Der schwarze Mond - Gabriele Beyerlein - E-Book

Der schwarze Mond E-Book

Gabriele Beyerlein

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Beschreibung

Jens beobachtet drei Jungen bei einem Rollenspiel und gerät in eine rätselhafte Welt voller Gefahren. Dort leidet das Volk bitter unter der grausamen Herrschaft eines Herzogs, der die Königin vom Thron gestoßen hat. Nach einer alten Prophezeiung kann nur ein Junge aus einer anderen Welt die Rettung bringen ... Der erstmals 2001 im Thienemann Verlag Stuttgart erschienene Fantasy-Roman von Gabriele Beyerlein fand sich auf der Bestsellerliste "Bücher des Monats" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Kinderbücher (März 2001) und ist wegen seines großen Erfolgs bereits mehrfach als Hardcover und Taschenbuch verlegt worden, so auch u.a. 2009 von der Süddeutschen Zeitung in der Fantasy-Reihe der Jungen Bibliothek. Nun ist "Der schwarze Mond" erstmals als E-Book erhältlich. Viele positive Rezensionen und die Begeisterung der jungen Zuhörer bei zahlreichen Lesungen aus diesem Buch bürgen für Spannung und Lesegenuss. Geeignet für Kinder und Jugendliche ab 11 Jahren.

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Seitenzahl: 329

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Gabriele Beyerlein

Der schwarze Mond

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

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EDITION GEGENWIND

Impressum neobooks

1

Zugegeben, ein Freibad gleich gegenüber hatten wir daheim nicht. Daheim mussten meine Eltern mich mit dem Auto fahren, wenn ich ins Schwimmbad wollte, oder die Eltern von Alex oder von Peter, meinen Freunden. Hier brauche ich bloß über die Straße zu gehen, und schon bin ich in einem Freibad mit Riesenrutsche und Zehnmetersprungturm und einer Glaswand, durch die man die Schwimmer im Becken sieht wie Fische in einem Aquarium.

Vom Zehnmeter zu springen, trau ich mich sowieso nicht, die Riesenrutsche ist wegen Reparatur gesperrt, und das mit dem Autofahren war gar nicht so schlimm, wir haben immer jemanden gefunden, der uns gefahren hat, Alex, Peter und mich.

Ohne die beiden ist es langweilig im Wasser, so allein. Na ja, allein auch wieder nicht, jede Menge Kinder kreischen um mich herum, tauchen sich gegenseitig unter Wasser, balancieren auf dem Absperrseil und kennen sich alle. Nur ich kenne sie nicht.

Den Jungen dort drüben, den mit den kurzen blonden Haaren und der Narbe an der Backe, habe ich schon ein paarmal gesehen. Der muss irgendwo in der Nähe wohnen. In unserer Reihenhaussiedlung nicht, da wohnen nur alte Leute oder Familien mit ganz kleinen Kindern. Mama hat sich gefreut, als sie die kleinen Kinder gesehen hat. „Da haben Anne und Marie immer jemanden zum Spielen!“, hat sie gesagt. Mal wieder typisch. An die Freunde von Anne und Marie denkt sie, obwohl die beiden gar keine brauchen, weil sie eh nichts anderes tun als schlafen oder brüllen, aber an meine Freunde denkt sie nicht.

„In deinem Alter, Jens, ist es doch kein Problem, neue Freunde zu finden!“, hat Papa behauptet, als er mir eröffnet hat, dass wir wegziehen müssen, weil er eine Stelle in einer anderen Stadt angenommen hat.

„Ich will aber keine neuen Freunde, ich will Peter und Alex!“, habe ich gesagt. „Und außerdem ziehe ich nicht mit.“

Ich bin doch mitgezogen. Was hätte ich sonst tun sollen, kann mir das mal einer sagen?

Neue Freunde habe ich nicht gefunden, obwohl ich schon zehn Tage hier bin und die Ferien nächste Woche vorbei sind. Das ist der Gipfel von allem: Vier Wochen Ferien sind mir geklaut worden, weil wir von Bayern nach Hessen gezogen sind und hier die Ferien viel früher anfangen als bei uns. Während Peter und Alex im Ferienlager in den Alpen sind, darf ich schon wieder in die Schule!

Der Junge mit der Narbe geht aus dem Wasser. Drei andere Jungen hinter ihm her. Ich glaube, sie sind älter als ich.

Ich versuche noch mal eine Bahn zu schwimmen, aber ein paar große Kerle paddeln mir im Weg rum und da habe ich keine Lust mehr.

Mit Peter und Alex habe ich manchmal gespielt, wir wären Spione in geheimer Mission und müssten Leute beschatten, ohne dass die es merken.

Ich bin allein im Feindesland eingesetzt, ganz auf mich gestellt. Mein Auftrag ist es, eine bestimmte Person mit kurzen blonden Haaren und einer Narbe an der Backe ausfindig zu machen, einen unverfänglichen Kontakt mit ihr zu knüpfen und ihre Identität festzustellen.

Ich verlasse das Schwimmbecken und schlendere unauffällig über die Liegewiese. Die Person ist nicht zu sehen. Ich prüfe den Kiosk vor der Glaswand, den Gang vor den Umkleidekabinen, die Ballwiese und die Tischtennisplatten. Die Person ist wie vom Erdboden verschluckt. Sehr verdächtig. Ich gehe den Weg an den Rosenhecken entlang und lass mir nicht anmerken, dass ich jemanden suche. Da entdecke ich die Person. Sie hat sich im hintersten Winkel des Freibades zwischen Rosenhecke und Stützmauer mit drei anderen Personen zu einem geheimen Treffen zurückgezogen. Die vier sitzen dicht beieinander und reden, und die Person fasst sich an die Wange und knetet ihre Narbe zwischen Zeige- und Mittelfinger. Dann zeigt sie den anderen einen Gegenstand. Mehr als verdächtig.

Nun weiß ich, dass mein Auftrag viel gefährlicher ist, als ich dachte. Ich bin einer heißen Sache auf der Spur.

