Aja oder Alles ganz anders - Gabriele Beyerlein - E-Book

Aja oder Alles ganz anders E-Book

Gabriele Beyerlein

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Beschreibung

Alles ist auf einmal ganz anders. Aja muss mit ihrer Mutter in eine andere Stadt ziehen und erfahren, dass ihr Vater eine neue Familie gründet. Außerdem wohnt sie mit ihrer Mutter nun auch noch bei dieser alten Tante Hildegard im Haus. Doch zum Glück gibt es Djamila, die ebenfalls neu in die Klasse kommt, und Milene. Und dann ist da noch jemand. Langsam fasst Aja Fuß. Und mehr und mehr zieht die Geschichte von Tante Hildegard sie in ihren Bann, die als Kind am Kriegsende ihre Heimat verlor und schließlich eine neue gewann. Eine Geschichte vom Ankommen für Kinder ab 11 Jahren

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Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2020

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ÜBER DIE AUTORIN

Gabriele Beyerlein ist seit 1987 freie Schriftstellerin und hat mehr als dreißig Bücher für Kinder, für Jugendliche und für Erwachsene veröffentlicht, darunter zahlreiche in der Vergangenheit spielende Jugendromane, in denen sie eine spannende Handlung mit historischer Genauigkeit verbindet. Ihre Bücher standen wiederholt auf Nominierungslisten für Literaturpreise. Sie erhielt den Heinrich Wolgast Preis 2008 und den Gerhard Beier Preis 2010.

Gabriele Beyerlein hat Psychologie studiert, promoviert und in der sozialwissenschaftlichen Forschung und Lehre gearbeitet. Nachdem sie ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckt hatte, machte sie sich als Autorin selbstständig. Sie lebt heute in Darmstadt.

www.gabriele-beyerlein.de

Inhaltsverzeichnis

Wie Aja umziehen muss und alles ganz anders wird

Wie Hildegard nicht ahnte, wie schnell alles anders würde

Wie Aja mit Tante Hildegard allein bleibt

Wie Hildegards Welt zusammenbrach

Wie Aja neu beginnt

Wie Hildegard ankam und doch nicht ankam

Wie Aja ihre Heimat findet

Wie zu Hildegard das Glück zurückkehrte

Wie Aja eine Schwester bekommt und noch viel mehr

Wie Aja umziehen muss und alles ganz anders wird

Mich fragt ja keiner. Mama nicht und Papa nicht. So war es schon vor Jahren, als Papa daheim ausgezogen ist und meine Eltern einfach festgelegt haben, dass ich bei Mama bleibe – und jetzt ist es wieder so. Nur mit dem Unterschied, dass ich damals ohnehin bei Mama sein wollte, weil es eben Mama war und ich noch klein war und Ronja gleich nebenan gewohnt hat.

Aber wenigstens diesmal hätte Mama mich nach meiner Meinung fragen können. Und Papa auch. Ich hätte jedenfalls Nein gesagt. Zu beiden.

Mama hat einen neuen Job angenommen, als wäre das allein ihre Sache. Als müsste ich dafür nicht mit ihr in eine andere Stadt ziehen. Dabei habe ich mich doch gerade in unserer Klasse so richtig wohl gefühlt und wurde endlich von der Whatsapp-Gruppe akzeptiert, zu der ich schon immer gehören wollte. Aber jetzt muss ich die Schule wechseln, mitten im Schuljahr. Darauf könnte ich echt verzichten.

Und als wäre das nicht schon schlimm genug, hat Mama beschlossen, dass wir zu ihrer alten Tante ziehen. Das sei doch toll, hat Mama behauptet, weil sie ja in Zukunft ganztags arbeiten würde, dann sei immer jemand da, wenn ich aus der Schule käme. Von wegen toll! Als ob ich einen Babysitter bräuchte! Noch dazu einen, der schon bald scheintot ist. Wahrscheinlich ist es eher umgekehrt, aber das sagt Mama natürlich nicht.

Und was Papa angeht ... Das will mir überhaupt nicht in den Kopf.

