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Bist du bereit zu töten, um zu leben? Eigentlich hatte ich mich damit arrangiert, den Rest meines Lebens hinter Gittern im Bedford-Hills-Frauengefängnis zu verbringen – bis mir FBI Special Agent Iris Clark eine zweite Chance verspricht. Wenn ich die sogenannte Akademie für Killer absolviere und danach fünf Jahre im Dienst der Regierung arbeite, bin ich frei. Mir ist klar, dass ein Neuanfang mit Mitte dreißig nach allem, was ich getan habe, zu gut klingt, um wahr zu sein. Allerdings kann diese merkwürdige Akademie wohl kaum schlimmer sein als die Isolationszelle, aus der die FBI-Agentin mich geholt hat … Dark Romance. Düstere Themen. Eindeutige Szenen. Deutliche Sprache. »The Girl And The Savage« ist der erste Teil der »Academy Of Killers«-Reihe und endet mit einem Cliffhanger. Alle Bände der Reihe sind bereits erhältlich.
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Seitenzahl: 232
Veröffentlichungsjahr: 2025
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ACADEMY OF KILLERS
BUCH EINS
Copyright: Mia Kingsley, 2024, Deutschland.
Covergestaltung: Mia Kingsley
Korrektorat: http://www.korrekturservice-bingel.de
ISBN: 978-3-910412-54-5
Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet.
Sämtliche Personen in diesem Text sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig.
Black Umbrella Publishing
www.blackumbrellapublishing.com
The Girl And The Savage
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
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Über Mia Kingsley
Bist du bereit zu töten, um zu leben?
Eigentlich hatte ich mich damit arrangiert, den Rest meines Lebens hinter Gittern im Bedford-Hills-Frauengefängnis zu verbringen – bis mir FBI Special Agent Iris Clark eine zweite Chance verspricht. Wenn ich die sogenannte Akademie für Killer absolviere und danach fünf Jahre im Dienst der Regierung arbeite, bin ich frei.
Mir ist klar, dass ein Neuanfang mit Mitte dreißig nach allem, was ich getan habe, zu gut klingt, um wahr zu sein. Allerdings kann diese merkwürdige Akademie wohl kaum schlimmer sein als die Isolationszelle, aus der die FBI-Agentin mich geholt hat …
Dark Romance. Düstere Themen. Eindeutige Szenen. Deutliche Sprache. »The Girl And The Savage« ist der erste Teil der »Academy Of Killers«-Reihe. Alle Bände der Reihe sind bereits erschienen.
Ich zählte langsam bis hundert und bewegte meinen rechten Fuß bei jeder Zahl einmal im Kreis, bevor ich zum linken Fuß wechselte. Sobald ich erneut bis hundert gezählt hatte, würde ich aufstehen und tausend Schritte im Kreis laufen.
Es war nicht unbedingt die beste Freizeitgestaltung, aber ein guter Weg, in dieser verdammten Einzelzelle nicht den Verstand zu verlieren.
Mein Knöchel knackte, was nicht ansatzweise so schlimm war wie das Knurren meines Magens. Ich war mir sicher, dass Monroe, der Wärter, der für den Einzelhaft-Zellenblock verantwortlich war, mich absichtlich hungern ließ, damit ich mich entgegenkommender zeigte, sobald er sexuelle Gefälligkeiten verlangte.
Offenbar hatte ihm niemand gesagt, dass ich hier drinsaß, weil sein Vorgänger auf die gleiche Idee gekommen war. Ich hatte sein Blut noch im Mund gehabt, als sie mich in die kaum fünf Quadratmeter große Isolationszelle gesperrt hatten.
Einzelhaft war beschissen und zehrte an den Nerven, aber wenigstens hatte ich den Großteil der Zeit meine Ruhe. Meine neueste Zellengenossin im alten Block wusste nämlich noch nicht, wann sie besser die Klappe halten sollte.
Ich rappelte mich hoch, lockerte meine Schultern und begann meine nächste Runde, als ich Schritte auf dem Gang hörte. Mehr als ein paar Schritte, und mindestens eine der Personen trug Absätze.
Sicherheitshalber wich ich zurück, denn wenn man beim Öffnen der Tür zu nah davorstand, kam gerne mal der Elektroschocker zum Einsatz.
Monroes Grinsen wirkte nicht halb so selbstgerecht wie sonst, als die massive Zellentür aufschwang. Er trat zur Seite und gab den Blick auf meine illustren Besucher frei.
