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Georg Ebers' 'UARDA: Historischer Roman' entführt den Leser in das alte Ägypten zur Zeit Ramses' des Großen. Der Roman ist geprägt von detaillierten historischen Informationen über das Leben und die Kultur dieser faszinierenden Epoche. Ebers beschreibt nicht nur die politischen und kriegerischen Ereignisse, sondern auch das Alltagsleben der Menschen in dieser Zeit. Sein Schreibstil ist lebendig und packend, und er schafft es, den Leser in die Welt von Uarda eintauchen zu lassen. Der Roman ist ein Meisterwerk des historischen Genres und gehört zu den bedeutendsten Werken Ebers'. Georg Ebers, ein deutscher Ägyptologe und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, wurde durch seine intensive Forschung und Studien über das antike Ägypten zu einem Experten auf diesem Gebiet. Seine Leidenschaft für die Geschichte und Kultur des Landes führte ihn dazu, 'UARDA' zu schreiben, ein Werk, das nicht nur unterhaltend ist, sondern auch einen Einblick in die Vergangenheit Ägyptens bietet. Ebers' akribische Recherche und sein literarisches Talent machen ihn zu einem der angesehensten Autoren seines Fachs. 'UARDA: Historischer Roman' ist ein Muss für alle Liebhaber historischer Romane und Fans des antiken Ägyptens. Georg Ebers' Werk ist nicht nur spannend und informativ, sondern auch ein Fenster in eine längst vergangene Zeit. Tauchen Sie ein in die Welt von Uarda und erleben Sie die Faszination des alten Ägypten in all seiner Pracht und Geheimnis. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 935
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Zwischen der Strenge von Ritual und Herrschaft und dem ungezähmten Drang des Individuums nach Liebe, Freiheit und Erkenntnis spannt Uarda die große Frage auf, wie Menschen in einer hochausgebildeten, religiös durchwirkten Zivilisation ihren Platz finden, und verbindet dabei die sinnliche Fülle eines detailgetreu imaginierten alten Ägypten mit der intellektuellen Neugier einer Forschungszeit, in der Archäologie und Philologie das Vergangene neu erschlossen, sodass Geschichte nicht als fernes Tableau erscheint, sondern als vibrierender Erfahrungsraum, in dem Entscheidungen Gewicht haben und die Stimmen der Lebenden gegen Mythen, Mächte und überlieferte Ordnungen an Bedeutung gewinnen.
Uarda ist ein historischer Roman des deutschen Ägyptologen und Schriftstellers Georg Ebers, der 1877 erstmals erschien und sein profundes Fachwissen in erzählerische Form überführt. Der Schauplatz ist das alte Ägypten, überwiegend entlang des Nils und in städtischen wie kultischen Zentren, deren Alltagsrhythmen, Feste und Machtmechanismen den Hintergrund bilden. Entstanden in einer Phase intensiver Altertumsforschung des späten 19. Jahrhunderts, gehört das Werk zur Tradition des gelehrten historischen Romans, der dokumentarische Genauigkeit mit erzählerischer Suggestion verbindet. Ebers nutzt zeitgenössische Erkenntnisse, um ein plastisches Bild von Gesellschaftsstrukturen, religiösen Praktiken und materieller Kultur zu entwerfen, ohne den Sog einer breit angelegten Handlung zu vernachlässigen.
Die Ausgangssituation führt in einen vielgestaltigen Lebensraum am Nil, in dem Tempel, Verwaltung und Markt auf engem Raum nebeneinander existieren. Aus unterschiedlichen sozialen Schichten treten Figuren hervor, deren Wege sich kreuzen und an denen die titelgebende Uarda früh Anteil hat. Feste, Prozessionen und Arbeitsalltag bilden den bewegten Rahmen, in dem persönliche Wünsche, Verpflichtungen und Loyalitäten erstmals sichtbar werden. Der Roman öffnet die Bühne für Beziehungsgeflechte, die zunächst aus alltäglichen Begegnungen und Missverständnissen entstehen, und deutet dabei politische wie religiöse Spannungen an, ohne sie sogleich zu entladen. So entsteht ein Panorama, das Neugier weckt, statt vorschnell Lösungen zu liefern.
Erzählerisch dominiert eine auktoriale Stimme, die Überblick und Innenschau verbindet und den Leser verlässlich durch Sittenbild, Gespräch und Handlung führt. Die Prosa entfaltet sich in weit gespannten Sätzen, reich an Bildlichkeit und historischer Farbe, zugleich getragen von einem gleichmäßigen Rhythmus, der Beobachtung und Bewegung ausbalanciert. Sachlich unterfütterte Detailfülle – von Materialien bis zu Ritualgesten – wird nicht zum Selbstzweck, sondern dient Atmosphäre und Figurenzeichnung. Der Ton schwankt zwischen feierlicher Gravität, leiser Ironie und warmem Mitgefühl; Pathos wird gebändigt, wenn das Alltägliche ins Bild tritt. So entsteht eine Lesart, die belehrt, verführt und behutsam Orientierung bietet.
Im Zentrum stehen Fragen nach Macht und Legitimation, nach der Bindekraft von Religion und nach den Spielräumen, die Individuen in einer streng geordneten Gesellschaft finden. Der Roman beleuchtet, wie Herkunft und Rang Zugehörigkeit stiften und Grenzen ziehen, wie Wissen – in Schrift, Tradition und Handwerk – Autorität erzeugt, und wie Gefühle und Loyalitäten diese Ordnung zugleich bestätigen und infrage stellen. Über das soziale Gefüge hinaus reflektiert die Erzählung die Dialektik von Kontinuität und Wandel: Rituale sichern Dauer, doch Konflikte und Begegnungen lassen Neues entstehen. Das Persönliche erscheint so als Prisma, in dem sich Epochenfragen bündeln.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt Uarda relevant, weil das Buch nicht nur eine ferne Welt sinnlich zugänglich macht, sondern zugleich zeigt, wie sehr jede Darstellung der Vergangenheit von Perspektiven, Interessen und Wissensbeständen geprägt ist. Es lädt ein, gängigen Bildern des Alten Orients mit Aufmerksamkeit und kritischem Wohlwollen zu begegnen und die Übergänge zwischen Forschung und Fiktion bewusst wahrzunehmen. Wer sich für Fragen von kultureller Übersetzung, sozialer Gerechtigkeit und individueller Verantwortung interessiert, findet hier einen Resonanzraum, der historische Distanz produktiv macht und Gegenwartsfragen – von Machtverhältnissen bis zu Identität – in anderem Licht erscheinen lässt.
Als Lektüre bietet Uarda eine immersive, breit instrumentierte Erfahrung, die historische Erkundung und erzählerische Spannung verbindet, ohne den Blick für die Ambivalenzen menschlichen Handelns zu verlieren. Wer sich Zeit für die sorgfältig komponierten Szenen nimmt, wird belohnt mit einem Reichtum an Bildern, Motiven und Beziehungen, die allmählich Kontur gewinnen. Zugleich fordert das Buch zur Stellungnahme heraus: zwischen Ordnung und Aufbruch, Glaube und Vernunft, Gemeinschaft und Eigenwillen. So bestätigt sich die zentrale Spannung des Romans als treibende Kraft, die nicht nur den Stoff bewegt, sondern auch Fragen aufwirft, die über die letzte Seite hinausreichen.
Georg Ebers, deutscher Ägyptologe und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, verbindet in Uarda einen gelehrten Blick auf das alte Ägypten mit spannungsreicher Erzählkunst. Der historische Roman entfaltet sein Panorama zur Zeit der Pharaonen, zwischen Hof, Tempel und der Welt der einfachen Leute. Im Mittelpunkt steht die junge Uarda, deren Schicksal verschiedene Gesellschaftsschichten berührt. Früh etabliert Ebers die leitenden Konflikte: Standesgrenzen und persönliche Neigung, religiöse Autorität und forschender Geist, Staatsräson und individuelle Wahrheit. Eingebettet in detailreiche Szenen des Alltags eröffnet der Roman mit einem Einblick in Handwerk, Militär und Priesterschaft, und legt damit den Grund für die folgenden Verwicklungen.
Die ersten Kapitel stellen Uarda in bescheidenen Verhältnissen vor und zeichnen ihr Umfeld als Mikrokosmos gesellschaftlicher Abhängigkeiten. Ein öffentliches Ereignis mit großem Hofzeremoniell führt Figuren aus verschiedenen Sphären zusammen und macht Uarda sichtbar für Menschen, deren Einfluss weit über ihr Milieu hinausreicht. Daraus erwächst ein anfänglicher Impuls der Handlung: Ein Zusammentreffen, das persönliche Sympathie weckt und zugleich Erwartungen, Regeln und Misstrauen aktiviert. Ebers nutzt die Festlichkeit, um Rangordnung, religiöse Rituale und den Kult des Königtums plastisch zu machen. Zugleich setzt er erste Signale dafür, dass private Entscheidungen bald mit politischen Interessen kollidieren werden.
Aus der Begegnung entsteht ein zartes Band zwischen Uarda und einem Angehörigen höherer Kreise, das die Grenzen der Ständeordnung tastend überschreitet. Gleichzeitig dringen Nachrichten über militärische Unternehmungen und ihre Deutung in die Stadt; offizielle Berichte und persönliche Zeugnisse geraten in Spannung. Dieser Gegensatz bildet einen frühen Wendepunkt: Wahrheitsanspruch und Loyalität stehen auf dem Prüfstand, und die Figuren müssen sich zu Propaganda, Ruhm und Verantwortlichkeit verhalten. Ebers verschränkt die intime Entwicklung der Gefühle mit der größeren Erzählung von Macht, Ruhm und öffentlicher Meinung, wodurch aus einem privaten Annähern eine Angelegenheit mit Konsequenzen für viele wird.
