Wirtschaften mit Herz und Verstand - Johannes Liess - E-Book

Wirtschaften mit Herz und Verstand E-Book

Johannes Liess

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Beschreibung

Die aktuellen Krisen unserer Zeit zeigen uns, dass wir nicht weiter wirtschaften können wie bisher. Dieses Buch ist der Vorschlag, das Kostbarste, das wir haben – unser Leben –, ins Zentrum unseres Wirtschaftens zu stellen. Menschliches Leben kann nur durch ein harmonisches Zusammenspiel mit unserer Umwelt nachhaltig geschützt und gefördert werden. Um unsere vielfältigen Krisen zu lösen, plädiert der Ökonom Johannes Liess für eine umfassende Lösung: den Übergang von einer kapitalzentrierten und destruktiven Wirtschaft hin zu einer Ökonomie des Lebens.

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Seitenzahl: 240

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Johannes Liess

Wirtschaften mit Herz und Verstand

Auf dem Weg zu einer lebensfördernden Ökonomie

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2024 oekom verlag, München oekom – Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbH, Goethestraße 28, 80336 München +49 89 544184 – 200

www.oekom.de

Layout und Satz: le tex, xerif

Lektorat: Uta Ruge

Umschlaggestaltung: Laura Denke, oekom verlag

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9783987263675

DOI: https://doi.org/10.14512/9783987263354

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Cover

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Inhaltsverzeichnis

Hauptteil

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 IDEE

Der Weg aus der Krise

Ökonomie oder wie wir wirtschaften

Das Leben lieben

Kapitel 2:

NATUR

Biologisches Leben

Bedarf an

Natur

Verfügbarkeit und Verwendung der Ressourcen

Wie wir die

Natur

retten

Kapitel 3:

STRUKTUR

Soziales Leben

Wirtschaft

Einkommen

Vermögen

Geld

Kapitel 4 KULTUR

Kulturelles Leben

Bildung und Forschung

Kunst

Spiritualität

Geld

Kapitel 5:

GUTES WIRTSCHAFTEN

Das Zusammenspiel von

Natur

,

Struktur

und

Kultur

Wie ein gutes Leben gelingt

Eine Ökonomie des Lebens

Abbildungsverzeichnis

Anmerkungen

Wir sehnen uns nach einer heilen, gesunden, lebendigen Welt: nach Leben.

Kapitel 1 IDEE

Der Weg aus der Krise

Vision eines guten Lebens

Mal angenommen, wir lebten in einer wunderbaren Welt, in einer Welt, in der die Sonne scheint, es regnet oder auch mal hagelt und stürmt und der Wind die Blätter von den Bäumen fegt, der Schnee leise vom Himmel fällt, wir morgens vom Gezwitscher eines Vogels geweckt werden und wir uns schon beim Aufwachen auf unsere Arbeit freuen, auf unsere Kolleginnen und den knorrigen Busfahrer. In dieser Welt sind Eisbären zu Hause, alle haben ausreichend zu essen, alle Mädchen dürfen in die Schule, und es gibt keine Kriege mehr. Es wäre eine bunte Welt, eine Welt voller Leben.

Die Medien berichteten jeden Tag von der Entstehung und Entdeckung neuer Tier‐ und Pflanzenarten, dem Rückgang des CO2 in der Atmosphäre, dem beschleunigten Wachstum des Grönlandeises und der Gletscher in den Alpen. In der Spree, mitten in Berlin, wurden erstmals Lachse gesichtet, wohl aufgrund ihrer vorzüglichen Trinkwasserqualität, und, was für eine Überraschung, der letzte Flüssiggastanker, die Robert Habeck, wurde ins Museum der fossilen Dinosaurier überführt. Von Kriegen können die Medien nicht berichten, es gibt einfach keine mehr. Aber nicht alle Nachrichten sind Friede‐Freude‐Eierkuchen, es wird viel gekämpft – um Wahrheit, um Frieden, um bessere Schulen, pünktliche Züge und um die besten Mitarbeitenden. Seit der Abschaffung der Arbeitslosigkeit überleben nur noch Betriebe, die ihre Mitarbeitenden gut behandeln und fair entlohnen, und freitags backt die Chefin, falls es die dann überhaupt noch gibt, für alle einen Kuchen, oder sie steht am Grill und wendet das Gemüse – natürlich auch den Spreelachs. Es wäre eine bunte Welt, eine Welt voller Leben.

Ganz egal, ob Fisch oder Gemüse, dick oder trans, Kind oder Katze, Vogel oder Baum – alle Lebewesen, alle Menschen, Tiere, Pflanzen gehören einfach dazu und sind willkommen, kein einziges Lebewesen wird, mit welcher Begründung auch immer, diskriminiert, auch nicht Bibi, mein kleiner, Hund mit den riesigen Ohren und seinem Stummelschwanz. Es wäre eine bunte Welt, eine Welt voller Leben.

Wie könnte das funktionieren?

Das Leben wird in den Mittelpunkt all unseres wirtschaftlichen Handelns gestellt, Lebensförderndes wird gefördert, Lebensvernichtendes vernichtet.

