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Er konnte es nicht glauben, dass er von zu Hause weggehen musste, ganz alleine mitten unter die Feinde … Als der Fürstensohn Niklot als Geisel an den fernen Königshof in Starigard ziehen muss, schenkt ihm Dragomira zum Abschied ihre Halskette. Doch gerade diese Kette wird ihm beinahe zum Verhängnis. Ein spannendes Abenteuer bei den Slawen Norddeutschlands im frühen Mittelalter.
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Seitenzahl: 235
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Gabriele Beyerlein ist seit 1987 freie Schriftstellerin und hat mehr als dreißig Bücher für Kinder, für Jugendliche und für Erwachsene veröffentlicht, darunter zahlreiche in der Vergangenheit spielende Jugendromane, in denen sie eine spannende Handlung mit historischer Genauigkeit verbindet. Ihre Bücher standen wiederholt auf Nominierungslisten für Literaturpreise. Sie erhielt den Heinrich Wolgast Preis 2008 und den Gerhard Beier Preis 2010.
Gabriele Beyerlein hat Psychologie studiert, promoviert und in der sozialwissenschaftlichen Forschung und Lehre gearbeitet. Nachdem sie ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckt hatte, machte sie sich als Autorin selbstständig. Sie lebt heute in Darmstadt.
Die Autorin dankt dem Archäologen Dr. Ingo Gabriel, der die Ausgrabungen an der Starigard in Oldenburg (Schleswig-Holstein) geleitet hat, für seine sachkundige Beratung und das Nachwort zu diesem Buch im Jahr 1989, sowie dem Leiter des Oldenburger Wallmuseums, Dr. Stephan Meinhardt, für die freundliche Unterstützung bei der vorliegenden überarbeiteten Neuauflage des Buches im Jahr 2015.
www.gabriele-beyerlein.de
www.facebook.com/gabriele.beyerlein.autorin
Eine Erzählung
von den Slawen Norddeutschlands
im frühen Mittelalter –
mit einem Nachwort von Dr. Ingo Gabriel
Stammesnamen im Großstamm der Wilzen
Zirzipanen
Kessiner
Redarier
Tollenser
Stammesnamen im Großstamm der Abodriten
Wagrier
Polaben
Abodriten
Warnower
Personen der Wilzen
Milegost, zirzipanischer Fürst, Heerführer der Wilzen
Niklot, sein Sohn
Dragomira, seine Ziehtochter, entfernte Nichte seiner Frau
Stojgnew, sein verwundeter Bruder
Werchomil, sein verstorbener Vetter
Personen der Abodriten
Pribyslaw, Großkönig der Abodriten
Kruto, König der Wagrier
Sedrag, sein älterer Sohn
Grin, sein jüngerer Sohn
Gnewosch, Waffenmeister, Erzieher von Sedrag und Grin
Anatrog, wagrischer Fürst
Luborad und Ratimir, Gefolgsmänner von Anatrog
Teschimir, wagrischer Burgherr
Slawomira, Tochter eines Töpfers
Rochel, Lehrbub eines Silberschmiedes
Dobrawa, junge Bäuerin nahe Anatrogs Burg
Budiwoj, Bauer, der Kriegsdienst leisten muss
Burgnamen
Starigard, Burg König Krutos (im heutigen Oldenburg in Schleswig-Holstein)
Weligard, Burg des Großkönigs Pribyslaw (im heutigen Ort Mecklenburg südlich von Wismar)
Die Burg des Milegost, Zentralburg der Zirzipanen, lag im Teterower See östlich von Güstrow.
Die Handlung spielt vor mehr als tausend Jahren, in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts, in Norddeutschland, und zwar im heutigen Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein.
Alle handelnden Personen sind frei erfunden, also nicht mit historisch überlieferten Personen gleichen Namens identisch.
