Allerseele - . müller - E-Book

Allerseele E-Book

Müller

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Beschreibung

"Allerseele": ein dramatischer Abenteuer-Trip an die Ränder der Realität - und weit darüber hinaus »Wenn der Tod der Bruder des Schlafs ist, dann ist das Koma seine grausame Schwester. Wer gegen sie antritt, braucht drei Dinge: Hoffnung, Geduld und Magie.« Wie soll man um seine Liebe kämpfen, wenn der Gegner das Koma ist? Nur wenn man bereit ist, Verbündete an seine Seite zu holen aus einer Welt, für die es keinerlei Beweise gibt! Ein mitreißender Roman, der der Hoffnung auf das Leben und dem Kampf um die Liebe ein Denkmal setzt. Marten ist verzweifelt. Nach einem Unfall liegt seine große Liebe Marnie auf der Intensivstation. Ihr Koma ist so tief, dass alle Versuche scheitern, sie daraus hervorzulocken. Auch Marnies Lippenstift Schoko, Taucheruhr Spyder, Bademantel Pleasure und die mysteriöse Schlangenledertasche Diva trauern um Marnie, die sie mit ihrer Liebe beseelt hat. Sie bilden ein zu allem bereites Rettungsteam, das sich auf die Suche nach Marnies verschollener Seele macht. Doch ihr Versuch scheitert dramatisch, denn das Trauma, das die Seele im Koma hält, reicht tief zurück in Marnies Vergangenheit. Erst als es Diva gelingt, Martens allzumenschliche Glaubensgrenzen auszuhebeln und ihn ins Team zu holen, kämpfen alle gemeinsam gegen die lähmende Kraft der Erinnerung. Die Leser*innen werden durch den magischen Realismus dieses Romans in eine Welt entführt, die allein aus Liebe entstanden ist. Denn Marnies Liebe hat nicht nur ihren Freund Marten zu einem anderen Menschen gemacht. Sie hat auch alle bedeutenden Gegenstände in ihrem Alltag zum Leben erweckt: die mysteriöse Ex-Schlange und Handtasche Diva, den preußischen Tauchcomputer Spyder, den sensiblen Bademantel Pleasure, den eifersüchtigen Lippenstift Schoko - und Mensch Marten. Das Team könnte nicht unterschiedlicher sein - doch jetzt müssen alle zusammenhalten. Denn Marnie liegt nach einem Unfall im Koma, ihre Seele ist verschollen, und die Beseelten spüren, wie ihre Lebenskraft versiegt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 352

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Das vorangestellte Zitat entstammt dem The Black Eyed Peas-Album „The E.N.D. (Energy Never Dies)“, 2009, © Interscope (Universal Music)

Bisher von müller erschienen:

Pimmelburg (Roman, Verlag Tredition)

ISBN: 978-3-7482-6372-2

Freispruch (gem. mit Martin Rütter, Kosmos Verlag)

ISBN: 978-3-4401-6731-1

müller & eckermann haben außerdem geschrieben:

Wir vom Neptunplatz (Roman, Carlsen Verlag)

Viertelherz (Romanreihe, Kindle dp)

#1 – willkommen@ehrenfeld

#2 – Festival am See

#3 – 4 x 4 Jahreszeiten

#4 – Schängs Schtories

Leben hoch Drei (Hörspielserie, Verlag Lübbe Audio, mit Mirja Boes, Tim Bergmann und Florian Lukas)

#1 - Pizza, Putzplan, Poweryoga

#2 – Lukullus, der lyrische Liebesterrorist

#3 – Ihr Kinderlein kommet

© Patricia Eckermann

müller studierte in Düsseldorf Literatur- und Medienwissenschaften und lebt als TV-Autor in Köln.

Neben preisgekrönten Comedy- und Unterhaltungsshows fürs Fernsehen verfasst(e) er Kabarett, Satire, Mobile- & Hörspiel-Serien und Sachbücher.

Mehr Infos unter antagonisten.de

müller

Allerseele

Roman

© 2020 müller

1. Auflage

geschrieben mit Papyrus Autor 8.54 mac

Umschlaggestaltung: meladesign, Mela Holcomb

Lektorat & Autorenfoto: Patricia Eckermann

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback

978-3-347-08729-3

e-Book

978-3-347-08731-6

Alle Figuren in diesem Werk sind ausgedacht. Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors und des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

FürJochen „Cocker“ K. (∞)

&

für Heike, Gaby, Wolle, Raicaund all die anderen unermüdlichenÄrzt*innen & Pfleger*innen

»Welcome to the end.

Do not panic!

There’s nothing to fear.

Energy never dies.«

(Black Eyed Peas, »The E.N.D.«)

88. Bleibt alles anders

Marten schlug hart auf im Damals, im Sommer 2001. Schulferien gab‘s damals noch gar nicht für ihn. Erst im kommenden August sollte er endlich in die Schule dürfen. Zumindest hoffte er das - mehr als alles andere an diesem Tag, denn es würde bedeuten: Er überlebte das hier.

»Das hier« waren fünf Kinder aus der Nachbarschaft. Basti, Mika, Alex und Ben, die ihn auf den Boden pressten. Marten strampelte, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, und mit jedem von Tristans Tritten gegen seine Rippen bekam er noch weniger Luft. Er trat mit seinen nackten, grasverklebten Füßen nach Basti und Mika, schlug mit dem Kopf nach Alex und Ben. Es brachte nichts, obwohl das nicht ganz stimmte: Es brachte die Jungs zum Lachen. Besonders Tristan, der breitbeinig über ihm stand und langsam den Reißverschluss seiner Jeans öffnete. Ausgerechnet Tristan, der doch fast zwei Jahre Martens bester Freund gewesen war, pulte seinen winzigen, immerhin aber schon 6 ½-jährigen Pimmel aus der Hose.

»Mach schon, Tris! Piss ihm ins Gesicht«, feuerte Basti ihn an. Und Tristan genoss jede Faser von Martens Angst. Die ersten Tropfen waren überraschend warm. Marten schloss die Augen, der caprisonnenfarbene Urin brannte. Plötzlich rissen Mika und Ben Martens Kiefer auseinander, und er verschluckte sich panisch an Tristans salzigem Strahl. Er hustete, schluckte und erbrach sich. Damit hatte Tristan sein Revier ausreichend markiert, und die anderen vier durften ran.

Von allen Seiten prasselten dünne und dickere Strahlen auf Marten nieder. Die Sommersonne brach sich in ihnen. Ein Regenbogen aus Pisse, direkt über Martens Nasenlöchern. Sie lief an seinen Lippen herab, in sein Ohr, seine Haare. Marten schrie, verschluckte sich erneut. Hustete. Schluckte. Und erbrach sich nach bekanntem Muster.

Genauso fand seine Mutter ihn, Märtyrerstunden später. Es war schon fast dunkel, sicher weit nach Neun, als sie über ihren Sohn stolperte. Über sein Erbrochenes. Der ganze Urin war längst eingetrocknet, es gab nur noch ein paar Tropfen in Martens Magen. Vermischt mit Galle vom Kotzen.

Martens Mutter packte den Jungen und brachte ihn in die Notaufnahme. Sie behielten ihn über Nacht da - zur Beobachtung, während seine Mutter wieder heimging zu Martens jüngeren Geschwistern. Er war ja schon fast Sechs und würde das allein schaffen. Doch Marten schaffte es nicht. Keine Minute. Gerade war seine Mutter in den Fahrstuhl gestiegen, da rannte er bereits die ersten Treppenstufen herunter. Mit immer noch nackten Füßen und einer pulsierenden kleinen Blutquelle im Handgelenk von der hektisch herausgerissenen Kanüle.