Ich brauchte kaum eine Sekunde, um sie als FBI-Agenten zu identifizieren. Die Frau trug einen perfekt geglätteten Bob und ein enges Kostüm, der Mann hatte ein überhebliches Lächeln auf dem Gesicht und sein Anzug saß einigermaßen gut.
»Mitkommen«, knurrte Monroe in meine Richtung.
Die Agentin hob eine Augenbraue und musterte Monroe von der Seite. »Ihre Dienste werden nicht länger benötigt.«
Monroes Mund klappte auf und er sah automatisch zu dem Mann, obwohl ich mir relativ sicher war, dass die Frau das Sagen hatte. Aber Monroe konnte sich und seinen antiquierten Ansichten einfach nicht helfen.
Der FBI-Agent zuckte lediglich mit den Achseln und schaute Monroe dabei kaum an, weil er zu sehr damit beschäftigt war, mich anzustarren. So wie er mich von oben bis unten musterte, hatte ich beinahe den Eindruck, wie eine Stripperin an der Stange gekleidet zu sein und nicht etwa einen unförmigen orangefarbenen Overall zu tragen.
Es kribbelte in meinem Nacken, weil ich ahnte, dass ich heute sicherlich noch Blut vergießen würde.
»Ich bin Special Agent Iris Clark und das ist Special Agent David Mulroney. Wir würden gern mit Ihnen reden, Miss Saint.«
»Worüber?« Bisher hatte ich keinen Muskel gerührt, weil ich der Sache nicht traute. Nicht das geringste bisschen.
Mulroney machte einen Schritt in meine Richtung und an der Art, wie sich Iris Clarks Augen für einen Moment verengten, konnte ich ablesen, dass sie mit seinem Verhalten nicht einverstanden war.
»Juniper ›Junie‹ Saint«, verkündete David Mulroney, als wäre mir mein eigener Name unter Umständen nicht geläufig. »So ein braver Name für so ein böses Mädchen.«
Ich rollte mit den Augen und widmete meine Aufmerksamkeit lieber Iris Clark. »Meinetwegen. Ich bin zu einem Gespräch bereit.«
Mulroney wirkte angepisst, weil ich ihn ignorierte, doch bevor er etwas erwidern konnte, hob Iris Clark die Hand. »Dann kommen Sie mit, Miss Saint.«
Ich folgte ihnen durch den Gang bis hin zu den Besprechungszimmern, die oft für Anwaltskonsultationen genutzt wurden – oder wenn die Wärter Sex wollten.
Iris Clark wollte den Raum gerade betreten, als Monroe doch noch einmal auftauchte und ihr ein Paar Hand- und Fußfesseln reichte. »Anordnung von oben«, knurrte er und warf mir einen Blick zu, aus dem hervorging, wie sauer er war, dass er nicht derjenige war, der mich fesseln durfte, während er allein mit mir in dem Besprechungsraum war.
»Ist das wirklich nötig?«, fragte David Mulroney mit Unglauben in der Stimme.
»Lassen Sie sich von dem hübschen Gesicht nicht täuschen. Mein Kollege ist krankgeschrieben, weil er mit achtzehn Stichen genäht werden musste, nachdem sie ihn angegriffen hat.«
»Ich habe mich lediglich verteidigt«, stellte ich die Angelegenheit richtig.
Monroes Miene verzerrte sich vor lauter Wut, während es bei Iris Clark unmöglich war zu sagen, was sie wohl in Wahrheit dachte. Ihr Kollege hingegen starrte mich immer noch an, als würde er dem Gefängniswärter kein Wort glauben.
»Sie können wieder gehen«, sagte Clark zu Monroe. »Wir werden Miss Saint die Fesseln anlegen, aber alles, was wir mit ihr zu besprechen haben, ist nur für Miss Saints Ohren bestimmt.«
Monroe passte das überhaupt nicht, allerdings hatte er dem FBI gegenüber nun einmal keine Befehlsgewalt. Mit einem letzten hasserfüllten Blick in meine Richtung stapfte er davon und ich ahnte, wer seinen Unmut später ausbaden durfte. Allerdings konnte ich mir darüber auch nachher noch den Kopf zerbrechen.
Das hier war gerade wesentlich interessanter.
Special Agent Clark ließ mir den Vortritt in den Raum und übernahm es dann selbst, mir die Hand- und Fußfesseln anzulegen, nachdem sie die Kette vorschriftsmäßig unter der Metallstange durchgezogen hatte, die am Tisch befestigt war, damit ich wirklich nicht weglaufen konnte.
