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Daphne du Maurier

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Beschreibung

Rebecca, Daphne du Mauriers berühmtester Roman, war bereits bei seinem Erscheinen 1938 ein Bestseller. Er wurde mehrfach verfilmt: 1940 entstand unter der Regie von Alfred Hitchcock die bekannteste Adaption, die mit zwei Oscars prämiert wurde.

In einem Hotel an der Côte d’Azur lernt Maxim de Winter eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen kennen. Die beiden verlieben sich, und schon nach kurzer Zeit nimmt sie seinen Heiratsantrag an und folgt dem Witwer nach Cornwall auf seinen prachtvollen Landsitz Manderley. Doch das Glück der Frischvermählten währt nicht lange: Der Geist von Maxims toter Ehefrau Rebecca ist allgegenwärtig, und die ihr ergebene Haushälterin macht der neuen Herrin das Leben zur Hölle, sie droht nicht nur die Liebe des Paares zu zerstören. Als ein Jahr später plötzlich doch noch Rebeccas Leiche gefunden wird, gerät Maxim de Winter unter Mordverdacht …

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Seitenzahl: 754

Veröffentlichungsjahr: 2016

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In einem Hotel an der Côte d'Azur lernt Maxim de Winter eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen kennen. Die beiden verlieben sich, und schon nach kurzer Zeit nimmt sie seinen Heiratsantrag an und folgt dem Witwer nach Cornwall auf seinen prachtvollen Landsitz Manderley. Doch das Glück der Frischvermählten währt nicht lange: Der Geist von Maxims toter Ehefrau Rebecca ist allgegenwärtig, und die ihr ergebene Haushälterin macht der neuen Herrin das Leben zur Hölle, sie droht nicht nur die Liebe des Paares zu zerstören. Als ein Jahr später plötzlich doch noch Rebeccas Leiche gefunden wird, gerät Maxim de Winter unter Mordverdacht …

Rebecca, Daphne du Mauriers berühmtester Roman, war bereits bei seinem Erscheinen 1938 ein Bestseller. Er wurde mehrfach verfilmt: 1940 entstand unter der Regie von Alfred Hitchcock die bekannteste Adaption, die mit zwei Oscars prämiert wurde.

Daphne du Maurier, geboren am 13. Mai 1907 in London, entstammt einer Künstlerfamilie. Sie wuchs in London und Paris auf und ließ sich im Alter von 19 Jahren dauerhaft in Cornwall nieder. Ihre schriftstellerische Tätigkeit begann sie 1928 mit Feuilletons und Kurzgeschichten. Sie veröffentlichte über 20 Romane, historische Biographien und Novellen-Sammlungen, die weltweit in Millionenauflagen erschienen. 1969 verlieh ihr die englische Königin den Titel »Dame«. Daphne du Maurier starb am 19. April 1989 im Alter von 82 Jahren in Kilmarth in Cornwall.

Christel Dormagen, geboren 1943 in Hamburg, hat Anglistik und Germanistik studiert und ist als Journalistin für Rundfunk und Printmedien und als Übersetzerin für angelsächsische Literatur tätig. Sie lebt in Berlin.

Brigitte Heinrich, geboren am Bodensee, lebt nach Verlagstätigkeit in etlichen Städten und Häusern als Übersetzerin, Herausgeberin und Lektorin in Frankfurt am Main.

Daphne du Maurier

REBECCA

Roman

Aus dem Englischen von Brigitte Heinrich und Christel Dormagen

eBook Insel Verlag Berlin 2016

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des insel taschenbuchs 4434.

Originalausgabe

© Insel Verlag Berlin 2016

© Daphne du Maurier 1938

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Umschlag: Rothfos & Gabler, Hamburg

Umschlagfoto: Ilona Wellmann/plainpicture

Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

eISBN 978-3-458-74482-5

www.insel-verlag.de

1

Vergangene Nacht träumte ich, ich wäre wieder in Manderley. Mir war, als stünde ich vor dem eisernen Tor, das zur Auffahrt führte, und eine Weile konnte ich nicht eintreten, denn der Weg war versperrt. Am Tor hing eine Kette mit einem Vorhängeschloss. Im Traum rief ich nach dem Pförtner, erhielt aber keine Antwort, und als ich durch die rostigen Gitterstäbe spähte, sah ich, dass das Pförtnerhaus unbewohnt war.

Kein Rauch stieg aus dem Schornstein, und die kleinen Gitterfenster blickten dunkel und verloren. Dann verfügte ich wie jeder Träumende plötzlich über übernatürliche Kräfte und glitt wie ein Geist durch das Hindernis. Vor mir erstreckte sich der Weg, er wand und schlängelte sich wie damals, doch im Weitergehen fiel mir auf, dass er verändert war; er war schmal und verwahrlost, nicht mehr die Zufahrt, die wir gekannt hatten. Zunächst war ich verwirrt, verstand nicht, erst als ich den Kopf beugte, um dem tiefhängenden Ast eines Baumes auszuweichen, begriff ich, was geschehen war. Die Natur hatte wieder die Oberhand gewonnen und ergriff auf ihre beharrliche, hinterhältige Weise mit langen, zielstrebigen Fingern erneut davon Besitz. Der Wald, selbst damals schon eine ständige Bedrohung, hatte schließlich triumphiert. Dunkel und von niemandem in Schach gehalten, bedrängte er den Rand der Zufahrt. Die Buchen mit ihren hellen, nackten Stämmen standen dicht an dicht, ihre Äste waren in seltsamer Umarmung ineinander verflochten und wölbten sich über meinem Kopf wie der Mittelgang einer Kirche. Auch noch andere Bäume gab es, solche, die ich nicht kannte, wildwachsende, gedrungene Eichen und verkrüppelte Ulmen, die sich zwischen die Buchen drängten und im Verein mit gewaltigen Büschen und Pflanzen, an deren keine ich mich erinnerte, aus der stillen Erde sprossen.

Der Weg war jetzt ein schmales Band, ein Schatten seines früheren Erscheinungsbilds, der Kiesbelag war verschwunden und von Gras und Moos überwuchert. Die Bäume hatten tief herabhängende Äste ausgeschickt, die das Vorankommen behinderten; ihre knorrigen Wurzeln wirkten wie die Krallen eines Skeletts. Hier und da in diesem Dschungel erkannte ich Büsche, die zu unserer Zeit ein Blickfang gewesen waren, anmutige Kulturpflanzen, Hortensien, die für ihre blauen Blütendolden berühmt gewesen waren. Niemand hatte ihrem Wachstum Einhalt geboten, und inzwischen waren sie verwildert, blütenlos zu Riesengröße aufgeschossen, schwarz und hässlich wie die namenlosen Parasiten, die in ihrer Nachbarschaft gediehen.

Immer weiter, mal nach Osten, mal nach Westen, schlängelte sich der armselige Pfad, der einst unsere Zufahrt gewesen war. Manchmal dachte ich, ich hätte ihn verloren, doch dann tauchte er wieder auf, unter einem umgestürzten Baum vielleicht oder jenseits eines verschlammten Grabens, der durch den winterlichen Regen entstanden war. Ich hatte den Weg nicht für so lang gehalten. Sicherlich hatten die Meilen sich vervielfacht, so wie die Bäume, und dieser Pfad führte lediglich in ein Labyrinth, in eine wuchernde Wildnis, und keinesfalls zum Haus. Und plötzlich stand ich davor; der Zugang war von einem unnatürlich wuchernden Gebüsch versperrt, das sich in alle Richtungen ausbreitete. Mit klopfendem Herzen stand ich da und spürte das ungewohnte Brennen von Tränen unter meinen Lidern.

Da war Manderley, unser Manderley, geheimnisvoll und still wie immer, der graue Stein schimmerte im Mondlicht meines Traums, und in den Sprossenfenstern spiegelten sich die Terrasse und die grünen Rasenflächen. Die Zeit hatte der perfekten Symmetrie dieser Mauern nichts anhaben können, ebenso wenig wie dem Ort selbst, der dalag wie eine Perle in einer offenen Hand.