Dreimal brachte Martens Mutter ihren Sohn zurück auf die Station, danach übernahmen zwei grobe Pfleger diese Aufgabe. Diesmal haute Marten nicht mehr ab. Wie auch? Er war mit vier fingerdicken Lederschlaufen ans Bett fixiert wie ein Serienkiller - ein sechsjähriger Junge mit einem überreizten Magen. Mit überreizten Nerven. Mit Angst. Ein Wunder, dass die Pfleger ihn nicht knebelten.

Am nächsten Morgen erwachte Marten aus einem derart tiefen Traum und freute sich für einige Sekunden, dass all die Pisse, das dreckige Jungenlachen, die tobende Mutter, die brutalen Pfleger - dass all das bloß ein böser Traum war. Doch dann spürte er, wie seine Beine kribbelten. Wie die Lederschlaufen sich in seine Unterarme schnitten. Immer wieder über die wunde Stelle rubbelten, an der er die Schmetterlingskanüle rausgerissen hatte. Der Schmerz machte ihn hellwach. Er versuchte, sich aufzurichten, soweit die Fesseln das zuließen, und erkannte, dass ihn eigentlich etwas ganz anderes noch viel mehr schmerzte als der Streich seiner sogenannten Freunde: Marten musste. Und zwar so dringend, dass sein ganzer Unterleib sich zusammengezogen hatte wie ein Wadenkrampf. Oder ein Schlag seines Vaters.

So sehr er sich auch streckte und verdrehte auf seinem Bett - Marten kam mit den Füßen einfach nicht an die Kordel für die Schwesternklingel. Völlig außer Atem begann er zu rufen. Zunächst noch ängstlich wimmernd, bald schon lauter. Mit Wut. Mit Hass. Ohne Erfolg. Marten schrie, dass seine Augen tränten und die Adern an seinem Kinderhals hervortraten, zuckende Regenwürmer unter blaublasser Haut. Nichts passierte. Als die Schwester schließlich kam, war die Pisse in seinem Bett schon wieder kalt.

Keine zwei Stunden später war er Zuhause, mit dem Taxi, weil seine Mutter mit den Zwillingen ihren dritten Geburtstag feierte. Nie wieder sprach Marten ein Wort über den Vorfall. Nie wieder betrat er ein Krankenhaus. Nie wieder bis jetzt…

*****

Marten nahm einen tiefen Zug aus seinem Asthma-Inhalator. Dann einen zweiten. Einen dritten. Er konzentrierte sich auf die krampflösende Wirkung des Sprays und legte die nackten Unterarme aufeinander, um wenigstens ein bisschen menschliche Wärme zu spüren. Den Blick auf Marnies flatterlose Lider geheftet, rollte er sich auf dem Besucherstuhl zusammen. Ein ängstlicher Welpe, der auf Erlösung hoffte. Die ausblieb. Stattdessen trieb sich ein klammer Schweißfilm auf seine Haut, ein müffelndes Krötensekret, das unangenehm, aber vertraut roch und in den Tiefen seines Unbewussten eine bislang festverschlossene Bunkerschleuse öffnete. Halbvergorene Angstbilder tröpfelten in sein Bewusstsein. Tropf. Tropf. Tropf.

»I’m okay«, sang Christina Aguilera dazu. Ein Zeichen für Marten, dass das Album sich dem Ende entgegenseufzte. Er nahm Marnies Smartphone vom Beistelltisch und suchte nach der geeigneten Fortsetzung seines täglichen, stramm getakteten einstündigen Revitalisierungsprogramms. Er wählte »The E.N.D.« von den Black Eyed Peas aus. Ein sphärischer, sirrender Sound schwappte aus der Boombox gegen die blanken Wände, die hallige Stimme begrüßte den Zuhörer mit einem »Welcome to the end«, und sofort legte sich ein Tonnengewicht auf Martens Brust.

Er suchte Halt im matten Schimmer des Displays. Er hasste iPhones, liebte CDs, liebte das schabende Plastikgeräusch beim Öffnen, die Booklets, das Auswählen, indem er mit dem Finger über das CD-Regal strich - oder wenn er seine Knie gegen das Lenkrad seines alten Bullis stemmte und durch die kunstlederne CD-Tasche flippte. Er hasste iPhones, hasste die Beliebigkeit einer 130 Gigabyte starken Festplatte mit all ihren unendlichen Möglichkeiten. Marten war definitiv von gestern. Er hielt das Smartphone nur aus, weil es zu seinem Konzept gehörte. Zu seiner Schöpfung eines idealen Raums. Für Marnie. Seine Liebe. Seine lebende Tote.

Er fischte ihr Lieblingsbuch aus seinem Rucksack und rückte den sperrigen Besucherstuhl so nah wie möglich an ihr Bett. Das Buch war nicht wirklich Marnies Exemplar, sondern eine traurig verblichene Ausgabe aus dem Krankenhauskiosk, das dort die letzten 5 Jahrzehnte vergeblich auf einen Käufer gewartet hatte. Das Neonlicht der Auslage hatte seinen schwarzen Einband ausgeblichen, und die Seiten fühlten sich an wie holziges Löschpapier.

Ausgerechnet Hesse, ausgerechnet »Siddharta«. Konnte es nicht irgendwas Unterhaltsameres sein? Oder zumindest ein etwas dickeres Buch? So verkrampft, wie er war, hatte er jedes Mal Angst, das dünne Heftchen beim Vorlesen einfach in der Mitte durchzureißen. Aus der Ferne wagte er einen ausgiebigen Blick auf Marnies fast geschlossene, ruhige Lider. Dann blätterte er an die richtige Stelle, strich das umgeknickte Eselsohr glatt und begann zu lesen.

Marten hatte eine schöne Lesestimme und, was noch wichtiger war, er wusste sie einzusetzen. Er selbst mochte wenig an sich und jeden Tag weniger. Doch seine Stimme war okay. Sie fühlte sich gut an im Nacken, wenn er sich laut lesen hörte. Wie ein Echo zu der viel höheren Innenstimme, die in seinem Kopf widerhallte. Er mochte die tieferen Lagen und las entsprechend langsam, brachte bewusst seine Stimmbänder zum Schnurren. Immer wieder warf er dabei verstohlene Blicke zu Marnie. Das einzige, was sich rührte, war ihr mechanisch aufgeblähter Brustkorb, gesteuert vom digitalen Impuls einer Maschine. Auf. Ab. Auf. Ab. Auf.

Marnie selbst blieb weg.

*****

Sein Verstand war damit beschäftigt, die Worte Hesses in Klang zu übertragen. Doch sein Unterbewusstes drehte sich um das immer gleiche Fragen-Quintett: Warum Marnie? Warum hatte passieren müssen, was passiert war? Was hatte er verbrochen, dass das Schicksal ihn derart strafte? Was konnte er tun, um diesen Fluch abzuwenden? Und wie konnte er Marnie dazu bringen, die Augen aufzuschlagen und endlich wieder an seinem Leben teilzunehmen?

