Rasenfläche. Fahnen flatterten an Türmchen, die Palmen reichten bis in den Himmel. Das hier war nicht einfach nur ein Hotel, es war ein ganzer Komplex. Golfplatz, Ballsaal, Theater, Papageien auf der Veranda und mehr weiß behandschuhtes Personal, als ich zählen konnte. Ich brauchte eine halbe Stunde, um die Lobby zu finden, und bis dahin schmerzten meine Füße bereits höllisch.

Er hatte ein Sofa im Cocoanut Grove gekapert. War das etwas Judy Garland an der Theke? Im Vorbeigehen beäugte ich ihre Schuhe, aber sie waren weder rot noch paillettenbesetzt. Enttäuschend. Stattdessen trug die Frau Pantoletten mit niedrigem Absatz, die viel zu bequem für einen Filmstar wirkten.

»Sie haben sich den Pony stutzen lassen«, sagte Raphael statt einer Begrüßung.

»Ach ja?« Ich versuchte, mich lässig zu geben, aber der unbewusste Griff an meine Stirn verriet mich. Auf dem Weg hierher war ich kurz bei Primrose gewesen, die mich mit ihrer Küchenschere und einem Geschirrtuch um die Schultern rasch umfrisiert hatte.

Während ich mich auf den Sessel ihm gegenüber fallen ließ, musterte er mich eingehend. Ich trug mein Twinset mit den aufgestickten Perlen, sorgsam kombiniert mit einem Tellerrock, der meine Taille betonte. Mein Make-up war dezent; ein Hauch von Rosa auf der Stirn, derselbe Farbton auf den Wangen. Superzarter Puder und ein paar wenige Sommersprossen. Die falschen Wimpern einzusetzen war ein Albtraum gewesen, weil der Kleber in der Hitze einfach nicht halten wollte. Trotzdem war ich froh, mir die Zeit genommen zu haben – ich fühlte mich einem Ort wie diesem gewachsen.

Ein großer, niedriger Marmortisch stand zwischen uns auf dem dicken weißen Teppich, der durch die gleichmäßigen Staubsaugerstreifen wirkte wie ein getrimmter englischer Rasen. Raphael kam mir sehr weit weg vor.

Er hielt sein Cocktailglas hoch und winkte einen Kellner mit dem Zeigefinger zu sich. »Noch so einen.« Er tippte mit dem Nagel gegen den Rand.

»Sagen Sie nie bitte?«, fragte ich, nachdem der Kellner gegangen war.

Raphael lachte. »Nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt.«

»Also, warum wollten Sie sich mit mir treffen?«

»Sie haben mich angerufen, schon vergessen?«

»Sie haben mir Ihre Visitenkarten gegeben, schon vergessen?«

»Sie haben mich durch die Fensterscheibe beobachtet, schon vergessen?«

Verflixt.

Der Kellner kehrte zurück und stellte mir ein Glas hin, in dem etwas kleines Grünes schwamm. Ich beäugte es.

»Das ist eine Olive«, erklärte Raphael.

»Weiß ich.« Ich trank einen großzügigen Schluck und unterdrückte ein Würgen, das mir die Kehle hinaufstieg.

Raphael hob sein Glas, um mit mir anzustoßen. »Und es ist ein Martini.«

»Ich bin nicht völlig von gestern.« Suchend sah ich mich um, als rechnete ich jeden Moment damit, einen Bekannten zu treffen.

Er wartete ungerührt, bis ich noch einmal an meinem Glas nippte. »Schmeckt Ihnen der Drink?«

»Ganz himmlisch.« Ganz furchtbar. Wollte er mich etwa umbringen?

Seine Lippen zuckten amüsiert. »Sie müssen ihn nicht trinken.«

»Er schmeckt mir.« Wieder musste ich husten. Mit tränenden Augen musterte ich forschend seine ärgerlich symmetrischen Gesichtszüge. »Warum machen Sie das? Sich mit einer Kellnerin aus einem belanglosen Diner verabreden?«

»Kleines, Sie bringen mich zum Lachen.« Keine wirkliche Erklärung, aber die Art, auf die er es sagte, ließ seine Worte wie das größte Kompliment klingen.

 

Drei Stunden und zwei Martinis später befanden wir uns in einem Hotelzimmer. Ich war nackt und der neue Haarschnitt vollkommen zerzaust. Meine Wangen röteten sich, und ich bekam eine Gänsehaut, als er das Laken aus ägyptischer Baumwolle herunterzog, um meine Kurven zu entblößen.

»Was willst du?« Insgeheim hoffte ich inständig, dass er mich nehmen wollte. In den Groschenromanen klang das immer ziemlich aufregend.

