Tatork - Einmal tot, immer tot? - Michael Peinkofer - E-Book

Tatork - Einmal tot, immer tot? E-Book

Michael Peinkofer

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Beschreibung

Corwyn Rash ist zurück! Der orkische Privatschnüffler und Kriegsveteran, den die Fans des deutschen Fantasy-Autors Michael Peinkofer bereits aus dem Roman "Ork City" kennen, gerät zwischen alle Fronten. Die einstige Königsstadt Tirgaslan ist zu einem Großstadtmoloch verkommen, in dem nur die oberen Zehntausend wirklich gut leben. Der Rest der Bevölkerung führt einen Kampf um das tägliche Dasein, Misstrauen, Rücksichtslosigkeit und Egoismus prägen das Zusammenleben. Kein Wunder, dass an einem solchen Ort auch das Verbrechen blüht, die Polizei steht der Entwicklung in einigen Stadtbezirken – vor allem im berüchtigten Viertel Dorglash (von Orkisch dourg "rot" und lash "Licht") – machtlos gegenüber, in den schmutzigen, vom Neonlicht der Reklametafeln beleuchteten Straßen herrscht die Unterwelt. Orkgangs treiben hier ihr Unwesen, die von den Zwergenkartellen bezahlt werden; es gibt Bordelle, in denen Orkinnen ihre grüne Haut zu Markte tragen, Spielcasinos, in denen mit hohem Einsatz gespielt wird, und Spelunken, in deren düsteren Hinterzimmern dunkle Geschäfte gemacht werden. Dies ist die Welt von TATORK … und zugleich die von Corwyn Rash, einem Viertelork und ehemaligen Polizisten, der sich als domhor sul durchs Leben schlägt – als Privatdetektiv. Im zweiten Stock eines heruntergekommenen Hauses in Dorglash unterhält er ein kleines Büro. Gewöhnlich hält sich Rash mit Observationen untreuer Ehemänner über Wasser oder schnüffelt im Privatleben von Leuten herum – doch der Zufall will es, dass Rash immer wieder in düstere Mordfälle verstrickt wird, hinter denen sich sehr viel mehr verbirgt, als auf den ersten Blick zu erkennen ist …

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Seitenzahl: 400

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ein Hardboiled-Fantasy-Roman

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

MICHAEL PEINKOFER: TATORK Einmal tot – immer tot?

© 2025 Michael Peinkofer. All Rechte vorbehalten.

Cover-Illustration und Innenartwork: Timo Kümmel © 2025

Deutsche Ausgabe erschienen 2025 Panini Verlags GmbH, Schloßstr. 76, 70176 Stuttgart.

Alle Rechte vorbehalten.

Geschäftsführer: Hermann Paul

Head of Editorial: Jo Löffler

Head of Marketing: Holger Wiest (E-Mail: [email protected])

Presse & PR: Steffen Volkmer

Lektorat: Uwe Raum-Deinzer

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln

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ISBN 978-3-7569-9953-8

Gedruckte Ausgabe:

1. Auflage, März2025, ISBN 978-3-8332-4641-8

Findet uns im Netz:

www.paninicomics.de

PaniniComicsDE

»Die Polizei hat ein ähnliches Problem wie die Politik: Sie verlangt nach den besten Leuten, aber sie hat nichts zu bieten, was die besten Leute anzieht. Also müssen wir mit dem zurechtkommen, was wir kriegen.«

– Raymond Chandler, »The Lady in the Lake« –

PROLOG

Es regnete nur selten in Arun.

Aber wenn es einmal anfing, hörte es nicht mehr auf.

Dann öffneten sich sämtliche Schleusen des Himmels, als hätte eine höhere Macht beschlossen, Erdwelt zu ertränken und alles, was darauf kreuchte und fleuchte, gleich mit, samt all dem Dreck, dem Blut, dem Hass und dem verdammten Krieg.

Aber das war ein Irrtum.

Es gab keine höhere Macht, jedenfalls hatte sie sich mir nie vorgestellt. Real war nur der Dschungel, der uns zu allen Seiten umgab; der elende Regen, der schon seit zwei Wochen andauerte und einfach nicht enden wollte; der Morast, in dem wir alle versanken; der erbarmungslose Feind, der irgendwo dort in der grünen Hölle lauerte; und die Angst, die unser ständiger Begleiter war. Und was uns selbst betraf, die Frontschweine der 501. Kompanie, gab es ohnehin keine höhere Instanz als Feldwebel Drachg, einen altgedienten Veteranen der Inselkriege, dessen Wort hier draußen im Dschungel Gesetz war und den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten konnte.

Wir nannten ihn nur schlicht den »Grünen«.

Denn Drachg war ein Ork.

Kein Viertelblut wie ich, sondern ein Unhold aus echtem Tod und Horn, grünhäutig und breitschultrig und mit einem Schädel wie aus Gusseisen. Seine Hauer hatte er spitz zugefeilt, damit sie noch furchterregender wirkten, über sein linkes Auge war eine Klappe genagelt. Ein Eingeborener hatte es während der Inselkriege »gepflückt«, wie Drachg zu erzählen pflegte – der zu einer Schnur geflochtene Skalp des Mannes zierte seither die rechte Schulter seiner Uniform. Er war so hart, wie man nur sein konnte, erbarmungslos gegen jeden, auch sich selbst.

Manchmal verehrten wir ihn, manchmal hassten wir ihn mit jeder Faser unserer Existenz. Drachg nahm das eine wie das andere gleichgültig hin. Ihm war es egal, wie wir über ihn dachten, wenn wir nur unsere Pflicht erfüllten – und er wiederum würde alles tun, um uns dazu zu bringen, selbst wenn er in der Etappe Blutbier für alle spendieren oder uns mit der Peitsche an die Front prügeln musste.

Er war die Art Soldat, die die Regierung brauchte, um diesen elenden Krieg zu gewinnen. Wir waren nur das Werkzeug, das Mittel zum Zweck.

Entbehrlich …

Ich stieß eine Verwünschung aus, als die Zeltbahn über meinem Kopf nachgab und sich ein Wasserschwall auf mich ergoss. Maks Daguras, ein Mensch aus der Gegend von Taik und Gefreiter wie ich, wollte sich ausschütten vor Lachen.

»Tröste dich, Rash«, feixte er, »du bist nicht der Erste, dem es in diesem Krieg nass reingeht.«

»Schnauze, Maks«, beschied ihm Trulberg, ein stämmiger Zwerg aus dem Scharfgebirge. »Untätig rumzusitzen und darauf zu warten, dass die Einaugen kommen, ist auch ohne dein dämliches Gequatsche schon schlimm genug.«

»Ich seh schon, alle sind heute wieder bester Laune.«

Ein dreckbeschmiertes Gesicht tauchte in dem behelfsmäßigen Unterstand auf, den wir uns aus ein paar Zeltplanen gebaut hatten, um wenigstens einen Teil des Regens abzuhalten. Es gehörte unserer Gruppenführerin Shinny Cadura.

Korporal Cadura.

Im Expeditionskorps der Republikanischen Armee von Anwar war es normal, dass Frauen dienten, so wie auch Abkömmlinge sämtlicher Spezies im grünen Drillich der RAEK anzutreffen waren – anders als auf der Gegenseite, die nur reinrassigen männlichen Vertretern ihrer Völker den Zugang zu den Streitkräften gestattete. Was allerdings nicht bedeutete, dass es in der RAEK keine Vorurteile gegeben hätte – wer von Natur aus schmächtig oder kleinwüchsig war oder dem vermeintlich schwachen Geschlecht angehörte, hatte es alles andere als leicht und musste doppelt so viel Einsatz zeigen, um dafür halb so viel Anerkennung zu bekommen. Shinny allerdings hatte damit kein Problem.