Iris Clark nahm mir gegenüber Platz, doch ihr Kollege David Mulroney konnte es nicht lassen und hockte sich auf die Tischkante, die mir am nächsten war – damit begab er sich direkt in meine Reichweite. Entweder das Training beim FBI war nicht mehr das, was es mal gewesen war, oder Mulroney war noch arroganter, als ich ursprünglich gedacht hatte. Ich tippte auf Letzteres.
»Sie wissen, warum Sie hier sind, Miss Saint«, begann Iris Clark.
Bevor sie fortfahren konnte, unterbrach ihr Kollege sie und holte ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Innentasche seines Jacketts. »Warum frischen wir Junies Gedächtnis nicht auf?«, fragte er.
Iris Clark presste die Lippen aufeinander, ehe sie zu ihrem Kollegen sagte: »Ich glaube nicht, dass das nötig ist.«
Wenig überraschend ignorierte Mulroney sie und faltete das Blatt demonstrativ auseinander. »Juniper Saint, geboren am 2. Juni 1996 in Lincoln, Nebraska. Seit zweieinhalb Jahren Insassin im Bedford-Hills-Frauengefängnis. Die verbleibende Haftstrafe beträgt noch 246 Jahre. Autsch. Ich würde ja die gesamten Straftaten auflisten, aber so viel Zeit haben wir nicht – unter den absoluten Glanzleistungen befinden sich allerdings bewaffneter Raub, Erpressung, Kidnapping, Brandstiftung und Mord.« Er ließ das Blatt sinken und schnalzte mit der Zunge. »Unsere kleine Junie hier ist eine ganz Schlimme.«
Statt ihn einer Antwort zu würdigen, seufzte ich lediglich und wandte meine Aufmerksamkeit wieder Iris Clark zu.
»Was ist?«, fragte Mulroney. »Darf ich dich nicht ›Junie‹ nennen, Junie?«
»Nein«, erwiderte ich ruhig.
»Das ist dein Problem, Junie«, gab er zurück und ich tat nicht einmal so, als würde seine Antwort überraschend kommen.
»Special Agent Mulroney.« Iris Clarks Stimme hatte einen beeindruckend beißenden Unterton. »Auf ein Wort?«
Da sie sich erhob und die Tür nach draußen öffnete, hatte er keine andere Wahl, als ihr zu folgen. Leider schloss sie die Tür hinter sich und die blöden Fesseln machten es mir unmöglich, die beiden zu belauschen.
Ich hörte zwar, dass sie laut wurden, aber worum genau es ging, konnte ich nicht sagen. Vielleicht war es nicht mehr als die FBI-Variante von »Guter Cop/Böser Cop« und Iris Clark würde mir jetzt vorgaukeln, dass sie mich vor ihrem aufdringlichen Kollegen beschützen wollte, damit ich ihr vertraute.
Als die Tür wieder aufging, war Iris Clark allein und bestätigte damit meinen Verdacht, dass sie und ihr Kollege ein eher miserables Schauspiel aufführten.
»Ich entschuldige mich für meinen … Kollegen.« Sie zögerte vor dem Wort, als würde es ihr widerstreben, ihn überhaupt so bezeichnen zu müssen. »Eigentlich sind wir hier, um Ihnen ein Angebot zu machen.«
»Nicht interessiert.« Ich schüttelte den Kopf und lehnte mich in meinem Stuhl zurück, so weit die Fesseln es zuließen. Mir war nur zu gut bewusst, was in einem Hochsicherheitsgefängnis wie diesem hier mit Informanten passierte. Abgesehen davon, dass ich nichts Interessantes wusste, würde ich meine Sicherheit nicht dafür riskieren, alles, was ich hörte, ans FBI weiterzutratschen.
»Ich kann Ihnen versprechen, dass es nicht ist, was Sie denken, Juniper.«
»Kein Interesse«, wiederholte ich und sah zur Tür, während ich überlegte, wie ich aus diesem Raum und zurück in meine Zelle kam – idealerweise ohne Monroes Beteiligung.
»Fünf Jahre deiner Zeit und du bist frei.«
Verdammt! Damit hatte sie meine Aufmerksamkeit doch gewonnen. Mein Blick glitt zurück zu ihr.
Sie brauchte nicht mehr als das, um direkt weiterzusprechen: »Du arbeitest fünf Jahre für die Regierung unserer wunderbaren Vereinigten Staaten von Amerika und danach bist du frei.«
»Frei?«, wiederholte ich. Da musste ein Haken sein.