Raphael war mir so nah, dass ich jede einzelne Wimper erkennen konnte, während der Rest seines Gesichts wie eine Komposition aus Kreisen wirkte – die weichen Wangen, das Grübchen im vollen Kinn, eine Frische, die immer noch von Jugend zeugte. Nichts schlaff, nichts faltig. Ich fragte mich, wie lange es noch vorhalten würde. Ein paar Jahre, höchstens. Wenn er es als Schauspieler schaffen wollte, musste er sich beeilen.

Er beugte sich vor, um mich auf den Hals zu küssen. »Alles.«

Das klang nach … viel. Aber was auch immer er anbot, ich würde es nehmen. Er war so anders als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Nicht dass mein Erfahrungsschatz besonders groß gewesen wäre: ein bisschen Gefummel hinter dem Winter Gardens oder im ein oder anderen Türeingang; es ist erstaunlich, was man bewerkstelligen kann, wenn man noch zu Hause wohnt, aber unbedingt erwachsen werden möchte. Aber das hier war anders. Keine Straßenlaternen, kein nasser Asphalt, keine Pfiffe von Passanten. Das hier war Hitze und Licht und Kultiviertheit, alles in einem einzigen tollen Mann vereint. Ich wollte jeden Zentimeter von ihm kosten.

Er fuhr mit dem Finger die Kontur meines Kinns nach. »Bist du bereit?«

Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. »Bittest du etwa um Erlaubnis?«

Er schob mir eine Hand zwischen die Beine und fand dort seine Antwort.

6

Schwaches Morgenlicht fiel durch die Vorhänge. Immer noch vollkommen erledigt drehte ich den Kopf auf dem Kissen, um Raphael beim Schlafen zu betrachten. Männer lassen sich nicht gern sagen, dass sie schön sind, als wäre das eine Beleidigung ihres Testosteronspiegels, aber Raphael war es. Er war schön, sein Gesicht wie aus Marmor geschnitzt.

Er musste meinen Blick gespürt haben, denn er stöhnte schläfrig und streckte die Hand nach mir aus.

Ich rutschte zu ihm, vergrub die Nase in seiner Armbeuge und atmete den Morgenduft seines Körpers ein.

Er lachte leise in meine Haare. »Versuchst du, mich wach zu machen?«

»Nein!«

Er küsste mich auf die Nasenspitze und schob mir mit einer Fingerspitze eine Strähne aus dem Gesicht. »Letzte Nacht war nett, oder?«

»Nett?« Mir fielen andere Beschreibungen dafür ein.

Ich schmiegte mich noch dichter an ihn in der Hoffnung auf ein Zeichen, aber da schrillte ein Telefon.

Ein Telefon!

Gleich hier, neben dem Bett!

Raphael nahm den Hörer von der Gabel, ohne sich um meinen schmollenden Blick zu kümmern. »Hallo, Mick. Was gibt’s?«

Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang drängend. Raphael hörte zu, legte dann auf und schwang die Beine aus dem Bett.

»Los, los, Zuckerpuppe, raus aus den Federn!« Er marschierte Richtung Bad und rieb sich dabei den Rücken.

»Zuckerpuppe?« Ich streifte das Laken ab und rutschte an die Bettkante vor.

Ich hörte Wasser rauschen, dann spähte Raphael grinsend aus dem Bad, das Gesicht noch vom Schlaf zerknittert, eine Zahnbürste zwischen den Zähnen. »Zieh dich an.« Zumindest glaubte ich, dass er das sagte.

Er verschwand wieder hinter der Tür. Sekunden später spuckte er energisch aus. Dann kam er zurück ins Zimmer, während er sich das Gesicht mit einem Handtuch abwischte. Er war immer noch vollkommen nackt. Was für ein schöner Anblick.

»Wir müssen hier raus, und zwar dalli.« Er begann eilig hin und her zu laufen. »Mick kann uns nicht ewig den Rücken freihalten. Die Zimmermädchen kommen gleich.«

Eine Ahnung begann in mir zu keimen. Ich stand auf, das Laken an mich gepresst. »Du machst hoffentlich Scherze.«

Raphael stieg in seine Hose und stopfte das Hemd in den Bund. »Was?«

»Du weißt genau, was ich meine.«

»Ach, du wirst nicht gern Zuckerpuppe genannt? Ganz wie du meinst, entschuldige.«

Meine Mundwinkel zuckten. »Nicht das.«

»Ah, gut. Weil du nämlich eine bist.« Er begutachtete mich eingehend, wie ich da mit dem Laken bis unters Kinn gezogen vor ihm stand. »Du bist doch wohl keine von denen, die am nächsten Morgen ganz verschämt sind, oder?«

Ich ließ das Laken fallen, rannte quer durchs Zimmer und trommelte mit den Fäusten auf ihn ein. »Sag mir, dass wir für das Zimmer bezahlt haben!«

Er kniff die Augen zusammen. »Nein, Loretta. Wir haben nicht für das Zimmer bezahlt.« Sanft schob er mich von sich weg und griff nach seiner Jacke.