Marten las fehlerlos und ohne zu stocken. Es war der einzige Moment am Tag, in dem er nicht nach seinem Asthmaspray griff. Doch er spürte das permanente Hintergrundrauschen seiner Gedanken, während die Sorge um seine große Liebe seine Mundschleimhaut gnadenlos austrocknete. Die Zeilen stolperten immer kraftloser zwischen seinen Lippen hervor. Er räusperte sich und hörte für einen kurzen Moment auf zu lesen. Lang genug, um zu spüren, dass seine Tränen sich unablässig aus den Kanälen pressten. Und dort, wo sie bereits auf dem billigen Papier des Romans zerplatzt waren, hatten sie wellige Kratereinschläge hinterlassen und die Druckerschwärze soweit verwaschen, dass er den Roman wohl kein zweites Mal würde vorlesen können, ohne an diese Einschläge zu denken und neue hinzuzufügen.

87. Die Erweckung I – Lippenstift des Jahres

Schoko mochte es, wenn Marten las. Allerdings war das auch das einzige, was er an dem lächerlichen Menschenmann mochte. Was fand Marnie bloß an diesem unsicheren Gimpel, dessen hohe Stirn sich täglich immer weiter gen Nacken schob, während seine dunklen Brauen über der Nasenwurzel immer weiter zusammenwuchsen? Er sah einfach hysterisch aus mit seinen Schnittlauchhaaren in Rentner-Beige, dem Fünftagebart und den ausgebeulten Baggyjeans, die sonst nur 15jährige Pubertätsopfer zu tragen wagten. Überhaupt war Marten ein Junge in einem verwaschenen Männerkörper. Ein milchspuckeblasser Körper, der überall Haare hatte, nur nicht da, wo sie hingehörten. Dieser lieblos hinskizzierte Männerentwurf hatte nicht die Spur der Eleganz, die Marnie verdient hätte.

Doch diesen Part übernahm Schoko gern in ihrem Leben. Denn wenn er sein überbordendes Selbstbewusstsein aus einer sicheren Quelle schöpfen durfte, dann aus seinem unverwechselbaren Stil. Immerhin war er 2017 auf der Beyond Beauty in Paris zum »Lippenstift des Jahres« gewählt worden. Was hatte dieser Marten schon dagegenzuhalten?! Gegen einen wahren Weltmeister der Lippencouture?!

Schoko seufzte. Wie gern säße er an Martens Stelle bei Marnie und ließ seine Stimme in ihr Ohr träufeln wie süße Medizin. Allein, er konnte nicht lesen. Und was noch schlimmer war, Marnie konnte ihn nicht hören. Hatte ihn noch nie gehört.

Es war eine eher unausgesprochene Liebe zwischen den beiden. Eine Liebe, die umso mehr Tiefe hatte, als sie keiner Worte bedurfte. Sie bestand aus nichts als dem reinen Gefühl.

*****

Aus der Perspektive eines einfachen Lippenstifts war eigentlich nicht viel passiert. Und doch mehr als Marnie verkraften konnte.

Sie hatte ihren Kongress in Bonn unerwartet entspannt hinter sich gebracht. Gut, »Europäischer Schamanismus« war eigentlich nicht wirklich Marnies Thema. Doch der Auftrag ihres Redaktionsleiters war unmissverständlich gewesen: «Liefern Sie mir eine Story, Spielmann! Und bringen Sie mir bloß nicht diese Eso-Scheiße, mit der meine Frau immer vom Yoga-Retreat kommt!!«

Marnie hatte sich für ein Interview einige Wochen eingelesen in die Forschung Professor Hallstatts – der führenden Kapazität für europäischen, speziell keltischen Schamanismus. Seine Beiträge und Dokumentationen hatten sie selbst für einen etwas wissenschaftlicheren Ansatz der Spiritualität geöffnet. Wenn auch nur Job-bedingt.

Marnie hatte noch in der Tiefgarage den Schminkspiegel heruntergeklappt, und schon bei diesem Geräusch war Schoko heiß geworden. Nachdem sie ihn ewig im Chaos dieses schrecklichen Schlangenlederbeutels suchen musste, hatte er sich anschließend in einer geschmeidigen Bewegung auf ihre Lippen gelegt. Entsprechend interessant und anregend war Marnies Gespräch mit dem Dokumentarfilmer und Kulturforscher verlaufen – und mehr als das.

Hallstatt war ein energetischer Endfünfziger, dazu liebenswürdig und charmant, ganz die alte Schule, die Marnie bei Männern sehr mochte. Leider war das Interview viel zu schnell vorbeigegangen, und als Marnie sich von Hallstatt verabschiedete, hofften beide auf ein baldiges Wiedersehen. Vielleicht sogar, um ein gemeinsames Buchprojekt anzugehen, das sich aus dem kurzweiligen Gespräch ergeben hatte. Denn auch Hallstatt war nicht ganz unvorbereitet in das Interview gestolpert. Er hatte Marnies Veröffentlichungen in den unterschiedlichsten Zeitungen und Magazinen studiert und gelobt. Und er hatte sich ihren Lebenslauf mailen lassen.

Als der Professor sich beim Abschied gekonnt über ihre Hand beugte – Schoko liebte Handküsse und verabscheute jede andere Form von Lippenkontakt –, knüpfte Hallstatt wie zufällig an ihre Vita an.

»Sie sind eine Lichtgestalt, Marnie. Und das beziehe ich gar nicht auf Ihre beeindruckende Persönlichkeit.«

Schoko hatte sofort den Unwillen gespürt, mit dem Marnie ihre Hand zurückzog. Doch davon wollte Hallstatt sich so wenig beeindrucken lassen wie von der steilen Doppelfalte zwischen ihren Umbraaugen.

»Sie haben mir mit ihrem Mythos der Nineth Night ein wunderbares Geschenk gemacht, Marnie. Und auch wenn Ihr Vater aus der Karibik stammt und dieses Ritual sicher gut kennt, wurden Sie doch nur einen Axtwurf entfernt von den Extern Steinen geboren. Das allein macht Sie aus Sicht der Kelten zu einer Auserwählten. Und dann sind Sie auch noch eine Samhain-Geborene, eine Allerseele. Der erste November ist einer der höchsten Feiertage in der keltischen Religion.«

Marnies Verwunderung sickerte tief in Schokos Farbpigmente. Okay, ihren Geburtsort hatte Hallstatt von Ecosia ermitteln lassen können. Aber woher kannte er ihren Geburtstag?! Schokos Verteidigungsmechanik war mit einem Mal hochgefahren, und auch Marnie hatte mit aller Macht versucht, ihr Interesse zu verschleiern. Doch Hallstatt hatte sie sofort durchschaut und gelächelt.

»Meine Liebe, Sie sind das Symbol für die Öffnung des Tors zur Zwischenwelt, die jedes Jahr an Ihrem Geburtstag gefeiert wird. Wenn man den Kelten glauben darf. Und das tu ich in Ihrem Fall mit dem größten Vergnügen.«

Damit hatte er sich schon zum Gehen gewandt, warf Marnie aber über die Schulter noch ein »Samhain und die Nineth Night – was für eine Verbindung! Ich freu mich auf unsere Zusammenarbeit« hinterher. Schoko hatte ordentlich mit seiner Eifersucht zu kämpfen bei ihrem irritierten Lächeln.