»Frei«, bestätigte sie. »Mehr noch – sämtliche Daten und Infos über dich werden gelöscht. Du bekommst eine Million Dollar und auf Wunsch eine neue Identität. Fünf Jahre und danach kannst du tun und lassen, was du willst.«
Meine Augen wurden schmal. »Vielleicht bin ich im Laufe der Zeit pessimistisch geworden, aber das klingt zu gut, um wahr zu sein.«
»Alles, was ich dir jetzt sage, unterliegt strengster Vertraulichkeit.«
»Was wollen Sie hören? Mein heiliges Pfadfinder-Ehrenwort?«, gab ich zurück.
Iris Clark zögerte einen Moment, ehe ihr klar wurde, dass ein Schwur von mir so gut wie nichts wert war. Ich schuldete niemandem etwas, am allerwenigsten einer FBI-Agentin, die ich seit etwa sieben Minuten kannte. Zehn Minuten, sollte ich großzügig aufrunden.
»Die Regierung betreibt schon eine Weile ein Rekrutierungsprogramm, weil wir beide wissen, wie viel … Drecksarbeit anfällt, mit der sich weder der Präsident noch das FBI die Hände schmutzig machen können. Deshalb haben wir die Akademie gegründet.«
»Die Akademie?«
»Eine Akademie für Killer.«
Ich wollte nicht lachen, aber ich konnte nicht anders. »Natürlich. Und direkt nebenan befindet sich die Werkstatt des Weihnachtsmannes.«
»Das ist mein Ernst, Juniper. Es gibt die Akademie wirklich, auch wenn wir das komplett unter Verschluss halten. Du durchläufst die dreimonatige Ausbildung, arbeitest danach vier Jahre und neun Monate für die Regierung und bist frei – vorausgesetzt, du absolvierst die Akademie erfolgreich und erledigst sämtliche Aufträge ohne Wenn und Aber.«
»Warum sollte ich dazu eine Akademie besuchen?« Da Mulroney seine Liste mit meinen Verfehlungen liegen gelassen hatte, schnippte ich sie mit den Fingern in Richtung der Agentin. »Sollte nicht klar sein, dass ich – angeblich – weiß, wie man jemanden tötet? Ich meine, ich bin natürlich unschuldig und bla, bla, bla, aber was soll die vermeintliche Ausbildung?«
»Oh.« Iris Clark verschränkte die Arme und lächelte. »Ich habe dein Dossier gelesen, Juniper. Es steht außer Frage, dass du erfahren, geschickt und skrupellos bist. Ich habe übrigens auch den Bericht über den Vorfall gelesen, der dich dieses Mal in die Isolationshaft gebracht hat, und meiner Meinung nach liest er sich wie ein mittelmäßiger Schulaufsatz. Du hattest keine improvisierte Waffe. Das wissen wir beide. Wenn du sie gehabt hättest, wäre der Wärter jetzt tot.«
»Ich war unbewaffnet.«
Iris Clark nickte langsam. »Also hast du was? Ihn gebissen? Achtzehn Stiche sind zu viele für einen Kratzer mit den Fingernägeln.«
Ja, sie wirkte nett, doch ich traute ihr trotzdem nicht, weshalb ich bloß mit den Achseln zuckte. »Ich kann mich nicht erinnern. Ist alles so schnell gegangen.«
Bevor sie weiter nachfragen konnte, kam ihr Kollege zurück.
Mulroney klopfte zwar knapp, riss die Tür aber danach so schnell auf, dass er sich das Klopfen genauso gut hätte sparen können. In der Hand hatte er eine dicke Akte, die er regelrecht vor Iris Clark auf den Tisch knallte.
»Danke«, erwiderte sie unbeeindruckt. »Ich kann mir wirklich nicht erklären, warum ich die Papiere im Auto vergessen habe.«
Ich schon und Mulroney wusste ebenfalls, dass Clark die Akte im Wagen gelassen hatte, um ihn loswerden zu können. So langsam überzeugten die beiden mich, dass sie sich tatsächlich nicht leiden konnten.
»Um zu deiner Frage zurückzukommen«, sagte die Agentin. »Du sollst die Akademie deshalb durchlaufen, damit du lernst, wie du eben nicht erwischt wirst.«
Meinetwegen. Dagegen konnte ich wohl kaum etwas sagen.
Mulroney ließ sich wieder auf der Tischkante nieder, doch dieses Mal noch ein bisschen näher bei mir.