»Warum zum Henker nicht?«

Raphael stellte sich ans Fenster und spähte durch die Vorhänge auf den Bürgersteig hinaus. »Mick und ich tun einander gelegentlich einen Gefallen.«

Draußen im Flur ertönte das sanfte Pling eines Aufzugs, dann waren leise Stimmen und quietschende Rollwagenräder zu hören.

Mit aufgerissenen Augen zeigte Raphael auf die Tür. »Zimmermädchen. Wir müssen hier raus.«

»Ich kann nicht fassen, dass du mich in so eine Situation bringst«, zischte ich.

»Tja, da musst du jetzt durch, Kleines.«

»Aber du hast dich an der Rezeption angemeldet. Die wissen, wer du bist.«

Seine Lippen zuckten amüsiert. »Falscher Name.« Er nickte mir auffordernd zu. »Du schnappst dir jetzt besser mal deine Klamotten.«

Er erwartete ernsthaft von mir, dass ich in Rekordzeit in meine Sachen sprang.

Stattdessen blieb ich splitternackt vor ihm stehen.

»Zieh dich an«, wiederholte er.

»Sonst was?« Ich stützte die Hände in die Hüften; mir war inzwischen herzlich egal, was er oder irgendjemand anderes von mir sah.

Auf dem Flur hörte man das Klirren eines Schlüsselbunds.

»Komm schon. Das ist kein Spiel mehr.« Raphael klang jetzt besorgt.

»Ach, das Ganze soll ein Spiel sein, ja?«

»Loretta!« Ihm ging endgültig die Geduld aus. Er versuchte, sich einen Schuh anzuziehen, geriet dabei aus dem Gleichgewicht und hopste ein paar Schritte, stieß gegen das Bett und fiel rückwärts auf die Matratze. Er funkelte mich an. »Hör auf damit!«

Das ganze Schauspiel war lachhaft. Dies war der Mann, der mich mit seiner teuren Uhr und seinen Beziehungen in die Filmbranche beeindruckt hatte?

Aufreizend langsam schlenderte ich durch das Hotelzimmer, hob meinen Rock und meinen Pulli auf. Als ich mich nach meiner perlenbestickten Strickjacke umsah, fiel mein Blick auf das leere Martiniglas neben dem Bett. Der Cardigan war hinter einen Stuhl gefallen. Als ich mich danach bückte, verströmte ich eine Wolke aus Schweiß und Sex. Ich hatte noch nicht einmal Zeit gehabt, mir die Haare zu kämmen.

»Was jetzt?«, fragte ich.

»Jetzt hauen wir ab.« Er hielt sich den Zeigefinger an die Lippen.

Ich nickte, und wir tapsten auf Zehenspitzen zur Tür. Vorsichtig drückte er die Klinke herunter und streckte den Kopf hinaus, bevor wir uns in den Flur schlichen. Er ließ den Schlüssel innen stecken, hängte das »Bitte nicht stören«-Schild an die Klinke – und dann nahmen wir die Beine in die Hand.

Am Ende des Korridors befand sich ein Notausgang. Ohne sich um die Aufschrift »Nur für Personal« zu kümmern, lief Raphael mir voraus die Betontreppe hinunter. Wir huschten an der Hotelküche vorbei und rannten hinaus in die helle Morgensonne.

Uff! Natürlich hatte ich mich nicht abgeschminkt oder auch nur die falschen Wimpern entfernt, deshalb wollte ich gar nicht wissen, wie ich aussah. Aber Raphael schien es nicht zu bemerken. Er hob mich hoch und wirbelte mich herum. Sein Lachen war so rein, so unbefangen. Wie das eines Kindes. Eines Kindes, dem völlig egal war, wer es hörte. Ein Lachen, das sich unvermittelt in ein Husten verwandelte, als er mich absetzte und sich vorbeugte, um sich hinter eine Reihe Mülltonnen zu übergeben. Irgendwie war es romantisch, wenn man sich nicht an den Ratten störte – oder daran, dass Raphael sich gerade die Seele aus dem Leib würgte.

»Alles in Ordnung?«, fragte ich.

Er wischte sich die letzten Tropfen Galle von den Lippen und nickte.