Mit zunehmender Dichte der Ereignisse rücken Tempelautorität und Staatsverwaltung als ordnende Kräfte ins Zentrum. Die Priesterschaft beansprucht Deutungshoheit, während Gelehrte und Heilkundige den Mut zu Beobachtung und Erkenntnis zeigen, die gewohnte Grenzen überschreitet. Ein umstrittener Schritt der Untersuchung wird zum Katalysator ethischer Fragen: Was darf Erkenntnis, wo beginnen Tabu und Gesetz? In den Reaktionen zeigen sich Loyalitäten und Risse. Uarda gerät, ob freiwillig oder unfreiwillig, in den Schnittpunkt konkurrierender Interessen und wird zur Figur, an der sich Gnade, Strenge und Berechnung messen. Damit weitet sich der Konflikt von Liebesfragen auf Grundsatzfragen.
Die Mitte des Romans markiert eine Phase akuter Gefährdung: Verhöre, Beschuldigungen und Machtdemonstrationen strukturieren die Handlung, während öffentliche Räume und heilige Bezirke zur Bühne kollektiver Emotionen werden. Eine gewagte Initiative setzt eine Gegenbewegung in Gang, die Bindungen neu ordnet und Grenzen verschiebt. Dieser Wendepunkt bringt kurzfristige Erleichterung, zeigt aber, wie fragil Sicherheit im Spannungsfeld von Dogma, Ehrgeiz und Pflicht bleibt. Ebers nutzt Szenenwechsel und Perspektivwechsel, um die Verstrickung Einzelner mit der politischen Ordnung deutlich zu machen, ohne die innere Entwicklung der Figuren aus dem Blick zu verlieren.
Im anschließenden Teil vertieft der Roman die Folgen der Entscheidungen. Schauplätze wechseln zwischen Stadtvierteln, Tempelbezirken und militärischen Einrichtungen; überall spiegeln Sitten, Arbeit und Rituale dieselben Fragen nach Zugehörigkeit und Gewissen. Uarda und ihre Verbündeten suchen Wege, persönliche Integrität mit äußeren Zwängen zu vereinbaren. Einige Missverständnisse klären sich, neue Ungewissheiten treten zutage, und Beziehungen gewinnen an Reife. Ebers bleibt dabei zurückhaltend mit endgültigen Antworten und lässt die Spannung wachsen, indem er mögliche Ausgänge andeutet, ohne sie festzuschreiben. So bereitet er eine Zuspitzung vor, die private und öffentliche Konsequenzen zusammenführt.
Die Schlusskapitel zeigen die Kosten von Loyalität und die Kraft von Mitgefühl, ohne alle Fäden endgültig zu verknüpfen. Ebers’ gelehrte Detailfreude lässt das pharaonische Ägypten als lebendige Gesellschaft erscheinen, in der Rang, Glaube und Gesetz das Handeln prägen, aber nicht vollständig bestimmen. Uarda bleibt dabei Symbol eines unveräußerlichen Menschentums, das über Herkunft und Rang hinausweist. Der Roman hinterlässt den Eindruck, dass Wahrhaftigkeit und Zuwendung auch in rigiden Ordnungen Wirkung entfalten können. Zugleich erklärt sich seine nachhaltige Wirkung aus der Verbindung von Forschung und Fabulierlust, die ein breites Publikum für die Antike zu gewinnen versteht.
Uarda, ein 1877 veröffentlichter historischer Roman des Ägyptologen Georg Ebers, spielt im Neuen Reich, überwiegend im 13. Jahrhundert v. Chr., zur Zeit der 19. Dynastie in Ober- und Unterägypten. Schauplätze wie Theben mit seinen Tempelkomplexen von Karnak und Luxor sowie das Verwaltungsmilieu von Memphis verweisen auf die prägenden Institutionen: das gottgleiche Königtum des Pharaos, die einflussreiche Amun-Priesterschaft, die tempelgestützte Ökonomie, die Streitwagenheere und die gelehrte Schreiberbürokratie. Rechtsprechung und Verwaltung waren in Gerichten und Kanzleien organisiert; handwerkliche Arbeit konzentrierte sich in staatlich gelenkten Werkstätten und Siedlungen wie der der Nekropolenarbeiter in Deir el-Medina.
Der religiöse Hintergrund der Handlung reflektiert die Konsolidierung nach der Amarna-Zeit. Nach dem kurzzeitigen Monotheismusversuch des Echnaton (18. Dynastie) wurde der Kult des Amun-Re unter Haremhab, Sethos I. und Ramses II. restauriert. Tempel in Theben fungierten als ökonomische Großakteure, verwalteten Land, Personal und Werkstätten und organisierten Feste wie das Opet-Fest. Inschriften, Reliefs und Verwaltungspapyri belegen die hierarchischen Priesterkollegien, die Liturgien und die Verknüpfung von Religion, Königtum und Staatshaushalt. Diese Konstellation prägt die rituelle und politische Bühne, vor der personale Konflikte und Loyalitäten im Roman angesiedelt sind, ohne die historische Faktizität zu verlassen.
Das außenpolitische Umfeld wird vom Konflikt mit dem Hethiterreich bestimmt, der im 13. Jahrhundert v. Chr. um die Vormachtstellung in Syrien und am Orontes kulminierte. Die Schlacht bei Kadesch, aus ägyptischer Perspektive großflächig an Tempelwänden Ramses’ II. dargestellt, zeigt Logistik, Aufklärung und Taktik der Streitwagenkorps. Papyri wie Anastasi I veranschaulichen Ausbildung und praktische Kenntnisse der Schreiberoffiziere. Diese Befundlage erlaubt eine konkrete Darstellung von Heerwesen, Befehlsketten und Propaganda. Der Roman greift diese Welt von Feldlagern, Depots, Botenwegen und Straßentrassen auf, ohne die vielfältigen, quellenmäßig ablesbaren Realien des spätbronzezeitlichen Kriegswesens zu verfälschen.
Nach Jahren wechselnder Feldzüge wurde 1259 v. Chr. zwischen Ägypten und den Hethitern ein Friedens- und Bündnisvertrag geschlossen, der in ägyptischer und hethitischer Version überliefert ist und als ältester erhaltener Staatsvertrag gilt. Er regelte Nichtangriff, Auslieferung und dynastische Beziehungen; später folgte eine Heirat zwischen Ramses II. und einer hethitischen Prinzessin. Diese diplomatische Stabilisierung prägte Handel und Gesandtschaftsverkehr im östlichen Mittelmeerraum. In Ägypten belegen Darstellungen und Listen den Alltag von Ausländern, Söldnern und Gefangenen. Solche transkulturellen Kontakte bilden einen überprüfbaren Rahmen, in dem die Erzählung Bewegungen von Menschen, Gütern und Informationen verortet.
Das 19. Dynastie-Ägypten war von monumentalen Bauprogrammen geprägt. Ramses II. ließ Heiligtümer und Kolossalstatuen errichten und bestehende Anlagen erweitern; hervorzuheben sind Abu Simbel, das Ramesseum und Projekte in Karnak und Luxor. Verwaltung und Bauwesen nutzten ein fein abgestimmtes System aus Lieferketten, Arbeitskolonnen und täglichen Abrechnungen. Ostraka und Papyri aus Deir el-Medina dokumentieren Arbeitszeiten, Löhne in Naturalien und Streitfälle der Nekropolenarbeiter. Diese Quellen erlauben Einblicke in Werkstätten, Steinbrüche, Transport und künstlerische Produktion. Der Roman verankert Szenen des Handwerks und der Kunst in eben dieser belegten materiellen Kultur und ihrer institutionellen Einbindung.
Die medizinische Dimension der historischen Welt im Roman stützt sich auf nachweisbare Kenntnisse altägyptischer Heilkunde. Georg Ebers erwarb 1873/74 in Luxor eine umfangreiche medizinische Papyrushandschrift und veröffentlichte sie 1875; der später nach ihm benannte Ebers-Papyrus enthält Hunderte Rezepte, Diagnosen und Beschwörungen. Er belegt eine Verbindung von pharmakologischen Mitteln, magisch-religiösen Praktiken und empirischer Beobachtung. Salben, Honig, Harze, Pflanzenextrakte und Bandagen sind überliefert, ebenso zahn- und unfallchirurgische Maßnahmen zur Wundversorgung begrenzten Umfangs. Die im Roman erwähnten Heilkundigen, Salben und Rituale lassen sich vor diesem gesicherten Wissenshorizont verorten, ohne anekdotische Exotik zu benötigen.
Soziale Struktur und Rechtspraxis des Neuen Reiches sind reichlich dokumentiert und rahmen die Figurenwelt. Beamte, Soldaten, Priester, Schreiber und Handwerker bildeten differenzierte Stände; Mobilität erfolgte durch Dienstlaufbahnen und königliche Gunst. Ehe- und Eigentumsverhältnisse sind durch Verträge belegt; Frauen konnten Besitz halten und vererben. Gerichte verhandelten Streitfälle, Schreiber protokollierten Verträge, während lokale Verwaltung Sicherheit und Versorgung organisierte. Ikonographie und Texte zeigen zugleich die Präsenz von Nubiern, Asiaten und Libyern im ägyptischen Alltag. Diese überprüfbaren sozialen Konstellationen liefern dem Roman die Kulisse für Loyalitäten, Konflikte und Bündnisse, die ohne detaillierte Handlungsschilderung verständlich bleiben.
Als Roman eines ausgewiesenen Ägyptologen verbindet Uarda gelehrte Quellenkenntnis mit erzählerischer Popularisierung. Das Werk erschien 1877 und traf auf eine europäische Leserschaft, deren Interesse an Ägypten seit Champollions Entzifferung der Hieroglyphen, den Publikationen der Lepsius-Expedition und neuen Museumsbeständen stark gewachsen war. Ebers nutzt epigraphische, archäologische und papyrologische Befunde seiner Zeit, um Verwaltung, Kult, Krieg und Alltagsleben anschaulich zu machen. Damit fungiert das Buch als kommentierende Vermittlung einer Epoche, in der königliche Zentralgewalt, Tempelmacht und internationale Beziehungen ineinandergreifen, und macht die überprüfbaren Strukturen des späten Bronzezeit-Ägypten einer breiten Öffentlichkeit zugänglich und erfahrbar.
