Sinful Fling - Vivian Wood - E-Book
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Sinful Fling E-Book

Vivian Wood

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Beschreibung

Sie ist die kleine Schwester meines besten Freundes. Doch ich darf sie nicht lieben. Ich bin reich, gutaussehend und sein bester Freund, aber ich bin nicht gut genug für sie. Niemals würde Grayson das zulassen. Schließlich weiß er, was für ein Frauenheld ich war. Mit Olivia ist alles anders - mit ihr ist es mir ernst. Aus dem kleinen Mädchen von einst ist meine Traumfrau geworden, die nun ausgerechnet im Zimmer nebenan schläft. Doch zwischen uns steht nicht nur Grayson, sondern auch meine dunkle Vergangenheit. Wie wichtig ist das Vergangene, wenn Olivia meine Zukunft sein könnte? Alle Titel der Reihe "Sinfully Rich" können unabhängig voneinander gelesen werden.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Danke, dass Sie sich für einen Titel von »more – Immer mit Liebe« entschieden haben.

Unsere Bücher suchen wir mit sehr viel Liebe, Leidenschaft und Begeisterung aus und hoffen, dass sie Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und Freude im Herzen bringen.

Wir wünschen viel Vergnügen.

Ihr »more – Immer mit Liebe« –Team

Über das Buch

Sie ist die kleine Schwester meines besten Freundes. Doch ich darf sie nicht lieben.

Ich bin reich, gutaussehend und sein bester Freund, aber ich bin nicht gut genug für sie. Niemals würde Grayson das zulassen. Schließlich weiß er, was für ein Frauenfeld ich war.

Mit Olivia ist alles anders – mit ihr ist es mir ernst. Aus dem kleinen Mädchen von einst ist meine Traumfrau geworden. Und nun schläft sie ausgerechnet im Zimmer nebenan. Doch zwischen uns steht nicht nur Grayson, sondern auch meine dunkle Vergangenheit ...

Aber wie wichtig ist das Vergangene, wenn Olivia meine Zukunft sein könnte?

Alle Titel der Reihe »Sinfully Rich« können unabhängig voneinander gelesen werden.

Über Vivian Wood

Vivian Wood ist eine USA Today-, Wall Street Journal- und Amazon Top 20-Bestsellerautorin. Ihre Passion sind Romances über sexy Alphamänner, die von selbstbewussten Frauen gezähmt werden.

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Vivian Wood

Sinful Fling

Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Beate Darius

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Kapitel 1 – Aiden

Kapitel 2 – Aiden

Kapitel 3 – Olivia

Kapitel 4 – Aiden

Kapitel 5 – Olivia

Kapitel 6 – Olivia

Kapitel 7 – Aiden

Kapitel 8 – Olivia

Kapitel 9 – Olivia

Kapitel 10 – Aiden

Kapitel 11 – Olivia

Kapitel 12 – Olivia

Kapitel 13 – Aiden

Kapitel 14 – Aiden

Kapitel 15 – Olivia

Kapitel 16 – Aiden

Kapitel 17 – Olivia

Kapitel 18 – Aiden

Kapitel 19 – Olivia

Kapitel 20 – Aiden

Kapitel 21 – Aiden

Kapitel 22 – Olivia

Kapitel 23 – Olivia

Kapitel 24 – Aiden

Kapitel 25 – Olivia

Kapitel 26 – Aiden

Kapitel 27 – Olivia

Kapitel 28 – Aiden

Kapitel 29 – Aiden

Kapitel 30 – Olivia

Kapitel 31 – Aiden

Kapitel 32 – Olivia

Kapitel 33 – Aiden

Kapitel 34 – Olivia

Kapitel 35 – Aiden

Kapitel 36 – Olivia

Kapitel 37 – Aiden

Kapitel 38 – Olivia

Kapitel 39 – Olivia

Kapitel 40 – Olivia

Danksagung

Impressum

Kapitel 1 Aiden

»Hey.«

Ich reiße erschrocken die Augen auf und sehe, dass Eve auf mich zusteuert. In jeder Hand einen dampfenden Kaffeebecher setzt sie sich neben mich und hält mir einen hin. Ich nehme ihn, doch das Letzte, was ich jetzt brauche, ist Koffein. Ich bin schon nervös genug.

Nervös und irgendwie todunglücklich.

»Danke«, seufze ich. Während ich sie heimlich aus dem Augenwinkel betrachte, versuche ich mir vorzustellen, wie ich mich nun gerade fühlen sollte. Schließlich ist Eve das Vorzeigekind, das immer die Einsen bekommt, und der ganze Stolz unserer Eltern. Ich bin das genaue Gegenteil, das schwarze Schaf. Ein Schandfleck für unsere Familie.

Obwohl sie acht Jahre jünger ist als ich, verlasse ich mich momentan auf sie. Bestimmt macht Eve wie üblich alles richtig. Ihre Augen sind verquollen, ihre Nase ist gerötet. Als hätte sie gerade geweint oder würde jeden Moment in Tränen ausbrechen.

Sie stellt ihren Kaffee auf den Boden, unter die Sitzschale ihres Kunststoffstuhls. Seit gefühlt Wochen sitzen wir hier in dem schwach beleuchteten Gang. In Wahrheit sind es jedoch erst wenige Tage.

Ich habe das starke Bedürfnis nach einem Whiskey und spähe nach oben zu den langen Reihen von Neonröhren. Alles in diesem verdammten Krankenhaus ist so hell und trotzdem trostlos, blitzsauberes Weiß mit tristem Grau akzentuiert.

Eve lächelt mich zerstreut an, dann nickt sie zu der Wand gegenüber von uns. In dem schwindenden Abendlicht erkenne ich, dass sie mit kitschigen Glitzerkarten beklebt ist, die den Krankenhauspatienten gute Besserung wünschen. Die haben vielleicht Nerven! Das ist fast so schlimm wie die andere Wand, auf der inspirierende Zitate aus allen Konfessionen angebracht sind, ausgeschnitten aus inzwischen verblasstem Bastelpapier.

»Was soll das denn heißen?«, meint sie mit einem Kopfnicken zu der Karte direkt vor uns. »Der Körper mag leiden, aber Liebe ist ewig.«

Seufzend schüttle ich mein Knie aus. »Keine Ahnung. Zumindest ist es kein Gebet oder irgendein Bibelspruch wie auf den meisten anderen Karten. Offenbar wartet Jesus bloß darauf, die Leidenden in seine Arme zu nehmen. Klingt gruselig.«

Über meinen Scherz verdreht Eve leicht genervt die Augen. »Lass den Quatsch. Familien, die religiös sind, brauchen diesen Trost, weißt du. Nur weil wir nicht gläubig erzogen wurden, bedeutet das nicht, dass es bei anderen genauso ist.«

Ich schnaube. »Und womit sollen wir uns trösten? Mom liegt im Sterben. Ihr Zustand ist unverändert.«

Eve blickt mich für eine lange Sekunde an, ihre grünen Augen fixieren sich auf mein Gesicht. Sie schafft es irgendwie immer, meinen Mist zu kommentieren, etwas, was ich an ihr überhaupt nicht leiden kann. Dazu kommen ihre Überheblichkeit und das Bedürfnis, alles zu korrigieren, was andere von sich geben. Gut, dass wir uns lediglich in Ausnahmesituationen sehen, so wie gerade eben.

»Schön zu wissen, dass du dich überhaupt nicht verändert hast, seit du an die Westküste gezogen bist«, krittelt sie. »Du denkst immer noch, dass du witzig bist.«

Ich werfe ihr einen wütenden Blick zu. Das verpasst ihr bestimmt einen Dämpfer.

Seufzend nimmt sie ihr Handy heraus. Sie verzieht missmutig das Gesicht, dann tippt sie auf ein paar Tasten.