Die Terrasse ging in einen abschüssigen Rasen über, der sich bis zum Meer hinzog, und als ich mich umdrehte, konnte ich es sehen, eine friedliche, im Mondlicht silbrig schimmernde Fläche, wie ein von Wind und Wetter ungestörter See. Keine Wellen kräuselten dieses Traumgewässer, und keine vom Westwind herangetriebenen Wolkenwände verdunkelten die Klarheit des blassen Himmels. Ich wandte mich wieder dem Haus zu, und obwohl es unversehrt und unbehelligt dalag, als hätten wir es gestern erst verlassen, sah ich, dass der Garten, wie der Wald, sich dem Gesetz des Dschungels gebeugt hatte. Die Rhododendren standen fünfzehn Meter hoch zwischen ungebändigt aufgeschossenem Farngestrüpp und waren mit einem Heer namenloser Sträucher eine befremdliche Ehe eingegangen, armseligen Bastarden, die sich an ihre Wurzeln klammerten, als wüssten sie um ihre zweifelhafte Herkunft Bescheid. Ein Fliederbusch hatte sich mit einer Blutbuche zusammengetan, und um sie noch enger aneinanderzubinden, umschlang ein tückischer Efeu, der ewige Feind jeder Anmut, mit seinen Ranken das Paar und machte es zu Gefangenen. Efeu hatte in diesem untergegangenen Garten die Herrschaft übernommen, lange Triebe krochen über den Rasen, und bald würden sie sich auch über das Haus hermachen. Es gab noch eine weitere Pflanze, irgendein Waldgewächs, dessen Samen vor langer Zeit unter die Bäume gestreut und dann vergessen worden war; jetzt rückte es im Verein mit dem Efeu immer weiter vor und stürzte sich, hässlich wie eine gigantische Rhabarberpflanze, auf das weiche Gras, wo früher nickende Narzissen geblüht hatten.

Überall gab es Brennnesseln, die Vorhut. Die Terrasse erstickte unter ihnen, sie lagen über den Wegen und neigten sich vulgär und hoch aufgeschossen sogar bis zu den Fenstern des Hauses. Sie waren gleichgültige Wachposten, denn an vielen Stellen hatte die Rhabarberpflanze ihre Reihen durchbrochen, so dass sie mit welken Köpfen und kraftlosen Stielen herumlagen und den Kaninchen freie Bahn ließen. Ich verließ den Pfad und betrat die Terrasse, denn die Brennnesseln waren für mich als Träumende kein Hindernis. Ich spazierte wie verzaubert weiter, nichts hielt mich auf.

Mondlicht kann der Fantasie merkwürdige Streiche spielen, selbst der Fantasie einer Träumenden. Während ich still und stumm dastand, hätte ich schwören können, dass das Haus keine leere Hülle war, sondern lebte und atmete, so wie einst.

Mir schien, als fiele Licht aus den Fenstern, die Vorhänge wehten sachte in der nächtlichen Brise, und dort, in der Bibliothek, stand die Tür halb offen, wie wir sie hinterlassen hatten, mein Taschentuch lag noch auf dem Tisch neben der Schale mit Herbstrosen.

Das Zimmer bezeugte unsere Anwesenheit. Der kleine Stapel Bibliotheksbücher, der zurückgegeben werden sollte, und das zur Seite gelegte Exemplar der Times. Aschenbecher voller Zigarettenstummel, auf den Sesseln schlaffe Kissen mit dem Abdruck unserer Köpfe, verkohlte Scheite unseres Kaminfeuers, die noch gegen Morgen glimmten. Und Jasper, der gute Jasper, mit seinem seelenvollen Blick und den großen, hängenden Lefzen, lag ausgestreckt auf dem Fußboden und klopfte mit dem Schwanz, sobald er die Schritte seines Herrn hörte.

Eine bisher unbemerkte Wolke schob sich vor den Mond und verweilte einen Augenblick wie eine dunkle Hand vor einem Gesicht. Mit ihr verflüchtigte sich meine Illusion, und die Lichter in den Fenstern erloschen. Ich blickte auf eine trostlose Hülle, am Ende seelenlos, von keinen Geistern heimgesucht, ohne ein Flüstern der Vergangenheit in den düster starrenden Mauern.

Das Haus war eine Grabstätte, unsere Furcht und unser Leid lagen in der Ruine begraben. Es würde keine Wiederauferstehung geben. Wenn ich in wachem Zustand an Manderley dachte, sollte ich es ohne Verbitterung tun. Ich sollte daran denken, wie es vielleicht gewesen wäre, wenn ich ohne Furcht dort hätte leben können. Ich sollte mich an den Rosengarten im Sommer erinnern und an die Vögel, die in der Morgendämmerung sangen. An Teestunden unter der Kastanie und das Rauschen des Meeres, das über den Rasen von unten zu uns heraufdrang.

Ich sollte an den blühenden Flieder und an das Glückliche Tal denken. Diese Dinge waren von Dauer, man konnte sie nicht zum Verschwinden bringen. Es waren Erinnerungen, die nicht weh tun konnten. All das entschied ich in meinem Traum, während die Wolken vor dem Antlitz des Mondes lagen, denn wie die meisten Schlafenden wusste ich, dass ich träumte. In Wirklichkeit lag ich viele hundert Meilen entfernt in einem fremden Land und würde in wenigen Sekunden in einem kargen kleinen Hotelzimmer erwachen, in dem gerade das Fehlen jeglicher Atmosphäre tröstlich war. Ich würde einen kurzen Seufzer ausstoßen, mich recken und auf die andere Seite drehen, und wenn ich die Augen aufschlug, wäre ich verdutzt über das Glitzern der Sonne und den harten, klaren Himmel, so anders als das weiche Mondlicht meines Traums. Der Tag würde vor uns beiden liegen, zweifellos lang und ereignislos, jedoch von einer gewissen Stille erfüllt, einer liebgewonnenen Friedlichkeit, die wir davor nicht gekannt hatten. Wir würden nicht von Manderley sprechen, ich würde meinen Traum nicht erzählen. Denn Manderley gehörte uns nicht mehr. Manderley existierte nicht mehr.

2

Wir können niemals dorthin zurück, so viel ist sicher. Die Vergangenheit ist uns immer noch zu nah. Alles, was wir zu vergessen und hinter uns zu lassen versucht haben, würde wieder aufgewühlt, und dieses Gefühl der Angst, der verstohlenen Unruhe, das schließlich zu einem Kampf gegen blinde, kopflose Panik wurde – sich inzwischen jedoch barmherzigerweise gelegt hat –, könnte jäh wieder unser Leben begleiten, genau wie damals.

Er ist außerordentlich geduldig und beklagt sich nie, nicht einmal, wenn Erinnerungen ihn heimsuchen, was, wie ich glaube, wesentlich öfter vorkommt, als er mich wissen lassen möchte.

Ich merke es daran, dass er plötzlich verstört und verloren dreinschaut; wie von unsichtbarer Hand weggewischt, schwindet jeder Ausdruck aus seinem lieben Gesicht, es wird zu einer Maske, etwas Gemeißeltem, steif und kalt, immer noch schön, aber ohne Leben. Dann raucht er eine Zigarette nach der anderen, ohne sich die Mühe zu machen, sie auszudrücken; die glühenden Stummel liegen auf dem Boden wie Blütenblätter. Und er spricht schnell und angestrengt über Nichtigkeiten, greift als Heilmittel gegen den Schmerz nach jedem beliebigen Thema. Ich glaube, es gibt eine Theorie, wonach Männer und Frauen als bessere, stärkere Menschen aus Leiden hervorgehen, und dass wir solche Feuerproben bestehen müssen, um in dieser oder einer anderen Welt voranzukommen. Wir haben das in vollem Maße getan, so ironisch es klingen mag. Wir beide haben Angst und Einsamkeit kennengelernt und größten Schmerz. Ich vermute, früher oder später schlägt einem jeden die Stunde der Prüfung. Wir alle haben unseren ganz speziellen Teufel, der uns drangsaliert und quält, und am Ende müssen wir uns diesem Kampf stellen. Wir beide haben unsere Schlacht gewonnen, so glauben wir wenigstens.