Teil 1
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Teil 2
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Teil 3
Kapitel 1
Kapitel 2
Phantasie oder Realität? Nachwort von Dr. Ingo Gabriel, Ausgräber der Starigard, zur Erstveröffentlichung des Buches im Jahr 1989
Niklot sprang vom Pferd. Er band die Zügel am Ast einer Eiche fest und wollte Dragomira vom Pferd helfen, aber sie war schon abgestiegen. Nun raffte sie ihr langes besticktes Oberkleid und steckte den Saum in ihren Gürtel. Mit dem Unterkleid machte sie es ebenso. Als sie auch noch die Schleifen ihrer weichen Lederschuhe löste, sagte Niklot: »Du wirst frieren! Der Boden ist schon kalt.«
Dragomira streifte die Schuhe ab und sagte: »Lieber kalte Füße als verdorbene Kleidung! Bei dir fragt ja keiner danach, wenn du schmutzig nach Hause kommst.«
Belustigt betrachtete Niklot ihre nackten Beine und lachte: »Stimmt! Meine Mutter dürfte dich nicht so sehen! Wie ein Edelfräulein schaust du nicht gerade aus.«
Dragomira verzog das Gesicht. »Es gibt nichts Langweiligeres, als immer ein Edelfräulein zu sein! Was ist, hältst du nun dein Versprechen und zeigst mir, wie man zu der alten Burg kommt?«
»Natürlich. Warte, ich hole nur noch die Bretter, die ich hier im Gebüsch versteckt habe.«
Niklot kroch in die Hecke an der Böschung und zog zwei lange Bretter hervor. Er lud sie sich auf die Schulter und ging vor Dragomira her zwischen den Bäumen den Hang hinab. Am Rand der sumpfigen Niederung blieb er stehen.
Die Nachmittagssonne schien ihm ins Gesicht. Rotgolden verzauberte sie das Schilf, tauchte den Sumpf in ihr warmes Licht und ließ das Laub der hier und da zwischen dem Röhricht wachsenden Erlen und Birken leuchten. Dunkel ragte mitten im Sumpf der Ringwall in den klaren Herbsthimmel.
»Und du bist sicher, dass man dort hinübergelangen kann?«, fragte Dragomira zweifelnd.
»Wenn ich es dir sage! Man muss nur wissen, wo der alte Bohlenweg verläuft, der früher die Burg mit dem Land verbunden hat. Er ist noch sehr gut erhalten, bloß so überwachsen, dass man ihn kaum sehen kann, wenn man nicht weiß, wo er ist. Aber im Sommer, als das Labkraut geblüht hat, war er leicht zu erkennen, denn das wächst nur auf dem Weg, nicht im Sumpf. Das hat mir der alte Pferdeknecht verraten, und so habe ich den Weg gefunden. Nur der Anfang ist schwer, da ist der Weg zerstört, aber dafür haben wir ja die Bretter! Ich weiß zwei Pfosten, die von der alten Wegbefestigung übrig geblieben sind, die kann ich als Auflager verwenden. Wenn du freilich nicht willst …«
»Wer sagt, dass ich nicht will! Geh voraus!«
Niklot ging auf die umgestürzte Erle zu, deren Wipfel halb im Sumpf versunken war. Drei Schritte weiter rechts begann der Bohlenweg. Auf den ersten Blick sah Dragomira nichts als Schilf und Sumpfgewächse, doch dann fiel ihr die Erhebung auf, die sich wie die Andeutung eines Dammes durch den Sumpf zog. Niklot legte ein Brett vom festen Boden zu den beiden Pfosten, die nebeneinander ein Stück aus dem Sumpf herausragten. Vorsichtig trat er auf das Brett. Es schwankte, aber es hielt. Er balancierte darauf und legte das zweite Brett zum Anfang des ehemaligen Bohlenweges. Dann kehrte er zu Dragomira zurück, nahm einen geflochtenen Lederriemen und schlang ihn Dragomira um die Körpermitte.
»Was soll das?«, fragte das Mädchen.
»Besser ist besser. Nur für den Fall, dass du einen falschen Schritt machst oder auf dem Brett ausrutschst!«, antwortete Niklot und befestigte das andere Ende an seinem Gürtel.
»Du bist fürsorglich wie eine Kindsmagd!«, spottete Dragomira, aber ihre Augen lächelten ihm liebevoll zu.
Niklot spürte, wie seine Wangen heiß wurden. Wenn Dragomira ihn so ansah, dann war es um seine Fassung geschehen. Rasch wandte er sich ab und trat auf die behelfsmäßige Brücke.
Als er das zweite Brett erreicht hatte, drehte er sich um. »Komm!«, sagte er. Er bot Dragomira seine Hand nicht zur Unterstützung an. Er wusste, sie würde sie zurückweisen. Vorsichtig und langsam ging er voran, bahnte sich einen Weg durch die dichten Pflanzen. Er musste darauf achten, nicht von der alten Straße abzukommen, die man mehr ahnen als erkennen konnte, aber beruhigend fest spürte er unter seinen Füßen den sandigen Boden, der vor vielen Generationen auf den Holzplanken des Bohlenweges durch den Sumpf aufgeschüttet worden war.