Marnie ging runter in die Tiefgarage des Kongresscenters und setzte sich in ihren uralten Volvo. In ihrem Leben war kein Platz für Luxus, alles wurde vielmehr ausgerichtet an der Frage »Praktisch und sicher?«. Und das war der Volvo definitiv. Marnie nahm Schoko aus ihrer Handtasche, klappte den Schminkspiegel herunter - spätestens da wusste Schoko, dass er bald wieder über elysische Felder würde streifen dürfen - und zog ihre Lippen mit seinem satten Braun nach.

Schoko genoss jeden Millimeter ihres edlen Lippenschwungs und sog den Duft seiner großen Liebe tief in die Farbpigmente ein.

Marnie schraubte ihn vorsichtig wieder zu und lächelte sich im Spiegel an. Schoko liebte diesen Spiegelblick. Er hatte so etwas Pragmatisches, war dabei zugleich selbstbewusst und uneitel. Er war unfassbar stolz, dass er beitragen durfte zu diesem Blick. Was immer Männer denken mögen, es gibt nichts, das eine Frau jemals zwischen sich und ihren Lippenstift bringen ließ.

*****

Marnie und Schoko hatten sich in Hamburg gefunden, im Sommer 2018. Damals, als noch jeder Spinner fest an den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft glaubte. Einige Jahre war das inzwischen her, und die Liebe auf den ersten Blick hatte sich noch längst nicht abgekühlt… Schoko arbeitete Vollzeit in einer drittklassigen Drogeriekette. Er war ein Einzelgänger. Das, was er als Leben kannte, war ein tristes Einerlei aus schlechtem Licht, billigem Regalschrott und einem Duftgemisch, das einen wirklich zur Verzweiflung treiben konnte.

Die Verkäuferinnen überboten sich gegenseitig in ihrer Übellaunigkeit und umfassenden Ahnungslosigkeit. Schokos einzige Abwechslung bestand aus einer lockeren Montags-Affäre, die er mit einem Staubwedel führte, der einmal wöchentlich von einer bocklos schmallippigen Verkäuferin über die gesamte Auslage gewedelt wurde. Schoko mochte die flauschigen Straußendaunen des Wedels. Er genoss das leidenschaftliche Gurren, das der Wedel ausschließlich ihm schenkte, doch die allwöchentlichen Treffen waren viel zu kurz, als dass mehr aus den beiden hätte werden können. Immerhin war es mehr als nichts.

Dann kam der Montag aller Montage, der alles in Schokos Leben ändern sollte. Oder besser: der ihm überhaupt ein Leben schenkte. Es war ein herrlicher Sonnentag im Juni, der den Kontrast zu dem Kunstlicht der Auslagen aufs schmerzlichste verdeutlichte. Schoko genoss den Blick durch die Scheibe auf die Große Bleichen. Hektisch trieben die Menschen durch die Einkaufsmeile, auf der Jagd nach Konsum und Status. Menschen! Viel hatte Schoko nicht übrig für diese seltsame Spezies. Zu sehr war ihr Blick nach innen gekehrt. Zu wenig interessiert an echter Schönheit. Zu wenig interessiert an ihm.

Doch dann passierten gleich zwei unerwartete Dinge gleichzeitig: In einem ruhigen Tempo, das den normalen Fluss der Passanten schlicht zu ignorieren schien, näherte sich eine Frau dem Schaufenster. Ihr Gang war federnd, athletisch, zielbewusst. Alles an ihr war sehnig, dynamisch, amazonenhaft, die dunklen Locken umfassten ihr Gesicht wie die Glockenkrone einer schwarzen Hohepriesterin.

In derselben Sekunde, als diese unbeschreibbare Schönheit ihr ebenso unvergleichliches Lächeln über die Auslage des Drogeriemarkts schwenkte, kletterte die Junisonne über den Dachfirst des gegenüberliegenden Gebäudes. Und just in einem weiteren Sekundenbruchteil warf dieser göttliche Himmelskörper einen warmen Strahl auf Schokos goldene Verschlusskappe, von wo aus er direkt auf der Netzhaut dieser lockengekrönten Amazone landete. Sofort waren beide in Flammen.

Schokos Blick folgte dem entschlossenen Schritt der Amazone, verlor sie, fand sie auf der anderen Seite der Auslage - im Geschäft - wieder, sah sie mit schlankem, entschlossenem Finger auf ihn deuten, sein Schicksal besiegelnd. Schoko wusste nun, worauf er ein Leben lang gewartet hatte. Dass sein zähes Ausharren belohnt wurde. Die Amazone hatte ihn beseelt. Mit ihrem Blick. Mit ihren feingliedrigen Händen. Mit ihrer Sanftheit und Fürsorge. Vor allem aber mit ihren Lippen. Marnie hatte ihn erwählt. Und Schoko nahm die Wahl an. Er wurde ihrer.

*****

Keine fünf Minuten, nachdem Marnie Professor Hallstatt, den Schamanismus-Kongress und das triste Parkhaus im ehemaligen Bonner Regierungsviertel hinter sich gelassen hatte, verschmolz sie mit dem Feierabendverkehr und fuhr auf der Landstraße zurück nach Köln. Marnie mied die Autobahn, wann immer es ging, hasste die Hahnenkämpfe zwischen Vierradfetischisten auf Sex-Entzug, die sich gegenseitig der Existenz ihrer gigantischen Geschlechtsteile versichern mussten, auch wenn die seit Wochen oder Jahren nur noch auf Handbetrieb funktionierten. Die A3 war für viele Männer Kriegsschauplatz. Fronteinsatz. Eisernes Autobahnkreuz. Marnie brauchte das nicht. Oder anders: Es machte ihr Angst. Und auch wenn Schoko diese Angst nicht teilte, verstand er sie tief in seinem Innersten. Wie er alles verstand, was Marnie fühlte, dachte, sagte.

Also verschenkte sie lieber ein paar Minuten auf der herbstlichen Landstraße und ließ sich entspannt im fast unhörbar schnurrenden Volvo durch die Dunkelheit treiben. Gute fünfzig Minuten würden sie bis nach Hause brauchen, die perfekte Zeitspanne für ein Hörspiel. Marnie verband ihr iPhone mit dem Autoradio und wählte Eckermanns »Nicht schon wieder Ragnarök« aus. Sie liebte die locker perlende Sprache, die überzeugende Besetzung des Sprecher-Ensembles, die dichten Klangräume, und verschmolz mit der Geschichte der Weltenretterin so sehr und so häufig, dass selbst Schoko fast jede Szene mitsprechen konnte.

Marnie lehnte sich entspannt gegen die Sitzheizung und genoss die frühherbstliche, nieselregnerische Abendstimmung. Sie summte die Titelmelodie mit, und die Scheibenwischer schoben ein neues Dia mit verzerrten Lichtspuren auf die Frontscheibe. Marnie seufzte wohlig.

86. Tulpen aus Rotterdam

Kuballa hatte seinen Truck am Mittag im Rotterdamer Hafen mit drei Tonnen frischer Tulpen beladen. Anschließend war er innerhalb von knapp vier Stunden nach Deutschland geknallt, hatte die Hälfte der Fracht in Bonn abgeladen und war nun auf dem Weg zum Kölner Großmarkt. Nur einmal hatte er beim Tanken eine Klopause gemacht. Sonst leerte er seine Blase während der Fahrt einfach in seine alte Thermoskanne.