Bei dem alten hundertthorigen Theben erweitert sich der Nil. Die Höhenzüge, welche den Strom zu beiden Seiten begleiten, nehmen hier entschiedenere Formen an; einzelne, beinahe kegelförmige Spitzen überragen scharf geschnitten den flachen Rücken des vielfarbigen Kalkgebirges, auf dem keine Palme gedeiht und kein genügsames Wüstenkraut Wurzel zu schlagen vermag. Steinige Spalten und Schluchten führen mehr oder minder tief in das Gebirge hinein, in dessen Rücken sich die allem Lebenden feindliche Wüste mit Sand und Steinen, mit Felsenklippen und öden Hügelriffen ausbreitet.
Hinter den östlichen Bergen reicht die Einöde bis an das rothe Meer, hinter den westlichen ist sie ohne Grenzen wie die Ewigkeit. Nach dem Glauben der Aegypter beginnt das Reich des Todes in ihrem Rücken.
Zwischen diesen beiden Hügelreihen, die wie Wälle und Mauern den Wüstensand abwehren, fließt der volle und frische Nil, Segen und Gedeihen spendend, zugleich der Vater und die Wiege von viel Millionen Existenzen. Er hat aus seinen beiden Ufern die breiten Flächen des schwarzen Fruchtlandes ausgebreitet und in seinen Tiefen tummeln und nähren sich vielgestaltige Bewohner im Schuppen- und Panzerkleide. Auf dem Spiegel des Wassers schwimmen Lotosblumen und in dem Papyrusschilf am Ufer nisten Wasservögel ohne Zahl. Zwischen dem Nil und den Bergen liegen Felder, die nach der Saatzeit in bläulichem Grün schimmern und wenn die Zeit der Ernte naht, wie eitles Gold erglänzen. Bei den Brunnen und Schöpfrädern erheben sich weithin schattende Sykomorenbäume, und Dattelpalmen gesellen sich, sorgsam gepflegt, zu freundlichen Hainen. – Das ebene, alljährlich von der Ueberschwemmung benetzte und gedüngte Fruchtland sticht von dem sandigen Fuße der Berge hinter ihm ab wie die Gartenerde eines Blumenbeets von gelben Kieswegen.
Im vierzehnten Jahrhundert vor Christus, denn wir führen den Leser in so ferne Zeiten zurück, setzte in Theben die Menschenhand an vielen Stellen durch hohe Steindämme und Uferbauten dem austretenden Wasser unübersteigliche Schranken, um die Straßen und Plätze, die Tempel und Paläste der Stadt vor der Ueberflutung zu schützen.
Fest verschließbare Kanäle führten von den Dämmen aus in das Hinterland und kleinere Zweiggräben in die Gärten von Theben.
Am rechten, östlichen Ufer des Nils erhoben sich die Straßen der berühmten Pharaonenresidenz. Hart am Flusse standen die ungeheuren bunten Tempel der Amonsstadt; hinter diesen und in geringerer Entfernung von den östlichen Bergen, ja bis zum Fuße derselben, theils schon auf dem Boden der Wüste, die Paläste der Könige und Großen und die schattigen Gassen, in denen sich die hohen und schmalen Häuser der Bürger eng aneinanderreihten.
Bunt und lebendig war das Treiben in den Straßen der blühenden Pharaonenresidenz.
Am westlichen Nilufer bot sich ein ganz anderes Bild. Auch hier fehlte es keineswegs an stattlichen Bauten und zahlreichen Menschen; aber während jenseits des Flusses eine kompakte Häusermasse sich erhob und die Bürger laut und fröhlich den Geschäften des Tages nachgingen, sah man auf dem diesseitigen Ufer nur große Prachtbauten, an welche sich kleinere Häuser und Hütten drängten, wie Kinder, die sich an die schützende Mutter schmiegen. Unvermittelt lagen diese Gebäudegruppen neben einander.
Wer den Berg bestieg und schaute zu ihnen hernieder, der empfing den Eindruck, als läge unter ihm eine große Zahl von engbenachbarten Dörfern mit stattlichen Herrenhäusern; wer von der Ebene aus zu dem östlichen Abhange der westlichen Berge hinaufschaute, der entdeckte hier Hunderte von verschlossenen, bald einzeln, bald in Reihen nebeneinander liegenden Thoren, von denen viele am Fuße der Hügel, noch zahlreichere in ihrer Mitte, aber auch einige in beträchtlicher Höhe gelegen waren.
Und wie wenig gleich sah das gemessene, fast feierliche Leben auf den Straßen hier, dem muntern und wirren Getreibe dort! Drüben, auf dem rechten Stromesufer war Alles in heftiger Bewegung bei der Arbeit und Erholung, in Lust und Schmerz, bei der That und Rede; hier auf dem linken wurde wenig gesprochen, schien ein Zauber die Schritte der Wanderer zu hemmen, eine blasse Hand den frohen Blick jeden Auges zu trüben und das Lächeln von jedem Munde zu bannen.
Und doch landete hier manche glänzend geschmückte Barke, fehlte es nicht an singenden Chören, zogen große Festzüge dem Westberge entgegen. Aber die Nilschiffe trugen Todte, die hier ertönenden Lieder waren Klagegesänge und die Festzüge bestanden aus den dem Sarkophage folgenden Leidtragenden.
Wir befinden uns auf dem Boden der Todtenstadt von Theben.
Immerhin fehlte es auch in dieser keineswegs an Verkehr und Leben, denn dem Aegypter starben seine Todten nicht. Er drückte ihnen die Augen zu, er führte sie in die Nekropole, in das Haus des Balsamirers oder Kolchyten[1] und in die Gruft; aber er wußte, daß die Seele des Verstorbenen fortleben, daß sie gerechtfertigt als Osiris in der Sonnenbarke den Himmel befahren und in jeder Gestalt, die sie anzunehmen wünsche, auf Erden erscheinen und in den Lauf des Daseins der Hinterbliebenen eingreifen dürfe. Darum sorgte er für eine würdige Bestattung seiner Todten, vor Allem aber für eine dauerhafte Balsamirung der Leiche und für zu bestimmten Zeiten zu erneuernde Todtenopfer an Fleisch und Geflügel, Getränken und wohlriechenden Essenzen, Gemüsen und Blumen.
Weder bei der Bestattung, noch bei den Darbringungen durften die Diener der Gottheit fehlen und die stille Todtenstadt galt für die günstigste Stätte, für die Anlage von Schulen und Gelehrtenwohnungen.
So kam es, daß in den Tempeln, auf dem Boden der Nekropolis große Priestergenossenschaften beisammen wohnten und in der Nähe der ausgedehnten Balsamirungshäuser zahlreiche Kolchyten, deren Geschäft sich vom Vater auf den Sohn vererbte, ihre Häuser hatten.
Außerdem fehlte es nicht an Fabriken und Verkaufsstätten. In diesen wurden Sarkophage von Stein und Holz, Leinwandbinden zur Umwicklung der Mumien und Amulete für die Ausstattung der letzteren verfertigt, in jenen hielten Kaufleute Spezereien und Essenzen, Blumen, Früchte, Gemüse und Backwerk feil. Rinder, Gazellen, Ziegen, Gänse und anderes Geflügel wurden auf eingehegten Weideplätzen gefüttert und die Leidtragenden begaben sich hierher, um sich unter den von den Priestern für rein erklärten Exemplaren die Opferthiere, deren sie bedurften, auszusuchen und mit dem heiligen Siegel versehen zu lassen. Viele kauften bei den Schlachtbänken nur einzelne Fleischstücke. – Die Armen blieben dieser Stätte fern. Sie erstanden nur buntes Gebäck in Thiergestalt, das die theuren Rinder und Gänse, die ihnen zu erwerben ihre Mittel untersagten, symbolisch zu vertreten hatte. In den stattlichsten Läden saßen priesterliche Diener, welche Bestellungen auf Papyrusrollen annahmen, die man in den Schreibstuben der Tempel mit jenen heiligen Texten versah, welche die Seele der Verstorbenen zu wissen und zu sagen hatte, um die Genien der Tiefe abzuwehren, die Thore der Unterwelt zu öffnen und vor Osiris und den zweiundvierzig Beisitzern des unterirdischen Gerichtshofs gerecht befunden zu werden.
Was in den Tempeln vor sich ging, entzog sich den Blicken, denn ein jeder ward von einer hohen Umfassungsmauer umgeben, deren sorgfältig verschlossene, stattliche Hauptthore sich nur öffneten, wenn in der Morgenfrühe und am Abend ein Priesterchor in's Freie trat, um dem als Horus aufsteigenden und als Tum niedergehenden Gotte fromme Hymnen zu singen1.
Sobald das Abendlied der Priester verklang, leerte sich die Nekropole, denn alle Leidtragenden und Besucher der Grüfte waren gehalten, nunmehr die Boote zu besteigen und die Todtenstadt zu verlassen. Große Menschenmengen, die in feierlichen Aufzügen das Westufer von Theben betreten hatten, eilten ohne Ordnung an den Fluß, von den Wachtmannschaften getrieben, welche abtheilungsweise den Dienst versahen und die Grüfte vor Räubern zu behüten hatten. Die Verkäufer schlossen ihre Buden, die Kolchyten und Arbeiter beendeten ihr Tagewerk und begaben sich in ihre Häuser, die Priester gingen in die Tempel zurück und die Herbergen füllten sich mit Gästen, welche aus der Ferne hieher gepilgert waren und lieber in der Nähe des Verstorbenen, dem ihr Besuch gegolten hatte, als in der geräuschvollen Stadt am jenseitigen Stromesufer zu übernachten wünschten.