»Siehst du, nun geht es doch ganz gut«, sagte Niklot. »Ich glaube, mein Urgroßvater hat den alten Weg am Rand planmäßig zerstören lassen, damit niemand mehr in die Burg gelangen kann.«
Dragomira lachte: »Na, darin hat er sich getäuscht! Jedenfalls hat er wohl nicht mit der Findigkeit seines Urenkels gerechnet. Weißt du eigentlich, warum er die Burg aufgegeben hat?«
Niklot zuckte die Achseln. »Sie ist niedergebrannt worden. Von den Abodriten natürlich, in einem der vielen Kriege. Vielleicht war sie ihm sowieso zu klein. Jedenfalls hat er sie nicht wieder aufbauen lassen, sondern die neue Burg im See errichtet. Und das Dorf hier vom Ufer auch auf die Insel im See verlegen lassen. Da ist es auch viel schöner.«
Plötzlich spürte er einen Ruck an seinem Gürtel und hörte einen leisen Aufschrei hinter sich. Erschrocken fuhr er herum. »Dragomira!« Sie war ein Stück nach rechts vom Weg abgewichen. Nun stand sie da und starrte auf die Stelle, an der ihr rechter Fuß sein musste. Aber von diesem war nichts zu sehen, er steckte im Sumpf. Vorsichtig zog sie ihn wieder heraus.
Niklot räusperte sich. »Vielleicht war es doch kein schlechter Einfall, dass du deine Schuhe ausgezogen hast!«, meinte er leichthin, aber er spürte den Kloß in seinem Hals. Er hielt ihr seine Hand hin, und sie nahm sie ohne ein Wort. Noch sorgfältiger achtete er von jetzt an auf jeden Schritt.
Ohne weiteren Zwischenfall erreichten sie den festen Lehmhorst im Sumpf, auf dem die alte Burg erbaut war. Niklot löste den Riemen von seinem Gürtel und ging mit Dragomira ein Stück den Burggraben entlang. Eine Brücke darüber gab es nicht mehr und der ehemalige Torbau war eingestürzt, ein wirrer Haufen dornigen Gestrüpps, wuchernden Unkrauts und verkohlten, morschen Gebälks, eine gefährliche Falle für jeden, der versuchen wollte, darüber zu klettern.
»Komm, wir müssen die Wallböschung hinauf. Ich weiß eine Stelle, wo wir durch den Graben können.«
Dort, wo einige große Steine vom Fuß des Erdwalls abgerutscht waren und im Graben aus dem fauligen Wasser ragten, ließen sie sich hinab, überquerten die Grabensohle und kletterten die steile Böschung des Walles hinauf. Ihre Hände fanden Halt an Grasbüscheln und Ginstersträuchern. Bald hatten sie den Gipfel des Walls erreicht und standen nun hoch über dem Sumpf. Niklot ließ den Blick in die Weite schweifen. Leuchtend in allen Herbstfarben reihten sich die bewaldeten Hügel aneinander, so schön, dass es beinahe wehtat.
Stumm schaute er, bis er plötzlich merkte, dass Dragomira nicht mehr neben ihm war. Suchend blickte er sich um.
»Hier bin ich!«, rief sie ihm zu und winkte. Sie war ein Stück auf der Wallkrone entlanggelaufen. Nun saß sie unter einer Kiefer in der Sonne und rieb sich die Füße. Niklot ließ sich neben ihr nieder, lehnte seinen Rücken an den sonnendurchwärmten Baumstamm und schloss die Augen. Leise hörte er Dragomiras Stimme: »Hier ist es schön. So warm und so still und so friedlich.«
Der Baum knisterte in der Sonne. Eine Fliege summte an Niklots Ohr vorbei. Unten im Burghof tschilpte ein Spatz. Sonst war nichts zu hören. Die Zugvögel waren schon vor Tagen abgeflogen.
»Wenn man hier so sitzt, dann kann man nicht glauben, dass Krieg ist. Schon wieder Krieg«, sagte Dragomira.
Niklot öffnete die Augen. Verstohlen blickte er sie von der Seite an. Sie hatte die Arme um die Knie geschlungen. Mit der linken Hand spielte sie gedankenverloren mit dem silbernen Anhänger ihrer Kristallperlenkette, die sie niemals ablegte, weil sie das einzige Erinnerungsstück an ihre Mutter war. Sie starrte in den Burghof hinunter. Aber sie schaute nicht auf die überwucherten Trümmer der verbrannten Blockhäuser, die sich hier einmal dicht aneinander gedrängt hatten. Sie schaute mit schmerzlich gerunzelter Stirn in eine Ferne, die nur sie sah.