Er versuchte, das Geräusch des warmen Urins, der in den Behälter plätscherte, so gut es ging zu überhören, und wachte streng darüber, dass auch beim Abschütteln kein Tropfen seine Finger berührte. Oft achtete er dabei mehr auf die Vermeidung des Ekelgefühls, als auf den fließenden Verkehr vor sich. Kuballa hasste diese unwürdige Art, seinen Bedürfnissen nachzukommen. Gleichzeitig hasste er, dass es nicht anders ging. Aber anhalten für jedes Pissen - das war heutzutage einfach nicht mehr drin in seinem Job.

Überhaupt hatte sich das Tagesgeschäft eines Kraftfahrers total verändert in den letzten Jahren. Es war nicht mehr viel übrig von der alten Trucker-Romantik und der grenzenlosen Freiheit auf dem Bock, der für Kuballa früher das Leben bedeutete. »500 Meilen von Zuhaus« war so ausgesungen wie Gunter Gabriel selbst. Heute saß er in einem Bandscheiben-freundlichen Pilotensitz, der CB-Funk war durch Laptop und Internet abgelöst, vor allem aber durch das Satellitentelefon, das er laut Arbeitsvertrag selbst in den Ruhepausen nicht ausschalten durfte. Freigeist war früher. Heute war Kuballa ein abhängiger Subunternehmer, mit allen Risiken, ohne Mitspracherecht. Ohne Wahl. Und sicher ohne jede Würde. Ein Dienstleister mit so vielen Pflichten, dass kein Platz mehr blieb für Rechte.

Seine Sechstage-Woche bedeutete, dass er die meisten freien Tage auf irgendeiner Raste, einem Firmenparkplatz oder im Schatten einer Verladerampe verbrachte und seinen Ruhe-pflichtigen LKW bewachte. Terminstress und Eigenverantwortung bis zur Selbstaufgabe, das war sein Alltag. Doch erst mit der LKW-Maut wurde Kuballas Job ein einziges Desaster. Immer wieder mal gab es einen Auftraggeber, der ihm freie Streckenwahl zubilligte. Die meisten anderen Disponenten gaben inzwischen die Routen vor. Illegale Um- und Schleichwege inklusive. Das hieß so wenig bezahlte Autobahnkilometer wie möglich. Und jeden Meter Landstraße nutzen. Nur hieß Landstraße für Kuballa gleichzeitig: Es dauerte länger, und er musste sich verdammt hart konzentrieren. Gerade in diesem wahnsinnigen Berufsverkehr. Herbstgräue, verwaschene Schatten und Nieselregen inklusive.

Als Subunternehmer war das Fahren nicht sein einziger Job. Der ganze Bürokram musste ja auch erledigt werden, parallel, irgendwie. Auf der Autobahn war das Checken von Mails kein Problem. Und auch die vielen nötigen Telefonate mit Disponenten, Lagerverwaltern und Kunden machten Kuballa auf der Bahn keine Probleme. Auf der Landstraße dagegen musste er höllisch aufpassen. Denn ein Blick, der zu lang auf der Computertastatur oder dem Smartphone-Bildschirm klebte, konnte Schwierigkeiten bedeuten. Echte Schwierigkeiten. Er hatte das bei Kollegen miterlebt. Eine Sekunde unaufmerksam, und ein Stau-Ende faltete sich zusammen zu einer blutigen Massenkarambolage.

Glücklicherweise war ihm so etwas nie passiert. Unglücklicherweise hatte Kuballa im Führerhaus nichts aus Holz, auf das er in diesem Moment hätte klopfen können. Und so trieb er seinem Schicksal unaufhaltsam entgegen. Einem Schicksal, das so trübe war wie der Urin, den er gerade in seine Thermoskanne strullte.

85. Truck des Todes

Schoko war für selige Momente in einen Lippenstift-Tagtraum abgetaucht. Er und Marnie, am Strand in Ägypten. Die Sonne schenkte seinem Teint einen Hochglanz auf Marnies Lippen, der Männer vergessen ließ, wie heiß der Sand war, auf dem sie bei ihrem Anblick festschmorten.

Marnies Lachen katapultierte Schoko zurück in die Realität, zum gleichförmigen Surren des Volvos, auf der überholungsbedürftigen Oberfläche der Landstraße Richtung Köln. Das Hörspiel trieb einem seiner Höhepunkte entgegen, und Marnie grinste, giggelte, lachte - bis ihr Lachen mit einem kurzen Blick in den Rückspiegel zerstäubte. Sie stoppte das Hörspiel und widmete sich mit ernster Konzentration dem Straßenverkehr.

Der LKW hinter Marnie machte ihr Angst. Das Führerhaus war heller erleuchtet als ein tschechischer Autobahnpuff, und der Fahrer, das konnte Marnie im Rückspiegel beobachten, hatte einiges zu tun neben dem normalen Fahren. Er telefonierte, blickte immer wieder zur Seite auf irgendetwas, das aussah wie ein Computerbildschirm. Ein Laptop an Bord eines 40-Tonners?!

Marnie beschleunigte etwas, um Abstand zu gewinnen, doch ohne aufzublicken verstand der LKW-Fahrer diese Geste als Aufforderung, ebenfalls zu beschleunigen. Marnie ließ die Bremsleuchten ein paarmal aufflackern, und auch der LKW bremste ab. Sie beschleunigte wieder, und synchron legte der Truck an Geschwindigkeit zu.

Schoko empfing Marnies Angst wie eine Kurzwelle, auch wenn der sensible Lippenschmeichler tief im Innern ihrer Handtasche steckte. Die Geräusche der schadhaften Landstraße wurden langsamer. Bei der nächsten Parkbucht blinkte Marnie rechts. Sie ließ den Volvo auf dem knirschenden Kies ausrollen, um diesen nervigen LKW-Automaten vorbeizulassen.

Doch die massive Front des Trucks schob sich immer bedrohlicher heran. Offensichtlich reagierte der Autopilot noch nicht auf Marnies Bremsmanöver. Sie schaltete den Warnblinker an. Nichts. Sie hupte. Beim ersten quäkenden Ton zeigte ihr Rückspiegel, wie der Trucker den Blick hochriss und panisch ins riesige Lenkrad griff.

Die Bremsen schrien, die Zugmaschine schoss im Halbkreis auf die Gegenfahrbahn, der Hänger übergab sich den Gesetzen der Fliehkraft, bekam schwere Schlagseite und driftete unaufhaltsam auf das Heck des Volvo zu. Die Fracht wurde so heftig gegen die Hecktüren geworfen, dass diese nachgaben, aufrissen und einen gigantischen Tulpen-Tsunami auf den Volvo und die Landstraße ergossen. Das war das Bild, das auf Marnies Netzhaut explodierte.

Mit der Wucht einer Cruise Missile schob der schwerstbeladene Hänger den winzigen Volvo in eine hundertjährige Eiche. In Sekundenbruchteilen platzen acht Airbags aus allen Richtungen auf Marnie zu. Schoko wurde in der Handtasche vom Nebensitz gerissen. Mit tausend anderen Gegenständen krachte er hart in den Fußraum und überschlug sich mehrfach. Doch nichts schenkte ihm dabei die Gnade der Bewusstlosigkeit oder versperrte wenigstens seinen Blick. Stattdessen musste er zusehen, wie seine große Liebe so heftig nach vorn geschoben wurde, dass ihr Oberkörper den Airbag zusammenfaltete, das Lenkradrund durchbrach und sich immer noch fast ungebremst in die blanke Lenksäule bohrte.

