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Guillaume le Vasseur de Beauplan stand als Franzose im 17. Jahrhundert viele Jahre im Dienste des polnischen Königs und bereiste als Soldat und Vermessungsingenieur die Ukraine. Ihm ist eine erste, genaue Karte der Ukraine zu verdanken. Zurück in Frankreich schrieb er seine Erlebnisse und Erinnerungen nieder. Er berichtet von seiner Reise entlang des Dnipro, von den Bräuchen der Ukrainer, seinen Beobachtungen der Flora und Fauna, von der Art, wie Tataren und Kosaken leben und vor allem kämpfen, sowie den Widrigkeiten, welchen sie in den verschiedenen Jahreszeiten ausgesetzt waren. Trotz einiger überholter Ansichten ist dieses Werk ein wunderbares Zeitzeugnis. Wer an der Geschichte der Ukraine interessiert ist, taucht hier in eine spannende Zeitreise ein, die einen 400 Jahren zurück versetzt.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Jens Piske
Ukraine – Sammlunghistorischer Werke
Band 2
Guillaume le Vasseur de Beauplan
»Beschreibung der Ukraine, der Krim, und deren Einwohner«von 1651
Abschrift und zeitgemäße Bearbeitung von Jens Piske
Impressum
Texte: © Copyright by Jens PiskeUmschlag: © Copyright by Jens Piske
Verlag: Verlag NjemoskalChutirska 19, 19644 Sahunivka / Ukrainehttps://verlag-njemoskal.com
Erstveröffentlichung 2023Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Guillaume le Vasseur de Beauplan (geb. um 1600) war ein französischer Militäringenieur, Architekt und Kartograf. Zwischen 1630 und 1647 stand er in den Diensten des Königreiches Polen, seit 1630 als Offizier, und seit 1632 als Vermessungsingenieur in Podolien, Wolhynien sowie in der Ukraine. 1634 nahm er an der Festlegung der Grenze zwischen Russland und Polen-Litauen teil. Er reiste entlang des Dnipro bis zu dessen Mündung und erschuf eine Karte der Ukraine, die an Genauigkeit bis dahin einzigartig war.
Unter dem polnisch-litauischen Großhetman Stanisław Koniecpolski nahm er an den Kämpfen gegen die Kosaken im Rang eines Artilleriekapitäns teil. Nur wenige Monate vor Beginn des Kosakenaufstandes unter Bohdan Chmelnyzkyj wurde Beauplan am 29. März 1647 aus dem Militärdienst entlassen und kehrte nach Frankreich zurück.1
Seine uns hier vorliegende Beschreibung der Ukraine ist eine wichtige, historische Quelle über das Leben in der Ukraine und auf der Krim zu Zeiten der Kosaken. Viele Historiker, so auch Johann Christian von Engel, zitieren noch über hundert Jahre später aus seinem Werk. Ein guter Grund für jeden, der an der Geschichte der Ukraine interessiert ist, sich dieses Werk im Original näher anzuschauen.
Beauplan gewährt uns nicht nur einen Blick in die Sitten und Bräuche der damaligen Zeit, das Leben und die Art, wie Kosaken und Tataren kämpften, sondern auch in die damalige Flora, Fauna und klimatischen Bedingungen. Sehr interessant ist seine Beschreibung des Dnipros. Heute hat dieser Fluss durch mehrere Staustufen ein ganz anderes Aussehen, viele Dörfer und Siedlungen in Ufernähe sind verschwunden. Es ist somit auch eine kleine Zeitreise, die der Leser unternimmt.
Dabei merkt man, dass Beauplan mit Leib und Seele ein Soldat und Architekt ist und kein Schriftsteller. Er hat eine gute Beobachtungsgabe, seine Beschreibungen sind sehr direkt, manchmal recht drastisch und lassen einen auch mal schmunzeln. Aber gerade diese saloppe Art hat seinen eigenen Reiz.
Bei der Abschrift habe ich versucht, den Satzaufbau und die Grammatik etwas anzupassen, immerhin ist die mir vorliegende deutsche Übersetzung von Johann Wilhelm Moeller auch schon zweieinhalb Jahrhunderte alt und entspricht nicht den heutigen Lesegewohnheiten. Anders als in anderen Werken, habe ich die Ortsbezeichnungen nicht verändert. Seine historischen Angaben und Ausführungen habe ich ebenfalls unverändert übernommen, auch wenn sie nach heutigem Kenntnisstand überholt sind. Es ist eben ein Zeitzeugnis.
