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"Irgendwo da draußen war das wirkliche Leben ..." Aus dem Korsett starrer Konventionen, das ihre Mutter ihr auferlegt, flieht Sophie in die Ehe. Doch Jahre später will sie selbst ihre Tochter Lotte in dieses Korsett pressen. Lotte aber begehrt auf, sie hat einen Traum, dessen Realisierung unmöglich erscheint, und auch Sophies festgefügte Welt gerät ins Wanken. Die Geschichte eines Aufbruchs. Die Geschichte von Frauen um 1900.
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Seitenzahl: 662
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Gabriele Beyerlein
Berlin, Bülowstraße 80 a
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Berlin, Bülowstraße 80 a
1.1
1.2
1.3
2.1
2.2
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5.
DIE BERLIN-TRILOGIE
In Berlin vielleicht
Über die Autorin
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EDITION GEGENWIND
Die Göttin im Stein
Impressum neobooks
EDITION GEGENWIND
Dieser Abendwarderkostbarstederganzen Woche.SophieschobdenVorhang beiseite und beobachtete durch das FensterdiehochaufgerichteteGestaltihrer Mutter,diesich auf dem Gehsteig vom Haus entfernte und bei jeder Pfütze mit vollendet aristokratischer HandhaltungdenweitenRockraffte. Frieda, das alte Dienstmädchen, folgtederMutter, sichtbar umdenrichtigen Abstand bemüht: weit genug entfernt, umdenRangunterschied zu zeigen, nahe genug daran, um Zusammengehörigkeit zu demonstrieren. AlsdieMutter umdieStraßenecke gebogen war, seufzteSophietief auf.
Sieben Tage lang hatteSophiesich auf diesen Mittwochabend gefreut, wenndieMutter zumSalonging,denFrau GeneralvonKlaasen wöchentlich ausrichtete.Sophiehatte sich vorgenommen,den Romanzu lesen,densie sich heimlichvonihrer Freundin Cecilie geliehen hatte. Doch nunstandsie träumendamFenster und sah zu, wiederDienstmanndieGaslaternen aufderStraße anzündete unddieDämmerung sich langsam vertiefte. Einige barfüßige Kinder ausdenHinterhöfen rannten lachend und schreiend überdieStraße, Männerinblauen Arbeitshemden schlurften müdedenGehweg entlang, ein zweistöckiger Pferdeomnibus und eine Kutsche fuhren vorbei, aus dem Krämerladen imKeller desNachbarhauses stiegen zwei Dienstmädchen mit ihren EinkaufskörbendieStufen herauf. Dennoch erschienSophie dieStraße wie ausgestorben.Aberandere Straßen gabes in derStadt,indenen jetzt das Leben pulsieren würde ...
Verführerisch tauchte ein Gedankeinihr auf, so verwegen, dass ihr Atem sich beschleunigte: Einfach dasCapenehmen undindas HerzderStadt gehen,dieFriedrichstraße entlang flanieren oder besser noch UnterdenLinden. Sich im StromderGesellschaft bewegen,dieunterwegs war zu Banketten, Theatern, Konzertsälen,derOper, Varietés und sonstigen Lokalitäten,vondenenSophienur eine unklare Vorstellung hatte. Und dann sich auf eineBanksetzen, umdieOffiziere zu beobachten,dieauf dem Reitweg ritten.
Sie könnte zu Hause zurück sein, ehedieMutter heimkehrte.
Erschreckt verwarf siedenGedanken wieder. Was dachte sie hier? Sie durfte nicht allein aufdieStraße, nicht nur, weildieMutteresverbot, nein,esschickte sich nicht für eine jungeDame,und dann gar nochamAbend! Wenn jemand sie sähe,dersie kannte! BaronessevonZietowitz ohne Begleitung im Dunkelnin derStadt. Unmöglich. Sie lehnte ihre Stirnan dieFensterscheibe.
Irgendwo da draußen war das wirkliche Leben.
Irgendwo da draußen warendiegroßen Gefühle, das Unbekannte, Geheimnisvolle, Wahre. Irgendwo da draußen wardieLiebe.
Dieses Gefühlinihr ... Wem hätte sie davon erzählen können?DerMutteramallerwenigsten. Nicht einmal ihrer Freundin Cecilie.
Eswar, als wachse da etwasinihrer Brust, eine träumendeKraft,fürdie eskeinen Platz gab. Wie eine Blume,diesich entfalten wollte, aber nicht konnte, weil ihre Blütenblätteranenge Wände stießen.
Wenn der Vater noch lebte ...
Dann wäre sie nicht hierin derengen Wohnung eingesperrt, müsste sich nicht mitderMutter viele Stunden täglichmitmühevollen StickereiendieFinger wundunddieAugen müde arbeiten. Dann wäre siein derletztenSaisonals Debütantinineinem sündhaft teuren BallkleidmitCourschleppein dieHofgesellschaft eingeführtunddenMajestäten vorgestellt worden, könntemitLeutnantsundRittmeistern tanzen stattmitdenanderen MädchendesTanzzirkels im Haus ihrer Freundin.In dergroßen alten Wohnungin derBeletage würden sie noch leben, jede Woche ins Theater oderin dieOper gehen, zu Gesellschaften eingeladen werden, zu LandpartienundBällen.Undwenn dann einer käme, einer,derihr gefieleunddem sie gefiele ...
Sie wandte sich vom Fensterab.Was halfen diese Luftschlösser!Siesollte lieberdieZeit nutzen,in der dieMutter nichtdawar,undlesen.
Lesen war das Einzige, wobei ihrdieWelt offenstand. Rasch ging sie nach nebenanindas düstere Hinterzimmer, das als langgezogenes Durchgangszimmerden SalonmitderKüche verband.IndiesemmitMöbeln vollgestopften Raum fertigte siemitderMutterdieewigen Handarbeiten,hieraßen sie,hierschliefen sie.Sophietratanihr Bett, das hinter demderMutteran derLängswandstand,hobdieMatratzeamFußendeanundzog das Buch hervor, das sie darunter versteckt hatte,denerstenBand vonKriegundFriedenvon Lew N. GrafTolstoi.
Cecilie hatte ihrden Romanausgeliehenundsie gebeten, sichmitderLektüre zu beeilen, sie wolle ihn demnächst selbst lesen. Cecilie,dieTochterdesFabrikanten Theodor Stolze, durfte sich Bücher kaufenundlesen, was sie wollte.Sophiedurfte nicht lesen, was sie wollte. Ihre Mutter überwachte jede Lektüreundbefand darüber, was sich für sie zieme. Dass Tolstoi nach AnsichtderMutter dazugehöre, bezweifelteSophieundhatte vorsichtshalber nicht um Erlaubnis gefragt, sondern das Buch unter ihrer Stickerei verborgen heimgebracht.Ingestohlenen Augenblicken, wenndieMutter kurz aus dem Haus gewesen war, hatte sieeszu lesen begonnen, jetzt endlich konnte sie sich richtig hinein vertiefen, einen ganzen freien Abend lang. WenndieMutter fragte, womit sie ihre Zeit ausgefüllt habe, würde sie sagen, sie habein denDeutschen Klassikernin derBearbeitung fürdieJugendgeblättert: hier eineBallade,dort ein Gedicht.
Kurz zögerteSophie.Sollte sie sichan denTisch vor dem Fenster mitdertrostlosen Aussichtin dengrauen Hinterhof setzen,andem sie mitderMutter jedenTagStunden um Stunden beim Sticken verbrachte, um mit dem wenigen Geld, das sie im Geschäft für diese Handarbeiten bekamen,die Pension derMutter aufzubessern und sodennotwendigen Sparbetrag für das Offizierspatent ihres Bruders Karl abzweigen zu können?Odersollte sie sichdenAufenthalt im Vorderzimmer gönnen, auch wenndieMutter das nie erlauben würde, weildiePolstermöbel geschont werden mussten, weshalbder Salon —außer zum Klavierspielen — nur sonn- und feiertags und bei Besuch benutzt wurde?SophiewarfdenKopf zurück und entschied sich für Letzteres.DieMutter würdeesnicht merken, wenn sie danach kurz lüftete, damitderGeruchderPetroleumlampe verflog. Und wenn Friedaessah, sobald sie zurückkam, so machte das nichts, Frieda würde sie nie verraten.
Sophiezündete eine Tischlampean,legte sich ein Kamelhaarplaid überdenArm, nahm das Buch und kehrtein den Salonzurück. Sie stelltedie Lampeauf das Tischchen, ließ sich auf dem zierlichenSofanieder und wickelte sichin dieDecke.Eswar herbstlich kühlindem Zimmer, das nurin denkältesten Wintermonaten beheizt wurde. Dennoch genoss sie das Alleinseinindem kostbaren Raum mit seinen altenRokokomöbeln, seinen Figuren aus Meissner Porzellan, seiner vergoldeten Standuhr.Hierwares,als sei alles nicht geschehen, wederderTod ihres Vaters vor mehr als elf Jahren nochderdarauf folgende Sturzin dieMittellosigkeit.Hiermerktemannicht, wie Mutter und sie knausern und knapsen mussten.Hierschienes,als wäredieWelt um sie herumdiegleiche wieinihrer frühen Kindheit und als könne jeden Augenblick etwas geschehen, was siederEnge entreißen und ihr einen Platz im Leben geben würde, im wirklichen Leben.