Die Stimmen der Sänger und Klageweiber waren verstummt, selbst der Gesang der Matrosen auf den zahlreichen dem Ostufer von Theben zuströmenden Booten verhallte nach und nach, der Abendwind trug nur noch vereinzelte Töne herüber und endlich schwieg Alles.
Ein wolkenloser Himmel breitete sich über die schweigende Todtenstadt, nur zuweilen verfinstert von leichten Schatten, den in ihre Grüfte und Felsenspalten heimkehrenden Fledermäusen, die allabendlich zum Nil fliegen, um dort Mücken zu jagen, zu trinken und sich so zu ihrem lichtscheuen Tagesschlafe zu stärken. Dann und wann glitten schwarze Gestalten mit langen Schatten über den hellen Boden hin, die Schakale, welche zu dieser Stunde ihren Durst am Stromesufer zu löschen pflegten und sich oft schaarenweis und mit geringer Scheu in der Nähe der Gänsehürden und Ziegenställe zeigten.
Es war verboten, diese nächtlichen Räuber zu jagen, denn sie galten als heilige Thiere des Gottes Anubis, des Wächters der Gräber2. und zeigten sich wenig gefährlich, denn sie fanden reichliche Nahrung in den Gräbern.
Die auf den Opferaltären niedergelegten Fleischstücke wurden von ihnen verzehrt; zur Genugthuung der Spendenden, welche, wenn sich das dargebrachte Fleisch am folgenden Tage nicht mehr vorfand, glaubten, es sei von den Unterirdischen für gut befunden und angenommen worden. Auch zeigten sie sich als zuverlässige Wächter, denn sie wurden zu gefährlichen Feinden eines jeden Unberufenen, der unter dem Schutze des Dunkels der Nacht in eine Gruft zu dringen versuchte.
Auch an demjenigen Sommerabende des Jahres 1352, an dem wir den Leser ersuchen, die Todtenstadt von Theben mit uns zu betreten, wurde es, nachdem der priesterliche Abendhymnus verklungen war, still in der Nekropole.
Schon wollten die wachthabenden Soldaten von ihrem ersten Untersuchungsgange heimkehren, als plötzlich ein Hund im Norden der Todtenstadt laut anschlug. Bald folgte ein zweiter, dritter und vierter. Der Wachthauptmann rief seinen Leuten ein »Halt« zu und befahl ihnen, als sich das Gebell weiter und weiter verbreitete und mit jeder Minute an Heftigkeit zunahm, gen Mitternacht zu marschiren.
Die kleine Schaar hatte den hohen Damm erreicht, welcher das Westufer eines vom Nil abgezweigten Kanals begrenzte, und übersah von hier aus das Fruchtland bis zum Flusse und dem Norden der Nekropole. Noch einmal ward »Halt« kommandirt und als die Soldaten in derjenigen Richtung, in welcher die Hunde am heftigsten bellten, den Schein von Fackeln wahrnahmen, eilten sie vorwärts und erreichten bei den Pylonen[2] Pylonen3 des von SetiI., dem verstorbenen Vater des regierenden Königs, RamsesII., erbauten Tempels die Ruhestörer.
Der Mond war aufgegangen und goß sein blasses Licht über das stattliche Bauwerk, dessen Außenmauern von den mit dunklem Rauch überwehten Flammen der Fackeln in den Händen von schwarzen Dienern röthlich strahlten.
Ein untersetzter Mann in überladen reicher Kleidung pochte mit dem metallenen Griffe einer Geißel so heftig an das mit Erz bekleidete Tempelthor, daß die Schläge weithin durch die Nacht schallten. In seiner Nähe hielt eine Sänfte und ein mit edlen Rossen bespannter Wagen. In jener saß ein junges Weib und in diesem stand neben ihrem Rosselenker die hohe Gestalt einer vornehmen Frau. Mehrere den bevorzugten Ständen angehörende Männer und viele Diener umgaben das Fuhrwerk und die Sänfte. Nur wenige Worte wurden gewechselt. Die Aufmerksamkeit der seltsam beleuchteten Gruppe schien auf das Tempelthor gerichtet zu sein. Die Nacht verhüllte die Züge der Einzelnen, aber das mit dem Mondschein vermählte Licht der Fackeln war hell genug, um dem Pförtner, der von einem Thurme des Pylon auf die Ruhestörer herniederschaute, zu verrathen, daß sie den vornehmsten Ständen, ja vielleicht der königlichen Familie angehörten.
Mit lauter Stimme rief er dem Klopfer zu und fragte nach seinem Begehr.
Der Letztere schaute aufwärts und rief mit einer Stimme, deren verletzend herrischer Ton die Ruhe der Todtenstadt so roh und plötzlich unterbrach, daß sich die Frau in der Sänfte erschrocken aufrichtete:
»Wie lange sollen wir hier auf Dich warten, fauler Hund? Erst komme herunter und öffne das Thor und dann frage! Wenn die Fackeln nicht hell genug brennen, um Dir zu zeigen, wer hier wartet, so wird Dir meine Peitsche auf den Rücken schreiben, wer wir sind und wie man fürstliche Gäste aufnimmt!«
Während der Pförtner eine unverständliche Entgegnung murmelte und die Treppe hinabstieg um das Thor zu öffnen, wandte sich die Frau auf dem Wagen ihrem ungeduldigen Gefährten zu und sagte mit wohllautender, aber entschieden klingender Stimme; »Du vergißt, Paaker, daß Du wieder in Aegypten bist und es hier nicht mit wilden Schasu, sondern mit freundlichen Priestern zu thun hast, von denen wir noch dazu einen Dienst zu erbitten haben. Man klagt auch sonst über Deine Rauhheit, die mir in den ungewöhnlichen Verhältnissen, unter denen wir uns diesem Heiligthume nahen, am wenigsten angebracht zu sein scheint.«–
Obgleich diese Worte mehr im Tone des Bedauerns als in dem des Tadels gesprochen worden waren, so verletzten sie doch die Empfindlichkeit des Angeredeten, denn die Flügel seiner breiten Nase begannen sich heftig zu bewegen, seine Rechte schloß sich fest um den Griff der Geißel und während er sich demüthig zu verneigen schien, führte er einen so kräftigen Schlag auf die nackten Beine seines neben ihm stehenden Sklaven, eines alten Aethiopiers, daß dieser wie von Frost geschüttelt zusammenfuhr, dabei aber, denn er kannte seinen Herrn, keinen Klagelaut vernehmen ließ.
Indessen hatte der Pförtner das Thor geöffnet und zugleich mit ihm trat ein junger hochgestellter Priester in's Freie, um sich nach dem Begehr der Ruhestörer zu erkundigen.
Paaker wollte wiederum das Wort ergreifen, die auf dem Wagen stehende Frau kam ihm aber zuvor und sagte. »Ich bin Bent-Anat, die Tochter des Königs und diese Frau in der Sänfte ist Nefert, die Gattin des edlen Mena, des Rosselenkers meines Vaters. Wir begaben uns in Begleitung dieser Großen in das Nordwestthal der Nekropole, um die neuen Arbeiten zu besichtigen. Du kennst die schmale Felsenpforte, welche in die Schlucht führt. Auf dem Heimwege führte ich selbst die Zügel und hatte das Unglück, ein Mädchen, das mit einem Korbe voll Blumen am Wege saß, zu überfahren und dabei zu beschädigen; recht schlimm zu beschädigen fürcht' ich. Die Gattin des Mena hat die Kleine erst mit eigenen Händen verbunden, dann ließen wir sie in das Haus ihres Vaters schaffen, eines Paraschiten, Pinem soll er heißen; ich weiß nicht, ob Du ihn kennst.«
»Du hast seine Hütte betreten, Prinzessin?« sagte der Priester.
»Ich mußte ja, heiliger Vater,« gab sie zurück. »Zwar weiß ich, daß man sich verunreinigt, wenn man die Schwelle dieser Leute betritt, aber...«
»Aber,« rief die Gattin des Mena, sich in ihrer Sänfte aufrichtend, »Bent-Anat kann sich heute von Dir oder von ihrem Hauspriester reinigen lassen, dem armen Vater wird sie indessen schwer, vielleicht auch niemals ein gesundes Kind wiederzugeben vermögen.«
»Doch bleibt eine Paraschitenhöhle bei alledem unrein,« unterbrach der Kammerherr Penbesa, der Prinzessin Ceremonienmeister, die Gattin des Mena, »und ich habe mein Bedenken nicht zurückgehalten, als Bent-Anat ihren Willen, das verfluchte Nest in eigener Person zu betreten, zu erkennen gab. Ich schlug vor,« fuhr er zu dem Priester gewendet fort, »das Mädchen nach Hause tragen zu lassen und dem Vater ein königliches Geschenk zu übersenden.«
»Und die Prinzessin?« fragte der Priester.
»Sie handelte wie immer nach ihrem eigenen höchsten Willen,« gab der Ceremonienmeister zurück.
»Und der trifft stets das Rechte,« rief die Gattin des Mena.
»Wollten doch die Götter, es wäre so!« sagte die Prinzessin mit gedämpfter Stimme. Dann fuhr sie, indem sie sich an den Priester wandte, fort; »Du kennst den Willen der Himmlischen und die Herzen der Menschen, heiliger Vater, und ich bin mir bewußt, daß ich gern gebe und den Armen helfe, auch wenn sie keine anderen Fürsprecher haben, als ihre Armuth. Aber nach dem, was hier geschehen ist und diesen unglücklichen Menschen gegenüber war ich die Bedürftige.«
»Du?« fragte der Kammerherr.
»Ja, ich!« antwortete die Prinzessin entschieden.
Der Priester, welcher bisher ein stummer Zeuge dieser Verhandlung geblieben war, erhob nun wie zum Segen seine Rechte und sagte.