„Können wir nicht erst was unternehmen, bevor du mich ablieferst?“, frage ich ihn. „Pizza essen zum Beispiel.“

„Geht nicht“, sagt er. „Deine Mutter wartet auf dich. Und Claudia auf mich.“

„Claudia, natürlich. Die ist dir ja wichtiger als ich.“

Papa schaut kurz zu mir, dann wieder angestrengt auf die Straße. Dabei ist gar kein Verkehr in diesem langweiligen Wohngebiet, durch das wir fahren. „Ach, Aja!“ Er seufzt übertrieben. „Du weißt, wie es mich immer freut, mit dir zusammen zu sein. Aber es war abgemacht, dass ich dich heute Vormittag bei deiner Mutter abliefere. Und Abmachungen muss man einhalten.“

„Es sind nicht meine Abmachungen, sondern deine! Aber klar, geh du nur zu deiner Claudia und liefere mich in dem blöden Haus von dieser blöden Tante ab!“

„Was ist denn so blöd an dem Haus und an Tante Hildegard?“

„Alles“, sage ich. Und dann nichts mehr. Weil es ja doch nichts ändert. Und weil ich das, was zu sagen wäre, nicht über die Lippen bringe.

„Nun sei mal nicht so“, redet er mir zu, als wäre ich eine kranke Kuh, „das Haus ist doch total schön. Und dann der große Garten! Und Tante Hildegard hat vielleicht ein paar Eigenheiten, aber im Grunde ist sie eine liebe alte Dame. Deine Mutter hat ihr viel zu verdanken. Als sie sechzehn war und ihre Mutter gestorben ist und ihr Vater längst in Argentinien gelebt hat, hat Tante Hildegard sie bei sich aufgenommen, damit sie nicht nach Argentinien auswandern musste. Das weißt du doch. Da will sich deine Mutter jetzt eben ein wenig revanchieren. So ein alter Mensch sollte nicht allein leben, das musst du verstehen. Außerdem – was das an Miete spart! Und jetzt sind wir da.“ Er bremst und parkt ein, schaltet den Motor ab. „Soll ich dir deine Tasche reintragen?“

„Das kann ich schon allein.“ Ich steige aus und hole mein Gepäck von der Rückbank.

Eine Woche, während Mama den Umzug gemanagt hat, war ich bei ihm. Er hat sogar ein paar Tage freigenommen und wir haben Ausflüge unternommen und sind ins Kino und Shoppen und so. Hier sind ja Herbstferien und ich war in meiner alten Schule schon abgemeldet. So konnte ich blaumachen, einen Vorteil muss man ja haben, wenn man zu allem Übel auch noch das Bundesland wechseln muss. Aber jetzt ist die Schonfrist vorbei. Ich werfe mir die Tasche über die Schulter und öffne das Gartentor.

„In vierzehn Tagen zum Wochenende!“, ruft er mir nach. „Und grüße Steffi und Tante Hildegard!“ Ich antworte nicht. Wie ich sie kenne, kann meine Mutter auf seine Grüße verzichten. Erst recht, wenn sie schon wüsste, was ich weiß.

Ich bleibe stehen, drehe mich um, will noch einmal zurück zu Papa. Er kann doch nicht einfach so, wir haben gar nicht darüber geredet ...

Das Auto startet und fährt los. Er ist weg.

Ich kicke gegen einen Kieselstein, dass er nur so davonfliegt. Ich hätte ihm sagen müssen, dass er das nicht bringen kann, einfach eine neue Familie zu gründen. Dass ich schließlich seine Familie bin und dass ich ihn doch brauche. Und dass ich auch in Zukunft mit ihm allein sein will, wenn ich meine Wochenenden bei ihm habe. Ich habe es vermasselt.

Und jetzt muss ich auch noch hier einziehen.

Unkraut wächst zwischen den Steinen auf dem Weg. Haufenweise liegt Herbstlaub herum. Der Garten ist verwildert. Das Haus ist nicht besser. Der Stuck blättert von der Fassade ab. Da kann ich mir schon denken, was meine neuen Klassenkameradinnen für ein Gesicht machen, wenn sie erfahren, wo ich wohne.

Ich steige die ausgetretenen Steinstufen zum Eingang hinauf, drücke auf den rostigen Klingelknopf. Sofort geht die Tür auf. Mama steht da, in ihren ältesten Klamotten. Sie hat ein völlig ausgeleiertes graues T-Shirt mit dunklen Schweißflecken an und ihre Haare gehörten eindeutig gewaschen. Wenn ich sie so sehe, wundert es mich nicht, dass Papa gegangen ist. Claudia ist durchgestylt bis zum Letzten. Bald zieht Papa zu ihr, dann muss ich sie jedes zweite Wochenende aushalten.