Die immer aktuelleren Natur‐ und Umweltkrisen führen uns jeden Tag vor Augen, dass rund um den ganzen Erdball das Leben das Schützenswerteste ist, das wir haben. Menschliches Leben ist Teil der Biosphäre und kann nur im Zusammenhang mit ihr geschützt und gefördert werden. Wie sich aber auch während des Lockdowns gezeigt hat, ist der Schutz des biologisch‐körperlichen Lebens nicht ausreichend, solange es zur Verwahrlosung sozialen und kulturellen Lebens führt. Das heißt, soll menschliches Leben geschützt werden, ist eine Reduzierung auf seinen biologischen Körper nicht ausreichend.

Der Begriff Leben wird von mir in der Ökonomie des Lebens sehr weit gefasst. Aus der Erkenntnis heraus, dass menschliche Leben nicht singulär sind, sondern nur als Teil der Biosphäre existieren, umfasst der Lebensbegriff auch die ganze natürliche Biosphäre. Diesen Bereich bezeichne ich als Natur.

Wie der menschliche Körper Teil der Biosphäre ist, kann menschliches Leben nur eingebettet in ein soziales Umfeld gelingen. Dieses besteht aus Beziehungen, Abhängigkeiten und Ordnungen, ich nenne diesen Bereich Struktur. Hinzu kommt noch eine weitere Ebene, die der Kultur. Auf diese Ebene ist das menschliche Leben am wenigsten angewiesen – auf den ersten Blick. Wie das weltweite Pandemiemanagement gezeigt hat, ist ein Überleben tatsächlich ohne Kultur möglich. Nur ist das Leben dann nicht mehr so menschlich, wie es sein sollte. Also auch auf dieser Ebene, der Kultur, ist das Leben zu schützen und zu fördern.

Eine Ökonomie des Lebens schützt und fördert das Leben auf allen Ebenen, Natur, Struktur und Kultur.

Was läuft schief?

Alle Krisen unserer Zeit können auf eine dieser drei Ebenen zurückgeführt werden.

NATUR‐Krisen: Umweltverschmutzung, Klimaveränderung, Artensterben, Ressourcenverbrauch, CO2‐Ausstoß, Flächenversiegelung.

STRUKTUR‐Krisen:Demokratieversagen, Ungleichheit, Hunger, Kriege, Diskriminierung, Arbeitslosigkeit.

KULTUR‐Krisen:Bildungskrise, Kirchenkrise, Kulturkrise, Propaganda, Fake News, Zensur.

Wir leben in einer wunderbaren Welt, und wir sind dabei, sie zu ruinieren. Im unendlichen Weltraum fliegen einsame Gesteinsbrocken herum, und ein einziger davon ist mit einer dünnen Schicht Leben überzogen, mit Blumen, Schmetterlingen, Steinböcken und Eisbären und – ja, auch die gehören dazu – mit Menschen.

Dieser, wie ein französischer Weichkäse mit einer dünnen Lebensschicht überzogene Gesteinsbrocken, ist unsere Erde. Wir haben nur diese eine und sollten gut auf sie aufpassen. Das tun wir Menschen aber nicht, wir zerstören sie jeden Tag. Langsam aber sicher sind wir dabei, das blühende Leben, die dünne Lebensschicht auf der Erdoberfläche, in eine braune, stinkende, blubbernde Masse zu verwandeln.

Wieso machen wir das? Und zwar sehenden Auges? Wir wissen, wir haben nur diese eine Erde, wir wissen, wir haben nur dieses eine Leben, und wir wissen, wir sind Teil des Lebens, das wir vernichten.

Wir tun es, und das ist paradox, weil wir das Leben lieben!

Wir wollen leben, wir möchten lebendig sein, das Leben spüren, den Wind im Gesicht, den Schnee unter den nackten Füssen, die Wärme der ersten Sonnenstrahlen am Morgen und die Katze auf dem Schoß, und wir wollen einen geliebten Menschen umarmen und mit ihm Tango tanzen.

Weil wir das Leben lieben, und weil wir leben wollen, machen wir alles, um dieses Leben zu fördern und zu erhalten. Der unstillbare Hunger nach Leben führt zu einer kontinuierlichen Expansion. Stillstand ist nicht möglich, denn Stillstand ist der Tod. Nur leider führt die Art und Weise, wie wir leben, auch zum Tod von Schmetterlingen, Eisbären und von Kindern, die verhungern.

Das Problem ist nicht, dass wir das Leben lieben, sondern wie wir leben und handeln und, vor allem, wie wir wirtschaften. Unser aktuelles Wirtschaften, wie immer wir das nennen, ob Kapitalismus, Neoliberalismus oder Green New Deal, stillt den Hunger nach Leben mit viel Zucker, schnellen Autos, einem neuen iPhone und vielen unhaltbaren Versprechungen, die nie eingelöst werden. Das alles stillt den Hunger nach Leben nicht wirklich, macht dafür aber unglücklich und krank und zerstört die Umwelt, was dann auch wieder unglücklich und krank macht.