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. »Echt jetzt? Deine Mom stirbt demnächst an Bauchspeicheldrüsenkrebs, und deine Freunde haben nichts Besseres zu tun, als dich weiter mit Textnachrichten zu bombardieren?«

Sie funkelt mich gereizt an. »Das war eine E-Mail von meinem Kollegen, wenn es dich interessiert. Und ja, meine Freunde erkundigen sich nach mir und wollen mir ihr Mitgefühl aussprechen.«

Ärgerlich lehne ich mich zurück. »Mitgefühl. Für mich hat das sämtliche Bedeutung verloren. Sieh dir doch bloß mal die Wand vor uns an. Lauter Beileidsbekundungen und Rumgesülze, wie der Glaube unsere Lieben zu ihrer ewigen Ruhe führen wird. Das ist doch totaler Schwachsinn.«

Eves Lippen zucken. »Das steht da für Leute, die gläubig sind.«

Ihren Einwurf ignorierend, sehe ich auf meine Uhr. »Weißt du zufällig, wo Dad ist?«

Sie versteift sich kaum merklich. »Nein.«

Es ärgert sie, dass sie als Einzige noch den Kontakt mit Dad hält, aber Daddy macht nun mal die Kohle fürs Studium locker. Und da Eve im letzten Semester am College ist, ist sie in einer blöden Lage.

Ich mustere sie. »Zweifellos ertränkt er seine Sorgen wie üblich in Alkohol und hat Spaß mit teuren Callgirls. Vielleicht hat er auch eine neue Sekretärin, mit der er sich ablenkt. Hauptsache, er muss nicht hier sein, stimmt’s?«

Eve schaut auf ihren Styroporbecher. »Ich will ihn nicht verteidigen, Aiden. Mag sein, dass ich ihn weniger hasse als du, aber … ich habe auch nicht viel für ihn übrig.«

Mein Handy summt in meiner Hosentasche. Nach einem Blick zu Eve fische ich es heraus. Es ist eine SMS von Grayson, dass er und Olivia in Gedanken bei mir sind. Ich weiß, dass mein bester Freund es gut meint, doch den Text zu lesen, macht mich innerlich wie taub.

Das Ganze ist ziemlich verzwickt, und ich bin nicht wirklich bereit, mich damit jetzt auseinanderzusetzen. Ich verdrehe die Augen und schiebe mein Handy zurück in die Gesäßtasche meiner Jeans.

Eve schlürft mit leicht belustigter Miene ihren Kaffee. »Ach nee, da erkundigt sich wohl auch jemand nach dir.«

Seufzend werfe ich mich gegen die Plastiklehne und strecke die Beine aus. In diesem Gang ist sonst niemand außer den Stationsschwestern am Ende des Flurs. Es ist alles ruhig und still.

»Das war Grayson«, räume ich widerwillig ein. »Eben hat er gesimst, dass er und Olivia an mich denken.«

Eve runzelt nachdenklich die Stirn. »Olivia ist seine jüngere Schwester, nicht?«

Ich stelle mir Olivia vor, mit ihren weichen dunklen Haaren und ihrem schüchternen Lächeln. Meine Lippen ziehen sich nach oben. »Ja. Ihr habt euch letztes Jahr kennengelernt, als ich dich zu der Grillparty am 4. Juli mitgenommen habe.«

Eve verzieht keine Miene. »Oh. Das war doch die, die du den ganzen Abend angeflirtet hast?«

Die Verärgerung steht mir ins Gesicht geschrieben, als ich zu ihr blicke. »Ich glaube, du meinst jemand anders.«

»Nein. Ich erinnere mich genau an sie. Eine hübsche Brünette, die jedes Mal rot wurde, wenn du was zu ihr gesagt hast. Und weil du Dads Sohn bist, hat dich das voll angemacht.« Um ihre Mundwinkel zuckt es. »Grayson sollte euch besser im Auge behalten.«

Ich verschränke die Arme vor der Brust. »Willst du mich jetzt nerven oder was, Eve?«

»Nein. Ich sage nur, wie es ist.«

Ich kneife die Augen zusammen. Eve sollte doch am besten wissen, dass ich mir schon mein ganzes Leben lang anhören muss, was für ein Versager ich bin.

Schlecht in der Schule.

Aufbrausend und unkontrolliert.

Untreu und ein Aufreißer.

Meine Schwester ist natürlich immer das brave kleine Mädchen, ganz im Gegensatz zu ihrem großen Bruder, dem rebellischen Bad Boy. In Wahrheit kann sie aber ganz schön austeilen, und ich denke, heute ist sie echt eine Zicke.

Zugegeben, wir sind beide nicht gut drauf. Nicht wenn unsere Mom im Nebenraum im Sterben liegt.

Unvermittelt blinkt ein Licht aus Moms Krankenzimmer. Ich setze mich etwas gerader hin und umklammere meinen Kaffeebecher. Über uns ertönt aus unsichtbaren Lautsprechern eine Durchsage.

»Code Blau, Raum 220. Code Blau, Raum 220.«

Mist. Ist es jetzt so weit?

Das kann nicht sein.

Ich bin nicht bereit.

Eve schiebt ihre Hand in meine und drückt sie fest. Ich schäle mich aus meinem Sitz, unsicher, was ich tun soll. Das Zimmer meiner Mom ist ein steriler Bereich, weswegen jeder Besucher eine OP-Maske und einen Plastikumhang tragen muss. Drei Mediziner in weißen Kitteln kommen den menschenleeren Gang heruntergelaufen und steuern auf Moms Zimmer zu. Eine von ihnen ist Moms Onkologin Dr. Erslinger, eine ernste, sachliche Frau.

Ich habe Frau Dr. Erslinger noch nie rennen sehen. Das ist bestimmt kein gutes Zeichen.

Sie reißen die Tür auf und setzen OP-Masken auf, bevor sie im Innern verschwinden. Während sich die Tür schließt, erhasche ich einen Blick auf Mom; blass, schwach, umgeben von Schläuchen und piependen Maschinen, liegt sie in dem Intensivbett.

»Scheiße«, knurre ich.

Ich bin noch nicht bereit. Nein.

Eve zieht an meinem Arm, bis ich mich gezwungenermaßen wieder hinsetze. Ich schaue sie an und frage mich, wie zum Teufel sie nun ruhig bleiben kann. Doch als ich sie näher betrachte, ist sämtliche Farbe aus ihrem Gesicht gewichen. Ihre Augen sind auf die Tür fixiert und füllen sich langsam mit Tränen.

Sie ist nicht ruhig. Sie ist versteinert.

Ich winke einem weiteren Arzt, der kurz darauf den Gang in Richtung Intensivstation passiert. »Bitte sagen Sie uns doch, was los ist.«

Der Mediziner bleibt an der Tür stehen und späht durch die Glasscheibe ins Innere. »Ich denke, Mrs. Moreland hat akute Atemprobleme. Das bedeutet –«

»Sie bekommt keine Luft«, schneidet meine Schwester ihm das Wort ab. Sie klingt aggressiv, selbst für eine Person mit Tränen in den Augen. »Geben Sie uns endlich eine Diagnose.«

Mit gesenktem Kopf schwenkt der Arzt herum und drückt die Tür zu Moms Krankenzimmer auf. Als er hineingehen will, kommt Dr. Erslinger ihm entgegen und nimmt ihre OP-Maske ab. Die Ärztin ist in den Sechzigern, ihr früher blondes Haar mit silbergrauen Strähnen durchsetzt. Als sie zu sprechen beginnt, spüre ich, dass Eve meinen Arm packt, als klammerte sie sich mitten auf dem Meer an eine Rettungsinsel.

Die Ärztin zögert einen Herzschlag lang. »Der Alarm, den Sie eben gehört haben, war ziemlich kritisch. Ihre Mutter hatte Probleme mit der Atmung. Wie Sie wissen, hat der Krebs nahezu überall in ihren Körper gestreut, auch in die Leber. Sie hat akutes Leberversagen. Nach meinen Beobachtungen glaube ich, dass Ihre Mutter nicht mehr lange bei uns sein wird. Ich würde sagen, vielleicht einen Tag, vielleicht weniger.«

Eve bricht unversehens in Tränen aus und vergräbt ihren Kopf an meiner Schulter. Mir ist ebenfalls zum Heulen zumute, aber ich reiße mich zusammen und lege stattdessen einen Arm um meine Schwester.