Krachend teilten sich die Rippen um die zersplitterte Stange. Schoko spürte, wie die Kälte des Stahls Marnies Herzmuskel mit einer Gänsehaut überzog. Dann sandte ihr Hirn endlich die chemischen Weichspüler ins Blut. Adrenalin. Noradrenalin. Cortisol. Und eine Prise Serotonin. Alles in Marnie erstarb in einer hormonellen Wolke des großen Mir-doch-egals, das Schoko in eine umfassende Schockstarre riss.

84. Tulpenmassaker

Kuballa bemerkte den Aufprall des Hecks kaum. Erst als die Zugmaschine sich auf die Felswand schob, sein Laptop gegen die Frontscheibe knallte und sein Nasenbein auf dem Lenkrad zerplatzte, verstand der Trucker, dass etwas passiert sein musste. Dann spürte er nichts mehr. Schock-Hormone versorgten seinen Körper und hielten ihn von dem Impuls ab, sich selbst mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Stattdessen trat Kuballa die geplatzte Frontscheibe ein. Die Fahrertür war zu verkeilt, er bekam sie nicht mehr auf. Er stemmte sich gegen den nackten Fels, kletterte um das Führerhaus herum und sprang auf den nassen Asphalt, der voll war mit Splittern aus Glas und Plastik. Und Tulpen. Ein buntes Meer aus Tulpen.

Er schlich sich wie ferngesteuert an den Volvo heran. Oder an das, was von ihm noch übrig war. Langsam vor Angst. Schritt für Schritt. Dann sah er die junge Frau, über die Lenksäule gebeugt. Eingeklemmt. Blutüberströmt. Irgendetwas hatte sich durch ihren Oberkörper getrieben. Sie war ohne Lebenszeichen, auch wenn er sich nicht richtig herantraute an die zerstörten Reste einer offensichtlich wunderschönen Frau, die nach warmem Blut roch. Und nach Tulpen.

Kuballa taumelte zurück zum Truck. Ruckelte mit aller Kraft an der Beifahrertür, die sich mit einem markerschütternden Quietschen öffnete und den Blick freigab auf das Chaos im Fußraum. In all dem Unrat suchte er das Satellitentelefon, fand es inmitten seines noch warmen Urins, der sich überall im Fußraum verteilt hatte, direkt neben der offenen Thermosflasche.

Er sah an sich herab. Mit offenem Hosenstall stand er auf der Landstraße und fühlte, wie ihm das Blut an der Innenseite seiner Schenkel hinunter in die Schuhe lief. Er warf die Thermoskanne ins Gebüsch und kotzte gegen das Vorderrad seines 40-Tonners. Dann wählte er mit zittrigen Fingern den Notruf.

83. S.O.S.

Schoko empfing keinerlei Signal von Marnie. Das Ticken des abkühlenden Volvo-Motors mischte sich mit den Sprachfetzen eines Mannes, der draußen um Hilfe wimmerte. Mehr Eindrücke konnte Schoko nicht verarbeiten, denn er wagte es nicht, Marnie noch ein einziges Mal anzusehen. Sein Atem ging so schwer, als hätte die Lenksäule ihn selbst durchbohrt. Dabei fehlte ihm nichts. Nichts außer Marnie.

Auch als die Polizei und der Rettungswagen längst die Unfallstelle erreicht hatten, empfing Schoko noch immer kein Lebenszeichen. In einer aufwändigen und lärmenden Prozedur schweißte die Feuerwehr den Volvo auf, flexte Marnies Körper frei, während noch ein knapper Meter Stahl aus ihrer Körpermitte ragte. Die Rettungssanitäter fixierten Schokos große Liebe seitlich auf einer Trage und brachten sie in aller gebotenen Hektik zum landenden Hubschrauber. Dabei packte einer der Rettungssanitäter den Lippenstift und die anderen verschütteten Dinge aus dem Fußraum zurück in ihre Handtasche und legte sie mit auf die Trage.

Marnie selbst war nicht mehr anwesend. Von ihr war nicht viel mehr übrig als eine blutende Hülle, das spürte Schoko so deutlich wie seine Angst vor den nächsten Minuten und Jahrzehnten.

Wenige Momente später landete der Hubschrauber auf dem Dach der Klinik, wo eine ganze Legion von medizinischem Personal empfing, auf die Intensivstation begleitete und untersuchte. Schließlich operierten sie. Versorgten die schlimmen inneren Verletzungen. Retteten sie auf dem OP-Tisch. Oder zumindest einen Teil von ihr.

Doch Marnie blieb weg.

82. Die Erweckung II – Lesung oder Liebe

Das war der Moment, an dem Marten vom Unfall erfuhr. Er war gerade auf Tour für Pack’s, sein Nebenjob als Paketbote. Oder besser: der Job, von dem er lebte. Er machte ihn schon zu lang, als dass er ihn hassen würde. Er wusste einfach: Ohne diesen Lohn könnte er nicht seine Geschichten schreiben. Das heißt, vielleicht hätte er sogar mehr Zeit für seine Geschichten gehabt. Doch er hätte nicht überleben können. Also fuhr er Pakete aus. Dreimal die Woche. Das sorgte für genügend Geld zum Überleben. Und ließ vier Tage zum Schreiben. Genug Zeit zum Wachsen. Und die brauchte er dringend.

Selbstbewusstsein war nicht so sehr seine Stärke. Deshalb hatte er es damals auch nicht recht glauben können, dass Marnie sich, vor gefühlt hundert Jahren, tatsächlich für ihn interessierte.

*****

Marten sah Marnie zum ersten Mal an der Garderobe des Subway, einem Club im Belgischen Viertel von Köln. Er sah sie, und sie sah ihn. Seinen verstockten, unsicheren Blick. Seine nachlässig versteckte Fettfrisur unter dem Beanie, seinen Fünftagebart, hinter dem er seine Kindlichkeit verbarg. Marnie lächelte ihn an. Oder die Menschenschlange hinter ihm?

Der ganze Club war vom WiKi-Verlag gebucht worden für eine Lesung. Cooles Ambiente für eine coole Romanpräsentation. So hatten zumindest die Eventplaner des Verlags kalkuliert. Marten war über einen Autorenkollegen auf die Gästeliste gerutscht. Vielleicht, hatte sein Kollege gemutmaßt, gab es dort ja die Möglichkeit, über Martens Roman zu sprechen. Mit einem Verleger. Mit einem Lektoren. Mit einem Vertriebler. Marten wäre es lieber gewesen, er hätte dem Sekretariat des Verlags von seinem Roman erzählen dürfen. Denn Macht schüchterte ihn ein. Mehr noch als Gewalt.

Er kam die Treppe zum Club hinunter. Leicht gehetzt, denn er war durch den strömenden Novemberregen geradelt. Nun stand er vor der Garderobe des Clubs und zog seinen tropfenden Parka aus. Mit einer Mischung aus Aufregung vor der bevorstehenden Prüfung, Lust auf ein paar kostenlose Drinks und einer Spur Verlegenheit, weil sein Parka so nass war, dass er die ganze Garderoben-Theke versaute. Doch da, wo er auf der anderen Seite des Tresens ein vorwurfsvolles Stirnrunzeln erwartet hatte, strahlte ihm ein freundliches Lächeln entgegen. Die Garderobenfrau. Mit Betonung auf Frau.