Durch die Rosenhecke verdeckt, nähere ich mich gebückt. Als ich auf gleicher Höhe bin, lasse ich mich am Wegrand nieder und tu so, als würde ich die kleinen Kinder im Planschbecken beobachten. Leider quietschen sie so laut, dass ich nicht jedes Wort verstehen kann, das hinter der Hecke gesprochen wird. Die Fetzen, die ich höre, sind sensationell: „Wahrscheinlich in der Burg gefangen – aber der Bannwald – erst mal müssen wir diesen Jungen finden – wenn wir die schwarzen Krieger in einen Hinterhalt locken und mit ihnen kämpfen ...“

Ich bin dabei, eine höchst gefährliche Verschwörung aufzudecken. Es braucht einen Spion meines Kalibers, um dieser Situation gewachsen zu sein.

Damit ich besser hören kann, rutsche ich näher an die Rosenhecke heran. „Au!“ Ich habe mich in die Dornen gesetzt. Und leider so laut geschrien, dass die Verschwörer es gehört haben und allesamt über die Hecke glotzen. Für heute kann ich meine geheime Mission vergessen. Ich humple zu den Umkleidekabinen und ziehe mir die Dornen aus dem Hintern. Daheim wäre mir so was nie passiert.

Ich ziehe meine Shorts über meine Badehose, nehme mein Handtuch und verlasse das Schwimmbad. Vielleicht gehe ich am Abend mit Papa gemeinsam noch einmal schwimmen und wir machen wieder Wettschwimmen, ich Kraulen und er Brustschwimmen, denn im Kraulen ist er so schnell, dass ich mit Hinterherschauen kaum nachkomme. Ich darf einen Startsprung machen und er nicht und er zählt immer erst langsam bis drei, ehe er losschwimmt. Aus Gründen der Chancengleichheit, hat er mir erklärt.

Einmal habe ich ihn schon besiegt, und er hat mir Currywurst mit Pommes und dann noch ein Rieseneis dafür spendiert. Papa hält eine Menge von Sport und ich auch. Er spielt Fußball, Sturmspitze bei uns daheim im Sportverein, ihn hält so leicht keiner auf, und er ist Übungsleiter und Spielertrainer. Sport macht stark und selbstbewusst, sagt er.

Stark auf jeden Fall. Und ich bin immerhin schon ein ganz passabler Mittelfeldspieler, das findet sogar Papa.

Der dicke Nachbar wäscht auf dem Weg zu unseren Reihenhäusern sein Auto. „Grüß Gott“, sage ich, als ich mich an ihm vorbeiquetsche.

„Wenn ich ihn sehe!“, antwortet er und lacht blöd.

Ich merke, dass ich einen roten Kopf bekomme. Habe ich schon wieder vergessen, dass man hier nicht Grüß Gott sagt! Trotzdem, so eine doofe Antwort bräuchte er nicht zu geben!

Kurz darauf klingel ich an unserer Haustür. Während ich warte, dass Mama öffnet, höre ich Anne brüllen. Oder ist es Marie?

Mir ist es ziemlich gleich, welche von beiden brüllt. Es nervt jedenfalls immer. Vor allem nachts, wenn ich wach werde von ihrem Geschrei, weil ich jetzt mein Zimmer direkt neben ihrem habe und nicht mehr im anderen Stockwerk wie daheim, und wenn Mama die brüllende Anne oder Marie oder alle beide dann auch noch über den Flur an meiner Tür vorbeiträgt und in ihr Bett holt, obwohl Anne-Marie ein Zimmer haben, das viel größer ist als meines. In mein Zimmer passen gerade ein Bett und ein Tisch und ein Schrank, nicht einmal Platz für meine Lego-Eisenbahn ist darin.

Ich habe mich bei meinen Eltern darüber beschwert und gesagt, ich will das größere Zimmer haben. Aber da war ich bei ihnen an der falschen Adresse. Weil Anne und Marie zu zweit ein Zimmer haben und ich eines allein, haben sie gesagt. Dabei liegen die zwei ja doch bloß in ihrem Bettchen oder krabbeln einem zwischen den Beinen rum und haben gar nichts von dem vielen Platz. Aber so ist das, seit die Zwillinge da sind. Alles dreht sich um die, bei Mama auf jeden Fall. Dauernd ist sie mit einem von denen zu Gange oder mit beiden gemeinsam und wickelt und füttert und wiegt und singt ihnen Lieder und so.

Früher hat sie sich meistens Zeit für mich genommen und mit ihrem Übersetzen Pause gemacht, wenn ich das mal wollte, und hat mit mir gespielt und mir vorgelesen.

Was soll’s, ich will das eh nicht mehr. So was ist nur für Kleine. Und außerdem, ich hab ja Papa. Wenn der nur noch um Anne-Marie rumhüpfen würde wie Mama und nichts mehr mit mir unternehmen würde, das wäre viel schlimmer. Die letzten Monate, als Papa schon hier gearbeitet hat und wir noch zu Hause gewohnt haben und er nur am Wochenende heimkam, fand ich ziemlich beschissen. Weil er da nur am Samstag Zeit gehabt hat, mal mit mir Fußball zu spielen. Und überhaupt.

Das Brüllen kommt näher. Mama macht endlich die Tür auf, mit dem Ellbogen, denn sie hält Marie im Arm. Ich glaube jedenfalls, dass es Marie ist, so ganz sicher bin ich mir nicht, die beiden sind sich schrecklich ähnlich.

„Bin ich froh, dass du heimkommst“, stöhnt Mama, „du musst mir Anne-Marie abnehmen, Jens, nur für eine Stunde, ja? Wenn du sie im Wagen spazieren fährst, schlafen sie bestimmt bald ein, und ich muss doch morgen die Übersetzung abliefern und bin noch lang nicht fertig und finde meine Akten nicht, weil ich immer noch keine Zeit hatte, meine eigenen Kisten auszupacken. Da, halt mal Marie!“ Damit drückt sie mir meine kleine Schwester in die Hände.

„Ich hab aber keine Zeit“, erkläre ich und setze Marie am Fußboden ab.