Ihr hübsches Gesicht und ihr langes blondes Haar, das sie eng am Kopf geflochten trug, änderten nichts daran, dass sie ebenso mutig war wie zäh und schlagkräftig genug, um aus Kerlen, die ihr Ärger machten, die Scheiße rauszuprügeln. Auch Maks, der mit ihr zuvor in einer anderen Einheit gewesen war, hatte anfangs geglaubt, bei Shinny eine dicke Lippe riskieren zu müssen.

Der Spaß hatte ihm zwei Zähne gekostet.

»Korporal Cadura«, sagte er und entblößte seine verbliebenen Beißer zu einem Grinsen. »Wenn Sie kommen, geht jedes Mal die Sonne auf!«

»Kannst es nicht lassen, was?«, feixte Morra, die zweite Frau in unserem Zug, eine Orkin wie aus dem Bilderbuch. »Irgendwann wird sie dir auch noch die restlichen Zähne aus deiner hässlichen Visage schlagen, Daguras – und wenn sie’s nicht tut, mach ich es!«

»Tut mir leid, der Spaß muss warten«, sagte Shinny und tauchte vollends in den Unterschlupf, in dem wir dicht gedrängt in unseren bis auf die Haut durchnässten Kampfanzügen kauerten. »Wir haben neue Befehle bekommen.«

»Wurde auch Zeit«, maulte Trulberg.

In der halbwegs trockenen Mitte des Unterstands breitete Shinny eine Kartenskizze aus, die sie selbst angefertigt hatte, und beleuchtete sie mit ihrer Taschenlampe.

»Unsere Späher berichten, dass die Klopse irgendwo hier eine Funkstation unterhalten«, erklärte sie, während sie unbestimmt auf die Skizze deutete.

»Irgendwo?«, fragte ich nach.

»Genauer wissen wir es nicht. Die Informationen sind nur spärlich, weil der Dryadenscout, der sie brachte, schon kurz nach seiner Rückkehr seinen Schusswunden erlegen ist.«

»Scheiße!«, knurrte Maks.

»Unser Auftrag besteht darin, zu diesen Koordinaten vorzudringen und je nach Lage vorzugehen. Ist es tatsächlich eine Funkstation, sprengen wir sie in die Luft.«

»Und wenn es nur ein gewöhnlicher Stützpunkt ist?«, wandte Morra ein.

»Dann auch.« Ein verwegenes Grinsen huschte über Shinnys dreckverschmierte Gesichtszüge. »Der Sergeant meint, der Ausflug soll sich in jedem Fall lohnen.«

»Der Grüne hat leicht reden«, wandte Maks ein. Nervös rieb er das Bärtchen an seiner Oberlippe. »Er ist es ja auch nicht, der seinen asar bei diesem Mistwetter durch den Matsch bewegen muss.«

»Täusch dich da mal nicht«, erwiderte Shinny. »Drachg kommt mit. Der Major hat es ihm freigestellt, aber er will das Kommando selbst anführen.«

»Sieht dem alten Mistkerl ähnlich.« Ich grinste freudlos.

»Also, Herrschaften, macht euch bereit, wir rücken in zehn Minuten ab.«

»Was? Schon in verschissenen zehn Minuten?«, regte Trulberg sich auf.

»Vorhin hast du dich noch beschwert, dass du nicht untätig hier sitzen und warten willst. Dein Wunsch wurde erfüllt, Sohn der Berge«, beschied Shinny ihm trocken – und eine Stunde später waren wir schon im tiefsten Dschungel von Arun.

Nicht dass der Regen hier auch nur eine Spur nachgelassen hätte, im Gegenteil – die Blätter der Bäume sammelten das Wasser und sorgten dafür, dass es sich in wahren Stürzbächen auf uns ergoss. Und da der Boden längst mit Nässe gesättigt war und sich dort tiefe Pfützen gebildet hatten, regnete es von unten dagegen. Unsere Stiefel waren längst vollgelaufen, bei jedem Schritt schwappten sie schmatzend über.

Wir marschierten in der gewohnten Reihe: Maks vor mir, hinter mir Morra, die auch unsere Sprengmeisterin war, dann Trulberg mit der Gunna, dem schweren Maschinengewehr, und zuletzt Shinny, die die Nachhut bildete. Ganz vorn an der Spitze ging Feldwebel Drachg, seine doppelläufige Shlug-sul im Anschlag und eineZigarre im schiefen, kantigen Maul.

Plötzlich hob er die Rechte.

Wir alle verharrten reglos und knieten ab. Verstohlen und mit pochenden Herzen spähten wir unter unseren Helmen hervor, die matt im Regen glänzten und uns wie große grüne Küken mit Eierschalen über den Köpfen aussehen ließen. Lächerlich … wenn es nicht so verdammt ernst gewesen wäre.

Mein Puls hämmerte in meinem Kopf, mein Atem keuchte unter der stählernen Glocke des Helms, Schweiß rann mir an den Schläfen herab. Da war sie wieder, die Angst, unser ständiger Begleiter, der niemals müde wurde.

Man versuchte, sich an sie zu gewöhnen und mit ihr zu leben, so gut es ging, und manchmal klappte das auch. Aber dann wieder zeigte sie sich als das, was sie tatsächlich war, eine nackte, hungrige Kreatur, die rücksichtslos unter Haut und Knochen kroch und gierig die Eingeweide fraß …

»Sie sind ganz nah«, hörte ich Drachg vorn flüstern, während er den klobigen Kopf in den Nacken legte wie ein Raubtier, das Witterung aufnahm. »Ich kann die verdammten Bastarde riechen, sogar im Regen …«

Noch einen Moment verharrten wir, dann setzten wir unseren Marsch fort und pirschten weiter. Unsere Hände schwitzten an den Griffen unserer Waffen, bei jedem Schritt rechneten wir damit, auf eine Patrouille des Feindes zu treffen …

Aber zunächst geschah nichts – doch gerade als wir wieder aufatmen wollten und schon nicht mehr damit rechneten, passierte es.

Ein hässliches Geräusch war trotz des Regens zu hören, ein helles metallisches Klicken.

»Shnorsh«, hörte ich Feldwebel Drachg noch sagen.

Nur einen Lidschlag später gab es einen entsetzlichen Knall, und in einem Ball aus Feuer und Rauch löste der hünenhafte Ork sich vor unseren Augen auf: Seinen Kopf sah ich in eine Richtung fliegen, Beine und Eingeweide in eine andere.

Dann hämmerte auch schon ein Maschinengewehr los, und aus dem regenverhangenen Dunkel des Dschungels stürmten unter lautem Gebrüll drei Meter große Kolosse, deren einzelne Augen uns in blindem Blutdurst anstarrten.

Und irgendwo begann eine Alarmglocke zu schrillen …

1

Ich riss die Augen auf.

Mein Puls raste, kalter Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich hatte geträumt, mal wieder … und erneut war es die Vergangenheit, die mich nicht losließ. Auf die eine oder andere Art schaffte sie es immer wieder, sich in mein Leben zu schleichen, in meine Gedanken und meine Träume … das Einzige, was zumindest vorübergehend dagegen half, war eine volle Flasche Sgorn oder ein heftiger Schlag in die Visage.

Ich bevorzugte den Sgorn.

Mit Erleichterung stellte ich fest, dass ich mich weder im Dschungel von Arun befand noch im Kriegsjahr 44. Allerdings war das Schlafzimmer, in dem ich aufgewacht war, nicht meines – und verblüfft stellte ich fest, dass die Alarmglocke, die ich im Traum gehört hatte, noch immer lauthals schrillte … nur dass es gar keine Alarmglocke war.

Sondern das Telefon.