Wege aus der Krise?

Das Problem ist erkannt. Der Aufschrei ist groß: Wir müssen das Klima retten. Das Artensterben stoppen und Tama, ein kleines somalisches Mädchen, vorm Verhungern retten. Und, fast vergessen, auch noch unsere Wirtschaft wieder mal in Schwung bringen oder zumindest in Schwung halten, damit sie nicht zusammenbricht. Zur Behebung all dieser Probleme werden zwei Wege vorgeschlagen: radikaler Verzicht oder massive Ausweitung der Konsumzone.

Radikaler Verzicht

Der radikale Verzicht sieht vor, den Konsum massiv einzuschränken und dadurch den CO2‐Ausstoß radikal zu reduzieren. Dieser Ansatz ist spätestens seit 1972 bekannt, seit der Veröffentlichung des Buches Die Grenzen des Wachstums, also seit 50 Jahren!1 (Was glauben Sie, hat meine Mama mir abends vorgelesen?)

Wieso hat sich dieses Konzept nicht durchgesetzt? Erstens, es macht einfach keinen Spaß, und es widerspricht unserem Bestreben zu wachsen und uns weiterzuentwickeln. Und zweitens, noch viel relevanter, es widerspricht dem Grundsatz des Kapitalismus, dem Wachstum. Der Kapitalismus war und ist stärker.

Sehr anschaulich konnte ich die Ausweglosigkeit dieses Ansatzes, des radikalen Verzichts, erleben, als Herr Jakob, ein Herr im fortgeschrittenen Rentenalter, auf einer Zukunftskonferenz in Stuttgart im Jahr 2018, also noch vor der aktuellen Energiekrise, sich zu Wort meldete und die Frage stellte: Was könne man denn noch alles tun, um die Welt zu retten? Er heize seine Wohnung nur noch auf 16° C, benutze lediglich eine 5 W Sparlampe, mache alle Wege zu Fuß und kaufe nur im Bioladen ein, und zwar vegan.

Das Traurigste an diesem Beispiel ist, dass es nichts bringt. Denn selbst wenn Herr Jakob seinen persönlichen Konsum komplett einstellt, wäre sein ökologischer Fußabdruck aufgrund der gesellschaftlich vorgehaltenen Infrastruktur, wie zum Beispiel des Stuttgarter Bahnhofs, einer Großbaustelle, die seit 2010 die Innenstadt der Schwabenmetropole ruiniert, oder der für jeden in Deutschland lebenden Menschen gebauten 210 Quadratmeter Verkehrsfläche,2 immer noch zu groß für diese eine Welt. Hungrig, einsam und frierend in einer kleinen dunklen Wohnung sitzend, retten wir die Welt nicht.

Selbstverständlich ist es sinnvoll, den eigenen Konsum zu hinterfragen und ihn auch sinnvoll einzuschränken. Wo also ist der Fehler? Der Fehler liegt in der Individualisierung der Verantwortung. Die großen Krisen können nur als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gelöst werden. Und hier wird es spannend. Soll Kanzler Scholz Autos verbieten? Für Jugendliche ist die Rettung des Klimas die aktuell wichtigste Aufgabe, wie die Umfrage Jugend in Deutschland 2021 ergab, aber ein Leben ohne Auto können sie sich nicht vorstellen!3 Und genau das ist, in meinen Augen, der Knackpunkt: Sie können es sich nicht vorstellen. Es fehlt der Jugend, und wohl auch den meisten anderen, eine Vision einer wunderbaren, lebensfrohen Zukunft, einer Zukunft, die sie sich vorstellen und nach der sie sich sehnen können. Wir müssen Lust auf Zukunft bekommen, und hierfür brauchen wir bunte Bilder und aufregende Geschichten einer gesunden und lebendigen Welt. Verzicht und Verbote sind nicht sexy.

Maximaler Konsum

Das zweite Konzept, die massive Ausweitung der Konsumzone, verspricht, die Welt durch mehr Konsum zu retten. Das ist sehr verlockend, es gibt keine Verbote, niemand muss auf nichts verzichten. Wenn wir jetzt ganz schnell ganz viele Teslas produzieren, ist die Welt schon fast gerettet. Alles CO2‐frei! Im Jahr 2023 fuhren laut Bundesumweltamt zwei Prozent der Autos in Deutschland mit Strom.4 Da der Strom zur Hälfte mit Wind und Sonne erzeugt wurde, verbrauchte der Autoverkehr also ein Prozent nachhaltig erzeugte Energie, 99 Prozent waren aus Kohle, Öl und Gas, und der Ressourcenverbrauch für die Autoproduktion ist hier noch gar nicht mitgerechnet. Zwei Tonnen Stahl, Kunststoffe und Glas. Mehr Konsum rettet nur die Rendite und nicht die Umwelt.

Warum fällt es uns so schwer, den Pfad der Ausweitung der Konsumzone zu verlassen, obwohl er die Umwelt zerstört und wir das wissen?