Ihr Blick ging zu dem Ölgemälde überderKommode.Derschöne Offizierin derUniformdes 2.Garderegimentes,der Mannmit dem Stolz umdenMund und dem Schalkin denAugen,der Mann,dessen tiefe Stimme sie noch immer im Ohr zu haben meinte. Unter dem Gemälde das kleine Bronzeschild:BaronWoldemar FreiherrvonZietowitz, geboren29.Juni1832,gestorben6.März1875. Major des 2.Garderegimentes Seiner Majestät.
DerVater.ErhattedieSchlachtvonKöniggrätz unddieSchlachtvon Sedanüberlebt. Warum war er im Frieden so plötzlich gestorben? Sie konnte sich nicht entsinnen, sie war noch keine sechs Jahre alt gewesen, unddieMutter sprach nicht darüber. Nur dassesplötzlich gewesen war, das meinte sie noch zu wissen.
WennderVater noch da wäre, dann wären ihre Tage reich und bunt und voller Lebendigkeit. Dann hätte sie nicht das Gefühl, dass ihre Zeit sinnlos verrann. Dann wären sie nicht so arm, dass sie kaum jemals Gäste haben konnten — und jedenfalls nicht nurdiealten Damen, mit denen ihre Mutter verkehrte. Offiziere würden bei ihnen ein und aus gehen, Gelehrte, Musiker, Dichter. Gespräche könnte sie führen,diedas Herz berührten, wirkliche GesprächeanStellederewigenfranzösischen Konversation mitderMutter. So aber blieben ihr nur ihre Träume. UnddieRomane.
Alles Grübeln hatte keinenSinn.Entschieden schlug sie das Buch auf und begann zu lesen. Und bald vergaß sie ihre Gedanken, vergaß auchdenRaum,indem sie sich nicht hätte aufhalten dürfen, und versankineiner anderen Welt. Hättedielängst zurückgekehrte Frieda ihr nicht Bescheid gesagt, als sie sichamspäten Abend erneut aufmachte, umdieMajorinvonZietowitz beiderGeneralinvonKlaasen wieder abzuholen und nach Hause zu begleiten, dann hätteSophienoch lesend auf demSofagesessen, alsdieMutter zurückkam. So aber lag sie im Bett und stellte sich schlafend,den Romanunter ihrer Matratze,den Bandmitdendeutschen Klassikern auf ihrem Nachttisch. Und während sichdieMutter hinter dem ParaventvonFrieda das Korsett aufschnüren ließ, schliefSophietatsächlich ein.
Irgendwann wachte sie auf, blinzelte kurz zum Fenster,eswar noch ganz dunkel. Hatte ein Geräusch sie geweckt? Nein,eswar still. Sie versuchte wieder einzuschlafen. Nebenan schlugdieStanduhr, sie zähltedieSchläge: drei Uhr. Sie sollte wirklich schlafen, aber auf einmal war sie hellwach. Sie seufzte leise, drehte sich hin und her. Schließlich öffnete siedieAugen. Ein schmaler Lichtschein, fein wie mit dem Messer gezogen, drang unterderTür zumSalonhervor.
WardieMutter da drüben? Wohl kaum — was hätte sie auch dort tun sollen, mittenin derNacht!Sophielauschte. Kein Laut. Vielleicht hattedieMutteramspäten Abend noch imSalongesessen und beim Zubettgehen vergessen,die Lampezu löschen?Abergewöhnlich achtetedieMutter sorgsam darauf, dass nicht ein Tropfen Petroleum mehr als nötig verbraucht wurde.
Ach, wasgingessiean! SophieschlossdieAugen wieder. DochderGedankean denschmalen Lichtstreif ließ sie nicht los. Endlich erhob sie sich leise.Eswar schließlich ihre Pflicht, diese unnötige Verschwendung zu verhindern.
Vorsichtig tastete sie sich zur Tür, öffnete sie leise. Schlagartig blieb sie stehen:DieMutter saß mit dem Rücken zu ihramaufgeklappten Sekretär über irgendwelchen Papieren.
„Ach,dubist hier!“, sagteSophie.
DieMutter zuckte zusammen und schob hastigdiePapiere übereinander,dieaufderSchreibklappe ausgebreitet lagen. Alte vergilbte Zeitungsausschnitte, auf einemvonihnen sahSophieneben einem KreuzdenNamen ihres Vaters. Sie trat näher.
„Manklopftan,wennmanein Zimmer betritt!“, erklärtedieMutter mit harscher Stimme und ließdieZeitungsausschnitteineiner Mappe verschwinden. Doch einen flüchtigen Blick auf einederÜberschriften hatteSophienoch erhascht. Hatte da nicht gestanden:Duell im Morgengrauen?DieMutter klapptedieSchreibplatte hoch und drehtedenSchlüssel herum.
Sophie standwie gelähmt.DerNamedesVaters, das Kreuz —seineTodesanzeige ... Duell im Morgengrauen. Ihr Herzschlag schossin dieHöhe, lange bevor ihr Verstand eine Verbindung zwischen beidem herstellte.
„Mutter“, fragteSophie,kaum wollten sichdieWorte formen, „Mutter, was heißt das, wasstanddavoneinem Duell?“
„Geh ins Bett!“, wardieAntwortderMutter.
DochderGedanke,dersich blitzartigin Sophiefestgesetzt hatte, ließ sich nicht mehr zurückdrängen. Sie mussteeswissen, abereswar unmöglich,esauszusprechen. Sie nahm all ihren Mut zusammen und fragte doch nicht mehr als: „War da nicht auch Vaters Todesanzeige?“
„Ich habe gesagt,dusollst ins Bett gehen!“, wiederholtedieMutterindemTon, derjedes weitere Beharrenvonvornherein zum Scheitern verdammte, versenktedenSchlüsselbundinihrem Morgenmantel, nahmdie Lampevom Tisch und schrittan Sophievorbei durchdieTür. „Komm endlich!“
Dieses Schweigen, mit demdieMutter Fragen überging,diesie nicht beantworten wollte,Sophiekannteeszur Genüge. Wieineiner Festung verschanztedieMutter sich dahinter. Mit ihr konntemannicht reden.
Ohne ein weiteres Wort gingSophiewieder zu ihrem Bett, ließ sich darauf nieder, mit steifen Bewegungen, als sei sie eine Puppe.
Ein Duell. Schlaflos lag sie da und starrte ins Dunkel. War ihr Vater bei einem Duell getötet worden?
Oder—Sophiedrücktedie Faust anihre Lippen — bildete sie sich das alles ein? Waresnur ein Zufall, dassdieTodesanzeigedesVaters zwischen Zeitungsberichten über ein Duell gelegen hatte? Waresvielleicht gar nichtseineTodesanzeige gewesen, hatte sie sich getäuscht, sie hatte ja nur einen ganz kurzen Blick aufdiePapiere geworfen? HattedieMutter vielleicht nur nicht geantwortet, weil sie verärgert überdienächtliche Störung gewesen war, über das unhöfliche Hereinplatzen ins Zimmer?Aberwie überhastet siedieZeitungsausschnittein dieMappe geschoben hatte. Als wollte sie sie verbergen.
Und warum umgab so ein seltsames SchweigendenToddesVaters? WasSophiebisher hingenommen hatte, ohneesweiter zu hinterfragen, erschien ihr auf einmal höchst verdächtig.AnVaters Todestag wurdederFamiliengruft ein Besuch abgestattet, sein Bildnis mit einem Trauerflor geschmückt und beiderMorgenandacht seiner gedacht. Doch wäreesnicht nur natürlich, ja geradezu selbstverständlich gewesen, dassdieMutter zu diesen Gelegenheiten erzählt hätte, wieund woranderVater gestorben war?Aberdas hatte sie nicht getan. Niemals wardieRede davon gewesen, wiederVater ums Leben gekommen war, damals,anjenem6.März vor inzwischen elfeinhalb Jahren ...
Und auf einmal war sie da,dielange verschüttete Erinnerung, undSophiewar wieder jenes kleine Mädchen, das vor namenloser Angst keinen Schlaf fand, das zitterndinseinem Kinderbett lag:
DieSchrittedesVaters im Herrenzimmer nebenan, hin und her, hin und her.Diebedrohliche Stille. Dann wiederdieSchritte.
Warum schliefdieMutter? Sie musste doch wissen, dassman ineiner Nacht wie dieser nicht schlafen durfte! WennderLichtstreifendielinke Ecke erreichte, würde ein schreckliches Unglück geschehen, etwas Unbekanntes, Unvorstellbares. Konnteman denMond nicht aufhalten?
DerVater hatte sie so angesehen, als sie ihm gute Nacht gewünscht hatte ... Und sie plötzlichansich gerissen und gedrückt, so fest, dass sie gar keine Luft mehr bekommen hatte ... Und sie genauso plötzlichvonsich geschoben und mit einer Stimme gesagt, mit einer Stimme,dieer noch nie gehabt hatte: Geh schlafen, meine kleineSophie!Und wenndudein Nachtgebet sprichst, dann sprichesauch für mich!
Lieber Gott,machmich fromm, dass ichin denHimmel komm. Lieber Gott,mach Papafromm, dass erin denHimmel komm, dass erin denHimmel komm, dass erin denHimmel komm ...