Ich wälzte mich herum. Im Mondschein, der durch die Lamellen der Jalousie fiel, konnte ich das verdammte Ding sehen. Es stand auf dem Nachtkästchen und läutete, als hinge seine beschissene Existenz davon ab.

Ich streifte die Gestalt, die neben mir lag, mit einem Blick. Dem gleichmäßigen Heben und Senken der Bettdecke nach hatte der Radau sie noch nicht geweckt. Damit das auch so blieb, gab ich mir einen Stoß und ging ran.

»Ja?«, schnarrte ich.

Für mehr reichte es nicht um diese Uhrzeit.

»Ach, da steckst du also«, sagte eine Stimme, die ich nur zu gut kannte. »Hab ich mir doch gedacht, dass ich dich unter diesem Anschluss erwische. Kannst es wohl nicht lassen, was?«

Es war die Stimme von Keg Ingrimm, meinem ehemaligen Partner bei der Kriminalpolizei von Tirgaslan. Genau wie ich hatte er es für eine gute Idee gehalten, nach dem Ende des Krieges als Gesetzeshüter anzuheuern und so dem Staat zu dienen – doch anders als ich hielt er das auch heute noch für eine gute Idee …

»Keg«, knurrte ich, noch halb vom Schlaf benebelt. »Shnorsh noch mal, weißt du eigentlich, wie spät es ist?«

»Tut mir leid, aber Kurul schert sich nicht um die Uhrzeit, wenn er jemanden in seine Grube schaufelt.«

»Was soll das heißen?«

»Das heißt, dass ich hier mit einer Leiche sitze – und dass du herkommen und sie dir ansehen sollst.«

»Warum?«, fragte ich. Ich konnte mir Besseres vorstellen, als mir um halb vier Uhr morgens eine von Kegs Leichen anzusehen, die vermutlich übel zugerichtet war.

So ziemlich alle Leichen, die man nachts in Dorglash fand, waren üblich zugerichtet …

»Vertrau mir, du wirst es mir danken«, versicherte Keg und nannte mir die Adresse.

»Verstanden«, hörte ich mich erwidern und legte auf.

Ich weiß selbst nicht, was mich veranlasste, Kegs wenig reizvoller Einladung widerspruchslos zu folgen. Vielleicht war ich einfach zu müde, um Nein zu sagen. Vielleicht war es aber auch eine Ahnung, die mich lenkte, der Instinkt, den ich meinem orkischen Viertel verdanke und der mir bereits manches Mal Kopf und Kragen gerettet hat – oder mich eben Dinge tun ließ, für die ich keine rationale Erklärung hatte.

Wie zum Beispiel, um vier Uhr morgens aus dem Bett zu steigen, meinen Kopf in ein Waschbecken mit kaltem Wasser zu stecken und mich dann anzuziehen.

Meine Unterwäsche, meine Hosen, mein Hemd und sogar das lederne Holster mit der R.65 lagen noch dort, wo ich sie gestern im Eifer freudiger Erregung gelassen hatte, nämlich am Boden verstreut. Nur die Jacke meines Zwirners hing säuberlich aufgehängt auf einem Bügel – so viel Zeit hatte Shinny mir immerhin noch gelassen.

Inzwischen war ich nicht mehr der Einzige, der zu nachtschlafender Zeit wach geworden war. Unter dem Laken kam ein dunkelblonder Haarschopf hervor, gefolgt von einem verkniffenen Gesicht, aus dem mich ein dunkles Augenpaar verständnislos ansah.

Shinny Cadura mochte keine Schönheit im klassischen Sinn sein, dafür hatte die tiefe Narbe gesorgt, die über ihre linke Wange verlief. Aber sie hatte Herz, was in diesen kalten Zeiten Mangelware war. Wenn sie und ich zur Sache kamen, war das allerdings eher sportlicher Wettstreit als klassischer Beischlaf … jedenfalls wurde dabei kaum geschlafen. Von Zeit zu Zeit, wenn uns beiden danach war, weil die Einsamkeit uns zusetzte oder die Vergangenheit uns einholte oder manchmal auch beides, fanden wir zusammen. Es war eine besondere Art der Freundschaft, die Shinny und ich pflegten. Aber sie war ja auch unter besonderen Voraussetzungen zustande gekommen …

»Wohin verdrückst du dich?«, fragte sie und setzte sich auf. Dass das Laken dabei an ihr herabfiel und ihre Brüste entblößte, störte sie nicht im Geringsten. Schon für diese Vertrautheit mochte ich sie. »Musst du in dieser Nacht noch einer Dame die Aufwartung machen?«

»Spinnst du?« Ich schnitt eine Grimasse, während ich die Trommel der Zwergenstanze ausklappte und prüfte und den Revolver dann zurück ins Schulterholster steckte. »Nach letzter Nacht werde ich die nächsten zwei Wochen Enthaltsamkeit üben, nur um wieder halbwegs zu Kräften zu kommen.«

»Tiefstapler.« Shinny lächelte. Es war ein verschmitztes, fast mädchenhaftes Lächeln, das wohl nur wenige an ihr kannten. In ihrer Bar, die sie unten an der Ecke Mor/Dakda unterhielt, bekam es jedenfalls nie jemand zu sehen. Dort war Shinny eine andere, musste eine andere sein …

»Keg hat angerufen«, erklärte ich, während ich in die Jacke des Anzugs schlüpfte. »Er hat eine Leiche, die ich mir ansehen soll.«

Shinny beugte sich zum Nachtkästchen hinüber und angelte sich eine Zigarette aus der Schachtel, die dort lag. Mein Blick fiel auf die Tätowierung an ihrem rechten Oberarm, die gleiche Tätowierung, die auch ich dort trage.

Den kämpfenden Skorpion.

Das Wappentier der Fünfhundertersten.

Shimmy steckte sich die Rauchstange zwischen die Lippen und ich gab ihr Feuer. Der flackernde Schein beleuchtete ihr von wilden Locken umrahmtes Gesicht.

»Du bist nicht mehr bei der Mordkommission«, stellte sie fest, nachdem sie einen tiefen Zug genommen hatte.

»Ich weiß das und du weißt das.« Ich nickte. »Nur Keg scheint es immer wieder zu vergessen. Keine Ahnung, was er diesmal will. Aber es hörte sich irgendwie …«

»… dringend an?« Sie grinste.

»Etwas in der Art.« Ich nickte.

»Pass auf dich auf, Rash.«

»Du auch, Shinny.«

Es gab keine Umarmung, keinen Abschiedskuss – so eine Art Beziehung hatten wir nicht. Es war das tiefe Vertrauen zwischen zwei Menschen, die einander von jeder nur denkbaren Seite kannten und hin und wieder zusammenfanden – um dann wieder getrennte Wege zu gehen.

Meiner führte in dieser Nacht hinaus nach Dorglash.

Hätte ich gewusst oder auch nur geahnt, was mich dort erwarten würde, wäre ich bei Shinny geblieben. Doch noch nicht einmal meine orkische Seite sah kommen, was sich über Tirgaslan zusammenbraute.

Ein Unwetter zog auf.

Ein Sturm, der die Stadt zu verschlingen drohte.

Und ich, Corwyn Rash, domhor sul, war mittendrin.

2

Mein Wagen war ein 37er Tavalian, ein Sportcoupé aus der Zeit des Waffenstillstands.

Seine Lackierung – ein stilvoll dunkles Drachengrün – war selten, und deshalb kam es immer wieder vor, dass mir ein Sammler einen Zettel hinter die Wischerblätter klemmte, auf dem er mir eine stolze Summe für den Wagen bot … oder vielleicht waren es auch nur irgendwelche Spaßvögel, die sich einen Scherz erlaubten. Ich habe es nie versucht herauszufinden, denn ich hing an dem Wagen.