Weil dieses Konzept unseren Wunsch nach Wachstum und Entwicklung bedient. Es hält Händchen mit der unsichtbaren Hand des Marktes. Es fühlt sich auch irgendwie gut an. Alles wird größer, schneller und bunter. Der MC20, das nagelneue Modell von Maserati, hat einen Verbrennungsmotor mit 630 PS und fährt 325 Stundenkilometer. Maserati sagt zum Benzinverbrauch bei dieser Geschwindigkeit gar nichts, es dürften 30 bis 40 Liter auf 100 Kilometer sein, Maserati sagt: ein Supersportwagen mit Seele.5

Beide Wege vernichten Leben. Der erste durch Verhungern, der zweite durch überkonsumieren. Und welcher ist uns lieber? Natürlich der zweite. Weltweit sterben mehr Menschen an Zu‑viel‐Essen als an Zu‑wenig‐Essen.6

Wie könnte es besser laufen?

So stellt sich jetzt die Frage: Wie durchbrechen wir diesen Teufelskreis? Kann es eine Lebensweise, eine Wirtschaft geben, mit der wir weder uns noch unseren Planeten ruinieren? Und wie könnte diese aussehen? Und da sind wir beim Entwurf einer Ökonomie des Lebens.

Die Idee ist, nicht das Kapital, sondern das Lebendige zu maximieren, also die Ablösung der Ökonomie des Kapitals durch eine Ökonomie des Lebens. Der Kapitalismus wird so transformiert, dass seine starken Kräfte nicht mehr zerstörerisch, sondern lebensfördernd wirken.

In der Ökonomie des Lebens rückt die Förderung und Pflege des Lebens in den Mittelpunkt als Leitlinie unseres Lebens, Arbeitens und Wirtschaftens. Das Leben an sich wird damit zum handlungsleitenden Maßstab.

Wie ist diese Idee entstanden?

Wir leben in einer Zeit der Umbrüche und Unsicherheiten. Viele vertraute Gewissheiten und festen Überzeugungen werden uns, fast über Nacht, unter den Füßen weggezogen. Wir wissen, so wie wir leben, arbeiten und wirtschaften, kann es nicht mehr lange weitergehen.

Das führt uns, ob wir wollen oder nicht, zu der Frage: Wie kann Leben gelingen?

Wie können wir hier und jetzt auf dieser Erde leben, zum Wohle aller Menschen, Tiere und Pflanzen und des ganzen Planeten? Was ist wirklich wichtig im Leben?

Die Corona‐Pandemie brachte sehr deutlich zum Vorschein, was uns Menschen wirklich wichtig ist, das ist unser Leben. Aus Angst, das Leben zu verlieren, verzichteten wir auf maßgebliche und lange erkämpfte Grundrechte. Wichtige Institutionen wie Wirtschaft, Kultur oder Kirche wurden massiv eingeschränkt. Was bis vor kurzem noch undenkbar schien, war auf einmal Wirklichkeit. In diesem Sinne könnte diese Situation auch als Krise des Lebens gedeutet werden.

Wie sich aber auch zeigte, wurden die ergriffenen Maßnahmen nicht nur mit offenen Armen willkommen geheißen. Dabei wurde nicht der Schutz des Lebens an sich infrage gestellt, sondern die konkrete Umsetzung des Schutzes. Zur Diskussion standen Angemessenheit, Umfang und Wirksamkeit der Eindämmungsstrategien. Der Unmut wird gespeist von realen Verlusterfahrung in zwischenmenschlichen Beziehungen und kulturellem Erleben.

Die einseitige Fokussierung auf das körperlich‐biologische Leben führte zur Vernichtung von sozialem und kulturellem Leben. Das wiederum führte zu sozialen und psychischen Erkrankungen, die dann im weiteren Verlauf das eigentlich geschützte, körperlich‐biologische Leben zerstörten. Ein wirklicher Schutz des Lebens ist also nur durch den Schutz aller Lebensbereiche, des physischen, des sozialen und des kulturellen Lebens möglich.

Damit soll nicht ausgeschlossen werden, dass eine situationsbedingte Schwerpunktsetzung von Schutzmaßnahmen sinnvoll sein kann, sie sollte nur ausreichend bedacht und abgewogen sein. Warum beschließen unsere Profipolitiker das Tragen von Masken für Kinder in Kitas, aber nicht das Tragen von Masken für Politikerinnen in Flugzeugen?7

Und noch einmal, wenn uns das Leben so wichtig ist, wie die aktuelle Lebenskrise gezeigt hat, wieso vernichten wir es dann permanent und im ganz großen Stil? Leidenschaftlich zerstören wir unsere physische, soziale und kulturelle Umwelt und damit unsere Lebensgrundlagen. Abzulesen an den Umweltkatastrophen Klimaerwärmung, Artensterben und Erschöpfung natürlicher Ressourcen, an den sozialen Katastrophen wie Flüchtlingskrise, Hunger und Armut und der flächendeckenden Vernichtung kulturellen Lebens. Obwohl wir das Leben schützen wollen. Wieso zerstören wir es dann?