Iris Clark schob die Akte in meine Richtung und klappte sie auf. »Das ist der Vertrag, den du unterschreiben müsstest. Wir geben dir jetzt ein bisschen Zeit, dir alles in Ruhe durchzulesen, ehe du eine Entscheidung triffst. Sollen wir dir einen Kaffee mitbringen?«
»Warum gehst du nicht allein, Iris?«, schlug Mulroney vor. »Vielleicht hat Junie Fragen, die ich ihr dann beantworten kann.«
Ich ignorierte ihn und überflog den Text auf der ersten Seite. Viel juristisches Kauderwelsch und ich war mir immer noch nicht sicher, ob ich die hanebüchene Geschichte, die sie mir erzählt hatte, überhaupt glauben sollte. Allerdings sah die Alternative alles andere als rosig aus. Ich würde das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen, sollte ich nicht zufällig einen Fluchtweg finden, den ich bei meiner intensiven Suche während der letzten zwei Jahre irgendwie übersehen hatte. Und wenn ich noch öfter mit den Wärtern aneinandergeriet, würde ich eher früher als später sterben.
»Wir gehen beide«, erwiderte Iris Clark.
Mulroney schüttelte den Kopf. »Du kannst allein gehen. Ich will keinen Kaffee.«
»Darf ich dich daran erinnern, dass ich deine Vorgesetzte bin, David?«
Das Gespräch der beiden war unterhaltsamer als die Seifenoper, die jeden Morgen um zehn im Gemeinschaftsraum auf dem alten Röhrenfernseher gezeigt wurde.
Special Agent David Mulroney schien intellektuell nicht sonderlich gesegnet zu sein, denn er streckte die Hand aus und strich mein Haar nach hinten. Irrte ich mich oder war er derjenige gewesen, der mir die Liste mit meinen Straftaten vorgelesen hatte?
»Special Agent Mulroney«, sagte Iris Clark angesichts dessen, was ihr Kollege sich da herausnahm, mit scharfer Stimme.
Ich hingegen witterte meine Chance. »Hat jemand einen Stift für mich?«, fragte ich.
Iris Clarks Gesicht war wie versteinert, als Mulroney einen zweifellos teuren Kugelschreiber aus der gleichen Innentasche seines Jacketts hervorholte, aus der er auch die Liste gezogen hatte. Es war ein schönes Modell aus Metall, schwer und elegant, mit seinem Namen graviert.
»Wenn ich unterschreibe …« Mein Blick schwang zu Special Agent Clark. »Bekomme ich dann so eine Art einmaligen Freifahrtschein? Ich meine, ja, auf Seite acht steht, dass ich mir nichts zuschulden kommen lassen darf, aber noch bin ich nicht auf der Akademie. Eine Ausnahme? Eine klitzekleine nur? Bitte!«
»Das ist wahrscheinlich keine gute Idee.« Iris Clark schüttelte den Kopf, doch ich sah das belustigte Funkeln in ihren Augen. Sie war wesentlich intelligenter als ihr Kollege.
»Natürlich bekommst du den.« Mulroney strahlte mich an.
»Hat er die Befugnis, das zu entscheiden?«, wollte ich von seiner Vorgesetzten wissen.
Iris Clark seufzte. »In der Theorie schon, aber …«
Mehr musste ich nicht hören. Mulroney war ein solcher Idiot, dass er es nicht einmal kommen sah. Wie auch, wenn ihm nicht aufgegangen war, dass ich den besagten Freifahrtschein für ihn wollte?
Er saß nah genug bei mir, dass ich die Kette zwischen meinen Handgelenken mit bloß einer Bewegung meines Armes um seinen Hals wickeln konnte, nachdem ich seine Krawatte gepackt und sie abrupt nach unten gerissen hatte. Seine Nase machte beim Aufprall auf der Tischplatte ein geradezu wunderbares Geräusch.
Ich zog die Kette stramm und hielt ihn unten, während ich den Kugelschreiber in seinen Oberschenkel rammte – weit genug von sämtlichen wichtigen Blutgefäßen entfernt. Mir war klar, dass ich ihn nicht töten konnte. Ich wollte ihm bloß begreiflich machen, dass er ein Idiot war.
Mulroney heulte auf, als sein silberner Kugelschreiber in seinen Oberschenkel drang, doch die Kette lag dermaßen eng um seinen Hals, dass aus dem Geräusch eher ein Röcheln als ein Schrei wurde.