Unser Teufel quält uns nicht mehr. Wir haben unsere Krise bewältigt, wenn auch natürlich nicht unversehrt. Seine Vorahnung aufziehenden Unheils war von Anfang an richtig; und wie eine exaltierte Schauspielerin in einem belanglosen Stück könnte ich sagen, dass wir für unsere Freiheit bezahlt haben. Aber mir reicht das Maß an Melodrama in meinem Leben, ich gäbe freiwillig meine fünf Sinne dafür, dass wir weiter so wie jetzt in Sicherheit und Frieden leben können. Glück ist nichts, was man kaufen kann, sondern eine Art des Denkens, eine innere Einstellung. Selbstverständlich haben wir unsere deprimierten Momente; aber es gibt auch andere, in denen die Zeit sich nicht nach der Uhr bemisst, sondern zur Ewigkeit wird, und wenn ich dann sein Lächeln sehe, weiß ich, dass wir zusammengehören, gemeinsam marschieren, und dass kein Streit über Vorstellungen und Meinungen uns trennen kann.

Wir haben keine Geheimnisse voreinander. Alles wird geteilt. Unser kleines Hotel ist zugegebenermaßen öde und das Essen mittelmäßig, Tag für Tag erwartet uns mehr oder weniger das Gleiche; und doch wollen wir es nicht anders. In den großen Hotels würden wir zu vielen Menschen begegnen, die er kennt. Wir wissen beide Einfachheit zu schätzen, und manchmal sind wir gelangweilt – aber Langeweile ist ein willkommenes Mittel gegen die Angst. Wir führen ein sehr geregeltes Leben, und ich – ich habe ein Talent zum Vorlesen entwickelt. Ungeduldig erlebe ich ihn nur, wenn der Postbote sich verspätet, denn das bedeutet, dass wir noch einen Tag länger auf unsere englische Post warten müssen. Wir haben es mit dem Radio versucht, doch der Lärm ist sehr irritierend, und wir ziehen es vor, unsere Ungeduld zu zügeln; das Ergebnis eines Kricketmatches, das vor etlichen Tagen stattgefunden hat, bedeutet uns viel.

Oh, die Testspiele, die uns schon vor Langeweile bewahrt haben, die Boxkämpfe, selbst die Billardresultate. Endausscheidungen im Schulsport, Hunderennen, sonderbare kleine Wettkämpfe in abgelegeneren Ländern, sie alle sind Wasser auf unsere Mühlen. Manchmal stoße ich zufällig auf alte Exemplare der Zeitschrift Field und fühle mich von dieser unbedeutenden Insel mitten in den englischen Frühling versetzt. Ich lese von kreidehaltigen Bächen und der Maifliege, vom Sauerampfer, der auf grünen Wiesen wächst, von Saatkrähen, die über den Wäldern kreisen so wie einst über Manderley. Der Geruch feuchter Erde steigt aus diesen abgegriffenen, zerfledderten Seiten, das säuerlich-scharfe Aroma von Torfmooren, und ich habe das Gefühl von durchweichtem, hie und da von Reiherkot weiß gesprenkeltem Moos.

Einmal gab es einen Artikel über Ringeltauben, und beim Vorlesen schien es mir, als wäre ich wieder in Manderley, mitten im Wald, und Tauben flatterten über meinem Kopf. Ich hörte ihren leisen, zufriedenen Ruf, so angenehm und kühl an einem heißen Sommernachmittag, und nichts störte ihren Frieden, bis Jasper, die feuchte Schnauze schnüffelnd am Boden, durchs Unterholz preschte, um mich zu suchen. Wie alte Damen, die plötzlich bei ihrer Toilette gestört werden, stoben die Tauben lächerlich verstört aus ihrem Versteck auf und schwirrten, wild mit den Flügeln schlagend, ängstlich über die Baumwipfel davon. Kaum waren sie nicht mehr zu sehen und zu hören, senkte sich eine neue Stille über den Ort, und mit einem unbestimmten, bangen Gefühl stellte ich fest, dass die Sonne nicht länger ein Muster auf die raschelnden Blätter malte, dass die Äste dunkler geworden waren und die Schatten länger; zu Hause warteten frische Himbeeren zum Tee. Ich erhob mich von meinem Farnkrautbett, klopfte mir den fedrigen Staub der letztjährigen Blätter vom Rock und machte mich, nach Jasper pfeifend, auf den Rückweg; noch im Gehen verachtete ich mich für meine eiligen Schritte und den einen, verstohlenen Blick zurück.

Wie seltsam, dass ein Artikel über Ringeltauben so lebhaft die Vergangenheit wachrufen konnte, dass ich beim Vorlesen ins Stocken geriet. Es war sein aschgraues Gesicht, das mich jäh innehalten und weiterblättern ließ, bis ich auf einen Absatz über Kricket stieß, sehr praktisch und langweilig – der Middlesex Kricket Club, der auf schnellem, trockenem Boden endlose, einschläfernde Runs ansammelte. Wie dankbar ich diese handfesten Gestalten in feinem Flanell willkommen hieß, denn binnen weniger Minuten hatte sein Gesicht sich wieder entspannt, die Farbe kehrte zurück, und mit gesundem, verärgertem Spott machte er sich über die Bowler von Surrey lustig.

Eine Rückkehr in die Vergangenheit blieb uns erspart, und ich hatte meine Lektion gelernt. Englische Nachrichten vorlesen, ja, auch englischen Sport, englische Politik mit ihrer ganzen Wichtigtuerei, doch Dinge, die verletzen konnten, würde ich in Zukunft für mich behalten. Ich konnte insgeheim darin schwelgen. Farbe, Duft und Geräusch, Regen und schwappendes Wasser, selbst Herbstnebel und der Geruch der Flut – all das waren Erinnerungen an Manderley, die sich nicht unterdrücken ließen. Manche Menschen haben eine Schwäche für die Lektüre von Fahrplänen. Sie planen unzählige Reisen kreuz und quer durch das Land und haben Spaß daran, die unmöglichsten Orte miteinander zu verbinden. Mein Hobby ist weniger aufwendig, aber genauso merkwürdig. Ich bin eine Fundgrube des Wissens über das ländliche England. Ich kenne die Besitzer eines jeden englischen Moors mit Namen, ja – und deren Pächter obendrein. Ich weiß, wie viele Moorhühner geschossen werden, wie viele Rebhühner und wie viel Rotwild. Ich weiß, wo die Forellen aufsteigen und die Lachse springen. Ich nehme an sämtlichen Jagden teil und folge jeder Hatz. Ich weiß sogar, wer Jagdhundwelpen führt. Der Stand des Getreides, Viehpreise, mysteriöse Schweineseuchen, ich sauge alles in mich auf. Ein armseliger Zeitvertreib, vielleicht, und nicht gerade intellektuell, doch beim Lesen atme ich die englische Luft und kann mich diesem flimmernden Himmel beherzter stellen.

Die kümmerlichen Weinberge und bröselnden Steine werden nebensächlich, denn wenn ich will, kann ich meiner Fantasie die Zügel schießen lassen und in einer endlosen, feuchten Hecke Fingerhut und blasse Lichtnelken pflücken.

Bescheidene Wonnen der Fantasie, zärtlich und nicht verletzend. Sie sind das Gegenstück von Bitterkeit und Reue und versüßen dieses Exil, in das wir uns begeben haben.