Genau so hatte sie auch damals vor sich hin gestarrt, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Er wusste es noch wie heute, obwohl es nun schon mehr als fünf Jahre her sein musste. Er war von der Burg seines Vaters über die Brücke gelaufen, an nichts anderes denkend als an die Fische, die er angeln wollte, da hatte er plötzlich die beiden merkwürdigen Gestalten vor dem Brückenkopf entdeckt, die vom Wächter nicht durchgelassen wurden. Neugierig war er hingelaufen. Es waren eine alte Frau in ärmlichen, schmutzigen Kleidern gewesen, der man angesehen hatte, dass sie nur eine Sklavin war, und ein kleines Mädchen. Das Mädchen hatte ein Kleid getragen, das vor langer Zeit einmal schön ausgesehen haben musste, nun aber zerfetzt und grau vom Staub gewesen war, es hatte wirre, strähnige schwarze Haare, dürre Arme und ein spitzes Gesichtchen gehabt. Und es hatte ihn angesehen, als würde es durch ihn hindurchsehen.
Die Sklavin hatte sich jammernd an ihn gewandt und gesagt: »Junger Herr, so sagt doch dem Wächter, er möge uns durchlassen. Er will mir nicht glauben, aber das Fräulein hier ist die Nichte der Burgherrin, ich schwöre es bei meinem Leben. Soll man mich im Moor versenken, wenn ich nicht die Wahrheit spreche!«
Er hatte das Mädchen zweifelnd angeschaut und gefragt: »Ist das wahr?«, aber das Mädchen hatte nicht geantwortet. Er hatte daran gedacht, wie die Mutter seit Tagen geweint hatte, weil sie die Nachricht erhalten hatte, dass das feindliche Heer der Abodriten die Burg ihres Vetters überfallen hätte und alle tot seien, alle, auch dessen Frau und Tochter. Da hatte er das Mädchen an der Hand genommen und hinter sich her in die Burg gezogen, und es war ihm gefolgt, als würde es das alles nichts angehen. Und dann hatte die Mutter dieses schmutzige fremde Mädchen umarmt und geküsst und immer und immer wieder ausgerufen: »Dass du lebst! O Dragomira, dass du lebst!« Aber auf die Frage der Mutter, was geschehen sei, hatte das Mädchen die Lippen aufeinander gepresst, den Kopf geschüttelt und keinen Ton gesagt.
Da hatte die alte Sklavin alles erzählt: »Die Abodriten. Es waren die Abodriten, genauer gesagt die Wagrier unter der Führung ihres Königs Kruto. Sie haben unsere Burg überfallen und erobert, und der Burgherr ist im Kampf gegen den Wagrierkönig gefallen. Aber die Burgherrin ist auf viel schlimmere Art ums Leben gekommen, zu fünft sind sie über sie hergefallen, und Dragomira hat es mit ansehen müssen, und seither redet sie nicht mehr. Nur durch ein Wunder ist es mir gelungen, mit ihr zu entkommen, nur durch ein Wunder, sonst hätten sie Dragomira verschleppt, diese Wagrier, diese Abodriten, diese Bestien. Und da habe ich Dragomira hierher gebracht.»
Seit diesem Tag hatte Dragomira bei seinen Eltern gelebt, als sei sie seine Schwester. Nach einiger Zeit hatte sie wieder zu sprechen begonnen, eines Tages hatte er sie zum ersten Mal lachen sehen, und inzwischen lachte sie oft. Aber manchmal noch schaute sie so verloren in die Ferne, so wie jetzt.
Niklot fasste Dragomiras Hand. »Du musst dich nicht fürchten. Unsere Burg nehmen sie nicht ein, die Abodriten, auch wenn es diesmal das vereinigte Heer aller abodritischen Stämme ist. Dir wird nichts geschehen, Dragomira. Mein Vater wird siegen. Mein Vater lässt nicht zu, dass dir etwas geschieht.« Dragomira schwieg.