»Du hast recht gehandelt. Die Hathoren4bildeten Dein Herz und die Herrin der Wahrheit lenkt es. Gewiß störtet ihr unsere Nachtgebete, um uns um einen Arzt für das verwundete Mädchen zu bitten?«
»Du sagst es!«
»Ich werde den Oberpriester um die besten Heilkünstler für äußere Verletzungen bitten und sie sogleich zu der Kranken senden. Aber wo befindet sich das Haus des Paraschiten Pinem? Ich kenne ihn nicht.«
»Nördlich von dem Terrassenbau der Hatasu, dicht bei...; aber ich gebe einem meiner Begleiter den Auftrag, die Aerzte zu führen. Es liegt mir ohnehin daran, morgen früh zu erfahren, wie es der Kranken geht. – Paaker!«
Der Gerufene, der rohe Klopfer, welchen wir bereits kennen, verbeugte sich mit herabhängenden Armen bis zur Erde und fragte;
»Was befiehlst Du?«
»Ich bestimme Dich zum Führer der Aerzte,« sagte die Prinzessin. »Dem Wegeführer des Königs wird es leicht sein, das versteckte Häuschen wieder zu finden; auch bist Du mein Mitschuldiger, denn,« und hiebei wandte sie sich an den Priester, »denn, daß ich's nur gestehe, das Unglück geschah, als ich mit meinen Rossen Paaker's syrische Renner, die er für schneller als die ägyptischen ausgab, zu überholen versuchte. Es war ein wildes Jagen.«–
»Und Amon sei gelobt, daß es so ablief,« rief der Ceremonienmeister. – »Paaker's Wagen liegt zerschellt in dem engen Thale und sein bestes Pferd ist schwer verwundet.«–
»Er wird, wenn er den Arzt zu dem Paraschiten geführt hat, nach ihm sehen wollen,« sagte die Prinzessin. »Weißt Du, Penbesa, Du sorgsamer Hüter eines unbesonnenen Mädchens, daß ich mich heute zum ersten Male freue, daß der Vater im fernen Satilande Krieg führt?«
»Er würde uns wenig freundlich empfangen haben,« lächelte der Ceremonienmeister.
»Aber die Aerzte, die Aerzte!« rief Bent-Anat. »Paaker, es bleibt dabei, Du führst sie und bringst uns morgen Nachricht über das Befinden der Kranken.«
Paaker verneigte sich; die Prinzessin winkte, der Priester und seine inzwischen aus dem Heiligthum hervorgetretenen Genossen erhoben segnend die Hände und der nächtliche Zug bewegte sich dem Nil entgegen.
Paaker blieb allein mit seinen beiden Sklaven zurück. Der Auftrag, den die Prinzessin ihm gegeben, verdroß ihn. So lange der Mondschein die Sänfte mit der Gattin des Mena zu unterscheiden gestattete, schaute er ihr nach, dann versuchte er die Lage des Hauses des Paraschiten in sein Gedächtniß zurückzurufen. Der Hauptmann der Sicherheitswache hielt noch immer mit seiner Mannschaft am Thore des Tempels.
»Kennst Du die Wohnung des Paraschiten Pinem?« fragte Paaker.
»Was suchst Du bei dem?«
»Das geht Dich nichts an,« herrschte Paaker.
»Grobian!« rief der Hauptmann. »Linksum und vorwärts, ihr Leute!«
»Halt,« rief Paaker ingrimmig, »ich bin der Wegeführer des Königs.«
»Dann wirst Du um so leichter den Ort wiederfinden, von dem Du herkommst. Vorwärts, Soldaten!«
Diesen Worten folgte wie im Echo ein vielstimmiges Gelächter, bei dessen übermüthigen Tönen Paaker so heftig erschrak, daß er seine Geißel zu Boden fallen ließ. Der Sklave, den er vor wenigen Minuten geschlagen hatte, hob sie demütig auf und folgte dann seinem Herrn in den Vorhof des Tempels. Beide schrieben das immer noch leise an ihr Ohr schlagende Gekicher, das die ernste Ruhe der Todtenstadt unheimlich störte und dessen Urheber sie nicht zu erspähen vermochten, ruhelosen Geistern zu. Aber auch dem alten Thorhüter waren die übermütigen Töne nicht entgangen und ihm waren die Lacher besser bekannt als dem Wegeführer des Königs, denn kräftigen Schrittes trat er vor das Thor des Heiligthums und rief, dem tiefen Schlagschatten des Pylons folgend und mit seinem langen Stocke blindlings vor sich herschlagend;
»O, ihr nichtswürdige Brut des Seth,5 ihr Galgenvögel und Höllenbraten, ich werde euch!« Da verstummte das Gekicher, einige jugendliche Gestalten traten in den Mondschein, der Alte verfolgte sie keuchend und nach einer kurzen Jagd eilte eine Schaar von halb erwachsenen Knaben durch die Tempelpforte in das Thor zurück.
Dem Wächter war es gelungen, einen dreizehnjährigen Uebelthäter zu fangen und er hielt ihn so fest am Ohr, daß sein hübscher Kopf in horizontaler Richtung an den Hals gewachsen zu sein schien.
»Ich zeig's dem Schulvorsteher an, ihr Heuschreckenplage und Fledermausgesindel,« rief er schnaubend. Aber das Dutzend Schulknaben, welches die günstige Gelegenheit wahrgenommen hatte und aus seinem Kerker entsprungen war, umschmeichelte ihn freundlich, Worte der Reue klangen aus jedem Munde, aber aus allen Augen blitzte die Lust an dem Geschehenen, das den Thätern doch Niemand nehmen konnte, und als einer der größten Schüler das Kinn des Alten erfaßte und ihm versprach, ihm morgen den Wein, welchen ihm seine Mutter für die folgende Woche schicken werde zur Aufbewahrung zu überlassen, da ließ der Wächter seinen Gefangenen los, der den Schmerz aus seinem glühenden Ohre zu reiben versuchte, und rief noch unfreundlicher als vorher; »Wollt ihr gleich machen, daß ihr fortkommt! Glaubt ihr, ich werde euren Streich so hingehen lassen? Da kennt ihr den alten Baba schlecht genug. Den Göttern werd' ich's klagen, nicht dem Schulvorsteher; und Deinen Wein, Junge, werd' ich opfern, damit euch der Himmel vergebe!«
1 Der Lauf des Tagesgestirns ward mit dem des Menschenlebens verglichen. Als Kind (Horus) ging die Sonne auf, erwuchs in der Mittagszeit zum Helden Ra, für den die Uräusschlange an seinem Diadem kämpfte, und wurde am Abend bei ihrem Niedergange ein Greis (Tum). Aus dem Dunkel war das Licht entstanden; Tum wurde also konsequenterweise für älter erklärt, als Horus und die anderen Lichtgötter
2Der schakalköpfig gebildete Gott Anubis ist der Sohn des Osiris und der Nephthys, der Schakal sein heiliges Thier. Schon in der ältesten Zeit stand er der Unterwelt vor. Er leitet die Mumisirung, erhält die Leichen, behütet die Nekropole und zeigt und eröffnet als Hermes Psychopompos (Hermanubis) den Seelen den Weg. Nach Plutarch soll er »für die Götter wachen, wie die Hunde für die Menschen«
3(Thore) wurden die durch einen Thorbau verbundenen Thürme an den Eingängen der ägyptischen Tempel genannt.
4 Hathor ist Isis in versinnlichter Form. Sie ist die Göttin des reinen lichten Himmels und trägt die Sonnenscheibe zwischen den Rindshörnern auf dem Kuhkopfe oder dem mit Kuhohren versehenen Menschenhaupte. Sie wird die Schöngesichtige genannt und alle reinen Freuden des Lebens sind ihr Geschenk. Später wird sie zur Muse, die mit Fröhlichkeit, Liebe, Sang und Tanz das Leben schmückt. Als gute Fee sehen wir sie an der Wiege der Kinder stehen und das Geschick ihres Lebens bestimmen. Sie trägt viele Namen und es werden mehrere, gewöhnlich sieben Hathoren, welche die Hauptrichtungen ihrer göttlichen Thätigkeit personifiziren, dargestellt.
5 Von den Griechen Typhon genannt. Der Feind des Osiris, des Wahren, Guten und Reinen. Die Disharmonie und Unruhe in der Natur. Der für seinen Vater Osiris gegen ihn kämpfende Horus kann ihn niederwerfen und verstümmeln, aber niemals vernichten.
Der Tempel, in dessen erstem Vorhofe Paaker wartete, und in dem der Priester, um den Arzt zu rufen, verschwunden war, wurde das »Setihaus[3]« genannt und gehörte zu den größten in der Todtenstadt. Nur der Prachtbau aus der Zeit der von dem Großvater des regierenden Königs entthronten Königsfamilie, welchen ThutmesIII. gegründet und dessen Thor AmenophisIII. mit ungeheuren Kolossen1 geschmückt hatte, überbot ihn in Bezug auf die Großartigkeit seiner Anlage; indessen gebührte in jeder andern Hinsicht dem »Setihause« der erste Platz unter den Heiligthümern der Nekropole. RamsesI. hatte es kurz nachdem es ihm gelungen war, sich mit Gewalt des ägyptischen Thrones zu bemächtigen, gegründet und sein großer Sohn Seti den Bau fortgesetzt, in welchem man den Todtenkultus für die Manen der Mitglieder des neuen Königshauses und die hohen, den Göttern der Unterwelt zu feiernden Feste begehen sollte. Große Summen waren für seine Ausstattung, den Unterhalt der Priesterschaft dieses Heiligthums und die Erhaltung der mit ihm verbundenen Institute ausgesetzt worden. Diese letzteren sollten mit den uralten Stätten der Priesterweisheit von Heliopolis und Memphis gleichen Schritt halten, waren nach ihrem Muster eingerichtet und hatten die Aufgabe, die neue oberägyptische Residenzstadt Theben auch in Bezug auf wissenschaftliche Leistungen über die Hauptstädte von Unterägypten zu erheben.