Nein! Sie wollte schreien. Sie wollte aufspringen, nach nebenan rennen, sichan Papaklammern, ihn festhalten. Sie wollte Mama aus dem Schlaf rütteln.Abersie durfte nachts nicht schreien, und sie durfte nicht aufstehen, und außerdem waren ihre Beine so schwer, sie konnte sie nicht bewegen, mit unsichtbaren Stricken waren sie ans Bett gefesselt.
Da ging nebenan die Tür, ganz sacht. Sie lauschte mit angehaltenem Atem. Papa war im Flur. Er stand vor ihrem Zimmer, lange. Wenn er doch hereinkommen würde! Sie wollte nach ihm rufen, es ging nicht, kein Laut kam über ihre Lippen. Wenn er hereinkam, dann wurde alles gut. Aber er kam nicht herein. Leise entfernten sich seine Schritte, leise fiel die Wohnungstür ins Schloss. Der Streifen Mondlicht berührte die Ecke. Und aus der Ecke kroch ein furchtbares Ungeheuer, senkte sich auf ihre Brust und erdrückte sie.
Sie war schuld daran, dassPapagegangen war. Sie hätte rufen müssen.
Sophielag reglos, atemlos. Alles war wieder da: das endlose Grauen jener fernen Nacht,dieunbeschreibliche Angst und QualdesKindes, das sie gewesen war. Und dann erinnerte sie sichannoch etwas,andas, was diese schreckliche Nacht beendet hatte. Sie musste damals doch wieder eingeschlafen sein, denn sie sah sich, das Kind, plötzlich beim ScheppernderTürglocke aufschrecken, sah sich im Bett sitzen, spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals klopfte, wie ihrderMund ausgedörrt war:
Das ScheppernderTürglocke — eine fremde Stimme — dann Mamas Stimme — und da, was für ein Schrei!Eswar Mama,dieda schrie, und doch nicht Mama,esklang ganz fremd. So schrill, so, so ... Mama schrie und schrie und schrie und hörte überhaupt nicht mehr auf.
Unwillkürlich fassteSophiesichan dieOhren. Sie meinte ihn immer noch zu hören, nach so vielen Jahren, diesen rasenden, nicht enden wollenden Schrei.
Auf einmal passte alles zusammen. Eines fügte sich zum anderen:diedunkle Angst,dievage schreckliche Vorahnung,diesie als Kind empfunden hatte,dieBittedesVaters,inihr Nachtgebet eingeschlossen zu werden, sein unruhiges Hinund Herwandern im Zimmer,derSchreiderMutter,dieZeitungsausschnitte —Duell im Morgengrauen.
EsmusstendieNacht undderMorgendes 6.März1875sein, woran sie sich da erinnerte. Ihre Mutter war keine Frau,dieaus nichtigem Anlass zu schreien pflegte.Sophiekonnte sich nicht erinnern, ihre Mutter jemals sonst schreien gehört zu haben.
Wie war dieser Morgen weitergegangen? Was war danach geschehen? Was hattemanihr gesagt? Doch sosehr sie sich auch das Hirn zermarterte —dieErinnerungan denTodestagdesVaters brach ab mit dem SchreiderMutter.
Alles trug sie zusammen, was ihr Gedächtnis überdieMonate danach hergeben wollte.DerVater ist im Himmel, hatteesgeheißen, das wusste sie noch, und:Erliegtin derFamiliengruft.Aberdas hatte für sie nicht zusammengepasst, denn beides zugleich hatte sie sich nicht vorstellen können:diesenge, kalte, düstere Gelass auf dem Friedhof, dasvoneinem schmiedeeisernen Gitter undvoneinem steinernen Engel mit mächtigen Schwingen bewacht wurde — unddenHimmel. Das Nächste, woran sie sich erinnerte, warderAuszug ausdergroßen Wohnungin diekleine hier,in der eskein eigenes Zimmer mehr für sie gegeben hatte und keinen Platz für ihr Puppenhaus und ihren Kaufmannsladen, undandas Verschwindenvon Mousse auChocolat,Bayerischer Creme und anderen Köstlichkeitenvonihrem Speiseplan.
Wann hatte sie verstanden, dass ihr Vater niemals wiederkommen würde? Wann hatte sie begonnen, ihn zu vergessen?
Eswar nicht viel, was ihrvonihm geblieben war, Bruchstücke nurvonSzenen: wie er ihr Zungenbrecher beibrachte,Fischers Fritze fischt frische Fische,und so warm lachte, wenn sie sich dabei verhaspelte, wie sieanseiner Hand durchdenTiergarten hüpfte oder vor ihm auf dem Pferd saß im Widerstreit zwischen Angst vorderHöhe, Vertrauenin seinesicheren Arme und Glück über diese Nähe zu ihm. Und vor allemseineStimme, diese liebe Stimme,diesie so entsetzlich vermisst hatte und fürdiesieauchseineböseinKauf genommen hätte und selbst das PfeifendesRohrstocks,der schrecklichaufdenFingern gebrannt hatte.
Fröstelnd zog siedieDecke bis ans Kinn. Sie schlossdieAugen, vergrub sich ins Kissen. Wenn sie nur diese Gedanken lassen und endlich wieder einschlafen könnte! Sie versuchte sich abzulenken. Gewöhnlich, wenn sie nicht schlafen konnte, dachte sie sich Geschichten aus,diesie über viele Nächte fortspann, ganze Romane über Mädchen, denen das Schicksal übel mitspielte unddiedann doch ihr Glück machten.Abersosehr sie ihre Gedanken auchineine solche Geschichte zu zwingen versuchte,esgelang ihr nicht. Immer und immer wieder fanden sie sich dort ein, wohin sie nicht sollten.
War ihr Vater wirklich bei einem Duell ums Leben gekommen? Und selbst wennesso war, warum sprachdieMutter dann nicht darüber? Duelle wurden ausgetragen, umderEhre Genüge zu tun oderdieEhre wiederherzustellen. Also war doch auch ein Tod bei einem Duell etwas Ehrenvolles und nichts, wasmanverschweigen musste?
In denFächerndesSekretärs lag weggeschlossen, was ihr Auskunft geben würde.Aber denSchlüssel dazu trugdieMutteranihrem Schlüsselbund, unddenhatte sie stets bei sich, legte ihn nur zum Schlafen ab, und dann steckte sie ihn unter ihr Kopfkissen, als fürchte sie,vondem treuen alten Dienstmädchen bestohlen zu werden. Dabei war Frieda schon bald zwanzig Jahre beiderMutter und so gut wie Familieninventar.
Vielleicht aber fürchtetedieMutter viel mehrdieNeugierdereigenen Tochter.
Neugier?SophieschütteltedenKopf. Nein, das waresnicht.Eswar etwas ganz anderes. Sie spürte plötzlich, dass sie nicht mehr leben konnte, ohnedieWahrheit überdenTod ihres Vaters zu erfahren.
AusderKüche nebenan drang leises Rumoren. Friedastandauf, umdenHerd anzufeuern und ihr Tagwerk zu beginnen.Dawar auf einmal ein Gedankein Sophie:Frieda mussteeswissen, Frieda war ja damals schon beiderMutterinStellung gewesen.
Sophielauschte.DieGeräusche ausderKüche,dietiefen AtemzügederMutter.DieMutter schlief. Unendlich langsam und leise erhob sichSophieund schlich behutsam zur Küchentür, drückte ganz vorsichtigdieKlinke herunter und schob sichin dieKüche.
Frieda kniete im Nachthemd vor dem OfenlochdesHerdes, ein graues Wolltuch überdenSchultern. Nun fuhr sie zusammen und blickte auf. „Mein Gott, gnädiges Fräulein, haben Sie mich erschreckt! Warum liegen Sie denn nicht im Bett,esist doch noch so frühamMorgen!“
„Ich kann nicht schlafen, Frieda“, erwiderteSophieund setzte sich auf einen Küchenstuhl.„Mirgehen so viele Gedanken durchdenKopf.“
„Ach ja,dieGedanken.Dakannmannichts machen“, meinte Frieda.„Diekommen, wennmansieamwenigsten brauchen kann. Warten Sie nur, bis ich das Feueranhabe und einen heißen Kaffee gekocht, dann wirdesgleich besser. Und hier, wickeln Sie sich nur hinein, damit Sie sich nicht verkühlen!“ Damit zog siedieDecke aus ihrem Bett, das tagsüber zusammengeklappt als Küchentisch diente, und hielt sieSophiehin. Sophie legte sich folgsam die Decke über die Beine.
„Du könntest mir helfen, Frieda“, meinte sie.
„Wollen Sie denn wirklich schon aufstehen, und ich soll Ihnen das Korsett zubinden?“, erkundigte sich diese.