Endlich strich sie sich über die Stirn und sagte: »Weißt du, Niklot, wovon ich manchmal träume? Dass es irgendwo ein Land gibt, in dem nie die Felder verwüstet werden, nie die Dörfer überfallen, nie die Häuser verbrannt. Ein Land, in dem nie Menschen getötet werden oder in die Sklaverei verschleppt. Burgen müsste es in dem Land gar nicht geben. Keiner bräuchte hinter hohen Wällen Schutz zu suchen. Und alle wären glücklich.«
»Wenn es das gäbe, Dragomira, dann würde ich mit dir dort leben wollen!«
»Aber es gibt es nicht. Und in ein paar Jahren bist du ein Mann. Dann wirst auch du ein Schwert tragen und in den Krieg ziehen und wehrlose Menschen töten oder in die Sklaverei verschleppen.«
»Nein! Das werde ich nicht! Ich werde …«
Dragomira legte ihm die Hand auf den Mund und sagte: »Nicht, Niklot! Versprich nichts, was du doch nicht halten kannst! Komm, es wird Zeit, wir müssen zurück!«
Als sie den Rückweg über den Sumpf geschafft und das Pferd erreicht hatten, ging die Sonne unter. Dragomira wusch sich in einem kleinen Bach und brachte ihre Kleidung wieder in Ordnung.
Niklot half Dragomira aufs Pferd und schwang sich hinter ihr auf den Rücken des Tieres. Sie hatten nur noch dieses Pferd und das Pferd von Onkel Stojgnew, denn der Vater hatte alle anderen Pferde für den Kriegszug gebraucht. Niklot schlang einen Arm um das Mädchen und trieb das Tier zur Eile an. Es galoppierte dahin. Dragomiras lange Haare wehten Niklot ins Gesicht. An jedem anderen Tag hätte er diesen raschen Ritt genossen. Doch heute war er mit seinen Gedanken noch bei dem Gespräch auf dem Wall der alten Burg.
Er achtete kaum auf den Weg. Das Pferd fand von allein nach Hause. Die Abenddämmerung war längst angebrochen, als sie den See erreichten. Die Fähre, die das westliche Seeufer mit der Insel verband, lag an der Landestelle auf der Insel vertäut, der Fährmann war nicht zu sehen. So mussten sie auf den befestigten Wegen durch die sumpfigen Wiesen bis zum Südufer des Sees reiten und von dort über die schier endlos lange Holzbrücke auf die schmale Inselzunge. Sie ritten an den beiden Dorfsiedlungen vorbei den Dammweg auf die Burg zu. Niklot schaute auf den hohen, glatt mit Lehm verstrichenen Erdwall der Burg, den hölzernen Wehrgang auf seiner Höhe, den drohenden Holzturm über dem breiten Burgtor. Unsere Burg ist uneinnehmbar, dachte er, sie muss es einfach sein!
Sein Herz zog sich zusammen. Seit dem Frühjahr dauerte nun schon der Kriegszug der wilzischen Stämme unter der Führung seines Vaters gegen die Abodriten. Als der Vater losgeritten war, hatte er lachend gesagt: »Im Sommer werde ich wieder zurück sein.« Und nun war längst Herbst. Nur Onkel Stojgnew, der jüngere Bruder des Vaters, war heimgekehrt, schwer verwundet. Onkel Werchomil, der Vetter des Vaters, war im Kampf gefallen. Und auch sonst waren die Nachrichten, die die Burg erreichten, nicht gut.
Dragomira hatte schon einmal erlebt, was ein Sieg der Abodriten bedeutete. Wenn es nun ein zweites Mal Wirklichkeit werden sollte?
Niklot räkelte sich wohlig auf dem Bärenfell am Boden neben dem Ofen und beobachtete Dragomira. Sie saß sehr gerade auf der Bank und webte mit Hilfe verwirrend vieler Webbrettchen ein reich gemustertes farbiges Band in aufwändigem Muster. Dragomira hielt den Kopf auf ihre Arbeit gesenkt. Sie hatte ihr dunkles Haar sorgfältig offen gekämmt, das Kerzenlicht malte rötliche Flecken darauf. An ihren Schläfen glitzerten die zierlichen silbernen Ringe, die in dem bunten Stirnband befestigt waren, silberne Ohrringe, die wie kleine Körbchen aussahen, und gedrehte silberne Armreifen funkelten auf, wenn sie sich bewegte.
Niklot lächelte. Dragomira sah so vornehm und so wohlgesittet aus! Man hätte es nicht für möglich gehalten, dass sie mehr Mut hatte als mancher Junge, dass sie im Vertrauen Gedanken aussprach, die man von einem Edelfräulein nicht erwartet hätte, und dass sie manchmal Abenteuer suchte, die man einem Mädchen niemals erlaubt hätte. Aber er wusste es besser, nur er!