„Es wird doch nicht zu viel verlangt sein, wenn ich ein Mal eine einzige Stunde deiner kostbaren Zeit beanspruche!“, schnauzt Mama mich an, hebt Marie wieder vom Boden auf und stopft sie in den Kinderwagen. „Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht, und du bist dir zu gut, mir ein bisschen zu helfen! Du fährst jetzt Anne-Marie spazieren und drehst den Sonnenschirm so, dass sie immer im Schatten sitzen, und bist nicht vor halb fünf zurück, hast du das verstanden?!“

Wenn Mama so gereizt ist, hält man besser den Mund. Sie kann ganz schön ausflippen.

Daheim hat sie nie von mir verlangt, die Zwillinge spazieren zu fahren. Daheim waren Oma und Opa, die sich darum gerissen haben, die beiden von oben bis unten abzuknutschen, und Karin, Mamas Freundin, die immer mal eingesprungen ist, wenn Mama einen Abgabetermin für ihre Übersetzungen hatte, und die behauptet hat, sie passe gern auf Anne-Marie auf.

Mama hat inzwischen auch Anne im Kinderwagen verstaut, schiebt den Wagen zur Haustür raus, mich hinterher und knallt hinter mir die Tür zu. Hat die eine Laune!

Anne und Marie veranstalten einen Wettbewerb, wer lauter brüllen kann. Ich schiebe den Kinderwagen den Berg hinter dem Schwimmbad hinauf. Endlich haben sie sich müde gebrüllt, nuckeln an ihren Daumen und sitzen so friedlich da, als wären sie nicht die reinsten Nervensägen. Ich stell die Lehne tiefer. Wenn sie halb liegen, schlafen sie eher ein. Hoffe ich.

Das hätte mir früher jemand sagen sollen, dass ich einmal Babys spazieren fahre! Zum Glück sehen mich Peter und Alex nicht. Und erst recht nicht dieser Scheiß-Bastian mit seiner Clique. Sonst würden die wieder „Mädchen“ zu mir sagen oder „Weichei“ oder sogar ...

Wenn ich bloß daran denke!

Dabei habe ich mich früher mal mit Bastian ganz gut verstanden. Anfangs habe ich sogar auch zu seiner Clique gehört und es hat mir nichts ausgemacht, dass er der Boss war. Einer muss eben der Boss sein, das war schon okay. Bis er das mit den Mutproben eingeführt hat. Klauen im Supermarkt und solchen kriminellen Schwachsinn – so was mach ich doch nicht mit! Und als ich ihm das gesagt habe, hat er geantwortet: „Hast wohl Schiss, was? Musst erst Mami fragen?“

Dabei war es das gar nicht. Oder höchstens ein bisschen – wegen Papa. Weil der mir gerade kurz vorher wegen einer gewissen anderen kriminellen Sache mächtig eingeheizt hatte und ich nicht unbedingt Lust hatte, das ein zweites Mal auszuprobieren.

Ich habe Bastian bloß geantwortet. „Quatsch! Ich finde es einfach Scheiße.“ Und da hat er das gesagt, das von der „homosexuellen Missgeburt“. Und alle haben es gehört. Und gegrinst.

Ich könnte ihn heute noch umbringen. Aber ich habe einfach nichts gesagt und bin gegangen. Seither habe ich nichts mehr zu melden bei denen.

Na ja, muss ich jetzt ja sowieso nicht mehr.

Aber solche gibt’s hier bestimmt auch. Nur solche wie Peter und Alex nicht, die damals zu mir gesagt haben: „Mach dir nichts draus! Die haben doch nicht mehr alle! Und außerdem sind nämlich wir deine Freunde.“

Die Sonne brennt auf den Weg. Vom Schwimmbad herüber dringen Kreischen und Quietschen. Ich schau hin und sehe, dass sie die Riesenrutsche wieder eröffnet haben.

Ich habe noch meine Badehose unter den Shorts an und meine Dauerkarte in der Hosentasche. Und Anne und Marie schlafen bestimmt gleich ein ...

Ich renne bergab zum Freibad. Die beiden werden im Wagen nur so gerüttelt. Als ich am Schalter ankomme und meine Karte zeige, schlafen sie. „Sind die süß!“, sagt die Frau an der Kasse. Hat die eine Ahnung!

Ich schiebe den Kinderwagen bis in die Nähe der Riesenrutsche, ziehe meine Jeans und mein T-Shirt aus und renne zur Leiter. Die Schlange ist ziemlich lang. Als ich oben auf der Plattform bin, schau ich kurz mal zum Kinderwagen runter. Alles in Ordnung.

Ich rutsche immer wieder. Das Schwimmbad hier ist gar nicht so übel. Wenn man nur nicht so lange anstehen müsste. Als nächster bin endlich ich wieder dran. Vor mir rutscht ein Mädchen, das dauernd bremst. Ich warte, bis es fast unten ist, sonst rutsche ich ihm hinten drauf. Zeit genug, die Aussicht von hier oben zu genießen.

Anne-Marie! An die hab ich ja gar nicht mehr gedacht.

Ich schau zum Beckenrand. Da steht kein Kinderwagen. Auf der Wiese auch nicht -

„Rutsch endlich!“, sagt der Junge, der hinter mir steht, und gibt mir einen Schubs. Ich stolpere, falle, rutsche, stoße mich, plumpse ins Wasser, verschlucke mich, tauche auf, kraule zum Beckenrand, der Kinderwagen, der Kinderwagen -

Ich renne um das Nichtschwimmerbecken, das große Schwimmbecken, den Sprungturm. Kein Kinderwagen, nirgends. Ich trau mich kaum ins Wasser zu schauen, tu’s doch, renn noch einmal ums Becken, immer die Augen im Wasser, dann die Treppe hinunter bis zur Glaswand, stehe da und starre unter Wasser. Wenn ein Kinderwagen drin läge, das müsste ich doch sehen, oder?

Wenn sie entführt worden sind! Es gibt böse Männer, die entführen kleine Kinder und machen ganz schlimme Sachen mit ihnen –

Auch mit Babys?!