Innerlich werde ich jedoch von einer Übelkeit überrollt. Mir ist schlecht bei der Vorstellung, dass ich hier sitzen werde und nichts tun kann, während meine Mutter da drinnen stirbt.

»Danke«, sage ich mit einem kurzen Kopfnicken.

An mich gelehnt, schluchzt Eve. Und ich halte sie bloß fest, während mein Magen rebelliert.

»Ich sollte Dad anrufen«, sage ich, mache aber keinerlei Anstalten aufzustehen.

Sie zieht schniefend den Atem ein. »Ich kann es nicht fassen, dass wir ihn anrufen müssen, damit er ans Sterbebett seiner Frau kommt.«

Dr. Erslinger räuspert sich. »Mrs. Moreland würde Sie gern sehen, Aiden.«

Ich fühle mich bleischwer. »Mich? Allein?«

Die Ärztin nickt mir mutmachend zu. »Ja. Eve, wären Sie so nett, mich kurz zur Schwesternstation zu begleiten, um ein paar Fragen zu klären? Es dauert auch nicht lange.«

»Nein.« Eve schüttelt den Kopf. »Was immer Mom zu sagen hat, kann sie uns auch beiden sagen.«

Ich mustere sie mit einem schiefen Seitenblick. »Ich denke doch, dass Moms Wünsche heute Vorrang haben, Eve.«

Meine Schwester reagiert nicht sofort. Dann macht sie echt eine Faust und boxt mich in den Arm. »Fick dich, Aiden. Sie hat dich immer mehr gemocht als mich. Ich finde, du könntest dieses eine Mal ruhig ein bisschen mehr Empathie zeigen.«

Meine Kiefer mahlen. Will meine Schwester nicht wahrhaben, dass der Tod meiner Mom mich auch berührt? Ich atme langsam aus. »Geh mit der Ärztin, Eve.«

Meine Schwester und ich starren uns für einen Moment an, dann löst sie sich schniefend von mir. Sie steht auf. »Okay.«

Während Eve und die Ärzte sich durch den Flur entfernen, starre ich auf die Tür von Mutters Krankenzimmer. Ich stehe auf und bewege mich zu der schweren Holztür, um leise daran zu klopfen. Schließlich öffne ich die Tür und sehe meine Mom dort auf dem Bett, auf einen Berg Kissen gestützt. Die Abendsonne scheint durch die geöffneten Blenden vor den Fenstern.

Ich versuche, die vielen Schläuche und Infusionen zu ignorieren, die in Moms dünnen Armen stecken. Sie sieht aus, als hätte sie eine schwere Gelbsucht, viel schlimmer als heute Morgen.

»Mom?«

Blinzelnd öffnet sie die Augen. Dann greift sie nach oben, um ihr violettes Kopftuch zurechtzurücken. »Aiden, ja. Komm her, bitte. Und schließ die Tür hinter dir.«

Wie ferngesteuert mache ich, was sie sagt. Mir wird bewusst, dass ich seit Jahren nicht mehr allein mit ihr gewesen bin, auch nicht während ihres Krankenhausaufenthalts. Ich bin mit dieser Situation absolut überfordert.

Und ich fühle mich beschissen, weil ich meine Mom nicht öfter besucht habe. Schwer bemüht, den Gedanken zu verdrängen und mich darauf zu fokussieren, dass sie bald sterben wird, ziehe ich einen der schweren Stühle neben ihr Bett.

Sie wirkt beinahe durchsichtig unter ihrer gelblichen Haut und leichenblass. So habe ich sie noch nie gesehen. Ihre Haare und ihre Augenbrauen sind ausgefallen, die Wimpern auch. Als sie mich anlächelt, kann ich den Schmerz in ihren Augen erkennen. Sie nimmt einen langen Atemzug.

»Aiden.« Sie streckt ihre Hand nach mir aus, und ich fasse sie hastig. Als ich sanft ihre Finger umschließe, huscht ein wehmütiger Schatten über ihr Gesicht. »Ich muss dir etwas gestehen. Es tut mir leid, aber ich muss es endlich loswerden.«

Mein Magen krampft sich unangenehm zusammen. Ein spätes Geständnis auf dem Sterbebett? Das kann nichts Gutes bedeuten.

Hoffentlich hat sie Dad die letzten dreißig Jahre heimlich Geld geklaut. Aber wenn sie mir das gestehen will, wieso kann Eve dann nicht mit im Raum sein?

Nervös benetze ich die Lippen, denn ich habe keinen Schimmer, wie ich mich verhalten soll.

Mom schließt die Augen. »Als du klein warst, habe ich mir vorgenommen, es dir zu erzählen, wenn du älter wärst. Aber die Zeit vergeht wie im Flug, nicht wahr?«

Mein Herz hämmert, trotzdem bin ich nach außen hin die Ruhe selbst. »Ja.«

»Mit zwanzig habe ich euren Vater geheiratet.« Sie zögert, ehe sich ihre Lider erneut öffnen. »Aber den Sommer davor war ich an der Westküste, in der Nähe von Seattle. Ich habe dort bei einer reichen Familie gearbeitet – den Morgans. Und mich irgendwann in Thomas, den ältesten Sohn, verliebt.« Sie bricht ab, um nach Atem zu ringen. »Ich bin Hals über Kopf abgereist, ohne mich von irgendwem zu verabschieden. Kurz darauf habe ich euren Vater kennengelernt, und zwei Monate später war ich verheiratet.«

Ich sitze bloß da und versuche im Kopf nachzurechnen, was sie gerade angedeutet hat. Sie drückt meine Hand, damit ich mich wieder auf sie konzentriere.

»Ich vermute stark, dass dein leiblicher Vater Thomas Morgan ist und nicht Michael Moreland.«

Ihre Worte schockieren mich. Verdammt, was eröffnet sie mir da?

»Mom …« Kopfschüttelnd blicke ich zu der Morphin-Infusion, die in ihrem Arm steckt. »Das ist … du bist durcheinander. Deine Medikamente machen dich …«

Sie umklammert meine Hand. »Ich bin bei klarem Verstand, Aiden. Es ist wichtig, dass du mir zuhörst. Dies könnte das letzte Mal sein, dass wir Gelegenheit haben, offen miteinander zu reden.«

»Mom …«, versuche ich es erneut und spüre, wie Zorn in mir hochkocht. »Willst du damit sagen, dass mein Dad nicht mein Dad ist?«

Sie nickt, und ihre Kinnpartie zittert. »Ja.«

Eine schlimme Erkenntnis schlängelt sich durch meine Eingeweide. Ich bin nicht bloß wütend, ich fühle mich … von ihr auf mieseste Weise hintergangen.

Mit einem angeekelten Zug um meine Mundwinkel reiße ich ihr meine Hand weg. »Er hat mich grün und blau geschlagen, Mom! Jeden verdammten Tag! Und du hast ihn einfach gelassen.« Ich springe vom Stuhl auf und zeige mit dem Finger auf sie. »Du hast zugesehen, wie er mich verprügelt und beschimpft hat, ich wäre dumm. Er hat mir das Leben zur Hölle gemacht! Und jetzt erzählst du mir, dass er überhaupt nicht mein Vater ist?« Ich sehe langsam rot. »Du hättest es mir längst sagen können! Aber statt das Ganze zu beenden … und mich gehen zu lassen …, hast du in Kauf genommen, dass er mich halb umbringt?«

»Es tut mir leid«, seufzt meine Mom und versucht mit kraftlosen Fingern, nach mir zu greifen. »Du verstehst das nicht …«

»Nein. Das verstehe ich definitiv nicht«, gebe ich zurück. Meine Hände zittern. Ich sehe Dad im Geiste vor mir: Breitbeinig, über mich gebeugt, drückt er die Schnalle seines Gürtels an meine tränenüberströmte Wange. Dabei flüstert er mir zu, dass ich verdiene, was gleich passieren wird … Dann nimmt er den Gürtel und lässt ihn voller Wucht auf meinen Rücken knallen, woraufhin ich aufschreie.