Langsam zog ich den Kugelschreiber aus der Wunde und drehte die Miene raus, ehe ich sie direkt vor Mulroneys Auge schweben ließ. Er heulte und blubberte, während sein Gesicht eine ungesunde Farbe annahm. Mit zittrigen Händen versuchte er, die Kette an seinem Hals zu lösen, aber mein Griff war zu fest.
»Ich ruiniere dir nur ungern den Spaß, allerdings muss David am Leben bleiben. Sein Vater ist so ein reiches Arschloch aus Washington, das im Kabinett sitzt und nichts beiträgt, außer Leuten wie mir das Leben schwer zu machen. Wenn sein kostbarer Sohn draufgeht, muss ich mir die Tiraden anhören.« Iris Clark warf mir einen eindringlichen Blick zu.
»Ich weiß nicht, ob er schon verstanden hat, dass er mich nicht anfassen sollte«, gab ich zurück. Dabei hatte ich mich längst darauf vorbereitet, die Kette gleich loszulassen.
Mulroney japste und nickte hektisch, so weit mein eiserner Griff es zuließ.
Ich zuckte mit den Achseln und gab ihn frei. Er rutschte prompt in der Pfütze seines eigenen Blutes aus und traf erneut mit der Nase auf den Tisch, ehe er zusammensackte.
Ich hingegen zog seelenruhig den Vertrag zu mir, blätterte ihn durch, überflog ihn grob und setzte meine Unterschrift auf die letzte Seite. Meine Handkante hinterließ eine blutige Spur auf dem teuer aussehenden Papier, was irgendwie passend wirkte.
»Krankenwagen«, röchelte David. Er betastete abwechselnd seinen Hals, seine Nase und sein Bein, während er sich auf dem Boden wie ein Fisch auf dem Trockenen wand.
»Oh bitte.« Iris Clark stützte eine Hand in die Hüfte. »Du wirst es überleben und ich habe dich vorher gewarnt. Du wolltest nicht hören.«
»Das stimmt, David, sie hat Sie vorgewarnt.« Ich lächelte ihn an und genoss, dass er auf dem Boden zurückzuckte, obwohl ich nach wie vor an den Tisch gekettet war. Seine Augen weiteten sich, als ich ihm den blutverschmierten Stift hinhielt. »Das ist Ihrer.«
»Ich will ihn nicht mehr«, stammelte Mulroney und sah Hilfe suchend zu seiner Vorgesetzten, deren Meinung er plötzlich offenbar doch zu schätzen wusste.
Iris Clark machte einen großen Schritt über ihren Kollegen hinweg, sorgsam darauf bedacht, nicht versehentlich in sein Blut zu treten. Sie nahm den Vertrag, studierte meine Unterschrift und nickte schließlich langsam.
Ihr Blick traf auf meinen. »Eine gute Entscheidung, Juniper. Ich nehme nicht an, dass du irgendetwas packen möchtest?«
»Nein.« Ich behielt David Mulroney im Auge, weil ich nicht wusste, ob er sich gleich doch zusammenreißen und den Versuch unternehmen würde, sich bei mir für die Verletzungen zu revanchieren. Allerdings schien er zu sehr mit Jammern und seinem Selbstmitleid beschäftigt zu sein, um eine Gefahr für mich darzustellen.
»In Ordnung. Dann würden wir dich direkt mitnehmen. Ich hoffe, Mr Monroe überlebt es, sich nicht persönlich von dir verabschieden zu können.«
Ich drehte den blutigen Stift in meinen Fingern. »Wenn ich es mir recht überlege, sollte ich mich vielleicht von ihm verabschieden.«
»Netter Versuch.« Iris Clark nahm mir den Kugelschreiber weg. »Wir hatten uns auf eine Ausnahme geeinigt.«
»Streng genommen hat er mir die Ausnahme gestattet.« Mit dem Fuß deutete ich auf Mulroney, der sich inzwischen beinahe beruhigt hatte. Vermutlich aufgrund der mangelnden Aufmerksamkeit für sein Leiden, denn er musste in der Tat Schmerzen haben. Ich schenkte der FBI-Agentin ein strahlendes Lächeln. »Also könntest du mir ja eigentlich noch eine zweite Ausnahme erlauben, oder?«
»Nein.« Sie beugte sich zu mir und öffnete die Fesseln. »Ich glaube, der Deal, den wir dir anbieten, ist gut genug. Den müssen wir nicht noch versüßen.«
Ich seufzte, weil ich Monroe nur zu gern für ein paar Minuten ungestört in die Finger bekommen hätte. Aber man konnte wohl nicht alles haben.