Mama dreht durch, wenn sie das erfährt.

Ich renne zum Bademeister und frage ihn nach den Zwillingen. „So einer bist du also!“, sagt er und mustert mich scharf. „Lässt deine kleinen Schwestern einfach stehen. In der Sonne! Einen Hitzschlag hätten sie kriegen können, geschrien haben sie und geschwitzt, aber der Herr Bruder denkt ja nur an sein Vergnügen und schert sich gar nicht darum! Geh ins Büro, dort sind sie! Aber eines sage ich dir, wenn ich dein Vater wäre, dann würde ich dir -“

„Danke“, murmle ich schnell und renne davon. Auf einen Vater wie den kann ich verzichten. In der Nähe der Umkleidekabinen höre ich sie schon schreien, Anne-Marie. Ich stürze ins Büro, eine Frau ist bei Anne-Marie und schaukelt den Kinderwagen.

„Das sind meine Schwestern“, sage ich, schnappe mir den Kinderwagen und ehe sie auch noch etwas sagen kann, schiebe ich Anne-Marie schnell zur Umkleide, schlüpfe in meine Kleider und rase mit den beiden nach Hause.

Die Haustür geht auf. Mama hat mich vom Küchenfenster aus gesehen. „Du warst lang weg, ich hab richtig was geschafft in der Zeit, Dank dir, das hat gut getan“, sagt sie, und dann sieht sie mich an und stutzt und sagt: „Mein Gott, Jens, was ist denn mit dir, du bist ja ganz aufgelöst!“, und sie zieht mich an sich und streichelt meine Haare. Anne und Marie wollen aus dem Wagen raus, aber Mama drückt mich immer weiter und sagt: „Ist ja gut! Ich bin ja bei dir!“ und „Was ist denn passiert?“

Da erzähle ich ihr alles und sage, es war meine Schuld, aber Mama sagt, nein, es war ihre Schuld und es tut ihr leid, und dann füttern wir beide die Zwillinge mit dem Grießbrei, den Mama gekocht hat, ich füttere Anne und sie füttert Marie.

Anne greift immer wieder nach dem Löffel, ich lasse ihn ihr und sie schmiert sich den Brei um den Mund und lacht mich an, so lang, bis ich zurücklachen muss, und dann esse ich den ganzen Rest und kratze sogar noch den Topf aus, denn Grießbrei ist der einzige Brei, den ich mag.

2

„Willst du wirklich deine Lego-Eisenbahn auf dem Flohmarkt verkaufen?“, hat Mama gefragt und mich zweifelnd angesehen.

„Was soll ich denn machen, wenn mein Zimmer in diesem blöden Haus hier zu klein ist, um Eisenbahn zu spielen!“, habe ich geantwortet und meine Loks und Waggons in die Kiste gepackt.

„Hör mal, Jens, lass uns darüber nochmal reden“, hat sie gesagt, aber ich hab meine Kiste genommen und bin damit zu meinem Fahrrad gegangen. Damit meine Eltern wenigstens einmal merken, was sie mir angetan haben.

Doch wie meine Züge da jetzt so vor mir auf der Decke mitten auf dem Rathausplatz stehen, auf dem der Flohmarkt stattfindet, merke ich, dass ich es nicht kann: sie verkaufen. Ein Mädchen bleibt vor meiner Decke stehen und fragt, was eine Lok kostet. Schnell nenne ich einen Preis, der höher als eine neue Lok ist, und sie tippt sich an die Stirn und geht weiter zu dem dürren weißhaarigen Mann neben mir. Rollenspiel-Sachen bietet der an: Kettenhemden wie von Ritterrüstungen aus dem Mittelalter, Schwerter und Dolche, die echt aussehen, aber nur aus Kunststoff oder so was sind, und merkwürdige Hüte und Umhänge, wie ich sie von Flo kenne, Peters großem Bruder.

Flo ist bei einer Gruppe, die Live-Rollenspiele macht, richtig echte Abenteuer in Kostümen mit Kämpfen und allem. Aber manchmal spielen sie auch Rollenspiel-Abenteuer aus einem Heft, nur in der Phantasie und mit Würfeln. Am Anfang der Ferien, als seine Freunde alle verreist waren, hat er uns die Regeln beigebracht, wie man das macht. Er war der Meister, der die Aufgabe stellt und aus dem Heft die Geschichte kennt und die Personen spielt, denen die Helden im Abenteuer begegnen. Wir haben uns aussuchen können, was für Typen wir sein wollten, und haben nach den Regeln und mit Würfeln unsere Charaktere erstellt, das heißt festgelegt, wie wir so sind und was wir können und was nicht. Ich war ein Streuner in zerlumpten Kleidern und konnte klauen, ohne dass es jemand gemerkt hat, und mit dem Dolch kämpfen oder von hinten einem eins überbraten und ganz klasse die Leute reinlegen mit den tollsten Taschenspielertricks und kannte keine Skrupel. Ein ziemlich fieser Charakter, aber es war lustig, ihn zu spielen und zu tun, als wäre man so.Wir haben uns gegenseitig erzählt, was wir machen, und versucht, unsere Aufgabe gemeinsam zu lösen. In einem Land, in dem es so ähnlich zuging wie im Mittelalter – nur irgendwie magischer, mit Elfen, Zwergen und Zauber und so –, mussten wir den Stein der Weisen finden und eine Stadt befreien, und ob wir beim Kämpfen gewonnen haben, hing von unseren Stärkepunkten und unserer Geschicklichkeit ab und von unserem Glück beim Würfeln. Aber als wir mittendrin waren und es so richtig Spaß gemacht hat, bin ich weggezogen.

Drei Jungen bleiben bei dem alten Mann vor dem Stand stehen und scheinen ganz begeistert zu sein. Einer von ihnen ist der Blonde mit der Narbe, die beiden anderen habe ich mit ihm im Schwimmbad gesehen, nur der vierte fehlt. „Cool!“, sagt der Blonde mit der Narbe. Er nimmt ein Schwert, fuchtelt damit in der Luft herum und tut so, als wollte er seinem rothaarigen Freund den Kopf abschlagen. „Krass! Genau das, was ich brauche!“

„Heh, eine echte Gauklermütze für mich!“, sagt der dritte und zieht sich ein buntes Ding mit mehreren Zipfeln und Schellen über den Kopf.