Ein Schluchzen kommt aus Moms Kehle. »Es tut mir so leid, Aiden …«

Das Schnalzen des Gürtels, der auf meine Haut trifft, schraubt sich durch meine Erinnerung. Ich beiße die Zähne zusammen. Eine Träne läuft mir über die Wange.

»Weißt du was, Mom? Du kannst mich mal! Du hast mich zum verdammt letzten Mal enttäuscht.«

Ich wirble herum und stürme aus ihrem Krankenzimmer, so wütend, dass ich nicht mehr klar denken kann. Eve kommt mir im Flur entgegen und sieht mich verständnislos an.

»Was ist passiert?«, fragt sie und packt mich am Arm.

»Unsere Mutter ist eine Schlampe«, fahre ich sie an und reiße mich los.

Der Ausdruck vollkommenen Erstaunens auf ihrem Gesicht ist nicht zum Aushalten. Ich schüttele Eve ab und laufe zum Treppenhaus, wo ich die Tür aufreiße und immer zwei Stufen auf einmal nehmend ins Freie gelange.

Ruck, zuck bin ich auf dem Parkplatz und setze mit quietschenden Reifen aus der Parklücke, denn ich kann gar nicht schnell genug wegkommen. Es riecht nach verbranntem Gummi auf dem Asphalt.

Die Stimmen in meinem Kopf überschlagen sich. Jedes einzelne Wort wütend und brüllend laut in meinen Gehirnwindungen.

Ich fahre in die Nacht und weiß ganz sicher, dass ich nicht wieder herkommen werde, auch wenn sie nur noch einen Tag zu leben hat. Soll Eve sich doch um sie kümmern.

Ich bin fertig mit ihr.

Kapitel 2 Aiden

»Verdammt noch mal, verschwinde aus meiner Wohnung!«, tobt sie, wie eine Gestörte. Sie steht an den großen, geöffneten Fenstern ihres Apartments in Port Angeles und ist immer noch splitternackt. Sie ist stocksauer und trotzdem wunderschön, als sie sich mit einem zusammengerafften Bündel Kleidern von mir herauslehnt.

Diesen Anblick vergisst man nicht so schnell. Aber was soll’s? In meinem Leben hat es zu viele Emmas gegeben, um sie noch zu zählen. Ich schätze, es gibt Gründe, warum die Kleine Model geworden ist, denn sie ist die reizende Anmut in Person, sogar noch, als sie meine Klamotten aus dem Fenster schwenkt.

»Emma –« Ich halte beschwichtigend eine Hand hoch.

In der anderen Hand halte ich ein Seidenlaken mit meinem anderen Mist. Noch vor zwei Minuten haben wir uns nackt auf ihrem Bett gewälzt.

Dann fing sie von einem Brunch an, morgen mit ihren Freundinnen, und mir stellten sich die Nackenhaare auf. Und das alles, bevor wir richtig gefickt haben. Das ist zu viel für jeden Typen, besonders für mich.

Im Rückblick war es bestimmt ein Riesenfehler von mir, freimütig und offen zu meinen Bedürfnissen zu stehen. Allerdings habe ich auch nicht ewig Zeit.

Ich habe einen Haufen anderes zu erledigen, solange ich in der Stadt bin. Danach muss ich zurück ins Basislager, um eine zehntägige Tour zu begleiten.

Das war nicht das, was sie hören wollte, schätze ich. Deswegen schmeißt sie gerade meinen Kram aus dem Fenster und will, dass ich verschwinde.

»Du Scheißkerl. Ich heiße Emily! E-mih-lii!«, kreischt sie. Wegen ihrer verwischten Mascara hat sie Pandaaugen, aber ich halte es für keinen guten Zeitpunkt, ihr das zu stecken.

Sie scheint mehr als ein bisschen neben der Spur. Die Frauen, mit denen ich schlafe, sind alle leicht durchgeknallt. Zumal ich auf attraktive, langbeinige Blondinen stehe. Für gewöhnlich kommt dazu eine geballte Ladung Vaterkomplex, was dazu führt, dass sie sich im Schlafzimmer echt anstrengen.

»Sag ich doch«, meine ich lässig. Die Situation gerät inzwischen leicht außer Kontrolle, sodass ich langsam Richtung Apartmenttür zurückweiche. »Ich bin schon weg, also …«

Sie hebt ein Kissen vom Boden auf und schleudert es in meine Richtung. »Gut. Verschwinde einfach!«

Ich hab’s kapiert. Im Hinausgehen schnappe ich mir Schlüssel und Handy von ihrem Küchentresen, dann stürme ich die Treppen ihres Apartmentgebäudes hinunter. Als ich in die kühle Nachtluft eintauche, zucke ich fröstelnd zusammen. Ich kann echt froh sein, dass Sommer ist. Im Winter wird es hier im Norden von Washington, in unmittelbarer Nähe der Küste, bitterkalt.

Anders als jetzt, da ist die Temperatur richtig angenehm. Fast lau. Heute Abend ist Neumond, und vom Himmel strahlt lediglich das Licht der Sterne.

Meine überall auf der Straße verstreuten Sachen einsammelnd, steige ich auf dem Weg zu meinem schwarzen Jeep in meine Klamotten. Zum Glück steckt meine Brieftasche noch in meiner Jeans. Ich kann mir Angenehmeres vorstellen, als dieses Teil ersetzen zu müssen. Allerdings wäre ich nicht das erste Mal in dieser Bredouille, und es ist auch bestimmt nicht das letzte Mal.

Trotzdem ist es absolut nervig, neue Kreditkarten und einen neuen Perso in Auftrag zu geben.

Der angenehm erregende Kick, den ich hatte, lässt nach. Ich steige in meinen Jeep und fahre auf dem Highway 101 in Richtung Whiskey Bend. Dort ist das Basislager für den National Park Service, wo ich als Parkaufseher eingeteilt bin.

Ich lasse das Fenster einen kleinen Spalt runter und genieße die kühle Nachtluft, während ich durch die tintenschwarze Dunkelheit ins Camp zurückfahre.

Ich denke nicht groß darüber nach, was vorhin passiert ist.

Auch nicht, wie es sich anfühlt, dass mein Leben mal wieder leicht außer Kontrolle ist.

Und ich denke definitiv nicht an die Familie Morgan, als ich an der Abzweigung vorbeifahre, die zu deren Besitz führt. Ehrlich gesagt drücke ich aufs Gas, damit es gar nicht erst so weit kommt.

Okay, mag sein, dass ich mir ein paar Gedanken mache. Nicht zuletzt wegen meiner Mom. Ich stelle mir meine ‑ inzwischen verstorbene – Mutter vor, als sie noch jung war und hier die Gegend unsicher machte. Das war, bevor ich geboren wurde. Bevor sie meinen Bastard von Vater kennenlernte, der sie bis zu ihrem letzten Atemzug schikaniert und drangsaliert hat.

Bisher weiß nur Grayson, dass sie tot ist. Sonst keiner. Es fällt mir nicht leicht, darüber zu sprechen.

Die Sache geht mir verdammt an die Nieren. Besonders wenn ich anfange, über das Geständnis nachzugrübeln, das sie mir auf dem Sterbebett gemacht hat.

Stand sie so stark unter Medikamenteneinfluss, dass ihr benebelter Verstand eine Affäre erfunden hat?

Oder hat sie bloß versucht, einen Fehltritt von vor dreißig Jahren zu rechtfertigen?

Die Tatsache, dass ich nichts Genaues weiß, macht mich fertig.

Die Landschaft rauscht an mir vorüber, und ich versuche, an etwas anderes zu denken. Kurze Zeit später steuere ich meinen Jeep in die letzte holprige Kurve, und Whiskey Bend liegt vor mir. Als ich aussteige, kann ich den Himmel nicht sehen. Die Baumkronen bilden ein dichtes Dach aus Blättern über dem Campgelände. Mein Blick gleitet über die üblichen Holzhütten im Eingangsbereich. Etwas weiter weg wurden Seile zwischen den Bäumen gespannt, um einen weitläufigen Kletterparcours anzulegen.