Iris Clark trat einen Schritt zurück. »Bist du startklar?«
»Ich denke schon.«
Ihr Blick glitt zu ihrem Kollegen, der nun aufrecht saß und beide Hände auf seinen Oberschenkel presste. Seine Nase sah nicht unbedingt prickelnd aus. »Was ist mit dir?«, fragte sie ihn.
»Ich glaube, ich brauche wirklich einen Arzt.«
»Meinetwegen. Wir können unterwegs bei einem halten.« Iris Clark stemmte eine Hand in die Hüfte.
»Unterwegs?« David Mulroneys Stimme klang von Sekunde zu Sekunde weinerlicher.
»Wir müssen Juniper abliefern. Schon vergessen?«
Er schüttelte panisch den Kopf und schien es noch im gleichen Moment zu bereuen, weil der Schmerz seiner gebrochenen Nase bei der hastigen Bewegung vermutlich direkt hinter seiner Stirn explodierte. »Nein, nein, nein«, röchelte er. »Auf gar keinen Fall. Ich steige nicht mit ihr in ein Auto. Sie ist eine gemeingefährliche Psychopathin.«
»›Psychopathin‹ ist ein wenig hart«, gab ich zurück. »Wenn Sie nicht aufpassen, Special Agent David Mulroney, verletzen Sie noch meine Gefühle.«
»Nein. Ich bleibe dabei. Keine zehn Pferde bekommen mich je wieder in den gleichen Raum wie sie!«, stieß er hervor und deutete dabei auf mich.
Iris Clark seufzte tief. »Meinetwegen. Ich bringe dich zum Arzt, aber vorher muss ich mich darum kümmern, dass Juniper zur Akademie transportiert wird. Möchtest du mit in den Flur kommen oder hier drin warten? Denn ich werde nicht vor ihr telefonieren.«
Es war beinahe beeindruckend, wie schnell David Mulroney trotz seiner Verletzung aus dem Raum rannte. Wobei er ehrlich gesagt eher humpelte. Es sah witzig aus.
Special Agent Iris Clark drehte sich zu mir. »Ich brauche nur zwei Minuten. Mach in der Zeit nichts Dummes, Juniper. Ich bin jetzt für dich verantwortlich und im Gegensatz zu David nehme ich meinen Job ernst.«
Ich hob beide Hände und blieb brav auf meinem Stuhl sitzen. »Ich kann der reinste Engel sein, wenn ich will.«
Ihr Lächeln wirkte nicht überzeugend, als sie erwiderte: »Die Frage ist wohl eher, ob du es auch wirklich willst.«
Ich verlagerte mein Gewicht, weil ich jetzt schon viel zu lang in der einen Position gesessen hatte, und sofort tastete der nervöse Kerl mir gegenüber nach seiner Pistole. Er nahm die Hand erst wieder vom Holster, als sein Kollege ihm einen eindringlichen Blick zuwarf.
Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Mir war klar gewesen, dass Iris Clark nicht von einem Taxi oder Uber gesprochen hatte, als sie gesagt hatte, dass sie sich um meinen Transport kümmern wollte, doch das hier war … lächerlich.
Ich saß in einem gepanzerten Fahrzeug zwischen fünf vermummten und bis unter die Zähne bewaffneten Männern, die mich nicht aus den Augen ließen, obwohl ich Hand- und Fußfesseln trug, die an einer Öse befestigt waren, die an den Boden des Fahrzeugs genietet war. Selbst wenn ich gewollt hätte, wäre es mir unmöglich gewesen, mich zu befreien. Doch die Männer beobachteten mich, als bestünde akute Fluchtgefahr. Vielleicht hatte jemand behauptet, dass ich eine Hexe war und mich in Luft auflösen konnte. Oder Special Agent David Mulroney hatte mit seiner Schilderung dessen, was passiert war, maßlos übertrieben.
Eigentlich fehlte mir zu meinem Glück nur noch diese Maske, die Hannibal Lecter im Film getragen hatte.
Mit einem Seufzen lehnte ich den Kopf an und fragte mich, wie lang diese verdammte Fahrt wohl dauern würde. Der Transporter hatte keine Fenster, nicht einmal ein vergittertes Guckloch, und aufgrund der angespannten Stimmung hier drin hatte ich nicht die geringste Ahnung, ob wir seit zehn Minuten oder vier Stunden unterwegs waren. Der Motor brummte monoton und der Wagen rumpelte vor sich hin, während ich intensiv angestarrt wurde.