„Nein, nein, nicht so ...“Sophiestockte. Dann begann sie neu:„Dubist doch schon so lange bei uns, schon, als mein Vater noch lebte.“
„Das will ich meinen“, erklärtedieDienstmagd befriedigt und schobHolz in denOfen, half mit dem Schürhaken nach. „Ein großes Haus wurde damals gemacht, zwei Mädchen undderBursche vom HerrnMajorwaren wir. Ich für mein Teil wardieKöchin, reichlich zu tun gabes, eswaren ja oft Gäste da, aber trotzdem hab ich Sie großgezogen. Das Zimmermädchen sollte sich ja eigentlich um Sie und Ihren Bruder kümmern, aber das war ja noch so ein junges Ding, und Sie waren jaamliebsten bei mirin derKüche. Ja, und als dann das Unglück kam, da konnte ich Sie doch nicht allein lassen, sie waren mir ja wie mein eigenes Kind. Ihr Bruder ist dann ja bald nachPotsdam in dieKadettenanstalt gekommen, aber meine kleineSophie— ach, was waren Sie für ein liebes Ding! Und immer so traurig.Eswar aber auch ein Unglück, wiederHerrMajorgestorben ist und auf einmal kein Geld mehr da war.“ Seufzend schüttelte FriedadenKopf.
„Danach wollte ich dich fragen“, meinteSophierasch. „Nach dem Tod meines Vaters.Dumusst doch wissen, ob er ...“ Sie stockte. Ob er bei einem Duell getötet worden ist, hatte sie sagen wollen, aber sie brachtedieWorte nicht überdieLippen. „Woran er gestorben ist“, beendete sie ihre Frage.
Friedastandauf und wischte sichdierußigen Händeaneinem Putzlappen ab. „Mein Gott, gnädiges Fräulein“, sagte sie und warf einen unruhigen Blick zur Tür, „machen Sie sich nicht unglücklich, und mich nicht noch mit!Diegnädige Frau will nicht, dass darüber gesprochen wird, verboten hat sieesmir, ach, was sag ich, schwören hab ich's ihr müssen! Und sie wird schon wissen, warumesso sein muss und besser ist für Sie,dieFrauMajorist eine so vornehme und gebildeteDame,und ich, was bin schon ich! Und jetzt, nichts für ungut, gnädiges Fräulein, aber ich muss mich jetzt anziehen.“
Schweigendstand Sophieauf, verließ leisedieKüche, schlich sich zu ihrem Bett zurück und legte sich wieder hin, verkroch sich unterderDecke. Ihr war so kalt, dass sie zitterte.
WenndenVaterderSchlag getroffen hätte oder wenn er bei einem Reitunfall gestorben wäre, dann hättedieMutter doch Frieda nicht schwören lassen, nicht darüber zu sprechen. Dieses Geheimnis, dasdieMutter aus Vaters Tod machte — sprach nicht das allein schon eine deutliche Sprache?
SophiepresstedieZähne aufeinander. Wenn sie nur Genaueres wüsste! Dieser Schrei ihrer Mutter ...
Das war ja wohl ein Anlass,derselbst eine aus gräflicher Familie geborene Baronin zum Schreien bringen konnte:dieNachricht, dassderGatte bei einem Duell getötet worden war, einem Duell,vondemdieMutter nicht einmal gewusst hatte. Denn sie konnte nicht davon gewusst haben, nie hätte sie sonstdenVater aus dem Haus gehen lassen, ohne Abschiedvonihm zu nehmen.Mankonnte überdieMajorinvonZietowitz denken, wasmanwollte, eines war sicher: Sie war sich immer im Klaren darüber, was sich ziemte und was einer jedenSituationangemessen war. UnddieMutter hatte nicht Abschied genommen, wortlos hatte sichderVater ausderWohnung geschlichen, dafür war sie, das Kind, Zeuge.
Ein Duell. Leicht hattederVateressich nicht gemacht,dieruhelose Nacht im Herrenzimmer sprach für sich. Zu denken, dassderVater da seinen möglichen Tod vor Augen gehabt hatte — oderdiemögliche Tötungdesanderen ... WarderVatervondiesem unbekannten anderen tödlich beleidigt worden, gekränkt auf eine Weise,dienur durch Blut bereinigt werden konnte — und hatte ihn deshalb fordern müssen? Was um allesin derWelt konnteesgewesen sein, was zu dieser Tragödie geführt hatte?
„Papa“,flüsterteSophietonlos, sie spürte Tränen aufsteigen,„Papa,warum?“
„Bitte,dieDamen!“, riefdieTanzlehrerin.Sophieerhob sich mitdenanderen jungen Mädchen. Gemeinsam stellten sie sichineiner Reihein derMittedesSaales auf.Eswar so wie schon oft im privaten Tanzzirkel,dervierzehntäglich im Hause Stolze stattfand. Und doch ganz anders. Denn heute waren sie nicht unter sich, nurdieMädchen unddieTanzlehrerin unddieMütter,die vonihren Plätzenan derFensterseitedesSaales aus alles beobachteten. Heute saßen dort drübenan deranderen LängsseitedesSaalesdieHerren.
DererstegemischteTanzzirkel.Sophiehatteeskaum glauben können, als Cecilie ihr das VorhabenderEltern Stolze mitgeteilt hatte, Herren zum Tanzzirkel einzuladen. Noch weniger hatte sie zu hoffen gewagt, dassdieMutter ihre Teilnahme erlauben würde. Doch darin hatte sie sich getäuscht.DieMutter hatte sogar eines ihrer alten Kleider hervorgeholt und damit begonnen, ein Ballkleid fürSophiedaraus zu schneidern — denn ein Ball würdeamAbschlussdesgemischten Zirkels stehen. Und auch für heute war Sophies bestes Kleid aus weißem Musselin eigens mit Applikationenvonselbst gefertigten kleinen Röschen aus roter Atlasseide versehen worden, beinahe wie neu sahesaus.
Bänder aus Atlasseide waren teuer, sie hatten einLoch in dieschmale Haushaltskasse gerissen. Schon daran sahman,welchen WertdieMutter diesem gemischten Tanzzirkel beimaß, auch wenn sie mit schmalen Lippen gesagt hatte: Ich hätte einen Tanzzirkelineinem Hausvonbesserer gesellschaftlicher Stellung vorgezogen. Neureicher Fabrikant — was willmanda erwarten
Und wenn schon! Cecilie war ihre Freundin,diebeste Freundin ausdergemeinsamen Schulzeitin derHöheren Töchterschule. Und wo sonst als im Haus Stolze hätte siedieGelegenheit, einen Tanzzirkel zu besuchen, ohne dafür zu bezahlen?AnBezahlung war nicht zu denken. Sie hatte ja auch schon aus Geldmangel auf das übliche Jahr Mädchenpensionat nach AbschlussderHöheren Töchterschule verzichten müssen, und damit aufden„gesellschaftlichen Schliff“,derdort vermittelt wurde. Dunkel ahnte sie freilich, dass ihr dabei vor allem Geselligkeit und Vergnügen entgangen waren, denn Schliff erhielt sievonihrer Mutter mehr, alsessämtliche Lehrerinnen eines Mädchenpensionats bewerkstelligen konnten.
„ErstePosition!“
Sie rückten sich zurecht, setztendieFüßeinPositur. AusdenAugenwinkeln bemerkteSophie,wiedieanderen Mädchen immer wieder zudenHerren hinüber- und rasch wieder wegsahen, wie sie einander zulachten, hörte sie kichern.Sophiekicherte nicht. Ihr Kopf bliebin dervorgeschriebenen Haltung erhoben, ihr Blick gingineine unbekannte Ferne, ihr Mund lächelte unverbindlich freundlich. Das Herz aber klopfte bis zum Hals.
Sophiewar sich bewusst,vonTanzlehrerin und Tanzlehrer kritisch beobachtet zu werden, viel mehr aber nochvonihrer Mutter,dernichtdiegeringste Kleinigkeit entgehen unddiejeden kleinsten Fauxpas gnadenlos kommentieren würde.DieTanzschritte unterdenAugenderMutter zu üben,dieHaltung nach deren Anweisungen immer wieder zu korrigieren, warin denvergangenen Wochen willkommene Abwechslung zum stundenlangen Sticken gewesen,dieeinzige Abwechslung, welchedieMutter neben gelegentlichem Singen und Klavierspielen geduldet, nein, sogar gefordert hatte. Das Schicksal einer jungenDameentscheidet sich im Ballsaal, pflegtedieMutter neuerdings zu sagen. Stolz solleSophiewirken, unnahbar, zugleich aber ungekünstelt und liebreizend und was nicht noch alles. Wie das zusammengehen sollte, sagtedieMutter nicht.
Doch viel mehr noch alsderBeobachtung durch Mutter und Tanzlehrer warSophiesichderBlickederHerren bewusst. Sie brannten geradezu auf ihrerHaut. Hiersich zu zeigen, als würdemanihnen vorgeführt ...
„ZweitePosition!“
Nun hatte sie ihre Mutter im Rücken, war für einige Atemzüge deren direkter Kontrolle entronnen.DenBlick überdieHerren schweifen lassen, nur einmal, ganz kühl, als sähemannichts.
DerHochgewachsene dortamAnfangderReihe nebenderTür …
FürdenBruchteil einer Sekunde nahm sie ihn wahr, nicht länger alsdieanderen, und doch konnte sie danach sein Bildinsich abrufen — und nurseines.Sie tates injeder Einzelheit.Seinebraunen Haare,fastschwarz.Seinedunklen Augen, sehr groß. Hatte nicht ein HauchvonMelancholieinihnen gelegen? Sein schmales Gesicht.Feinschienesihr, edel, unddiemarkante Nase darin machteesnur noch interessanter. Klug waresjedenfalls, nein, mehr noch: geistvoll. Und wie vollendet sein schwarzer Anzug saß, so etwas war Maßarbeit, das sahman...