Auf der Veranda der größten Hütte, in der sich die Cafeteria befindet, steht jemand. Als ich näher komme, erkenne ich meinen Boss, Nate. Er trägt die obligatorischen Khakishorts und ein Whiskey-Bend-T-Shirt, seine Füße stecken in Sandalen. Mit verschränkten Armen lehnt er über dem Holzgeländer, und sein Glatzkopf glänzt im dämmrigen Licht.

Mit ein, zwei Sätzen springe ich auf die Veranda. Und werde langsamer, als ich seinen übellaunigen Blick aufschnappe. Nate scheint mächtig sauer auf mich zu sein.

Eigentlich ist er ein umgänglicher Typ, deswegen wundert mich das.

»Hey«, rufe ich, die letzte Stufe nehmend, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Zumindest wäre es so, wenn er nicht ungefähr dreißig Zentimeter kleiner wäre als ich. Mit meinen ein Meter neunzig bin ich größer und breiter als die meisten Männer.

»Hey«, gibt er knapp zurück. Ich tippe mal, dass er schlechte Nachrichten für mich hat.

»Wie geht’s Grayson?«, erkundige ich mich. Mein langjähriger bester Freund versucht schon seit einiger Zeit, mit einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung fertigzuwerden, zudem hat er Stress mit seiner Ex-Freundin, die vor Kurzem hier aufgetaucht ist. Ja, vielleicht ist das ein gutes Thema, um von mir abzulenken, und ich möchte sowieso gern wissen, wie es ihm geht.

»Grayson ist … nun ja, er ist immer noch ziemlich unglücklich mit dem Job, den ich ihm aufs Auge gedrückt habe … der Sommer hat eben erst angefangen, und er ist schon jetzt schlecht drauf. Irgendwie ist er angefressen, weil er und Rachel so was wie eine gemeinsame Vergangenheit haben, vermute ich.«

Um meine Mundwinkel zuckt es. »Tja, irgendwas sagt mir, dass er einen langen Sommer als Rachels Babysitter haben wird. Hat einer der beiden sich gemeldet, seit sie gestern Morgen aus dem Basislager aufgebrochen sind?«

»Nein. Und ich rechne auch nicht damit, noch was zu hören. Ich habe ihm deutlich gemacht, wie seine Optionen aussehen. Er kann den Job hinschmeißen, oder er kann weiter hier arbeiten«, erläutert Nate gleichmütig. »Grayson kommt damit klar. Aber ich fürchte, wir haben ein größeres Problem, Aiden.«

»Aha.« Ich reibe mir den Nacken. Das hört sich nicht gut an. »Und das wäre?«

»Eine von den Reiseagenturen hat hier angerufen und sich über dich beschwert. Wieder mal. Wahrscheinlich hattest du Sex mit einer ihrer Mitarbeiterinnen, und das Mädel war hinterher völlig durch den Wind. Irgendwas von wegen, dass sie sich für die große Liebe aufsparen wollte? Klingelt es da bei dir?«

Ich lege die Stirn in Falten. »Das … kommt mir bekannt vor.«

Nate wird wütend. »Verdammt noch mal, Aiden! Ich habe es dir doch gesagt!«

Ich verdrehe die Augen. Kann ich mir nicht verkneifen. »Nein, du hast lediglich gesagt, dass ich gefälligst keine Frauen anmachen soll, die hier arbeiten …«

»Halt. Deine. Klappe. Sofort.« Mit zusammengekniffenen Augen drückt er sich von der Wand ab und zeigt mit dem Finger auf mein Gesicht. »Du kannst dich nicht beherrschen, Mann. Und es ist dir offensichtlich scheißegal. Wie kann ich dir da guten Gewissens Reisegruppen anvertrauen?«

Jetzt fange ich ein bisschen an zu schwitzen. »Diese Frau, von der du da sprichst, wusste genau, mit wem sie es zu tun hatte und was ich wollte, bevor sie freiwillig mit mir in die Kiste gestiegen ist. Was kann ich dafür, dass sie sich mehr davon versprochen hat oder so? Ich habe ihr weiß Gott keine Hoffnungen gemacht.«

Nate stößt einen frustrierten Seufzer aus. »Du hast ein Problem, Aiden. Ernsthaft. Ich habe keine Ahnung, wieso du dich so aufführst, aber hier wird es nicht mehr passieren.«

Ich werde mucksmäuschenstill. »Was, willst du mich etwa feuern?«

Er mustert mich mit einem langen Blick. »Nein, aber du bist ab sofort freigestellt. Meinetwegen kannst du hier im Basislager bleiben, aber ich werde dir weder Tourgruppen anvertrauen noch andere Jobs im Park geben, solange du dein Problem nicht auf die Reihe kriegst.«

»Was soll der Scheiß, Kumpel? Weil ich ein paar Mal Mist gebaut habe? Bei Grayson bist du doch auch nicht so.«

Er verschränkt erneut die Arme vor der Brust. »Zum einen wurdest du wiederholt gewarnt, dich von den Frauen fernzuhalten. Zum anderen hat Grayson eine posttraumatische Belastungsstörung aus seiner Zeit bei den Marines. Das weißt du so gut wie ich.«

Ich verschränke die Arme ebenfalls vor der Brust, um Nate zu spiegeln. »Ich war auch bei den Marines, schon vergessen?«

»Das ist nicht der Punkt!«, explodiert er. »Ich bin es leid, ständig auf Grayson und dich aufzupassen. Und weil es mir restlos reicht, kannst du dich die nächsten zwei Monate von sämtlichen Einsätzen verabschieden.«

»Fuck, meinst du das jetzt ernst?«, stoße ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Nate streckt eine Hand nach mir aus, um mich von der Veranda der Cafeteria zu schieben. Er will mich definitiv loswerden. »Todernst. Hau ab und mach eine Therapie oder sonst was. Lauf meinetwegen einen Marathon. Aber sorg dafür, dass du dich wieder in den Griff bekommst. Ich weiß nicht, warum du so aggressiv bist, seit du aus deinem Urlaub zurück bist, aber … du musst irgendwas finden, um deine Energien in etwas Produktives zu kanalisieren.«

Ich balle die Hände zu Fäusten. Mein Urlaub, wie Nate ihn nennt, bestand darin, nach New Jersey zurückzukehren und meiner Mom beim Sterben zuzusehen. Und das war nicht alles. Außerdem hat sie mir ein großes Geheimnis anvertraut, das sie bis dahin totgeschwiegen hatte.

Und ja, mag sein, dass ich mich in den drei Monaten seitdem ein bisschen danebenbenommen habe. Ich glaube, es wäre besser gewesen, wenn ich mit jemandem über Moms Tod geredet hätte. Oder über ihr Geständnis auf dem Sterbebett.

Ich spüre, wie es in mir brodelt, und würde Nate am liebsten eins auf seine dumme Fresse geben. Aber wenn ich Palaver mache, werde ich womöglich gefeuert. Deswegen drehe ich mich um, stapfe die Stufen hinunter und bemühe mich, meinen angestauten Ärger runterzuschlucken.

Eigentlich hat Nate bloß wiederholt, was ich andauernd zu hören bekomme.

Ich bin schlecht.

Ich bin in Schwierigkeiten.

Ich werde die Quittung für mein Verhalten bekommen.

Meine Kiefer sind dermaßen fest aufeinandergebissen, dass mein Kopf gefühlt zu platzen droht. Meine Hände zu Fäusten zusammengeballt, habe ich wieder das Bild vor Augen, wie mein Vater sich vor mir aufbaut, als ich acht bin, und langsam seinen Gürtel aus der Hose zieht.

Du weißt, was jetzt passieren wird, würde er sagen. Halt still, du mieses Stück Scheiße.

Ich schüttle heftig den Kopf, um das Bild loszuwerden, bis es endlich verschwindet.

Zum Teufel damit. Zum Teufel mit Nate. Zum Teufel mit dem ganzen National Park Service, dass sie so einen Idioten überhaupt zu meinem Vorgesetzten machen.

Nate macht nur seinen Job. Ein kleiner Teil von mir begreift das. Und dieser Teil ist das Einzige, was mich davon abhält, mich auf ihn zu stürzen. Stattdessen kommt mir die Galle hoch.