„Hallo, Aja, mein Schatz, da bist du ja“, sagt Mama und will mich umarmen. Schnell trete ich einen Schritt zurück. „Na, dann komm mal rein! Am besten sagst du gleich deiner Tante Grüß Gott.“

„Ich denke, hier sagt man nicht Grüß Gott“, antworte ich und werfe die Tasche auf den Treppenabsatz. „Außerdem ist sie nicht meine Tante, sondern deine!“

Mama seufzt. Es klingt eher wie ein Stöhnen. Soll sie doch.

Immerhin folge ich ihr durch die Diele in das Zimmer mit der Glastür. Lilien sind in das Glas eingraviert, das ist mir bisher nie aufgefallen. Dafür kommt mir etwas anderes bekannt vor: der Geruch nach alten Sachen. Ich hasse diesen Geruch.

„Da ist ja unsere Kleine“, höre ich eine Stimme vom Fenster her. Die Sonne blendet, ich kann Tante Hildegard kaum sehen, aber jedenfalls sitzt sie dort in einem Sessel. „Aber was sage ich – Kleine! Groß bist du geworden, ich kenne dich ja kaum wieder, fast schon eine junge Dame. Nun komm doch mal her!“

Ich gehe zu ihr hin. Sehe genau, dass sie mir ihre Wange hinhält, damit ich ihr einen Kuss gebe. Das fehlt gerade noch! Ich reiche ihr die Hand. „Hallo, Tante Hildegard.“

„Willkommen in meinem Haus“, sagt sie.

Daran hätte sie mich nicht erinnern müssen, dass das Haus ihr gehört. Man riecht es.

„Steffi hat in den letzten Tagen hier schwer geschuftet“, sagt Tante Hildegard und lächelt meiner Mutter zu. „Das ganze Haus hat sie umgeräumt und es mir hier unten richtig gemütlich gemacht. Ich bewohne künftig nur das Erdgeschoss, ich komme ja die Treppe sowieso kaum mehr hoch. Na ja, so ist das nun mal. Du kriegst mein Lieblingszimmer im ersten Stock, das große mit dem Erker und dem Balkon. Da freust du dich, oder?“

Ich erinnere mich genau an das Zimmer. Dunkelrote Samtvorhänge und verschnörkelte Möbel und Perserteppiche und lauter solcher altmodischer Kram. „Und wie“, murmle ich.

Mein Zimmer daheim war nichts Besonderes. Aber es war meins.

„Komm, ich zeige es dir gleich“, sagt Mama eifrig. Sie nimmt mich allen Ernstes an der Hand und zieht mich hinter sich her. Meine Tasche lasse ich auf dem Treppenabsatz liegen. Vielleicht haue ich nachher einfach ab. Geld für den Zug habe ich einstecken und den Schlüssel von Papas Wohnung. Und Papa bleibt bestimmt über Nacht bei seiner Claudia. Da merkt er gar nicht, wenn ich bei ihm einziehe. Und wenn Mama ihn anruft, weil ich weg bin und nicht an mein Handy gehe und sie sich Sorgen macht, dann denkt er vielleicht endlich mal darüber nach, wie das alles für mich ist. Und sie auch.

„Ich bin gespannt, was du für ein Gesicht machst!“, verkündet Mama. Plötzlich trompetet sie los: „Tatatataa!“, und öffnet theatralisch die Zimmertür. Sie merkt überhaupt nicht, wie peinlich sie ist.

Mama macht mir Platz und ich stehe auf der Schwelle und sehe mein neues Zimmer.

Wow! Da hängen keine dunkelroten Gardinen mehr, die Sonne scheint durch die breite Glastür, die auf einen winzigen Balkon führt. Draußen im Garten leuchtet der Ahorn. Die alten Möbel und Teppiche sind weg, mein Schreibtisch steht da, meine Schrankwand, mein Hochbett und ein cooles neues Sofa. Da kann Ronja schlafen, wenn sie mich besucht. Das Schönste an dem Zimmer aber ist der Erker mit den hohen Fenstern an jeder der drei Seiten – und vor allem die Hängematte aus bunten Stoffstreifen, die zwischen seinen Ecken gespannt ist. Da lässt sich chillen! So eine Hängematte habe ich mir schon immer gewünscht, aber in meinem alten Zimmer war kein Platz dafür, und außerdem hat Mama gesagt, das wäre zu teuer. Aber in Zukunft arbeitet sie ja ganztags, da kann sie sich so was leisten.

Ich gehe zu der Hängematte hin und schubse sie an. Mein liebster Bär sitzt darin. Meine anderen Stofftiere habe ich zum Umzug ausrangiert, aber von dem Teddy konnte ich mich nicht trennen. Papa hat ihn mir vor drei Jahren geschenkt, als er bei uns ausgezogen ist. Bald schenkt er ganz jemand anderem Stofftiere.