Weil wir es nicht merken! Weil uns die Zerstörung in unserem täglichen Handeln nicht bewusst ist.

Die Zerstörung erfolgt nicht als Selbstzweck, sie erfolgt nebenbei. Das Drama ist, dass in unseren Handlungsintentionen die Zerstörung schon vorgesehen ist. Unser individuelles und unser gesellschaftliches Leben sind auf Vernichtung von Leben aufgebaut.

Im Wesentlichen dreht es sich bei den beiden großen Erzählungen unserer Zeit, Kapitalismus und Sozialismus, um die Maximierung materieller Güter durch die Ausbeutung von Mensch und Natur, es geht also um die Unterwerfung und damit der Zerstörung kulturellen, sozialen und biologischen Lebens unter die Verwertungslogik durch die Ausweitung der Konsumzone.

Wir nehmen die Zerstörung in unserem Alltagshandeln nicht mehr wahr, da uns unsere emotionale Verbundenheit mit uns selbst, mit anderen Menschen und mit der Natur abhandengekommen ist.

Um Leben wirklich und nachhaltig zu schützen, bedarf es eines neuen Gesellschaftssystems, das auf der Basis des Schutzes von Leben aufgebaut ist.

Ökonomie des Lebens

In einer Ökonomie des Lebens wird es weiterhin Produzenten geben, Fabriken, Geld und selbstverständlich dürfen auch Gewinne erwirtschaftet werden, nur nicht mit der Zerstörung von Leben. Die Wirtschaftsleistung wird aktuell noch mit dem BIP, dem Bruttoinlandsprodukt, gemessen. Jeder tödliche Autounfall sorgt für Umsatz und lässt das BIP steigen. Deswegen wäre ein erster Schritt in Richtung Ökonomie des Lebens, das BIP so umzubauen, dass nur Lebenserhaltendes positiv in die Berechnung eingeht, tödliche Unfälle das BIP jedoch verringern. Wir könnten es BILP nennen, Bruttoinlandslebensprodukt. Damit hätten wir ein Instrument, dass ein Bewusstsein schafft für die Lebensfreundlichkeit unserer Lebensweise. Die Grundpfeiler der Ökonomie des Lebens sind:

Förderung des Lebens,

Einhegung des Kapitals,

Demokratisierung der Ökonomie,

Verbundenheit.

Förderung des Lebens

Die Förderung des Lebens erstreckt sich auf alle Lebensbereiche. Geregelt wird die Ökonomie des Lebens, genauso wie jetzt auch, über Steuern, Abgaben und Gesetze, also Gebote und Verbote. Aber Steuern und Abgaben werden nur noch auf Lebensschädliches erhoben, wie den Verbrauch nicht‐nachhaltiger Energie und Ressourcen, Umweltverschmutzung, Alkohol und Zigaretten und vielleicht auch auf Zucker, auf jeden Fall aber auf laute Benzinrasenmäher. Steuer‐ und abgabenfrei sind vor allem menschliche Arbeit und alle unsere Grundbedürfnisse. Im Sozialen geht es um eine Förderung von Gemeinschaft und Gesellschaft, also um Teilhabe und Verbundenheit und um die Reduzierung von Einsamkeit und Armut. Arbeitslosigkeit gibt es nicht mehr, alle haben ein Recht auf Arbeit und damit ein ausreichendes Einkommen. Extreme soziale Ungleichheit war gestern. Kultur, die Sinnquelle unseres Lebens, wird breit gefördert.

Einhegung des Kapitals

Mehr und mehr Bereiche unseres Lebens werden zurzeit im Zuge der laufenden Ausweitung der Konsumzone dem Diktat der Wirtschaft unterworfen. Diese Kolonisierung gilt es einzuhegen. Hierunter fällt zum Beispiel die Ökonomisierung der Bildung, so etwa die Werbung bekannter Softdrinkhersteller in Schulen. Bildung ist ein absolutes Grundbedürfnis, welches nach pädagogischen und nicht nach renditegetriebenen Zielen ausgerichtet sein sollte. Genauso ist es mit unserer Gesundheit. Wenn Krankenhäuser unnötige Operationen durchführen, um so den Gewinn zu steigern, dann ist das ja wohl ziemlich krank.8

Demokratisierung der Ökonomie

Im Bereich der Wirtschaft ist eine weitere Demokratisierung dringend notwendig, sowohl innerbetrieblich als auch außerbetrieblich. Die Strukturen eines klassischen Betriebs haben verblüffende Ähnlichkeiten mit denen im heutigen China oder mit denen einer Zuckerrohrplantage in South Carolina vor 200 Jahren. Streng hierarchisch wird von oben nach unten planwirtschaftlich durchorganisiert. Außerbetrieblich, also auf gesellschaftlicher Ebene, wäre eine weitere Demokratisierung im Sinne von Integration, Gleichberechtigung und Teilhabe möglich. Die Mehrheit der Bevölkerung ist für die Einführung eines Tempolimits auf Autobahnen, aber Finanzminister Lindner ist dagegen. Freie Fahrt für FDPler.9 Worum es geht, ist mehr Einbindung aller Bürgerinnen und Bürger an Entscheidungsprozessen bei gleichzeitiger Übernahme gemeinschaftlicher und individueller Verantwortung.