Die alte Tante war auf ihrer Bank eingeschlafen. Die Mutter deckte sie mit einer Wolldecke zu und trat dann nahe an den Kerzenleuchter, um einen Faden in die feine eiserne Nähnadel einzufädeln. Als es ihr nicht gelingen wollte, kniff sie die Augen zusammen und gab einen ungeduldigen Laut von sich. Niklot lachte: »Was müsst ihr Frauen auch Nadeln mit so winzigem Öhr verwenden! Gib mir mal, ich versuche es.« Aber er schaffte es nicht.
Da stand Dragomira auf, nahm ihm Faden und Nadel aus der Hand, fädelte mühelos ein und reichte lächelnd ihrer Tante die Nadel. Diese bedankte sich und setzte sich mit einer Hose für den Burgherren, die sie zu nähen begonnen hatte, neben Dragomira. Leise stimmte sie ein Lied an. Dragomira fiel mit ihrer weichen, dunklen Stimme ein. Niklot legte sich auf dem Fell auf den Rücken, verschränkte die Arme unter dem Kopf und summte mit. Es gibt Augenblicke, die müsste man festhalten können, dachte er.
Da ging die Tür auf und Onkel Stojgnew kam herein. Niklot stand hastig auf. Der Onkel ließ sich auf einer Bank nieder und wies auf den gegenüberliegenden Schemel. »Setz dich hin, Niklot.«
Niklot gehorchte und schaute auf seine Fußspitzen. Es fiel ihm noch immer schwer, seinem Onkel ins Gesicht zu sehen, auch wenn er sich dafür schämte. Aber die Verletzung hatte den Onkel so furchtbar entstellt. Ein Pfeil hatte ihn im Frühjahr am linken Auge getroffen. Die Pfeilspitze war tief in den Knochen gefahren. Der heilkundige Priester hatte erklärt, er wage es nicht, den Pfeil herauszuziehen, und hatte nur den Schaft abgesägt. So war nun die eiserne Pfeilspitze eingewachsen. Die Narbe sah schrecklich aus.
»Erzähl uns doch etwas, Stojgnew«, sagte die Mutter, »dann vergeht der Abend schneller.«
»Was soll ich euch erzählen? Wie der Frankenkönig Karl mit seinem Heer gegen unsere wilzischen Lande zog und mit ihm in seinem Heer nicht nur Sachsen und Friesen und Sorben, sondern auch Abodriten? Und wie unser Großkönig Dragowit gezwungen wurde, sich zu ergeben? Und wie auch unser Urahn, der König der Zirzipanen, sein Knie vor dem Frankenkönig und vor dem Abodritenkönig beugen musste? Oder soll ich erzählen, wie zur Zeit meines Urgroßvaters der wilzische Großkönig im Kampf gegen die Abodriten sein Leben ließ?«
»Du könntest uns auch etwas Erfreulicheres erzählen«, meinte die Mutter.
»Nach Kindermärchen ist es mir nicht zumute!«, erwiderte Onkel Stojgnew und rieb seine Narbe.
»Warum haben wir eigentlich keinen König mehr?«, fragte Niklot, nur um etwas zu sagen.
»Weil wir keinen brauchen!«, antwortete sein Onkel heftig. »Dein Vater, Niklot, dein Vater ist von allen wilzischen Fürsten und Adligen und freien Bauernkriegern zum Heerführer gewählt worden, von allen Stämmen, nicht nur von uns Zirzipanen, sondern auch von den Kessinern und den Tollensern und den Redariern! Schon vor Jahren, bei unserem letzten Krieg gegen die Abodriten, und in diesem Frühjahr wieder, als wir aus dem Tempel des Swarog unsere Feldzeichen geholt haben, um gegen die Abodriten zu ziehen! Er wurde gewählt, weil er der fähigste Mann für eine solche Aufgabe ist. Das ist mehr wert, als wenn einer seine Königswürde erbt wie der Großkönig der Abodriten. Und du, Niklot, wirst dich deines Vaters würdig erweisen müssen. Steh auf!«
Niklot stand auf. Auch sein Onkel hatte sich erhoben. »Pass auf, Niklot! Sprich mir nach: Krieg und ewige Feindschaft den Abodriten! Krieg und ewige Feindschaft allen abodritischen Teilstämmen: den Warnowern, den Abodriten, den Polaben, den Wagriern!« Niklot schwieg. Sein Mund war trocken, das Herz klopfte ihm im Hals. Aus den Augenwinkeln schaute er zu Dragomira hinüber. Sie hatte den Kopf noch tiefer auf ihre Arbeit gesenkt.