„Na, was sagst du?“, fragt Mama stolz.

Ich muss mich räuspern. „Ganz okay“, bringe ich heraus. Dann hole ich meine Tasche.

Den Kleiderschrank habe ich schon eingeräumt und das Bettzeug ausgepackt, aber immer noch sind an einer Wand in meinem Zimmer Umzugskartons gestapelt. Trotzdem ist richtig viel freier Platz in dem Raum, so groß ist er. Ein einziges altes Möbel ist von Tante Hildegards Sachen dageblieben: so eine Art Kommode mit vielen kleinen Schubladen und einem Aufsatz mit offenen Fächern und schmalen Türen. Ich habe nichts dagegen, dass die da steht, da kann ich viel Kram unterbringen. Im Augenblick sind noch Sachen von Tante Hildegard drin, Mama sagt, sie ist bisher nicht dazu gekommen, sie auszuräumen.

Schade, dass ich Mama nicht gleich gesagt habe, wie schön ich mein Zimmer finde. Manchmal kann ich mich selber nicht leiden.

Ich mache mich auf die Suche nach ihr. Sie ist in der Küche. Aber was heißt hier Küche! Eher ein supermodernes riesiges Labor. Alles ist neu, nur der Esstisch ist der alte. In unserer bisherigen Wohnung war er an die Wand gequetscht, jetzt steht er frei im Raum und lädt mich ein.

„Tolle Küche“, sage ich und hole tief Luft. „Und übrigens – mein Zimmer erst recht.“

Mama strahlt mich an. „Ja, nicht wahr?“

„Und dann auch noch ein neues Sofa und die coole Hängematte!“, schiebe ich schnell nach. „Danke!“

Sie drückt mich an sich. Manchmal mag ich das, jetzt zum Beispiel. Ich seufze auf, lasse mich am Tisch nieder, stütze mein Kinn in die Hände und schaue Mama beim Kochen zu. Sie röstet Weißbrotwürfel. Etwas brutzelt in der Röhre. Und jetzt beginnt sie Klöße zu formen. Ich mag Klöße. Dass sie so ein Festessen für uns zwei zu unserer Einweihung kocht, finde ich echt schön.

Vielleicht erzähle ich ihr beim Essen, was ich von Papa erfahren habe. Wenn es geht mit dem Erzählen, ich weiß nicht, ob ich es hinkriege. Heulen will ich jedenfalls nicht, sonst höre ich womöglich gar nicht mehr auf. Papa ist erst heute Morgen während der Autofahrt mit seiner Neuigkeit herausgerückt. Damit ich nicht mehr viel dazu sagen kann. Ich habe eh keinen Ton herausgebracht.

Früher, als ich klein war, habe ich mir Geschwister gewünscht. Aber jetzt! Es wird ja nur eine Halbschwester. Und wegen ihr zieht Papa mit seiner Claudia zusammen, und ich habe ihn nie mehr für mich allein, sondern muss ihn in seiner ach so tollen neuen Familie besuchen. Wahrscheinlich hat er dann dauernd das Baby auf dem Arm. Oder seine Claudia im Arm. Solche Ausflüge wie letzte Woche kann ich mir in Zukunft abschminken. Und auch unsere Pizza- und Eiscremeorgien beim Fernsehen, wenn wir meine Lieblingsserien geschaut haben, nur wir zwei.

Warum kann nicht irgendetwas so bleiben, wie es war?

„Kannst du schon mal den Tisch decken?“, bittet Mama. „Unten bei Tante Hildegard. Mach es festlich, das Damasttischtuch habe ich herausgelegt. Nimm das Geschirr mit dem Goldrand aus dem Buffet im Wohnzimmer. Das Silberbesteck ist in der linken Schublade.“

„Unten? Aber – ich habe gedacht, wir essen allein!“

„Heute nicht, mein Schatz, ich will mich doch bei Tante Hildegard bedanken. Ich habe extra ihr Lieblingsessen gekocht. Weißt du, es ist wirklich großzügig von ihr, dass sie keine Miete von mir verlangt. Ich kann das echt gebrauchen, mein Dispo ist durch den Umzug bis zum Reißen überspannt, und um die Küche hier oben einzubauen, musste ich einen Kredit aufnehmen. Da, trag schon mal den Salat runter!“

Gerade sah es so aus, als könnte es vielleicht doch noch gut werden, heute, und nun …

Dann behalte ich eben für mich, was ich Mama erzählen wollte, alles.