Der Rothaarige mit den vielen Sommersprossen greift nach einem Bogen und Pfeilen mit Saugnäpfen statt Pfeilspitzen: „Und das wäre das Richtige für mich! Was kostet das?“

„Das Schwert ist für 40 Mark zu erstehen, Pfeile und Bogen für 50 Mark, die Mütze für 20“, erklärt der Alte.

„Schade, das können wir uns nicht leisten!“, seufzt der Blonde und reibt seine Narbe zwischen Zeige- und Mittelfinger, das scheint so eine Angewohnheit von ihm zu sein. Die anderen nicken und wiederholen: „Schade!“

Der Alte beobachtet die drei ziemlich scharf, wie sie mit den Sachen herummachen. Dann scheint er zu überlegen. Er kratzt sich am Ohr. Merkwürdige Ohren hat der, irgendwie so spitz. „Ihr seid begierig, die Dinge zu erstehen?“, fragt er.

Sie nicken und sagen, dass sie Rollenspieler sind.

„Rollenspieler?“, wiederholt der Mann, als hätte er das Wort noch nie gehört.

„Klar“, sagen alle wie aus einem Mund und nicken wieder. Und der mit der Narbe stellt vor: „Ich bin ein Krieger und der da ist ein Gaukler und der ist ein Jäger. Wir haben auch einen Magier in unserer Gruppe, aber bei unserem jetzigen Abenteuer macht er den Meister, der nicht mitspielt, sondern alles anleitet, und heute ist er nicht da, weil er im Euro-Disney-Land in Paris ist.“

„Der Ärmste“, kommentiert der mit der Gauklermütze und grinst.

„Bisher haben wir nur nach Heften und mit Würfel gespielt, doch wir würden auch gerne Kostüme und Waffen haben, die zu unseren Rollen passen. Aber bei den Preisen ...“

Der Alte schaut sie noch einmal so seltsam an. „Aufgemerkt! Ich gebe euch die Gegenstände wohlfeil für den halben Preis! Und die Kugel hier überlasse ich euch für eueren Magier. Als magische Kugel!“ Damit hält er ihnen eine Glaskugel hin.

Der hat vielleicht eine komische Art zu reden!

„Krass!“, sagen die Jungen und „Stark!“ und „Danke!“

Ich hätte ja alles für möglich gehalten, aber nicht, dass der Alte so nett ist und ihnen sogar noch etwas schenkt.

Ein Krieger, ein Jäger und ein Gaukler. Vielleicht könnten sie noch einen Streuner brauchen in ihrer Gruppe?

Der Alte drückt den Jungen die Sachen in die Hand und als sie fragen, was man mit einer magischen Kugel macht, lächelt er ganz merkwürdig und erklärt: „Begebt euch an einen verborgenen, geheimen Ort, dort reibt die Kugel und dreht sie dreimal“ Die Jungen tun so, als wäre es ihnen ganz ernst damit. Dann zahlen sie und gehen zu ihren Fahrrädern.

Der alte Mann schaut ihnen lange nach, mit so einem merkwürdigen Lächeln um den Mund. Dann sieht er mich an. Er hat sehr helle, durchdringende Augen. Und einen Blick ...

Plötzlich kriege ich eine Gänsehaut. Und schaudere zusammen. Ich glaube, es war doch kein guter Kauf, den die Jungen gemacht haben.

„Was kostet denn deine Lego-Eisenbahn?“, fragt mich eine Frau. An ihrer Hand zappelt ein kleiner Junge herum.

„Die ist schon verkauft“, antworte ich, lege die Sachen schnell in meinen Karton zurück, raffe die Decke zusammen und renne zu meinem Fahrrad. Die Jungen radeln eben um die Ecke des Platzes davon. Ich zurre die Kiste auf dem Gepäckträger fest und fahre auch los. Ich trete fest in die Pedale. Tatsächlich, da vorn sind sie. Sie fahren immer geradeaus, am Schwimmbad und unseren Reihenhäusern vorbei und dann den Weg in den Wald.

Ein paar Minuten fahren sie durch den Wald, ich mit großem Abstand hinterher. Sie halten bei einer alten runden Mauer etwas abseits vom Weg an und verstecken ihre Fahrräder so im Gebüsch, dass man absolut nichts von ihnen sehen kann. Dann verschwinden sie hinter der Mauer. Das Schwert, die Mütze, Pfeil und Bogen und die Kugel haben sie mitgenommen.

Ich steige vom Fahrrad und warte. Ich kenn die Stelle dort vorn. Ein bisschen unheimlich ist sie: ein alter Brunnen, in den man auf einer Steintreppe wie in einen dunklen Turm hinabsteigen kann, und unten ist eine kleine Quelle, aus der aber fast kein Wasser kommt.

Soll ich zu ihnen hingehen und ihnen sagen, dass ich gern mitspielen würde? Aber sie sind längst mitten in einem Abenteuer. Und sie sind untereinander alle befreundet und warten nicht gerade auf mich. Und wollen nicht entdeckt werden, sonst hätten sie ja ihre Räder nicht so gut versteckt. Da kann ich doch nicht einfach in den Brunnen runtersteigen und sagen: Hallo, ich komm grad so zufällig hier vorbei und zufällig möchte ich gern mitspielen ...

Ich drehe mein Rad wieder um und fahre heim.

Die Lego-Eisenbahn verstecke ich in der Garage. Damit ich meinen Eltern sagen kann, ich hätte sie wirklich verkauft. Damit sie ein schlechtes Gewissen kriegen wegen dem Zimmer und dem Umzug. Endlich einmal.

3

Heute ist der letzte echte Ferientag und ich wollte noch einmal so richtig ausschlafen. Aber jetzt liege ich hier rum und werde immer wacher.