Dank ihrer kann ich den Nachmittag genießen und mich danach lächelnd und erfrischt unserem kleinen Teeritual widmen. Wir bestellen stets das Gleiche. Für jeden zwei Scheiben Brot mit Butter und chinesischen Tee. Was für ein borniertes Paar wir abgeben müssen, weil wir an einer Gewohnheit festhalten, nur weil wir das alles auch schon in England hatten. Hier, auf diesem sauberen Balkon, weiß und unpersönlich nach Jahrhunderten unter der Sonne, denke ich an Manderley um halb fünf und an den Tisch vor dem Kamin in der Bibliothek. Pünktlich auf die Minute geht die Tür auf und das Teeritual nimmt unumstößlich seinen Lauf: das Silbertablett, der Kessel, das schneeweiße Tischtuch, während Jasper beim Anblick der Kuchen mit hängenden Spanielohren Gleichgültigkeit vorgibt. Immer wurde uns so üppig aufgetischt, und dennoch aßen wir so wenig.

Diese saftigen Crumpets, ich sehe sie vor mir. Winzige, knusprige Toastecken und brennend heiße, mehlbestäubte Rosinenbrötchen. Sandwichs mit unbekanntem Belag, geheimnisvoll gewürzt und ausgesprochen köstlich, und dann diese sehr speziellen Ingwerkekse. Ein Biskuitkuchen, der auf der Zunge zerging, und sein schwerer verdaulicher Kompagnon, strotzend vor Rosinen und Orangenschale. Es wurde so üppig aufgefahren, dass eine hungrige Familie eine Woche lang satt geworden wäre. Ich wusste nicht, was mit all dem geschah, und manchmal bedrückte mich diese Verschwendung.

Aber ich wagte nie, mich bei Mrs Danvers zu erkundigen, was sie damit machte. Sie hätte mir einen verächtlichen Blick zugeworfen und ihr kaltes, überlegenes Lächeln aufgesetzt, und ich kann mir vorstellen, dass sie gesagt hätte: »Als Mrs de Winter noch lebte, gab es nie Beschwerden.« Mrs Danvers. Was sie heute wohl macht? Sie und Favell. Ich glaube, es war ihr Gesichtsausdruck, der mir zuerst Unbehagen bereitete. Ich dachte instinktiv: ›Sie vergleicht mich mit Rebecca‹; und scharf wie ein Schwert senkte sich ihr Schatten zwischen uns …

Nun, das ist jetzt vorbei, passé und erledigt. Ich werde nicht länger gepeinigt, und wir beide sind frei. Mein treuer Jasper ist in die heiligen Jagdgründe eingegangen, und Manderley gibt es nicht mehr. Es liegt als leere Hülle inmitten tiefer, undurchdringlicher Wälder, genau wie in meinem Traum. Massen von Unkraut, eine Vogelkolonie. Gelegentlich verirrt sich vielleicht ein Landstreicher dorthin, der vor einem plötzlichen Regenschauer Schutz sucht, und wenn er beherzt genug ist, kommt er vielleicht ungeschoren davon. Doch für einen schüchterneren Kerl, einen nervösen Wilderer etwa –, für den ist der Wald von Manderley nichts. Er stieße vielleicht auf das kleine Cottage in der Bucht, würde aber unter dem baufälligen Dach nicht froh, wenn ein feiner Regen den Takt darauf klopft. Die Atmosphäre dort mochte noch immer gespannt sein … Auch die Biegung in der Zufahrt, wo die Bäume bis dicht an den Kies herandrängen, ist kein Ort zum Verweilen, zumindest nicht nach Sonnenuntergang. Das Rascheln der Blätter klingt dann fast wie die verstohlene Bewegung einer Frau im Abendkleid, und wenn sie jäh erzittern und zu Boden fallen, könnte dies gut das rasche Trippeln ihrer Schritte sein, und die Blätter auf dem Kies wären der Abdruck eines hochhackigen Satinschuhs.

Immer wenn ich an diese Dinge denke, wende ich mich erleichtert wieder der Aussicht vor unserem Balkon zu. Kein Schatten stiehlt sich in das harte Sonnenlicht, die steinigen Weinberge flimmern in der Sonne, und die Bougainvilleen sind weiß vor Staub. Eines Tages werde ich all das vielleicht liebgewonnen haben. Im Augenblick weckt es in mir zwar keine Liebe, jedoch zumindest Zuversicht. Und Zuversicht ist eine Eigenschaft, die ich sehr schätze, selbst wenn ich sie mir ein wenig spät erworben habe. Ich glaube, die Tatsache, dass er von mir abhängig ist, hat mich schließlich kühn werden lassen. Wie dem auch sei, ich habe meine Zaghaftigkeit, meine Schüchternheit und meine Befangenheit Fremden gegenüber verloren. Ich habe nichts mehr gemein mit der jungen Frau, die damals zum ersten Mal voller Hoffnung und Eifer nach Manderley fuhr, von dem tiefen Wunsch, zu gefallen beseelt und gehemmt durch eine verzweifelte, linkische Ungeschicklichkeit. Es war natürlich meine mangelnde Selbstsicherheit, die auf Menschen wie Mrs Danvers einen so schlechten Eindruck machte. Wie musste ich nach Rebecca wohl auf sie gewirkt haben? Meine Erinnerung schlägt eine Brücke in die Vergangenheit, und ich sehe mich jetzt, mit meinem glatten, zu einem Bob frisierten Haar und dem jugendlichen, ungeschminkten Gesicht, in schlecht sitzendem Mantel und Rock und einem selbstgestrickten Pullover, ein scheues, linkisches Reh im Schlepptau von Mrs Van Hopper. Sie rauschte stets vor mir her zum Mittagessen; der gedrungene Körper schwankte auf hohen Absätzen, die überladene Rüschenbluse eine Schmeichelei an den mächtigen Busen und die schwingenden Hüften, auf dem Kopf der neue, schief sitzende Hut mit der monströsen Hutnadel, der die breite Stirn freigab, nackt wie ein Schulbubenknie. In der einen Hand eine riesige Tasche von der Sorte, in der man Pass, Terminkalender und Bridgeergebnisse verstaut, während die andere mit ihrer unvermeidlichen Lorgnette spielte, diesem Feind der Privatsphäre anderer Leute.

Sie hielt auf ihren üblichen Tisch zu, in der Ecke des Restaurants, dicht beim Fenster, und hob ihre Lorgnette vor die Schweinsäuglein, um rechts und links die Umgebung zu mustern. Dann ließ sie die Lorgnette an ihrem schwarzen Band wieder fallen und stellte entrüstet fest: »Kein einziges prominentes Gesicht, ich werde den Direktor anweisen, mir einen Nachlass zu gewähren. Was glauben sie eigentlich, warum ich hierherkomme? Um mir die Pagen anzusehen?« Daraufhin pflegte sie den Kellner herbeizuzitieren, und ihre Stimme zerriss die Luft, scharf und abgehackt wie eine Säge.

Wie anders doch dieses kleine Restaurant, in dem wir heute speisten, im Vergleich zu jenem riesigen, protzig überladenen Speisesaal im Hôtel Côte d'Azur in Monte Carlo; und wie anders mein jetziger Gefährte, der mit ruhigen, wohlgeformten Händen methodisch und gelassen eine Mandarine schält, hin und wieder aufblickt und mir zulächelt, im Vergleich zu Mrs Van Hopper, wenn sie mit fetten, juwelengeschmückten Fingern einem vollbeladenen Teller mit Ravioli zu Leibe rückte, während ihr argwöhnischer Blick von ihrem Gericht zu meinem zuckte, aus Angst, ich könnte die bessere Wahl getroffen haben. Sie hätte beruhigt sein können, denn mit der schlafwandlerischen Schnelligkeit von seinesgleichen hatte der Kellner meine untergeordnete, dienende Stellung längst erfasst und einen Teller mit Schinken und Zunge vor mich hingestellt, den jemand vor einer halben Stunde als schlecht tranchiert ans kalte Büfett hatte zurückgehen lassen. Seltsam, diese Feindseligkeit von Dienstboten, ihre offensichtliche Unduldsamkeit. Ich erinnere mich an einen Aufenthalt mit Mrs Van Hopper in einem Landhotel, wo das Zimmermädchen nie auf mein schüchternes Läuten reagierte, mir nie die Schuhe brachte und frühmorgens den eiskalten Tee vor die Schlafzimmertür stellte. Genauso war es an der Côte d'Azur, wenn auch weniger schlimm, außerdem verwandelte sich die einstudierte Gleichgültigkeit manchmal in plumpe, anzüglich feixende Vertraulichkeit, was den Kauf von Briefmarken an der Rezeption zu einer Tortur machte, die ich zu vermeiden suchte. Wie jung und unerfahren musste ich gewirkt und mich auch gefühlt haben. Ich war einfach zu empfindlich, zu dünnhäutig; in so vielen leichthin geäußerten Worten verbergen sich Dornen und Nadelspitzen.