Unten breite ich das Tischtuch aus und stelle die Teller auf den Tisch, lege das Besteck daneben. Tante Hildegard kommt aus ihrem Sessel und begutachtet mein Werk, nimmt die Gabeln von der rechten Seite der Teller und legt sie auf die linke, dreht die Messer so, dass die Schneide immer nach innen zeigt. Nichts kann ich ihr recht machen. Dann holt sie Stoffservietten hervor und steckt sie in Silberringe. So was braucht doch kein Mensch.

Mamas Salat sieht gut aus. Avocado ist drin, das mag ich. Trotzdem habe ich keinen richtigen Appetit und stochere nur darin herum. Tante Hildegard redet von irgendeinem alten Fotoalbum, das sie nicht mehr findet, und jammert, dass das doch ihre einzigen Kindheitserinnerungen waren. Mama verspricht ihr, dass sie danach sucht. Dann erzählt sie von dem Heimatmuseum, dessen Leiterin sie wird, und von der Ausstellung, die sie als Erstes organisieren will.

Was Ronja wohl gerade macht? Ich muss ihr unbedingt eine Nachricht schicken. „Ich hole schon mal die Klöße“, sage ich und stehe auf, renne die Treppe hoch, suche mein Smartphone und sende ihr die Fotos, die ich von meinem Zimmer gemacht habe. Sie antwortet gleich: „Sieht toll aus. Und so groß!!! Wenn es nicht so weit weg wäre!“

Was gäbe ich darum, wenn Ronja jetzt hier wäre! Ihr könnte ich es erzählen, das von Papa und Claudia und dem Baby. Ronja kann ich alles erzählen.

„Aja, wo bist du denn?“, ruft Mama von nebenan.

Ich gehe in die Küche rüber. Sie drückt mir die Schüssel mit den Klößen in die Hand und greift sich selber das Tablett mit einem Braten und einer Soße, in der undefinierbare Brocken schwimmen.

„Schlesisches Himmelreich!“, ruft Tante Hildegard ganz verzückt, als Mama das Essen auf den Tisch stellt. „Wie lange habe ich das nicht mehr gegessen! Wo hast du denn das Rezept her?“

Mama lacht. „Das steht doch alles im Internet. Ich hoffe, es schmeckt so, wie du es gewohnt bist. Ich möchte mich damit bei dir bedanken, dass du Aja und mir dein Haus geöffnet hast. So wie mir früher schon einmal.“

„Ach, Steffi, das ist doch selbstverständlich. Ich freue mich ja, nicht mehr allein zu sein. Du und Aja, ihr bringt wieder Leben ins Haus. Seit Ludwig tot ist, war es hier sehr still. Hm, das schmeckt köstlich! Wie daheim.“

Köstlich – ich weiß nicht. Die Klöße sind gut. Aber die Soße ist komisch, sie erinnert mich ein bisschen an Weihnachtsplätzchen. Und das Fleisch hat einen seltsamen Geschmack. Kartoffelsalat mit Würstchen wäre mir lieber.

Kartoffelsalat mit Würstchen hat es früher immer zu Weihnachten gegeben, als Papa noch bei uns gewohnt hat. Er hat sich das so gewünscht, hat Mama gesagt.

In Zukunft macht Claudia Kartoffelsalat für ihn und er feiert Weihnachten mit meiner kleinen Schwester. Halbschwester.

Plötzlich kann ich nicht weiteressen. Ich kaue und kaue auf einem Fleischstück herum und kriege es nicht runter. Lege das Besteck weg. Schiebe den Teller zurück.

„Was ist denn? Schmeckt es dir nicht?“, fragt Mama.

„Hab keinen Hunger“, murmle ich und würge an dem Klumpen. Ich habe so lange auf dem Fleisch herumgekaut, dass es total trocken geworden ist.

„Keinen Hunger!“, regt sich Tante Hildegard auf. „Du kannst doch nicht das gute Essen stehenlassen! Das darf man doch nicht wegschmeißen! Was auf dem Teller ist, muss aufgegessen werden.“

Ich springe auf und stürze davon, die Treppe hinauf in mein Zimmer, knalle die Tür hinter mir zu, drehe Musik an, schnappe mir mein Handy und werfe mich in die Hängematte.

Für heute bin ich fertig mit der Welt.