Verbundenheit

Das Wichtigste überhaupt, scheint mir, ist die Förderung der Verbundenheit der Menschen untereinander und mit der Natur. Denn wie kann die Lebendigkeit, der Bedarf des Lebens, überhaupt erkannt werden? Und woher soll die Einsicht in die Notwendigkeit des Lebensschutzes kommen, wenn nicht aus uns selbst? Wir müssen das Leben schon wirklich schützen wollen, sonst wird das nichts. Dafür müssen wir aber wieder in Verbindung treten zu der Platane vor unserem Fenster, der Sonnenblume in unserem Garten, den Schmetterlingen im Park und den Schäfchen auf der Wiese. Wir müssen liebevoll mit Mutter Erde umgehen, wir müssen lernen, unsere reale Welt wieder zu lieben und Verantwortung für das Leben zu übernehmen und dann, erst dann, können wir die Welt retten.10

Ökonomie oder wie wir wirtschaften

Der Weg aus der Knechtschaft11

Sinn und Zweck allen Wirtschaftens ist die Versorgung der Menschen mit dem, was sie nicht haben, aber was sie brauchen, um zu leben. Nicht in den Bereich des Wirtschaftens fällt somit alles, worauf wir einen direkten Zugriff haben, entweder weil es auf unserem Balkon wächst, oder weil es wie Luft einfach da ist. Auf der anderen Seite kann aber auch nur Verfügbares unsere Bedürfnisse befriedigen. Es spielt dabei keine Rolle, ob die Verfügbarkeit individuell ist – kann ich mir den vergoldeten Lamborghini überhaupt leisten? –, oder ob es sich um eine prinzipielle Verfügbarkeit handelt – was, wenn mein Lieblingstier ein Mammut ist?

Wirtschaften funktioniert also nur dann, wenn auf der einen Seite ein Bedarf vorhanden ist und ihm auf der anderen Seite etwas gegenübersteht, das vorhanden, aber nicht frei verfügbar ist. Eine Ausweitung der Wirtschaftszone kann somit auf der einen Seite durch die Steigerung des Bedarfs erfolgen – Ich brauche jetzt und sofort und ganz, ganz dringend das neue Smartphone, das hat so eine coole Farbe! – oder auf der anderen Seite durch die Einhegung von frei Verfügbarem wie Grundstücke auf dem Mond. Und genau das passiert jeden Tag. Der Kapitalismus ist stets bestrebt, die Wirtschaftszone auszudehnen, koste es, was es wolle, auch wenn dadurch der eigentliche Zweck, die Versorgung der Menschen, unterlaufen wird. Die Motivation des Wachstums ist nicht mehr die Verbesserung des Lebens, sondern Rendite, Rendite, Rendite. Was dabei unter die Räder des goldenen Lambo kommt, ist das Leben, es wird nicht mehr gepflegt und beschützt, es wird zunehmend vernichtet.

Deswegen erscheint mir die Frage, was unsere wirklichen Bedürfnisse sind, so wichtig. Können wir ohne das neue iPhone überhaupt überleben? Finden wir es in Ordnung, dass hierfür Kinder im Kongo in Coltan‐Minen arbeiten – mit bloßen Händen? Bedürfnisse an sich kennen keine Grenzen, erst wenn wir den Blick weiten und unseren Bedürfnissen die Auswirkung der Bedürfnisbefriedigung gegenüberstellen, erhalten wir einen handlungsleitenden Maßstab. Die Frage nach dem, was wir brauchen, ist untrennbar verknüpft mit der Frage, wo es herkommt, im Sinne der Frage nach Ort und Zeit, und vor allem auch nach den Bedingungen und Umwelteinflüssen seiner Entstehung.

Was brauchen wir für ein gutes Leben?

Welche Bedürfnisse haben Menschen? Auch wenn wir uns gerne als wirklich individuelle Individuen sehen, sind die Bedürfnisse der Menschen, einmal abgesehen vom Design der neuen Turnschuhe, doch sehr einheitlich. Natürlich sind da erst einmal die körperlichen Grundbedürfnisse, ihre Befriedigung ist zwingend notwendig, um zu überleben, also Atmen, Essen und Trinken, aber zum Beispiel auch Schlafen und ausreichender Zugang zu Sonnenlicht. Neben der Befriedigung unmittelbarer körperlicher Bedürfnisse brauchen wir auch noch soziale Kontakte zum Turteln, Toben, Tanzen und zum Tennisspielen. Diese Bedürfnisse scheinen vielleicht nicht als ganz so dringlich wie die körperlichen – wenn es an ihnen mangelt, sterben wir nicht gleich – aber ein gutes Leben kann es nur mit ausreichend sozialen Kontakten geben. Einsamkeit macht krank. Und dann haben wir auch noch unsere eigenen Vorstellungen und Wünsche, unser Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, etwa ein Buch zu schreiben, auf den Mount Everest zu klettern oder einfach nur in der Hängematte zu liegen, vielleicht mit einem kühlen Bier in der Hand.