Als ich meine Blockhütte erreiche, bin ich halb blind vor Zorn. Ich brauche einen Drink. Um ehrlich zu sein, brauche ich einen guten Fick, um mir den Frust von der Seele zu vögeln.

Abrupt bleibe ich stehen und drehe auf dem Absatz um. Meine Sachen kann ich auch noch später holen. Was ich jetzt brauche, gibt es garantiert nicht am Whiskey Bend. Also stürme ich zu meinem Jeep und schwinge mich hinters Steuer, um mit quietschenden Reifen in die Nacht zu brettern.

Kapitel 3 Olivia

»O nein!«, stöhne ich.

Ich werfe mein Handy auf den Beifahrersitz der Klapperkiste, die ich mir geliehen habe, und spähe seufzend durch die Windschutzscheibe. Das GPS auf meinem Handy funktioniert ohne Netz nicht, und anderthalb Stunden von Seattle entfernt stecke ich offenbar in einem Funkloch.

Hier draußen in Belway Point gießt es in Strömen. Durch die Wagenscheiben sieht die Landschaft wie ein verschwommenes, impressionistisches Gemälde aus, üppiges Grün getüpfelt mit dicken weißen Regentropfen. Vor zwei Kurven konnte ich noch von einer Klippe auf das tiefblaue Meer blicken, und jetzt bin ich irgendwie mitten im Dschungel.

Der Nordwestpazifik ist ziemlich verwirrend für ein Mädchen aus New Jersey.

Ich bin unterwegs zu den Morgans, in der verzweifelten Hoffnung, dass sie mich als Archivarin einstellen werden. Alte Dokumente und Familienaufzeichnungen sind meine große Leidenschaft, aber ohne Masterabschluss habe ich schlechte Karten in diesem Beruf.

Weshalb ich dringend auf diesen Job angewiesen bin, um mir mein weiteres Studium zu finanzieren.

Mit Schrittgeschwindigkeit krieche ich die unbefestigte Straße entlang. Wenn ich bei diesem Regenguss schneller fahre, laufe ich womöglich Gefahr, jemanden zu überfahren oder irgendwo anzuecken. Nach einem Blick auf die Uhr im Armaturenbrett fange ich an zu schwitzen.

Mein Termin ist in einer Viertelstunde. Und ich habe reichlich Zeit eingeplant, doch nun hänge ich auf dem letzten Stück fest. Ich spähe aus dem Fenster und mache mir wenig Hoffnung auf ein Hinweisschild, um die Adresse zu finden.

»Na komm schon«, murre ich. »Wo wohnst du, Familie Morgan?«

Nach einer weiteren Meile im Schneckentempo bemerke ich ein schmiedeeisernes Schild mit dem Namen Morgan darauf.

»Hurra!«, kreische ich. Langsam biege ich in einen zugewachsenen Weg und holpere noch ein gutes Stück weiter, bis ich einen großen Vorplatz erreiche, auf dem das Haus steht.

Der Regen lässt gerade so viel nach, dass ich einen genaueren Blick auf das Haus werfen kann. Es ist zwei Stockwerke hoch, langweilig grau gestrichen und sieht furchtbar altmodisch aus. Die meisten Fensterläden fehlen, und die Farbe blättert ab. Und entweder bilde ich mir das ein oder die gesamte Fassade neigt sich stark nach links.

Trotzdem ist es wirklich repräsentativ. Ich habe nicht erwartet, dass es so groß ist, auch wenn von einem Anwesen die Rede war. Ein Blick aufs Armaturenbrett sagt mir, dass ich spät dran bin. Also ziehe ich schnell mein Kleid glatt, hänge meine Schultertasche um und hechte wie eine Irre vom Wagen zur Veranda.

Ich schaffe es problemlos dorthin, mein Kleid ist nach dem kurzen Sprint allerdings eine einzige Katastrophe. Lang und aus weißem Leinen mit einem schmalen Gürtel aus Wildleder, hängt es wie ein nasser Sack um meinen Körper. Ganz zu schweigen von meinen am Kopf angeklatschten Haaren. Bevor ich jedoch noch irgendwas retten kann, öffnet sich eine mordsmäßig quietschende Tür.

Eine kleine alte Dame kommt heraus, gestützt auf ihre Gehhilfe. Wenn sie jünger als neunzig ist, wäre ich geschockt. Sie ist in ein hochgeschlossenes, bodenlanges Kleid aus schwarzem Seidenkrepp gehüllt, wie sie von den vornehmen Damen um die Jahrhundertwende getragen wurden. Sie lächelt mich milde an.

»Sind Sie Olivia, meine Liebe?«, fragt sie, ziemlich laut.

Ich schiebe meine Haare hinters Ohr und nicke. Meine Wangen werden heiß. »Ja. Ich habe einen Termin wegen der Stelle als Archivarin.«

Die Frau verzieht das Gesicht. »Sie müssen lauter sprechen, meine Liebe. Ich fürchte, ich bin in den letzten Jahren ein bisschen schwerhörig geworden.«

Unsicher, wie laut das sein soll, neige ich mich näher zu ihr und hebe die Stimme. »Ich bin Olivia. Ich bin hier, um bei Ihnen als Archivarin anzufangen. Ich freue mich, Sie kennenzulernen!«

Sie kneift kurz die Augen zusammen, ehe sie mir freundlich zunickt. »Ich bin Margaret Morgan. Ist mir ein Vergnügen! Wenn Sie mich bitte ins Haus begleiten wollen, ich habe Tee für uns servieren lassen.«

Sie wirkt sehr geschliffen, höflich und steif. Sobald ich einen Fuß über die Schwelle gesetzt habe, bestaune ich mit großen Augen die weitläufige Halle und einen hohen verschnörkelten Treppenaufgang. Alles ist auf Hochglanz poliert, auch wenn das Holzparkett abgetreten wirkt und das eisengeschmiedete Treppenhaus leichte Patina angesetzt hat. Das Innere des Hauses ist trotzdem tadellos in Schuss, obwohl ich das von draußen anders eingeschätzt hätte.

Margaret biegt nach rechts ab und geht durch eine schwere Holztür, deren beide Flügel einladend offen stehen. Hier muss ich zweimal hingucken. Mehrere elegant bezogene Sofas und einige kleine Beistelltische gruppieren sich um den Kamin. Wie angekündigt, ist der Tee bereits für uns serviert worden.

Margaret hinkt mit kleinen Schritten zu einem der Sofas und setzt sich. »Bitte. Bitte, nehmen Sie doch Platz«, erklärt sie mit einer einladenden Handbewegung.

Ich setze mich auf die Couch, die mir am nächsten ist, und ignoriere die Staubwolke, die dabei aus dem Polster hochwirbelt. Margaret bietet mir kleine Sandwiches und Petit Fours an, bevor sie sich selbst etwas nimmt.

»Erzählen Sie mir von sich!«, fordert sie mich auf. »Haben Sie Familie, meine Liebe?«

Verlegen räuspere ich mich. Ich muss mich dazu anhalten, laut zu sprechen, was irgendwie ungewohnt für mich ist. Zumindest bei Fremden. In Gegenwart von Margaret bin ich allerdings ein bisschen entspannter, als ich es normalerweise bei einem Vorstellungsgespräch wäre. »Nur meinen Bruder, Ma’am. Ich habe vor Kurzem meinen Abschluss an der Kean University gemacht und würde gern anfangen, als Archivarin zu arbeiten …«

»Was reizt Sie daran?«, erkundigt sich Margaret. Sie nimmt einen Bissen von ihrem Petit Four.

Über ihre Frage muss ich nachdenken. »Ich liebe alte Bücher und Dokumente. Vermutlich, weil sie unkomplizierter sind als die meisten Menschen, die ich kenne …«

»Da haben Sie nicht unrecht, Olivia.« Die ältere Dame kichert in ihre Teetasse. »Wissen Sie, ich habe mich nach Ihnen erkundigt und nur Positives von Ihrem College erfahren.«

Ich merke, dass ich rot werde. Dann hat sie bestimmt in der Bibliothek der Kean University angerufen. Ich möchte nicht sagen, dass man mich grundsätzlich für eine Überfliegerin gehalten hat, aber bei den Damen dort hatte ich wirklich einen Stein im Brett. »Freut mich, das zu hören.« Ich verstumme und versuche angestrengt, mir eine passende Frage zu überlegen. »Welche Anforderungen stellen Sie denn im Einzelnen an eine Archivarin?«

»Was haben Sie gesagt?« Sie wölbt eine Hand um ihre Ohrmuschel.