„DrittePosition!Und nundieArmbewegungen! AufdieHandstellung achten,dieFinger! Mehr Eleganz, meine Damen, Eleganz! Perfekt, FräuleinvonZietowitz, einfach perfekt! Machen Sieesdoch bitte noch einmal vor! Meine Damen, nehmen Sie sich ein Beispielan derBaronesse!“
Gleichmütig lächeln, nicht zeigen, wiemansich freut!
SophievollführtedieFigur, wie sieesunzähligeMalegeübt hatte: anmutig und doch stolz.
Nun weiß er, wer ich bin. Und wenn er mich bisher nicht gesehen hat, jetzt ist er aufmerksam auf mich geworden.
Dann mussten sie wieder Platz nehmen, unddieHerren warenan derReihe.DerTanzlehrer machte vor, wie sie sich ihrer auserwähltenDamezu nähern hatten, wie zu verbeugen — nicht zu tief und nicht zu oberflächlich, mit Leichtigkeit, Würde und Eleganz —, wie sich vorzustellen und wie umdenTanz zu bitten. Dann forderte erdenersten Herrn auf,denAnfang zu machen.Eswar er.
Quer durchdenSaal kam er herüber, genau auf sie zu. Nicht ihm entgegensehen. Nicht merken lassen, dass ich auf ihn warte.
„Gestatten,SamuelRosenstock! Dürfte ich Sie umdenTanz bitten, gnädiges Fräulein?“
Erverneigte sich nicht vor ihr.Erverneigte sich vorCecilieneben ihr.
Ihr Mund war trocken. NichtdieEnttäuschung sehen lassen. Wenn meine Mutteresmerkt ...
Habe ich ihm nicht gefallen?
Ach, was für ein Unsinn! Cecilie istdieTochterdesHauses. Natürlich musste er Cecilie auffordern!Eswäre einAffrontgewesen, wenn sie nicht als Erste gewählt worden wäre, und dazu ist er viel zu höflich.Eshat nichts zu bedeuten, nichts. Dann werde ich ebenvondem Nächsten gewählt. Wenn wir das zweite Paar sind, tanze ich beider Gavotte in derReihe direkt hinter ihm und komme beimMoulinetmit ihmineine gemeinsame Gruppe ...
Derzweite Herr wählte Ludmilla,diedurch häufiges Kichern und Tuscheln aufzufallen pflegte. Gut,derdritte Platz mochte noch angehen, auch wenndieMutter damit nicht zufrieden sein würde ...
Derdritte Platz ging nichtansie.
War ihr Kleid trotzderAtlasröschen doch zu schäbig?Oderhatte siedieHaare zu straff aufgesteckt, hätte ein paar Locken mehr herauszupfen sollen? Was würde sievon derMutter zu hören bekommen, so wenig ehrenhaft abgeschnitten zu haben!
Einer nach dem anderen tratendiejungen Herren jeweils auf eine jungeDamezu, verlegen oder stümperhaftdieeinen, überforschdieanderen, wurden korrigiert, musstendieVorstellung wiederholen. Eine jungeDamenachderanderen wurde engagiert.
Schließlich saßen nur noch Friederike und sie auf ihren Stühlen. FriederikeMeier, diePastorentochter, derenPositionals Mauerblümchen vom ersten Augenblickanklar gewesen war, und sie, BaronesseSophie vonZietowitz.
Was war verkehrtanihr? Sie war nicht hässlich, nein, obwohl Cecilie natürlich maßlos übertrieb, wenn sievonihrer Schönheit redete, aber hässlich war sie doch nicht, oder?DieNase war vielleicht ein wenig zu schmal und zu spitz, ihre Lippen etwas zu voll. Aber immerhin hatte sie eine makellos reine und weißeHaut.
Was um allesin derWelt wares?
Friederike auszustechen konntemanbeim besten Willen nicht mehr als Erfolg werten. Friederike hatte eine fahleHautund ein aufgedunsenes Gesicht, und, was schwerer wog, allesanFriederike roch nach Verliererin.DieeingesunkeneArt,wie sie auf ihrem Stuhl saß und ihr Taschentüchlein knetete, als wolle sie vor Unglück im Boden versinken!
Sophierichtete sich noch ein wenig stolzer auf.DieMuskeln im Gesicht taten schon wehvonall dem Lächeln. Dennoch lächelte sie weiter, lächelte dem Herrn entgegen,derda mit ungelenken Schritten auf sie zukam, lächelte, ohne ihn anzusehen, denn das wäre unschicklich gewesen, und unschicklich würde sie nicht werden. Ein Zietowitz hatte noch nie unehrenhaft ein Schlachtfeld verlassen — auch nicht, wenndieSchlacht verloren war.DerHerr stellte sich Friederike vor.
Haltung bewahren. Würde. Lächeln. Mit Leichtigkeit und selbstverständlicher Höflichkeit dem letzten Herrn antworten, ihm, dem nun nichts anderes mehr übrig blieb, als sie zu engagieren.
„Gestatten,WalterWohlschlägel! Dürfte ich Sie umdenTanz bitten, gnädiges Fräulein?“
Sich erheben, sich aufstellen, tanzen.Gavotte,Menuett. Windungen und Wendungen. Zierlich abgemessene Komplimente. Schreitenin derReihe,dierechte Hand rafft das Kleid, lächeln, lächeln.Moulinet—ineiner anderen Vierergruppe alsSamuelRosenstock. Nicht ein falscher Schritt, kein einziges Stolpern oder Verhaspeln, vorbildliche Körperhaltung. Lächeln. Glücklich erscheinen und ungekünstelt und stolz.
Was um Himmels willen war falschanihr? Was wares,was sie noch weniger liebreizend machte als Friederike, da doch ihre Tanzkünste außer Zweifel standen, sie sogar öffentlich als Vorbild hingestellt worden war? Sie wollte weinen. Sie lächelte. Und immer weiter.
Irgendwann war auch dieser Spätnachmittag vorbei,dieerste Stundedesgemischten Tanzzirkels, aufdiesie sich so sehr gefreut hatte.
Frieda wartete schon vor dem Haus, alsSophiemitderMutter ins Freie trat. Schweigend gingen sie nebeneinanderher, gefolgtvonFrieda. Schweigend, denn noch waren andere TeilnehmerdesZirkelsin derNähe, noch konnten sie belauscht werden. Doch sobald sie außer Hörweite waren, würdedievernichtende KritikderMutter beginnen. Das Urteil, das nichts anderes als ein Todesurteil bedeuten konnte: Das Schicksal einer jungenDameentscheidet sich im Ballsaal ...
Doch das war jetzt schon alles gleich. Nichts, wasdieMutter sagen mochte, konnte schlimmer sein als das, wasinihrem eigenen Inneren nagte.
„Ich bin sehr stolz auf dich“, sagtedieMutter.
Sophieblieb unterderGaslaterne stehen, starrte ihre Mutteran. „Aber“,sie stockte, „aber, wie kannstdudas sagen ...?“
DieMutter legte ihrdieHand aufdenArm.„Eswarhartfür dich, ich weiß“, sagte sie sanft, so sanft hatteSophie dieStimmederMajorin kaum je gehört.„Aberwiedudas durchgestanden hast, mit einem Lächeln, das nicht einmal gekünstelt wirkte — alle Achtung!Noblesse oblige,mein Kind. Heute hastdudem Namen Zietowitz alle Ehre gemacht.“
DabrachSophie inTränen aus.„Aberwarum“, stammelte sie, „warum als Letzte, nicht einmal Friederike ...“
DieMutter lächelte. „Warum? Meine liebeSophie,dasliegt klar aufderHand, und glaub mir, ichsagedas nicht aus falschem Mutterstolz oder weil ich dich trösten will: KeinerderHerren hat sichandich herangetraut. Sie haben alle gespürt, dassduetwas Besseres bist, dassduzu gut bist für sie. Auf einem BallderGesellschaft hättestdubrilliert.Aberim Hause Stolze — nun ja.“
DieMutter nahm Sophies Hand, legte sie sich aufdenUnterarm, ging so ArminArm, sprach dabei weiter: „Wäre auch nur ein einziger Kadett unterdenHerren gewesen!Oderein Fähnrich aus einem guten Regiment! Dann wäreesfür dich ganz anders verlaufen, das kann ich dir versichern.SamuelRosenstock, beileibe! Übrigens kam mir vor, als wäre er dir nicht gleichgültig.“
Sophiestockte. Nur einen winzigen Augenblick verharrte ihr Fuß beim Gehen mittenin derBewegung, dochderMutter entgingesnicht.