Der Nervöse machte mir ein bisschen Sorgen, weil ich Angst hatte, dass er mich erschoss, sobald ich die Hand zu schnell hob, weil ich mich an der Nase kratzen wollte.
Außerdem fragte ich mich, wer die Kerle waren. FBI? Örtliches SWAT-Team? Army? Söldner? Private Security?
Ich war mir immer noch nicht sicher, was ich von dieser vermeintlichen Akademie für Killer halten sollte, da mich irritierte, dass ich bisher nichts davon gehört hatte. Auf der anderen Seite waren die Rekrutierungsmethoden höchst fragwürdig, sodass ich die ganze Sache anstelle der Regierung auch geheim gehalten hätte.
Die Augen des Typen rechts von mir wanderten hinter seiner Sturmmaske immer wieder zu meinen Händen. Ich drehte sie betont langsam, bis ich sah, dass ich trotz mehrmaligem Waschen nach wie vor David Mulroneys Blut unter den Fingernägeln hatte.
Kein Wunder, dass die Kerle so angespannt waren. Das Blut unter meinen Nägeln und der orangefarbene Overall passten nicht zu meinem attraktiven, harmlosen Gesicht – die Leier hatte ich schon mehrfach gehört. Vor allem von den Wärtern im Gefängnis, die auf Sex spekuliert hatten und irgendwie dachten, dass fehlgeleitete Pseudokomplimente dazu führten, dass ich bereitwillig die Beine breit machte.
Der Wagen wurde langsamer und langsamer, bis er zum Stillstand kam. Ich gab mir nach außen hin Mühe, ruhig zu bleiben, doch mein Puls schoss in die Höhe. Der Moment der Wahrheit war gekommen. Jetzt würde ich herausfinden, ob diese geheimnisvolle Akademie für Killer tatsächlich existierte.
Oder auch nicht, denn die beiden Türen am Heck wurden geöffnet, allerdings stiegen wir nicht aus, sondern FBI Special Agent Iris Clark stieg ein. Zumindest versuchte sie es, doch mit den ganzen bewaffneten Männern war der Platz ein wenig knapp.
Iris Clark hob eine Augenbraue. »Was ist denn hier los? Mehr Leute konnten Sie nicht zum Aufpassen erübrigen?«
»Uns wurde mitgeteilt, dass die höchste Sicherheitsstufe nötig ist.«
»Aha.« Iris Clark seufzte und massierte sich den Nasenrücken. »Irgendjemand von Ihnen wird jetzt trotzdem verschwinden, damit ich einen Sitzplatz habe. Ich muss mit Miss Saint sprechen.«
»Wie wäre es mit ihm?« Ich nickte in Richtung des Kerls mit den zuckenden Fingern mir gegenüber. »Seine Anspannung macht mich nervös und wenn ich nervös bin, neige ich zu unüberlegten Handlungen.«
Die FBI-Agentin warf mir einen strafenden Blick zu, weil ich die Situation nicht besser machte, woraufhin ich mir das Lächeln kaum verkneifen konnte.
Dass sämtliche der maskierten Männer zu dem Typen rechts von mir sahen, ließ mich vermuten, dass er der Boss war. Er nickte knapp, bevor er sagte: »Delta und ich bleiben allerdings.«
Iris Clark wog ihre Antwort ab. »Meinetwegen.«
Ich beobachtete, wie drei der Männer den gepanzerten Transporter verließen. Wir standen auf dem Seitenstreifen einer Bundesstraße, doch abgesehen von ein paar Bäumen und der Tatsache, dass ein schwarzer SUV hinter uns parkte, konnte ich nicht viel sehen.
Die Türen wurden zugeworfen und ich war mit Iris Clark und den beiden Männern allein. Sie nahm mir gegenüber Platz, während die verbleibenden Wachleute rechts und links von mir saßen. Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung.
Iris Clarks Jacke fiel zur Seite und enthüllte die SIG Sauer an ihrer Hüfte, die sie im Gefängnis verständlicherweise nicht dabeigehabt hatte.
»Wie geht es Special Agent Mulroney?«, fragte ich.
»Ich fürchte, er wird leider überleben.« Iris Clark sah mir geradewegs in die Augen. Es war beinahe beneidenswert, wie ruhig und gelassen sie war. Sie wirkte – im Gegensatz zu ihrem Kollegen – kompetent und professionell. »Ich bin hier, um dir die Regeln zu erläutern.«
Da sie mich nicht wie ein Sexobjekt oder Abschaum behandelte, war ich geneigt, ihr zuzuhören. »Ich bin ganz Ohr.«