Die Fußnoten des Übersetzers habe ich weitestgehend übernommen und wo angebracht, durch eigene ergänzt, diese sind in kursiver Schrift. Mehrere Maßangaben sind in Meilen, eine Einheit, die zu Beauplans Zeit noch nicht standardisiert war. Wenn man seine Angaben mit 6 multipliziert, hat man die ungefähre Entfernung in Kilometern.
Die Illustrationen stammen teils von Beauplan, teils habe ich passende Bilder hinzugefügt.
Alles in allem hoffe ich, dass dieses wichtige, historische Zeitdokument den Lesern gefällt. Beauplans Landkarte ist sehr interessant, für dieses Buch leider viel zu groß. Man findet diese auf unserer Verlagsseite unter
https://verlag-njemoskal.com/de/beauplan.html
1Quelle: Wikipedia
Kyow ist eine der ältesten Städte von Europa, wie solches die Höhe und Breite ihrer Wälle, die Tiefe der Stadtgräben, die Ruinen der Tempel und die Begräbnisse verschiedener Könige beweisen, welche darin begraben liegen. Von ihren Tempeln sind nur zwei, der der heiligen Sophie und der des heiligen Michaels übrig geblieben. Die übrigen leben nur noch in ihren Ruinen.
Von dem Tempel des heiligen Basileus sind noch fünf bis sechs Fuß hohe Mauern vorhanden, worin sich griechische, auf Alabaster gegrabene Inschriften befinden, die über 1400 Jahre alt, und ihres hohen Alters wegen fast gänzlich unleserlich geworden sind. Unter den Ruinen dieser Tempel sieht man die Begräbnisse verschiedener Fürsten der Rus.
Der Tempel der heiligen Sophie und des heiligen Michaels sind nach antiker Art wieder erbaut worden. Jener hat eine schöne Vorderseite und fällt gut in die Augen, man mag ihn betrachten von welcher Seite man will. Auf den Mauern findet man erhabene Figuren und Geschichte auf mosaische Weise gearbeitet. Man hat dazu ganz kleine Steine von verschiedener Farbe angewandt, die wie Glas glänzen, und so geschickt gelegt wurden, dass man Mühe hat, sie von einem Gemälde oder einer Tapete zu unterscheiden. Das Erhabene ist von Töpferton gemacht, der von allen Seiten mit Gips umgeben wurde. Dieser Tempel enthält die Denkmäler verschiedener Könige und der Archimandrit2 wohnt darin. Den Tempel des heil. Michaels nennt man auch den Tempel mit dem goldenen Dach, weil er mit vergoldetem Blech gedeckt wurde. Man zeigt darin den Körper der heiligen Barbara, der darin während des Nikomedischen Krieges gebracht worden sein soll.
Alt-Kyow liegt auf der Spitze eines Berges, von welchem man auf der einen Seite das flache Land und auf der anderen den Dnieper bestreichen kann, der am Fuße dieses Berges vorbei fließt. Zwischen dem Berg und dem Fluss liegt Neu-Kyow, das bis jetzt schlecht bevölkert ist und nicht mehr als 5-6000 Einwohner hat. In der Länge hat es dem Fluss nach 4000 Schritte und in der Breite vom Fluss bis zum Berg 3000 Schritte, und ist mit einem 25 Fuß breiten Graben umgeben. Es hat die Gestalt eines Dreiecks und ist mit hölzernen Mauern und Türmchen umringt. Das Schloss liegt auf dem Gipfel eines Berges, der zwar die untere Stadt bestreicht, es wird aber von Alt-Kyow wieder bestrichen.
Kyiw um 1686. Im Norden der Stadt sieht man das Schloss, links hinter dem Baum die Ruinen des alten Kyjiw. [Autor unbekannt]
Die Römisch-Katholischen haben in dieser Stadt vier Kirchen, nämlich: die Kathedralkirche, die Kirche der Dominikaner auf dem Markt, die Bernhardinerkirche unter dem Berge und seit kurzem die Jesuitenkirche, welche von dessen Vätern zwischen der Bernhardinerkirche und dem Fluss angelegt worden ist. Die griechische Kirche der Rus besitzt ungefähr zehn Tempel, die sie »Cerkwie« nennen, wovon einer sich beim Rathaus befindet, bei welchem eine Universität oder Akademie ist, die »Bracha Cerkwie« von ihnen genannt wird. Ein anderer, der am Fuße des Schlosses erbaut wurde, ist, wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt, nach dem heiligen Nicolas benannt worden. Die übrigen befinden sich in verschiedenen Teilen der Stadt, deren Namen mir aber entfallen sind.