»Lass doch, Stojgnew!«, sagte die Mutter. »Er ist ja fast noch ein Kind. Du machst dem Jungen Angst.«
»Angst!«, entrüstete sich Onkel Stojgnew. »Mein Neffe, der Urenkel des letzten Königs der Zirzipanen, der Sohn von Milegost, dem Heerführer aller Wilzen, hat keine Angst zu haben! Schau mich an, Niklot!« Widerstrebend schaute Niklot seinem Onkel ins Gesicht. Dessen eines Auge funkelte. Die wulstige Narbe an der Stelle, an der einmal das andere Auge gewesen war, hatte sich gerötet. Das Blut pulsierte in ihr, als wolle sie platzen. Der Onkel wiederholte mit leiser, aber sehr fester Stimme: »Jetzt sprich mir nach!«
Niklot presste die Lippen zusammen. Dann sagte er: »Krieg und ewige Feindschaft den Abodriten. Krieg und ewige Feindschaft allen abodritischen Teilstämmen: den Warnowern, den Abodriten, den Polaben, den Wagriern.«
Er wagte nicht mehr, Dragomira anzusehen. Er hätte weinen können, so elend fühlte er sich.
Irgendwann in der Nacht wachte Niklot auf. Er blieb mit geschlossenen Augen liegen und lauschte. Ihm war, als habe ihn etwas geweckt.
Aber er hörte nichts.
Leise richtete er sich auf und schaute sich um. Das Feuer im Ofen war herabgebrannt, aber ein schwacher Schimmer kam noch aus dem offenen Feuerloch in dem halbkugelförmigen Lehmofen. Undeutlich konnte er die Bank erkennen, auf der immer seine Mutter schlief. Die Felldecke war zurückgeschlagen, ihr Lager leer. Auch die Schlafbank von Onkel Stojgnew lag verlassen mit zerwühlten Decken. Nur Dragomira und die alte Tante schliefen fest. Wo waren die Mutter und der Onkel?
Vorsichtig stand er auf und schlich zur Tür, öffnete sie behutsam. Kalte Herbstnacht umfing ihn. Sternklar wölbte sich der Himmel über dem dunklen Wall. Der Mond schien in den schmalen, langen Burghof. Das Haus, in dem die Witwe und die kleinen Kinder von Onkel Werchomil wohnten, lag still und dunkel. Doch aus dem großen Blockhaus am Ende des Burghofs fiel ein schwacher Lichtschein, und ein Pferd war vor seiner Tür angebunden. Nun konnte er auch undeutlich Stimmen hören. Niklot runzelte die Stirn. Was hatte das zu bedeuten?
Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke: Ob vielleicht sein Vater heimgekehrt war?
Er lief über den Hof zu dem Pferd. Dann blieb er enttäuscht stehen. Nein, das war kein Pferd seines Vaters, dieser schmucklose Holzsattel und das einfache Zaumzeug gehörten nicht dem Heerführer der Wilzen. Dessen Sattel hatte ein kunstvolles Muster im Lederbezug, sein Zaumzeug und seine Steigbügel waren mit Silber verziert. Wer mochte dann mitten in der Nacht in die Burg eingelassen worden sein?
Nun hörte Niklot die Stimmen in der Halle lauter werden, näher kommen. Rasch huschte er zum Wohnhaus zurück, zog leise die Tür hinter sich zu und schlüpfte ins Bett. Von draußen vernahm er das Quietschen des Tores, das Trappeln von Pferdehufen. Dann ging die Tür auf und die Mutter kam herein.
Niklot stellte sich schlafend, beobachtete aber seine Mutter unter den Wimpern hervor. Die Mutter legte sich hin und vergrub ihr Gesicht in den Kissen. Ihre Schultern bebten. Niklot ahnte ihr unterdrücktes Schluchzen mehr, als er es hörte. Eben wollte er aufstehen und zu ihr gehen, da öffnete sich die Tür zum zweiten Mal. Mit müden Schritten ging Onkel Stojgnew zu seiner Schlafbank und ließ sich schwer darauf nieder. Aufstöhnend legte er die Hände vors Gesicht. Und dann schlug er sich immer und immer wieder mit der Faust vor die Stirn, als könne er nicht begreifen, was in seinem Kopf vor sich ging.
Niklot blieb bewegungslos liegen. Der Onkel sollte nicht merken, dass er ihn so gesehen hatte.