Ich mochte nicht nur seine Farbe, sondern auch seine Verarbeitung, sein Design und den gutmütig schnurrenden Motor, all das ließ mich an glücklichere Tage denken, in denen man optimistischer in die Zukunft geblickt hatte. Den Krieg hatte man damals für beendet gehalten und voller Zuversicht nach vorn geblickt … Ich schätze, meine Generation war nicht die erste, die eines Tages die Augen aufschlug und erkennen musste, dass sie in einer anderen Welt aufgewacht war als der, von der die Gutenachtgeschichten der Politiker gehandelt hatten.

Mit dem T 37 fuhr ich zu der Adresse, die Keg mir gegeben hatte, ein Hotel unten am Hafen.

Die Zeit zwischen vier und fünf Uhr morgens ist vermutlich die einzige, zu der man die Shal Mor befahren kann, ohne im Stau zu stehen. Block für Block zog an mir vorbei, und während die obere Hälfte von Dorglashs Hauptverkehrsader noch von Straßenlaternen und bunter Neonreklame erhellt wurde, nahm die Beleuchtung nach Süden hin beständig ab. Je dunkler es wurde, desto zweifelhafter wurden die Hotels, desto fragwürdiger die Unterhaltung und desto zwielichtiger die Spelunken.

Dorglash war an sich schon ein übles Pflaster, zumal nach Einbruch der Dunkelheit, doch je weiter es nach Süden ging, dem Hafen und den Docks entgegen, desto gefährlicher wurde es. Der Wert eines Lebens, ganz gleich ob eines Menschen, eines Orks oder Zwergs oder von irgendetwas dazwischen, nahm mit jedem Häuserblock kontinuierlich ab.

Wenn man dort also eine Leiche gefunden hatte, war das an sich nicht verwunderlich. Die Frage war eher, warum Keg darauf gedrungen hatte, dass ich sie mir ansah – und je näher ich den Docks kam, desto mehr dachte ich darüber nach. Eine seltsame Unruhe befiel mich, die ich darauf schob, dass ich nicht gerne mit der Polizei zu tun hatte – nicht von ungefähr war ich von dort weggegangen –, und schon gar nicht um halb fünf Uhr morgens. Wäre ich ehrlich zu mir gewesen, hätte ich vielleicht erkannt, dass es mehr war als das.

Ich glaube nicht an Schicksal, so wie ich nicht an Vorahnungen und Prophezeiungen glaube.

Aber ich glaube an Instinkt, schließlich hatte mich der Viertelork in mir bereits manches Mal gewarnt. An diesem Morgen allerdings schwieg er … oder vielleicht hörte ich auch nur nicht auf ihn, was ich schon bald bereuen würde.

Ich erreichte die Docks.

Auf der einen Seite der Straße erstreckten sich im schmutzigen Schein der Straßenlaternen alte Lagerhallen und die heruntergekommenen Backsteinbauten der alten Handelskontore; auf der anderen lag das Hafenbecken. Schiffe aus ganz Erdwelt dümpelten dort im schwarzen Wasser um ihre Ankerketten – Frachter, die Waren aus dem östlichen Ansun brachten, von den Küsten Aruns herauf oder auch vom fernen Anwar herüber … auch wenn nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung sich solchen Luxus leisten konnte.

Als ich mich Pier 45 näherte, konnte ich schon von Weitem die Wagen der Pollocks sehen, wie die Polizei hier genannt wurde. Bei vielen Begriffen des Orkbrud, den man in Dorglash sprach, war ziemlich klar, wie sie sich entwickelt hatten, bei diesem nicht; vielleicht, dachte ich mir, war das Wort ja auch schon immer da gewesen – so wie auch das Verbrechen schon immer da gewesen war.

Ich parkte den T 37 am Straßenrand. Mit einem Blick in den Rückspiegel vergewisserte ich mich, dass ich halbwegs brauchbar aussah. Zumindest schien alles da zu sein: ein stahlblaues Augenpaar, das trotz der Uhrzeit einigermaßen wach wirkte, kurzes dunkles Haar, dazu Ohren, die ein wenig zu spitz, und ein Kinn mit Bartschatten, das ein wenig zu breit und kantig war, um rein menschlichen Ursprungs zu sein.

Von der Rückbank angelte ich meinen Hut, dann stieg ich aus, schob ihn mir auf den Kopf und ging zu den Polizisten, die auf der anderen Seite beisammenstanden.

Einer von ihnen war Keg Ingrimm.

Als er mich kommen sah, schnippte er die Kippe weg, die er geraucht hatte, und kam mir entgegen.

Keg war groß, ein sportlich gebauter Hüne, der in seinem grauen Zweireiher einen eindrucksvollen Anblick bot – so wie er davor auch in seiner Polizeiuniform ziemlich respekteinflößend gewirkt hatte. Schon das hatte uns damals unterschieden – ich hatte immer gefunden, dass ich lächerlich darin aussah. Was allerdings auch daran liegen mochte, dass ich Uniformen auf den Tod nicht ausstehen konnte.

Jedenfalls nicht mehr …

»Schön, dass du es einrichten konntest, Rash«, meinte Keg mit freudlosem Grinsen, während er schon dabei war, sich die nächste Zigarette anzuzünden. Der Schein des Feuerzeugs beleuchtete sein sogar um diese Zeit korrekt rasiertes Gesicht.

»Hatte ich denn eine Wahl?«

Keg blieb mir eine Antwort schuldig. Mit einem Wink bedeutete er, mir zu den anderen Pollocks zu folgen, die sich am Straßenrand versammelt hatten, einige in Uniform, einige in Zivil. Blitzlicht flackerte immer wieder und erhellte die Nacht – die Spurensicherung war noch vor Ort.

Als Keg und ich uns näherten, traten die Beamten beiseite, als wären sie ein lebender Vorhang, der sich vor uns lüftete. In ihrer Mitte lag eine reglose Gestalt am Boden.

Das Erste, was ich sah, war Blut.

Es war praktisch überall.

Es tränkte die Kleider des Mannes und hatte sein zerfetztes Hemd schreiend rot gefärbt; es bedeckte sein Gesicht und überschwemmte das Straßenpflaster, in dessen Fugen es sich sammelte. In solcher Menge hat Blut etwas Obszönes. Eigentlich sollte es nicht dort sein, vor aller Augen sichtbar ausgebreitet, sondern durch die Adern des Typen pumpen, der dort lag, in einem schimmernden roten See, in dem sich die Straßenbeleuchtung schmutzig spiegelte.

»Scheiße, Keg«, sagte ich und steckte mir ebenfalls eine Zigarette an.

»Es hat ihn wohl erwischt, als er aus dem Hotel kam«, meinte Keg. »Jemand hat ihm einfach die Kehle durchgeschnitten und ihn auf dem Pflaster verbluten lassen.«

Ich widersprach nicht, aber sehr einleuchtend klang das nicht – sondern eher nach dem Stuss, den die Ermittler in den Kriminalfilmen von sich gaben, die sie drüben in den Studios des Westbezirks am Fließband herunterkurbelten. Wer sich ein wenig auskannte, wusste, dass man jemandem nicht »einfach« die Kehle durchschnitt. Es war ein verdammt hartes Stück Arbeit, und wenn man nicht wusste, wie die Klinge anzusetzen war, hatte man von vornherein verloren, weil Opfer im wirklichen Leben nicht stillhielten und sich in Seelenruhe ermorden ließen, sondern sich von Todesangst getrieben nach Kräften zur Wehr setzten.