Klein, sportlich, Schwarz. Mit ungebändigten Locken, die in ihre fast faltenfreie Stirn fielen. Dazu umbrafarbene Augen wie aus einem Manga ausgeschnitten. Sympathisch. Aufgeschlossen. Neugierig. Natürlich meinte der Blick der Garderobenfrau nicht Marten, sondern …

Erneut drehte er sich um. Irritiert. Niemand stand hinter ihm. Niemand. Die Umbraaugen meinten ihn. Tatsächlich. Unmöglich. Er blickte verschämt auf seine feuchte Hand, die einen Hieb Kleingeld aus der Hosentasche zauberte.

»Ist gratis heute Abend.« Sie lächelte weiter dieses offene, neugierige Lächeln. »Übernimmt der Veranstalter. Genau wie die Drinks übrigens.«

Marten lachte, leider viel zu maskiert. Sie konnte unmöglich ihn meinen. Oder kannten sie sich? Er spürte, wie Panik sich herzhaft in seinem Nacken verbiss. Kannten sie sich, und er hatte es bloß vergessen? Vergessen, diese Frau?! Waren sie einander vorgestellt worden? Auf irgendeiner Buchmesse? Einem Verlagstreffen? Und er konnte sich bloß nicht erinnern? Und sie? Wollte sie ihm die Schmach ersparen und behielt deshalb einfach freundliche Distanz?

»Die Tasche kannst du mir auch geben. Ist ziemlich eng da drin.« Da! Sie hatte das Lächeln verloren. Und blickte nach unten. Ihre Stirn krauste sich zwischen den Brauen. Er musste beim Anblick dieser strengen Stirnfalte direkt an Worf denken, den Klingonen aus dem StarTrek-Universum. Er war fasziniert. Dann erst erkannte er, dass die Garderobenfrau die ganze Zeit auf seine triefende Tasche blickte. Verlegen reichte er sie über den Tresen - und plötzlich flammte dieses Lächeln wieder auf. Nur dass die Umbraaugen diesmal zu Schlitzen verengt waren. Mit Lachfalten wie von da Vinci gezogen. Er erinnerte sich ans Atmen, griff instinktiv nach seinem Spray, beließ es aber in der Hosentasche. Die Garderobenfrau grinste.

»Gottseidank… ich dachte schon, du bist einer von denen, die nur zweimal in der Stunde Luft holen.«

»Was?«, stammelte es aus Marten. »Nee, nee. Ich hatte einfach einen Scheißtag heute«, nahm er die denkbar uneleganteste Small Talk-Abkürzung.

»Das tut mir leid«, sie lächelte unschuldig, »damit dürftest du da drinnen allerdings zu den oberen 25 Prozent gehören. Der Rest hatte einen richtig beschissenen Tag.«

»Ich… ich wollte mich nicht beschweren«, stotterte er und steckte die Kleidermarke ein, wobei er die Innentasche seiner Trainingsjacke ganze acht Mal verfehlte.

»Echt jetzt?!« Die Garderobenfrau lachte. »Dann scheinst du ja wirklich was Besonderes zu sein. Der Rest da drin ist ausschließlich zum Beschweren gekommen.«

Marten stutzte. War das wieder ein Witz? Er gab sich neutral. »Worüber?«

Ihre Stimme bekam einen rauen Verschwörerton. »Darüber, dass sie alle glauben, viel besser zu schreiben als der, der heute Abend präsentiert wird. Und weil sie - wenn überhaupt – nur deshalb schlechte Bücher schreiben, weil sie im Materiellen gefangen sind. Oder weil sie falsch geliebt werden. Oder gar nicht.« Sie grinste. »Wirst du geliebt…?«

Marten kramte sofort nach einem möglichst coolen Konter, spürte aber parallel, dass ihr fragender Blick und das stimmlich leicht nach oben verschobene Satzende auch auf seinen Namen gemünzt sein konnte.

»Marten…«, schob er ein, vergaß darüber aber den coolen Konter und blieb beim Naheliegenden: der Wahrheit. »Äh, nein… ich hab‘ noch gar nichts veröffentlicht. «

Die Garderobenfrau kicherte. »Wusste ich’s doch.«

Marten drohte einzuschnappen. »Sieht man mir jetzt schon an, dass ich in keiner Bücherei rumliege?«

Sie schien vor seinem verbitterten Unterton zurückzuschrecken.

»Dass du auch einer von diesen Schreibern bist. Das sieht man dir an.«

Sie zwinkerte ihm zu. War das nett gemeint? Oder blöd? War das überhaupt irgendwie gemeint? Und von wem überhaupt? Wer bitte war diese Frau?! Wer lachte ihn da an, dass sich innen alles zusammenzog wie bei einer Schnecke, die man mit Salz beträufelte?

Überfordert nickte er der Garderobenfrau zu und ging wie ferngesteuert rein. Die abgestandene Luft im Club legte sich wie eine Staubmaus auf seine Zunge. Rauch. Schlechte Parfums. Alkohol. Und das schlimmste bei dieser Art von Treffen: Zigarillo-Duft. Ekelhaft. Marten kramte sein Asthmaspray heraus und nahm einen tiefen Zug.

Wieso war bei solch exklusiven Veranstaltungen immer das Rauchverbot aufgehoben? Warum durfte ausgerechnet im Namen der Kunst jede Rücksichtnahme, jedes respektvolle, rauchfreie Miteinander einfach aufgelöst werden? Oder gehörte es untrennbar zum literarischen Rebellentum, solche Verbote einfach zu ignorieren?

Innerhalb von drei Sekunden hatte Marten einen durchgehenden Wasserfilm auf der Haut. Er blieb stehen. Gönnte sich einen Moment für einen »Ersteindruck «. Musterte die Räumlichkeit - eine hufeisenförmige Bar, die von drei Dutzend Seidenschalträgern verdeckt war, eine Reihenhausgarten-große Tanzfläche mit umfangreicher Bohème-Dichte, ein paar loungige, aber verwaiste Sitzecken, das alles stilvoll beleuchtet, aber auch ein bisschen puffig. Einen Tick zu diskret für den Anlass. Nur am Kopfende der Tanzfläche war ein gnadenloser 1 KW-Scheinwerfer aufgebaut, der ein einsames Mikro ausleuchtete. Der Vorleser dahinter, ein Publikumsliebling aus dem Kölner Schauspielhaus, musste sich vorkommen wie bei einem Verhör. Noch saß er einfach nur stumm da und blätterte konzentriert durch das Manuskript, das er gleich vorlesen würde. Das Publikum hatte noch völlig andere Themen. Mit dem ersten Räuspern des Schauspielers setzen sich allerdings die ersten und achteten darauf, ja nichts zu verschütten von den kostenlosen Drinks.

Mit der einkehrenden Ruhe bemerkte Marten, dass es nicht etwa die schlechte Luft oder die Hitze waren, die ihm den Schweiß auf die Haut trieben. Dass es genau genommen nicht mal besonders heiß war in dem Club. Und dass es auch nicht an der Aufregung liegen konnte, denn er kannte Aufregung. Das war anderer Schweiß. Es war kein flüssiger Sportschweiß. Es war kein salziger Saunaschweiß. Kein klebriger Angstschweiß. Nein, diese Konsistenz von Schweiß gab es nur in einem Aggregatzustand: Wenn er versetzt war mit Pheromonen. Den Botenstoffen der Lust. Dieser Schweiß demaskierte Marten eindeutig. Er überführte ihn - und jeder, der in drei Metern Umkreis stand, konnte es wissen. Marten hatte sich verliebt. Er brannte.