Mit einem halb befriedigten, halb ironischen Lächeln nahm diese zur Kenntnis, ins Schwarze getroffen zu haben, und fuhrinsüffisantemTon fort: „Mankann sich auch durch Wegschauen verraten, meine Liebe, nicht nur durch Hinschauen. Nun, ich glaube nicht, dass das außer mir jemand gemerkt hat;dieanderen Mütter — überdiehohe Schuledergesellschaftlichen Erfahrung und Etikette verfügen sie nicht gerade. Kurz,vondiesen Damen ist keine allzu scharfe Beobachtungsgabe zu befürchten.Aber, Sophie,ich bitte dich: einJude!Sohn eines Kleiderfabrikanten! War dir das denn nicht sofort klar? So etwas siehtmandoch! Völlig indiskutabel. Sein Vater ist wahrscheinlich ein GeschäftsfreundvonHerrn Stolze. Nichts gegen Personen mosaischen Glaubens, aber sie sind nun einmal zum Offiziersstand nicht zugelassen. Als gesellschaftlicher Umgang für dich absolut unpassend.Esspricht immerhin fürihn, dass er sich dessen bewusst war — unddieanderen Herren nach ihm auch.“
Etwas wuchsin Sophie,ein Druck tief im Innern, etwas, was ihre Brust ausfüllte und immer weiter anschwoll, was ihr das Gefühl gab, gleich laut schreien zu müssen. Sie presstedieZähne fest aufeinander, hieltdieLuftan,solange sie konnte.
DieMutter sprach unaufhörlich weiter: „Das Ehepaar Stolze hat sich ja alle Mühe gegeben, präsentable Herren fürdenZirkel zu finden — Primanerdesnächstgelegenen Gymnasiumsdiemeisten, wie mir Frau Stolze im Vertrauen mitteilte —, aber unsere Kreise sind das wahrhaftig nicht. Dazu istderReichtumdesguten Herrn Stolze zu neu,derGeruchdesEmporkömmlings verfliegt nicht so schnell. Das Kleinbürgerliche haftet ihman,auch wenn er noch so viel Geld hat, er hat keine Kontakte zudenguten Familien.Dubist ja auch nur deswegen einvonCecilies Eltern so gerngesehener Gast, weil unser Name sich wie ein Aushängeschild fürdengesellschaftlichen StellenwertdesHauses Stolze macht.Abergleichviel — uns fehlen nun einmaldieMittel, um wählerisch zu sein.Manmuss Opfer bringen. Zum Üben geht dieser Tanzzirkel für dichan.Bald beginntdieBallsaison, und diesen Winter wirstdudabei sein. Ich werde dafür sorgen, dassdueingeladen wirst —in dierichtigen Häuser —, und dafür brauchstduErfahrung auf dem Parkett. So wiedudich heute gehalten hast, gibstduAnlass zudengrößten Hoffnungen.“
Sie wusste,dass sie schön war. Jeder Spiegel im Ballsaalder VillaGeneralsvonKlaasen, worin sie sich beim Vorübertanzen betrachtete, bestätigteesihr und mehr nochdieAugenderanderen.DieBlickederjungen Damen — schwang nicht Neidinihnen? UnddieBlickederHerren ...
Hatte sie sich wirklich einmal für hässlich gehalten, nur weil keinerderHerren aus dem Tanzzirkel gewagt hatte, sie aufzufordern? Was für ein Kindskopf war sie da doch gewesen!DieMutter hatte recht gehabt:DerTanzzirkel im Hause Stolze, das waren eben nichtdierichtigen Kreise für sie.WalterWohlschlägel mit seiner tapsigen Ungeschicklichkeit und dem ewigen Rotwerden, sobald er denn endlich einmal einen Satz hervorgewürgt hatte!
UndSamuelRosenstock? Schnell schob siedenGedanken beiseite, sie wollte nichtanihn denken, heute einmal nicht. Ein paarMalhatte sie mit ihm getanzt, wenndieTanzlehrerin einen WechselderTanzpartner befohlen hatte, beim Menuett waren sie einander begegnet, hattendievorgeschriebenen Komplimente voreinander vollführt, kaum mehr als zehn Sätze hatte sie insgesamt mit ihm gewechselt.Erwar Cecilies Herr im Tanzzirkel. Ein Grund mehr, ihn zu vergessen.
Einen Augenblick fuhr ihr ein Stichin dieBrust.DerHerrinZivil dort,dermitderrundlichen Brünetten tanzte — war er das etwa?
Nein, natürlich nicht. GeneralvonKlaasen lud nichtdenSohn eines jüdischen Kleiderfabrikanten auf seinen Ball. Warum nur erblickte sieinjedem schmalen dunkelhaarigen jungen Herrn mit markanten Gesichtszügen Herrn Rosenstock?
Nicht denken. Tanzen. Und im Drehen ein flüchtiger, unauffälliger Blickin denSpiegel. Das Ballkleid aus lichtblauer Seide ließ ihre Augen noch blauer leuchten,die Hautihrer bloßen Schultern noch heller schimmern, ihre Haare noch blonder glänzen. Und nichts verriet, dass diese Seide schon vor über zwanzig JahrenderBaroninvonZietowitz zum Ballkleidgedient hatte. Eine Schneiderin hatte das Kleid vollständig umgearbeitet,eshinten zum modischenCulde Parisgerafft unddiefehlenden Stoffbahnen durch ein Untergewand aus cremefarbenemTaftersetzt,dereinstderStoff eines MorgenmantelsderMutter gewesen war.DieMutter aber hatte unter Beweis gestellt, welch eine Meisterin im Sticken sie war: Überall, wo aufgetrennte Nähte im Stoff hätten verraten können, dassessich um ein umgearbeitetes Kleid handelte, zierten nun kunstvolle Rankenmuster aus Silberfaden das Gewand. Kein Kleid für einen Hofball. Und dennoch ein Traumvoneinem Kleid,indem sie sich ohne Scham auf dem Ballin der VillaKlaasen blickenlassen konnte.
DerFähnrich, mit dem sie tanzte, ließ keinen Zweifel daran, dass er sie hinreißend fand.Eswar ein gutes Gefühl, dennoch berührteessie nicht.Erwar ihr beim Diner als Tischherr zugewiesen worden, und je mehr er sich gemüht hatte, ihr mit lateinischen Zitaten,vondenen sie kein Wort verstand, Eindruck zu machen, desto gleichgültiger war er ihr geworden.Aberirgendwo hier im Raum war vielleicht einer,derihr nicht gleichgültig sein würde, wenn er nur auf sie aufmerksam würde und sie zum Tanz aufforderte. Wenn sie sich nur begegneten. Einer, mit dem das geschah, wovondieRomane erzählten.DerAugenblick,deralles veränderte,derüber das ganze Leben entschied. So wie bei Natascha und Fürst Andrej,der diejunge Natascha auf dem Ball aufforderte und sie beobachtete, als sie mit anderen tanzte, und plötzlich sovonihr verzaubert war, dass eranHeirat dachte.
DieVorstellung, dass hier unter all diesen Herren vielleicht auch einer war,derjeder ihrer Bewegungen mitdenAugen folgte, jedes Lächeln registrierte und sichinseinem Herzen für sie entschied, eben jetzt ...
Undsie ahnte nicht einmal, wereswar!
Das Blut stieg ihrin denKopf. Ein Taumel erfasste sie, als hätte sie zu viel Wein getrunken,undeswar doch nur ein einzigesGlasgewesen.
DieMusik endete.DerFähnrich verneigte sichmitmilitärischer Knappheit. „Verbindlichen Dank, gnädiges Fräulein.Sietanzen wunderbar!“Erhielt ihr seinen Arm hin, um sie zum Platz zurückzugeleiten, dochdatrat Frau GeneralvonKlaasen nebendenKonzertflügelundverkündete, dass nun als HöhepunktdesFestesderKotillon getanztundihre Enkelin, FräuleinvonDabarow, alsGütigedenHerren ihreDamezuweisen würde.DieDamen mögen sich dochbitteim großen Kreis aufstellen.
Ein Stuhl wurdein dieMitte getragen, FräuleinvonDabarow setzte sich darauf,dieTanzkapelle hob wiedermitderMusikan, dieDamen begannen sich im Kreis zu drehen, einerderHerren nach dem anderen näherte sich FräuleinvonKlaasen, neigte sich höflich zu ihr herabundließ sich durch einen Fingerzeigdie Damezuweisen,mitdererdenKotillon zu tanzen habe.
Das ist das Schicksal!, dachteSophie.Vielleicht werde ich jetztmitihm zusammengeführt,mitdem einen ...
Ein Schaudern war auf ihrer Haut. Wenn ihr Herr sie dann nach dem Tanz nicht sofortanihren Platz geleitete, sondern nach einem Vorwand suchte, sich weitermitihr zu unterhalten, dann war erderRichtige.
Schon wardieHälftederDamen vergeben, wurdederKreisdermitihr Tanzenden immer kleiner.Dawies FräuleinvonKlaasen auf sie.
Eswar ein Offizier, groß, breitschultrig,blond.Eigentlich müsste er ihr gefallen.Aberetwas ließ sie sofort auf Distanz gehen. Vielleicht lagesdaran, dass er das Schneidige so offensichtlich vor sich her trug, dass sieeseinfältig fand.Erverneigte sich eine Spur zu zackig. „HabedieEhre, gnädiges Fräulein! LeutnantvonOßdorf.2. Garde-Ulanen-Regiment.“
Garde-Ulanen,anRenommee kaum zu übertreffen.DerMutter würde das gefallen. Dennoch, musste er gleich damit Eindruck zu schinden versuchen? Eine kühle Klarheit war plötzlichinihr,diesie so noch nicht kannte.DieWorte kamen ganzvonselber, alldieeinstudierten Anstandsregeln und Verhaltensweisen waren auf einmal wie ihre Natur. Sie tanzte perfekt, lächelte strahlend, doch immer ein weniganLeutnantvonOßdorf vorbei.DerKotillon und dann der Wiener Walzer. Ihr schien, sie berührte kaumdenBoden. Ein Schwindelinihrem Kopf, drehen und drehen und drehen, Leichtigkeit erfüllte sie.Eswar nicht nötig, dass erdereine war, aufdensie wartete, dieser Ulan hier mit seinem Kavalleriestolz, er tanzte gut, das war das Einzige, woraufesjetzt ankam, sie war jung und das Leben lag vor ihr.