Unter den erwähnten Instituten2 zeichneten sich einige Lehranstalten rühmlich aus. Da war zunächst die hohe Schule, in welcher Priester, Aerzte, Richter, Mathematiker, Astronomen, Grammatiker und andere Gelehrte nicht nur Unterricht genossen, sondern auch, nachdem sie Einlaß in die höchsten Grade der Erkenntniß erworben und die Würde der »Schreiber« erlangt hatten, eine Freistätte fanden, in der sie auf Kosten des Königs ernährt wurden und sich, vor äußeren Sorgen geschützt und im Verkehr mit ebenbürtigen und ähnlichen Interessen ergebenen Mitarbeitern, wissenschaftlichen Forschungen und Spekulationen hingeben konnten.
Eine große Bibliothek, in der Tausende von Schriftrollen aufbewahrt wurden und an die sich eine Papyrusfabrik schloß, stand den Gelehrten zur Verfügung, von denen einige mit dem Unterricht der jüngeren Schüler betraut waren, die in der gleichfalls zum Setihause gehörenden Elementarschule herangebildet wurden. Diese letztere stand jedem Sohne eines freien Bürgers offen und wurde von mehreren hundert Knaben besucht, die hier auch Nachtquartier fanden. Freilich waren die Eltern gehalten, entweder Kostgeld zu zahlen oder die für den Unterhalt der Kinder notwendigen Speisen in die Schule zu senden.
In einem besondern Gebäude wohnten die Tempelpensionäre, einige Söhne der vornehmsten Familien, die hier gegen hohe Entschädigungssummen von den Priestern erzogen wurden.
Seti I., der Gründer dieser Anstalt, hatte seine eigenen Söhne, ja selbst den Thronfolger Ramses in ihr erziehen lassen.
Die Elementarschulen waren stark besucht und der Stock spielte in ihnen eine so große Rolle, daß ein Pädagog der Anstalt den Satz: »Die Ohren des Schülers sind auf seinem Rücken; er hört, wenn man ihn schlägt,« aussprechen konnte.
Diejenigen Jünglinge, welche aus den Elementarklassen in die hohe Schule überzugehen wünschten, hatten sich einem Examen zu unterziehen. War dieses bestanden, so konnte sich der junge Studirende unter den Gelehrten der höheren Grade einen Meister wählen, der seine wissenschaftliche Führung übernahm und dem er sein Leben lang wie der Klient dem Patron ergeben blieb. Durch ein zweites Examen war der Titel eines »Schreibers« und der Eintritt in die öffentlichen Aemter zu erlangen.
Neben diesen Gelehrtenschulen bestand hier auch eine Lehranstalt für Künstler, in welcher diejenigen Jünglinge Unterweisung empfingen, die sich der Baukunst, der Bildhauerei und Malerei zu widmen wünschten. Auch in ihr wählte sich jeder Lehrling seinen Meister.
Alle Lehrer in diesen Anstalten gehörten zu der Priesterschaft des Setitempels, welche aus mehr als achthundert, in fünf Klassen getheilten Mitgliedern bestand, die von drei sogenannten Propheten geleitet wurden.
Der erste Prophet war der Hohepriester des Setihauses und zugleich der Oberste von all' den Tausenden von niederen und höheren Dienern der Gottheit, welche zu der Todtenstadt von Theben gehörten.
Das eigentliche Setihaus war ein Tempel aus massivem Kalkstein. Eine Reihe von Sphinxen führte vom Nil aus zu der Umfassungsmauer und dem ersten breiten Pylon, welcher Einlaß in einen großen, aus zwei Seiten von Säulengängen umgebenen Vorhof gewährte, hinter dem ein zweiter Thorbau sich erhob. Durchschritt man die in ihm zwischen zwei Thürmen in Gestalt von abgestumpften Pyramiden sich erhebende Pforte, so kam man aus einen zweiten, dem ersten gleichenden Vorhof, dessen Rückseite von einer stattlichen Säulenreihe abgeschlossen ward, die zu dem Kern des Tempels gehörte.
Das Innere des letzteren wurde jetzt von einigen Lampen matt erleuchtet.
Hinter dem Setihause erhoben sich große, viereckige Gebäude von Nilziegeln, die aber immerhin einen stattlichen und geschmückten Anblick gewährten, war doch das schlichte Material, aus dem sie bestanden, mit Kalk beworfen und dieser wiederum mit bunten Darstellungen und hieroglyphischen Inschriften bemalt.
Die innere Anordnung all' dieser Häuser war die gleiche. In der Mitte befand sich ein unbedeckter Hof, in den die Thüren der Zimmer der Priester und Gelehrten mündeten. An jeder Seite eines solchen Hofes war ein schattenspendender bedachter Säulengang von Holz angebracht und in seiner Mitte ein mit Zierpflanzen geschmückter Wasserbehälter. In dem obern Stockwerke befanden sich die Wohnungen der Schüler, während der Unterricht selbst in den gepflasterten und mit Matten belegten Höfen abgehalten zu werden pflegte.
Besonders stattlich und durch wehende Fahnen ausgezeichnet war das zwischen einem wohlgepflegten Haine und einem klaren Teiche, dem heiligen See des Tempels, etwa hundert Schritt hinter dem Setihause gelegene Haus der obersten der Propheten, welche indessen nur um ihres Amtes zu warten hieher kamen, während die stattlichen Häuser, die sie mit Weib und Kind bewohnten, im eigentlichen Theben am jenseitigen Ufer des Stromes gelegen waren.
Der späte Besuch des Tempels konnte in der priesterlichen Gelehrtenkolonie nicht unbemerkt bleiben. Wie die Ameisen, wenn eine Menschenhand in ihren Haufen stößt, unruhig hin und her laufen, so hatte eine ungewöhnliche Bewegung nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer und Priester ergriffen. Gruppenweis näherten sie sich der Umfassungsmauer, Fragen wurden gestellt und Vermuthungen geäußert. Eine Botschaft des Königs sollte angelangt, die Prinzessin Bent-Anat von Kolchyten überfallen worden sein, und ein Schalk unter den ausgebrochenen Knaben erzählte, der Wegeführer des Königs, Paaker, sei gewaltsam in den Tempel gebracht worden, um hier besser schreiben zu lernen. Da der also Verspottete ein früherer Zögling des Setihauses war und noch manche ergötzliche Kunde von seinen stylistischen Verbrechen im Munde der späteren Knabengenerationen fortlebte, so erntete diese Nachricht fröhlichen Beifall und schien, so widersinnig sie war, denn Paaker bekleidete einen der höchsten Posten im Felddienste des Königs, einen Schimmer von Wahrscheinlichkeit zu gewinnen, als ein ernster junger Priester versicherte, den Wegeführer im ersten Vorhofe des Tempels gesehen zu haben.
Das lebhafte Hin und Her, das Lachen und Jauchzen der Knaben in so ungewöhnlicher Stunde blieb auch von dem Oberpriester nicht unbemerkt.
Dieser ungewöhnliche, einem alten und edlen Hause entstammende Prälat, Ameni, der Sohn des Nebket, war weit mehr als der unbeschränkte Leiter der Tempelgenossenschaft, der er mit Kraft und Weisheit vorstand, denn die Priesterkollegien des ganzen Landes erkannten seine Ueberlegenheit an, verlangten in schwierigen Fällen seinen Rath und widersprachen nicht den von dem Setihause, das heißt von Ameni ausgehenden Anordnungen in geistlichen Dingen. Man sah in ihm die Verkörperung der priesterlichen Idee, und wenn er zu Zeiten an die einzelnen Kollegien schwierige, ja befremdliche Anforderungen stellte, so fügte man sich ihnen, weil die Erfahrung gelehrt hatte, daß auch die verschlungenen Wege, die er zu wandeln gebot, immer nur dem einen Ziele zustrebten, die Macht und das Ansehen der Hierarchie zu erhöhen. Auch der König schätzte diesen seltenen Mann und hatte längst versucht, ihn als Siegelbewahrer an den Hof zu ziehen. Ameni aber war nicht zu bewegen gewesen, seine scheinbar bescheidene Stellung aufzugeben, denn er verachtete äußeren Glanz und prunkende Titel, wagte es zu Zeiten den Maßregeln des »Großhauses« »Großhaus«,3 entschiedenen Widerstand entgegenzusetzen und war nicht gewillt, die unbedingte Leitung der Geister für die bedingte Herrschaft über ihm kleinlich erscheinende äußere Angelegenheiten im Dienste des nur zu selbständigen, schwer zu beeinflussenden Pharao aufzugeben.
Regelmäßig in seinen Lebensgewohnheiten ordnete er sein Dasein in ungewöhnlicher Weise.
Acht von je zehn Tagen verblieb er in dem ihm anvertrauten Tempel, zwei von ihnen widmete er seiner am jenseitigen Nilufer wohnenden Familie; aber er ließ Niemand, selbst nicht die Seinigen, wissen, welchen Abschnitt der erwähnten zehn Tage er seiner Erholung zu weihen gedenke. Er bedurfte nur vier Stunden Schlaf. Diese genoß er gewöhnlich in einem von keinem Geräusch zu erreichenden, tief zu verdunkelnden Gemach um die Mittagszeit, niemals in der Nacht, deren Kühlung und Ruhe seiner Arbeitskraft förderlich schien und in der er sich zu Zeiten dem Studium des gestirnten Himmels hingeben konnte.
Allen Ceremonien, die sein Stand von ihm forderte: den Waschungen, Reinigungen, Scheerungen und Fasten unterzog er sich mit peinlicher Strenge und sein äußeres entsprach seinem inneren Wesen.
Ameni stand im Anfang der fünfziger Jahre, seine Gestalt war hoch und entbehrte gänzlich jener Fülle, der die Orientalen in diesem Alter anheimzufallen pflegen. Die Form seines glatt rasirten Schädels war ebenmäßig und bildete ein längliches Oval. Seine Stirn war weder breit noch hoch, aber sein Profil von seltener Feinheit. Auffallend waren die schmalen, trockenen Lippen seines Mundes und die gewaltigen Augen, die unter dichten Augenbrauen weder feurig noch prächtig glänzten, sondern gewöhnlich zu Boden schauten, aber groß, klar und leidenschaftslos sich langsam erhoben, wenn es zu sehen und zu prüfen galt.