Es kostete ihn einen Drink, dieses Gefühl tatsächlich an sich ranzulassen. Es kostete ihn einen weiteren Drink, zu überlegen, was nun zu tun sei. Mit einem Hub Asthmaspray und dem dritten und vierten Drink landete Marten wieder an der Garderobe. Das Strahlen empfing ihn. Marten hielt dem Strahlen den Drink entgegen. Das Strahlen schüttelt langsam den Kopf.

»Kein Alkohol für mich.«

Marten zuckte zurück, doch das Lächeln blieb. Kein Alkohol also.

»Du verpasst die Lesung, Marten.«

Sie hatte seinen Namen behalten. Sprach ihn aus wie etwas Wertvolles. Und grinste. Warum grinste sie immer? Wusste sie, dass ihr Grinsen keinen Raum mehr ließ für einen regelmäßigen Atemreflex?

Er entschied sich für eine philosophische Eröffnung. »Man kann eine Lesung nicht verpassen. Entweder man ist da oder nicht. Es macht keinen Unterschied.«

Wie bitte??? Was war das denn bitte für eine intellektuelle Blendgranate?! Die Garderobenfrau reagierte amüsiert.

»Oh, verstehe… klingt… irgendwie existentialistisch.«

Marten lächelte geschmeichelt.

»Das war nicht als Kompliment gemeint«, schob sie nach.

War das Spott in ihren Augen? Wieder diese steile Stirnfalte, die dicht verwellten Brauen. Die Frau kann böse gucken, dachte Marten.

»Ich heiß Marnie.«

Die Garderobenfrau grinste und schob ihre ebenso schmucklose wie zeitlos schöne Hand über den Tresen. Marten nahm sie, nahm jeden Quadratzentimeter der kühlen, glatten Innenfläche in sich auf und lächelte das erste Mal zurück. Fast aus Versehen, in jedem Fall aber unbeabsichtigt. Seine Maske fiel. Und die beiden lachten noch viel an diesem Abend.

*****

Sie hatte tatsächlich ihn gemeint. Marnie und Marten. Das klang so lächerlich wie Fix und Foxi. Doch nach einer Woche hatten die beiden auch dieses Dilemma hinter sich gelassen. Alles ging so schnell. Aber so ist das eben mit der Revolution. Wenn sie einmal anrollt, reißt sie alles mit.

Innerhalb eines Monats hatte Marten ein neues Leben. Und sie hatten noch kein einziges Mal miteinander geschlafen. Seit einem Monat hatte er Spaß an allem. Spaß beim Paketausfahren. Spaß beim Schreiben. Spaß beim Träumen. Über ihm kreiste eine gigantische Spaßwolke, die alles einhüllte. Alles.

Alles machte einen Sinn seitdem. Er hatte sie gefunden. Gut, eigentlich hatte Marnie ihn gefunden. Aber sie waren zusammen, und das war das einzige, was zählte.

Seitdem fuhr er seine Pakete aus wie immer, nur dass er wusste: ›Heute Abend bin ich bei Marnie. Und dann kann ich mich locker machen…‹

*****

Der Anruf kam aus der Pack’s-Zentrale. Marten hatte seinen Paket-Truck gerade vor dem Carhartt-Shop auf der Ehrenstraße geparkt und wuchtete zwei schwere Klamotten-Bündel der Frühjahrskollektion aus dem Fonds. Am Telefon war ein Kommissar Grah, der geschult zurückgenommen von Marnies Unfall berichtete. Marten ließ die Klamottenbündel fallen und erbrach sich auf den Asphalt. Während sich Scharen von Tauben über sein Frühstück hermachten, pumpte er sein komplettes Asthmaspray weg und fuhr in Schrittgeschwindigkeit zurück zum Depot.

Sein Chef empfing ihn auf dem regennassen Parkplatz, nahm ihm den Autoschlüssel ab und rief ihm ein Taxi. Er stützte Marten bis zur Straße und klopfte ihm ermutigend auf die Schulter.

»Fahr erstmal ins Krankenhaus, mein Junge. Du wirst sehen, Marnie ist schneller wieder draußen als deine Fuhre im Depot ist.«

Das Taxi kam, er ließ sich zum Krankenhaus bringen, entsorgte am Empfang das leere Asthmaspray im Müll und bat um Marnies Zimmernummer.

»Zimmernummer?«, die Empfangsdame wählte einen etwas mütterlicheren Blick. »Ihre Freundin liegt auf der Intensivstation. Da gibt es keine Zimmernummern. Sie müssen auf Station C1. Aus dem Aufzug rechts. Da ist eine Schleuse mit Sprechanlage. Drücken Sie die grüne Taste und melden Sie sich bei der Oberschwester an. Die holt Sie dann auf die Station.«

Marten stieg schweigend in den Aufzug. Spürte das Tonnengewicht, das sich bei seinem ersten Krankenhausbesuch seit zwei Jahrzehnten auf seine Brust drückte, diesmal aber auch seinen Kehlkopf mit der Luftröhre verschweißte. Bewegungslos kauerte er vor dem Aufzug, unfähig auch nur einen Knopf zu drücken, im erfolglosen Versuch erstarrt, seinen Atem zu beruhigen. Dann ging er die paar Schritte zurück Richtung Rezeption, bog vorher in die Apotheke ab, besorgte sich frisches Asthmaspray und stand erneut vor der verschlossenen Aufzugtür.

Er befreite den Sprayknopf von der Plastikhaube und nahm einen tiefen Zug. Einen zweiten. Dann drückte er mit einem Taschentuch über der Fingerkuppe auf die Fünf. Stand schweigend und sorgfältig darauf achtend, dass er nichts berührte, vor dem bodentiefen Aufzugspiegel. Stieg im fünften Stock aus. Fand die verschlossene Schleuse. Drückte mit dem Taschentuch über der Fingerkuppe auf die Gegensprechanlage, stellte sich vor, wurde um ein wenig Geduld gebeten und schließlich abgeholt.

Die Schwester, deren Namen er sofort wieder vergessen hatte, eskortierte ihn durch eine automatisch aufschwingende Schleusentür und schwenkte mit ihm nach links, in den Gang der Bestürzung. Auf orangenen Klappstühlen saßen vereinzelt ein paar weinende Angehörige. Niemand, den er kannte. Gehörten die zu Marnie? Wer waren diese Menschen?

Der Geruch nach Desinfektion, das Metzgerei-Licht und der Geräuschpegel einer Spielhölle ließen Martens Kreislauf absacken. Die Schwester forderte seinen Blick, und er sah ihr das erste Mal in die Augen. Grün und sprühend. Sie gaben ihrem rundlichen Gesicht mit den rosigen Wangen etwas bäuerlich Frisches. Das Namensschild auf ihrem blauen Kasack wies sie als Oberschwester Iris aus.

»Herr Baier, hier auf der Intensiv herrschen andere Regeln als auf den übrigen Stationen. Dazu gehört, dass Sie eigentlich gar nicht hier sein dürften.«

Ehe Marten etwas erwidern konnte, setzte die Schwester ihre Rede in routiniertem Ton fort.

»Leider konnten wir bislang keine Angehörigen von Frau Spielmann ausfindig machen. Deshalb machen wir erstmal eine Ausnahme.«

Er nickte und spürte, dass selbst das überflüssig war. Sie redete einfach weiter.