»Ich habe gerade gefragt, was Sie von einer Archivarin erwarten!«, brülle ich halb.

Sie seufzt. »Ich muss leider einräumen, dass die Familie Morgan erhebliche finanzielle Rückschläge zu verkraften hatte seit der wirtschaftlichen Blütezeit in den frühen dreißiger Jahren. Ein Gehalt können wir Ihnen nicht zahlen, aber ich kann Ihnen ein Zimmer und Verpflegung sowie eine Aufwandsentschädigung anbieten. Zweihundert Dollar die Woche, wenn Sie einverstanden sind. Darüber hinaus werden Sie praktische Berufserfahrung sammeln.« Sie macht eine Pause. »Ich muss Sie trotzdem fragen … was erhoffen Sie sich von dieser Tätigkeit?«

»Wenn ich mehr Erfahrung habe, kann ich mich um einen anspruchsvolleren Job bewerben. Es ist mein Traum, als Archivarin bei der National Preservation Society zu arbeiten, und es gibt dort eigentlich genügend Stellen. Aber … nun ja … um ehrlich zu sein, dort werden Leute mit mehr Erfahrung oder einer fundierteren Ausbildung gesucht, als ich sie vorzuweisen habe.«

Margaret zieht eine Grimasse. »So ein Unfug! Ich habe nie eine besondere Schulbildung genossen und bin dennoch gebildeter als meine sämtlichen Geschwister. Eine fachspezifische Ausbildung erwarte ich nicht von Ihnen. Wir können Ihnen die Berufspraxis vermitteln, die Sie brauchen.«

Mir fallen gleich die Augen aus dem Kopf. Mal ganz ehrlich, selbst ein Job, der fast nichts einbringt, ist tausendmal besser, als in Seattle in einer Cafébar zu schuften, ohne irgendeine berufliche Perspektive. Ich beuge mich vor, bemüht, mir meine Begeisterung nicht anmerken zu lassen. »Das klingt alles wunderbar für mich. Sie werden es nicht bereuen, mich eingestellt zu haben.«

Sie lächelt. »Dessen bin ich mir bereits sicher. Trotzdem muss ich Sie warnen … So leid es mir tut, aber ich habe keinen Zugang zu diesem Internet, das bei euch jungen Leuten groß in Mode ist. Weder im Haupthaus noch sonst irgendwo auf dem Grundstück.«

Ich denke kurz nach. Wahrscheinlich kann ich alles Wichtige mit meinem Smartphone klären. »Ich denke nicht, dass das ein Problem sein wird.«

Sie beugt sich zu mir. »Und was sind Ihre Hobbys?«

»Also … ich mache morgens immer ein bisschen Yoga. Zum Abschalten lese ich gern mal ein Buch. Oh! Und ich liebe ab und zu ein Stückchen dunkle Schokolade.«

Das ist eine absolute Untertreibung. Ich habe immer mindestens vier Tafeln dunkle Schokolade bei mir. Wenn ich gestresst oder niedergeschlagen bin, ist dunkle Schoki das Einzige, was hilft.

Sie lehnt sich zurück, offenbar zufrieden mit meiner Antwort. »Ich glaube, Sie werden gut zu uns passen, meine Liebe.«

Ich spitze nachdenklich die Lippen. »Darf ich fragen, in welchem Zustand sich Ihre Aufzeichnungen befinden?«

Margaret sieht für einen Augenblick weg. »Ehrlich gesagt sind sie leider ziemlich vernachlässigt. Am besten zeige ich Ihnen alles, bevor Sie irgendeine Zusage geben.«

Meine Brauen schießen nach oben. »Ach?«

Sie wippt kurz nach hinten, um Schwung zu holen und von der Couch hochzukommen. Mir fällt ihre leicht vornübergebeugte Haltung auf, als sie mir winkt, ihr zu folgen. »Kommen Sie. Sehen Sie selbst.«

Neugierig begleite ich sie aus dem Salon und ein kurzes Stück durch die Halle. Auf ihre Gehhilfe gestützt, bewegt sie sich wacklig zu einer zweiflügeligen Schiebetür. Mit einer gewissen Besorgnis beobachte ich ihr Fortkommen; ich vermute, dass sie Arthritis hat und ihr jeder Schritt wehtut.

Als sie die Doppeltür erreicht, greift sie haltsuchend nach dem Rahmen, ehe sie sich mit schmerzgequältem Gesicht zu mir umdreht. »Wären Sie so nett, die Türen aufzuziehen? Mir fällt das in letzter Zeit zunehmend schwer.«

»Aber natürlich«, antworte ich.

Die schweren Holztüren haben Beschläge aus Messing, um sie zu öffnen. Ich umklammere die beiden Griffe und brauche einiges an Kraft, um sie beiseitezuschieben. Die Schiebeelemente laufen an der Decke und am Boden auf kleinen Rollen in einer Schiene und sind bestimmt jahrelang nicht mehr geölt worden.

Die Türen gleiten auf, und ich halte den Atem an. Das Zimmer dahinter ist riesig und mindestens so hoch wie zwei Stockwerke. Es hat eine gewölbte Decke und honigbraunes Holzparkett, helles Licht filtert durch spinnwebbedeckte Oberlichter in den Raum. Sämtliche Wände sind mit Regalen zugepflastert, in denen alt aussehende Bücher stehen.

Auch auf dem Boden türmen sich meterhoch aufgeschichtete Bücher und Kisten. Ich kann genau erkennen, dass Wege zwischen den Stapeln verlaufen, die irgendeine zierliche Person in der Vergangenheit angelegt haben muss. Beim Öffnen der Türen habe ich eine Staubwolke ausgelöst, die mir jetzt entgegenweht.

»Ach du liebe Güte«, sage ich hustend und wedele mit einer Hand vor meinem Gesicht herum.

Margaret nickt bekräftigend. »Sie sagen es.«

Mein Blick gleitet über die ganzen Bücher- und Kartonstapel. Das schreckt mich nicht ab, aber ich werde definitiv jemanden brauchen, um sie mir nach und nach anzureichen. Und Margaret wird mir da keine große Hilfe sein.

Ich schwenke zu der alten Dame herum und seufze. »Das ist eine enorme Herausforderung.«

Ihre Mundwinkel ziehen sich nach unten. »Ja. Da stimme ich Ihnen vollkommen zu.«

»Ich würde Hilfe brauchen. Jemand, der die schweren Kisten trägt.«

Unvermittelt strahlt sie. »Wenn ich Ihnen sagen würde, dass das kein Problem ist, würden Sie sich dann der Aufgabe annehmen?«

Mein Herz schlägt ein bisschen schneller. »Es wäre mir eine Ehre, Mrs. Morgan.«

Als ich ihr meine Hand hinhalte, schlägt sie ein. Ich finde es ziemlich erstaunlich, wie kräftig ihr Händedruck ist. Sie beugt sich zu mir.

»Nennen Sie mich doch Margaret, meine Liebe. Schließlich werden Sie die Chronistin unserer Familie.« Sie späht durch die Bibliothek und seufzt. »Ich habe kürzlich einen jungen Mann als Aushilfe auf dem Anwesen eingestellt, dem es bestimmt nichts ausmachen würde, Ihnen ein bisschen zur Hand zu gehen. Er ist bereits eingetroffen und in den Personalunterkünften untergebracht, wo Sie auch wohnen werden, wenn es Ihnen recht ist. Ich rufe ihn eben kurz dazu …«

Sie schlurft erneut zum Eingangsportal, und mir bleibt nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Während ich in der Halle warte, höre ich schwere Schritte auf der vorderen Veranda. Die Haustür schwingt auf, um die Umrisse einer groß gewachsenen Person zu enthüllen.