Das Schulhaus ist hässlich, ein runtergekommener Betonklotz. Unsere Schule daheim war schön, auch wenn sie alt war. Sie hatte ein Treppenhaus mit dunkelgrünen Schmuckfliesen und auf jedem Flur Nischen in den Wänden, die mit Mosaiken verziert waren. Trinkwasserbrunnen ließen darin Wasser in Becken laufen, die wie große Muscheln aussahen. In einer Nische im Seitenflur fehlte der Brunnen, das war mein liebster Rückzugsort mit Ronja. Wenn wir da geredet haben, konnten wir sicher sein, dass uns keiner belauscht. Und im Schulhof standen alte Bäume, die habe ich gemocht, und am Eingang blühte ein Rosenstock.

Das Einzige, was hier blüht, ist der Schimmel an den Fenstern in der Eingangshalle.

Es ist laut. Jungs flitzen durch die Gegend und rangeln herum, wahrscheinlich Fünftklässler. Große tun unerträglich cool. Ein paar Mädchen sitzen auf den Stufen gegenüber vom Eingang und mustern mich. Eine von ihnen bläst einen Kaugummi auf und lässt ihn platzen. Stimmt etwas nicht an meinem Outfit?

„Ich muss noch mal“, sage ich zu Mama.

„Aber du warst doch gerade erst daheim!“, protestiert sie.

„Trotzdem.“

Die Tür mit dem Mädchensymbol habe ich schon entdeckt. Ich betrachte mich im Spiegel, aber kann nichts Falsches entdecken. Auf dem Klo stinkt es. Die Toiletten haben keine Brillen, sondern nur so einen Gummirand, total eklig. Ich schließe mich in einer Kabine ein. In meinem Bauch rumort es. Jetzt geht die Tür zum Vorraum. Ich höre zwei Mädchen reden. Wasser plätschert. „Hast du Selina gesehen?“, höre ich die eine sagen. Ihre Stimme klingt gehässig. „Wie die heute wieder rumläuft. Ich wette ...“ Ich drücke auf die Spülung.

Ich hätte doch was anderes anziehen sollen. Nicht die Sneakers, die sind jenseits von Gut und Böse. Und einen Pulli statt meines Sweatshirts. Aber was soll man machen, wenn man den Dresscode hier nicht kennt!

Ich warte, bis ich sicher bin, dass ich wieder allein bin. Dann gehe ich in den Vorraum und wasche mir die Hände. Ganz gründlich. Mama steckt den Kopf zur Tür herein. „Wo bleibst du denn!“, ruft sie ungeduldig. „Wir müssten längst im Direktorat sein!“

Sie nimmt mich an der Hand. Das fehlte gerade noch. Rasch ziehe ich meine Hand zurück und gehe hinter ihr her. Mama klopft an eine Tür und wartet auf das „Herein“ und ...

Wir sind nicht allein. Klar, der Direktor ist da, mit dem war zu rechnen, und eine Frau Wohlfahrt, die sagt, sie ist meine neue Klassenlehrerin und unterrichtet bei uns Mathematik. Aber außer den beiden stehen ein anderes Mädchen und eine Frau mit Kopftuch herum. Das Mädchen ist ungefähr so alt wie ich, glaube ich.

„So, da haben wir also auch die Aja, dann sind wir ja vollständig“, sagt der Direktor und gibt Mama und mir die Hand. „Und das hier ist Djamila. Sie kommt auch neu in die 6 c. Dann wünsche ich euch beiden, dass ihr euch gut in eurer Klasse einlebt und euch an unserer Schule wohlfühlt. Das Gebäude ist nicht das schönste, aber unsere Schulgemeinschaft wird euch gefallen. Wir achten hier sehr auf gegenseitigen Respekt.“

Die Erwachsenen reden. Ich schaue diese Djamila an. Den Namen habe ich noch nie gehört. Sie schaut auch kurz zu mir, aber dann sieht sie gleich wieder weg. Sie spielt an ihren Haaren herum, rollt eine Strähne um ihren Zeigefinger und zurück, immer hin und her. Sie hat dunkle Haare, dicht und lang. Die Frau – ihre Mutter, nehme ich an – sagt leise etwas zu ihr, in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Djamila lässt die Strähne schnell los, sieht kurz zu mir und lächelt verlegen.

Sie hat Angst, das merkt man. Wenn sie das so deutlich zeigt, wird sie doch gleich das Opfer. Zum Glück bin ich cooler. Das habe ich von Papa, den bringt nichts aus der Ruhe. Wenn er jetzt da wäre ...