DerBallsaal floganihr vorbei, nichts existierte mehr, kein fester Bezugspunkt, keine Welt, nurdies: derTanz im wirbelnden Kreisel. AlsdieMusik verstummte, taumelte sie vor Schwindel. Sofort fasste er nach ihrem Arm, hielt sie, presste sie dabeiansich.
„Wollen wir ein wenig durchdieGänge wandeln?“, fragte er dichtanihrem Ohr.„DieKühle im Wintergarten würde Ihnen nachderHitzedesTanzes sicher guttun!“
Sie rückte leichtvonihm ab, lächelte undbatmit vollendeter Höflichkeit darum,anihren Platz geleitet zu werden.
So etwas wie mit Natascha und Fürst Andrej gabesnurinRomanen, undanFürst Andrej kam LeutnantvonOßdorf jedenfalls nicht heran.
Ihre Mutter war nichtamPlatz, aber Frau GeneralvonKlaasen beugte sich zuSophieherüber und forderte sie auf, näher zu rücken. „Wie gut Sie sich machen,Sophie!“,sagte sie freundlich. „Kaum zu glauben, ich sehe Sie noch als kleines Mädchen im kurzen Kleidchen vor mir, und nun sind Sie eine jungeDameund machen auf dem Ball eine ausgesprochen gute Figur.“
„Ich danke Ihnen, Frau General. Sie sind so gütig.“
„Ach was! Ich darf so etwas sagen, und mir dürfen Sieesglauben,inmeinemAlteristmanüber das Schmeicheln hinaus. Dieser Ulanen-Leutnant wollte zudringlich werden, nicht wahr? Hervorragend, wie Sie sich da gehalten und ihninaller Freundlichkeitin dieSchranken gewiesen haben! Ihr Herr Vater hätte heuteseinereinste FreudeanIhnen gehabt!“
Ihr Herr Vater.DiesWort fuhrSophieins Herz. Und auf einmal wusste sie: Das wardieGelegenheit,diesie nicht ungenutzt vorübergehen lassen konnte. FrauvonKlaasen war eine alte FreundinderMutter. FrauvonKlaasen würdedieAntwort aufdieewig brennende Frage nach dem ToddesVaters wissen.
Aberwieesanfangen? Nicht verraten, dass ich selbst sie nicht weiß, sonst wird FrauvonKlaasen mir nichts sagen.DieVermutung als Tatsache hinstellen und ausderReaktion schließen, ob siedieWahrheit ist.
„Ach ja“, erwiderteSophie.„Was gäbe ich darum, wenn er heute hier dabei wäre, und nicht nur heute!Esist nicht leicht, so frühdenVater zu verlieren, und dann auch noch“, sie stockte kurz, versuchte ihrer Stimme einen festen Klang zu geben, jetzt kamesdaraufan.Sie blickte FrauvonKlaasenan,um genau zu sehen, wie ihre Worte aufgenommen wurden: „Und dann auch noch durch ein Duell.“
FrauvonKlaasen nickte, tätschelte leicht ihren Handrücken und verfielinvertraulichenTon.„Ich weiß, mein Kind.Abersiehstdu,so istesnun einmal. Mancher junge Mensch hier hat seinen Vaterineinemderletzten Kriege verloren, ihn vielleicht nicht einmal kennengelernt. UnddieEhre eines Offiziers geht nun mal über sein Leben.“
Also wares dieWahrheit. Das Herz schlugSophiedumpf und schwer. Jetzt musste sie alles erfahren, auch das andere: was zu dem Duell geführt hatte und werderGegner gewesen war. „Und mein Vater, weshalb ...“, begann sie mühsam.„Sophie“,hörte sie dadieStimme ihrer Mutter,diesoebenanihren Platz zurückkehrte unddieletzten WortedesGesprächs gehört haben musste, „sei so gut und besorge mir meinen Schal, mir ist etwas kühl!“ Dabei warfdieMutter FrauvonKlaasen einen Blick zu,dermehr als deutlich machte:DerVater, das ist ein Thema, über das vor meiner Tochter nicht gesprochen wird.
Sophie standauf.DieGelegenheit war vorüber und würde nicht mehr wiederkehren. Während siedenSchal holte, würde FrauvonKlaasen über das gewünschte Stillschweigen informiert werden.
Was um allesin derWelt war damals vorgefallen, dassdieMutter ein solch unaussprechliches Geheimnis daraus machte?
Ein Duell war tragisch, ja. Eine tödliche Krankheit, das wäre etwas anderes gewesen, da hättemanmehrdenunerforschlichen Willen Gottes dahinter sehen können und nicht irgendwelche Menschenhändel.Aberein Duell war doch nichts Unaussprechliches! Einen anderen zum Duell zu fordern, das war ebeninmanchen Fällen ein GebotderEhre, auch wenneseigentlich verboten war.Aberwenn ein Offizier ein Duell ablehnte, dann verlor er dadurch sein Offizierspatent und musstedenAbschied nehmen und war gesellschaftlich untendurch. Wenn das Duell also nurderEhredesVaters entsprochen hatte, warum dann dieses Schweigen?
„Und dannwaren wir im Tiergarten Schlittschuh laufen. Mama undPapawaren natürlich dabei, aber sie konnten mit unserer Geschwindigkeit nicht Schritt halten, vor allemPapa,er ist etwas kurzatmig, und wir taten so, als würden wir nicht merken, dass sie immer weiter zurückblieben.Aber duhörst mir ja gar nicht richtig zu!“, rief Cecilie ärgerlich. „Ich berichte dir hier, wie ich das ersteMalmit ihm alleine war, undduzählstdieFäden deiner albernen Stickerei! Interessiertesdich denn gar nicht?“
„Entschuldige“, erwiderteSophie,„natürlich interessiertesmich, das weißtdudoch. Schlittschuh laufen, ja, das täte ich auch gern. Und dann allein mit Herrn Rosenstock ...“ Ihre Stimme zitterte nicht.
SamuelRosenstock, das war vorbei. Unübersehbar machte er CeciliedenHof, und unübersehbar freute diese sich darüber. Und sie selbst, sie gönnte ihrer Freundin das Glück. Jedenfalls erwartete sie dasvonsich.DerSohn eines jüdischen Kleiderfabrikanten mochte zur Tochter eines neureichen Spinnereibesitzers passen, zu ihr tat eresnicht.
Rasch sprach sie weiter: „Ich brenne darauf, alles zu hören.Aberich bin hier nun malaneiner schwierigen Stelle mitderHohlsaumstickerei, da muss ich ebendieFäden zählen, und wenn ichdieStickerei nicht fertig habe, wenn Frieda mich abholt, lässt Mama mich nicht mehr zu dir.“
Cecilie schütteltedenKopf.„Dumit deinem preußischen Pflichtgefühl! Deine Mutter ist wirklich zu streng — da bin ich ja froh, dass meine aus dem Rheinland stammt und nicht aus so hohen Kreisen ist wie deine! Mama gönnt mir mein Vergnügen, und vor allem verlangt sie keine sinnlose Arbeitvonmir. Immerfort sticken, wozu soll das gut sein? Monogrammein dieAussteuer, ja, das wäre etwas anderes, aber so? Eure Schränke müssen doch schon randvoll mit überflüssigen Handarbeiten sein!“
Sophieschwieg. Nicht einmal Cecilie durfte wissen, wasesmit diesen Handarbeiten auf sich hatte.AmSamstag musstedieDecke im Geschäft abgeliefert werden,eswar eine Auftragsarbeit fürdieTafel eines Ministerialdirektors, wenn siedienicht rechtzeitig fertig bekam, würdederLadeninhaber sie ihr nicht mehr abkaufen.Aberdas konnte sie Cecilie nicht sagen, so gern sieesauch täte. Sie hattederMutter versprechen müssen, mit keinem Menschen, nicht einmal mit ihrer Freundin, darüber zu reden, dass sie sich mit dem VerkaufvonHandarbeiten Geld verdienten.
Sie würden gesellschaftlich geächtet, wenn das herauskäme, meintedieMutter, und würdenvonihren Kreisen nicht mehr zu Gesellschaften geladen und schon gar nicht zu einem Ball.
Und selbst wenndiegesellschaftliche Ächtung ausbleiben sollte,dieStrafederMutter würde nicht ausbleiben, wenn sie sichandas auferlegte Schweigen nicht hielt, das warSophieklar. Dann durfte sie womöglichankeinem Ball mehr teilnehmen.
Und zu Bällen gehen, das wollte sie um jeden Preis. Dafür nahm sie sogardenÄrger ihrer FreundininKauf. Und eines Tages würde sie auf so einem Ball einen kennenlernen, einen, gegenden SamuelRosenstock verblasste, einen,dernicht so eingebildet und übertrieben zackig war wie LeutnantvonOßdorf, einen,dersie ausderEnge hinausführte, einen, mit dem das Leben begann, das wirkliche Leben: ihr Leben, für das sie geboren war.Doch erst einmal musste sie Cecilie besänftigen. „Also, wie war das beim Schlittschuhlaufen?“, fragteSophie.