Ich erinnere mich noch gut an diesen Teller mit Schinken und Zunge. Das Fleisch war trocken und unappetitlich, in dicken Scheiben vom Rand abgeschnitten, doch ich hatte nicht den Mut, alles zurückgehen zu lassen. Wir aßen schweigend, denn Mrs Van Hopper konzentrierte sich gern auf ihr Essen, und daran, wie ihr die Sauce übers Kinn lief, konnte ich erkennen, dass ihr die Ravioli schmeckten.

Es war kein Anblick, der mir auf meine kalte Platte besonderen Appetit gemacht hätte, und als ich den Blick abwandte, sah ich, dass der Tisch neben uns, der drei Tage lang leer geblieben war, wieder besetzt wurde. Mit der speziellen Verbeugung, die er sich für besondere Gäste aufhob, komplimentierte der Maître d'hôtel den Neuankömmling an seinen Platz.

Mrs Van Hopper legte die Gabel beiseite und griff nach ihrer Lorgnette. Ich errötete an ihrer statt, als sie ihn anstarrte, doch der Gast warf einen zerstreuten Blick auf die Speisekarte, ohne ihr Interesse zu bemerken. Dann klappte Mrs Van Hopper ihre Lorgnette mit einem Knall zusammen, beugte sich mit vor Aufregung blitzenden Äuglein über den Tisch zu mir herüber und sagte mit etwas zu lauter Stimme: »Das ist Max de Winter, der Besitzer von Manderley. Sie haben natürlich davon gehört. Er sieht krank aus, nicht wahr? Man sagt, er kommt nicht über den Tod seiner Frau hinweg …«

3

Ich frage mich, wie mein Leben heute wohl aussähe, wäre Mrs Van Hopper nicht ein solcher Snob gewesen.

Ein komischer Gedanke, dass mein Leben am Faden dieser Charaktereigenschaft Mrs Van Hoppers hing. Sie war von einer fast manischen, krankhaften Neugier. Zunächst fand ich das schockierend und entsetzlich peinlich; ich fühlte mich wie ein Prügelknabe, der die Schmerzen seines Herrn erleiden muss, wenn ich bemerkte, wie die Menschen hinter ihrem Rücken über sie lachten, bei ihrem Eintreten hastig das Zimmer verließen oder im oberen Flur sogar in einem Dienstboteneingang verschwanden. Sie kam nun schon viele Jahre ins Hôtel Côte d'Azur, und vom Bridge einmal abgesehen, bestand ihr einziger, in Monte Carlo inzwischen allseits bekannter Zeitvertreib darin, vornehme Gäste als ihre Freunde zu reklamieren, sobald sie sie in irgendeinem Postamt auch nur kurz von ferne gesehen hatte. Irgendwie gelang es ihr stets, sich vorzustellen, und noch bevor das Opfer die Gefahr wittern konnte, sprach sie eine Einladung in ihre Suite aus. Sie ging bei ihren Angriffen so direkt und plötzlich vor, dass sich die Gelegenheit zur Flucht nur selten bot. Im Hotel erhob sie Anspruch auf ein bestimmtes Sofa in der Halle zwischen der Rezeption und dem Durchgang zum Restaurant. Dort pflegte sie nach dem Mittag- und Abendessen ihren Kaffee zu sich zu nehmen, und jeder, der kam oder ging, musste an ihr vorbei. Manchmal benutzte sie mich als Köder, um ihre Beute einzufangen, ein Auftrag, den ich hasste, denn dann wurde ich quer durch die Halle geschickt mit der Bitte um ein Buch oder eine Zeitung als Leihgabe, die Adresse dieses oder jenes Geschäfts oder mit der plötzlichen Entdeckung eines gemeinsamen Freundes. Es war, als müsste sie mit prominenten Persönlichkeiten gefüttert werden wie ein Kranker mit Aspik; und auch wenn sie Titelträger bevorzugte, erfüllte jedes Gesicht, das sie einmal in den Gesellschaftsspalten gesehen hatte, seinen Zweck. Namen aus Klatschkolumnen, Schriftsteller, Künstler, Schauspieler und deresgleichen, selbst mittelmäßige, solange sie nur aus irgendwelchen Druckerzeugnissen von ihnen erfahren hatte.

Ungeachtet der vielen Jahre, die seither vergangen sind, sehe ich sie vor mir, als wäre es gestern gewesen, wie sie an jenem unvergesslichen Nachmittag in der Halle auf ihrem Lieblingssofa saß und ihre Angriffstaktik überdachte. An ihrer Schroffheit und der Art, wie sie mit ihrer Lorgnette gegen die Zähne klopfte, erkannte ich, dass sie ihre Möglichkeiten sondierte. Da sie außerdem die Süßigkeit liegengelassen und sich beim Dessert beeilt hatte, wusste ich, dass sie ihr Mittagessen vor dem Neuankömmling hatte beenden wollen, um sich dort zu platzieren, wo er zwangsläufig an ihr vorbeimusste. Plötzlich wandte sie sich mit glänzenden Äuglein an mich.

»Gehen Sie rasch nach oben und suchen Sie diesen Brief meines Neffen. Sie erinnern sich, den mit dem Schnappschuss, den er mir von seiner Hochzeitsreise geschickt hat. Bringen Sie ihn mir auf der Stelle her.«

Ich begriff, dass ihr Plan Gestalt angenommen hatte und dass der Neffe ihr als Anknüpfungspunkt dienen sollte, sich vorzustellen. Nicht zum ersten Mal ärgerte ich mich über die Rolle, die mir in diesem Vorhaben zugedacht war. Wie die Assistentin eines Jongleurs beschaffte ich die Requisiten und wartete dann schweigend und aufmerksam auf mein Stichwort. Dieser Neuankömmling würde eine Störung nicht willkommen heißen, dessen war ich mir sicher. Aus dem wenigen, was ich während des Mittagessens über ihn erfahren hatte – ein paar oberflächliche Informationen vom Hörensagen, garniert mit dem, was sie vor zehn Monaten den Zeitungen entnommen und in ihrem Gedächtnis für zukünftige Verwendung gespeichert hatte –, konnte ich mir, ungeachtet meiner Jugend und Unerfahrenheit, vorstellen, dass er solch ein plötzliches Eindringen in seine Privatsphäre übelnehmen würde. Warum er nach Monte Carlo ins Côte d'Azur gekommen war, ging uns nichts an, seine Probleme waren allein seine, und bis auf Mrs Van Hopper hätte das auch jeder verstanden. Takt war eine Eigenschaft, die ihr unbekannt war, ebenso Diskretion, und weil Klatsch für sie ein Lebenselixier war, musste dieser Fremde dafür herhalten. Ich fand den Brief im Ablagefach ihres Schreibtischs und zögerte einen Moment, bevor ich in die Halle zurückkehrte. Ich hatte, ziemlich töricht, das Gefühl, ihm damit noch ein paar ungestörte Momente zu verschaffen.

Ich wünschte mir, ich wäre mutig genug, um auf dem Umweg über die Dienstbotentreppe ins Restaurant zu gelangen und ihn vor dem Hinterhalt zu warnen. Doch mein Pflichtgefühl war zu stark, außerdem wusste ich nicht, wie ich es formulieren sollte. Mir blieb nichts anderes übrig, als meinen gewohnten Platz an Mrs Van Hoppers Seite einzunehmen, während sie wie eine große, zufriedene Spinne ihr weites, ausladendes Netz um diesen Fremden spann.