Der Schnitt, der diesen armen Kerl in Kuruls Grube befördert hatte, musste verdammt tief sein, sonst hätte es nicht so eine Sauerei gegeben, vermutlich war die Klinge fast bis zur Wirbelsäule durchgedrungen. Ein Täter, der so etwas fertigbrachte, musste erstens ziemlich kräftig sein und zweitens verdammt skrupellos.

Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte an dem Gebäude empor, vor dem wir wie ein versammelter Gnomenchor standen. Die Bude als Hotel zu bezeichnen, war reichlich geschmeichelt – es war eins der kakerlakenverseuchten Löcher mit stundenweiser Zimmervermietung, von denen es hier an den Docks so viele gab. Vorzugsweise gastierten hier Seeleute, die Dampf ablassen wollten, aber auch ortsansässige Bürger, die ein schnelles, unkompliziertes Vergnügen suchten. Fragen wurden in solchen Hotels nicht gestellt, ganz gleich, welche Geräusche aus einer geschlossenen Zimmertür drangen …

»Warum bin ich hier, Keg?«, wollte ich wissen.

»Hast du dir das Opfer mal näher angesehen?«

Ich trat so nahe an den Toten, wie es eben ging, ohne in den Blutsee zu latschen, und beugte mich über ihn. Als ich nun von Nahem in die leblose, blutbeschmierte Miene blickte, wurde mir klar, dass ich sie von irgendwoher kannte, einschließlich des markanten Bärtchens auf der Oberlippe. Trotzdem dauerte es noch einen Moment, bis aus den Nebeln meiner Erinnerung ein Gesicht auftauchte … lebendig, ohne all das Blut und mit einem breiten Grinsen. Und es blickte mir aus dem Kragen einer Uniform entgegen …

»Maks«, murmelte ich.

»Wer?«, fragte Keg nach.

»Maks Daguras. Er war in meiner Einheit«, erwiderte ich gedankenverloren, für einen Moment überwältigt von der Macht der Erinnerung.

»Bist du dir sicher?«

»Wir haben uns all die Jahre nicht mehr gesehen, aber er ist es«, war ich überzeugt.

»Privatdetektiv Corwyn Rash hat den Toten soeben identifiziert«, gab Keg für seine Kollegen zu Protokoll. »Es handelt sich um Maks Daguras, einen Kriegsveteranen.«

»Hast du mich deshalb kommen lassen?«, fragte ich, während ich mich wieder aufrichtete.

»Das war ein Grund«, bestätigte Keg. »Aber ich dachte mir auch, dass du es gerne wissen würdest.«

»Danke.« Ich nickte. »Aber woher hast du gewusst, dass ich den Toten kenne?«

»War nur eine Vermutung.« Keg ging um den Blutsee herum und deutete auf den rechten Arm des Toten. Da das Hemd zerfetzt war – vermutlich infolge eines Kampfes, den er sich mit seinem Mörder geliefert hatte –, konnte man den nackten Oberarm sehen.

Eine Tätowierung war darauf zu erkennen.

Ein kämpfender Skorpion …

»Verstehe«, sagte ich nur, und obwohl Maks und ich uns Jahre nicht gesehen und uns nach dem Krieg völlig aus den Augen verloren hatten, verspürte ich Trauer. Was man gegenüber ehemaligen Kameradinnen oder Kameraden empfindet, versteht wohl nur, wer selbst im Krieg war … Man teilt die Wut, die Angst und die Hoffnung, und selbst wenn man getrennte Wege geht, bleibt eine Verbindung bestehen, die uns daran erinnert, dass wir irgendwann alle zusammen im selben shnorsh gesessen haben …

»Maks hatte also keine Brieftasche bei sich?«, fragte ich. »Keinen Ausweis?«

Keg schüttelte den Kopf. »Das Jackett lag ein paar Meter entfernt am Boden. Vermutlich haben sie es ausgenommen und dann liegen lassen.«

»Also ein Raubüberfall?«

»Sieht jedenfalls danach aus.«

»Gab es Zeugen?«

»Fehlanzeige. Auf der Straße war niemand um diese Zeit, und der Typ vom Hotel behauptet, er hätte nichts gesehen.«

»Natürlich nicht.« Ich schnaubte.

»Aber er sagt, dass das Opfer das Hotel gegen zwei Uhr verlassen hat. Er war ziemlich wütend deswegen, denn das Zimmer hatte Daguras wohl nur bis Mitternacht bezahlt …«

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen – manche Dinge änderten sich wohl nie. Schon damals hatte Maks bei allen Schulden gehabt, beim ganzen verdammten Zug … Es war seine Art gewesen, Geld erst mal auszugeben und sich erst dann darüber Gedanken zu machen, woher es gekommen war. Daran hatten offenbar auch die Jahre nichts geändert, die seither vergangen waren.

»War ein Mädchen bei ihm auf dem Zimmer?«

»Ja, aber sie ist schon früher gegangen. Sie heißt Xaya, ist aber nicht auffindbar.«

»Dann wisst ihr ja, wo ihr anfangen müsst«, sagte ich.

Keg nickte nur. Es kam nicht oft vor, dass er mir derart tiefen Einblick in den Stand seiner Ermittlungen gab – für gewöhnlich verwies er auf seine dienstliche Schweigepflicht, und das war’s. Warum also hatte er sich heute dafür entschieden, so freimütig mit Informationen umzugehen? War es nur der frühen Tageszeit geschuldet? Der Tatsache, dass ich das Opfer gekannt hatte? Oder steckte mehr dahinter?

»Kann ich dann jetzt wieder gehen?«, fragte ich. »Oder hast du noch mehr Leichen, die ich mir ansehen soll?«

»Nein, das war’s«, meinte er und winkte ab. »Vielen Dank noch mal, dass du gekommen bist.«

»Halt mich auf dem Laufenden.«

Ich verabschiedete mich mit einem Nicken, dann schnippte ich meine beinahe aufgerauchte Zigarette weg und ging zurück zum Wagen, mit einem seltsamen Gefühl im Bauch. Auf nüchternen Magen eine Leiche zu inspizieren, ist an sich schon kein Vergnügen – hat man das Opfer zu Lebzeiten gekannt, ist es noch schlimmer.

Den ganzen Weg zurück spukte Maks mir im Kopf herum – ständig sah ich ihn vor mir, mal in Uniform und mal in Zivil, und immer hatte er sein Bärtchen und das gewinnende Lächeln im Gesicht. Lächeln würde Maks nun niemals wieder, dafür hatte eine mörderische Klinge gesorgt, vermutlich eine Machete oder ein Orkschlächter.

Ich überlegte, ob ich zu Shinny fahren und ihr davon erzählen sollte, schließlich war Maks auch ihr Kamerad gewesen. Aber ich ließ es bleiben für den Fall, dass sie noch einmal eingeschlafen war, die schlechte Nachricht konnte ich ihr auch später überbringen. Stattdessen fuhr ich zu mir nach Hause.

Als ich das Haus in der 31. Straße erreichte, in dem sich sowohl meine Wohnung als auch mein Büro befinden, brach gerade der neue Tag an, und Dorglash erwachte zum Leben.

Den T 37 hatte ich gerade in der Garage abgestellt, als ein Lieferwagen die Shal Mor herabkam, knallrot wie die Feuerwehr und mit bunten Schleifen behangen. Aufs Dach hatte man ein riesiges Megafon gepackt, aus dem mit blechernem Scheppern Marschmusik drang sowie eine marktschreierische Stimme, die verkündete:

»Sie haben genug von Misswirtschaft? Von Drogen und Prostitution? Sie wollen wieder stolz sein auf die Stadt der Helden und der Könige? Dann wählen Sie Doygon Morlok zum Bürgermeister! Ihre Stimme für Doygon Morlok, den Helden des Krieges, den Retter unserer Stadt …«

Kein Zweifel, ich war zurück im Hier und Jetzt. Mit all seinem Schmutz und seinem nervtötenden Irrsinn stürzte es wieder auf mich ein – und vielleicht war das ja auch ganz gut so.