Nur noch ein Ferientag. Dann kommt das Wochenende und dann muss ich in die Schule. In eine neue Schule, in der ich kein Aas kenne. Scheiße.

Wenn ich nur dran denke, wie alle grinsen, falls ich aus Versehen „Grüß Gott“ sage! Oder wenn sie an meiner Aussprache hören, dass ich aus Bayern komme.

Außerdem ist es eine Gesamtschule, die dreimal so groß ist wie das Gymnasium, auf das ich bisher gegangen bin.

Papa hat gestern Abend gemeint, ich soll froh sein, die neue Schule ist bestimmt leichter als meine alte. „Vielleicht wirst du jetzt sogar Klassenbester“, hat er gesagt und gelacht.

Der hat ja keine Ahnung.

In einer Gesamtschule sind furchtbar viele Schüler, glaube ich jedenfalls. Bestimmt auch solche wie die Großen, mit denen ich daheim im Schulbus fahren musste.

„Ich will überhaupt nicht Klassenbester werden, da hat man bei den anderen doch gleich verschissen!“, habe ich zu Papa gesagt. „Und ich will nicht in so eine blöde Gesamtschule mit lauter doofen Kerlen, die ich nicht kenne! Und neue Freunde, wie du behauptet hast, habe ich hier übrigens auch nicht gefunden!“

„Meine Güte, Jens“, hat er geantwortet und mich mit diesem Kopfschütteln angesehen, bei dem ich immer so ein flaues Gefühl im Magen kriege, „reiß dich zusammen, ich kann es nicht mehr hören! Bist du eine Junge oder ein Jammerlappen? Es gibt noch mehr Kinder, die umziehen und die Schule wechseln müssen, und die stellen sich auch nicht so an! Sprich ein paar Jungen an, die nett aussehen, und sag, dass du mitspielen willst, dann ist die Sache doch gelaufen!“

Ich bin aufgestanden und gegangen. Auf der Treppe habe ich gehört, wie Mama zu Papa gesagt hat: „Musste das jetzt sein mit deinen Machosprüchen? ‚Jammerlappen‘ – also wirklich! Der Umzug ist nicht leicht für ihn.“

„Weiß ich. Aber je eher er lernt, mit Schwierigkeiten fertigzuwerden, desto besser!“, hat Papa geantwortet. „Er ist viel zu ...“

Da habe ich meine Tür hinter mir zugezogen und bin ins Bett gegangen. Weil ich nicht hören wollte, was er sonst noch alles über mich sagt. Denken kann ich es mir sowieso. Ich glaube, manchmal wünscht sich Papa einen anderen Sohn als mich.

Einen zum Beispiel, der mit solchen Kerlen fertig wird wie mit diesen Großen an unserer Bushaltestelle. Die immer damit angegeben haben, wie viel sie wieder gesoffen haben, und die geraucht haben und mir den Rauch direkt ins Gesicht geblasen haben. Und die sich vorgedrängelt und mich nie vor sich in den Bus gelassen haben, sodass ich keinen Sitzplatz gekriegt habe, auch wenn ich viel eher da war als sie. Und die gesagt haben: „Was willst du hier, ey!“, wenn ich mich bei schlechtem Wetter ins Wartehäuschen stellen wollte, und dann auch noch gemein gelacht haben, wenn ich nass geregnet war, und verlangt haben, dass ich ihnen Geld gebe, damit sie sich Zigaretten aus dem Automaten ziehen können, und es mir natürlich nie zurückgegeben haben. Und mich, als ich kein Geld mehr hatte, in eine Pfütze gestoßen haben, dass ich reingefallen bin, und dann auch noch nachgetreten haben, bis ich geheult habe. Und dann gesagt haben: „Beim nächsten Mal gibt es mehr, Heulsuse!“

Ich habe es Papa erzählt und ihm gesagt, dass ich nicht mehr Schulbus fahren will. Da ist Papa am nächsten Morgen mit mir zur Bushaltestelle und hat die großen Jungen zur Rede gestellt, er allein gegen die alle. Ganz ruhig hat er sie angesehen und gesagt: „Ihr seid das also, die es nötig haben, Jüngere zu drangsalieren! Versucht euch doch zur Abwechslung mal an jemandem, der euch gewachsen ist! Wie wäre es zum Beispiel mit mir?“

Sie haben einfach nichts gesagt und versucht, coole Gesichter zu machen, aber so ganz gelungen ist ihnen das nicht. Da ist Papa ziemlich scharf geworden: „Wenn ich noch ein Mal höre, dass ihr die Kleineren abzockt oder fertig macht, dann setze ich mich im Sportheim mal zu euren Vätern an den Tisch und erzähle ihnen was über euch. Ich kann mir ganz gut vorstellen, was sie von Söhnen halten, die sich an Schwächeren austoben!“ Die Jungen haben ziemlich betreten geguckt, denn sie wussten, dass Papa ihre Väter kennt, vom Sportverein. Und dass er dort viel gilt. Papa war nämlich Vorsitzender vom Sportverein und hat in unserem Dorf einfach jeden gekannt.

Am Abend habe ich ihm gesagt, dass mich die Großen im Bus haben hinsetzen lassen, und mich bei ihm bedankt und er hat geantwortet: „Wozu hat man denn einen Vater!“ Doch dann hat er mich ganz nachdenklich angesehen und gesagt: „Aber weißt du, ich kann so was nicht immer für dich erledigen. Du musst lernen, dich selbst durchzusetzen. Solche Kerle, die es auf Schwächere abgesehen haben, hält man sich am besten vom Leib, indem man keine Feigheit kennt. Selbstbewusstsein zeigt. Und niemals heult, auch nicht, wenn’s weh tut!“

Seither habe ich Papa nichts mehr davon erzählt, wenn es wieder mal welche auf mich abgesehen hatten.