Ich hatte länger als gedacht gebraucht. Denn als ich die Halle betrat, sah ich, dass er den Speisesaal bereits verlassen hatte; und aus Angst, ihn zu verpassen, hatte sie den Brief nicht abgewartet, sondern es riskiert, sich ihm schlichtweg einfach so vorzustellen. Er saß jetzt sogar neben ihr auf dem Sofa. Ich ging auf die beiden zu und übergab ihr wortlos den Brief. Er erhob sich sofort, während Mrs Van Hopper, ein wenig erhitzt von ihrem Erfolg, mit der Hand vage in meine Richtung wedelte und meinen Namen murmelte.

»Mr de Winter trinkt den Kaffee mit uns, gehen Sie und bitten Sie den Kellner um eine weitere Tasse«, sagte sie, um ihn so ganz beiläufig über meine Stellung aufzuklären. Damit wollte sie andeuten, dass ich ein unbedeutendes junges Ding sei und sie keine Notwendigkeit sehe, mich in die Unterhaltung einzubeziehen. Sie wählte immer diesen Ton, wenn sie jemanden beeindrucken wollte; ihre Art, mich vorzustellen, war auch eine Form des Selbstschutzes, denn einmal war ich für ihre Tochter gehalten worden, eine zutiefst peinliche Situation für uns beide. Ihre Schroffheit gab zu verstehen, dass man mich selbstverständlich ignorieren konnte; daraufhin bedachten Frauen mich mit einem kurzen, grüßenden Nicken, mit dem sie mich gleichzeitig entließen, während Männer mit ausgesprochener Erleichterung begriffen, dass sie sich ohne weitere Höflichkeitsbekundungen wieder in ihren komfortablen Sessel sinken lassen konnten.

Deshalb war es eine Überraschung, als dieser Neuankömmling stehen blieb; er war es auch, der dem Kellner ein Zeichen gab.

»Ich fürchte, ich muss Ihnen widersprechen«, sagte er zu ihr, »Sie beide trinken den Kaffee mit mir.« Und noch bevor ich begriff, wie mir geschah, saß er auf meinem gewohnten harten Stuhl und ich neben Mrs Van Hopper auf dem Sofa.

Einen Moment schien sie verärgert – so hatte sie das nicht vorgesehen –, doch bald hatte sie sich wieder gefasst, brachte zwischen mir und dem Tisch ihre ganze ausladende Person in Stellung, beugte sich zu seinem Stuhl und redete, mit dem Brief wedelnd, unverdrossen lautstark auf ihn ein.

»Ich habe Sie doch gleich erkannt, als Sie das Restaurant betraten«, sagte sie, »und ich dachte, das ist doch Mr de Winter, Billys Freund; ich muss ihm unbedingt diese Schnappschüsse von Billy und seiner Frau auf ihrer Hochzeitsreise zeigen. Hier sind sie. Das ist Dora. Ist sie nicht bezaubernd? Diese schmale, schlanke Taille, diese riesengroßen Augen. Hier sind sie in Palm Beach beim Sonnenbaden. Billy ist verrückt nach ihr, wie Sie sich vorstellen können. Als er die Party im Claridge's gab, auf der ich Sie zum ersten Mal sah, kannte er sie natürlich noch nicht. Aber an eine alte Frau wie mich können Sie sich wohl nicht mehr erinnern.«

Das kam mit provokantem Lächeln und gebleckten Zähnen.

»Im Gegenteil, ich erinnere mich gut an Sie«, sagte er, und bevor sie ihn noch in eine Wiederauffrischung ihrer ersten Begegnung verwickeln konnte, hielt er ihr sein Zigarettenetui hin, und das Anzünden der Zigarette bremste sie einen Moment. »Ich glaube nicht, dass ich mir aus Palm Beach viel machen würde«, sagte er und blies das Streichholz aus; und während ich ihn ansah, dachte ich, wie unecht er wohl vor Florida-Kulisse aussähe. Sein Platz war in einer befestigten Stadt aus dem 15. Jahrhundert, einer Stadt mit engen, gepflasterten Gassen und schlanken Türmen, in der die Einwohner Schnabelschuhe und wollene Strumpfhosen trugen. Er hatte ein eindrucksvolles, empfindsames Gesicht, das auf unerklärliche Weise mittelalterlich wirkte, und ich fühlte mich an ein Porträt eines unbekannten Mannes erinnert, das ich einmal in einer Galerie gesehen hatte, ich hatte vergessen wo. Könnte man ihn aus seinem englischen Tweed befreien und ganz in Schwarz kleiden, mit einem Spitzenbesatz an Hals und Handgelenken, würde er aus einer weit entfernten Vergangenheit auf uns in der neuen Welt herabblicken – einer Vergangenheit, in der Männer sich nachts, in Umhänge gehüllt, in den Schatten alter Toreingänge drückten, einer Vergangenheit der schmalen Treppen und düsteren Kerker, flüsternden Dunkels, aufblitzender Degenklingen und erlesener, schweigsamer Ritterlichkeit.

Ich wünschte, mir fiele der alte Meister ein, der dieses Porträt gemalt hatte. Es hatte in einer Ecke der Galerie gehangen, und der Blick des Porträtierten aus dem schwärzlichen Rahmen hatte einen verfolgt …

Sie unterhielten sich, aber ich hatte den Faden verloren. »Nein, nicht einmal vor zwanzig Jahren«, sagte er gerade. »So etwas hat mir noch nie Vergnügen bereitet.«

Ich hörte Mrs Van Hoppers fettes, selbstgefälliges Lachen. »Wenn Billy ein Haus wie Manderley besäße, würde er sich auch nicht in Palm Beach herumtreiben wollen«, sagte sie. »Ich habe gehört, es sei ein Märchen, anders könne man es nicht nennen.«

Sie hielt inne und erwartete ein Lächeln von ihm, doch er rauchte weiter in Ruhe seine Zigarette, und zwischen seinen Brauen entstand eine Falte, fein wie ein Sommerfaden.

»Ich habe natürlich Fotos gesehen.« Sie ließ nicht locker. »Es sieht wirklich absolut bezaubernd aus. Ich erinnere mich, dass Billy erzählt hat, Manderley übertreffe alle anderen Häuser an Schönheit. Ich wundere mich, dass Sie es überhaupt ertragen, nicht dort zu sein.«

Sein Schweigen war jetzt quälend und hätte für jeden anderen Menschen Bände gesprochen, doch sie preschte weiter wie eine tolpatschige Ziege über gesperrtes Terrain, während ich spürte, wie mir die Farbe ins Gesicht schoss, denn ihr peinliches Benehmen schloss mich notgedrungen ein.

»Ihr Engländer seid alle gleich mit euren Häusern«, sagte sie, und ihre Stimme wurde immer lauter, »ihr macht sie schlecht, um bloß nicht stolz darauf zu erscheinen. Gibt es in Manderley nicht eine Galerie mit ein paar sehr wertvollen Porträts?« Sie wandte sich erklärend an mich. »Mr de Winter ist zu bescheiden, um es zuzugeben, aber ich glaube, sein prächtiges Herrenhaus ist schon seit der Zeit der normannischen Eroberung im Besitz seiner Familie. Man sagt, die Galerie sei ein Juwel. Ich nehme an, Mr de Winter, Ihre Vorfahren hatten häufig Mitglieder des Königshauses zu Gast?«

Das war mehr, als ich bislang zu ertragen gehabt hatte, sogar von ihr, doch seine Antwort, ein kurzer Peitschenschlag, kam unerwartet. »Nicht mehr seit Ethelred«, sagte er, »der ›Unrechtzeitige‹ genannt. Übrigens erhielt er diesen Namen, als er Gast unserer Familie war. Er kam notorisch zu spät zum Abendessen.«

Sie hatte es natürlich verdient, und ich dachte, ich würde es ihrem Gesicht ansehen, doch so unglaublich es auch scheinen mag, seine Worte waren an sie verloren. Es blieb mir überlassen, mich an ihrer Stelle zu winden und mich zu fühlen wie ein Kind, das man geohrfeigt hat.