Denn wenn man wie mein alter Kamerad Maks Daguras von alldem nichts mehr mitbekam, war man tot.

3

Ich gebe es zu, der Obb war Müll.

Ein Auftrag von der Sorte, in dem sich die miesesten Klischees meiner Branche zu bestätigen scheinen.

Aber letzten Endes musste Corwyn Rash, Privatdetektiv, auch von etwas leben. Und so erbärmlich der Auftrag auch gewesen sein mochte, hatte er mir doch den Magen gefüllt und die Miete für mein Büro und meine Wohnung für einen weiteren Monat bezahlt.

Für ein gutes Gewissen taugte er freilich nicht, dafür war der Typ, der ihn mir erteilt hatte, ein zu übler shnorshor: Kuding Langfisch, ein Zwergen-Industrieller, dem drüben im Westbezirk eine Chemiefabrik gehörte. Vor allem mit Aufträgen für die Armee hatte er es zu ansehnlichem Reichtum gebracht, einschließlich eines hübschen Anwesens an den Hängen von Wynaria mit tollem Blick aufs Meer. Dorthin hatte Langfisch mich bestellt und mir den Auftrag erteilt, seine Gattin zu beschatten – eine Menschenfrau, die er im Verdacht hatte, ein Verhältnis mit einem ebenfalls menschlichen Nebenbuhler zu haben.

Kudings Beweggründe interessierten mich nicht. Ob er ernsthaft Grund zur Sorge hatte oder nur ein zu kurz Gekommener war, den die Eifersucht plagte – für einen Schnüffler wie mich war es ein normaler Obb, und da Langfisch bereit war, meinen üblichen Satz zu bezahlen – er legte sogar noch etwas extra für Spesen drauf –, nahm ich den Auftrag an.

Was war schon dabei?

Schließlich hatte sich die Direktorengattin selbst in diese Situation gebracht, ich würde es lediglich dokumentieren.

Mit meiner Kamera legte ich mich auf die Lauer, um Langfischs untreue Gemahlin in einem kleinen Hotel im Norden von Dorglash auf frischer Tat zu ertappen – doch dann zeigte sich mal wieder, dass in meiner Branche vieles nicht so ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Die erste Überraschung war, dass sich Sofonia Langfisch nicht mit einem Mann traf, sondern mit einer Frau, die noch dazu keine Menschin war, sondern eine Orkin aus echtem Tod und Horn. Da es letztlich nichts an der Tatsache änderte, dass Dyna Langfisch ihren Gatten betrog, machte ich trotzdem ein paar Bilder – doch zugleich keimte in mir der Verdacht, dass der gute Kuding mir womöglich nicht die ganze Geschichte erzählt hatte.

Also hatte ich ein wenig herumgestochert und war noch auf ein paar weitere Überraschungen gestoßen. Zum Beispiel, als ein ehemaliger Chauffeur der Familie – ein gutmütiger Halbtroll, der nach dem zweiten Krug Blutbier gar nicht mehr aufhören wollte zu reden – mir anvertraute, dass der ach so saubere Dyn Langfisch seine Frau regelmäßig schlug und misshandelte. Und dann gleich noch eine, als ich herausfand, dass eigentlich gar nicht Kuding Langfisch, sondern seine werte Gattin die Erbin und eigentliche Inhaberin der Chemiefabrik war.

Damit lag der Fall ziemlich klar.

Langfisch hatte seine Frau nur geehelicht, um an ihr Geld zu kommen; indem er sie mies behandelte, drängte er sie in die Arme von jemand anderem und wollte das nun als Hebel benutzen, um die Scheidung einzureichen und seine Gemahlin ihrer Untreue wegen um ihr Vermögen zu prellen. Seine Anwälte würden sie vor Gericht zerpflücken, ihr die alleinige Schuld am Scheitern der Ehe geben und sie damit auf ganz legale Weise um ihr Familienerbe bringen – und kein anderer als ich, Corwyn Rash, würde dafür die nötige Munition geliefert haben.

Jedenfalls musste Langfisch sich das so oder ähnlich ausgedacht haben.

Aber da spielte ich nicht mit …

»Das … ist unglaublich«, sagte Sofonia Langfisch mit bebender Stimme, eine zerbrechlich wirkende Frau Anfang dreißig mit dünnem blondem Haar und von Tränen gerötetem Gesicht. Sie zitterte in dem eleganten grünen Kostüm, das sie trug. Neben ihr auf dem Sofa saß ihre orkische Freundin und hatte tröstend eine grüne Hand auf ihrer Schulter.

Zweimal hatte ich die beiden in dem Hotelzimmer observiert, in dem sie sich jeden Dienstagnachmittag trafen, zweimal hatte ich sie bei den Dingen fotografiert, die sie dort taten.

Heute hatte ich stattdessen an ihre Tür geklopft …

»Dieses elende Schwein«, ereiferte sich die Orkin, während die beiden sich die Fotos ansahen, die vor ihnen auf dem kleinen Tisch ausgebreitet lagen. Sie waren schwarz-weiß und ein wenig unscharf, dennoch ließen sie keine Fragen offen – und dabei hatte ich nur die weniger pikanten ausgewählt. Ich wollte die Damen nicht beschämen, sie aber wissen lassen, wie ernst die Lage war …

»Du hättest damit rechnen müssen, dass Kuding dir früher oder später einen Schnüffler auf den Hals hetzen würde«, fauchte die Orkin weiter, wobei sie mir einen feindseligen Blick aus ihren gelben Augen zuwarf. »Ich habe es dir immer wieder gesagt!«

»Das hast du«, bestätigte Sofonia und rieb sich die Schläfen, während sie zu verstehen versuchte, was das alles für sie bedeutete. »Was wird nun werden?«, fragte sie leise.

»Wegen der Bilder brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen«, versicherte ich, »Ihr Mann wird sie nie zu sehen bekommen. Aber Sie sollten in Zukunft vorsichtiger sein, wenn Sie sich mit jemandem treffen.«

»Mit jemandem?« Die Orkin blitzte mich wütend an. »Ich verstehe schon, Sie halten mich für eine hergelaufene stroipash, nicht wahr?«

»Es ist mir egal, mit wem Dyna Langfisch ihre Zeit verbringt«, stellte ich klar, »aber ich weiß, dass …«

»Einen Dreck wissen Sie!«, fiel die Orkin mir ins Wort. Ihre schwarze Mähne band sie am Hinterkopf zusammen, aber das ließ sie kaum weniger wild erscheinen. »So dämlich kann wirklich nur ein Mensch mit bhull’hai sein!«

»Ich bin zu einem Viertel Ork«, gab ich zu bedenken.

»Aber ein ganzer Kerl«, hielt sie dagegen, und ich war mir ziemlich sicher, dass das nicht als Kompliment gemeint war.

»Mina ist meine Freundin«, erklärte Sofonia. »Wir kennen uns schon seit Jugendtagen – und wir lieben uns«, fügte sie mit einem dünnen Lächeln in Richtung der Orkin hinzu, die ihr dafür sanft über das blonde Haar strich.

»Mit Verlaub«, meinte ich, »wenn das so ist, warum haben Sie dann Kuding Langfisch geheiratet?«

»Glauben Sie denn, sie hätte die Wahl gehabt?«, knurrte die Orkin, die offenbar auf den Namen Mina hörte – ich fand nicht, dass er zu ihr passte. »Sofi und ich hatten vor, zusammen durchzubrennen und nach Anwar zu gehen, auf die andere Seite der See, um dort ein neues Leben zu beginnen. Doch ihr Vater bekam davon Wind und hat Maßnahmen ergriffen …«

»Er hat sie mit Langfisch zwangsverheiratet?«, fragte ich.