Inzwischen bin ich hellwach. Aber zum Aufstehen habe ich trotzdem keine Lust. Also denke ich mir eine Geschichte aus: Wie ich mit Papa ganz allein eine unbekannte Höhle erforsche und er mich an einem Seil einen tiefen Schacht hinunterlässt und dann selber an dem Seil hinterherklettert, aber das Seil reißt und Papa stürzt ab und bricht sich das Bein und kann sich nicht mehr vom Fleck rühren, aber ich sage: „Keine Angst, Papa, ich hol dich hier raus!“ Und weil es unmöglich ist, ohne Seil den Schacht wieder hinaufzuklettern, erforsche ich die Höhle immer weiter und komme an einen unterirdischen Fluss, dem folge ich, aber dann wird es zu eng und ich muss im Wasser schwimmen und komme durch einen niedrigen Kanal, in dem ich tauchen muss und fast ertrinke, aber dann werde ich im Fluss aus der Höhle hinausgespült, draußen ist finstere Nacht und ich bin mitten im Wald, aber ich renne einfach immer den Fluss entlang, denn ich muss ja Papa retten, und endlich komme ich an ein Haus und klingle einen Mann heraus, der sehr wütend ist, weil ich ihn mitten in der Nacht wecke, aber ich laufe nicht weg und sage ihm, dass er die Polizei anrufen muss, und dann warte ich auf die Bergwacht und die Sanitäter und zeige ihnen die Höhle und die Stelle, wo Papa abgestürzt ist, und als sie ihn hochgezogen haben und er auf der Bahre liegt, nimmt er meine Hand und sagt: „Danke, mein Junge. Du hast mir das Leben gerettet“, und ich sage: „War doch klar!“

Was ist das eigentlich für ein Krach da draußen? Ein Hubschrauber? Es hört sich fast an, als stehe er über unserem Haus.

Ich räkle mich noch einmal, dann quäle ich mich aus dem Bett und zieh Shorts und T-Shirt an. Hat ja doch keinen Zweck, noch länger liegenzubleiben.

Barfuß gehe ich in die Diele hinunter. Unten sitzen Mama und Papa am Frühstückstisch. Jeder hat einen der Zwillinge auf dem Schoß.

„Du bist schon auf?“, fragt Mama und schaut mich groß an.

„Wie soll man denn schlafen bei so einem Krach!“, antworte ich, nehme mir einen Becher aus dem Schrank und schenke mir Milch ein. „Haben wir jetzt einen privaten Flughafen, oder was?“

Papa schüttelt den Kopf: „Leider ist das Ganze gar nicht lustig. Das mit dem Hubschrauber ist die Polizei, sie sucht nach drei vermissten Jungen. Ich hab es vorhin beim Bäcker gehört und im Radio kam es auch schon. Die Jungen sind seit gestern Mittag vermisst, erst haben ihre Eltern das nicht weiter ernst genommen, jeder hat gedacht, sie wären bei dem andern, aber als sie nun nachts nicht nach Hause gekommen sind ...“

„Die armen Eltern“, meint Mama. „Ich würde wahnsinnig vor Angst. Obwohl es ja wahrscheinlich gar nicht so schlimm ist, wie es aussieht. Drei Jungen auf einmal! Ich glaube nicht, dass drei Jungen gemeinsam etwas zugestoßen ist. Das Ganze ist bestimmt bloß ein Dummejungenstreich, vielleicht haben sie im Wald übernachtet und in ein, zwei Stunden stehen sie vor ihren Haustüren und können die ganze Aufregung gar nicht verstehen.“

„Jens, dass du dir nie einfallen lässt, über Nacht einfach wegzubleiben, ohne uns Bescheid zu geben!“, droht Papa.

„Ich bin doch nicht blöd“, murmle ich. Obwohl, zu gönnen wäre es ihnen schon, dass sie sich mal so richtig Sorgen um mich machen würden ...

„Übrigens sind die drei gestern Vormittag auf dem Flohmarkt zum letzten Mal gesehen worden. Vielleicht hast du sie ja auch bemerkt, Jens?“, fragt Mama. „Du hast uns doch erzählt, dass du dort deine Lego-Eisenbahn verkauft hast!“

Drei Jungen auf dem Flohmarkt? Plötzlich klopft mein Herz. Trotzdem zucke ich bloß die Achseln. „Und wenn schon. Ich wüsste es ja gar nicht, wenn es so wäre.“

„Sie sind zwischen zwölf und dreizehn Jahren alt“, sagt Papa. „Und einer von ihnen, der übrigens hier in der Straße wohnt, hat eine Narbe im Gesicht. Eine Klassenkameradin hat beobachtet, wie sie auf dem Rathausplatz bei einem alten Mann irgendwelchen Krempel gekauft haben. Danach wurden sie von niemandem mehr gesehen. Die Polizei sucht jetzt nach dem Mann, aber es scheint, dass keiner ihn kennt. Himmel! Meine Straßenbahn!“ Er springt auf, drückt Mama Anne auf den Schoß, nimmt seine Aktentasche, ruft im Rausgehen: „Übrigens, Jens, heute Abend toben wir beide uns mal mit den Rädern aus, zur Burg hoch, ja?“, und weg ist er.

Ich starre ihm nach.

Nicht wegen dem Fahrradfahren auf die Burg. Das ist okay, auch wenn der Burgberg ganz schön steil ist, aber mit meinem Mountainbike schaffe ich das schon, Papa und ich unternehmen öfter solche Sachen, und das finde ich echt cool. Doch daran zu denken habe ich jetzt keine Zeit.

Die drei Jungen -

Ich weiß, wo sie hingefahren sind, nach dem Flohmarkt. Vielleicht war ich der Letzte, der ...

Soll ich zur Polizei gehen?

Aber der Brunnen war bestimmt das Geheimnis der Jungen, und wenn sie nun in Wirklichkeit gar nicht in Gefahr sind, wenn die drei nur ein Abenteuer erleben in ihrem Rollenspiel und es gerade ganz spannend ist, und dann kommt die Polizei und scheucht sie aus dem Brunnen, und ich bin schuld daran -

Dann kann ich es vergessen, dass ich jemals mit ihnen mitspielen kann.

Ob ich Mama frage?