»Du machst das nicht zum ersten Mal, stimmt’s?«

Er nahm meine Hand und küsste die Fingerspitzen, eine nach der anderen.

Ich wich vor dem unverwechselbaren Geruch nach Erbrochenem zurück. »Das war ein billiger Trick.«

Er verdrehte die Augen. »Was hast du denn gedacht? Dass ich Millionär bin?«

»Zumindest nicht, dass du ein Dieb bist.«

»Komm, ich bin halb verhungert.« Er sah sich um, als wäre das alles völlig normal. »Gehen wir frühstücken.«

Ich musste zugeben, dass ich Hunger hatte.

Gemeinsam rannten wir los, durch die dreckige Gasse hinaus auf die Straße.

Wer behauptet, L.A. sehe im Morgenlicht trostlos aus, hat es nicht so gesehen wie ich. Es war herrlich in seiner frivolen Schönheit, mit den ausgeschalteten Neonschildern, den leeren Flaschen am Straßenrand, den überquellenden Mülleimern. Die breiten Bürgersteige, die hohen Palmen, die Rotschwanzbussarde, die gelegentlich am klaren Himmel kreisten. Ich liebte alles daran.

Beide außer Atem verlangsamten wir unsere Schritte zu einem Schlendern.

»Ich konnte mir noch nicht mal die Zähne putzen«, schimpfte ich, obwohl ich mich köstlich amüsierte.

»Ach, keine Sorge.« Raphael schob die Hand in seine Brusttasche und zog zwei längliche Gegenstände heraus, einer rosa, einer hellblau. »Dein freundlicher Zahnarzt hat die Zahnbürsten geklaut.«

7

Raphael war anders, als ich mir erhofft hatte, aber er war witzig, und wir spielten weiter unsere Spielchen. Er ging mit mir in ein Kino, von dem sich herausstellte, dass es auf Schmuddelfilme spezialisiert war. Ich lud ihn zu einem Boxkampf ein, von dem ich wusste, dass er manipuliert war, und ließ ihn auf den falschen Mann setzen. Eben ein ganz normales »Wir-lernen-uns-kennen«.

Nach jedem gemeinsamen Ausflug zogen wir uns in mein Bett zurück, warfen uns gegenseitig auf den Rücken und balgten uns. Aber früher oder später hörte das Herumalbern auf, und es wurde ernst. Persönlich. Ich wusste, dass es keine Kleinigkeit war, mein Herz für Raphael zu öffnen, und es machte mich wahnsinnig nervös – wodurch es aufregender wurde, wodurch es wiederum furchterregender wurde, wodurch es wiederum romantischer wurde. Ich steckte in einem großen, endlosen Kreislauf von Lust und … ich möchte nicht unbedingt sagen Liebe, aber es kam dem sehr nahe. Und ich spürte, dass Raphael etwas Ähnliches empfand. Dann sahen wir uns mit verschlungenen Gliedmaßen und sich fast berührenden Nasen in die Augen.

»Du kennst mich besser als jeder andere Mensch auf dieser gottverdammten Welt«, murmelte Raphael. Und als er schließlich mit einem Pappkarton vor meiner Tür stand, hatte er mich ganz und gar in der Hand.

An jenem Morgen lackierte ich mir gerade die Nägel, als es klingelte. Ich erhob mich vorsichtig und öffnete unbeholfen mit den Handinnenflächen die Tür, um nichts zu verschmieren, dann rannte ich die Treppe hinunter.

Durch die Glasscheibe sah ich Raphael. Er schob sich den Karton auf eine Hüfte, um mir zuwinken zu können. Dann zeigte er auf die Klinke, um mir zu bedeuten, dass ich mich beeilen sollte.

Nachdem ich ihm geöffnet hatte, trat ich einen Schritt zur Seite. »Was machst du hier?«

»Das ist ja ein schöner Empfang. Hier, halt mal.« Er griff in den übervollen Karton und drückte mir so schnell eine Weinflasche in die Hand, dass ich nicht anders konnte, als sie ihm abzunehmen. »Und das hier.«

Ein Korkenzieher.

Er ging zur Treppe, und ich folgte ihm. »Was ist denn los?«

»Wir feiern.«

»Und was genau feiern wir?«

»Dass wir zusammenziehen.«

Ich spürte ein nervöses Kribbeln. »Ha, ha, sehr witzig.«

»Doch, das ist mein Ernst.« Er drehte sich zu mir um. »Ich ziehe bei dir ein.«

Beinahe hätte ich die Flasche fallen lassen. »Wie bitte?«

Er deutete mit dem Finger zwischen uns hin und her. »Du. Ich. Wir wohnen ab sofort zusammen.«