»Ach wirklich?«, polterte sie. »Ich hatte ja keine Ahnung. Meine Geschichtskenntnisse sind ziemlich dürftig, und die englischen Könige haben mich schon immer verwirrt. Aber wie interessant. Ich muss das unbedingt meiner Tochter schreiben; sie ist sehr gebildet.«

Eine Pause entstand, und ich spürte, wie mir erneut die Farbe ins Gesicht stieg. Ich war zu jung, das war das Problem. Wäre ich älter gewesen, hätte ich lächelnd seinen Blick gesucht, und ihr unglaubliches Benehmen hätte uns miteinander verbündet; tatsächlich aber versank ich vor Scham in den Erdboden und durchlitt eine der vielen Höllenqualen der Jugend.

Ich glaube, er bemerkte meinen Kummer, denn er beugte sich zu mir herüber und erkundigte sich mit sanfter Stimme, ob ich noch Kaffee wolle, und nachdem ich verneinend den Kopf schüttelte, ruhte sein Blick noch eine Weile verwundert und nachdenklich auf mir. Er überlegte offenbar, in welcher Beziehung genau ich zu ihr stand, und fragte sich, ob er uns derselben Kategorie unnützer Zeitgenossen zuordnen musste.

»Was halten Sie von Monte Carlo, oder denken Sie gar nicht darüber nach?«, fragte er. Dass er mich in die Unterhaltung einbezog, erwischte mich, das unbedarfte, gerade erst der Schule entwachsene Mädchen mit den geröteten Ellbogen und den offenen, glatten Haaren, auf dem völlig falschen Bein, und ich sagte etwas Plattes und Idiotisches, wie alles sei hier sehr künstlich, doch bevor ich meinen Satz stockend zu Ende bringen konnte, wurde ich bereits von Mrs Van Hopper unterbrochen.

»Sie ist verwöhnt, Mr de Winter, das ist ihr Problem. Die meisten Mädchen würden ihre Augen dafür hergeben, Monte zu sehen.«

»Wäre das nicht ein bisschen unpraktisch?«, fragte er lächelnd.

Sie zuckte mit den Schultern und blies eine gewaltige Rauchwolke in die Luft. Ich glaube nicht, dass sie ihn auch nur ansatzweise verstand. »Ich bin Monte treu«, ließ sie ihn wissen, »der englische Winter deprimiert mich, meine schwache Konstitution ist dafür einfach nicht geschaffen. Und was führt Sie hierher? Sie gehören nicht zu den Stammgästen. Werden Sie Baccarat spielen oder haben Sie Ihre Golfschläger mitgebracht?«

»Ich habe mich noch nicht entschieden«, sagte er. »Ich bin ziemlich überstürzt abgereist.«

Diese Worte mussten eine Erinnerung in ihm geweckt haben, denn seine Miene verdüsterte sich erneut, und er zog ganz leicht die Stirn in Falten. Sie plapperte ungerührt weiter. »Natürlich werden Sie die Nebel von Manderley vermissen, das ist etwas ganz anderes; der Südwesten muss im Frühling wundervoll sein.« Er griff nach dem Aschenbecher und drückte seine Zigarette aus, dabei bemerkte ich in seinen Augen eine subtile Veränderung, etwas Undefinierbares, das für einen flüchtigen Moment dort flackerte, und ich hatte das Gefühl, ihn in einem sehr intimen Moment ertappt zu haben, der mich nichts anging.

»Ja«, antwortete er knapp. »Manderley hat sich von seiner besten Seite gezeigt.«

Es entstand ein kurzes Schweigen, das ein gewisses Unbehagen mit sich brachte, und als ich verstohlen einen Blick wagte, fühlte ich mich mehr denn je an meinen edlen Unbekannten erinnert, der, in seinen Umhang gehüllt, nachts einen Flur entlangschlich. Mrs Van Hoppers Stimme zerriss meinen Traum wie eine schrillende Glocke.

»Ich nehme an, Sie kennen hier alle möglichen Leute, obwohl ich sagen muss, dass Monte diesen Winter ziemlich langweilig ist. Man sieht so wenige bekannte Gesichter. Der Duke of Middlesex ist immerhin hier mit seiner Yacht, aber ich war bisher noch nicht an Bord.« Soviel ich wusste, war sie das noch nie gewesen. »Sie kennen natürlich Nell Middlesex«, fuhr sie fort. »Was für eine charmante Frau. Es wird ja behauptet, das zweite Kind sei nicht von ihm, aber das glaube ich nicht. Die Menschen erzählen viel, wenn eine Frau attraktiv ist. Und sie ist wirklich bildhübsch. Sagen Sie, stimmt es, dass die Ehe der Caxton-Hyslop nicht glücklich ist?« Sie redete immer weiter, in einem wirren Wust aus Klatsch und Tratsch, ohne zu bemerken, dass ihm all diese Namen fremd waren, und sie merkte auch nicht, dass er, während sie besinnungslos daherplapperte, immer kühler und schweigsamer wurde. Weder unterbrach er sie noch blickte er auf seine Armbanduhr; es war, als habe er sich, nach seinem ersten Fauxpas, als er sie vor mir bloßgestellt hatte, zu einem bestimmten Benehmen entschlossen und halte lieber grimmig daran fest, als sie erneut zu beleidigen. Schließlich war es ein Page, der ihn mit der Nachricht erlöste, Mrs Van Hoppers Schneiderin erwarte sie in ihrer Suite.

Er erhob sich sogleich und schob seinen Stuhl zurück. »Lassen Sie sich nicht aufhalten«, sagte er. »Die Mode ändert sich so schnell heutzutage, vielleicht sogar schon, wenn Sie oben angekommen sind.«

Sein Spott erreichte sie nicht, sie verstand ihn als höflichen Scherz. »Es ist wunderbar, Ihnen auf diese Weise begegnet zu sein, Mr de Winter«, sagte sie, als wir zum Aufzug gingen. »Nun, da ich so mutig war, das Eis zu brechen, hoffe ich, dass wir uns in Zukunft öfter sehen. Sie müssen irgendwann auf ein Glas in meine Suite kommen. Morgen Abend werde ich vermutlich ein, zwei Leute zu Gast haben. Warum schließen Sie sich uns nicht an?« Ich wandte mich ab, um nicht mit ansehen zu müssen, wie er nach einer Ausrede suchte.

»Es tut mir sehr leid«, sagte er, »wahrscheinlich fahre ich morgen nach Sospel, und ich weiß nicht, wann ich zurück sein werde.«

Nach einigem Zögern beließ sie es dabei, doch wir standen noch immer an der Aufzugstür, ohne einzutreten.

»Ich hoffe, man hat Ihnen ein schönes Zimmer gegeben; das Hotel ist halb leer, und wenn es Ihnen nicht gefällt, sollten Sie sich beschweren. Ich nehme an, Ihr Kammerdiener hat für Sie ausgepackt?« Das war eine unerhörte Vertraulichkeit, selbst für sie, und ich sah es nach einem flüchtigen Blick auf sein Gesicht.

»Ich habe keinen«, sagte er ruhig, »vielleicht möchten Sie das für mich übernehmen?«

Dieses Mal traf sein Pfeil ins Schwarze, denn sie errötete und lachte ein wenig betreten.

»Nun, ich glaube kaum …«, begann sie, dann wandte sie sich unglaublicherweise an mich: »Vielleicht können Sie sich nützlich machen, wenn Mr de Winter etwas erledigt haben möchte. Sie sind in vielerlei Hinsicht ein durchaus tüchtiges Kind.«

Eine Pause entstand, während ich wie vom Donner gerührt dastand und seine Antwort abwartete. Er blickte uns spöttisch, ein wenig sardonisch an, den Anflug eines Lächelns auf den Lippen.