An Schlaf war nun nicht mehr zu denken. Endlich graute der Morgen. Fahles Licht drang durch die Giebelöffnung. Sie standen auf. Bei der Morgenmahlzeit ließ Niklot den Brei stehen.
Am Becher mit der heißen Milch wärmte er seine Hände. »Du isst ja heute gar nichts!«, sagte die Mutter, trat hinter ihn und strich ihm über das Haar.
»Ich hab keinen Hunger«, murmelte Niklot, ohne sie anzusehen.
Da presste die Mutter plötzlich heftig seinen Kopf gegen ihre Brust, hielt ihn einen Augenblick sehr fest und schob ihn dann wieder von sich.
»Was ist?«, fragte Niklot, aber seine Mutter schüttelte nur den Kopf.
»Warum sagst du es ihm nicht?«, fragte Onkel Stojgnew.
»Er erfährt es früh genug!«, antwortete die Mutter mit erstickter Stimme. »Und außerdem ist das die Sache seines Vaters. Milegost soll es ihm selbst sagen.«
»Mein Vater!«, rief Niklot und sprang auf. »Kommt denn mein Vater zurück?«
Die Mutter nickte: »Ja, er kommt zurück, bald.« Aber sie sah nicht froh aus. Dabei hatte sie doch so sehnsüchtig auf ihren Mann gewartet!
Niklot schaute von seiner Mutter zu seinem Onkel. Etwas Schlimmes lag in der Luft, er spürte es genau. Warum wollte die Mutter nicht sagen, was los war? Alles war doch besser als diese schreckliche Ungewissheit! Ihm wurde ganz eng. Er wollte raus, und er wollte mit Dragomira reden. »Kann Dragomira mit mir ausreiten?«, fragte er und wollte schon zur Tür hinaus.
»Nein!«, rief ihn sein Onkel zurück. »Ihr bleibt hier! Heute verlässt keiner ohne meine Erlaubnis die Burg. Und euch beiden erteile ich sie ganz bestimmt nicht.« Niklot schaute seinen Onkel groß an. Noch nie hatte dieser ihm verboten auszureiten.
»Komm, Niklot, wir gehen auf den Wall«, sagte Dragomira und nahm seine Hand. Er folgte ihr hinaus.
Der Burghof lag düster, in tiefe Schatten getaucht. Es dauerte lang, bis am Morgen die Sonne über den hohen Wall schien. Sie stiegen die Leiter zum Wehrgang hinauf. Niklot beugte sich über die Brüstung. Sehr steil, mit großen Steinen bewehrt, fiel auf dieser Seite der Wall direkt bis zum See ab, wurde am Fuß vom Wasser umspült. Sie schauten ins hügelige Land. Nebelschwaden zogen über den See, lösten sich im Sonnenschein langsam auf.
Niklot erzählte Dragomira alles, was er in der Nacht beobachtet hatte. »Verstehst du, was das zu bedeuten hat?«, schloss er seinen Bericht.
»Nein«, sagte Dragomira, »das verstehe ich nicht.« Dann lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter und sagte leise: »Ich habe Angst, Niklot.« Niklot presste ihre Hand. Er wusste keine Antwort.
Der Tag schleppte sich quälend dahin. Dragomira saß Stunde um Stunde am Webstuhl und webte unter der Aufsicht der Mutter ein feines Leinentuch. Es war unmöglich, ungestört mit ihr zu reden. Heute sangen weder die Mutter noch Dragomira bei der Arbeit.
Niklot drückte sich im Burghof herum und wusste nichts mit sich anzufangen. Die Kinder von Onkel Werchomil tobten mit einigen Kindern von Gefolgsleuten durch den Hof und versuchten ein Ferkel einzufangen, das laut quiekend vor ihnen flüchtete. Aufgeregt gackernd stoben die Hühner auseinander. Onkel Stojgnew kam aus dem großen Blockhaus. »Ist jetzt hier endlich Ruhe!«, schrie er drohend zu den Kindern herüber.
»Aber sonst …«, setzte das älteste von ihnen zum Widerspruch an. Doch seine Mutter, die herbeigekommen war, zog es an sich und sagte leise: »Nicht! Heute ist nicht sonst. Mach Onkel Stojgnew nicht böse!« Mit einem scheuen Blick auf den Onkel verzogen sich die Kleinen in den hintersten Winkel der Burg. Die plötzlich eintretende Stille legte sich beklemmend über den Hof.
»Sie kommen! Der Heerführer reitet mit seinem Gefolge auf die Burg zu!«, rief endlich der Wächter.