Kurz erstarre ich.

Der Typ sieht aus wie …

Aber das kann nicht sein …

Ein wahnsinnig attraktiver Kerl betritt das Haus, und unsere Blicke begegnen sich. Mir bleibt fast das Herz stehen. Er sieht mich mit großen Augen an, gerade als Margaret wieder in die Halle gehumpelt kommt.

»Olivia?«, meint er verblüfft.

»Aiden?«, gebe ich zurück. »Aiden Moreland?«

Mein Mund wird staubtrocken. Mein Herz stolpert wieder los.

Der einzige Mann, in den ich je verliebt gewesen bin und der durch mich hindurchzusehen scheint, steht in der Tür. Seine Stirn ist gerunzelt, und sein dunkler Blick droht mich zu Asche zu verbrennen.

Ich bin verwirrt, weil Aiden schon einen Fulltimejob hat. Er ist Parkaufseher, wie mein Bruder Grayson. Wir kennen uns, seit ich ein achtjähriges Mädchen mit dürren Stelzenbeinen war. Damals war er vierzehn und hatte bereits Ähnlichkeit mit dem gut aussehenden Mann, der er jetzt definitiv ist.

Margaret blickt von ihm zu mir. »Dann kennen Sie sich also schon?«

Ich werde knallrot im Gesicht und habe keine Ahnung warum. »Ich –«

»Ja«, antwortet Aiden. »Sie ist die jüngere Schwester meines besten Freundes.«

Ich senke den Blick. Da ist es, klar und deutlich. In Aidens Augen werde ich immer die Schwester meines älteren Bruders sein und anhand der Freundschaft definiert, die Aiden und Grayson haben. Es ist ernüchternd, in diese Schublade gesteckt zu werden, aber was soll ich machen?

»Oh!«, meint Margaret erfreut. »Dann seid ihr ja praktisch verwandt. Nun ja, dann sollte es für euch zwei kein Problem sein, den Sommer über gemeinsam hier zu arbeiten. Es wird bestimmt nett, was meint ihr?«

Mein Mund ist so trocken, dass ich mehrmals schlucken muss, bevor ich etwas sagen kann. »Mmhm … ja«, murmle ich wenig überzeugt.

Aiden mustert mich mit zusammengekniffenen Augen. »Sollte klappen«, brummt er.

Margaret strahlt übers ganze Gesicht. »Das ist großartig. Wir werden es erst mal stundenweise probieren. Ist das für Sie in Ordnung, meine Liebe?«

Ich nicke, meine Wangen brennen immer noch wie Feuer.

Sie hinkt zu mir und umklammert meine Hand mit ihrer. Ihre Haut ist kühl und papierdünn an meiner.

»Was halten Sie davon, wenn Sie Olivia gleich einmal die Personalunterkünfte zeigen, Aiden?«

»Mache ich«, erklärt er, schon halb aus der Tür. Er winkt mir auffordernd zu, aber nach seinem Blick zu urteilen, scheint er nicht sonderlich begeistert.

Mein Herz hört nicht auf zu rasen, seit Aiden aufgetaucht ist. Ich weiß nicht, was ich jetzt gerade denken oder fühlen soll, jedenfalls bin ich absolut nervös, wie jedes Mal, wenn Aiden in meiner Nähe ist. Mit einem Satz bin ich an der Tür. Herrgott noch mal, ich wüsste zu gern, was mit mir los ist.

Kapitel 4 Aiden

In dem Moment, wo ich Olivia sehe, schlägt mein Herz höher.

Fuck.

Nein, ganz im Ernst: Fuck.

Sie sollte nicht hier sein. Sie sollte nicht mal in diesem Bundesstaat sein. Heiß, smart und absolut tabu …

Für Olivia habe ich wirklich eine Schwäche. Ich habe nicht viele Prinzipien, aber an die, die ich habe, halte ich mich. Wie nie, echt niemals was mit Graysons kleiner Schwester anzufangen. Er hat mich zig Mal gewarnt, die Finger von ihr zu lassen.

Trotzdem … wenn ich sie sehe, bin ich drauf und dran, sämtliche Regeln in den Wind zu schießen.

Ich muss sowieso verdammt vorsichtig sein, da ich mich unter einem Vorwand bei den Morgans eingeschlichen habe, um in erster Linie das mit der mutmaßlichen Vaterschaft zu klären. Bisher habe ich noch nichts Konkretes herausbekommen, doch ich bleibe dran.

Vorausgesetzt, dass Olivia mich nicht komplett auffliegen lässt.

»Aiden?«, fragt sie mit weicher Stimme und sieht mich mit großen Augen an.

Fuck.

»Lass uns draußen reden«, knurre ich und zerre sie halb zur Tür.

Ich will nicht, dass sie daraus eine große Sache macht. Zumal sie keine Ahnung hat, dass ich sozusagen undercover hier bin, um der Behauptung meiner Mutter nachzugehen, ich sei ein Morgan.

Sie schaut mich jedoch nur an, völlig perplex. Blitzschnell scheuche ich sie aus dem Haus, bevor sie beiläufig irgendwas erwähnt, von dem ich nicht will, dass Mrs. Morgan es erfährt.

Inzwischen hat es aufgehört zu regnen, aber die Luftfeuchtigkeit ist immer noch hoch. Ich spüre, wie meine Sachen an mir kleben, und stelle fest, dass Olivias weißes Kleid stellenweise durchsichtig ist. Weil ich definitiv nicht versuchen sollte, mir vorzustellen, was sie darunter trägt, reiße ich den Blick von ihr los und fange mich wieder.

Auf die Reaktion meines Körpers habe ich allerdings keinen Einfluss. Ich werde hart, als wäre ich so bescheuert, mich von einem bisschen nackter Haut anmachen zu lassen.

Nein, verdammt.

Schweigend folge ich Olivia die Verandastufen hinunter. Ich bin irgendwie sauer, zugleich aber auch geil und verwirrt, doch bevor ich anfange, Fragen zu stellen, möchte ich sichergehen, dass wir uns nicht in Hörweite von Mrs. Morgan befinden.

Olivia schüttelt ihr langes, seidig weiches dunkles Haar zurück und sieht mich nachdenklich an. Ihre Augen sind tiefblau und werden von langen dunklen Wimpern umrahmt. Eine leichte Röte huscht über ihr Gesicht.

Gott, es macht mich wahnsinnig, wenn sie rot wird. Ich möchte meine Hand ausstrecken und sie an mich ziehen, ihr einen Grund geben, so hübsch zu erröten. Ich balle die Hände zu Fäusten, weil ich das auf keinen Fall tun darf.

»Was machst du eigentlich hier?«, fragt sie. Sie ist eindeutig nervös.

Ihre Stimme klingt leise, nahezu kehlig rau. Die Härchen in meinem Nacken richten sich auf. Ich werfe einen Blick über meine Schulter, um mich zu vergewissern, dass Mrs. Morgan das schwere Eingangsportal hinter uns geschlossen hat.

»Ich bin vorübergehend von meiner Arbeit im Nationalpark freigestellt und springe hier als Aushilfe ein.« Ich werfe ihr einen fragenden Blick zu. »Und wieso bist du hier? Solltest du nicht in New York auf Jobsuche sein?«

Mein mahnender Ton scheint sie zu verblüffen. Sie reckt trotzig das Kinn hoch. »Ich habe mir hier draußen einen Job gesucht. Um näher bei Grayson zu sein.«

Plötzlich glühen ihre Wangen, und ich möchte wetten, dass das geschwindelt ist. Keine Ahnung, warum.

Ich fasse sie am Ellbogen und ziehe sie näher an mich, während wir das Haus umrunden. Sie ist viel kleiner als ich und gertenschlank. Mag sein, dass sie groß ist für ein Mädchen, aber neben mir ist sie geradezu winzig.

»Und was willst du hier machen?«, hake ich nach.

Ihre Augenbrauen ziehen sich zusammen. »Mrs. Morgan hat in der Seattle Times eine Archivarin gesucht.«

»Eine was?«

Ende der Leseprobe