»Ein charmanter Vorschlag«, sagte er, »aber ich halte es mit unserem Familienmotto: Wer allein reist, reist am schnellsten. Vielleicht kennen Sie es ja nicht.«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, machte er kehrt und ließ uns stehen.

»Wie komisch«, sagte Mrs Van Hopper, als wir mit dem Aufzug nach oben fuhren. »Glauben Sie, dieser plötzliche Abgang war humorvoll gemeint? Männer tun so ungewöhnliche Dinge. Ich erinnere mich an einen sehr bekannten Schriftsteller, der immer über die Dienstbotentreppe davoneilte, sobald er mich kommen sah. Ich nehme an, er hatte eine Schwäche für mich und war sehr schüchtern. Und ich war damals jünger.«

Der Aufzug kam mit einem Ruck zum Stehen. Wir hatten unser Stockwerk erreicht. Der Page hielt uns die Tür auf. »Übrigens, meine Liebe«, sagte sie, als wir den Flur entlanggingen, »halten Sie mich nicht für unfreundlich, aber Sie haben sich heute Nachmittag ein kleines bisschen in den Vordergrund gedrängt. Die Art, wie Sie die Unterhaltung an sich zogen, hat mich ziemlich peinlich berührt, und ich bin mir sicher, ihn ebenfalls. Männer verabscheuen so etwas.«

Ich sagte nichts. Es schien darauf keine denkbare Antwort zu geben. »Ach, kommen Sie, nun schmollen Sie nicht«, sagte sie lachend und zuckte mit den Schultern, »schließlich bin ich für Ihr Benehmen hier verantwortlich, und Sie werden doch den Rat einer Frau akzeptieren können, die alt genug ist, Ihre Mutter zu sein. Eh bien, Blaize, je viens …«, und ein Liedchen summend ging sie ins Schlafzimmer, wo die Schneiderin sie bereits erwartete.

Ich kniete mich auf den Fenstersitz und schaute hinaus in den Nachmittag. Die Sonne schien noch immer sehr hell, und es wehte ein kräftiger, munterer Wind. In einer halben Stunde würden wir uns zu unserem Bridgespiel zusammenfinden, bei fest geschlossenen Fenstern und voll aufgedrehter Heizung. Ich dachte an die Aschenbecher, die ich würde leeren müssen, und an die lippenstiftbeschmierten zerdrückten Stummel zwischen nicht aufgegessenen Cremepralinen. Bridge ist für jemanden, der mit Schnippschnapp und Happy-Families-Quartetten aufgewachsen ist, nicht leicht zu lernen, und ihre Freunde langweilten sich, wenn sie mit mir spielen mussten.

Ich spürte, dass meine Jugend sie in ihren Gesprächen bremste, ähnlich wie ein Hausmädchen, das bis zum Dessert bleibt; sie konnten sich dann nicht ohne Weiteres in die Untiefen von Klatsch und Skandalen stürzen. Ihre männlichen Freunde wiederum legten eine etwas gezwungene Herzlichkeit an den Tag und stellten mir witzig gemeinte Fragen zu Geschichte oder Malerei, in der Annahme, dies sei die einzig mögliche Art, mich an der Unterhaltung zu beteiligen, da ich die Schule vor nicht allzu langer Zeit verlassen hatte.

Seufzend wandte ich mich vom Fenster ab. Die Sonne war so verheißungsvoll, und das Meer wurde von dem fröhlichen Wind zu weißen Schaumkronen aufgepeitscht. Ich musste wieder an jenes Fleckchen denken, das ich vor ein, zwei Tagen zufällig entdeckt hatte; ein windschiefes Haus neigte sich dort über einen gepflasterten Platz. Hoch oben in dem baufälligen Dach gab es ein Fenster, schmal wie ein Schlitz. Früher einmal mochte eine mittelalterliche Gestalt hinausgeschaut haben; ich nahm vom Schreibtisch Bleistift und Papier und skizzierte aus einer Laune heraus gedankenverloren ein Profil, blass und mit Adlernase. Finsterer Blick, römische Nase, spöttische Oberlippe. Dann fügte ich noch einen Spitzbart hinzu und am Hals ein wenig Spitze, wie einst jener Maler in einer anderen Zeit es getan hatte.

Es klopfte an der Tür, und ein Page mit einer Nachricht trat ins Zimmer. »Madame ist im Schlafzimmer«, sagte ich, doch er schüttelte den Kopf und erklärte, die Nachricht sei für mich. Ich öffnete den Umschlag und fand darin ein einzelnes Notizblatt mit ein paar Worten in einer unbekannten Handschrift.

»Verzeihen Sie. Ich war heute Nachmittag sehr unhöflich.« Das war alles. Keine Unterschrift und keine Anrede. Auf dem Umschlag stand jedoch mein Name und war korrekt buchstabiert, das war ungewöhnlich.

»Gibt es eine Antwort?«, fragte der Junge.

Ich blickte von den hingekritzelten Worten auf. »Nein«, sagte ich. »Nein, darauf gibt es keine Antwort.«

Als er gegangen war, steckte ich den Zettel in meine Tasche und wandte mich erneut meiner Bleistiftskizze zu, doch aus irgendeinem Grund hatte ich keine Freude mehr daran; das Gesicht war steif und leblos, und Spitzenkragen und Bart sahen aus wie die Requisiten einer Scharade.

4

Am Morgen nach der Bridgeparty erwachte Mrs Van Hopper mit Halsschmerzen und knapp 39° Grad Fieber. Ich rief den Arzt, der sofort kam und eine gewöhnliche Grippe diagnostizierte. »Sie müssen im Bett bleiben, bis ich Ihnen erlaube, aufzustehen«, erklärte er. »Mir gefällt Ihr Herzgeräusch nicht, und das wird nicht besser, wenn Sie sich nicht absolut ruhig und besonnen verhalten. Mir wäre es lieber«, fuhr er fort, indem er sich an mich wendete, »Mrs Van Hopper hätte eine ausgebildete Krankenschwester um sich. Sie können Sie unmöglich heben. Es ist nur für ungefähr vierzehn Tage.«

Ich fand das ziemlich absurd und protestierte, doch zu meiner Überraschung war sie einverstanden. Ich glaube, sie freute sich auf den Wirbel, den das mit sich brachte, das Mitgefühl, die Besuche und Briefe von Freunden und die Blumen, die kommen würden. Monte Carlo hatte angefangen, sie zu langweilen, und diese kleine Krankheit würde ein wenig Abwechslung bringen.

Die Krankenschwester würde ihr Spritzen verabreichen und sie sanft massieren, und es gäbe Krankenkost. Sie war ganz aufgeräumter Stimmung, als ich sie nach der Ankunft der Krankenschwester verließ, saß mit sinkendem Fieber in ihre Kissen gestützt, ihr bestes Bettjäckchen um die Schultern gelegt und eine bändergeschmückte Kappe auf dem Kopf. Einigermaßen beschämt über meine gute Laune rief ich ihre Freunde an, sagte die kleine Party ab, die sie für den Abend arrangiert hatte, und ging hinunter ins Restaurant, um, eine gute halbe Stunde vor unserer üblichen Zeit, zu Mittag zu essen. Ich erwartete, den Saal leer vorzufinden – im Allgemeinen speiste niemand vor ein Uhr. Er war auch leer, mit Ausnahme des Nebentischs. Das war etwas, worauf ich nicht vorbereitet war. Ich hatte gedacht, er sei nach Sospel gefahren. Gewiss aß er so früh, um uns nicht begegnen zu müssen. Da ich den Raum bereits zur Hälfte durchquert hatte, konnte ich nicht mehr zurück. Ich hatte ihn nicht mehr gesehen, seit wir am Tag zuvor im Aufzug verschwunden waren, denn er hatte es klugerweise vermieden, im Restaurant zu Abend zu essen, möglicherweise aus demselben Grund, weshalb er jetzt so früh erschienen war.

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