„Vielleicht erzähle ichesdir ein andermal“, erwiderte Cecilie, noch immer verstimmt. Sie griff nach dem Buch, das auf dem Tisch lag —Krieg und Frieden,jenerRoman,dessen erstenBand Sophiesich einst ausgeliehen hatte undindem sie nicht allzu weit gekommen war, denn ihre Mutter hatte das Buch bei ihr entdeckt undesihr weggenommen. Mehr noch, um dieses Romanes willen hattedieMutterSophiedamals für WochendenUmgang mit Cecilie untersagt, und seither ließ sie sich, wennSophie von derFreundin kam, immerdenInhaltderTasche zeigen, ob sie nicht wieder unerlaubt ein Buch mitgebracht habe. Entwürdigend war das: als sei sie ein sechsjähriges Kind, daseszu gängeln gelte, oder eine gemeine Diebin. Außerdem steigerteesSophies InteresseandemRomanimmer mehr.Inletzter Zeit, seit Cecilie selbst mit seiner Lektüre begonnen hatte, las diese ihr manchmal daraus vor.
„Magstduzuhören?“, fragte Cecilie. „Ich bin allerdings schon ein paar Kapitel weiter und habe keine Lust, das noch einmal ...“
„Musstduja nicht“, sagteSophierasch. „Fahr einfach dafort,wodugerade bist!“
„Pass nur auf, dassdudich nicht verzählst, wenneszu spannend wird!“, spöttelte Cecilie.„Esist nämlich wirklich spannend. Also,esging gerade darum, dassPierremit Dolochow Streit bekommen hat —duerinnerst dichanDolochow? —, weilPierrenämlich einen anonymen Brief erhalten hat, dass DolochowderLiebhaber seiner Frau sein soll ...“
„Liebhaber“, das war wieder so ein Wort. EinesderWorte,vondenenSophieahnte, dass siederGrund waren, warum ihre Mutter derart argwöhnisch überdieBücher wachte,diesielas. EinesderWorte,diesich aufdengeheimen TeildesLebens bezogen, aufden,vor dem höhere Töchter streng abgeschirmt wurden.Sophiespürte sie immer wieder, diese unsichtbare MauerdesSchweigens,diealles umgab, was sich aufMannund Frau und Kinderkriegen bezog. Wenn Cecilies Mutter ihr mit höchstem Stolz jeden Raum ihres neuen Hauses gezeigt hatte, selbstdieDienstbotenkammer, nur einen nicht, das eheliche Schlafzimmer. Wenn ihr Bruder Karl bei seinem letzten Urlaubvon derHochzeit eines seiner vorgesetzten Offiziere gesprochen und erzählt hatte, dassmandas jungvermählte Paar zur Hochzeitsreisean denBahnhof gebracht habe, und dabei mit einem so merkwürdigen Grinsen dasCoupé aparterwähnt hatte, dasdiebeiden bestiegen hätten, einem Grinsen, das ihm unter dem empörten StirnrunzelnderMutter und einem kurzen Blick auf sie,dieahnungslose Schwester, vergangen war. Wenn Mama plötzlichinscharfemTonFrieda ins Wort fiel, weil diese unbefangen etwas ausplauderte, was sie beim Einholen auf dem Markt oder beim Gespräch mit anderen Dienstmädchen aufgeschnappt hatte,voneiner Frau,dieim Kindbett gestorben, oder einem Dienstmädchen, das wegen „anderer Umstände“ aus dem Haus gejagt worden war. Wenn imReligions-und Konfirmandenunterricht dunkle Worte vorgekommen waren — das sechste Gebot:Dusollst nicht ehebrechen —undmanhätte fragen mögen, was genau das denn nun sei, Ehebruch, obesda um das Gefühl, jemanden anderen zu lieben, gehe oder doch um etwas anderes, und keine sich getraut hatte, danach zu fragen.
Liebhaber ...
„Und jetzt hatPierrediesen Dolochow zum Duell gefordert, und da stehen sie sich nun auf einer Lichtung imWaldgegenüber“, erklärte Cecilie, rückte näher ans Licht und begann zu lesen:
„‘Na los‘, rief Dolochow.
‚Auf was warten wir noch?', sagtePierre,immer noch mit demselben Lächeln.
Allenwar fürchterlich zumute ...“
Auf einmal war Cecilies Stimme weit weg. Wie durch Nebel drangendieWorte nur noch dumpfinSophies Ohren, erreichten nicht mehr ihr Bewusstsein.DieStickerei sankin denSchoß.Sophiesaß starr. Und alles war wieder da.DieNacht. Das Mondlicht.DieSchrittedesVaters im Nebenzimmer. Das leise ZuziehenderWohnungstür. Und dannderSchreiderMutter —
„Ermachte ein paar unsichere, schwankende Schritte aufdenSäbel zu und sank neben ihmin denSchnee“, las Cecilie vor.„Seinelinke Hand war voller Blut, er wischte sieanseinemRockab und stützte sich darauf ...“
Ob damals auch Schnee gelegen hatte, damals,am 6.März1875,damals, alsderVaterineinem Duell getötet worden war, umseineEhre zu retten?
„Sie waren nur noch zehn Schritte voneinander entfernt. Dolochow ließdenKopfin denSchnee sinken, nahm lechzend etwas davonin denMund ...“
Blut im Schnee.Oderhatteesgeregnet, und das BlutdesVaters hatte sich mit dem schmutzigen Wasser einer Pfütze vermischt? Nein, nein,dieSonne, erst hattederMond geschienen und danndieSonne —
Ein klagender Laut entwich Sophies Brust, ohne dass sieeswollte.
Cecilie blickte vom Buch auf. „Was ist?Aber Sophie—duweinst ja!“
SophieschütteltedenKopf. Und schluchzte immer heftiger.DieFreundin setzte sich neben sie auf dasSofaund legte den Arm um sie. „Du weinst ja!“, wiederholte sie. Da stürzten alle Schutzwälle ein, und die Worte brachen aus Sophie heraus: „Mein Vater, er ist bei einem Duell getötet worden. Ich weiß es noch nicht lange, meine Mutter spricht nie darüber, ich habe ein paar Zeitungsausschnitte gesehen, nur eine Überschrift konnte ich lesen, und Frau General von Klaasen, sie hat nicht widersprochen, als ich von dem Duell gesprochen habe, und nun ...“
„Dastutmir leid“, flüsterte Cecilie. „So leid. Wenn ich das gewusst hätte, ich hätte dir das hier doch nicht vorgelesen!“
Sophielehnte sichan dieFreundin, drückte ihren Kopfanderen Schulter. Nun, da sie einmal angefangen hatte zu reden, ließen sichdieWorte nicht mehr aufhalten: „Und nun muss ich wissen, waseswar, warum dieses Duell, ich musseseinfach wissen, wofür er gestorben ist, verstehstdu?“
Cecilie nickte. „Meistens gehtesum eine Frau“, erklärte sie.
Sophierücktevonihr ab und wischte sichdieTränen aus dem Gesicht. „Eine Frau?“, fragte sie. „Wie meinstdudas?“
„Na ja, so ähnlich wie hierindemRomaneben. Einer sagt etwas überdieGattin eines anderen, etwas gegendieEhre, unddererfährt davon, und dann muss erdenanderen fordern.Oderer kommt dahinter, dassseineFrau mit einem anderen eine Beziehung ...“ Cecilie wurderotund griff nachdenZeitungen,dieauf dem Tisch verstreut lagen. „Ich habe erst gestern so einen Artikel gelesen, hier ist er:‚Wie wir aus gutunterrichteten Kreisen erfahren, hat gestern Morgenin derHasenheide beiBerlinein Duell zwischenBaron von I.und HauptmannvonWalstetten stattgefunden.DerHauptmann fiel. Erinnert seiindiesem Zusammenhang, dass das StrafgesetzdenZweikampf unter Strafandrohung stellt und insbesonderediekatholische Kirche ihn verbietet.Inähnlich gelagerten Fällen hatten Duellanten gewöhnlich auf Beschluss Seiner Majestät des Kaisers eine sechswöchige Festungshaft zu verbüßen. Aus Kreisen des Militärsunddes Adels war jedoch Zustimmung zu dem Duell zu hören. Es musstesein,verlautete es einhellig. Es heißt, dass eine Beziehung zwischen demHauptmann undder jungen Baronin bestanden haben soll, die zweifelsfrei durchBriefebelegt sei. Sogar eine gemeinsame Flucht sei in Betracht gezogen worden.‘“
„Eine Beziehung?“, flüsterteSophieundstarrte Ceciliean. „Dumeinst, dass meine Mutter, meine Mutter, dass sie meinen Vater verlassen,miteinem anderen fliehen ...“
Cecilie machte ein betretenes Gesicht. „Das habe ich nicht gesagt! Ich habe nur gesagt, oft gehtesum eine Frau. Nach dem eben, wasin denZeitungenundBüchern steht.Aber dumusst das doch viel besser wissen als ich,essind ja deine Kreise,indenenmansich duelliert,undnicht meine. Außerdem kannesauch etwas ganz anderes ...“ Ihre Stimme versickerte.
„