Der junge Pentaur, der Dichter des Setihauses, der diese Augen kannte, hatte sie besungen und von ihnen gesagt, sie glichen den gut geführten Heeren, die der Feldherr vor und nach dem Kampfe ruhen lasse, damit sie mit voller Kraft siegesgewiß in die Schlacht treten könnten.
Die vornehme Gemessenheit seines Wesens war ebenso königlich als priesterlich, denn theils war sie ihm ureigen und angeboren, theils eine Folge der geistigen Beherrschung seiner selbst. An Feinden fehlte es ihm nicht, aber die Verleumdung wagte sich selten an Ameni's überlegene Natur.
Jetzt blickte der Oberpriester erstaunt über die ihn störende Unruhe in den Höfen des Heiligthums von seiner Arbeit auf.
Das Gemach, in dem er sich befand, war sehr geräumig und kühl. Der untere Theil der Wände war mit Fayencekacheln belegt, der obere mit Stuck beworfen und bemalt. Aber man sah wenig von den bunten Meisterwerken der Künstler des Institutes, denn fast überall wurden sie von hölzernen Repositorien bedeckt, in denen Schriftrollen und Wachstafeln lagen. Ein großer Tisch, ein mit Pantherfell bezogenes hohes Sopha, vor dem eine Fußbank und auf welcher eine halbmondförmige Kopfstütze4 von Elfenbein stand, mehrere Stühle, ein Gestell mit Becken und Kannen und ein anderes mit Flaschen in jeder Größe, Schalen und Büchsen bildeten die Ausstattung des Saales, der von drei mit Kikiöl gefüllten Lampen in Vogelgestalt erleuchtet wurde.
Ameni trug einen fein gefältelten Rock von schneeweißer Leinwand, der ihm bis an die Knöchel reichte. Um seine Hüften schlang sich eine mit Fransen verzierte Schärpe, welche vorn zusammengeschürzt war und deren breite, stark gesteifte Enden bis auf seine Kniee reichten.. Ein breites Tragband von weißem Silberbrokat hielt den Faltenrock. Von dem Halse des Priesters hing bis tief auf seine nackte Brust herab ein aus Perlen und Steinen zusammengesetztes, mehr als eine Spanne breites Halsband und an seinen Oberarmen glänzten große goldene Armbänder. Er erhob sich von dem löwenfüßigen Ebenholzstuhle, auf dem er saß, und winkte einem der an einer Wand seines Wohngemaches kauernden Diener. Dieser verstand auch ohne Worte das Verlangen seines Herrn, setzte behutsam und schweigend eine lange und dichte Lockenperrücke5 auf den kahlen Schädel desselben und hängte ein Pantherfell, dessen Kopf und Krallen mit Goldblech überzogen waren, um seine Schultern. Ein zweiter Diener hielt Ameni einen Metallspiegel hin, in welchen er, das Fell und den Hauptschmuck zurechtrückend, einen aufmerksamen Blick warf.
Eben wollte ein dritter Sklave dem Prälaten den Krummstab, das Zeichen seiner hohen Würde, überreichen, als ein Priester eintrat und den Schreiber Pentaur meldete.
Ameni winkte und derselbe junge Geistliche, mit welchem die Prinzessin Bent-Anat an dem Thore des Tempels verhandelt hatte, betrat das Gemach.
Pentaur küßte knieend die Hand des Prälaten, der, indem er ihn segnete, mit wohlklingender Stimme und in so dialektloser und gut stylisirter Sprache, als läse er ein Buch vor, sagte: »Steh' auf, mein Sohn. Dein Erscheinen wird mir einen Gang in dieser unfrühen Stunde ersparen, wenn Du mir mittheilen kannst, was die Schüler in unserem Tempel beunruhigt. Rede!«
»Es ist wenig Bemerkenswertes vorgefallen, heiliger Vater,« gab Pentaur zurück, »ja ich würde Dich jetzt kaum gestört haben, wenn sich nicht unter den Schülern ein ganz unbegründeter Lärm erhoben hätte und die Prinzessin Bent-Anat nicht in eigener Person erschienen wäre, um uns um einen Arzt zu bitten. Die ungewöhnliche Stunde und das Gefolge, mit dem sie erschien...«
»Ist die Tochter des Pharao erkrankt?« fragte der Prälat.
»Nein, mein Vater. Sie ist wohl bis zum Uebermuthe, denn als sie die Schnelligkeit ihrer Rosse prüfen wollte, überfuhr sie die Tochter des Paraschiten Pinem. Edelherzig wie sie ist, brachte sie das schwerbeschädigte Mädchen in eigener Person nach Hause.«
»Sie betrat die Hütte des Unreinen?«
»Du sagst es.«
»Und sie bittet nun, daß wir sie reinigen?«
»Ich glaubte sie freisprechen zu dürfen, Vater, denn die reinste Menschenliebe bewog sie zu einer Handlung, die freilich gegen die Sitte verstößt, aber...«
» Aber?« fragte der Prälat mit ernster Stimme und seine Augen, welche bis dahin gesenkt geblieben waren, begannen sich zu erheben.
»Aber,« fuhr der junge Priester, seinerseits den Blick senkend, fort, »aber doch kein Verbrechen sein kann. Wenn Ra in seiner goldenen Barke den Himmel befährt, dann bescheint sein Licht nicht früher und nicht reicher den Palast des Pharao als die Hütte des Geächteten, und sollte denn das schwache Menschenherz sein holdes Licht, die Gnade, dem Niedrigen vorenthalten, weil er elend ist?«
»Ich höre den Dichter Pentaur reden,« sagte der Prälat, »nicht den Priester, dem die Gnade zu Teil ward, in die höchsten Grade des Wissens eingeführt zu werden, und den ich meinen Bruder nenne und meines gleichen. Nichts hab' ich vor Dir voraus, Jüngling, als hinfällige Kenntnisse, die die Vergangenheit für Dich erworben hat, wie für mich, als einige Wahrnehmungen und Erfahrungen, die der Welt nichts Neues bringen, wohl aber lehren, wie man das Alte lebensfähig und wirksam zu erhalten habe. Dasselbe, was Du vor wenigen Wochen gelobtest, das habe ich vor vielen Jahren im Angesicht des Allerheiligen beschworen. Das Wissen zu hüten als der Eingeweihten ausschließliches Eigentum. Denn es gleicht einem Feuer, das den Vorbereiteten zu edlen Zwecken dient, das aber in den Händen eines Kindes, – und das Volk, die Menge, kann niemals zum Manne reifen, – zum vernichtenden Brande werden, wütend und unauslöschbar um sich fressen und Alles vernichten würde, was die Vergangenheit erbaut und geschmückt hat. Wie aber können wir die Wissenden bleiben und die Erkenntniß, ohne die Schwachen zu gefährden und zu ihrem Frommen, unter dem Schutze und im Frieden unserer Tempel vertiefen und fortentwickeln? Du weißt es und hast nach diesem Wissen zu handeln geschworen! Die Menge festzuhalten an dem Glauben und den Satzungen der Väter ist Deine, ist jedes Priesters Pflicht. Die Zeiten haben sich geändert, mein Sohn. Unter den alten Königen war das Feuer, von dem ich zu Dir, dem Richter, im Bilde sprach, von ehernen Mauern umgeben, an denen die Menge stumpf vorüberging. Jetzt sehe ich Risse in den alten Schranken, und die Augen der ungeweihten Sinnenmenschen haben sich verschärft, und der Eine erzählt dem Andern, was er, halb geblendet durch die glühenden Spalten, erspäht zu haben meint.«
Ein leise Bewegung hatte sich der Stimme des Redners bemächtigt und indem er mit seinen gewaltigen Augen den Dichter gebannt hielt, fuhr er fort: »Wir fluchen und wir stoßen aus einen jeden Geweihten, der diese Risse erweitert, wir strafen auch den Freund, der es lässig versäumt, sie mit Erz und Hammerschlägen zu verschließen.«
»Mein Vater!« rief Pentaur und warf betroffen den Kopf zurück, während ihm das Blut in die Wangen stieg.
Der Oberpriester trat ihm näher und legte beide Hände auf seine Schultern.
Beide waren von gleicher Größe und von gleich vollendetem Ebenmaße der Gestalt, und selbst die äußere Form der Züge ihres Antlitzes glich einander. Dennoch würde sie Niemand auch nur für entfernte Verwandte gehalten haben, denn der Ausdruck ihrer Gesichter war unendlich verschieden. In den Zügen des Einen spiegelte sich der Wille und die Kraft, das Leben und sich selbst kühl und ernst zu beherrschen, in denen des Andern das liebenswürdige Verlangen, die Mängel und Noth der Welt zu übersehen und das Leben so zu betrachten, wie es sich in dem Alles verschönernden Zauberspiegel seiner Dichterseele malte. Frische und Freudigkeit sprachen aus seinen glänzenden Augen, aber das feine Lächeln an seinem Mund beim Austausche von Gedanken, oder wenn sein Gemüth erregt war, lehrte, daß Pentaur, weit entfernt von naiver Sorglosigkeit, manchen schweren Seelenkampf bestanden und den Trank des Zweifels gekostet habe.
In diesem Augenblicke regten sich wechselnde Empfindungen in seiner Seele. Es war ihm, als müsse er dem Gehörten widersprechen, und doch übte des Andern gewaltige Persönlichkeit einen so tiefen Einfluß auf seine zum Gehorsam erzogene Seele, daß er schwieg und ein frommer Schauer ihn durchzuckte, als Ameni's Hände seine Schultern berührten.