»Um der Familie die Schande zu ersparen«, bestätigte Sofonia nickend. »Und nun stehe ich offenbar vor derselben Wahl«, sagte sie mit Blick auf die Fotos auf dem Tisch. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und straffte sich. »Wie viel wollen Sie?«

»Wie bitte?«, fragte ich.

»Sie haben gesagt, dass mein Mann die Bilder nicht zu sehen bekommen wird – und ich frage Sie nun, wie viel Sie dafür haben wollen.«

»Er ist nicht nur unverschämt, sondern auch noch schwer von Begriff«, stellte Mina fest und stand vom Sofa auf. »Vielleicht sollte ich ihm einfach den klogosh von den Schultern reißen, dann wäre das Problem gleich gelöst.«

»Das bezweifle ich, denn in diesem Fall würde sich Kuding Langfisch wohl wundern, wo der Schnüffler abgeblieben ist, den er angeheuert hat«, wandte ich ein. »Außerdem missverstehen die Damen meine Absichten.«

»Was wollen Sie dann?«, knurrte die Orkin. »Sind Sie am Ende einer von den Puristen? Sie wissen schon – Menschen nur mit Menschen, Frauen nur mit Männern …«

»Wie ich schon sagte, Sie missverstehen mich.« Kurzerhand bückte ich mich, nahm die Bilder auf dem Tisch und trug sie zu dem Waschbecken, das neben der Tür des Hotelzimmers an der Wand hing. Ich warf die Fotos hinein, dann nahm ich mein Feuerzeug und zündete sie an. Das mit Chemikalien behandelte Papier fing sofort Feuer und innerhalb weniger Augenblicke zerfiel die ganze Pikanterie zu grauer Asche.

»Soll uns das beeindrucken?«, fragte Mina. »Sie haben sicher noch mehr davon. Von den Filmen ganz zu schweigen.«

»Was ich sonst noch an Bildern hatte, ist ebenfalls in Rauch aufgegangen«, beteuerte ich, »und die Filme bekommt keiner je zu sehen, das verspreche ich Ihnen. Und das kostet Sie keinen Orgo.«

»Sie …?« Mit einer Mischung aus Unglauben und maßlosem Erstaunen sah Sofonia mich an. »Aber warum?«

»Sagen wir, dass ich Ihren Ehemann für einen windigen Mistkerl halte und diesen speziellen Typ Zwerg nicht ausstehen kann. Er ist mir gegenüber nicht aufrichtig gewesen, als er mir den Auftrag erteilte, also fühle ich mich nicht mehr an unsere Vereinbarung gebunden.«

»Oh«, sagte Sofonia nur – es klang erleichtert und entrüstet zugleich.

»Was wollen Sie tun?«, fragte Mina.

»Das werde ich Ihnen sagen«, erwiderte ich, ohne mit der Wimper zu zucken. »Ich werde jetzt in mein Zimmer auf der anderen Seite der Straße zurückkehren und ein paar Aufnahmen von Ihnen beiden machen, wie Sie hier in aller Seelenruhe auf dem Sofa sitzen und reden. Die Tränen lassen Sie ruhig«, fügte ich hinzu, als Sofonia instinktiv zu wischen begann, »die passen sehr gut zu der Geschichte, die ich Ihrem Gatten auftischen werde.«

»Nämlich?«, fragte sie.

»Dass Sie sich jeden Dienstagnachmittag mit einer guten Freundin treffen und ihr das Herz ausschütten, weil Sie in Ihrer Beziehung todunglücklich sind – das wird ihn weder besonders überraschen noch wird es ihn stören. Und ich werde ihm sagen, dass ich beim besten Willen kein kompromittierendes Material auftreiben konnte.«

»Das wird Kuding nicht gefallen«, wandte Mina ein.

»Vermutlich nicht«, gab ich zu.

»Und Geld gibt es dafür sicher auch nicht.«

»Doch«, widersprach ich, »denn sonst würde er mir gegenüber ja zugeben, dass es eine Falle gewesen ist.«

»Auch wieder wahr.« Die Orkin entblößte ihre Hauer zu einem Grinsen. »Vielleicht sind Sie ja doch nicht so dämlich, wie Sie aussehen«, fügte sie hinzu – und diesmal schien es doch als Kompliment gedacht zu sein.

»Danke«, sagte Sofonia. Sie stand nicht vom Sofa auf, dafür waren ihre Knie vermutlich viel zu weich, und ihr Gesicht war noch immer rot von Tränen. Doch man konnte nach all der Verzweiflung jetzt auch wieder ein wenig Hoffnung darin entdecken.

Ich nickte nur. »Werden Sie diesen Kerl los«, sagte ich, während ich meinen Hut aufsetzte und mich zum Gehen wandte, »und zwar so schnell wie möglich. Er will an Ihr Geld, und wenn er es nicht auf diese Weise bekommt, wird er sich etwas anderes einfallen lassen. Also …«

»Korr«, sagte Mina anstelle ihrer Freundin. Die Orkin und ich wechselten einen langen Blick, und mir war klar, dass zumindest sie genau verstanden hatte, was ich meinte.

Dann machte ich auf dem Absatz kehrt und verließ das Hotelzimmer, um die angekündigten Aufnahmen zu machen. Es war ein dämlicher Obb gewesen, aber wenigstens hatte ich diesmal ein gutes Gewissen.

Und das war selten in Dorglash.

4

Danach brauchte ich einen Drink.

Ich hätte überallhin gehen können, Dorglash ist voller Bars und Spelunken, in denen Schnaps ausgeschenkt wird, in allen Preisklassen: von erstklassigem Zeug, das einen mit wohliger Wärme füllt, bis hin zu Fusel, den man besser in Lampen schütten sollte. Doch mein Weg führte mich schnurgerade zu Shinny … auch weil ich dort noch etwas zu erledigen hatte.

Den ganzen Tag über hatte ich darüber nachgedacht, wie ich ihr die Sache mit Maks beibringen sollte. Denn Shinny mochte auf den ersten Blick knallhart erscheinen – und das war sie auch, wenn es darauf ankam. Doch wer sie besser kannte, der wusste auch, dass es da noch eine weiche und sehr viel verletzlichere Seite an ihr gab. Und diese Shinny Cadura wusste nur zu gut, was Trauer und Schmerz bedeuteten.

Ich hatte mich kaum an meinen üblichen Platz an der Bar gesetzt und meinen Hut auf den Tresen gelegt, als sie schon vor mir auftauchte, in einem raffiniert geschnittenen Kleid aus blauer Seide und mit einer Flasche Sgorn in der Hand – dem guten Zeug für besondere Gäste. Wortlos entkorkte sie die Flasche und schenkte mir und sich selbst ein Glas ein.

»Auf Maks«, sagte sie nur.

»Du … weißt es schon?«

Sie schwenkte das Glas, dass die dunkle Flüssigkeit darin Karussell zu fahren begann. »Schlechte Nachrichten verbreiten sich schnell in Dorglash.«

Ich nickte – natürlich. Was für ein Idiot war ich gewesen, zu glauben, dass Shinny noch nicht Bescheid wüsste. Immerhin war sie Besitzerin einer Bar, und Bars waren so etwas wie die Nachrichtenzentralen von Dorglash. Neuigkeiten fanden hier Verbreitung, schon lange bevor sie in die Schlagzeilen gelangten – allerdings hatte ich in diesem Fall doch auf ein wenig mehr Verschwiegenheit seitens der Polizei gehofft …

»Tut mir leid, Shinny, ich wollte es dir selbst sagen«, versicherte ich.