Da klingelt das Telefon. Ich gehe hin. Es ist Karin, Mamas Freundin von daheim. Ich gebe Mama den Hörer. Wenn Mama mit Karin telefoniert, dauert es ewig. Ich kenn das.

„Ich geh mal kurz weg!“, sage ich. Mama nickt und winkt mir zu. „Stell dir vor, was hier in der Nachbarschaft passiert ist“, erzählt sie Karin. „Drei Jungen sind über Nacht ...“

Ich ziehe die Tür hinter mir zu. Ehe ich etwas unternehme, muss ich wissen, ob die drei noch in dem Brunnen sind. Ob sie vielleicht gar nicht gefunden werden wollen.

Ich nehme mein Fahrrad und radle den Weg durch den Wald zum Brunnen. Der Hubschrauber hat inzwischen abgedreht. Ein Stück vor der alten Mauer steige ich vom Rad und lehne es an einen Baum. Stimmen höre ich nicht. Ich schlage die Zweige zurück und spähe durchs Gebüsch. Tatsächlich, dort liegen drei Fahrräder. Vorsichtig nähere ich mich dem Brunnen. Schaue über die Mauer.

Es geht ein paar Meter hinunter. Unten ist es duster. Aber nicht zu duster, um nicht erkennen zu können, dass sich hier kein Mensch aufhält. Schon gar nicht drei Jungen.

Aber – liegt dort nicht etwas am Boden und glänzt?

Ich gehe um die Mauer herum bis zum Eingang in den Brunnenschacht, steige die alte Steintreppe hinunter.

Plötzlich schaudere ich zusammen.

Ich sollte umkehren und zur Polizei gehen. Oder Mama alles erzählen. Oder Papa anrufen in seinem Büro.

Aber erst muss ich wissen, was da glänzt.

Am Fuß des Brunnenschachtes entspringt die Quelle. Nur ein ganz kleines Bächlein, das aus einem steinernen Löwenkopf rinnt, ein paar Schritte den Schacht durchfließt und durch ein Loch auf der gegenüberliegenden Seite wieder verschwindet. Vielleicht war es nur das Wasser, was ich von oben glitzern gesehen habe?

Nein, da ist etwas: eine Kugel aus Glas. Ich bücke mich und hebe sie auf, drehe und wende sie in meinen Händen. Ich kenne sie. Es ist die Kugel, die der alte Mann den Jungen geschenkt hat für ihren „Magier“.

Sie sieht aus wie eine große Christbaumkugel ohne Aufhänger. Man braucht schon eine Menge Phantasie, um sie für eine magische Kugel zu halten. Aber hier unten im Dustern ...

Noch einmal drehe ich sie hin und her und sehe, wie das schwache Tageslicht, das durch das Blätterdach in den Schacht fällt, sich darin spiegelt. Ich reibe sie ab, bis sie ganz sauber ist. Da, plötzlich –

Ist mir schlecht!

Und schwarz wird mir vor Augen, ich kann gar nichts mehr sehen, ich schwanke, fall auf die Knie –

So kotzübel war mir noch nie in meinem Leben. Ich knie da, die Hände vor dem Gesicht, und hoffe nur, dass es vorübergeht.

Es geht vorüber. Puh. Als wäre nichts gewesen.

Da merke ich, dass ich nass bin. Mehr noch, dass ich im Wasser knie. Ich nehme die Hände herunter.

Die Quelle! Sie war doch eben noch nur ein kleines Rinnsal, ein Bächlein, das durch das Loch im Brunnenschacht davonfloss, und nun steht mir das Wasser bis zu den Hüften.

Vielleicht war das gerade ein Erdbeben und jetzt fließt plötzlich viel mehr Wasser aus der Quelle und ich muss aufpassen, dass ich nicht ertrinke. Schnell die Stufen rauf, aus dem Brunnen raus! Ich nehme immer zwei Stufen auf einmal, komme oben an und –

Mein Fahrrad ist weg. Und nicht nur das. Alles kommt mir plötzlich ganz anders vor. Der Wald viel dunkler und dichter. Und der Weg nicht mehr geteert, sondern nur ein schmaler Pfad, der von Pferden zertrampelt ist.

Es ist, als würden lauter Ameisen auf meiner Haut krabbeln, auf dem Rücken, den Beinen, überall. Und auch in meinem Bauch.

Es kann nicht sein.

Ich renne los. Bis zum Ort und unserem Haus ist es nicht weit, keine zehn Minuten. Wenn nicht -

Ich renne und komme außer Atem und renne immer weiter. Ich müsste längst am Ortsanfang sein und das Schwimmbad sehen. Aber da kommt kein Ort und kein Schwimmbad. Hier ist einfach nur Wald.

Wenn jetzt Papa da wäre. Der würde nicht durchdrehen. Der würde sagen: „Es gibt immer einen Ausweg.“ Mit dieser festen, gelassenen Stimme, die er hat, wenn es brenzlig wird.

Bestimmt bin ich vom Brunnen aus in die verkehrte Richtung gelaufen. Wahrscheinlich war da eine Kreuzung, die ich nicht bemerkt hatte. Und ich habe einfach den falschen Weg erwischt.

Ich drehe um und laufe zurück. Meine Füße tun weh, ich habe ja keine Schuhe an, und immer wieder drücken Steine in meine nackten Fußsohlen.

Meine Güte, Jens, reiß dich zusammen! Bist du ein Junge oder ein Jammerlappen?

Auch wenn meine Füße gleich bluten, ich laufe weiter. Ich will den richtigen Weg finden. Ich muss.

Ich komme wieder am Brunnen an. Nein, hier gibt es keine Kreuzung. Hier führt nur dieser eine Weg vorbei, dieser Weg, der ganz anders aussieht als vorhin. Ich setze mich auf eine Treppenstufe und versuche nicht zu –

Ein Junge heult nicht, das ist sowieso das Allerletzte. Sagt Papa.

Ich beiße mir in den Knöchel meines Zeigefingers, bis es richtig weh tut. Dann renne ich wieder los. Diesmal in die andere Richtung.