Die Struktur der menschlichen Bedürfnisse

Eine bekannte Theorie der menschlichen Bedürfnisse ist die Bedürfnispyramide in Anlehnung an Abraham Maslow. Maslow hat die Bedürfnisse in Abhängigkeit ihrer Dringlichkeit in fünf Stufen eingeteilt.12 Da sind auf der ersten Stufe die physischen Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Schlafen. Der zweiten Stufe hat er die Sicherheit zugeordnet, wie körperliche Unversehrtheit und Schutz vor Diebstahl. Auf der dritten Stufe findet sich die Zugehörigkeit, also Liebe, Zuneigung und soziale Bindungen. Die vierte Stufe beinhaltet Wertschätzung und Anerkennung, hierzu zählt Maslow alles, was Status, Macht, Arbeit und Geld betrifft. Und auf der fünften Stufe findet sich die Selbstverwirklichung der individuellen Persönlichkeit. Diese Beziehungspyramide wird auch gerne als Designkonzept in der Werbung verwendet. Ziel ist es, die Kundinnen auf all diesen Ebenen anzusprechen. Der neue leckere Erdbeerjoghurt ernährt, ist sicher, sozial, wertvoll und macht mich zu einem besseren Menschen.13

Maslow selbst hat weder den Begriff der Pyramide noch die grafische Darstellung einer Pyramide verwendet. Die hierdurch entstehende Hierarchisierung finde ich unglücklich, handelt es sich doch um gänzlich unterschiedliche Kategorien, deren Wertung zueinander nur individuell erfolgen kann. Die eine läuft vielleicht gerne mal alleine über den Südpol, während der andere lieber im Kirchenchor singt und ich jetzt als allererstes eine Currywurst brauche.

Eine Weiterentwicklung der Bedürfnistheorie nach Maslow ist das ERG‐Konzept von Clayton Alderfer. Er fasst die fünf Ebenen der Bedürfnispyramide zu drei Bereichen in Existence, Relatedness und Growth zusammen. Existence steht für Grundbedürfnisse wie Ernährung, Kleidung und Sicherheit, Relatedness umfasst die Stufen drei und vier der Bedürfnispyramide, also die zwischenmenschlichen Bereiche der Beziehungen, und Growth ist der Bereich des individuellen Wachstums wie Entfaltung, Kreativität, Lebenssinn und Selbstwertgefühl.14

In Anlehnung an diese beiden bedürfnistheoretischen Konzepte unterteile ich die menschlichen Bedürfnisse in die drei Bereiche Natur, Struktur und Kultur.

NATURDer Bereich der Natur umfasst die physiologischen und materiellen Bedürfnisse. Das sind neben der Nahrung, Kleidung und Wohnung auch die technische Infrastruktur wie Autobahnen, Internetkabel, Toaster und der Energiebedarf, der nötig ist, um diese Bedürfnisse zu stillen.

STRUKTURIn diesem Bereich finden sich alle sozialen, also zwischenmenschlichen Bedürfnisse wie soziale Integration, Anerkennung und Gleichberechtigung, soziale Sicherheit, aber auch Vereinbarungen, Regeln und Gesetze. Zudem ist hier der Bereich der Arbeit mit Steuern und der Verteilung von Einkommen und Vermögen angesiedelt.

KULTURHierzu zählen die Bedürfnisse nach individueller Entwicklung wie Wachstum, Entfaltung, Kreativität und Lebenssinn. Das kann in Kunst und Wissenschaft erfolgen oder auch in Religion und Spiritualität.

Abbildung 1 Struktur der menschlichen Bedürfnisse. Die physiologischen Bedürfnisse entstehen und befriedigen wir in der Natur, die sozialen in der Struktur und die individuellen in der Kultur.

Die Hierarchie der Bedürfnisse kann durch das Bild der umfassenden Sphären aufgehoben werden. Eine Unterteilung in Grundbedürfnisse, also in wirklich wichtige Bedürfnisse und eher unwichtige Bedürfnisse, macht dann keinen Sinn mehr, solange man den Menschen nicht nur als einen sehr komplizierten Stoffwechsel, sondern auch als soziales und kulturelles Wesen ansieht. Im Folgenden werde ich den Begriff Grundbedürfnis in allen drei Bereichen verwenden. So kann ein Fahrrad ein Grundbedürfnis sein, eine Luxusjacht aber eher nicht, oder das Bedürfnis im Kirchenchor zu singen kann ein Grundbedürfnis sein, der reichste Mensch der Welt zu werden jedoch nicht, oder ein Bild zu malen kann ein Grundbedürfnis sein, alle Menschen zum Glauben an den Kapitalismus zu bekehren wiederum nicht.