»Hat Keg dich deshalb vergangene Nacht angerufen?«

Ich nickte nur.

»Verstehe.« Shinny schnitt eine Grimasse. »Mach dir keinen Kopf, Rash. Es von dir zu erfahren, hätte nichts an der Sache geändert, oder?«

»Nein«, gab ich zu.

Dann tranken wir beide.

Das Zeug war wirklich gut, von angenehmer Schärfe und mit einer rauchigen Note im Abgang – aber an diesem Nachmittag schmeckte es irgendwie schal. Auch eine andere, noch erlesenere Marke hätte daran nichts geändert.

Die Leere lag nicht am Geschmack.

Sie war in uns.

»Ich weiß noch, als ich Maks das erste Mal traf, damals, beim achten Regiment«, erinnerte sich Shinny. »Er gehörte zu einer neuen Gruppe, die ich übernehmen sollte. Er sah mich an und setzte dieses unverschämte Grinsen auf. Dann salutierte er und sagte: ›Korporal, es ist meine Pflicht als Soldat, sie darauf hinzuweisen, dass scharfe Granaten nicht unter der Kampfjacke getragen werden dürfen!‹«

Ich musste grinsen – sie hatte Maks’ Tonfall und Gesichtsausdruck perfekt getroffen, genauso hatte auch ich ihn in Erinnerung. »Und was hast du getan?«, fragte ich, obwohl ich die Geschichte natürlich längst kannte.

»Ich musste mir das Lachen verkneifen, aber mir war auch klar, dass ich den Idioten zurechtstutzen musste, ehe er mir die ganze Gruppe aufwiegelte. Also trat ich auf ihn zu und verpasste ihm ein Ding. Danach war Ruhe.«

»Kein Wunder«, meinte ich, »danach hatte er zwei Zähne weniger.«

»Drei«, verbesserte sie und grinste. »Eine ganze Woche lang musste er seine Nahrung durch einen Strohhalm schlürfen – und am Ende meinte er, er hätte zum Glück ja noch mehr Zähne, um dumme Sprüche zu riskieren.«

»So war er.« Ich nickte.

»Auf Maks«, sagte sie noch einmal. »Bashok doukhaiash!«

»Bashok doukhaiash«, bestätigte ich – auch wenn sich der Wahlspruch unserer Einheit, niemals zu sterben, für Maks als blanke Lüge erwiesen hatte.

Wie für so viele andere.

Wir tranken aus, und dann war Shinny auch schon wieder weg, um ihrem Barkeeper Frik zur Hand zu gehen, einem gutmütigen Oger, der ihr treu ergeben war. Mit einem Augenzwinkern wandte sie sich noch einmal zu mir um – das war alles, was ich heute von ihr bekommen würde.

So waren wir – wie zwei Gestirne, die sich hin und wieder am Himmel begegneten und dann wieder ihren eigenen Umlaufbahnen folgten. Die Flasche Sgorn hatte sie stehen lassen, damit ich mir noch den einen oder anderen Schluck daraus gönnen konnte.

Um auf Maks zu trinken.

Auf den erledigten Obb.

Und überhaupt …

»Krieg ich auch was?«

Ich kannte die Stimme, die plötzlich neben mir auftauchte, zusammen mit einem großen Kerl im grauen Zwirn. Keg Ingrimm warf seinen Hut auf den Tresen und nahm auf dem Barhocker neben mir Platz.

»Dachte mir, dass ich dich hier finden würde«, knurrte er.

»Schon Feierabend?«

»Mehr oder weniger.«

Keg zog sein Jackett aus, löste den gelb gestreiften Schlips und krempelte die Ärmel seines Hemdes auf, das Schweißränder unter den Achseln hatte.

»Anstrengender Tag?«, fragte ich.

»Du hast ja keine Ahnung.«

Ich nickte und beugte mich über den Tresen, um darunter ein Glas für Keg heraufzuangeln. Dann schenkte ich uns beiden ein und wir tranken.

»Warum bist du hier?«, wollte ich dann wissen. »Ist nicht gerade der nächste Weg für ’n Absacker.«

Keg erwiderte nichts. Statt zu antworten, griff er in die Tasche seines abgelegten Jacketts und zog die Abendausgabe des Larkador hervor, Tirgaslans größter Zeitung.

Die Schlagzeile lautete:

KRIEGSHELD ERMORDET!

Ist das der Dank des Vaterlands?

Was verschweigt die Polizei?

»Shnorsh«, sagte ich.

»Warst du das?«

Ich wandte meinen Blick von der Zeitung ab und sah Keg direkt an. »Glaubst du das wirklich?«, fragte ich. »Wenn ja, dann lass deine Polizeimarke hier, und wir beide gehen kurz vor die Tür – aber stell dich darauf ein, dass ich dir ordentlich eins in die Fresse geben werde.«

Kegs Zögern währte nur einen Augenblick. »Entschuldige, Rash«, meinte er dann, »aber in diesen Tagen …«

»Wir sind hier in Dorglash, Keg«, brachte ich in Erinnerung. »Shinny wusste schon Bescheid, noch bevor ich ihr irgendwas erzählt hatte. Schlechte Nachrichten verbreiten sich hier ziemlich schnell, wie du weißt.«

Er nickte nur und starrte auf sein Glas. Dabei entfuhr ihm ein Ächzen, das wenig Menschliches an sich hatte. Bei der Polizei kursierte schon seit längerer Zeit hartnäckig das Gerücht, dass Keg den einen oder anderen Troll in der Verwandtschaft hatte – ich hielt das für Blödsinn. Meinem ehemaligen Partner setzte die Polizeiarbeit nur ebenso zu wie mir damals – mit dem Unterschied, dass er geblieben war.

Sicherheitshalber schenkte ich ihm nach, und er stürzte das Glas ohne viel Federlesens hinunter – wohl um die Erkenntnis zu verdauen, dass es ein Polizeikollege gewesen sein musste, der den Mord an den Docks an die Presse durchgestochen hatte. Auch wenn mein ehemaliger Partner gerne etwas anderes behauptete – Korruption war keine Seltenheit auf dem Revier, nicht wenige Pollocks besserten ihr karges Gehalt dadurch auf, dass sie sich ein wenig dazuverdienten …

Kegs Hände zitterten. Nervös sah er auf seine Uhr und ich bemerkte die grünen Blutspritzer auf ihnen. Hastig wischte er sie weg. Es schien wirklich ein harter Tag gewesen zu sein.

»Willst du reden?«, fragte ich.

Es war, als würde man den Stöpsel aus einem Gummiboot ziehen, so schnell entwich die Luft aus meinem ehemaligen Partner. Und mit der Luft kamen die Worte … »Es ist so eine Scheiße, Rash, so eine verdammte Scheiße … ich kriege Druck in dieser Sache, mächtig viel Druck, weißt du.«

»Mann, Keg«, knurrte ich. »Würde ich jedes Mal, wenn du das sagst, einen Lorgo kriegen, könnte ich mich zur Ruhe setzen.«

»Ich mein’s ernst«, versicherte er, »denn diesmal kommt der Druck von ganz oben … hat mit der verdammten Wahl des neuen Bürgermeisters zu tun.«

Ich begann zu verstehen. Die bevorstehende Wahl hielt seit einem halben Jahr ganz Tirgaslan und ganz besonders Dorglash in Atem, und je näher der Wahltermin rückte, desto schlimmer wurde es – Paraden, Flugzettel, Kundgebungen wohin man auch blickte. Eine seltsame Hysterie lag in der Luft, die ganze Stadt schien an nichts anderes mehr zu denken, vermutlich auch deshalb, weil die Bevölkerung in ihrer Meinung darüber, wer Tirgaslan künftig regieren sollte, bis ins Mark gespalten war.