Die Stadt hat nur drei hübsche Straßen, die übrigen sind weder gerade noch regelmäßig schief, sondern krumm nach Art eines Labyrinths. Man sieht sie als zwei Städte an und nennt die eine die Stadt des Bischofs, in derselben liegt die Kathedralkirche; die andere aber die Gemeinschaftliche, und in derselben befinden sich die übrigen Römisch-Katholischen und Griechischen Kirchen. In Anbetracht des Landes treibt sie Handel genug. Er besteht in Umsetzung von Korn, Pelzwerk, Wachs, Honig, Talk, gesalzenen Fischen, usw. Sie hat einen Bischof, einen Woiwoden, einen Kastellan, einen Starost3 und ein Grod oder Landgericht. Vier Gerichtsbarkeiten befinden sich in derselben, nämlich: die des Bischofs, die des Woiwoden oder des Starosten, die des königlichen Voigts und die der Schöppen.
Die Häuser sind nach Art der Moskowitischen gebaut, befinden sich alle auf ebener Erde, sind sehr niedrig und haben selten mehr als ein Stockwerk. Man bedient sich daselbst aus Scheitholz gemachter Lichter um so billigen Preis, dass man, wenn man für zwei Pfennige kauft, damit die längsten Winternächte erhellen kann und doch davon übrig behält. Über den Verkauf von Schornsteinen auf dem Markt könnte man eben so leicht lächeln, wie über ihre Art Fleisch zu bereiten, ihre Hochzeiten und andere Zeremonien zu begehen, von denen ich später berichten werde.
2Klostervorsteher
Hier haben jene kriegerischen Völker ihren Ursprung genommen, die den Namen der Saporogischen Kosaken führen und seit so vielen Jahren in verschiedenen, am Dnieper und nahe dabei liegenden Orten sich aufhalten. Deren Anzahl beläuft sich jetzt noch auf 120 000 streitbare Menschen, welche auf den Befehl4 des Königs in weniger als acht Tagen zu seinem Dienste bereit sind. Diese Völker sind es, welche oft und fast jährlich sich zum größten Nachteil der Türken aufs Schwarze Meer begeben. Oft haben sie die Krim geplündert, welche einen Teil der Tataren ausmacht, Anatolien beraubt, Trebisonde5 verheert und sich selbst bis zur Mündung des Schwarzen Meeres, drei Meilen von Konstantinopel gewagt, wo sie alles verbrannt und getötet haben, und sind hierauf zurückgekehrt mit großer Beute und einigen Sklaven, welche zumeist Kinder waren, die sie zu ihrem Dienst behalten oder an Adlige zum Geschenk machen. Alte Leute nehmen sie nicht so leicht mit sich, es sei denn, dass sie diese reich genug schätzen, um sich loskaufen zu können. Ihre Anzahl beläuft sich bei solchen Ausfällen nicht höher als auf 6-10 000 Mann, und sie wagen sich auf die See in Booten, die sie mit eigenen Händen herstellen und deren Gestalt und Bauart ich weiter unten beschreiben werde.
Beauplans Zeichnung eines Kosaken mit Muskete und Säbel.
Unter diesen Kosaken gibt es Leute, die in allen, zum menschlichen Leben notwendigen Handwerken geschickt und erfahren sind. Nämlich: Zimmerleute, sowohl zur Erbauung der Häuser, als auch der Fahrzeuge, Schiffer, Schmiede, Büchsenmacher, Gerber, Schuster, Böttcher, Schneider, usw. Sie sind sehr geschickt in der Zubereitung des Salpeters, wovon daselbst ein großer Überfluss ist, und verfertigen sehr gutes Schießpulver. Die Weiber spinnen Flachs und Wolle, wovon sie zu ihrem Gebrauch Leinwand und Zeug machen. Sie verstehen alle das Feld zu bauen, zu säen, zu mähen, Brot zu backen, Fleisch von aller Art zuzubereiten, Bier zu brauen, Met, Breha6 und Branntwein zu machen. Es befindet sich auch niemand unter ihnen, er sei von welchem Alter, Geschlecht und Stande er wolle, der nicht seinen Gefährten im Trinken zu übertreffen suchte, und in der ganzen Christenheit versteht sich gewiss niemand so gut auf die Art, ohne Kummer für den folgenden Tag zu leben, als sie.
Übrigens bleibt es ausgemacht, dass sie allesamt zu den Künsten fähig sind. So trifft man auch einige unter ihnen an, welche allgemeinere Kenntnisse als der gemeine Mann besitzen. Mit einem Worte, sie sind alle verschmitzt genug, aber sie bekümmern sich nur um das Nützliche und Notwendige, und vorzüglich um solche Dinge, die das Landleben betreffen.