Die Geschichte der Ökonomie

Schon immer seit Menschen auf der Erde wohnen, haben sie gewirtschaftet und damit Einfluss auf die Natur genommen. Diese Eingriffe erfolgten im Einklang mit der Natur oder auch nicht, aber die ganz große Zerstörung blieb aus. Das hat bis vor ein paar Generationen einfach niemand hinbekommen, das schaffen wir erst jetzt.

Sicherlich gab es auch nachhaltige Umweltzerstörungen, wie die Entwaldung Griechenlands vor 2.000 Jahren oder die Ausrottung der Büffel in Nordamerika vor 200 Jahren, aber diese menschlichen Einflüsse waren lokal begrenzt und konnten niemals die gesamte Biosphäre aus dem Gleichgewicht bringen. Die Menschen hatten einfach nicht die technischen Möglichkeiten dazu, ihr Einfluss war zu gering.

Das sieht heute anders aus.

Um besser zu verstehen, wie es dazu kommen konnte und wie es weiter gehen könnte, möchte ich einen kurzen Blick in die Geschichte werfen und mir dabei die ersten 5.000 Jahre ansehen, dazu die Zeit bis 1800, und die letzten rund 200 Jahre von 1800 bis heute, um daraus Ideen für eine Wirtschaft für die nächsten 5.000 Jahre abzuleiten, für eine Ökonomie des Lebens.

Die ersten 5.000 Jahre

Vereinfachen wir die Dinge einmal, dann war vor 1800 die Welt noch übersichtlich. 90 Prozent der Menschen waren Bauern und Handwerker. Der Gemüsegarten hinter dem Haus war allen selbstverständlich wie ein Schwein, eine Ziege und ein paar Hühner im eigenen Haushalt. Die Menschen haben von dem gelebt, was sie oder ihre Nachbarn selber herstellten oder was sie eintauschen konnten gegen etwas, das sie selber hergestellt hatten. Gibst du mir ein Brot, bekommst du von mir fünf Eier.

Das Leben der meisten war darauf ausgerichtet, das eigene Leben zu erhalten und nicht zu verhungern. Und hierfür war es wichtig, auch das Leben der Familie, die Tomaten im Garten und die Kuh Emma zu erhalten. Wer versorgt mich, wenn ich alt bin? Woher kommt die Milch für den Brei, wenn die Ziege verhungert ist? Leben war Überleben.

Viele Jahre lang war das ganze Denken und Handeln der Menschen von der Frage bestimmt, wie Leben erhalten und gefördert werden kann. Und es war nicht selten genug bedroht von Ernteausfällen, Krankheiten, mongolischen Reiterhorden und Ratten.

Der Bezugsradius war das eigene Dorf. Hier wurde man geboren, lebte und starb. Fernreisen führten, zu Fuß oder Pferd, ins nächste Örtchen, um auf dem Markt einen neuen Topf zu erstehen. Also die Produkte einzutauschen, die im Dorf nicht selber hergestellt werden konnten. Aber auch der Topf kam nicht aus China, sondern vom nächsten Kesselschmied.

Wirtschaftlich betrachtet waren das viele kleine Kreislaufwirtschaften. Was man brauchte, wurde der unmittelbaren Umgebung entnommen. Essen wuchs im Garten, auf dem Acker und im Stall. Kleidung war aus Wolle, Leinen oder Leder, die Gebäude aus Holz und Lehm. Und alles, was der Umgebung entnommen wurde, konnte auch direkt wieder zurückgegeben werden, es gab keinen Müll, also keine Produkte, die so weit verarbeitet waren, dass sie von der Natur nicht wieder aufgenommen werden konnten. Oder, mit anderen Worten: Alles war Bio. Man lebte im Einklang und in Abhängigkeit mit der Natur.

Die wenigen Produkte, die von etwas weiter weg eingeführt werden mussten, wie Metalle und Glas, wurden so oft es geht wiederverwendet.

Auf der einen Seite gab es den ständigen Kampf ums Überleben, auf der anderen Seite aber auch ein Genug‐ist‐genug. Wenn alle satt waren, dann war genug. Es machte keinen Sinn, der Ziege mehr zu füttern als sie essen konnte. Also wurde das überflüssige Gras zu Heu gemacht, denn es stellte sich bei allem immer die Frage, Wie kommen wir über den Winter?, etwa auch, wenn aus Obst eine haltbare und leckere Marmelade gekocht wurde, Fleisch und Fisch gesalzen oder geräuchert wurden. Der Jahresverlauf bestimmte die Produktion der Nahrungsmittel, die der Kleidung und letztlich auch die Bautätigkeit. Denn Zeit zu bauen war nur, wenn gerade nichts auf dem Acker zu tun war. Es herrschte oft Mangel und manchmal auch Überfluss, das war die Lebensrealität der allermeisten Menschen.

Es gab aber schon immer auch eine kleine Gruppe von Menschen, etwa ein Zehntel der Bevölkerung, für die war das Leben nicht ganz so mühsam. Das waren die weltlichen und geistlichen Herrscher.