»Ich tadle Dich,« sagte der Oberpriester, indem er den Jüngling noch immer festhielt, »ja ich muß Dich strafen zu meinem Schmerze; und doch–« und nun erst trat er von ihm zurück und ergriff seine Rechte, »und doch freue ich mich dieser Notwendigkeit, denn ich liebe Dich und ehre Dich als Einen, den der Unaussprechliche mit hohen Gaben gesegnet und zu großen Dingen bestimmt hat. Das Unkraut läßt man wachsen oder jätet es aus, aber Du bist ein edler Baum und ich gleiche dem Gärtner, der ihn mit dem Stabe zu versehen vergaß und der nun dankbar ist, daß er eine Krümmung an ihm wahrnimmt, die ihn an seine Versäumniß mahnt. Du siehst mich fragend an und ich lese in Deinen Zügen, daß Du mich für einen überstrengen Richter hältst. Was ist Dir vorzuwerfen? Du hast geduldet, daß an einer Satzung der Vorzeit gerührt worden ist. – Das will, so denkt der kurzsichtige und leichte Sinn, nicht viel heißen; ich aber sage Dir: Du hast Dich doppelt vergangen, denn die Uebertreterin war die Tochter des Königs, auf welche Jedermann sieht, die Großen wie die Kleinen, und deren Thaten dem Volke zum Vorbilde dienen sollen. Wenn die Berührung des von der alten Satzung mit dem schwersten Makel Behafteten die Höchste nicht verunreinigt, wen dann? In wenigen Tagen wird es heißen: die Paraschiten sind Menschen wie wir und das alte Gesetz, sie zu meiden, war Thorheit. Und sollten die Erwägungen des Volkes hiebei stehen bleiben, da es ihm doch so nahe liegt, sich zu sagen, daß wer in einem Punkte irrte, auch in anderen fehlbar sei? Bei Fragen des Glaubens, mein Sohn, gibt es nichts Kleines. Ueberläßt Du dem Feinde einen Thurm, so ist die ganze Festung in seiner Hand! In dieser unruhigen Zeit steht unsere Lehre wie ein Wagen, unter dessen Rädern ein Stein liegt, auf dem Abhange eines Berges. Ein Kind nimmt das Hinderniß fort und das Fuhrwerk rollt zu Thale und zerschmettert. Stelle Dir vor, die Prinzessin sei dieses Kind und der Stein unter dem Rade ein Brod, und sie wollte es einem Bettler reichen, um ihn zu speisen. Würdest Du sie gewähren lassen, wenn Dein Vater und Deine Mutter und Alles, was Dir lieb ist und werth, auf dem Wagen stünde? Keine Entgegnung. Die Prinzessin wird morgen den Paraschiten von Neuem besuchen. Du erwartest sie in der Hütte des Mannes und wirst ihr dort verkünden, daß sie sich vergangen habe und unserer Reinigung bedürfe. Für dießmal sei Dir jede weitere Strafe geschenkt. Der Himmel gab Dir einen reichen Geist. Erwirb Dir, was Dir fehlte: die Kraft für Eines – und Du kennst dieses Eine – alles Andere zu unterdrücken, selbst die verführerische Stimme des Herzens und die betrügliche Deiner Einsicht. – Noch Eins! Sende Aerzte in das Hans des Paraschiten und befiehl ihnen, die Verwundete so zu behandeln, als wäre sie die Königin selbst. Wer kennt die Wohnung des Mannes?«
»Die Prinzessin,« antwortete Pentaur, »hat den Wegeführer des Königs, Paaker, im Tempel zurückgelassen, um die Aerzte in das Haus des Pinem zu führen.«
Der ernste Oberpriester lächelte und sagte. »Paaker, der für ein Paraschitenmädchen wacht!«
Da erhob Pentaur halb zaghaft bittend, halb schalkhaft die Augen, welche er bis dahin niederschlagen hatte, und seufzte: »Und Pentaur, der Gärtnerssohn, welcher der Tochter des Königs die Reinheit abspricht!«
»Pentaur der Diener der Gottheit und Pentaur der Priester wird es nicht mit der Tochter des Königs, sondern mit der Uebertreterin des Gesetzes zu thun haben,« erwiederte Ameni ernst. »Laßt Paaker sagen, ich wünschte ihn zu sprechen.«
Der Dichter verneigte sich tief und verließ das Zimmer; der Oberpriester aber murmelte vor sich hin. »Er ist noch nicht wie er sein soll und meine Rede blieb ohne Wirkung auf ihn.«
Dann verstummte er, ging nachdenkend auf und nieder und sagte halblaut denkend: »Und doch ist dieser Jüngling zu großen Dingen bestimmt. Welche Gabe des Geistes fehlte ihm wohl? Er versteht zu lernen, zu denken, zu empfinden und Herzen zu gewinnen, – auch das meine. Rein und bescheiden hat er sich erhalten...«
Bei diesen Worten blieb der Oberpriester stehen, schlug mit der Hand auf die Lehne des vor ihm stehenden Stuhls und sagte; »Das ist's, was ihm fehlt! Er kennt noch nicht die Flamme des Ehrgeizes. Entzünden wir sie zu seinem und zu unserem Besten!«
1Die bekannten Kolosse, deren nördlicher als »klingende Memnonssäule[4]« berühmt wurde.
2Diese Beschreibung einer ägyptischen Schulanstalt ist in jedem einzelnen Zuge aus Quellen geschöpft, welche der Zeit RamsesII. und seines Nachfolgers Merneptah entstammen.
3»erhabenes Haus«, »hohe Pforte« ist die Uebersetzung des ägyptischem Peraa, woraus das »Pharao« der Hebräer entstanden ist.
4Ein Gestell mit halbmondförmigem Bügel, auf den man den Kopf legte. Viele Exemplare wurden in den Grüften gefunden und das gleiche Gerät wird heute noch in Nubien gebraucht.
5Perrücken trugen die vornehmen Aegypter auf den geschorenen Köpfen. Mehrere werden in den Museen konserviert.
Pentaur beeilte sich, die Aufträge des Oberpriesters zu erfüllen.
Durch einen Diener ließ er den im Vorhof des Tempels harrenden Wegeführer Paaker zu Ameni geleiten, während er sich in eigener Person zu den Aerzten begab, um ihnen die sorgfältige Pflege der Verunglückten recht warm an's Herz zu legen.
Viele Heilkünstler1 wurden in dem Setihause[5] gebildet, doch pflegten nur wenige von ihnen nach bestandenem Schreiberexamen hier zu verbleiben. Die Begabtesten wurden nach Heliopolis gesandt, in dessen großen Hallen von Alters her die berühmteste medizinische Fakultät des Landes blühte und von wo aus sie dann, durchgebildet und als Meister, entweder in der Chirurgie, oder der Augenheilkunde, oder irgend einem anderen Zweige ihrer Wissenschaft, geschmückt mit den höchsten Würden ihres Standes, nach Theben zurückkehrten, um als Leibärzte in der Nähe des Königs zu verbleiben oder als Lehrer ihre Kenntnisse zu verwerten und in schwierigen Fällen zu Rathe gezogen zu werden.
Die meisten Aerzte wohnten natürlich am rechten Nilufer im eigentlichen Theben, und zwar mit ihren Familien in ihren eigenen Häusern; aber jeder von ihnen gehörte zu einem Priesterkollegium.
Wer eines Arztes bedurfte, sandte nicht in das Haus eines solchen, sondern in einen Tempel. Hier mußte angegeben werden, woran der Hülfesuchende erkrankt sei, und es blieb dem Vorsteher der Aerzte des Heiligthums überlassen, denjenigen Heilkünstler auszusuchen, dessen Spezialkenntnisse ihn für die Behandlung des vorliegenden Falles besonders geeignet erscheinen ließen.
Wie alle Priester, so lebten auch die Aerzte von den Einkünften, welche ihnen durch ihren Besitz an Grund und Boden, die Geschenke des Königs, die Steuern der Laienschaft und die ihnen aus dem Staatssäckel zufließenden Revenüen zukamen; von den Patienten, welche sie behandelten, hatten sie keine Honorare zu erwarten; doch versäumten die Geheilten es selten, dasjenige Heiligthum, welches ihnen einen Arzt gestellt hatte, zu beschenken, und es war nichts Seltenes, daß die priesterlichen Heilkünstler die Genesung der Leidenden geradezu von gewissen, ihrem Tempel darzubringenden Gaben abhängig machten.
Die Kenntnisse der ägyptischen Mediziner waren nach jeder Richtung hin bedeutend; aber es ist natürlich, daß die Aerzte, da sie als »verordnete Diener der Gottheit« an das Krankenbett traten, sich keineswegs mit der rationellen Behandlung der Leidenden begnügten, sondern vielmehr der mystischen Wirkung von Gebeten und Beschwörungen nicht entbehren zu können meinten.
Unter den ärztlichen Lehrern im Setihause befanden sich Männer von sehr verschiedener Begabung und Geistesrichtung; aber Pentaur war keinen Augenblick in Zweifel, wem von ihnen er die Behandlung des überfahrenen Paraschitenkindes, dem er seine Theilnahme zugewandt hatte, anvertrauen sollte.
Der Erwählte war der Enkel eines berühmten längst verstorbenen Arztes, dessen Name Nebsecht auf ihn übergegangen war, und einer der liebsten Schulfreunde und Altersgenossen des Pentaur.
Mit hoher, ihm angeerbter Begabung, Eifer und Neigung war dieser Jüngling von früh an seiner Wissenschaft ergeben gewesen, hatte sich in Heliopolis die Chirurgie2 zu seiner Spezialität erwählt und würde dort gewiß als Lehrer zurückgehalten worden sein, wenn ihm nicht ein Fehler an seinem Sprachorgan das Reden erschwert und die laute Rezitation von Formeln und Gebeten verboten haben würde.
Dieser von seinen Eltern und Lehrern tief beklagte Umstand sollte für ihn selbst im besten Sinne förderlich werden; wie es denn so oft geschieht, daß uns aus scheinbaren Vorzügen Schaden und aus scheinbaren Mängeln das Heil unseres Lebens erwächst.
